Das Gruppenverhalten in einer Organisation


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Theoretische Ansätze

3. Formelle und informelle Gruppen
3.1 Auswirkungen der Gruppenbildung auf die betrieblichen Prozesse
3.2 Kohäsion
3.3. Werte –und Normsystem
3.4 Rollendifferenzierung
3.4.1 Die Kommunikationsstruktur
3.5 Kollektive Handlungsmuster
3.5.1 Konformitätsdruck und Groupthink
3.5.2 Risikobereitschaft

4. Schlussbetrachtung

5. Literatur

1. Einleitung

In Zeiten neuer Managementmethoden gerät Teamarbeit immer häufiger in den Fokus der Managementforschung[1]. Keine erwerbswirtschaftliche oder öffentliche Unternehmung kann von den enormen Folgen der Gruppenentstehungen auf das praktizierte Tätigkeitsfeld abstrahieren und ist faktisch verpflichtet eben jenen Gruppenbildungsprozess zu verfolgen, zu analysieren und im Rahmen ihrer gegebenen Möglichkeiten zu steuern. Vor allem Schreyögg verweist auf die Gruppe als unübersehbaren Bestandteil einer jeden Unternehmung[2] und macht deutlich, dass die Subsumierung dieser Thematik unter den Punkt der Unternehmenssteuerung unabdingbar ist. Gerade sozio-dynamische Gruppen und deren Entstehungen und Auswirkungen auf betriebliche Prozesse geraten zunehmend in das Blickfeld der Wirtschaftswissenschaften und stellen eine hohe Herausforderung an eine sowohl gewinn- als auch sozialorientierte Unternehmensführung dar. Der Angestellte und/oder Arbeiter mit seinen individuellen Fertigkeiten und Verhaltensmustern wird heute zunehmend als Teil der Kernkompetenz der Unternehmung, den „human ressources“ gesehen, deren Vernachlässigung und Verschwendung im Rahmen der Unternehmenssteuerung pathologische Verhaltensmuster generiert und fördert, die ureigene Ziele der gewinnorientierten Unternehmung, wie zum Beispiel maximale Ausnutzung der gegebenen Ressourcen sabotieren[3]. Aufmerksamkeit wird hier vor allem dem Einfluss von Gruppen auf den betrieblichen Leistungserstellungsprozess und den damit einhergehenden Effektivitätsverlusten oder Gewinnen gewidmet[4]. Unabdingbar für das Verständnis einer Gruppe ist das Erkennen der ihr inneliegenden Dynamik und die aus eben jener Analyse möglicherweise resultierenden Auswirkungen auf die betriebliche Organisation[5].

Die vorliegende Arbeit gibt einen kurzen theoretischen Überblick über die Begrifflichkeiten und erläutert die Unterscheidung zwischen formellen und informellen Gruppen näher. Dem folgend werden Auswirkungen der Gruppenbildung auf Prozesse in der erwerbswirtschaftlichen Organisation aufgezeigt. Aufgrund der mannigfaltigen Phänomene, die im Prozess der Gruppenbildung beobachtbar sind, ist in diesem Zusammenhang eine kritische Würdigung unter Berücksichtigung der Implikationen für die Organisationsgestaltung angebracht und wird daher in diesem Teil der Arbeit verfolgt.

2. Theoretische Ansätze

Der Begriff der „Gruppe“ wird in unserem Sprachgebrauch vielfältig genutzt: Primär wird der Begriff dazu verwendet, eine größere Anzahl von Menschen zu beschreiben, die sich in ein- und demselben Zustand befinden, wie z. B. Jugendliche, die nachts vor einer Diskothek stehen oder eine Gruppe von Studenten, die versuchen gegen die Einführung von Studiengebühren zu demonstrieren.

Eine große Anzahl von Menschen ist z.B. auch auf einem Weihnachtsmarkt oder auf einem Konzert anzutreffen, doch das Einzige, was diese Menschen verbindet, ist, dass sie zur gleichen Zeit am gleichen Ort aufeinander treffen, um einem individuellen Bedürfnis nachzugehen, das sich mit den Bedürfnissen Aller deckt. So z.B. um im Supermarkt Lebensmittel einzukaufen.

Kroner definiert Masse folgendermaßen: „Unter der aktuellen Masse wird verstanden, daß sich (a) viele (b) unterschiedliche Menschen, die sich (c) untereinander nicht kennen, (d) an einem Ort (e) dicht gedrängt (f) ohne eine feste, vorgegebene soziale Struktur (g) auf ein gemeinsames Objekt konzentrieren[6]“.

Diese Art des Gruppenbegriffes ist daher klar von der Definition einer Gruppe im sozio-dynamischen Sinne abzugrenzen.

„Unter dem Begriff Gruppe versteht man ein hochorganisiertes soziales Gebilde, das aus einer meist kleinen Zahl von wechselseitig in Beziehung stehenden Individuen zusammengesetzt ist[7]“.

Eine Gruppe im betriebswirtschaftlichen Sinne ist eine Anzahl von Menschen, die in einem direkten Kontakt zueinander stehen, so dass jedes Mitglied mit jedem anderen Mitglied interagieren und kommunizieren kann. Voraussetzungen für eine solche Interaktion sind neben den neuesten Hilfsmitteln der Technologie auch die Zeitspanne, in der die Kommunikation stattfindet.

Innerhalb der Gruppe muss ein gemeinsames Ziel gesetzt werden, worauf mit einem gemeinsamen Wollen hingearbeitet werden soll. Es ist wichtig, dass die Mitglieder einer Gruppe in einer betriebswirtschaftlichen Organisation sich untereinander als Mitglieder anerkennen, so dass ein so genanntes „Wir-Gefühl“ entstehen kann. „Ein Einheits- oder Wirbewußtsein ihrer Glieder (damit ist keine absolute und fortwährende Einheit gemeint, da dies eine intermittierende Zugehörigkeit zu verschiedenen Gruppen ausschließen würde, sondern ein Wir in Bezug auf einen bestimmten Inhalt); […][8]“.

Die Gruppe eines Unternehmens bildet ein bestimmtes internes Werte- und Normensystem aus, welches allgemein anerkannte und grundsätzliche Verhaltensvorschriften für die Gruppenmitglieder beinhaltet. Es pendelt sich ein, welche Verhaltensweisen erlaubt sind, welche Einstellungen und Überzeugungen akzeptiert werden und welche Ziele zu verfolgen sind. Diese rein normativen Erwartungen beziehen sich entweder auf die Inhaber bestimmter Positionen oder auf alle Gruppenmitglieder.

Die Mitarbeiter eines Betriebes oder einer Organisation können sich zu gleicher Zeit und im gleichen räumlichen Umkreis zu einer größeren Anzahl verschiedener Gruppen zusammenfügen, wobei jeder Mitarbeiter zur gleichen Zeit die Zugehörigkeit zu mehreren Gruppen bestreiten kann.

Die Gruppenentstehung in Betrieben kann auf sachliche und personale Gründe zurückgeführt werden, die im weiteren Verlauf näher dargestellt werden.

3. Formelle und informelle Gruppen

„Während ihrer berühmten Hawthorne-Studie stellten Roethlisberger & Dickson (1939)

fest, daß neben der formellen Betriebsorganisation, die dem Ziel der Produktivität verpflichtet war, informelle Gruppierungen mit oftmals stark abweichenden Zielsetzungen existierten. Diese Entdeckung ist der Ausgangspunkt zwischen formellen und informellen Gruppen […][9]“.

Gruppen erfüllen eine betriebliche Funktion, indem sie zur zweckmäßigen Aufgabenerfüllung im Rahmen der Gesamtzielsetzung der Organisation beitragen, z.B. indem eine Aufgabe für ein bestimmtes Projekt gemeinsam erarbeitet werden soll.

Formelle Gruppen werden demnach bewusst und planmäßig aus rein sachlichen Gründen heraus gebildet und eingesetzt. Diese Art der Gruppenbildung wird von einer höheren Position eines Betriebes veranlasst und kann dauerhaft eingerichtet werden oder auch zeitlich eingerichtet sein.

„Cartwright & Zander (1968, 54ff.) unterscheiden hier zwischen absichtlicher und spontaner Gruppenbildung sowie zwischen Gruppenbildung auf Grund externer Anordnung. Zu den absichtlich gebildeten Gruppen rechnen sie Arbeits-, Problemlöse-, Aktionsgruppen usw. Gemeinsames Merkmal ist ihre Zweckorientierung […][10]“.

Informelle Gruppen entstehen innerhalb eines Betriebes aus der innerlichen Bedürfnisbefriedigung eines jeden einzelnen Mitarbeiters. Im Gegensatz zur formellen Gruppenbildung entstehen informelle Gruppen aus spontanen und von der Organisation nicht vorgesehenen, wenn aber schon eingeplanten Kontakten zwischen Organisationsmitgliedern. Sie sind selbstbestimmte Gebilde, die einem dynamischen Prozess unterliegen, indem sie ihre eigenen internen Strukturen und Verhaltensmerkmale aufweisen, die wiederum von den ihnen auferlegten formellen Zielsetzungen abweichen können.

Bedürfnisse, die zur informellen Gruppenbildung führen, können sozialer Art sein, aber auch eine persönlichkeitsorientierte Ausprägung haben, wie z.B. das Bedürfnis der Selbstverwirklichung, wenn das Bedürfnis nach Selbstbestätigung und die Verfolgung eigener Neigungen und Interessen durch die formale aufdoktrinierte Aufgabenstellung und –erfüllung nicht genügend befriedigt wird.

Die aus der Bedürfnisbefriedigung resultierende Motivation und Identifikation der Gruppenmitglieder untereinander erleichtern die Durchsetzung ihres geplanten Lösungsergebnisses, da durch die Teilnahme mehrerer Personen an einer Aufgabenstellung die Akzeptanz größer ist.

Anlass für eine spontane, informelle Gruppenentstehung ist daher an erster Stelle neben dem Verlangen nach Sicherheit, auch das Bedürfnis sich mit anderen Mitgliedern des Betriebes über außerbetriebliche Themen auszutauschen und das damit einhergehende Wertschätzungsbedürfnis.[11]

Eine rein formelle Gruppe existiert nur theoretisch als ein Abstraktum und kann nicht genauso in einem sozio-dynamischen Gefüge umgesetzt werden, da die die formellen Positionen einnehmenden Menschen nicht dem „Menschenbild“ der rein formell gedachten Rollenerwartungen entsprechen. Die Menschen oder die Mitglieder in einer Organisation, die zu einer formellen Gruppierung aufeinander treffen, sind durch ihre im außerbetrieblichen Leben innehabenden sozialen Rollen, durch ihre Erziehung und ihrer bisherigen Lebenserfahrung geprägt und daher in ihrer individuellen Persönlichkeit grundverschieden geformt worden, so dass sie mitunter äußerst unterschiedliche und verschiedene Erfahrungen und Wissenskapazitäten in den Betrieb und somit in die extern aufgestellte formelle Gruppe einbringen, so dass eine formellen Gruppe fast immer auch Merkmale einer informellen Gruppe trägt.

„Die Bestandteile der informellen Organisation sind also einerseits die Differenzen zwischen der formell beabsichtigten Soll-Form eines sozialen betrieblichen Phänomens oder Ablaufs und der sozialen Wirklichkeit, andererseits die unbeabsichtigt entstehenden sozialen Phänomene im Betrieb. […] Die informelle Organisation als Ganzes ist nicht wie die bewußte und gewollte formelle Organisation unabhängig von der konkreten Betriebsgestalt zu erkennen. […][12]“.

Hier wird deutlich, dass die Bedingung zur informellen Gruppenentstehung ein formell vorhandenes Handlungsumfeld ist, in dem die homini sociologici ein gemeinsames Ziel verfolgen und zu erreichen versuchen.

Da das entstehende informelle Gruppengebilde einem immerwährenden dynamischen Prozess unterliegt, verändern sich zwangsläufig im Laufe der Gruppenentwicklung die Gruppenmitglieder in ihren Wünschen, Vorstellungen, Erwartungen usw. in einem mehr oder weniger starkem Maße verändern, so dass es im Extremfall sogar zu einer Auflösung dieser Form der Gruppe kommen kann.

[...]


[1] Vgl. Steinmann, H./Schreyögg, G., Management - Grundlagen der Unternehmensführung, Wiesbaden 2000.

[2] aaO, S. 529.

[3] Vgl. Schreyögg, G., Organisation, Wiesbaden 2003, S. 238 f.

[4] Vgl. Steinmann, H./Schreyögg, G., Management, S. 530.

[5] aaO.

[6] Vgl. Kroner, B., Massenpsychologie und kollektives Verhalten, Göttingen 1972.

[7] Battegay, R., Der Mensch in der Gruppe, Bern 1968, S. 11.

[8] Mayntz, R., Die soziale Organisation des Industriebetriebes, 1966, S. 70.

[9] Schneider, H.-D., Kleingruppenforschung, Stuttgart 1985, S. 37f.

[10] aaO, S. 51.

[11] Vgl. von Buttlar, D., Die Organisation effektiver Gruppen bei kreativen Problemlösungsprozessen, Berlin 1996, S. 15ff.

[12] Mayntz, R., Die soziale Organisation des Industriebetriebes, Stuttgart 1966, S. 44f.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das Gruppenverhalten in einer Organisation
Hochschule
Freie Universität Berlin
Veranstaltung
Theorie und Praxis der Organisation
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
18
Katalognummer
V37998
ISBN (eBook)
9783638371957
ISBN (Buch)
9783638782104
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gruppenverhalten, Organisation, Theorie, Praxis
Arbeit zitieren
Sabrina von der Heide (Autor), 2004, Das Gruppenverhalten in einer Organisation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37998

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