Politik im Zeichen der Zeit. Die Reaktorkatastrophe von Fukushima

Eine medienwissenschaftliche Untersuchung


Hausarbeit, 2017

32 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung – Zeit und Politik im Verhältnis

2 Eine Nachricht reist um die Welt: Die Reaktorkatastrophe von Fukushima
2.1 Was war passiert?
2.2 Katastrophenbilder – Medienikonen
2.3 Global Village. Oder: Das Verschwinden des Raumes

3 Die günstige Gelegenheit: Vom Atom-Moratorium zum Atom-Ausstieg
3.1 Wie reagierte die Politik?
3.2 Zeitmuster der Moderne
3.3 Politische Temporalität
3.4 Zeit der Krise – Krise der Zeit
3.5 Politik und Beschleunigung

4 Die Debatte fährt fort: Kontroversen im Umgang mit dem Atom-Ausstieg
4.1 Die politischen Folgen der Katastrophe
4.2 Krisenpolitik im Desynchronisationszirkel?

5 Schlussfolgerungen: Politische Temporalität am Beispiel von Fukushima

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung – Zeit und Politik im Verhältnis

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel ist nicht bekannt dafür, übereilte Entscheidungen zu treffen. Kritiker werfen ihr eher vor, sie warte lieber ab, sitze die Dinge aus. Sie nutze die Zeit als Machtfaktor (vgl. Markwardt 2015). Das Zaudern, die nach Joseph Vogl „aktive Geste des Befragens […], in der das Werk, die Tat, die Vollstreckung nicht unter dem Aspekt ihres Vollzugs, sondern im Prozess ihres Entstehens und Werdens erfasst sind“ (Vogl 2014: 30), ist der ihr eigene Politikstil.

Doch es gibt Momente, wo sich die „Zauder-Künstlerin“ Angela Merkel (vgl. Blome 2013) durch schnelles Handeln profiliert. Sie streift dann ihr allseits bekanntes Gewand ab und demonstriert – vor allem in Krisenzeiten – Entschlossenheit. So geschah es 2007 zur Finanzkrise, als ihr die Märkte die Hände gebunden hatten und von ihr nicht weniger verlangten, als nach eilig anberaumten, nächtlichen Sondersitzungen den Zusammenbruch der Weltwirtschaft zu verhindern. So geschah es im Spätsommer 2015, als tausende Geflüchtete nach Deutschland kamen und sie damit nicht weniger erreichte, als die Regierungen in halb Europa gegen sich aufzubringen. Und auch vier Jahre zuvor im Jahr 2011 schaffte sie nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima schnell Tatsachen, verkehrte die im Herbst 2010 mühsam verhandelte Laufzeitverlängerung deutscher Atomkraftwerke ins Gegenteil und leitete die sogenannte ‚Energiewende‘ ein. Regelmäßig beweist die deutsche Bundeskanzlerin also, dass ihre Politik des Zauderns Momente des schnellen Handelns kennt – die jedoch zulasten eines demokratischen Prozesses gehen, der seine spezifische Eigenzeit beansprucht. Doch Politik steht unter generellem Zeitdruck, der durch äußere (soziale, wirtschaftliche und mediale) Einflüsse verursacht wird. Politiker wie Angela Merkel stehen zudem unter ständiger Beobachtung und werden auf den verschiedenen Bereichen zum schnellen Handeln aufgerufen.

Am 11. März 2011 wird Japan von einem Erdbeben erschüttert. Der darauffolgende Tsunami zerstört das Atomkraftwerk in Fukushima und sorgt für die größte Nuklearkatastrophe seit Tschernobyl. Wenige Tage später verkündet Merkel die radikale Wende in der Atompolitik. Eine Expertenkommission unter Leitung des früheren Umweltministers Klaus Töpfer und des Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Matthias Kleiner, empfiehlt schließlich am 30. Mai 2011 den Ausstieg aus der Kernenergie binnen eines Jahrzehnts (vgl. Ethikkommission Sichere Energieversorgung 2011), der einen Monat später am 30. Juni 2011 im Bundestag beschlossen wird. Erstaunlich dabei ist nicht nur, wie diese Entscheidung inhaltlich ausfiel, sondern welche zeitlichen Gegebenheiten ihr zugrunde lagen. Denn dem schnellen Urteil, dass die Atomenergie in Deutschland keine Alternative ist, folgte ein eiliges Gesetzgebungsverfahren, welches die abrupte Abschaltung aller deutschen Kernkraftwerke rechtlich legitimieren sollte.

Diese Arbeit möchte sich dem Thema der politischen Temporalität am Beispiel der Reaktorkatastrophe von Fukushima widmen. Dabei interessiert die Frage, ob demokratische Politik in Krisenzeiten den (temporären) Umständen gerecht werden kann oder ihr Prozess der Entscheidungsfindung zu langsam funktioniert. Welche Rolle spielt dabei die (Eigen-)Zeit im politischen Tagesgeschäft? Inwiefern wird politisches Handeln medial provoziert und durch gesellschaftliche Einflüsse beschleunigt? Befindet sich der Politikzirkus unter der Annahme gesellschaftlicher Beschleunigung in dem von Hartmut Rosa angesprochenen „Akzelerationszirkel“ (Rosa 2005: 243ff.) und welche Bedeutung daran haben gesellschaftliche oder ökonomische Krisen?

Diese Fragen sollen im Folgenden behandelt werden. Die Analyse politischer Temporalität versteht sich dabei „als eine genuin interdisziplinäre Aufgabe“ (Laux/Rosa 2015: 52) und erscheint daher mit Blick auf die Bedeutung moderner Medien auch aus medienwissenschaftlicher Sicht relevant. Einen Überblick über aktuelle Untersuchungen zum Verhältnis von Zeit und Politik bieten Holger Straßheim und Tom Ulbricht (2015) in ihrem Sammelband. Sie sprechen davon, dass die „systemische Anbindung der Zeitforschung an eine empirisch gehaltvolle, sozialwissenschaftliche Theoriebildung […] noch immer ein Forschungsdesiderat“ sei (ebd.: 14).

Die Arbeit versteht sich nicht vollends als zeitanalytisches Produkt, um zu definieren und zu analysieren, was Zeit ist – nicht zuletzt, weil dies den Rahmen der Arbeit sprengen würde. Stattdessen wird davon ausgegangen, dass Zeit in ihrer unterschiedlichen Ausprägung bereits als Schlüsselkategorie einer sozialwissenschaftlichen Analyse zu verstehen ist (vgl. Rosa 2005: 19). Henning Laux und Hartmut Rosa zufolge erscheint Zeit als

„reale Struktur des Nacheinanders von Ereignissen (physikalische Zeit), sie referiert auf kulturelle Konventionen, die sich in Kalendern, Uhren, Frequenzen, Regimen und Dispositiven materialisieren (soziale Zeit), sie verweist auf die subjektive Erfahrung, Bewältigung und Konstruktion von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft (psychische Zeit) und sie offenbart sich in den Rhythmen lebendiger Organismen (biologische Zeit)“ (Laux/Rosa 2015: 54).

Das Verständnis von Zeit fokussiert sich in dieser Arbeit vor allem darauf, moderne Gesellschaften als funktional differenziert zu betrachten, denen auch „ temporale Ausdifferenzierungsprozesse“ (ebd.: 55) eigen sind.

Das folgende Kapitel dient einleitend dazu, den Hergang des Atomunglücks von Fukushima zu skizzieren. Es löste sicherheitstechnische Bedenken aus, dass die von der Bundesregierung als Brückentechnologie verkaufte Atomkraft nicht dauerhaft als Energiequelle genutzt werden kann. Dieser Eindruck verstärkte sich durch die mediale Verbreitung der Katastrophenbilder, die das weit entfernt ablaufende Geschehen dem hiesigen Rezipienten über die multimediale Berichterstattung als Abbild der Wirklichkeit vermittelten. Die dramatischen Bilder werden kursorisch in die Geschichte von Katastrophen eingebettet. Das Ereignis erreichte seine Tragweite nicht zuletzt durch die globalisierte Medienberichterstattung, dessen Frequenz sich durch die Digitalisierung erhöhte – was sowohl die objektive Information als auch die Meinungsbildung betrifft.

Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit der Frage, wie die Politik auf dieses Ereignis reagierte. Denn das politische System folgt strengen, zeitlichen und periodischen Regeln, die durch unvorhergesehene Katastrophen und Krisen ‚gestört‘ werden. Das Verfahren der Gesetzgebung versteht sich als entschleunigter Prozess der demokratischen Willensbildung, der sich aus Wechselwirkungen der gesellschaftlichen Teilsysteme ergibt. Unterschiedliche temporale Logiken existieren dabei sowohl innerhalb des politischen Systems, als auch in anderen Sozialsystemen. Unter Zeitdruck – so eine These der Arbeit – agiert die Politik phasenweise ohne die umfassende demokratische Legitimation. Zeitliche Effizienz ist dann die Triebfeder der Entscheidungsfindung. Die Bundesregierung leitete so nach einem dreimonatigen Moratorium eine schnelle Abkehr von der Atomenergie ein, die von der Zivilgesellschaft im Zuge der Katastrophe äußerst vehement gefordert wurde.

Im vierten Kapitel werden die politischen Folgen der Reaktorkatastrophe von Fukushima zusammengefasst. Schließlich wird die atomare Katastrophe im Hinblick auf den von Rosa bezeichneten Akzelerationszirkel untersucht. Es folgt der Frage, ob sich anhand dessen eine Desynchronisation gesellschaftlicher Teilsysteme feststellen lässt, bei denen die Politik chronisch hinterherhinkt. Die Arbeit schließt mit einem zusammenfassenden Ergebnis der vorliegenden Untersuchung über politische Temporalität am Beispiel der Reaktorkatastrophe.

2 Eine Nachricht reist um die Welt: Die Reaktorkatastrophe von Fukushima

2.1 Was war passiert?

Am 11. März 2011 um 7:46 Uhr japanischer Ortszeit (6:46 Uhr MEZ) bebte die Erde. Die Natur spielte mit ihren Kräften und die Zeit schien stillzustehen. Das Tōhoku-Beben ereignete sich etwa 130 Kilometer östlich der Stadt Sendai und erreichte einen Wert von 9,0 auf der Richterskala. Damit war es das stärkste Erdbeben in Japan seit 140 Jahren (vgl. ZEIT Online 2011b). Das Erdbeben löste eine der schwersten Katastrophen der vergangenen Jahrzehnte aus. Der Naturkatastrophe folgten allein am selben Tag weitere Nachbeben, von denen drei einen Wert von mindestens 7,0 auf der Richterskala erreichten. Kurz nach dem Hauptbeben trafen eine Reihe von Tsunamis die japanische Küste. Die massiven Verwüstungen kosteten in der Folge über 20.000 Menschen das Leben (vgl. Wolling/Arlt 2014: 9).

Die Krise erreichte damit jedoch nicht ihren Höhepunkt. In insgesamt fünf japanischen, vornehmlich in Küstennähe liegenden Atomkraftwerken (Higashi Dori, Onagawa, Fukushima Dai-ichi, Fukushima Dai-ni und Tokai Dai-ni) registrierte man die Vibrationen. Den Standort Fukushima in der gleichnamigen Präfektur traf es schließlich durch eine Reihe von katastrophalen Ereignissen am schlimmsten. Hier wurde auch die größte Anzahl an Reaktoren betrieben. Bereits kurz nach dem Erdbeben erreichten die ersten Erdstöße den Küstenstandort. Daraufhin wurden in Fukushima Dai-ichi die Reaktoren 1 bis 3 planmäßig abgeschaltet. Die Reaktoren 4 bis 6 befanden sich in Wartungsarbeiten und waren ohnehin außer Betrieb (vgl. Tepco 11.03.2011). Zunächst fiel der Strom aus, da die Stromanschlüsse an das Hochspannungsnetz beschädigt wurden. Daher sprangen Dieselnotstromaggregate an, um die Funktionstüchtigkeit der Kühlwasserpumpen zu garantieren. Der folgende Tsunami überschwemmte jedoch das Kernkraftwerk und setzte auch fünf der zwölf Notstromaggregate unter Wasser (vgl. Wolling/Arlt 2014: 9). Daraufhin fielen auch die Notstromaggregate der Reaktoren 1 bis 3 aus, die durch die mangelnde Kühlung nicht mehr unter Kontrolle waren. Daher wurde um 16:36 Uhr des 11. März 2011 der nukleare Notstand an die japanische Atomaufsichtsbehörde Nuclear and Industrial Safety Agency (NISA) gemeldet. Tausende Bewohner mussten umgesiedelt werden.

Die Katastrophe nahm weitgehend ungehindert ihren Lauf. Am Tag danach, dem 12. März 2011, kam es in dem Reaktor 1 zu einer Wasserstoffexplosion. Weitere Explosionen folgten am 14. März in dem Reaktorblock 3 sowie am darauffolgenden Tag in Reaktorblock 2. Es kam vermutlich in allen drei Reaktoren zu Kernschmelzen, Hohe Mengen Radioaktivität traten in die Umwelt aus (vgl. Sander 2015: 12). Der Super-GAU war perfekt.

Etwa 40 Minuten nach dem Tōhoku-Erdbeben texteten die deutschen Nachrichtenagenturen bereits auf Hochtouren. Erste Warnungen für eine zehn Meter hohe Tsunami wurden bekannt, die kurze Zeit später den Hafen von Sendai erreichte. Erste Todesopfer wurden vermeldet. Fernsehsender lieferten weltweit in Sondersendungen und Live-Berichten die Bilder von der Katastrophe.

2.2 Katastrophenbilder – Medienikonen

Fortschritt ist ambivalent. Durch die technische Beschleunigung ergeben sich nicht nur vielfältige Möglichkeiten, sondern der Fortschrittsglaube erfährt durch den Unfall und die Katastrophe einen tiefen Riss. Beispielsweise verkürzt die Geschwindigkeit der Eisenbahn die Reisezeit enorm, erhöht aber zugleich die Gefahr eines schweren Unfalls. Gleiches gilt für das Auto (regelmäßige Autounfälle), das Schiff (als prominentes Beispiel der Untergang der Titanic), das Flugzeug (Absturz der Concorde) oder die Raumfahrt (Challenger-Unglück). Jede technische Errungenschaft kostet ihre Opfer (vgl. Eberling 1996: 59). Wissenschaftlich-technische Entwicklung würden daher zur Bedrohung: „politisch durch ihre Geschwindigkeit, global durch ihre Gefahren“ (ebd.: 64). Unfälle haben zugleich in vielfältiger Weise mit Geschwindigkeit und mit den veränderten Wahrnehmungs- und Kommunikationsbedingungen einer massiv akzelerierten Moderne zu tun. Dazu gehören neben der beschleunigten Bild- und Datenübertragung auch veränderte Rezeptionsweisen und eine bestimmte Form der vermittelten und rezipierten Bilder (vgl. Stiegler 2009: 229). Sie bleiben in den Köpfen der Menschen hängen.

Die medientechnischen Voraussetzungen dieser Dynamik wurden durch die technologischen Entwicklungen geschaffen, die seit den 1920er Jahren eine Professionalisierung der (Bild-)Medien zur Folge hatten, welche die gleichzeitige globale Produktion und Vermittlung von Bildern erlaubte und die „Dominanz des Bildlichen“ verfestigte (Fahlenbrach 2010: 62). Damit geht eine ikonische Wirklichkeitsaneignung einher, bei der die Massenmedien mit aktuellem wie historischem Bezug eine zunehmend konstitutive Rolle einnehmen (vgl. ebd.: 63). Medien wirken dabei als zeitgeschichtliche Dokumente, die sich im visuellen Gedächtnis des Einzelnen und der Gesellschaft verfestigen. Damit werden sie als Bildergeschichte sowohl als imago im Sinne eines synchron stattfindenden, authentischen Ereignisses wahrgenommen und liefern zugleich die historia durch Kontextualisierungen und Kommentare des Ereignisses; eine diachrone Einordnung in das große Ganze, das sich im kollektiven, kulturellen Gedächtnis einer Gesellschaft verankert (vgl. Fahlenbrach 2010: 60, 2010: 67). „Im intermedialen Zusammenspiel wird so die mediale und diskursive historia des Bildes immer weiter fortgeschrieben“ (Fahlenbrach 2010: 65).

Überhaupt wirkt die Fotografie und schließlich die Audiovision als authentisches und objektives Abbild der Wirklichkeit im Bewusstsein der Menschen weiter fort. „Erst die fast zeitgleiche visuelle Dokumentation eines Unglücks in bewegten und statischen Bildern synchronisiert die kollektive Wahrnehmung sowie die damit verbundenen Emotionen und verankert das Ereignis nachhaltig im Bewusstsein der Menschen“ (Fahlenbrach 2010: 63). Die wirklichen Bilder bleiben direkt im Gedächtnis, ohne die sich die Menschen selbst ein Bild von Katastrophen machen müssten, wie es noch bis ins 20. Jahrhundert der Fall war. Nun sind wir „den Bildern ausgeliefert – sie verstören uns, sie überwältigen uns –, weltweit und gleichzeitig. Wir können […] deshalb nicht mehr hinter sie zurück, weil die Menschheit zum Augenzeugen geworden ist. Es gibt darum kein glaubhaftes Alibi mehr.“ (Illies 2011).

Erstmals wurde dies 1937 bei dem Absturz des Zeppelins ‚Hindenburg‘ bedeutsam, dessen pompöse Ankunft die Journalisten erwarteten. Die sich ereignende Katastrophe veränderte jedoch die Vorzeichen ihrer Berichterstattung. Sie waren sprichwörtlich zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Denn die plötzliche Explosion des monumentalen Luftschiffes wurde in zahlreichen Fotografien und Filmaufnahmen festgehalten und so schnell wie damals möglich um die Welt geschickt. Die Bilder der Reaktorkatastrophe von Fukushima wiederum erinnern den Betrachter unweigerlich an das Unglück von Tschernobyl, da es sonst keine äquivalenten Katastrophen atomaren Ausmaßes gab – mit Ausnahme des Unglücks am US-amerikanischen Kernkraftwerk Three Mile Island, wo es in einem Reaktor zur teilweisen Kernschmelze kam. Durch die Lokalisierung auf Japan werden allenfalls die (gesundheitlichen) Folgen des Atomangriffs auf Hiroshima und Nagasaki in der Öffentlichkeit re-aktualisiert. Die Angst vor nuklearer Strahlung und Kontamination fand in diversen Medien und damit vielerorts Beachtung.[1] Aus deutscher Sicht wird das gerade auf der anderen Seite der Welt stattfindende Ereignis als aktuell wahrgenommen und gleichzeitig in den historischen Diskurs über die Bedeutung und Gefahr der Atomkraft als Energiequelle kontextualisiert und mit Blick auf die (politischen) Folgen nachhaltig problematisiert.

Einen Unterschied bildet die Tatsache, dass die Katastrophe von Tschernobyl in der damaligen Sowjetunion zunächst unsichtbar blieb und stark verfälscht wurde. Dazu trugen diverse Umstände bei, wie Gerhard Paul folgendermaßen dokumentiert: „eine verzögerte Berichterstattung, Zensur und Retusche der Bildproduktion, Bericht im Stile der Kriegsberichterstattung, die ‚Überschreibung‘ der Katastrophe durch Aktivitäts-Bilder, die mangelnde Verdichtung des Ereignisses in einem Bild mit ikonischem Status“ (Paul 2013: 31). Vertuschungen spielten auch im Falle von Fukushima eine Rolle und wurden vor allem durch die Kraftwerksbetreiber versucht. Doch die Bilder sprechen für sich. Die Katastrophe wurde zu diesem Zeitpunkt schon längst mediatisiert und ließ sie zum Gegenstand der Berichterstattung sowie der gesellschaftlichen Debatte werden (vgl. Paul 2013: 36) – die wiederum durch direkt übertragene und sich wiederholende Live-Bilder im Fernsehen und im Internet angetrieben wurde. So bekam man auch in Deutschland eine Ahnung von der Katastrophe, wie folgendes Zitat illustriert:

„Da sieht man die Flutwelle mit ihrer unvorstellbaren Zerstörungskraft. Bilder der zerstörten Regionen, Städte und Landstriche zeigen in dramatischer Weise, was vorher war und nun nicht mehr ist. Das Fernsehen sendet Direktübertragungen von den Fukushima Reaktoren. Die Wasserstoffexplosionen der Reaktorgebäude in Fukushima werden immer und immer wieder gezeigt. Alle Bilder brennen sich in das Gedächtnis der Menschen ein, wie das Anfliegen der Flugzeuge auf die World Trade Center in New York im Jahre 2001. Und über allem das unvorstellbare Leid der Menschen in Japan, die realisieren, dass sich dieser Albtraum in ihrem Lande wirklich abspielt“ (Maubach 2014: 12f.).

Unfälle, vermittelt im visuellen Medium, haben in vielfältiger Weise mit Geschwindigkeit zu tun und mit den veränderten Wahrnehmungs- und Kommunikationsbedingungen einer massiv akzelerierten Moderne. Dazu gehören neben der Geschwindigkeit der Bild- und Datenübertragung auch veränderte Rezeptionsweisen und eine bestimmte Form der Bilder“ (Stiegler 2009: 229). Das Internet vergrößert im permanenten Online-Status die Flut an Bildern, wo frühere Medien wie die Presse allenfalls periodisch (täglich, einmal bis mehrmals wöchentlich oder gar monatlich) Bericht erstatten konnten. Dies gilt mit Abstrichen auch für den Rundfunk, der sein durchstrukturiertes und mit periodisch ausgestrahlten Sendungen gespicktes Programm im Katastrophenfall mit Sondersendungen und kurzfristig eingeplanten Live-Berichten aufzulockern versucht.[2] Diese Schranken fallen spätestens beim Internet weg, wo eine veröffentlichte Meldung fortwährend aktualisiert werden kann (vgl. Neuberger 2010: 213ff.; Stegbauer 2008: 6). Dies geschieht über Liveticker annährend gleichzeitig zur Katastrophe.

Zusätzlich werden über die verschiedenen Social-Media-Kanäle nicht nur im Ausnahmezustand sekündlich Meldungen von unterschiedlichster Relevanz und zum Teil variablem Wahrheitsgehalt veröffentlicht – sei es durch die Online-Redaktionen etablierter Medien, sogenannter Leser-Reporter oder via Amateurvideos. Letztere stellen eine jedem zugängliche, schnelle, unkomplizierte Darstellungsform der Produktion dar und bieten die Möglichkeit einer massenhaften Distribution von authentischen Bildern der Katastrophe, die schließlich im kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft gespeichert werden (vgl. Fahlenbrach 2010: 70). So kommt es dazu, dass der Mensch durch diese beschleunigten Innovationen. zur gleichen Zeit an jedem Ort sein und daran teilnehmen kann, was andernorts passiert (vgl. Nowotny 2000: 28). Das Global Village, von dem Marshall McLuhan sprach, scheint damit verwirklicht zu sein (vgl. ebd.: 30).

2.3 Global Village. Oder: Das Verschwinden des Raumes

Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle sicherte knapp eine halbe Stunde, nachdem die ersten Meldungen der Katastrophe über die Datenautobahnen den Weg nach Deutschland fanden, dem „Partnerland Japan“ im ZDF-Morgenmagazin deutsche Hilfe zu (Spiegel Online 2011c). Der Leiter des Goethe-Instituts in Tokio berichtete, dass die Erde durchgehend bebte und er „mit einem Helm unter dem Schreibtisch“ säße (Spiegel Online 2011b). Jede noch so kleine Information wird verwertet und unter Umständen wie diesen zur Nachricht gemacht, um das weit entfernt liegende, aktuell stattfindende Ereignis näherzubringen. Das Atomunglück ist ein Ausnahmezustand – auch für die Nachrichtenredaktionen.

Sogenannte Datenautobahnen, „deren Zweck darin besteht, die weltweite Ausbreitung der Echtzeit der Informationsübertragung sicherzustellen“ (Virilio 1994), befördern Informationen in Lichtgeschwindigkeit zu den Medienkonsumenten. Datenautobahnen lassen sich – abstrakt gedacht – in die lange Liste der beschleunigenden Fortbewegungsmöglichkeiten einreihen, die sich auch dadurch auszeichnen, sich dafür keinesfalls körperlich bewegen zu müssen, obwohl dabei erhebliche Wegstrecken in immer kürzerer Dauer überwunden werden: von der Kutsche zur Eisenbahn, dem Auto oder dem Flugzeug. Heute reist man bei Bedarf in Echtzeit am Fernseh- oder Computerbildschirm auf Datenautobahnen, die raumzeitlich nicht zu existieren scheinen. Der geografische Raum verschwindet förmlich im fluiden Medienkosmos. Für Paul Virilio sollte es dank des Internets schon bald zu einer „weltweiten Delokalisierung aller menschlichen Aktivitäten“ kommen (ebd.). Informationen werden im Zuge dessen ohne Zeitverzögerung über elektromagnetische Wellen im weltweiten Kommunikationsnetz versendet. „Nicht um einen lokalen, sowohl zeitlich wie räumlich begrenzten Unfall wird es sich mehr handeln, sondern um einen globalen und allgemeinen Unfall, dessen Sinnbild die bei einer nuklearen Katastrophe freigesetzte Radioaktivität sein könnte“ (ebd.) – eine Metapher, die nicht treffender zu dieser Arbeit passen könnte.

Lokalen Medien ist dabei der Begriff des Lokalen obsolet geworden, wenn es darum gehen soll, nur lokal erreichbar zu sein oder lokale Nachrichten zu produzieren. Denn die weltweite Vernetzung sorgt auch dafür, dass diese auf einen räumlich begrenzten Raum konzentrierten Informationen global ausgestrahlt und in den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen ihre Wirkung entfalten können – in Anlehnung an Virilio (2002: 13) folgt das Bild der Örtlichkeit auf die Örtlichkeit der (direkt übertragenen) Bilder; „wo die Realzeit der Fernübertragung, der Fernsehdirektübertragung, den Vorrang hat gegenüber dem realen Raum eines Landes, gegenüber einer tatsächlich durchquerten Landschaft“ (Virilio 2002: 25). Virilio schlussfolgert: „Was heute tatsächlich weltumfassend ist, das ist das Fernsehen“ (ebd.: 31). Das Internet bringt uns die Welt unabhängig vom Fernsehprogramm noch näher (vgl. Stegbauer 2011: 589).[3]

Das Atomunglück im japanischen Fukushima von Japan gelangte dank moderner Übertragungstechniken in Echtzeit in die Wohnzimmer der Menschen auf der anderen Seite der Welt. „Die teletopische Wirklichkeit setzt sich gegen die topische Wirklichkeit des Ereignisses durch“, wie es Virilio (2002: 31) formuliert. Das Ereignis als solches verursacht bereits die genannten Auswirkungen, welches durch die mediale Verbreitung zusätzlich an Gewicht gewinnt. Die Vergleichzeitigung durch moderne Kommunikationstechniken erlaubt einen simultanen Austausch von Informationen. Rosa schlussfolgert:

„Die Vorstellung, dass die kulturell und strukturell bedeutsamen Raumqualitäten heute nicht mehr durch territorial oder lokal fixierte, immobile Institutionen, durch feststehende Orte und Plätze, sondern durch gleichsam hin- und herfließende, immer wieder ihre Richtung und Gestalt ändernde Ströme oder Flüsse (von Macht, Kapital, Waren, Menschen, Ideen, Krankheiten, Risiken etc.) bestimmt werden, ist gegenwärtig dabei, kulturelle Hegemonie zu erlangen“ (Rosa 2005: 342f.).

[...]


[1] Exemplarisch dafür sollen im Folgenden sowohl ein Artikel der New York Times als auch von Spiegel Online angeführt werden (vgl. Spiegel Online 2011a; Lifton 2011).

[2] Christoph Neuberger steht diese Form der Berichterstattung vor dem Hintergrund ‚sauberer‘ journalistischer Arbeit durchaus kritisch gegenüber. Entgegen der Ordnung nach journalistischer Wichtigkeit und oftmals vor einer gründlichen Recherche werden Nachrichten publiziert, um sie im ökonomisierten und konkurrierenden Medienbusiness als Erster zu verbreiten (vgl. Neuberger 2010: 218ff.). Gleichzeitig versuchen die Medien dieser Kritik mit Rubriken wie Was wir wissen und Was wir nicht wissen entgegen zu treten.

[3] Christian Stegbauer (2011) veranschaulicht gleichsam, dass das Internet den realexistierenden, physischen Raum tatsächlich nicht verschwinden lässt, sondern mit ihm zu verschmelzen scheint, was sich vor allem im komplexen Beziehungsgeflecht sozialer Räume als Grundlage für das Entstehen sozialer Netzwerke zeigt. Für Knut Hickethier (2002: 127) dienen Medien vor allem dazu, „an die Gesellschaft angeschlossen zu bleiben“ – womit zugleich das Gefühl einhergeht, ohne die Nutzung der neuen Medien von der Gesellschaft ausgeschlossen zu sein.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Politik im Zeichen der Zeit. Die Reaktorkatastrophe von Fukushima
Untertitel
Eine medienwissenschaftliche Untersuchung
Hochschule
Bauhaus-Universität Weimar  (Fakultät Medien)
Veranstaltung
Mediale Welten
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
32
Katalognummer
V380331
ISBN (eBook)
9783668570559
ISBN (Buch)
9783668570566
Dateigröße
624 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Beschleunigung, Fukushima, Global Village, Katastrophe, politische Temporalität, Akzeleration
Arbeit zitieren
Felix Luderer (Autor), 2017, Politik im Zeichen der Zeit. Die Reaktorkatastrophe von Fukushima, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/380331

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