Ansatz und Bewertung von Rückstellungen


Hausarbeit, 1979

42 Seiten


Leseprobe

Inhalt

Abbildungen und Tabellen

Abkürzungen

Vorwort zur Veröffentlichung

1. Einleitung

2. Rückstellungen im Vergleich zu anderen Passivposten
2.1 Rückstellungen
2.2 Rückstellungen und Rücklagen
2.3 Wertberichtigungen
2.4 Verbindlichkeiten
2.5 Passive Rechnungsabgrenzungsposten
2.6 Zwischenfazit

3. Ansatz von Rückstellungen
3.1 Zur Entstehungsgeschichte des Passivpostens Rückstellungen
3.2 Statische und dynamische Betrachtungsweise
3.3 Welche Rückstellungen sind erlaubt?
3.4 Rückstellungen und die Grundsätze ordnungsgemäßer Buchführung
3.5 Ansatzwahlrecht oder Ansatzpflicht von Rückstellungen
3.6 Zwischenfazit

4. Vorschläge zur Bewertung von Rückstellungen
4.1 Zielkonflikte: Vorsichtsgedanke oder Informationspflicht
4.2 Wertansatz nach dem Vorsichtsprinzip
4.3 Wertansatz nach kumulierter Glaubwürdigkeit
4.4 Mittelwertansatzmethode bei Rückstellungen
4.5 Änderungen durch das BilMoG.
4.6 Zwischenfazit

5. Wirtschaftsentwicklung und Bilanzierung von Rückstellungen
5.1 Gesamtwirtschaftliche Betrachtungsweise
5.2 Die Relation der Rückstellungen und Bilanzsumme im Zeitverlauf
5.3 Tausch der Kapitalpositionen (Passivtausch)
5.4 Zwischenfazit

6. Thesenpapier

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

9. Sachwortverzeichnis

Abbildungen und Tabellen

Abbildung 1: Bilanzgliederungsschema

Abbildung 2: Klassifizierung von Rückstellungen

Abbildung 3: Rückstellungen

Abbildung 4: Wertansätze bei Rückstellungen

Abbildung 5: Änderungen durch das BilMoG

Abbildung 6: Rückstellungen im Verhältnis der Bilanzsumme

Abbildung 7: Eigenmittel und Rückstellungen im Verhältnis

Abbildung 8: Pensionsrückstellungen und. Sozialfonds

Abbildung 9: Nettoveränderungen der Rückstellungen im Zeitraum 1967-1975. 41

Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Vorwort zur Veröffentlichung

Die hier veröffentlichte Seminararbeit zum Thema Ansatz und Bewertung von Rückstellungen lag ursprünglich in zwei Teilen vor. Diese Teilbereiche sind in der vorliegenden Version zusammengeführt, überarbeitet und mit einem Index versehen worden. Die Arbeit entstand im Rahmen des Proseminars „Unternehmensrechnung“ an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften, Seminar für Treuhandwesen.

Die Diskussion schritt seit der Erstellung der Seminararbeit weiter fort und es ist eine Spezialliteratur zum Thema Bilanzierung und Bewertung der Rückstellungen entstanden. Doch viele ursprünglich angeschnittene Fragen bleiben. Zunächst wird das Thema der Bilanzierung von Rückstellungen behandelt. Es folgt die Bewertung der Rückstellung. Es haben sich einige Änderungen ergeben, weshalb eine Aktualisierung nötig wurde. Im Rahmen des Bilanzrechtsmodernisierungsgesetzes (BilMoG) wurden die Vorschriften zum Ansatz und Bewertung von Rückstellungen stark geändert und betreffen alle Rückstellungsarten. Einerseits sind die Vorschriften für Pensionsrückstellungen und ähnliche Verpflichtungen geändert worden. Andererseits erfolgte eine Anpassung an Standards der internationalen Rechnungslegung.

Für den Ansatz einer Rückstellung gibt müssen vor allem diese Voraussetzungen geprüft werden

- welche Außenverpflichtung gibt es,
- wie wahrscheinlich ist die Inanspruchnahme der Rückstellung,
- wurde die Rückstellung im Berichtsjahr wirtschaftlich verursacht.

Wesentliche Veränderungen betreffen die sonstigen Rückstellungen. Früher war es möglich, Aufwandsrückstellungen zu passivieren. Das wurde größtenteils durch das BilMoG geändert und es ist nicht mehr erlaubt, Rückstellungen ohne direkte Verpflichtung gegenüber Dritten anzusetzen, oder die Bewertung des notwendigen Erfüllungsbetrages unabhängig von einer vernünftigen kaufmännischen Beurteilung vorzunehmen. Damit haben sich der Ansatz und die Bewertung von Rückstellungen an die steuerliche Bilanzierung angenähert.

Von diesen Veränderungen war Ende der 1970er Jahre nichts zu erahnen. Die Problematik weiter Interpretationsspielräume bleibt und die Versuche, theoretische Lösungen zu erarbeiten, lassen nicht nach. Vor diesem Hintergrund genießt die hier vorgelegte Arbeit eine gewisse Aktualität.

Den Text habe ich für die Veröffentlichung überarbeitet und in gendersensible Form gebracht. Verzeichnisse für Abbildungen und Tabellen sowie ein Personen- und ein Stichwortverzeichnis wurden von mir eingefügt.

1. Einleitung

Die Dax-Unternehmen gehen immer noch recht lax mit den Rückstellungen um und Aktionäre müssen auf Ausschüttungen verzichten. Börsennotierte Aktiengesellschaften müssen seit 2013 allerdings bei Pensionsrückstellungen realitätsnäher bilanzieren.

Dieser Text basiert auf einer Seminararbeit am Institut für Treuhandwesen der Johann Wolfgang Goethe-Universität zu Frankfurt am Main aus dem Wintersemester 1978/79. Da sich seit dieser Zeit die gesetzlichen Grundlagen verändert haben, ist zunächst zu klären, wie Rückstellungen heute bilanziert werden. Welche juristischen Kommentare spiegeln die herrschende Meinung heute wieder? Welche Folgen haben die gesetzlichen Änderungen auf die Bewertung des Sachverhaltes im vorliegenden Text? In dieser Arbeit wird problematisiert, dass immer mehr zu einem Finanzierungsmittel Rückstellungen werden und die Unternehmen sich einer Kontrolle gerade durch eine kritische Öffentlichkeit entziehen können. Bei der Bilanzierung sind mehrfach geänderte Grundsätze der Vorsicht und Sorgfalt zu beachten. Zunächst ist zu klären, welche gesetzlichen Grundlagen heute greifen.

Auf die Historie dieser Veränderungen wird später eingegangen. Die Intention zur Einführung des Instruments Rückstellungen lässt sich in der Stärkung der finanziellen Basis der Unternehmen verorten. Dies lässt sich als Gewinnverschleierung bezeichnen und hat Auswirkungen auf Bilanzwahrheit und –klarheit. Die Gefahr durch Bildung stiller Reserven besteht darin, dass Gewinne einer Ausschüttungsregelung entzogen wird und somit die interessierte Öffentlichkeit über die Situation der Unternehmung ein verzehrtes Bild erhält. Dies soll in diesem Referat verdeutlicht werden.

Im ersten Teil der vorliegenden Arbeit geht es um den Ansatz von Rückstellungen in der Bilanz. Dabei gilt es, die charakteristischen Merkmale von Rückstellungen im Vergleich zu anderen Passivposten herauszuarbeiten. Es folgen die gesetzlichen Regelungen zum Ansatz von Rückstellungen. Auch hier geht es um die Frage, inwieweit sich durch die gesetzlichen Änderungen Richtlinien der Objektivierung im Ansatz von Rückstellungen geändert haben und wenn ja, in welcher Hinsicht. Dabei kann ich auf die Standardwerke zurückgreifen. Ich konzentriere mich vor allem auf drei Hauptquellen: Adler/Düring/Schmaltz, Eifler und Moxter. Sodann geht es um die Literaturmeinung zum Thema Bewertung von Rückstellungen. Vor dem Hintergrund der hier angeführten Literatur ist die Funktion von Rückstellungen in der Bilanzierung herauszuarbeiten.

Somit wird also die oben genannte Problemstellung zu einer sekundären und es geht vielmehr darum, Unternehmen im Hinblick auf ihre zulässige legale Möglichkeit der Gewinnverschleierung mittels Rückstellungen kontrollierbarer zu machen. Das Problem besteht also weniger im Ansatzwahlrecht oder Ansatzpflicht, sondern darin, dass den Anlegern Dividenden entzogen oder Steuerzahlungen vermieden werden, wenn Gewinne dauerhaft und in großem Umfang verschleiert werden. Es geht also nicht nur um eine rein theoretische oder idealtypische Auseinandersetzung, sondern auch darum, einen Realitätsbezug herzustellen, auch wenn er für die Theorie sehr schmerzlich und oft nicht erklärbar wird. Gerade dann muss man die Theorie überprüfen und darf sie nicht von dem, was sie nicht zu erklären vermag, trennen, und zu einem ideologischen Werkzeug weniger Wissenschaftler degradieren.

Bei der Kritik am Ansatz und der Bewertung von Rückstellungen in der Bilanz darf der Blick auf die Empirie nicht fehlen. Wie entwickelten sich die Größenordnungen der Rückstellungen bei den führenden DAX-Unternehmen und den KMU? um sie dann zusammenzufassen und zu kritisieren. Dann folgt eine thesenartige Zusammenfassung der Ergebnisse dieser Arbeit.

2. Rückstellungen im Vergleich zu anderen Passivposten

2.1 Rückstellungen

Was ist unter Rückstellung zu verstehen? Die Position Rückstellungen werden nach § 266 HGB auf der Passivseite der Bilanz zwischen Eigenkapital und Verbindlichkeiten auszuweisen. Bei Rückstellungen handelt es sich um Verbindlichkeiten gegenüber Dritten, die am Bilanzstichtag dem Grunde nach bekannt sind, aber sowohl von ihrer Entstehung her als auch der Höhe sowie ihrer Fälligkeit nach unbestimmt sind. Rückstellungen dienen sowohl dem vollständigen Schuldenausweis als auch der periodengerechten Ermittlung des Jahreserfolgs. Nach dem Handelsrecht gibt es Rückstellungen in einer Reihe von Formen u.a. als Verbindlichkeiten, Verluste oder Aufwendungen.

2.2 Rückstellungen und Rücklagen

Wie lassen sich Rücklagen und Rückstellungen abgrenzen? In der Bilanzierung ist eine strikte begriffliche Trennung notwendig. Während Rücklagen neutral, zweckfrei und ein Teil des thesaurierten, einbehaltenen Eigenkapitals sind, handelt es sich bei Rückstellungen um eine der Höhe und /oder der Zeit nach ungewisse Schuld (§ 249 HGB).[1] Rückstellungen sind definitionsgemäß Fremdkapital, zweckgebunden und erfolgswirksam. Rückstellungen gibt es auch in anderen Ländern mit der gleichen Bezeichnung.

Abbildung 1 : Bilanzgliederungsschema

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene

Im Folgenden geht es um verschiedene Formen zu beachten der Gewinnverwendung. Da Rücklagen im Gegensatz zu den Rückstellungen auf thesaurierten Gewinnen basieren, können sie eine Gewinnverwendung darstellen, die eventuell zur Deckung von künftigem Aufwand dienen. Rückstellungen hingegen werden bereits für den Aufwand abgelaufener Perioden gebildet. Dient ein Teil der Rücklagen für neue Investitionsvorhaben, so unterbleibt sogar die Auflösung oder sie werden zu Ausschüttungszwecken verwendet und aufgelöst. Rücklagen sind somit kein Aufwand abgelaufener Perioden, wie das bei Rückstellungen der Fall ist.

2.3 Wertberichtigungen

Wertberichtigungen stellen auch Aufwand vergangener Perioden dar, allerdings stehen sie in der Regel im Zusammenhang mit vergangenen Ereignissen (Gebrauch von Produktionsmitteln) und nicht wie Rückstellungen mit künftigen Handeln. Für Eifler besteht der „entscheidende Unterschied zwischen Wertberichtigungen und Rückstellungen darin, dass Rückstellungen nicht den Bilanzansatz bestimmter Aktivposten korrigieren, sondern einen künftigen mengenmäßigen Abgang oder Verbrauch licht näher bestimmter betrieblicher Güter anzeigen.“

2.4 Verbindlichkeiten

Worin unterscheiden sich Rückstellungen grundlegend von Verbindlichkeiten? Bei Verbindlichkeiten müssen drei Kriterien erfüllt sein: der Zahlungsgrund, die Höhe der Zahlungsverpflichtung und der Zahlungstermin. Im Gegensatz zu Rückstellungen steht bei Verbindlichkeiten der Betragswert fest. Rückstellungen sind mithin Schätzwerte. Wenn eines dieser Kriterien nicht erfüllt ist, dann geht es um ungewisse Verbindlichkeiten und die Möglichkeit zur Bildung von Rückstellungen ist eröffnet. Aus Rückstellungen können aber Verbindlichkeiten werden, sobald die Information über Betrag und Existenz eindeutig feststehen.

2.5 Passive Rechnungsabgrenzungsposten

Wie lassen sich Rückstellungen und Passive Rechnungsabgrenzungsposten (RAP) abgrenzen? Sind Zahlungen vor bzw. Erträge nach dem Abschlussstichtag, dann handelt es sich um Passive Rechnungsabgrenzungsposten (§ 250 Abs. 2 HGB). Eine Ertragsverlagerung in die Zukunft dient damit der korrekten Periodenzuordnung streng zeitraumbezogener Erträge. Passive RAP stellen weder Vermögensminderungen auf der Passivseite noch Aufwand abgelaufener Rechnungsperioden dar. Somit besteht der Hauptunterschied zu Rückstellungen darin, dass sich passive RAP eindeutig quantifizieren sowie in der Funktion der Ertragsabgrenzung bestimmen lassen.

2.6 Zwischenfazit

Während Rücklagen neutral, zweckfrei und ein Teil des thesaurierten, einbehaltenen Eigenkapitals sind, handelt es sich bei Rückstellungen um eine der Höhe und /oder dem Fälligkeitsdatum nach um eine ungewisse Schuld (§ 249 HGB). Die Bildung der Rückstellungen ist ein bilanzpolitisches Instrument, wobei die Absicht einer periodengerechten Zurechnung der zu leistenden Ausgaben entsprechend der Verursachung verfolgt wird. Rückstellungen sind nach vernünftiger kaufmännischer Beurteilung nach anzusetzen (§ 253 Abs. 1 HGB). Die Bildung von Rückstellungen ist erfolgswirksam, bewirkt eine Verbesserung der Liquidität, mindert den Gewinn und damit auch die zu zahlenden Ertragssteuern (Einkommen-, Körperschafts-, Gewerbesteuern), da der Aufwand dem die Rückstellungen gegenüberstehen noch nicht real ist.

3. Ansatz von Rückstellungen

3.1 Zur Entstehungsgeschichte des Passivpostens Rückstellungen

Rückstellungen[2] gab es als Instrument schon zu Anfang des 20. Jahrhunderts, auch wenn dies damals begrifflich noch nicht vereinheitlicht wurde. Daher stellten Unternehmen schon vor 1929 Rückstellungen in ihre Bilanzen ein. Einen Schub gab es durch die Entscheidung des RFH vom 17.12.1929, wonach Rücklagen und Rückstellungen als Vorsorge für künftige Ausgaben bzw. Schulden anzusehen seien. Mit der Aktienrechtsnovelle von 1931 wurden mit § 261a AktG eine Gliederungsvorschriften erlassen, die zunächst schlecht voneinander abgegrenzt waren, aber mit § 131 Abs. 1 und 2 des Gesetzes über Aktiengesellschaften und Kommanditgesellschaften (AktG) von 1937 entsprechend kodifiziert. Nach dem Krieg wurde gemäß § 152 Abs. 7 AktG 1965 der Rückstellungskatalog verfeinert, was dazu führte, dass Aufwandsrückstellungen nunmehr die Ausnahme spielen sollten. Eine neue Bestimmung kam mit § 156 Abs. 4 hinzu. Hier heißt es, dass der Rückstellungsbetrag nach vernünftiger kaufmännischer Beurteilung zu erfolgen habe. Der Ansatz von Rückstellungen wurde schließlich mit dem Bilanzrichtliniengesetz (BiRiLiG) 1985 in § 249 HGB, die Bewertung von Rückstellungen in § 253 Abs. 1 Satz 1 HGB, sowie die Ausweisung von Rückstellungen in § 266 Abs. 1 und 3 (B) HGB neu gefasst. Aufgrund der 4. EG-Richtlinie gilt aktuell § 249 HGB. Die damit gekoppelte Aufhebung des § 152 Abs. 7 AktG aus 1965 waren die erweiterte Zulassung von Aufwandstückstellungen sowie eine Neufassung der Passivierungspflicht für bestimmte Rückstellungen verbunden. Mit dem Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz (BilMoG) wurden die Vorschriften zum Rückstellungsansatz nach § 253 HGB, § 249 HGB nochmalig mit der Absicht geändert, die Bildung von Aufwandsrückstellungen erneut stark einzuschränken.

3.2 Statische und dynamische Betrachtungsweise

Rückstellungen stellen eine Besonderheit des deutschen Bilanzrechts dar, welche handelsrechtlich seit der Aktienrechtsnovelle von 1931 existieren. Je nach den verschiedenen Zielsetzungen von Bilanzen beurteilt, ergeben sich auch Unterschiede in der Herangehensweise. Es lässt sich eine statische und eine dynamische Betrachtung unterscheiden. Was heißt das?

Adler/Düring/Schmaltz argumentieren, entscheidend sei nach der statischen Bilanzauffassung, dass am Bilanzstichtag bereits eine Verbindlichkeit gegenüber Dritten bestanden habe, oder dass doch wenigstens nach den Grundsätzen einer vorsichtigen Bilanzierung von dem Bestehen einer Verbindlichkeit ausgegangen werden müsse. Aus dem Bestehen einer Verbindlichkeit ist also ein Anspruch abzuleiten.

Anders der weiter gefasste dynamische Rückstellungsbegriff. Er umfasst nicht nur diejenigen Fälle, in denen am Bilanzstichtag eine Schuld gegenüber Dritten anzunehmen ist, sondern dient auch der Periodisierung von stoßweise anfallenden Ausgaben, wie etwa bei Generalreparaturen, welche nur alle vier Jahre auftreten. Bei der dynamischen Bilanzauffassung geht es somit um die Vergleichbarkeit mehrerer Rechnungsperioden. Dies, so kann man sagen, gibt die herrschende Lehrmeinung über die Funktion von Rückstellungen wieder. Rückstellungen haben demnach die Funktion, über ihre Gegenbuchung den Aufwand der Periode zu vervollständigen und damit den Erfolg dynamisiert zu beeinflussen und zu einem umfassenden und aussagekräftigen Bilanzbild beizutragen. Es lässt sich zwischen der Handelsbilanz und der Steuerbilanz unterscheiden.

Abbildung 2 : Klassifizierung von Rückstellungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Baetge/Kirsch/Thiele, 2012, S. 417 ff.

Bis 2010 war eine Abzinsung der Beträge handelsrechtlich nicht vorgesehen, da dies gegen das Realisationsprinzip verstoßen hätte, es sei denn, die zugrunde liegende Verbindlichkeit einer Rückstellung enthielt einen Zinsanteil. In diesem Fall durften Rückstellungen abgezinst werden (§ 253 Abs. 1 HGB). Ansonsten bestand ein Abzinsungsverbot.

Seit 2010 sind Verbindlichkeiten nicht mehr zu ihrem Rückzahlungsbetrag, sondern zum Erfüllungsbetrag anzusetzen. Bei der Ermittlung des Erfüllungsbetrags sind dabei etwaige Preis- und Kostenänderungen einzubeziehen. Preis- und Kostenänderungen lassen sich beispielsweise aus Branchentrends ableiten.

Für langfristige Rückstellungen mit einer Restlaufzeit von mehr als einem Jahr besteht gemäß § 253 Abs. 2 S. 1 HGB ein Abzinsungsgebot. Die Abzinsung erfolgt zum durchschnittlichen Marktzinssatz der letzten sieben Jahre unter Berücksichtigung der Restlaufzeit der einzelnen Rückstellungen (§ 253 II 4 HGB). Der Abzinsungssatz wird von der Deutschen Bundesbank monatlich veröffentlicht und liegt zwischen 4 und 6 Prozent. Erträge aus der Abzinsung (§ 277 Abs. 5 HGB) sind in der Gewinn- und Verlustrechnung gesondert unter dem Posten „Sonstige Zinsen und ähnliche Erträge“ und Aufwendungen gesondert unter dem Posten „Zinsen und ähnliche Aufwendungen“ auszuweisen. Die Rückstellungen, deren Laufzeit am Bilanzstichtag weniger als 12 Monate beträgt, sind von der Abzinsung ausgenommen. Nicht erfasst von diesem Abzinsungsgebot sind kurzfristige Rückstellungen mit einer Restlaufzeit von weniger als einem Jahr. Bei ursprünglich langfristigen Rückstellungen, deren Laufzeit am Bilanzstichtag nur noch bis zu einem Jahr beträgt, besteht nach herrschender Meinung ein Abzinsungswahlrecht.

In der Steuerbilanz gelten andere Regelungen. Grundsätzlich gilt auch steuerrechtlich zunächst der Rückzahlungsbetrag als unterster Wertansatz einer Verbindlichkeit. Das Steuerentlastungsgesetz 1999/2000/2002 schreibt jedoch ein Abzinsungsgebot für unverzinsliche Verbindlichkeiten und Rückstellungen vor.

Gem. § 6 Abs. 1 Nr. 3 EStG werden Verbindlichkeiten und auch Rückstellungen, deren Laufzeit am Bilanzstichtag länger als 12 Monate beträgt, mit einem Satz von 5,5 Prozent abgezinst. In welcher Form der Abzinsungsbetrag ermittelt werden soll, wird nicht vorgeschrieben. Zulässig sind zwei verschiedene Verfahren: Der Wert kann einerseits mithilfe von finanz- oder mit versicherungsmathematischen Methoden errechnet werden, was allerdings recht zeit- und kostenintensiv ist. Andererseits ist auch die Ermittlung mithilfe des Bewertungsgesetzes möglich. Die Paragraphen 12 bis14 BewG sollen eine schnellere und einfachere Berechnung des Abzinsungsbetrages ermöglichen.

3.3 Welche Rückstellungen sind erlaubt?

Rückstellungen sind Schulden und damit zählen sie zum Fremdkapital. Diese Positionen können als Rückstellungen bilanziert werden: Ungewisse Verbindlichkeiten, Drohende Verluste aus schwebenden Geschäften, Unterlassene Instandhaltungsaufwendungen und Abraumbeseitigung, und Gewährleistung ohne rechtliche Verpflichtung. Weitere Gliederungen sind vorstellbar, werden aber nicht verlangt: Vorstellbar wäre eine zeitliche Differenzierung nach den Kategorien kurzfristig, mittelfristig, langfristig. Moxter nennt diese Vorschriften des Einzelansatzes Bilanzunfähigkeitsregeln). Es geht seiner Meinung nach darum, die bilanzunfähigen Positionen klarzustellen, also die Sachverhalte, die nicht in die Bilanz aufgenommen werden dürfen, aus dem Rückstellungskatalog auszuschließen.

Technisch funktioniert die Bildung von Rückstellungen so: Erst wird das entsprechende Aufwandskonto im Soll mit dem Schätzwert des Rückstellungsbetrages belastet. Dann erfolgt die Gegenbuchung auf dem entsprechenden Rückstellungskonto im Haben. Da Rückstellungen als Aufwendungen gebucht werden, vermindern sich der auszuschüttende Gewinn und die zu zahlende Ertragssteuer, wie z.B. die Einkommensteuer. Positiv für das Unternehmen ist damit die Verbesserung der Liquidität. In der Abbildung wird das Wichtigste verdeutlicht.

Zur periodengerechten Erfolgsermittlung zum Bilanzstichtag sind auch solche Aufwendungen zu erfassen, die zwar ihrem Grund nach, nicht aber von ihrer Höhe bzw. vom Zeitpunkt ihrer Fälligkeit her bekannt sind, jedoch wirtschaftlich dem Abschlussjahr zugerechnet werden müssen. Dafür wurde das Instrument der Rückstellungen geschaffen. Doch zunächst einige grundsätzliche Bemerkungen zur Bilanztechnik. Die Bewertung der Bilanzposition Rückstellungen wird im § 249 HGB festgelegt. Danach sind Rückstellungen nur in Höhe desjenigen Betrages anzusetzen, der nach vernünftiger kaufmännischer Beurteilung notwendig erscheint.

Abbildung 3 : Rückstellungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene

Es ergeben sich unterschiedliche Sichtweisen zwischen Handelsbilanz und Steuerbilanz. Wie lassen sich Rückstellungen für Verluste aus schwebenden Geschäften bzw. Rückstellungen für ungewisse Verbindlichkeiten abgrenzen? Für eine Rückstellung für drohende Verluste aus schwebenden Geschäften muss gemäß HGB eine Rückstellung gebildet werden.[3] Im Gegensatz dazu ist es gemäß § 5 Abs. 4a EStG steuerlich unzulässig, für drohende Verluste aus schwebenden Geschäften eine Rückstellung zu bilden. Schon aus diesem Grund ist es wichtig, eine Abgrenzung zu den Rückstellungen für ungewisse Verbindlichkeiten vorzunehmen, denn Rückstellungen für ungewisse Verbindlichkeiten werden auch in der Steuerbilanz ausgewiesen. Besteht am Bilanzstichtag ein Erfüllungsrückstand, der seine Ursache in der Vergangenheit hat, dann ist dafür keine Drohverlustrückstellung vorzunehmen, sondern eine Rückstellung für ungewisse Verbindlichkeiten auszuweisen, die steuerlich zu übernehmen ist.

[...]


[1] Vgl. Kämpfer, Georg (2006): Rücklage und Rückstellungen, Wirtschaftslexikon, hrsg. vom Handelsblatt.

[2] Bei der Entstehung der vorliegenden Seminararbeit gab es im Wesentlichen drei gesetzliche Vorschriften für den Ansatz von Rückstellungen im Aktengesetz (§ 151 Abs. 1 Satz 4, § 152 Abs. 7 und § 151 Abs. 4 Satz 1). Die gesetzlichen Grundlagen wurden seitdem mehrfach geändert und ich habe daher den Text aktualisiert.

[3] Vgl. Bareis, Peter (2006): Rückstellungen für drohende Verluste aus schwebenden Geschäften. In: Handwörterbuch der Rechnungslegung und Prüfung, 3. Aufl., hrsg. v. Adolf G. Coenenberg, Wolfgang Ballwieser, Klaus v. Wysocki, Stuttgart 2002, Sp. 2106 – 2118.

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Ansatz und Bewertung von Rückstellungen
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Seminar für Treuhandwesen)
Veranstaltung
Unternehmensrechnung
Autor
Jahr
1979
Seiten
42
Katalognummer
V380508
ISBN (eBook)
9783668588318
ISBN (Buch)
9783668588325
Dateigröße
716 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rückstellungen, Bilanz, Bilanzierung, Pensionsrückstellungen, Rechnungslegung
Arbeit zitieren
Dr. Klaus-Uwe Gerhardt (Autor), 1979, Ansatz und Bewertung von Rückstellungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/380508

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