Spätmittelalterliche Erklärungsversuche zur Ursache und Bedeutung der Pest des 14 Jahrhunderts. Am Beispiel von Giovanni Villani und Giovanni Boccaccio


Hausarbeit, 2014

8 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Hintergrund des 14. Jahrhunderts

3. Hintergrundinformationen zur Pest

4. Spätmittelalterliche Weltanschauung am Beispiel von Villani und Boccaccio

5. Fazit

1. Einleitung

Die Pest des 14. Jahrhunderts auf dem europäischen Kontinent versetzte die politische und gesellschaftliche Ordnung sowie die wirtschaftlichen Verhältnisse in eine schwere Krise. Der Schwarzen Tod, dem nach Schätzungen etwa ein Viertel der europäischen Bevölkerung zum Opfer gefallen ist1, und die Hilflosigkeit der Ärzte, Geistlichen und Behörden trugen zudem zu einer kulturellen und geistlichen Krise in Form einer sich verändernden Weltanschauung bei.2 Unter den Zeitgenossen kursierten verschiedene Theorien über die Bedeutung der Pest, durch die Einblicke in die Weltanschauung der Zeitgenossen möglich werden.3

Die Quantität der Quellen, die sich mit dem Schwarzen Tod beschäftigen, ist relativ hoch. Aus verschiedenen Ländern und Regionen Europas sind zeitgenössische Berichte, häufig aus Chroniken, überliefert, die in diversen Quelleneditionen zur Verfügung stehen. Die Autoren sind häufig Geschichtsschreiber, Ärzte und Geistliche. Viele Quellen schildern die Reaktionen der Bevölkerung, die Ausbreitung sowie Symptome der Pest, aber geben auch zeitgenössische medizinische Ratschläge zur Vermeidung dieser Krankheit. Zudem finden sich in ihnen verschiedene Deutungsmuster der Pest und sie gewähren damit einen Einblick in die Weltanschauung der Zeitgenossen. Auf dieser Grundlage hat die Forschung eine Reihe von Literatur hervorgebracht. Viele Aufsätze in Sammelbänden und Fachzeitschriften beschäftigen sich mit der Pest aber auch Monographien sind zu diesem Thema erschienen.

Die vorliegende Arbeit wird zunächst den historischen Hintergrund der Pest des 14. Jahrhunderts darstellen, um einen Eindruck davon zu bekommen, durch welche Ereignisse und Entwicklungen der Zeitgeist der Menschen geprägt wurde. Anschließend skizziert sie den Ursprung, den Übertragungsweg, die Symptome sowie die Ausbreitung des Schwarzen Todes und stellt die zeitgenössischen Pesttheorien vor. Vor diesem Hintergrund wird sich die Arbeit mit einem Quellenauszug aus der Chronik des Giovanni Villani beschäftigen, indem sie die Deutungsweise des Autors bezüglich schwerwiegender Naturkatastrophen herausarbeitet. Dabei wird sie mithilfe eines weiteren Quellenauszugs des Geschichtsschreibers Boccaccio vergleichend untersuchen, inwiefern deren Deutungen mit den zeitgenössischen Weltanschauungen übereinstimmen bzw. differieren.

2. Historischer Hintergrund des 14. Jahrhunderts

Das Europa des 14. Jahrhunderts wurde durch eine Reihe von Ereignissen unterschiedlicher Art geprägt. Zum einen begann aus machtpolitischen Gründen der Hundertjährige Krieg, der, obwohl im Kern ein anglo-französischer Konflikt, auch andere politische Einheiten miteinbezog.4 Kirchenpolitisch zeichnete sich eine Krise in Form des Abendländischen Schismas ab, bei dem es zu einer Doppelwahl des Papstes kam. Das 14. Jahrhundert war auch geprägt von technischen Errungenschaften, wie der mechanischen Uhr sowie der Konstruktion der Fernfeuerwaffe.5 Außerdem zeichnete sich ein sich sukzessiv wandelndes Weltbild ab, das vor allem durch die geistige Strömung des Humanismus, die sich vermehrt auf die Antike zurückbesann, geformt wurde.6 Die europäische Bevölkerung sah sich in diesem Jahrhundert einer Agrarkrise, die mit einem deutlichen Produktionsrückgang verbunden war, ausgesetzt, durch die es zu europaweiten, wenn auch regional unterschiedlichen Hungersnöten kam.7 Die Ursachen dafür sind in der Forschung umstritten, jedoch könnten dafür u. a. klimatische Veränderungen verantwortlich sein, die Missernten begünstigten.8 Der Pest zwischen 1348 und 1350, die einen enormen demographischen Wandel einleitete, wird von Historikern ein unterschiedlicher Stellenwert in Bezug auf die spätmittelalterliche Krise beigemessen.9

3. Hintergrundinformationen zur Pest

Die Ursache für die Pest, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts ermittelt wurde, war eine Bakterienart namens Pasteurella Pestis, die sich über den Pestfloh auf Nagetiere, wie vor allem Ratten, verbreitet hatte. Durch die Übertragung des Erregers auf die Hausratte kam der Pestfloh zunehmend mit Menschen in Kontakt.10 Durch den damaligen Fernhandel zwischen Europa und Asien konnte sich der Erreger über Handelswege, wie z. B. Seerouten im Mittelmeer sowie im Schwarzen Meer weiter ausbreiten.11

Der Erreger konnte zum einen durch die Haut, entweder durch einen Flohstich oder den infektiösen Flohkot in die Blutbahn und zum anderen durch Tröpfcheninfektion über die Lunge in den menschlichen Organismus gelangen. Der erstgenannte Infektionsweg verursachte die Beulenpest, während der zweite zur Lungenpest führte, wobei sich die erste jederzeit zur zweiten entwickeln konnte.12 Die Beulenpest führte in 60-90 % der Fälle und die Lungenpest sogar zum sicheren Tod.13

Zeitgenössischen Berichten zufolge kam es 1346 zur Belagerung einer genuesischen Handelsniederlassung auf der Krim durch Tataren. Nachdem unter ihnen die Pest ausbrach, infizierten sich im Zuge der Belagerung auch die Einwohner der belagerten Stadt Caffa. Einige infizierte Bewohner flohen mit Schiffen u. a. nach Italien, sodass sich die Krankheit weiter verbreiten konnte.14

Der zeitgenössische Forschungsstand der Mediziner in Bezug auf die tatsächliche Ursache und den Verlauf der Krankheit war niedrig, sodass infolgedessen keine wirksamen Gegenmittel entwickelt werden konnten. Die mittelalterlichen Ärzte orientierten sich an antiken Lehren, wie etwa der humoralpathologischen Krankheitslehre, die Krankheiten als Folge eines Ungleichgewichts der vier Körpersäfte Blut, Schleim, gelber und schwarzer Galle sah.15

Die Zeitgenossen machten unterschiedliche Ursachen für die Pest aus. Als mögliche Ursachen für die Fäulnis wurden die Südwinde, verdorbene Nahrung, Dämpfe aus Sümpfen und der Atem von Erkrankten vermutet.16 Die zahlreich entwickelten Therapiemaßnahmen und Ratschläge zur Vorbeugung und Bekämpfung dieser Krankheit sind ein Indiz für die Unsicherheit und Hilflosigkeit der mittelalterlichen Ärzte, wie einige Quellen deutlich machen.17 Einige Zeitgenossen machten die Juden für die Pest verantwortlich, indem ihnen unterstellt wurde, dass sie das Trinkwasser vergiftet hätten. Aus diesem Grund kam es vielerorts zu Judenpogromen, bei denen tausende von ihnen umkamen.18 Ein weiterer Erklärungsansatz bezog sich auf eine ungünstige Konstellation der Gestirne. Der wohl überwiegende Teil der Zeitgenossen sah in der Pest allerdings den Willen Gottes.19

4. Spätmittelalterliche Weltanschauung am Beispiel von Villani und Boccaccio

Giovanni Villani war ein aus Florenz stammender Geschichtsschreiber, Kaufmann und Staatsmann und starb 1348 an den Folgen der Pest. Sein wohl bedeutendstes Werk für die Nachwelt ist seine Nuova Cronica, für deren Bearbeitung ihm Informationsquellen aus verschiedenen Teilen Europas, wohl aufgrund seines sozialen Kapitals sowie seiner Auslandsaufenthalte, zur Verfügung standen. Die ersten sieben Bücher seiner Chronik beschreiben die wichtigsten historischen Ereignisse beginnend mit den biblischen Ursprüngen der Menschheit und enden im Jahr 1265. Die weiteren sechs Bücher behandeln Ereignisse, die kurz vor und während seiner Lebenszeit stattgefunden haben. Da er der Führungselite der Stadt Florenz angehörte, konnte er Informationen bezüglich lokaler historischer Ereignisse aus erster Hand verwerten.20

In seiner Chronik schildert Giovanni Villani detailliert das Ausmaß einiger Erdbeben in verschiedenen Regionen Italiens, die der Pest im Jahr 1348 unmittelbar vorausgegangen waren. Zum Ende seiner Schilderung macht er der Nachwelt unmissverständlich deutlich, wie er diese Naturkatastrophen deutete.

Und sei dir klar darüber, Leser, da[ß] die genannten, durch das Erdbeben bedingte Katastrophen und Gefahren wichtige Vorzeichen darstellten, die von Gott kamen und Folgen seiner Entscheidungen waren. Er war die Ursache und gab seine Zustimmung. Es handelt sich um jene Zeichen und Wunder Gottes, die am Ende der Welt auftreten werden und die er seinen Jüngern prophezeite.21

Giovanni Villani sah die Ursache für die Erdbeben im Willen Gottes und setzte diese Ereignisse in einen biblischen Kontext, indem er sie als Anzeichen für das bevorstehende, in der Johannes-Offenbarung angekündigte Jüngste Gericht deutete. Sein Bild von einem richtenden und strafenden Gott entsprach dem vieler seiner Zeitgenossen im Spätmittelalter.22 Auch die Pest wurde häufig als Gottes Wille gesehen und mit dem Jüngsten Gericht in Verbindung gebracht. Unklar blieb den Zeitgenossen allerdings das Motiv Gottes für die Erzeugung derartiger Katastrophen. Ein anonymer Autor nennt in der Ordnung der Gesundheit, die zu Beginn des 15. Jahrhunderts verfasst wurde, vier mögliche Motive Gottes, das Leben der Menschen vorzeitig zu beenden.23

[...]

1 Vgl. Bergdolt, Klaus: Die Pest in Europa 1347-1349. In: Scheibelreiter, Georg (Hrsg.): Höhepunkte des Mittelalters. Darmstadt 2004. S. 166.

2 Vgl. Berdolt, Klaus: Der Schwarze Tod in Europa. Die Große Pest und das Ende des Mittelalters. München, 2. Aufl. 1994. S. 31.

3 Vgl. Ebd. S. 21 f.

4 Vgl. Bergdolt, Der Schwarze Tod, S. 30.

5 Vgl. Ebd. S. 32.

6 Vgl. North, Michael: Europa expandiert. 1250-1500. (= Handbuch der Geschichte Europas, Bd. 4). Stuttgart 2007. S. 343-346.

7 Vgl. Rahe, Thomas: Demographische und geistig-soziale Auswirkungen der Pest von 1348-1350. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 35 (1984), S. 126 f.

8 Vgl. Berdolt, Der Schwarze Tod, S. 194.

9 Vgl. Rahe, Auswirkungen der Pest, S. 125.

10 Vgl. Bergdolt, Der Schwarze Tod, S. 17.

11 Vgl. Vavra, Elisabeth: Verkehr. In: Enzyklopädie des Mittelalters 2 (2008), S. 156-158. 2

12 Vgl. Bergdolt, Der Schwarze Tod, S. 18 f.

13 Vgl. Rahe, Auswirkungen der Pest, S. 128.

14 Vgl. Bergdolt, Klaus (Hrsg.): Die Pest 1348 in Italien. Fünfzig zeitgenössische Quellen. Heidelberg 1989. S. 19 f; Bergdolt, Die Pest in Europa, S. 166 f.

15 Vgl. Bergdolt, Der Schwarze Tod, S. 21.

16 Vgl. Ebd. S. 21.

17 Vgl. Bergdolt, Fünfzig zeitgenössische Quellen, S. 163-166.

18 Vgl. Rahe, Auswirkungen der Pest, S. 134.

19 Vgl. Ebd. S. 130-131.

20 Vgl. Luzzati, M.: V., Giovanni. In: Lexikon des Mittelalters 8 (2009), S. 1678 f.

21 Porta, Giuseppe (Hrsg.): Giovanni Villani. Nuova Cronica 3 (2007), S. 566.

22 Vgl. Rahe, Auswirkungen der Pest, S. 130 f.

23 Vgl. Esser, Thilo: Die Pest - Strafe Gottes oder Naturphänomen. Eine frömmigkeitsgeschichtliche Untersuchung zu Pesttraktaten des 15. Jahrhunderts. In: Zeitschrift für Kirchengeschichte 108 (1997), S. 32-35.

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Spätmittelalterliche Erklärungsversuche zur Ursache und Bedeutung der Pest des 14 Jahrhunderts. Am Beispiel von Giovanni Villani und Giovanni Boccaccio
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
8
Katalognummer
V380589
ISBN (eBook)
9783668571846
ISBN (Buch)
9783668571853
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Villani, Boccaccio, Pest, Spätmittelalter
Arbeit zitieren
Christoph Wünnemann (Autor), 2014, Spätmittelalterliche Erklärungsversuche zur Ursache und Bedeutung der Pest des 14 Jahrhunderts. Am Beispiel von Giovanni Villani und Giovanni Boccaccio, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/380589

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Spätmittelalterliche Erklärungsversuche zur Ursache und Bedeutung der Pest des 14 Jahrhunderts. Am Beispiel von Giovanni Villani und Giovanni Boccaccio



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden