Krankheit ist ein Begriff dessen Bedeutung für gewöhnlich ohne weitere Probleme verstanden wird. Es ist ein Begriff unseres alltäglichen Lebens, welchen wir selbstverständlich verwenden. Doch möchte man eine klare Definition des Krankheitsbegriffs mit universalen Prädikaten formulieren, so stößt man auf Probleme, Unklarheiten und daraus resultierenden Meinungsverschiedenheiten.
In der Debatte stehen sich im Wesentlichen zwei große Lager gegenüber: Normativisten und Deskriptivisten.
Beide stehen scheinbar unlösbaren Problemen gegenüber den Krankheitsbegriff sinnvoll zu definieren.
Das Ziel der vorliegenden Hausarbeit soll sein, Argumente beider Lager darzustellen, um daraufhin einige ihrer Probleme aufzuzeigen. Anschließend werde ich zwei Alternativvorschläge zur Definition des Krankheitsbegriffs präsentieren, um zu verdeutlichen, dass mithilfe flexibler bzw. mehrdimensionaler Definitionen die zuvor aufgezeigten Probleme umgangen werden können.
Die in dieser Arbeit dargestellten Ideen sollen keine Lösung des Problems sein, sondern vielmehr als Impuls für zukünftige, flexiblere Definitionsversuche dienen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Krankheitsbegriff – eine erste Unterscheidung
3. Normativität und Deskriptivität im Krankheitsbegriff
4. Normativität und Deskriptivität im Krankheitsbegriff – zwei Alternativvorschläge
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die wissenschaftstheoretische Kontroverse um den Krankheitsbegriff, insbesondere das Spannungsfeld zwischen normativen und deskriptiven Definitionen. Das Ziel ist es, die Unzulänglichkeiten eindimensionaler Begriffsbestimmungen aufzuzeigen und durch flexible, mehrdimensionale Modelle einen Ausweg aus der festgefahrenen Debatte zu formulieren.
- Abgrenzung von alltagssprachlichem und wissenschaftlichem Krankheitsbegriff
- Analyse des normativen und deskriptiven Gehalts von Krankheit
- Diskussion der Sprechakttheorie im Kontext der Begriffsanalyse
- Vorstellung des Konzepts der Bündelbegriffe nach Wittgenstein
- Konzeption von Krankheit als "dicker Begriff" zur Erklärung normativer Folgen
Auszug aus dem Buch
Lösungsvorschlag 2:
In seinem Essay „Krankheit – ein gebrechlicher Begriff“ weist Ralf Stoecker auf eine wichtige begriffliche Unterscheidung bezüglich des Krankheitsbegriffes hin. Laut Stoecker lassen sich genau aufgrund dieser Unterscheidbarkeit bzw. Unterteilbarkeit des Krankheitsbegriffes die Probleme seiner Definierbarkeit erklären.
Er geht dafür auf die von Ludwig Wittgenstein eingeführte Idee der Bündelbegriffe ein.
Bündelbegriffe, laut Wittgenstein, „[…] bündeln vielfältige Anwendungsinstanzen, die kein gemeinsames Merkmal teilen, sondern durch eine Art Familienähnlichkeit miteinander verbunden sind.“ (Stoecker 2009: S.42).
Krankheit scheint nun genau ein solcher Begriff zu sein, da er sich in eine Reihe von Kriterien unterteilen lässt, die zwar „Familienähnlichkeiten“ besitzen, den Begriff der Krankheit also auf eine bestimmte Weise beschreiben, jedoch nicht ineinander überführbar sind und gleichzeitig nicht auf jede Krankheit zutreffen.
Normabweichung ist ein Vorschlag einer solchen Familienähnlichkeit.
Der Kranke weicht mit einem oder mehreren (physischen oder psychischen) Zuständen von der statistischen Norm ab, weswegen diese Zustände als Krankheit bezeichnet werden. Für AIDS beispielsweise wäre das Krankheitskriterium der Normabweichung wohl zutreffend, da Menschen, die mit dem HI-Virus infiziert sind schlichtweg von der statistischen Norm abweichen. Andere Krankheiten hingegen lassen sich nicht mehr so eindeutig unter dieses Kriterium ordnen. So sind zum Beispiel Windpocken oder grippale Infekte so verbreitet, dass sie fast jeder bekommt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Problematik der Definition des Krankheitsbegriffs ein und stellt die beiden gegensätzlichen Positionen der Normativisten und Deskriptivisten vor.
2. Der Krankheitsbegriff – eine erste Unterscheidung: Hier werden der alltagssprachliche und der wissenschaftliche Krankheitsbegriff voneinander abgegrenzt und die Frage nach der Wertgeladenheit des Begriffs aufgeworfen.
3. Normativität und Deskriptivität im Krankheitsbegriff: Dieses Kapitel diskutiert anhand von Beispielen, ob Krankheit rein deskriptiv definiert werden kann und welche Rolle dabei die Sprechakttheorie spielt.
4. Normativität und Deskriptivität im Krankheitsbegriff – zwei Alternativvorschläge: Hier werden zwei Lösungsansätze präsentiert: ein eigenes mehrdimensionales Modell sowie die Idee von Krankheit als Bündelbegriff nach Ralf Stoecker.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass statische, eindimensionale Definitionsversuche scheitern und plädiert für flexiblere, mehrdimensionale Modelle des Krankheitsbegriffs.
Schlüsselwörter
Krankheitsbegriff, Normativität, Deskriptivität, Alltagssprache, Medizin, Sprechakttheorie, Bündelbegriff, Familienähnlichkeit, Wertgeladenheit, Wissenschaftstheorie, Diagnose, Handlungsanweisung, Definition, Ethik, Mehrdimensionalität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die philosophische und wissenschaftstheoretische Schwierigkeit, den Begriff "Krankheit" eindeutig zu definieren, ohne dabei die alltägliche Praxis oder die medizinische Wissenschaft zu vernachlässigen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Spannungsfeld zwischen deskriptiver (wertfreier) Beschreibung und normativer (wertender) Zuschreibung von Krankheit.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass eine eindimensionale Definition von Krankheit unmöglich ist, und Alternativmodelle zu entwickeln, die sowohl deskriptive als auch normative Aspekte integrieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die begriffsanalytische Methode, inklusive der Auseinandersetzung mit sprachphilosophischen Ansätzen wie der Sprechakttheorie und der Theorie der Bündelbegriffe.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil erfolgt eine kritische Auseinandersetzung mit dem Normativismus und Deskriptivismus, gefolgt von der Erläuterung neuerer Konzepte zur Begriffsbestimmung von Krankheit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Krankheitsbegriff, Normativität, Deskriptivität, Sprechakttheorie und Bündelbegriff charakterisiert.
Warum ist das Beispiel der Sichelzellanämie für die Argumentation wichtig?
Es dient dazu, die Problematik eines normativ aufgeladenen Krankheitsbegriffs zu verdeutlichen, bei dem die Zuweisung "krank" automatisch eine Hilfeleistung erzwingen würde, obwohl diese in spezifischen Kontexten nicht im Sinne des Patienten sein könnte.
Was ist mit dem "Bündelbegriff" nach Stoecker gemeint?
Stoecker schlägt vor, Krankheit nicht über ein einzelnes Merkmal zu definieren, sondern als eine Menge von Kriterien zu betrachten, die durch "Familienähnlichkeiten" verbunden sind, ohne dass eine einzige Eigenschaft auf alle Krankheitsfälle zutreffen muss.
Was unterscheidet einen "dicken Begriff" von einem bloßen Bündelbegriff?
Ein "dicker Begriff" drückt nicht nur deskriptive Eigenschaften aus, sondern impliziert zusätzlich spezifische normative oder evaluative Konsequenzen, wie zum Beispiel den Anspruch auf Mitleid oder Befreiung von der Arbeit.
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- Julius Sieboldt (Author), 2017, Wie kann man den Krankheitsbegriff universell definieren? Normative und deskriptive Definitionen des Krankheitsbegriffs, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/380948