Biopolitics. Wie natürlich ist Demokratie?


Hausarbeit, 2015
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biopolitics und Sozialbiologie
2.1. Wie Biopolitics argumentiert
2.2. Biologische Bezüge von Institutionen bis hin zum Staat?

3. Kritische Überprüfung
3.1. Zu Biopolitics allgemein
3.2. Zu Institutionen und Staat

4. Ist Demokratie natürlich?

5. Fazit

6. Literatur

1. Einleitung

Mit dem Fortschritt bei der Entschlüsselung des menschlichen Genoms wurden medienwirksam bald Ankündigungen laut, dass dadurch auch das Verhalten von Menschen, quasi über die Anordnung ihrer Genesequenzen, allgemeingültig erklärt werden könne. So gäbe es zum Beispiel jeweils ein Gen für Aggression oder für Alkoholismus (Wahl 2009: 98). Eine Popularisierung zu diesem Thema fand spätestens mit Richard Dawkins viel diskutiertem Werk „Das egoistische Gen“ in der Mitte der 1970er Jahre statt. So bildete sich bald eine kontroverse Forschungsdiskussion heraus, bei der die Frage im Mittelpunkt stand, und steht, ob, wie und vor allem auf welche Weise menschliches Verhalten erklärt werden könne. Den Sozialwissenschaftlern, welche bis dahin praktisch über einen tradierten Alleinerklärungsanspruch verfügten, wurde nun vorgeworfen, dass sie reduktionistisch[1] lediglich den kulturellen Teil des Menschen zu Erklärungsversuchen heranzögen und die Biologie dabei völlig unbeachtet ließen.[2] Im Umkehrschluss kritisierten dann viele Sozialwissenschaftler, die junge Disziplin der Biopolitics bzw. Sozialbiologie[3] sei zu sehr darum bemüht, jegliches menschliche Verhalten, bis hin zur Bildung von Institutionen auf biologische Erklärungsmuster stellen zu wollen. Selbst die Demokratie, so erklärt mit Heiner Flohr (1990: 38) einer der deutschen Wortführer der Biopolitics, sei analog zu Darwins „Theorie der natürlichen Selektion“ zu betrachten und somit auch, zumindest über einen Teil, mit der Biologie zu erklären. Auch Masters, ein Biopolitics-Vertreter der ersten Stunde, zieht naturalistische Erklärungsmuster zum Entstehen einer Demokratie heran. (Masters 1975)

Diese Arbeit möchte der Frage nachgehen, wie überzeugend die Theorie der natürlichen Demokratie ist und wie kohärent die Vertreter der Biopolitics ihre Thesen darlegen. Dabei soll diese Theorie ideengeschichtlich, mit der Methode der Kommentierung, rekonstruiert und dabei der These Platz eingeräumt werden, dass die Institutionen, und somit auch die Demokratie, nicht über einen „natürlichen biologischen Evolutionsprozess“ entstanden sein können, sondern lediglich über kulturelle Vermittlung. Insgesamt möchte diese Hausarbeit einen Überblick über die verschiedenen Erklärungsansätze der Biopolitics geben und diese kritisch betrachten. Hier sollen, unter anderem, stellvertretend für die Biopolitics bzw. Sozialbiologie der Aufsatz von Heiner Flohr: „Die Bedeutung biokultureller Ansätze für die Institutionentheorie“ (Flohr 1990: 21-57) und die Publikation von Eckart Voland (2009): „Sozialbiologie. Die Evolution von Kooperation und Konkurrenz“ herangezogen werden.

Der Forschungstand zu diesem Thema kann nur als unüberblickbar dargestellt werden. Unzählige Veröffentlichungen wurden dazu in den letzten Dekaden vorgestellt. Allerdings sind die Hochzeiten dazu sicherlich in den 1980er bis 1990er Jahren zu verorten. Eine Zeit in der es eben auch in der Genetik scheinbar ständig revolutionäre Erkenntnisse gab und es so schien, als ob es nur noch eine Frage von wenigen Jahren sein würde, bis wir alle Funktionsweisen unserer Gene genau kennen und (möglicherweise) auch beeinflussen könnten. Wobei auch in den letzten Jahren eine Renaissance zu dieser Thematik festzustellen ist. Dabei besetzen die Autoren des „klassischen“ sozialwissenschaftlichen Lagers, bzw. die der Biopolitics, alle Pole dieses Diskurses. Hin, von der Negierung jeglicher biologischer Einflüsse, bis zu jenen Vertretern, die uns Menschen als völlig biologisch determiniert ansehen.

Was diese Arbeit aufgrund ihres sehr beschränkten Umfanges leider nicht zu leisten vermag, ist die sehr interessante historische Entwicklung der Biopolitics bzw. der Sozialbiologie aufzuzeigen. Auch kann sie nur sehr rudimentär auf diverse biologische Theorien, beispielsweise Darwins Evolutionstheorie[4], eingehen, auch wenn die Sozialbiologie diese Theorien verwendet, um sie auf das menschliche Verhalten zu übertragen. Vielmehr soll an ausgewählten Beispielen geprüft werden, wie tragfähig die Argumentationen der Protagonisten zu sein scheinen, um daran anknüpfend zu einer Gesamtbewertung im Hinblick auf die oben genannte Fragestellung zu kommen.

2. Biopolitics und Sozialbiologie

Da die beiden Begriffe oft synonym Verwendung finden, soll an dieser Stelle kurz über eine Begriffsdefinition nachgedacht werden. Eine scharfe Trennung ist nur äußerst schwer zu vollziehen und es kann sicher gesagt werden, dass die jetzt aktuelle Begriffsbedeutung der Biopolitics einen zugehörigen Teil der Sozialbiologie darstellt. Eine Tendenz ist dabei allerdings möglicherweise, dass sich die Sozialbiologie – und damit ist auch eine erste inhaltliche Orientierung möglich – als Aufgabe gesetzt hat, „das Studium des Sozialverhaltens der Lebewesen [auch des Menschen] auf evolutionsbiologischer und genetischer Grundlage“ zu untersuchen. „Sie beruht auf der Annahme, daß [sic] das soziale Verhalten […] eine genetische Basis hat.“ (Wuketits 2002: 12) Unter dem Begriff Sozialbiologie konzentrieren sich dabei auffallend häufig Thesen, bei denen es vordergründig um Fortpflanzungserfolge und ihre Strategien bis hin zu den Versuchen, über diese Weitergabe der Gene, zum Beispiel altruistisches Verhalten zu erklären, geht (siehe auch Voland 2009). Hingegen finden sich zur Definition der Biopolitics ergänzend meist auch direkte Bezüge zu institutionellem Verhalten, Thesen über Gruppenbildung und Versuche, den Staat bis hin zur Demokratie zu deuten (siehe auch Kamps/Watts 1998). Insgesamt soll allerdings auch bei dieser Arbeit die Biopolitics als Bestandteil der Sozialbiologie betrachtet werden und auf eine stringente Trennung der beiden Begrifflichkeiten im Allgemeinen verzichtet werden.

Wie sieht nun das Selbstverständnis dieser Forschungsrichtung aus? Welche Ziele verfolgt sie?

Grundsätzlich versucht die Sozialbiologie eine naturalistische Basis zu erstellen, von der aus menschliches Verhalten erklärt werden kann. Dabei gehen ihre Vertreter davon aus, dass über die Genetik (da menschliches Verhaltens den Genen untergeordnet ist und diese damit verantwortlich für unser Handeln seien) Erklärungen über Verhaltenstendenzen des Menschen getroffen werden könnten. In dieser Begrifflichkeit befindet sich allerdings bereits eine erste Einschränkung auf die im späteren Verlauf noch eingegangen werden soll. Unter diesem übergeordneten Anspruch finden sich dann eine Vielzahl von Zielen, die die Biopolitics ins Visier genommen hat. Sei es die Erklärung von Ritualen oder vom Lernen, biologische Bezüge von Institutionen oder gar, wie schon angesprochen, die Bildung von Staaten bis hin zur Demokratie. Weiter versucht sie auch die Tendenz des Menschen zur Kooperation und gar den Altruismus über biologische Argumentationslinien zu erläutern. Selbst ganz grundsätzliche Fragen, wie beispielsweise die: ob ein Mensch, quasi von „Natur aus“ gut oder böse sein kann, werden von ihren Vertretern diskutiert (siehe auch Wilson 1994: 344-384).

Insgesamt sehen viele Vertreter dieses Zweiges, beispielsweise Somit und Peterson (1998), über die Biologie Chancen, auch Fragen der öffentlichen Ordnung, oder den Einfluss von physiologischen Faktoren, wie Müdigkeit oder Stress, auf das tatsächliche politische Verhalten, zu erklären. Auch wenn viele Sozialbiologen betonen, dass sie erreichen möchten, dass ihre Ansätze interdisziplinär von den Kollegen aus den „klassischen Sozialwissenschaften“ angenommen werden und man gemeinsam Lösungen erarbeiten solle um menschliches Verhalten zu erklären, sind die Reaktionen aus den Geisteswissenschaften überwiegend als negativ zu bewerten. So steht unter anderem die uralte Frage der Geisteswissenschaften zwischen „nature“ und „nuture“ im Raum. Also „was als biologisch vorgegeben und damit als ‚naturwissenschaftlich‘ erklärbar angesehen wird und was nicht“ (Jörke 2005: 54). Aber auch sonst treffen an dieser Nahtstelle natürlich fundamentale Grundauffassungen zu den Erklärungsansätzen der Biopolitics-Vertreter aufeinander, die in den nun nachfolgenden Kapiteln näher beleuchtet werden sollen.

2.1. Wie Biopolitics argumentiert

Wie oben bereits ausgeführt, geht es den Sozialbiologen in erster Linie darum, menschliche Verhaltenstendenzen als allgemeingültig festzustellen. Dazu nehmen sie an, dass „wir Menschen in Bezug auf unser Verhalten an biologischer Ausstattung [etwas] gemein haben“ (Lenk, 1990). Dazu zähle auch das Sozialverhalten, welches auf die Maximierung der eigenen Gene hin ausgerichtet sei. Mit dieser Grundannahme eines „egoistischen Genes“, welches praktisch unseren Körper lediglich nur als Wirt nutze um sich weiter zu reproduzieren, könne ein großer Teil der Fragen zum Verhalten, einschließlich des Altruismus oder auch die Bildung von Staatssystemen, beantwortet werden (Flor 1990: 24-26). Die Sozialbiologie zieht dazu diverse Beispiele aus der tierischen Sozialorganisation heran. So sei es für viele Tierarten ungemein wichtig sich in Gruppen zu organisieren, um die Überlebenswahrscheinlichkeit, auch für den Einzelnen, in dieser Gruppe zu erhöhen. So seien beispielsweise Fische in Schwärmen vor Angriffen von Fressfeinden sicher, oder Jungtiere würden, zum Beispiel bei Elefanten, bei einem Angriff im Inneren von „ihrer“ Herde geschützt, um ihnen eine bessere Überlebenschance zu ermöglichen. Ziel sei es dabei immer, die eigenen Gene, und die Sozialbiologen dehnen diese Definition auch auf die Gene innerhalb einer Verwandtschaftsbeziehung aus, zu erhalten bzw. ihnen die möglichst beste Überlebenschance zu bieten (Wuketits 2002: 22-26). Diese Erweiterung sei entscheidend, erkläre sie doch viele sonst nicht zu erklärende Phänomene im Verhalten von Lebewesen im allgemeinem, bis hin zu direkten Entscheidungen bei dem Menschen. Die Mitgliedschaft in solchen Gruppen (und dabei handele es sich immer um Familienverbände) und natürlich besonders die Organisation mit ihren Hierarchien und dem Streben nach hohem Satus, bis hin zu Kooperationen, zum Beispiel bei der gemeinsamen Jagd, setze aber ein gewisses biologisch vordeterminiertes Verhalten voraus, dass zwar bei einigen höher entwickelten Wirbeltieren auch noch fundamental durch Erlerntes ergänzt und den jeweiligen Umweltbedingungen angepasst werde, aber grundsätzlich, und gerade auch bei niederen Lebewesen, genetisch streng geregelt sei. (Flohr 1990: 26-27)

[...]


[1] Reduktionismus : bestimmte Dinge werden z.B. nur von der Neurobiologie erklärt (Duden 2012)

[2] Natürlich wurden auch in den Hochzeiten des Behaviorismus schon ähnliche Vorwürfe laut, die aber an dieser Stelle aus Platzgründen vernachlässigt werden sollen.

[3] Im nächsten Kapitel findet sich der Versuch diese oft synonym verwendeten Begrifflichkeiten etwas zu differenzieren

[4] Für daran weiter Interessierte gibt zum Beispiel Steve Jones mit „Darwins Garten“ ein schön zu lesendes Überblickswerk.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Biopolitics. Wie natürlich ist Demokratie?
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar: Politische Anthropologie
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
19
Katalognummer
V381424
ISBN (eBook)
9783668585867
ISBN (Buch)
9783668585874
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politische Anthropologie, Biopolitics, Demokratie
Arbeit zitieren
Frank Krause (Autor), 2015, Biopolitics. Wie natürlich ist Demokratie?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/381424

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