Der Begriff des Neologismus. Ein Essay


Essay, 2017

10 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Was ist ein Neologismus? Der Ausdruck besteht aus zwei Teilen; dem alt- sowie neugriechischen Wort νέος neos „ neu “ und λόγος logos „ Wort “. Wenn man diesen Fachbegriff germanisiert, kommt man der eigentlichen Bedeutung des Wortes sehr nahe. Von einem „ Neuwort “ bzw. einem „ neuen Wort “ ist die Rede. Schlichtweg handelt es sich um ein lexikalisches Zeichen, das zu einer bestimmten Zeit von der ansässigen Bevölkerung als „ neu “ empfunden wurde oder bereits vorhanden war, aber eine neue Bedeutung erhalten hat.[1]

Somit kann man feststellen, dass die Mitglieder der Gruppe der Wörter, die man als Neologismen bezeichnet, ständig varieren. Abhängig von Zeit und Raum werden neue Wörter als Wortneuschöpfungen bezeichnet, während sich andere Wörter bereits etabliert haben und ihren Weg in das Wörterbuch finden, wodurch sie in einem sich erweiternden Wortschatz aufgenommen werden. Somit steht jeder Text, der sich mit Neologismen beschäftigt, in der potentiellen Gefahr beim Publikationsdatum schon nicht mehr aktuell zu sein. Das rührt daher,dass viele dieser Neubildungen sehr kurzlebig sind und nur kurze Zeit in nennenswertem Gebrauch, was vor allem beim jugendlichen Anteil der Bevölkerung zu beobachten ist.

Dank Hermann Paul (1880/1909) und Willhelm Wilmanns (1899,1), wird seit dem späten 19. Jahrhundert der Ausdruck Neologismus zunehmend differenziert. So unterscheidet man mittlerweile zwischen Neuschöpfung (auch: Wortneuschöpfung, Urschöpfung, Wortneubildung oder Wortschöpfung) und Wortbildung.
Bei der Neuschöpfung handelt es sich um ein komplett neugebildetes Wort, das im Gegensatz zur Wortbildung nicht aus bereits bekannten Morphemen hergeleitet ist und in der Sprache (noch) nicht als bedeutungstragende Elemente enthalten sind, sondern lautlich neu entwickelt wurde. Morpheme sind die kleinsten bedeutungstragenden Spracheinheiten eines Wortes, so lässt sich beispielsweise das Wort „ Stühle “, aus zwei Morphemen aufbauen: { stühl}{-e }, dabei ist { stühl } bzw. { stuhl } der Wortkern mit der Bedeutung „ Möbel mit Sitzfläche und Beinen “ und { -e } ist die Endung mit der Funktion „Mehrzahl“. Bei diesem Beispiel kommt das Morphem, das den Wortkern ausmacht, in zwei verschiedenen Formen vor, den sogenannten Morphen (Vgl.: Stuhl/Stühl).

Neuschöpfungen, die keinen Bezug zu bereits bekannten Morphemen haben, sind in unserer Zeit relativ unbedeutend und nehmen nur eine kleine Rolle ein, im Gegensatz zu den Wortbildungen. Heutzutage werden neue Sprachweisen generell nicht auf diese Art erschaffen(PAUL 1880/1909, 174). Man vermutet jedoch, dass diese Methode der Wortbildung zu Zeiten der frühen Sprachentwicklung von großer Bedeutung war.

Man kann diese Theorie eventuell nachvollziehen, wenn man sich die Häufigkeit von Onomatopoesie in den verschiedensten Sprachen betrachtet. Als Onomatopoesie versteht man die sprachliche Nachahmung von außersprachlichen Schallereignissen bzw. Tonmalerei oder Lautnachahmung.[2] Das Wort setzt sich zusammen aus dem alt-, sowie neugriechischen Wort für „Name“(ὄνομα/ ónoma) und „Erschaffung“ (ποίησις/ poiesis). Beispiele hierfür sind etwa „knallen“, „klirren“, „bellen “ oder „ rauschen “, aber auch die Laute der Tiernamen sind häufig davon beeinflusst, je nachdem welche Geräusche diese Tiere erzeugen. Bei der Onomatopoesie handelt es sich um eine wirksame Vorgehensweise, um leicht einprägsame Neuwortschöpfungen zu erzeugen. Der kreative Charakter dieser Methode zeigt sich auch darin, dass sie häufig von Kindern benutzt wird, um Sachverhalte auszudrücken, für die sie (noch) keine Begriffe kennen oder erlernt haben.

Befassen wir uns jedoch mit dem heutzutage gebräuchlicheren Vorgang; der Wortbildung. Sie kreiert, wie bereits erwähnt, Wörter auf der Basis und mit der Hilfe von Kommunikationsmaterial , wobei auch spezielle Bildungselemente benutzt werden, welche in einem Satz normalerweise nicht einzeln ohne Verbindung zu anderen Wörtern verwendet werden. Als Beispiel könnte man Wörter nennen wie: witter-bar, aus-fragen.

Ähnlich dem Begriff des Neologismus, lässt sich auch die Wortbildung weiter ausdifferenzieren in drei Unterarten, das Semantische Verfahren, das Syntaktische Verfahren und das Morphologisch-strukturelle Verfahren.

Beim Semantischen Verfahren ändert sich der Klang oder das Aussehen des Wortes gar nicht, sondern lediglich die Bedeutung des Wortes ist eine Andere wie zuvor. Ein Beispiel hierfür wäre die Küchenmaschine. So fand sich im Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache noch die Bedeutung „ hoher Küchenherd mit zwei übereinanderliegenden Röhren “, während im neueren Handwörterbuch der deutschen Gegenwartssprache „ elektrisches Gerät mit der Funktion verschiedener Küchengeräte“ als Bedeutung des Wortes aufgeführt wird.[3]

Im Unterschied dazu verändert sich der Wortstamm im syntaktischen Verfahren und lässt somit ein neues Wort entstehen bzw. bewirkt eine Veränderung der Begriffsklasse. Dies hat den Hintergrund, dass dem syntaktischen Verfahren vor allem Änderungen der Wortart zugrunde liegen. Soll bedeuten, dass im Laufe der Zeit zum Beispiel aus einem Verb ein Adjektiv wird, aus einem Adjektiv ein Substantiv oder aus einem Substantiv ein Verb, wie es auch bei dem 2. Platz des Jugendworts 2015 der Fall ist: „ merkeln “. Mit diesem neuartigen Verb wird das Nichtstun oder das Treffen keiner Entscheidung umschrieben. Es ist angelehnt an das Verhalten der aktuellen Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, das von vielen Bürgern als zögerlich und unentschlossen empfunden wird.

Beim morphologisch-strukturellen Verfahren wird jedoch intensiv in die Wortstruktur eingegriffen, indem das Wort gekürzt, erweitert oder auf sonstige Art und Weise verändert wird.

Allgemein kann man das Sprachsystem als eine Hierarchie betrachten, in der es auf den verschiedensten Ebenen Abhängigkeiten gibt. Dasselbe gilt auch für Bildung neuer Wörter.

Dominante Wörter oder Wortteile werden häufiger benutzt, was sozusagen die Selbsterhaltung dieser Wörter an der Spitze fördert, während neu eingeführte Wörter erst etabliert werden müssen, bevor sie überhaupt eine Konkurrenz darstellen.

Dies ist an komplexe gesellschaftliche Prozesse gebunden. So ist einerseits eine Vergrößerung der Menge an Affixen (Vor- oder Nachsilben, die an den Wortstamm angehängt werden[4] ), z. B. „ent-“, „-bar“ bemerkbar, andererseits jedoch auch ein Aussterben von veralteten Affixen. Dies kann beispielsweise geschehen, wenn Affix und Wortbildungsbasis miteinander verschmelzen, wie es bei Gebärde aus dem mittelhochdeutschen gebären, was so viel bedeutet wie „ sich benehmen, verfahren “, der Fall ist. Komplett ausgelöscht ist der Konstruktionstypus von Wörtern wie Zaum zu ziehen, bei denen die Verwandtschaft der beiden Wörter nur schwer erkennbar ist. Eine nähere Beobachtung der zeitlichen Markierungen bei 8500 Stichwörtern im Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache zeigte auf, „ dass die Anteile von Neuaufgekommenem und Zurückweichendem im Wortschatz der Gegenwartssprache sich etwa die Waage halten “ (HERBERG 1976, 2). Bei diesem Sachverhalt darf man das für die Allgemeinsprache typische Teilsystem, das mit Elementen fremdsprachigen Ursprungs auf der Grundlage der Wortbildungsstrukturen des Deutschen operiert, nicht vergessen.[5]

Neuaufgekommenes kann die Appellativierung von Eigennamen sein (Sie werden dadurch zu eigenständigen Gruppenbezeichnungen (Diesel, Röntgen), von größerer Bedeutung sind jedoch Wörter die aus Fremdsprachen entlehnt wurden (Chip, Shop, Pop, Beat, Bonsai, Pizza, Sauna, vgl. FLEISCHER 1988, 288). Mit zunehmender Globalisierung und Vernetzung der modernen Welt, gewinnen auch fremdsprachige Einflüsse dauernd an Relevanz, vor allem in der gesprochenen Sprache. Auch die anglo-amerikanische Dominanz spiegelt sich in der heutigen deutschen Sprache wieder. So sind bei näherer Betrachtung vier von sieben der eben genannten „Neueinführungen“ des deutschen Wortschatzes englischen Ursprungs, sogenannte Anglizismen.

Auf einer lexikalischen Ebene sind die Veränderungen des Deutschen, die in jüngster Zeit festgestellt worden sind, schnell entstanden, können jedoch genauso schnell wieder verschwinden oder ersetzt werden, weil sie irrelevant geworden sind. power walking oder superfood sind das Ergebnis kurzlebiger Werbekampagnen und Modetrends.[6]

Neue Bedeutungen, die zum semantischen Verfahren der Wortbildung gezählt werden, wurden ebenfalls vielfach aus dem Englischen adoptiert, sind aber häufig nur schwer zu enttarnen. Beispiele hierbei wären; hatten Sie Spaß?; es macht keinen Sinn.

Anglizismen werden auch unter dem Begriff Denglish zusammengefasst. Heutzutage hört man überall Englisch, sei es in der Werbung, in der Wirtschaft oder im Elektronikfachhandel. Somit sind die Denglish-Wörter in den verschiedensten Nischen der Bevölkerung bekannt und finden Benutzung, um das In-Sein oder das Prestige des Sprechers zu erhöhen.

[...]


[1] 1 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Neologismus Abrufdatum: 11.10.2017

[2] Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Onomatopoesie Abrufdatum: 10.10.2017

[3] Vgl. BARZ, IRMHILD/ FLEISCHER, WOLFGANG (1995), Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache. Leipzig.S.6

[4] 4 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Affix_(Linguistik) Abrufdatum: 27.07.2017

[5] Vgl. BARZ, IRMHILD/ FLEISCHER, WOLFGANG (1995), Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache. Leipzig.S.288

[6] Vgl. HINRICHS, UWE (2013), Multi Kulti Deutsch; Wie Migration die deutsche Sprache verändert. München, C.H.Beck oHG. S.226

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Details

Titel
Der Begriff des Neologismus. Ein Essay
Hochschule
Staatliche Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe
Veranstaltung
Kunstdidaktisches Seminar
Note
2,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
10
Katalognummer
V382029
ISBN (eBook)
9783668579248
ISBN (Buch)
9783668579255
Dateigröße
794 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
begriff, neologismus, essay
Arbeit zitieren
Adrian Wußler (Autor:in), 2017, Der Begriff des Neologismus. Ein Essay, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/382029

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