Alternatives Leben. Der Einfluss der Literatur von Hermann Hesse auf die Hippiebewegung


Bachelorarbeit, 2013
47 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung .

2. Die Hippiebewegung.
2.1 Vorläufer, Vorbilder und Entstehung...
2.2 Gründe für das Aussteigen und Ziele der Bewegung...
2.3 Charakteristika
2.3.1 Grundwerte und Ideale
2.3.2 Lebensformen..
2.3.3 Drogengebrauch und Spirituelles

3. Rezeption Hesses in den USA...

4. Die Ideale und Werte der Hippies in Hesses Literatur
4.1 Außenseitertum und Gesellschaftskritik..
4.2 Das Individuum und seine Entwicklung..
4.3 Östliche Weisheit.
4.4 Natur und Pantheismus.
4.5 Ehe und Sexualität
4.6 Androgynie...
4.7 Erziehung und Bildung
4.8 Bewusstseinserweiternde Drogen.
4.9 Gewalt und Krieg.
4.10 Alternative Lebensformen..

5. Hesse als Vorreiter der Hippiebewegung..

6. Schlussbemerkungen. 41 Literaturverzeichnis...

1. Einleitung

Als Hermann Hesse 1946 der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde, war er in den Vereinigten Staaten noch so gut wie unbekannt. Rund zwanzig Jahre später jedoch nannte sich eine amerikanische Rockgruppe Steppenwolf, nach seinem bereits 1927 erschienenen Roman. Ein ehemaliger Harvard-Professor bezeichnete ebendieses Werk als sein Lieblingsbuch (vgl. Mayr 2000, 30). Eine plötzliche Begeisterung für Hesse brach aus und der deutsche Schriftsteller wurde zu einer Art Idol der gegenkulturellen Hippiebewegung. Weshalb die Hippies sich zuneh- mend für Hesses Literatur interessierten und glaubten, darin eine Bestätigung ih- rer eigenen Vorstellungen zu finden, versucht die vorliegende Arbeit herauszustel- len.

Der erste Teil der Arbeit befasst sich mit der Hippiekultur selbst, deren Entstehung zunächst genauer beschrieben wird, bevor die Lebensformen der Hippies, insbesondere ihre Werte und Ideale, konkreter erläutert werden. Darüber hinaus wird näher auf die Rezeption Hesses in den USA eingegangen, die ihren Höhepunkt in den sechziger Jahren erreichte.

Den zweiten Teil und Schwerpunkt der Arbeit stellt ein Vergleich der zuvor be- schriebenen Hippiekultur mit der Literatur Hesses dar. Anhand verschiedener As- pekte, wie dem Verhältnis zur Gesellschaft, der Rolle des Individuums, der Ein- stellung zur Natur oder zum Krieg, sollen Parallelen bzw. Unterschiede zwischen den von Hesse beschriebenen Lebensformen und denen der Hippies herausgear- beitet werden. Den Hippies wird häufig nachgesagt, sie hätten Hesse nicht richtig verstanden, da sie weder über die Entstehungsgeschichte seiner Werke Bescheid wussten, noch über „die Gedanken, in welchen er lebte, oder seine Stellung inner- halb der europäischen Geistes- und Kulturgeschichte“ (Haines 1975, 389). Ihr Verständnis wird dabei als oberflächlich dargestellt, lediglich basierend auf Ar- gumenten wie dem Drogengebrauch im Steppenwolf, Hesses Orientalismus oder der Abkehr von städtischen Lebensweisen (vgl. ebd.). Ziel dieser Arbeit ist es jedoch zu zeigen, dass es weitaus mehr Parallelen zwischen Hesses Literatur und der Hippiekultur gibt, als die soeben genannten und dass die Anhänger der Ge- genkultur deshalb glaubten, in Hesse eine richtungsweisende Persönlichkeit ge- funden zu haben.

Während zunächst allein Hesses Werk betrachtet wird, befasst sich das letzte Ka- pitel mit dem Leben des Hippie-Idols. Auch hier findet wieder ein Vergleich mit den Eigenschaften der Hippiebewegung statt, der Aufschluss darüber geben soll, inwieweit man Hesse selbst als einen Vorreiter der Hippies bezeichnen könnte.

2. Die Hippiebewegung

Etwas zugespitzt waren die Hippies, aus Sicht der bürgerlichen Gesellschaft, faule Rebellen, die lumpige Kleidung trugen und sich stets mit bewusstseinserweitern- den Drogen berauschten. In diesem Kapitel soll jedoch gezeigt werden, welche Gedanken sich hinter der sonderbaren Aufmachung verbargen, über welche As- pekte der modernen Gesellschaft sie sich empörten, was sie mit ihrer antibürgerli- chen Haltung erreichen wollten und dass der Gebrauch von Drogen wie Marihua- na und LSD nicht nur mit der Freude am Rausch, sondern ebenso mit dem Ge- danken einer neuen Form von ‚spiritueller Erfahrung‘ verbunden war. Bevor die Grundideen der ‚Hippie-Philosophie‘ sowie die Absichten der Revolte erklärt werden, sollen die Vorbilder und Vorläufer der Hippies vorgestellt werden.

2.1 Vorläufer, Vorbilder und Entstehung

Viele Wissenschaftler weisen darauf hin, dass die Gegenkultur der sechziger Jahre keine vollkommen neue Erscheinung war. Vielmehr ist der Konflikt zwischen den Generationen „eine der vertrauten Konstanten im menschlichen Zusammenleben“ (Roszak 1973, 19). Fred Haines, der Hermann Hesses Steppenwolf verfilmte, merkt jedoch an, dass die Hippiebewegung sich von anderen Gegenkulturen durch die Anzahl ihrer Anhänger unterschied, denn eine ganze Generation Jugendlicher habe sich zum Hippietum bekannt (vgl. Haines 1975, 389). Auch die ‚Philoso- phie‘ der Hippies brachte keine wirklich neuen Aspekte, sondern griff auf ver- schiedene Theorien und soziale Bewegungen der Geschichte zurück. Zu ihren Vorbildern gehörten unter anderem Gautama Buddha, Jesus Christus, Franz von Assisi und Mahatma Gandhi (vgl. Bonn 1968, 15). Deutliche Parallelen zeigten sich außerdem zur Epoche der Romantik, aufgegriffen wurden aber auch Elemen- te aus fernöstlichen Religionen sowie aus frühchristlichen Bewegungen.

Im Allgemeinen zeichnen sich die Vorbilder der Hippies dadurch aus, dass man sie als gesellschaftliche Außenseiter betrachten könnte. Viele Anhänger der Be- wegung bezeichneten Jesus als den ‚ersten Hippie‘, da er durch seine Lebensweise für sie einen der ersten Aussteiger und Revolutionäre darstellte (vgl. Mayr 2000, 20). Nicht nur sein Leben in Besitzlosigkeit und das Predigen der Liebe deckten sich mit ihren Idealen, auch das äußere Erscheinungsbild - der Bart , lange Haare und die Sandalen - ähnelte dem der Hippies. Mit Jesus verbanden sie jedoch nicht das herkömmliche Bild, wie es im Christentum und in der amerikanischen Kirche vertreten wurde, sondern entwickelten ihre eigene Vorstellung:

„To them, Jesus was not a stoic, stodgy, safe person. He was wild, dangerous, rock star of a God whose existence and message could do nothing other than routinely turn the establishment upside down.“ (McCracken 2010, 81).

Ferner gehörte Franz von Assisi zu den Idolen der Hippies. Der reiche Kauf- mannssohn legte der Sage nach seine teure Kleidung ab und bevorzugte ein Leben in Armut und Askese (vgl. Mayr 2000, 20). Die Anhänger der Hippiebewegung kamen ebenfalls größtenteils aus wohlhabenden Familien, lehnten den Reichtum jedoch ab und machten die Besitzlosigkeit zu ihrem Ideal. Wie Franziskus damals durch das Ablegen seiner Kleider schockierte, so wollten die Anhänger der Ge- genkultur in den Sechzigern „mit der bizarren Hippie-Kostümierung ihre Eltern und Lehrer herausfordern“ (Bonn 1968, 18). Während von Assisi das Betteln je- doch als ein Mittel der Selbstdemütigung erachtete, war es für die Hippies ein Anspruch an die Wohlhabenden, der ihnen zustand (vgl. ebd.). Übereinstimmung findet sich wiederum in Hinblick auf die Bildung, denn während Assisi ‚geistige Genügsamkeit‘ verurteilte und seinen Anhängern vom Studium abriet, lehnten die Hippies formale Erziehung ab (vgl. ebd.). Ferner war eine wichtige Eigenschaft des Franziskus seine Liebe zur Natur, zu Tieren und Pflanzen, die auch in der Hippiekultur von großer Bedeutung war.

Deutliche Ähnlichkeit hatte die Bewegung außerdem mit der Epoche der Roman- tik. Dazu gehörten beispielsweise ein ausgeprägtes Interesse für das Unterbewuss- te und das Phantastische, die Gefühlsbetontheit im Gegensatz zur Rationalität, das Wandermotiv und der Symbolgehalt der Blume. Ferner waren das Mystische in der Natur und das gesellschaftliche Außenseitertum, die von den Hippies themati- siert wurden, wichtige Themen der Romantik. Während es in der Romantik der Künstler selbst bzw. der Held eines literarischen Werks war, der sich außerhalb der Gesellschaft sah, versuchte in den sechziger Jahren ein Großteil der Jugendli- chen aus der bürgerlichen Gesellschaft auszutreten, um eine alternative Gemein- schaft der Aussteiger zu bilden.

Als einen unmittelbaren Vorläufer der Hippiebewegung könnte man die in den 1950ern entstandene ‚Beat Generation‘ bezeichnen. Diese war zwar ebenfalls eine soziale Bewegung, bekannt waren die ‚Beatniks‘ jedoch hauptsächlich für ihre literarischen Werke. Zu den bekannten Schriftstellern gehörten Jack Kerouac, Allen Ginsberg und William Burroughs. Während Kerouac durch seine Romane bedeutend für die Hippies wurde, wirkte Ginsberg selbst in der späteren Bewe- gung mit und nahm für die Jugendlichen, neben einer Handvoll anderer Erwach- sener, die Rolle eines ‚Mentors‘ ein. Die Beatniks hatten eine kritische Einstel- lung gegenüber Amerika, die beispielsweise in Jack Kerouacs Roman ‚On the Road‘ deutlich wird. Er bemängelt, dass die amerikanische Gesellschaft dem In- dividuum keinen Raum für seine persönliche Freiheit und Sinnsuche lasse, son- dern sich immer mehr zu einem militärischen Polizeistaat entwickle (vgl. Mayr 2000, 19). Ebenso wird in dem Roman, wie auch in anderen Werken der Beatniks, das gesellschaftliche Versagen und das Außenseitertum thematisiert. Die Beaniks hoben sich bereits durch ihr unkonventionelles Erscheinungsbild ab, da ihre Klei- dung von der Mittelklasse als ‚schäbig‘ betrachtet wurde und Männer häufig lange Haare und einen Bart trugen (vgl. ebd., 17). Ihre antibürgerliche Position zeigte sich unter anderem in ihrem Interesse für Zen-Buddhismus sowie die Mythen und Rituale primitiver Kulturen, die eine Gegenposition zum puritanischen Glauben darstellten (vgl. ebd., 18). Ferner experimentierten und sprachen sie zum ersten Mal offen über halluzinogene Drogen und pflegten einen ‚freizügigen Umgang‘ mit Sexualität (vgl. Hieber / Villa 2007, 125). Sie lehnten bürgerliche Tugenden wie Ordnung, Sauberkeit, Sparsamkeit und Fleiß ab, stattdessen machten sie Unkonventionalität, Spontaneität und Kreativität zu ihren Idealen (vgl. Kästner 2003, 3). Darüber hinaus gehörten zu den Vorlieben der Beatniks das Rauchen von Marihuana, Wandern und Trampen, Malerei und der Cool-Jazz (vgl. ebd., 17). Die Beatniks waren in der Regel sehr belesen, zu ihrem Repertoire gehörten nicht selten Werke von Sigmund Freud oder Ernst Cassirer. Das Leben war für sie eine Art ‚Entdeckungsfahrt‘, bei der sie sich auf der ständigen Suche nach dem wahren Ich befanden (vgl. ebd., 18). Die Hippiebewegung knüpfte an viele As- pekte der Beat Generation an, die von der antibürgerlichen Position über den Ge- brauch von Drogen bis hin zum Interesse für östliche Weisheit reichten. Dennoch gab es deutliche Unterschiede zwischen beiden Gruppen. Während die Beatniks einen ‚introvertiert-grübelnden‘ Habitus annahmen und bevorzugt schwarze Klei- dung trugen, charakterisierte die Hippies eine ‚optimistische Fröhlichkeit‘, die sie auch nach außen hin, in Form von leuchtend bunten Farben und lebhaften Mus- tern zeigten (vgl. Hieber / Villa 2007, 125). Ferner hatte die Anhängerschaft der Hippiekultur einen viel größeren Umfang als die der Beat Generation, weshalb den Hippies ganz andere Formen der Organisation möglich waren, als zuvor den Beatniks (vgl., ebd.).

Der Begriff Hippie geht ebenfalls auf die Beatbewegung zurück. Er leitet sich vom englischen Adjektiv hip her und bezeichnet eine Person, die ‚den Durch- blick‘ hat (vgl. Kästner 2003, 2). In den 1950er Jahren wurde erstmals der Begriff Hipster verwendet, um die Anhänger der Protestbewegung zu benennen. Das Zentrum der Hippiebewegung, von wo aus sie sich schließlich verbreitete, war Haight Ashbury, ein Stadtteil San Franciscos. Aufgrund niedriger Mietpreise hatte sich dort bereits eine Künstlerkolonie angesiedelt, zu der auch zahlreiche Beatniks gehörten (vgl. Mayr 2000, 45). Einen Umschwung sieht der Soziologe Franz Wil- helm Mayr im Jahr 1964, denn zu diesem Zeitpunkt wurde in Haight Ashbury der Gebrauch von Meskalin, LSD und anderen halluzinogenen Drogen vom Großteil der Bewohner akzeptiert (vgl. ebd.). Auch wenn keine klare Einstimmung über den Beginn der Bewegung herrscht, so wird häufig der Zeitraum zwischen 1965 und 1968 als die ‚Blütezeit‘ der Hippiekultur bezeichnet (vgl. Kästner 2003, 2). In diesem Zeitraum wurde das Wort Hippie zum ersten Mal gebraucht, der erste ‚Psychedelic Shop‘ eröffnete in Haight Ashbury und 15.000 Leute zogen in das Viertel zu (vgl. Mayr 2000, 45).

Die Hippiekultur griff auf viele Epochen zurück und bildete daraus ihre eigene ‚Philosophie‘. Dabei war der romantische ‚Outsider‘ von besonderer Bedeutung, denn die Hippies selbst sahen sich ebenfalls als Außenseiter der amerikanischen Gesellschaft, von der sie sich zusätzlich zu isolieren versuchten. Bevor die Bewe- gung genauer charakterisiert wird, sollen im nächsten Abschnitt die Motive für das Aussteigen und die Ziele, die damit verfolgt wurden, dargelegt werden.

2.2 Gründe für das Aussteigen und Ziele der Bewegung

Die Gründe für das Aussteigen der Hippies waren nicht immer eindeutig, standen aber zumeist in Zusammenhang mit der von den Jugendlichen ‚ungeliebten Ge- sellschaft‘ (vgl. Mayr 2000, 26). Manchmal wurde als Begründung für das Aus- steigen gezielte Gesellschaftskritik genannt, andere wiederum waren resigniert darüber, dass sie die Gesellschaft ohnehin nicht von innen her verändern konnten (vgl. ebd.).

Die Journalistin Gisela Bonn hielt sich während einer Reise in den USA für mehrere Tage in Haight Ahsbury auf und beschreibt die dort gesammelten Erfahrungen in ihrem Buch ‚Unter Hippies‘. Die Gründe dafür, weshalb die Jugendlichen nach Haight Ashbury kamen, fasst sie wie folgt zusammen:

„Viele bekennen, daß sie an einer inneren Leere litten, an einer unerklärbaren Unruhe, ehe sie sich entschlossen, aus der Schule, aus der Familie auszubrechen. Andere sind nichts als Verführte, als kleine Abenteurer, die großen Gangstern in die Hände fielen. Sie kamen das erste Mal aus Neugierde, heimlich, wenn Daddy noch im Geschäft arbeitete, und Mumie wie stets in sozialen Verpflichtungen verstrickt war.“ (Bonn 1968, 40)

Es wird deutlich, dass die Gesellschaftskritik nicht für alle Jugendlichen von glei- chem Gewicht war. Einige wurden auch von dem Drang, sich in einer Gruppe Gleichaltriger zu bewähren, angezogen (vgl. ebd.). Die Suche nach dem Selbst, nach der eigenen Identität, war ein zentraler Aspekt der Bewegung. Von den El- tern fühlten sich die Jugendlichen häufig vernachlässigt und unverstanden sowie in der persönlichen Entwicklung nicht ausreichend unterstützt (vgl. Coulter 1969, 69f.). Das Gefühl von Gemeinschaft konnten sie im familiären Umfeld nicht mehr finden und suchten es daher unter Gleichgesinnten. Der Sozialwissenschaftler Charles A. Reich sieht die Ursache dafür, dass die Suche nach der eigenen Identi- tät den amerikanischen Jugendlichen so schwer fiel, mitunter in der zunehmenden Technokratisierung und Bürokratisierung der USA:

„Organization an bureaucracy, which are applicants of technology to social institutions, increasingly dictate how we shall live our lives, with the logic organization taking precedence over any other values.“ (Reich 1970, 7)

Der Fortschritt der Technik, der das Leben eigentlich erleichtern sollte, machte den Menschen nach Ansicht der Hippies zum ‚Sklaven‘ seiner Arbeit und hatte darüber hinaus negative Auswirkungen auf die Natur (vgl. Miller 1999, 157). Durch die Bürokratie wurde das Leben immer unpersönlicher und das Individuum zurückgedrängt. Bereits in der Schule ersetzte Rationalität die Vorstellungskraft, Kreativität und Träume des Einzelnen, um ihn für die uniforme, technokratische Massengesellschaft zu formen (vgl. ebd., 9). Der Unmut über diesen Zustand wird besonders im Zitat eines jungen Hippies deutlich:

„Wir werden gelebt, wir werden gedacht. […] Wir Jungen wollen das nicht. Wir wollen selbst leben und selbst denken. Wir wollen selbst bestimmen, wie wir leben möchten. Wir existieren bis jetzt nur. In dieser verrotteten Gesellschaft leben wir nicht […].“ (Coulter 1969, 70)

Durch den technischen Fortschritt ist die Moderne geprägt von einem ständigen Wandel, der auch den ethischen und politischen Bereich umfasst. Diese Verände- rungen forderten von den Jugendlichen ständige Anpassung, was bedeutete, dass sie ihr Leben ‚durchhasteten‘, statt es im ‚humanistischen Sinne‘ auszuleben (vgl. Bonn 1968, 21). Die Jugendlichen mussten erkennen, dass, im Vergleich zur enormen technischen und wissenschaftlichen Entwicklung, das spirituelle und geistige Gebiet im Rückschritt war (vgl. ebd., 16). Diesen Rückschritt versuchten die Jugendlichen durch die Hingabe an die ‚Kreativität des Natürlichen‘ auszu- gleichen und räumten gleichzeitig dem Gefühl den Vorrang gegenüber dem Den- ken ein (vgl. Mayr 2000, 115). Neben der jugendlichen Sinnsuche war die Unzu- friedenheit mit der Regierung ein wesentlicher Beweggrund für das Aussteigen, wie die Aussage eines Jugendlichen zeigt:

„Wir brauchen eine Regierung von Menschen, die unsere Probleme kennen. Die Regierung, die wir jetzt haben, landet mit ihrer Politik doch nur im Krieg und in der Gewaltanwendung“ (Coulter, 1969, 69).

Die amerikanische Nation wurde von einer politischen und ökonomischen Elite angeführt, die aus Sicht der Jugendlichen nicht fähig war, Zufriedenheit zu erlan- gen, sondern stattdessen kleine Länder bekriegte, Minderheiten unterdrückte und dazu beitrug, dass sich Armut immer mehr verbreitete (vgl. Miller 1999, 151).

Im Hinblick auf die sechziger Jahre in den USA wird immer wieder der Begriff ‚Gegenkultur‘ verwendet, um die Personen zu erfassen, die sich gegen die Regie- rung und insbesondere gegen die bürgerliche Mittelklasse richteten. Der Begriff erweckt den Eindruck, es hätte sich dabei um eine homogene Gruppe gehandelt, obwohl es tatsächlich verschiedene Strömungen waren, die verschiedene Ziele mit unterschiedlichen Mitteln verfolgten. So ist eine klare Unterscheidung zwischen den Hippies und der studentischen Neuen Linken zu treffen, denn während letzte- re aktiven Protest betrieben, betrachteten sich die Hippies als apolitisch1. Den Versuch, die Gesellschaft aktiv zu verändern, hatten sie bereits aufgegeben. Ihr bisheriger Protest, der sich insbesondere auf das Stoppen des Vietnamkriegs be- zog, war erfolglos geblieben. Sie setzten sich daher keine politische Revolte im eigentlichen Sinne als Ziel, sondern predigten stattdessen Passivität:

„The quickest, healthiest most effective way to change our society is to turn on, tune in, drop out! […] To protest as we have been is to nourish the system that is waging war degrading people. Effective protest is not in proclaiming the faults of the system, but in surviving independent of the system.“ (Thelin 1966, 2).

Sie gaben den aktiven Protest auf, um sich soweit wie möglich von der ‚kranken‘ Gesellschaft zu isolieren (vgl. Mayr 2000, 21). Dennoch blieben Versuche nicht aus, auf die Gesellschaft zurückzuwirken, jedoch fand dies nicht in Form von her- kömmlichen Demonstrationen statt. Das Mittel der Hippies war die Liebe, mit der sie allen Mitmenschen begegneten und durch die sie andere von einem Leben in Freundschaft, Gewaltlosigkeit und gegenseitiger Toleranz zu überzeugen versuch- ten (vgl. Bonn 1968, 33). Der Grundgedanke dieser passiven Revolte ist zurück- zuführen auf Allen Ginsberg, der eine zentrale Figur der Bewegung darstellte. In seinem 1966 erschienenen Gedicht schlägt er vor, dass man den kämpferischen Zug von Demonstrationen aufgeben müsse, um stattdessen eine Atmosphäre der Friedfertigkeit zu schaffen. Dadurch solle die ‚Verhärtung‘ des Gegners verringert und ihm außerdem keine Möglichkeit zu einem Gegenangriff geboten werden (vgl. Roszak 1973, 218ff.).

Die Hippiebewegung als eine Gegenposition zum Bürgerlichen entstand haupt- sächlich aus dem Grund, dass eine Generation Jugendlicher sich mit den Werten ihrer Eltern sowie dem Handeln der Regierung nicht identifizieren konnte und nicht akzeptieren wollte. Als einzige brauchbare Lösung erschien ihnen die Isola- tion von dieser Gesellschaft. Verschiedene Motive bewegten die jungen Men- schen nach Haight Ashbury, wo die Bewegung ihren Anfang nahm. Um den Rest der amerikanischen Gesellschaft von ihren Idealen zu überzeugen, boten sie je- doch „nichts als ihr Beispiel an“ (Bonn 1968, 10). Sie versuchten, eine alternative Gemeinschaft aufzubauen, in der andere Ideale als in der bürgerlichen Mittelklas- se herrschten. Diese Ideale, die daraus folgenden Konsequenzen für das Handeln der Hippies sowie die Gestaltung des Zusammenlebens im Allgemeinen, sollen im nächsten Kapitel konkreter erläutert werden.

2.3 Charakteristika

Die Hippiekultur war hauptsächlich eine Bewegung Jugendlicher, die zumeist der Mittelklasse entstammten, oft sogar wohlhabende Eltern hatten (vgl. Issitt 2009, 62). Es wurde bereits erwähnt, dass ihre ‚Philosophie‘ Elemente verschiedener Kulturen und vorausgegangener Bewegungen beinhaltete. Im nächsten Abschnitt soll zunächst erläutert werden, welche Werte für die Hippies von Bedeutung wa- ren und welche Konsequenzen sie daraus zogen. Danach sollen die Lebensformen der Hippiekultur genauer betrachtet werden, insbesondere das Leben in Kommu- nen. Der letzte Abschnitt befasst sich mit dem Gebrauch von Drogen und dem damit in engem Zusammenhang stehenden Interesse am Spirituellen sowie den asiatischen Religionen und Denkweisen.

2.3.1 Grundwerte und Ideale

Die Hippies ließen Karriere und Wohlstand zurück und ersetzen sie durch ihre Ideale „vom Nichtstun, von freiem Sex und allumfassender Liebe, von Ehrenhaf- tigkeit und Frieden […]“ (Bonn 1968, 10). Die Liebe war einer der höchsten Wer- te. Mit dieser Liebe gingen das Streben nach Frieden und die Ablehnung jeglicher Gewalt einher. Liebe war außerdem der einzige Weg, um die Probleme in der Welt zu lösen (vgl. Mayr 2000, 20). Liebe und Frieden repräsentierten die Hippies nach außen hin durch das Symbol der Blume, wie eine Jugendliche äußerte: „Blumen sind schön, so wie die Liebe schön ist; sie bedeuten innerlichen Frieden“ (Coulter 1969, 10). Die Idee der Liebe war dabei sehr vielschichtig und umfasste zahlreiche Aspekte des Lebens. In Hinblick auf die Mitmenschen bedeutete Liebe auch, dass man nicht in das Leben eines anderen eingriff, dass man zwar sein ‚ei- genes Ding‘ tat, aber dabei niemanden verletzte und andere in ihrer Andersartig- keit tolerierte (vgl. Bonn 1968, 44). Ihrem Ideal nach würde die ‚interkontinenta- le, universale‘ Liebe eines Tages die Grenzen zwischen Nationen, Rassen und Religionen aufheben (vgl. ebd., 33).

Die Liebe brachten die Hippies jedoch nicht nur den Menschen, sondern allen Lebewesen entgegen, auch Tieren und Pflanzen. Zahlreiche Schriften der Hippies kritisieren die Technik und die Zerstörung der Natur. Ihr Ziel war es, in Harmonie mit der Natur zu leben, denn sie betrachteten sich nicht als Herrscher über sie, sondern vielmehr als einen Teil von ihr (vgl. Miller 1999, 92). Diese Betrach- tungsweise wird besonders deutlich in einem Zitat aus dem San Francisco Oracle, der Zeitschrift des ‚Underground‘: „Were Man to destroy Nature he would destroy himself; were Nature to destroy Man she would profit by the gesture“ (Levine 1966, 18). Dem Naturverständnis der Hippies haftete etwas Mystisches an, dazu gehörten unter anderem pantheistische Vorstellungen und Elemente aus der indianischen Kultur sowie der asiatischen Metaphysik. Manche Hippies ver- suchten ihre Abgrenzung zur Gesellschaft und im Gegenzug ihre Verbundenheit zur Natur dadurch zu verdeutlichen, dass sie sich nach Pflanzen oder Tieren um- benannten (vgl. Epstein 1991, 50). Auch der Gebrauch von Drogen, dessen Hin- tergrund später genauer erklärt wird, stand in Zusammenhang mit dem Naturver- ständnis. Das Konsumieren von Marihuana wurde als ein Mittel gesehen, um die ‚natürliche Ordnung‘ der Welt verstehen zu können (vgl. Miller 2011, 14). Teil dieses Naturverständnisses war auch die Idee der Rückkehr zu den ‚Wurzeln‘, die besonders in der späten Phase der Bewegung ihren Ausdruck in den Landkommu- nen fand, wo ein ‚Klan‘ sein eigenes Gemüse anbauen, frische Luft atmen und in unmittelbarer Nähe zur Natur sein konnte (vgl. Miller 2011, 78).

Zu den wichtigsten Idealen zählte ferner die Freiheit und damit einhergehend die freie Entfaltung des Individuums. Die Suche nach der eigenen Identität war einer der Beweggründe der Jugendlichen gewesen, aus dem Leben der bürgerlichen Mittelklasse auszusteigen. Von dieser versuchten sie sich nicht nur durch neue Ideale, sondern auch durch ihr äußeres Erscheinungsbild abzugrenzen. Sie liefen meist barfuß oder in Sandalen, trugen auffällige Kleidungsstücke in leuchtenden Farben sowie diverse Schmuckstücke, die oftmals aus anderen Kulturen, wie Indi- en oder Marokko, stammten. Häufig bemalten sie ihre Gesichter bunt und trugen ihr Friedenssymbol der Blume im Haar oder als Kette um den Hals. Den Kontrast zum Bürgerlichen verstärkte, dass unter den Hippies nicht nur Frauen, sondern auch Männer lange Haare trugen. Als eine grundlegende Freiheit in einer ‚freien Gesellschaft‘ betrachteten sie es außerdem, sich nackt in der Öffentlichkeit zeigen zu dürfen (vgl. Miller 2011, 32).

Zum Individualismus der Hippiebewegung gehörte die Suche nach dem eigenen Selbst. Der von den Hippes häufig verwendete Satz ‚Do your own thing‘ drückt laut Mayr einen zentralen Aspekt ihrer Moral aus (vgl. Mayr 2000, 20). Bonn schreibt von einem ‚ungeschriebenen Hippie-Kodex‘, in dem zur Suche nach dem ‚Weg nach innen‘ aufgefordert wird. Man solle nach seiner Natur leben, wo immer es einem beliebe, aber dabei niemanden verletzen (vgl. Bonn 1968, 44). Bei der Suche nach dem ‚Inneren‘ spielten sowohl der Gebrauch von Drogen als auch östliche Meditationsübungen und spirituelle Vorstellungen eine Rolle, was im Kapitel Drogengebrauch und Spirituelles genauer erläutert werden soll. Anzumerken ist zum Individualismus der Hippies jedoch, dass die gemeinschaftlichen Werte stets über den persönlichen Belangen standen.

Nacktheit und ein freier Umgang mit Sexualität basierten auf den Werten der Freiheit und Lebensfreude. Das freiere Verhältnis zur Sexualität war bereits von den Beatniks thematisiert worden, die Hippies versuchten endgültig mit der ‚puri- tanischen Lüge aufzuräumen‘ (vgl. ebd., 39). Laut eines Jugendlichen steht das Geschlechtliche in keinem Zusammenhang mit der ‚falschen‘ Moral der amerika- nischen Gesellschaft:

„Der Hungernde wird aufsässig, der sexuell Unterernährte verkrampft und böse und schließlich zum körperlichen, geistigen und seelischen Krüppel. Eure Gesetze sind von solchen Krüppeln gemacht - von Lüstlingen mit Verdrängungen. Sie verlangen Zölibat, Monogamie, alles Unsinn.“ (Bonn 1968, 39)

Mit dem Grundsatz der ‚freien Liebe‘ sollte jedem Individuum das Recht gegeben werden, eigenständig über seine Sexualpartner und seine Beziehungen zu ent- scheiden. Besonders in den Kommunen war die Sexualität ein wichtiger Aspekt:

„Many of the secular communes - and some religious ones - rejected exclusivity and pro- moted (or at least tolerated) multilateral and serial relationships. A few went further, mak- ing group marriages central to what the commune was all about.“ (Miller 1999, 134)

Die freie Liebe oder freie Sexualität brachte neue Beziehungsformen hervor. Ob- wohl der Großteil der Hippies, zumindest in den Anfängen der Bewegung, Mono- gamie als das Prinzip des Bürgerlichen ablehnte, wurde eine monogame Bezie- hung nicht zwangsläufig ausgeschlossen. In einem Artikel aus dem San Francisco Oracle beschreibt der Autor Carl Rogers seine Vorstellungen darüber, wie die Gesellschaft nach den Idealen der Hippies im Jahr 2000 aussehen könnte. Dabei spricht er sich zum einen für eine neue Form von Ehe aus, die nicht unbedingt lang andauern müsse und in der die Partner kinderlos bleiben könnten (vgl. Ro- gers 1968, 8). Ferner solle es Ehepartnern selbst überlassen sein, sexuelle Treue zu einem Kriterium der Ehe zu machen oder nicht.

[...]


1 Erst mit der Zeit, gegen Ende der Bewegung, bildete sich ein politischer Zweig heraus, der Ideen der Hippies und der studentischen Linken vermischte, die sogenannten ‚Yippies‘ (vgl. Mayr 2000, 36).

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Alternatives Leben. Der Einfluss der Literatur von Hermann Hesse auf die Hippiebewegung
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
47
Katalognummer
V383016
ISBN (eBook)
9783668584655
ISBN (Buch)
9783668584662
Dateigröße
741 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
alternatives, leben, einfluss, literatur, hermann, hesse, hippiebewegung
Arbeit zitieren
Laura Horst (Autor), 2013, Alternatives Leben. Der Einfluss der Literatur von Hermann Hesse auf die Hippiebewegung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383016

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