Zu Beginn der 1470er Jahre wird von Anton von Pforr "Das Buch der Beispiele der alten Weisen" angefertigt. Es handelt sich dabei weitgehend um die Übersetzung des indischen Pancatantra aus den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung. Diesen Text überträgt Pforr aus einer lateinischen Vorlage ins Deutsche. Kann man davon ausgehen, dass der gelehrte Abkömmling eines Breisacher Patriziergeschlechts den Auftrag zu dieser Übersetzung von dem württembergischen Fürsten Eberhard im Bart und dessen Mutter Mechthild von Rottenburg erhielt, so stellt sich doch die Frage, wie es zu diesem lebhaften Interesse an dem indischen Fabelbuch kommen konnte. Ist dieses Interesse doch durch die Herstellung mehrerer aufwendig illuminierter Handschriften sowie zweier Drucke, zu Beginn der 1480er Jahre, ebenfalls in fürstlichem Auftrag, gut dokumentiert.
Entgegen der geäußerten Vermutung, der ursprüngliche Anlass für das Übersetzungsprojekt und die Herstellung einer mit Bildern versehenen Handschrift lasse sich nicht mehr rekonstruieren, wird hier versucht eben diese Frage durch Rückgriff auf verfügbare historische Informationen zu beantworten. Eine Intrige an einem der württembergischen Höfe wird so fassbar, deren starke Ähnlichkeit mit den im "Buch der Beispiele" erzählten höfischen Intrigen offenbar Anton von Pforr motivierte, ein Übersetzungsprojekt in Angriff zu nehmen. Intrigant, Intrigenopfer und andere Mitglieder des Hofes in der historischen Realität können so benannt werden und die Absicht, die für die Herstellung der ersten Handschrift verantwortlich war, kann so verständlich werden.
In den bereits vorliegenden ausführlichen Interpretationen des BdB wird das Interesse am Werk mit einem sich entwickelnden neuzeitlichen Geist in Verbindung gebracht, dem Bedürfnis durch nüchtern illusionslose Erzählungen ein ungeschminkt realistisches Bild von den gesellschaftlichen Verhältnissen geboten zu bekommen, wie dieses später von Machiavelli entworfen wird. Das Maß an Skrupellosigkeit, Gewalttätigkeit und erfolgreicher Intrige, welche das Fabelbuch bietet, könnte eine solche Deutung nahelegen. Diese Studie kommt jedoch zu einem anderen Ergebnis. Das BdB wird von den Initiatoren der Übersetzung als Zeugnis für verworfen brutale gesellschaftliche Verhältnisse verstanden. Dem BdB kommt somit die Funktion zu ein abschreckendes Beispiel zu sein, als Warnung zu dienen und Aufforderung zu sein, die eigenen kulturellen Standards zu verteidigen.
Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkung
Einleitung
1. Aufforderung zu Freundschaft und Bündnis
2. Eine Welt voller Betrug, Gewalt und Tod
3. Vize-Herrscher und Rat im Buch der Beispiele
4. Vize-Herrscher und Rat im historischen Württemberg-Urach
5. Das Buch der Beispiele und die Moderne
6. Spuren einer Hof-Intrige in der historischen Realität
7. Die Vorrede des Anton von Pforr
8. Das Directorium Vitae Humanae und seine Übersetzung durch Anton von Pforr
9. Fiktionalität im BdB und höfische Realität
10. Mögliches Szenarium der Hof-Intrige nach Pforr
11. Der literarisch denunzierte 'üble Vetter'
12. Zum Bildprogramm der Handschrift Cod. Pal. Germ. 466
13. Tugendhafter Adel und Gewalttäter
14. Indisches Buch und württembergische Identität
15. Zur Bildüberlieferung der BdB-Handschriften und Drucke
16. Spätere Rezipienten und adlige Öffentlichkeit
Zielsetzung & Themen
Diese Studie untersucht die politische Funktionalität des „Buchs der Beispiele der alten Weisen“ von Anton von Pforr im Kontext der württembergischen Geschichte des 15. Jahrhunderts. Dabei wird analysiert, inwiefern die Fabeln als Medium der politischen Kommunikation und als „Warnfabeln“ für den Adel dienten, um auf aktuelle Machtkonflikte und die Bedrohung durch äußere Gewaltherrscher zu reagieren.
- Historische Einordnung des Werkes im Umfeld von Eberhard im Bart.
- Die Funktion von Rat und Vize-Herrscher in höfischen Machtstrukturen.
- Bedeutung des Bildprogramms (Cod. Pal. Germ. 466) als politische Stellungnahme.
- Intertextuelle Bezüge zu moral-didaktischen Diskursen der Zeit.
- Die Rolle der Fabel als Instrument zur Bewältigung politischer Krisen.
Auszug aus dem Buch
3. Vize-Herrscher und Rat im Buch der Beispiele
Das Hofleben und diejenigen in der Nähe des Herrschers die Einfluss auf ihn haben, seine Räte und sein mächtigster Stellvertreter, stehen zweifellos im Zentrum des Interesses des BdB. Sowohl die Hauptgeschichte Kap. 2, 'Von dem Löwen und dem Ochsen', handelt von der Intrige eines bösen Ratgebers, der den Obersten Rat und Vizekönig zu Fall bringt, als auch die Erzählung 'Von den Raben und den Aaren' des 5. Kapitels, in dem sich der heimliche Rat des Rabenkönigs durch Verstellung erfolgreich in den Hof seiner Feinde einschleicht, sich dort beim König beliebt macht, die Geheimnisse der Aare in Erfahrung bringt und so deren Vernichtung bewerkstelligen kann. Schuld am Untergang des Geschlechts der Aare trage deren König, der dem Rat seiner narrisch rete (BdB 98,17) folgte, statt auf den einen Rat zu hören, der mit weyßheyt und vornufft begabt war. In Kap. 13, 'Von dem Löwen und dem Fuchs', wird schließlich ebenfalls von einer Intrige bei Hof gegen den Obersten Regierer, vitzthumb des Herrschers gehandelt.
Diese Intrige gegen den Fuchs, den Vertrauten des Herrschers, geht nicht wie im Falle der Erzählung 'Von dem Löwen und dem Ochsen' (Kallila und Dymna) von einem einzelnen aus, der sich an die Stelle des fürstlichen Favoriten setzen will, wie im Falle von Dymna, sondern ist das Werk einer Verschwörung mehrerer Höflinge, die, wie im Falle des Ochsen, dem von außerhalb an den Hof gekommenen Fuchs nachstellen und ihn durch falsche Anschuldigungen zu Tode bringen wollen.
der konig ist ergrympt vber seiner vitzthumb, den fuchs, vnd hat yn heyssen vom leben zum tode richten (BdB, 141,4)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Aufforderung zu Freundschaft und Bündnis: Analysiert die historische Konstellation von Feindschaft und Bündnis im Kontext von Eberhard im Bart und Erzherzog Sigmund von Tirol.
2. Eine Welt voller Betrug, Gewalt und Tod: Untersucht die düstere gesellschaftliche Atmosphäre des Werkes und die allgegenwärtigen Motive von Hinterhalt und Vernichtung.
3. Vize-Herrscher und Rat im Buch der Beispiele: Thematisiert die zentrale Rolle von Ratgebern und Vize-Herrschern sowie die Gefahren durch Intrigen am Hof.
4. Vize-Herrscher und Rat im historischen Württemberg-Urach: Setzt die literarischen Darstellungen in Bezug zur Entwicklung des württembergischen Ratswesens im 15. Jahrhundert.
5. Das Buch der Beispiele und die Moderne: Diskutiert die Paradoxie zwischen der theoretischen Ausrichtung auf Gottesfurcht und der praktischen, oft amoralischen Lebensklugheit im Werk.
6. Spuren einer Hof-Intrige in der historischen Realität: Verbindet die im BdB geschilderten Intrigen mit konkreten historischen Vorgängen am Stuttgarter Hof.
7. Die Vorrede des Anton von Pforr: Beleuchtet die pädagogische Absicht der Vorrede und ihre Funktion als Kommentar zu zeitgenössischen politischen Konflikten.
8. Das Directorium Vitae Humanae und seine Übersetzung durch Anton von Pforr: Analysiert Pforrs Übersetzungsleistung und seine moralisierende Umgestaltung der lateinischen Vorlage.
9. Fiktionalität im BdB und höfische Realität: Untersucht das Verhältnis zwischen literarischen Fabel-Konstrukten und der höfischen Realität des Adels.
10. Mögliches Szenarium der Hof-Intrige nach Pforr: Entwirft ein Szenario, wie die Intrigen im Buch als Reflexion der Stuttgarter Hofintrigen gelesen werden können.
11. Der literarisch denunzierte 'üble Vetter': Interpretationsansatz zum biblischen Sprichwort der sauren Trauben und dessen Anwendung auf die württembergischen Grafensöhne.
12. Zum Bildprogramm der Handschrift Cod. Pal. Germ. 466: Erörtert die Bedeutung der Illustrationen für die politische Aktualisierung des Textes.
13. Tugendhafter Adel und Gewalttäter: Setzt das BdB in den Kontext zeitgenössischer Vorstellungen von idealer Ritterschaft und christlicher Ethik.
14. Indisches Buch und württembergische Identität: Behandelt die Integration neuer literarischer Stoffe in den Kontext württembergischer Identitätsbildung.
15. Zur Bildüberlieferung der BdB-Handschriften und Drucke: Vergleicht verschiedene Handschriften und Drucke hinsichtlich ihrer bildlichen Schwerpunkte.
16. Spätere Rezipienten und adlige Öffentlichkeit: Reflektiert über die langfristige Wirkung des Werkes und seine Rolle in der adligen politischen Kommunikation.
Schlüsselwörter
Buch der Beispiele der alten Weisen, Anton von Pforr, Eberhard im Bart, Hofintrige, Württemberg, höfische Literatur, Fabel, politische Kommunikation, mittelalterliche Adelskultur, Ratswesen, Moral, politische Macht, Rezeption, Bildprogramm, Herrschaftslegitimation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser Arbeit?
Die Studie untersucht das „Buch der Beispiele der alten Weisen“ von Anton von Pforr als ein Instrument adliger politischer Kommunikation und als Kommentar zu historischen Machtkonflikten im Württemberg des 15. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Hofleben, das Spannungsfeld zwischen Intrige und loyaler Beratung, die Rolle des Herrschers sowie der moralische und politische Funktionswandel von Literatur im Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass das „Buch der Beispiele“ mehr als nur Unterhaltungsliteratur war; es diente als „Warnfabel“, um das württembergische Fürstenhaus in einer krisenhaften Zeit politisch zu positionieren und zu stabilisieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor wendet eine historisch-kontextualisierende Methode an, die literarische Texte mit archivalischen Quellen und historischen Ereignissen (z.B. dem Wirken von Eberhard im Bart und den Konflikten am Stuttgarter Hof) vergleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Fabeln, Vorreden und Bildprogramme der Handschriften, um Analogien zwischen den literarischen Intriganten und historischen Akteuren (wie etwa Graf Heinrich von Württemberg) aufzuzeigen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselbegriffe sind Hofintrige, politische Kommunikation, Tugendadel, Ratswesen, Bildprogramm und Herrschaftslegitimation.
Wie spielt das Bildprogramm der Handschrift Cod. Pal. Germ. 466 eine Rolle?
Die Illustrationen werden als bewusste Aktualisierungen gedeutet, die durch spezifische ikonographische Details (wie den „Berner Bären“ oder Bezüge zu Hagenbach) zeitgenössische Ereignisse kommentieren und politisch werten.
Wie deutet der Autor die Rolle des Vize-Regenten?
Der Vize-Regent wird als zentrale Figur analysiert, dessen Schutz oder Fall im Buch als Spiegel für die notwendige Stabilität und den richtigen Umgang mit Ratgebern am württembergischen Hof fungiert.
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- Horst Haub (Autor), 2017, "Das Buch der Beispiele der alten Weisen" von Anton von Pforr. Historische Hintergründe und die Verbindung zu der "Warnfabel" von Eberhard im Bart, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383956