Versuch eines pädagogischen Berufsethos. Der Sokratische Eid von Hartmut von Hentig unter Berücksichtigung der Kritik von Hermann Giesecke


Hausarbeit, 2011

35 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einführung: Giesecke als Kritiker des „pädagogischen Bezuges“ von Nohl
2.1 Der pädagogische Bezug von Nohl
2.2 Professionalität nach Giesecke
2.3 Kritik und Revision des „Pädagogischen Bezuges“
2.4 Der Ethos

3. Versuch eines Berufsethos von Hartmut von Hentig
3.1 Pathos
3.2 Der Sokratische Eid, erster Teil

Erster Punkt

Zweiter Punkt

Dritter Punkt

Vierter Punkt

Fünfter Punkt

Sechster Punkt

Siebter Punkt

Achter Punkt

Neunter Punkt

Zehnter Punkt

Elfter Punkt

Zwölfter Punkt

Dreizehnter Punkt

3.3 Sokratischer Eid, Zweiter Teil
3.4 Kritische Zusammenfassung

4. Kontroverse um Hentig
4.1 Chronologie
4.2 Reaktionen von Hartmut von Hentig
4.3 Kritik

5. Literatur

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1, Pädagogische Beziehung

Abbildung 2, reduktionistischer Diskurs

Abbildung 3, zirkulärer Diskurs

1. Einleitung

Die folgende Ausarbeitung ist die Verschriftlichung eines Referates des Autors vom 17. und 24. November 2011 im Rahmen des Seminars „Zur Bedeutung der personalen Dimension innerhalb der Erziehungskultur in der Erziehung“. Insbesondere der Hauptteil des Referates wurde von intensiven Diskussionen innerhalb des Plenums geprägt, welche zwar in der Planung des Referates vorgesehen waren, aber in der tatsächlichen zeitlichen Dauer und dem Grad der inhaltlichen Kontroverse von dem Referenten nicht erwartet wurden. Dies führte dazu, dass die Vortragsdauer über die Veranstaltungszeit von 90 Minuten hinausging und das Referat erst im Rahmen der folgenden Sitzung abgeschlossen wurde. Daraus lässt sich nach Meinung des Verfassers eine hohe Relevanz dieses Themas auch und gerade für angehende Pädagogen ableiten. Um dieser Relevanz und den Anstrengungen dieser Diskussionen gerecht zu werden, ändert sich die Struktur dieses Textes in den entsprechenden Abschnitten. So werden Meinungen und Gesprächsverläufe mit aufgenommen und durch Anmerkungen des Verfassers interpretiert und eingeordnet.

Die Struktur dieser Arbeit ist analog zu derjenigen des Referates. Im Folgenden wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit die männliche Form benutzt, wo sowohl die männliche als auch die weibliche Bedeutung eines Begriffes Geltung haben.

Verallgemeinernd lassen sich vorab zwei konträre Positionen in Bezug auf einen Berufsethos innerhalb der Erziehungswissenschaften nennen:

1. Pädagogik braucht kein Berufsethos. Die Idee eines solchen ist „antiquiert“. Maßgeblich sind die Fachkompetenz und das Verhalten des Pädagogen. (Vgl. Ofenbach 2006: 44f.)
2. Ohne ein pädagogisches Ethos kann pädagogisches Handeln nicht umfassend beschrieben und verstanden werden. Es gibt aber das Problem, dass ethische Kategorien (z.B. Gerechtigkeit, Fürsorge) in der Regel nicht verallgemeinerbar empirisch erfasst werden können. (Vgl. Ofenbach 2006: 46ff.)

Diese beiden Positionen stellt der erste Teil der Arbeit exemplarisch anhand von Ausführungen Hermann Gieseckes in seinem Buch „Die pädagogische Beziehung“ dar. Diese eignen sich für die Einführung besonders gut, da Giesecke eher ein Vertreter der erstgenannten Position ist, sich aber im Zuge seiner Ausführungen durchaus ambivalent äußert. Er versucht sich an einer Revision des Pädagogischen Bezuges von Hermann Nohl und wendet sich, davon ausgehend, dem Sokratischen Eid von Hartmut von Hentig zu, welche beide die letztere Position vertreten.

Im zweiten Teil, dem Hauptteil, wird mit dem ebengenannten Sokratischen Eid, der Versuch eines pädagogischen Berufsethos von Hartmut von Hentig vorgestellt und der Kritik sowie einem abgewandelten „Minimalkonsens“ von Giesecke gegenübergestellt. Im Rahmen des Referates war das Plenum an dieser Stelle gefordert, sich inhaltlich zu diesen konkurrierenden Thesen zu positionieren. Die sich daraus ergebende Debatte wird, wie bereits beschrieben, hier eingefügt und eingeordnet.

Der dritte Teil beschäftigt sich mit der Kontroverse um die Person von Hartmut von Hentig im Rahmen der Berichterstattung im Jahr 2010 über den Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule. Hentig wurde vielfach vorgeworfen, sich nur unzureichend selbst erklärt, geschweige denn entschuldigt zu haben, obwohl sein Lebenspartner Gerold Becker als Haupttäter beschuldigt wurde. Diese Vorwürfe sollen unter dem Aspekt der vorausgegangenen Ausführungen, insbesondere den Ideen des von Hentig entworfenen Sokratischen Eides bewertet werden.

2. Einführung: Giesecke als Kritiker des „pädagogischen Bezuges“ von Nohl

Hermann Giesecke vertritt, wie bereits in der Einleitung beschrieben, ein von Empirie und Nüchternheit bestimmtes Verständnis der Pädagogik. Damit schließt er inhaltlich an die „rationale Wende“ der Erziehungswissenschaften der 1970er Jahre, mit den beiden folgenden Hauptmerkmalen an:

Vermehrte Nutzung empirischer Methoden einhergehend mit der Abkehr von geisteswissenschaftlicher Pädagogik Professionalisierung der Pädagogik in Theorie und Praxis Demnach ist es erwartbar, dass Giesecke umfangreiche Kritik an dem Konzept des „Pädagogischen Bezuges“ von Hermann Nohl übt. Diese bereits im Jahr 1933 in seinem „Handbuch der Pädagogik“ veröffentlichen Gedanken Nohls zur Beziehungsgestaltung im Verhältnis von Erzieher zu Zögling sind deutlich geprägt von einem geisteswissenschaftlichen und reformpädagogischen Verständnis der Pädagogik.

2.1 Der pädagogische Bezug von Nohl

Nohl beschreibt diese erzieherische Beziehung vor allem aus einer Innensicht der Beteiligten, also dem Erziehenden und dem Zögling, heraus. Anhand des wohl meist zitierten Satzes aus diesem Text lässt sich der Grundgedanke Nohls anschaulich erklären:

„Die Grundlage der Erziehung ist also das leidenschaftliche Verhältnis eines reifen Menschen zu einem werdenden Menschen und zwar um seiner selbst willen, daß er zu seinem Leben und seiner Form komme.“ (Nohl 1933: 22)

Nohl setzt eine gute emotionale Beziehung voraus, damit die Erziehungsziele, welche im Kind selber liegen, erreicht werden können. Dies ist insofern bemerkenswert, als dass Nohl die bis dato in der Vorstellung von Erziehung vorherrschenden Komponenten der Beziehungsgestaltung, die Autorität des Erziehers und den Gehorsam des Zöglings, als Folge des „leidenschaftlichen Verhältnis“ benennt. Die Asymmetrie innerhalb des Verhältnisses muss nicht mehr erzwungen werden, sondern wird von dem Zögling angesichts der gesamtheitlichen Verfügbarkeit des Erziehers als Vorbild akzeptiert. Außerdem wird durch die Formulierung: „…und zwar um seiner selbst willen, daß er zu seinem Leben und seiner Form komme“ (a.a.O.) deutlich, dass Nohl, im Sinne des reformpädagogischen Ideals einer Erziehung vom Kinde ausgehend, die Ziele des pädagogischen Bezuges in der Ausprägung der Anlagen und Talente sieht, welche im Kind angelegt sind.

2.2 Professionalität nach Giesecke

Demgegenüber steht Gieseckes Verständnis von „Professionellem Handeln“ als Pädagoge:

Demnach handelt es sich bei pädagogischen Berufen um bezahlte Tätigkeiten, welche durch die jeweilige Art des Inhaltes und entsprechende Zeitvorgaben begrenzt und rechtliche Rahmenbedingungen (z.B. durch formale Ausbildungsvoraussetzungen) geschützt sind. Die Beziehung zwischen Pädagoge und Kind soll nur so viel Nähe wie nötig zulassen, da Beziehungswechsel und abbrüche pädagogischer Alltag sind. Die Beziehung ist nur in Bezug auf die (größere) Fachlichkeit des Pädagogen asymmetrisch und durch diese legitimiert. Darüber hinausgehend, in einem gesamtheitlichen normativen Verständnis, ist die Beziehung symmetrisch, da durch die Pluralisierung der Lebensstile der Pädagoge nur ein Beispiel von Lebensführung ohne Verbindlichkeitscharakter darstellen kann.

(Vgl. Giesecke 1997: 250ff)

2.3 Kritik und Revision des „Pädagogischen Bezuges“

Aus diesen häufig konträr zueinander liegenden Ansätzen ergibt sich umfangreiche Kritik Gieseckes an dem Pädagogischen Bezug. Er bemängelt zuerst die uneindeutige Haltung Nohls, welche offen lässt, ob er mit dem Pädagogischen Bezug eine Beschreibung tatsächlicher oder zu erreichender Umstände vornimmt oder eher eine normative Idee im Sinne eines moralischen Leitbildes entwirft (vgl. Giesecke 1997: 227). Im erstgenannten Fall einer beschreibenden Theorie kritisiert Giesecke annähernd die kompletten Ausführungen Nohls.

Überbetonung der Emotionalität: Die „emotionale Tönung“ orientiert sich an familiären Beziehungsmustern, lässt sich aber fachlich nicht begründen (vgl. Giesecke 1997: 229f). Vielmehr liegt hierin die bewusste und unbewusste Gefahr eines missbrauchenden Abhängigkeitsverhältnisses (vgl. Giesecke 1997: 226).

Erzieher als Filter: In einer fachlich und normativ asymmetrischen Beziehung lebt der Erzieher lebt in seiner Person als sittliches Vorbild dem Zögling sein 5 subjektives Verständnis von Welt und guter Lebensführung vor. Er kann somit verhindern, dass sich der Zögling andere Lebensvorstellungen aneignet.

Mangelnde Praxistauglichkeit: Viele Elemente des „Pädagogischen Bezuges“ sind nicht auf heutige Erziehungssituationen übertragbar (z.B. eine 1:1 Erziehungssituation, ausreichend Zeit, Möglichkeit des Bezugswechsels).

Giesecke entwirft von dieser Kritik ausgehend eine Revision des „Pädagogischen Bezuges“, welche sich wie folgt zusammenfassen lässt:

Verhalten wichtiger als Emotionen: Der Pädagoge muss durch sich auf der Verhaltensebene bemühen, durch Respekt, Akzeptanz und Sympathie eine lernfördernde Beziehung, bzw. Atmosphäre herzustellen. Emotionale Beteiligung ist nur begrenzt erwünscht, da regelmäßige Beziehungswechsel, bzw. abbrüche stattfinden und diese nicht unnötig erschwert werden sollen.

Erziehungsziele liegen in Kind und Gesellschaft: Das in der Formulierung „… um seiner selbst willen“, enthaltene Ziel, das Kind bei der Ausprägung seiner Talente und Anlagen zu unterstützen, wird ergänzt. Das Kind sohl ebenso lernen, sich an die Bedürfnisse der Gesellschaft anzupassen (vgl. Giesecke 1997: 257).

Angesichts dieser umfassenden Kritik stellt sich natürlich die Frage, mit welcher Motivation Giesecke den „Pädagogischen Bezug“ aufgreift und ihn durch eine Revision sogar versucht zu aktualisieren. Die Antwort liegt in der Normativität dieses Konzeptes. Auf fachlicher Ebene von Giesecke abgelehnt, entfaltet es hier eine Wirkung, welcher er sich auf rationalem Wege nicht entziehen kann. Er erkennt dessen „sinnstiftende“ und integrierende Funktion auf eine sich immer stärker spezialisierende Pädagogik an (vgl. Giesecke 1997: 265f.). Nohl impliziert eine Haltung des Erziehers gegenüber dem Zögling, welche in allen pädagogischen Tätigkeitsfeldern als Leitbild verstanden und verinnerlicht werden kann.

Giesecke kritisiert zwar den Charakter dieses Leitbildes, da es im Sinne der aufgeführten Kritikpunkte die Professionalisierung der Pädagogik erschwere und ein fragwürdiges, zu emotionales Selbstverständnis (vgl. Giesecke 1997: 230) etabliert habe. Als Notbehelf, bzw. Platzhalter mangels Alternativen habe es eine Berechtigung gehabt, da die Etablierung eines normativen Leitbildes wünschenswert, wenn auch schwierig sei (vgl. Giesecke 1997: 232).

Die Fachlichkeit des Pädagogen, stellt für Giesecke die Begründung von pädagogischen Bezügen dar. Allerdings bleibt die genaue Ausgestaltung ebenjener ein schöpferischer

Akt (Giesecke 1997: 265). Noch die differenzierteste und pedantischste Unterrichts

vorbereitung kann einen Lehrer nicht davor bewahren, in der Situation dass z.B. ein Schüler sich den Spaß macht ihn im Rahmen einer Lehrprüfung unvermittelt zu duzen, individuell handeln zu müssen. Innerhalb des formalen Rahmens muss, so Giesecke, ein jeder Pädagoge nach seinem individuellen Gespür handeln (vgl. Giesecke 1997: 265). Wobei das individuelle Gespür auch als vornehmer Ausdruck dafür verstanden werden kann, dass der pädagogische Akteur alleine gelassen wird, wenn ihm Theorie zwar den formalen Rahmen, nicht aber Handlungsanleitungen, wie in diesem verfahren werden sollte, zur Verfügung stellt.So konträr die wissenschaftlichen Positionen Gieseckes zu denen von Nohl, sowie später auch Hentig sind, führen beiderlei Überlegungen zu dem gleichen Punkt:

Die unbestreitbare Tatsache, dass aller Pädagogik eine personale, nicht fachliche, Dimension innewohnt, in welcher sich die Wirkung und Legitimation jedweder Erziehungsversuche beweisen muss.

Abbildung 1 verdeutlicht die Überschneidung, von rationalem und emotionalem Erziehungsverständnis (und jedem anderen natürlich auch) in dem Faktum der Beziehung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1, Pädagogische Beziehung

Da Giesecke sich in seiner Revision des Pädagogischen Bezuges auf die rationale Dimension beschränkt und es, wie er selber anmerkt, an Pathos fehlen lässt (vgl. Giesecke 1997: 265), bleibt die emotionale Dimension der Beziehungsgestaltung also noch unbeschrieben.

2.4 Der Ethos

Dieser blinde Fleck im theoretischen Beziehungskonstrukt von Giesecke könnte durch ein neues, das Nohlsche Konzept ablösende, Leitbild aufgehellt werden. In der Frage, ob dies nötig und möglich ist, liegt auch der Übergang zum Hauptteil dieser Arbeit: Braucht Pädagogik ein berufliches Ethos, und wenn ja, wie sollte dieses formuliert sein?

„Unter Ethik versteht man im philosphischen Sprachgebrauch ein System von

Handlungsaufforderungen (Sollenaussagen) und Handlungsorientierungen (Wert und Zielaussagen), die es dem Menschen ermöglichen sollen, ihre Praxis an übergreifenden Sinnund Wertzusammenhängen auszurichten bzw. die gegebenen

Handlungsalternativen nach Kriterien von gut und böse, angemessen und unangemessen … auszuwählen.“ (Münchmeier 2005: 258 )

Diese Definition von Richard Münchmeier aus dem „Wörterbuch Soziale Arbeit“ lässt sich sinngemäß mit jener von Wikipedia zusammenfassen:

„Das Ethos steht …für das Gefüge moralischer Verhaltensweisen der sozialen Institution in der [jemand] lebt objektiv als Sitte, subjektiv als Charakter. “ (Wikipedia 2011)

Als Argumente für ein Ethos des Berufes nennt Giesecke, die bereits ausführlich erläuterte handlungsleitende Funktion eines solchen. Darüber hinaus könnte ein möglichst alle Richtungen und Spezialisierungen der Pädagogik umfassendes Ethos der Profession ein „moralisches Fundament“ mit großer Integrationskraft geben. (Vgl. Giesecke 1997: 266)

Gegen ein Ethos könnte sprechen, wie bereits bei Nohls Konzept, die Gefahr einer Verzerrung des idealisierten Grundgedankens durch weltanschauliche Einflüsse, die in ihm fixiert werden könnten und dadurch umso schwerer wiegen. Desweiteren nennt Gisecke die Relation PraxisLeitbild als mögliches Hindernis, da eine auf beiden Ebenen relevante Konzeption nur schwierig auszuhandeln sei. (Vgl. Giesecke 1997: 266) Die Erstellung eines pädagogischen Berufsethos unterliegt also hohen qualitativen Hürden und kann aufgrund seines umfassenden Anspruchs angesichts eines hochspezialisierten und ausdifferenzierten Berufsfeldes nur als diskursiver Aushandlungsprozess verstanden werden. Einen solchen versucht Giesecke voranzutreiben, in dem er den Versuch eines pädagogischen Berufsethos, den Sokratischen Eid von Hartmut von Hentig, kritisch würdigt und ebenfalls revidiert. 8

3. Versuch eines Berufsethos von Hartmut von Hentig

Im Folgenden wird Hentigs Entwurf eines Berufsethos in Kürze eingeführt und anschließend ausführlich untersucht. Dabei stehen seine Ausführungen der unmittelbaren Kritik von Giesecke gegenüber. Wie in der Einleitung beschrieben, sollen in diesem Abschnitt auch die Plenumsdiskussionen im Rahmen der referierten Fassung dieser Arbeit Eingang finden. Und zu guter Letzt behält sich der Verfasser vor, seine eigenen Schlüsse und Interpretationen hinzuzufügen. Das so entstehende Konglomerat aus Meinungen mag auf den ersten Blick unübersichtlich erscheinen, verdeutlicht aber mit seinen Widersprüchen und Unvollkommenheiten den prozesshaften Charakter des Aushandlungsprozesses auf dem Weg hin zu einem möglichen Berufsethos.

Hartmut von Hentig ist ein moderner Vertreter der Reformpädagogik, welcher mit der Gründung und langjährigen Leitung der deutschlandweit bekanntgewordenen Bielefelder Laborschule auch intensiv in der pädagogischen Praxis tätig war. Hentigs ganzheitliches Verständnis von Pädagogik steht im Gegensatz zu der Betonung von Partikularität durch Giesecke. Obwohl Giesecke ein ganzheitliches Verständnis, bei beschränktem Handeln, von Kindern und Jugendlichen fordert (vgl. Giesecke 1997: 254), erscheinen seine Einlassungen im Vergleich zu Hentig oft kleiner bis hin zu kleingeistig gedacht.

Hentig argumentiert in seinem Ethos nicht nur auf der Mikro (hier: Individuum), und Meso(hier: Umfeld) sondern auch auf einer Makroebene (hier: gesamtgesell schaftlich). Das Leitbild ist größer als das pädagogische Feld, ragt gewissermaßen in die gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse hinein, und ist gerade durch diese Herausgehobenheit unabhängiger von gesellschaftlichen Veränderungen, da es nicht nur durch diese, sondern auch durch sich selbst legitimiert ist. Es ist eingebettet in eine kopierte parallele Begründung freiheitlicher, selbstverantwortlicher Strukturen, welche im Falle negativer Veränderungen des „Originals“ bestehen bleiben.

Hentig hat sein Ethos als Rückendeckung und Schutz für die eigenen Überzeugungen konzipiert. Als Rückendeckung um die eigenen Überzeugungen, im Ethos festgelegt, gegen vermeintlich mächtigere Interessensvertreter wie z.B. Behörden oder Gesetzgeber zu verteidigen. Und als präventiven Schutz gegen ebenjene, da die schriftliche Fixierung des idealerweise den ganzen Berufsstand umfassenden Leitbildes, dieses weniger angreifbar macht. Er benennt als negative Beispiele totalitäre gesellschaftliche Systeme, wie das dritte Reich oder auch die DDR, welche die Pädagogik eingenommen und ideologisiert haben. (Vgl. Hentig 1993: 257)

[...]

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Versuch eines pädagogischen Berufsethos. Der Sokratische Eid von Hartmut von Hentig unter Berücksichtigung der Kritik von Hermann Giesecke
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg  (Institut für Sozialpädagogik)
Veranstaltung
Zur Bedeutung der personalen Dimension innerhalb der Erziehungskultur in der Erziehung
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
35
Katalognummer
V385392
ISBN (eBook)
9783668605046
ISBN (Buch)
9783668605053
Dateigröße
655 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hartmut von Hentig, Hermann Giesecke, Ethos, Berufsethos, Sokratischer Eid, Pädagogischer Bezug, Nohl, Gerold Becker, Odenwald
Arbeit zitieren
Timo Bleckwedel (Autor), 2011, Versuch eines pädagogischen Berufsethos. Der Sokratische Eid von Hartmut von Hentig unter Berücksichtigung der Kritik von Hermann Giesecke, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385392

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