Ludwig Tieck: Der Runenberg


Seminararbeit, 2000

22 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Aspekte der Werkdeutung
2.1 Inhaltsangabe
2.2 Erzählanalyse
2.3 Kommentierende Auseinandersetzung mit den Interpretationen von Ernst Ribbat und Richard Kimpel

3. Schluß

4. Literaturangaben

1. Einleitung

Während einer Erzählanalyse von Ludwig Tiecks Der Runenberg drängten sich verschiedene inhaltliche Schlußfolgerungen auf, die in der vorliegenden Arbeit vorgestellt werden. Diese hypothetischen Betrachtungen des ersten Hauptteilkapitels sollen im zweiten Abschnitt durch die Resultate zweier literaturwissenschaftlicher Untersuchungen ergänzt, vertieft oder revidiert werde. Der erste zu Rate gezogene und kritisch zu kommentierende Aufsatz stammt von Ernst Ribbat, der zweite von Richard Kimpel.

Mit Hilfe des gewählten Verfahrens wird keineswegs versucht, das Werk auf eine vom Autor intendierte Botschaft zu reduzieren, vielmehr soll die Vielschichtigkeit von Der Runenberg zum Vorschein kommen, wobei jedoch einige meiner Meinung nach abwegige Ansätze eher zurückzuweisen sind.

2. Aspekte der Werkdeutung

2.1 Inhaltsangabe

Christian, der Protagonist der Erzählung, erlebt, nachdem er aus Unzufriedenheit und Sehnsucht sein Heimatdorf in der friedlichen Ebene verlassen und im Gebirge Arbeit bei einem Förster gefunden hat, die Einsamkeit der Bergwelt. Durch einen plötzlich auftauchenden Wanderer, dem er sein Gefühl der Verlassenheit beschreibt, wird Christian dazu angeregt, den Runenberg, von dem er bereits unheimliche Dinge vernommen hat, zu besteigen. In einem alten, hell erleuchteten Saal auf dem Gipfel erwartet ihn eine mysteriöse Zelebration. Eine überirdisch schöne Frau tanzt und singt von Kristallen und Geistern, bevor sie dem Helden eine mit Edelsteinen verzierte Tafel überreicht. Halb im Schlaf stürzt er mit dem Schatz in die Tiefe und erwacht ohne denselben auf einem weit entfernten Hügel. Von dort aus begibt er sich in ein nahes Dorf, lernt dort eine nettes Mädchen kennen, das er heiratet und das ein Jahr später ein Kind von ihm gebiert. Nach fünf Jahren wachsenden Wohlstandes gibt ihm ein Fremder Gold zur Verwahrung. Das Zählen und Behüten des Goldes, die Gier nach dem Gold übermannt Christian. Er fühlt sich von dem grausigen Waldweib angezogen, weil er in ihr die Bergschöne wiedererkennt. Er folgt diesem Wesen für immer in Wälder und Bergwerke, während seine Familie moralisch und finanziell zugrunde geht.

2.2 Erzählanalyse

Bei der Untersuchung der Chronologie (Ordnung)[1] der Geschichte sowie der Ordnung der Erzählung fallen, je nach Auslegung, zwölf Analepsen auf, von denen sich acht auf den ersten sechs Seiten, also von Seite 25 bis 31 oben, befinden. Auf den restlichen 20 Seiten, von Seite 31 oben bis Seite 50, lassen sich indes nur vier Rückblicke aufdecken.

So wie der Textfluß bis zum Runenbergerlebnis von Analepsen, welche die Ordnung der Erzählung aufweichen, durchbrochen ist, so unstet verlief Christians Leben bis zu jenem Zeitpunkt der Geschichte.

Anschließend beginnt Christian, nach einer kurzen rückblickenden Erinnerung an seine Herkunft, sein geregeltes, fast immer nach vorn gerichtetes Leben, das erst nach dem Erscheinen des Fremden und der Berührung mit dem Gold wieder in Unordnung gebracht wird, so daß auch in der Erzählung wieder Anachronien in Form von Rückgriffen auftauchen. Die nachfolgenden Seiten ohne Analepsen signalisieren wiederum durch die Art der Erzählordnung, daß das Leben des Helden hier erneut zukunftszugewandt ist. Es gibt kein bedeutendes Zurück mehr aus dem Bund mit dem Waldweib, er wird für den Rest der Geschichte beim ihm bleiben.

Die Dauer der Erzählung, also die Art, in welchem Maß die Erzählung die Ereignisse rafft oder dehnt, gibt Auskunft über die Bedeutsamkeit der erzählten Passagen für die Charaktere und ihre Entwicklung. So findet sich die stärkste Raffung denn auch in Bezug auf Christians Lebensende, das in einem einzigen Satz angedeutet ist. Von Beginn seines Eremitendaseins an ist von ihm keine Entwicklung, keine Wendung in seinem Verhalten mehr zu erwarten. Trotz augenscheinlicher Wehmut beim letzten Zusammentreffen mit Elisabeth kehrt er zu seinem Waldweib zurück. Im Gegensatz dazu ist die Beschreibung des gesamten Gebirgserlebnisses wesentlich ausführlicher, was in einem angemessenen Verhältnis zu der Bedeutung steht, welche diese Erfahrung für die Entwicklung von Christians ganzem Leben darstellt.

Für den Rest der Erzählung gilt eine bestimmte Regelmäßigkeit. Nachdem Christians neues Leben bei Elisabeth mit all den dazugehörigen Umwälzungen in dem Gemüt des Jünglings nachvollziehbar vorgestellt ist, vollzieht sich eine starke Raffung der zahlreichen Jahre des Familienglücks. In ihnen geschieht weniges, was Christians Evolution vorantreiben oder umkehren könnte. Bezeichnenderweise werden innerhalb dieser Jahre jeweils die das friedliche Glück unterbrechenden Passagen, in denen in irgendeiner Form Steine oder Metalle eine Rolle spielen, kaum gerafft und in den hier stark vertretenen Dialogen sogar zeitdeckend erzählt. In nahezu jedem Dialog geht es um den Gegensatz zwischen Steinen und Pflanzen und um den Zauber, den die Königin aller Steine auf Christian fortwährend ausübt.

Entsprechend der Dauer der einzelnen Abschnitte von Geschichte und Erzählung finden sich, was die Frequenz betrifft, in der im ganzen singulativen Erzählung einige kürzende, iterative Wendungen, so zum Beispiel in:

„Sooft er sie am Sonntage zur Kirche gehen sah, hielt er ihr einen schönen Blumenstrauß in Bereitschaft, für den sie mir errötender Freundlichkeit dankte; er vermißte sie, wenn er sie an einem Tag nicht sah, dann erzählte sie ihm am Abend Märchen und lustige Geschichten[...]“ (S.37;12).

Das regelmäßige Wiederkehren dieser kleinen Ereignisse stimmt mit der Entstehen von Gewohnheiten in seinem neuen, ordentlichen Leben überein. Stellt man diese Stelle einer anderen iterativen Passage gegenüber sticht sofort der Charakter seiner neuen, alles in Anspruch nehmenden Gewohnheit hervor: „Oft stand Christian in der Nacht auf, um die Knechte zur Arbeit zu wecken und selbst nach allem zu sehen“ (S.41;25).

Repetitiv erzählt ist vor allem die Einsamkeit des Gebirges, zur Illustration sollen drei Beispiele genügen:

„[...] indem das Rauschen der Gewässer und des Waldes in der Einsamkeit tönte.“ (S.25;1-3),

„[...] wie ihm plötzlich die Einsamkeit so schrecklich vorgekommen sei [...]“ (S.27;23-24),

„[...] und könnt wohl die Strenge der Einsamkeit noch nicht ertragen [...]“ (S.27;29-30).

Entscheidend ist auch, daß Christian mindestens zweimal, wenn auch mit unterschiedlichen Worten, erklärt, daß er das Gefühl hat, nicht selbst Herr seiner Seele und seines Denkens gewesen zu sein:

„[...] wie mit fremder Gewalt aus dem Kreise meiner Eltern [...] hinweggenommen, mein Geist war seiner selbst nicht mehr mächtig; wie ein Vogel, der in einem Netz gefangen ist und sich vergeblich sträubt, so verstrickt war meine Seele in seltsamen Vorstellungen und Wünschen.“ (S.28;6-10);

„er fühlte sich bei den heiligen Worten wie von einer unsichtbaren Gewalt durchdrungen und das Schattenbild der Nacht in die tiefste Entfernung wie ein Gespenst hinabgedrückt. [...] [Er] dankte Gott, [...] daß er ihn ohne sein Verdienst wieder aus den Netzen des bösen Geist befreit habe.“ (S.36;14-21).

Hier wird der Einfluß, den die wundersamen Dinge, die finsteren Mächte in den Augen der Romantiker auf das reale Leben ausüben, sichtbar. Sie sind Teil der Wirklichkeit, können aber nicht mit der reinen Vernunft erklärt werden.

Mit schneller werdendem Erzähltempo wächst auch die Distanz zum Geschehen der Geschichte, verstärkt durch den Eindruck, mit den Augen des Erzählers zu sehen. Je mehr die Figuren selber zu Wort kommen, desto näher ist man ihnen und ihrer Sichtweise. Wörtlich zitiert werden Christian, der erste Fremde, die Schöne, der Vater, der zweite Fremde, Elisabeth, das Waldweib. Mit viel zitierter Rede und mit indirekter Gedankenwiedergabe wird die meiste Nähe zu Christian erzeugt, aber auch zum Vater und zu Elisabeth. Während durch die Zitate der beiden Fremden, der Schönen oder des Waldweibs kaum Nähe zu diesen Figuren entsteht, da ihre Gedanken und Gefühle unbekannt bleiben und da sie aus der Perspektive der anderen beteiligten Figuren erlebt werden.

Weil nun aber gerade diesen sieben Personen, neben einem kurzen, hier zu vernachlässigendem Satz, den der zweite Mann Elisabeths am Ende äußert, direkte Rede zugestanden wird und Christians Kindern, dem Pfarrer, Elisabeths Eltern oder anderen Dorfbewohnern nicht, kommt man zu dem Schluß, die Zitierten, zu denen Nähe entsteht den anderen gegenüberzustellen, so daß der Vater und Elisabeth einen Gegenpol zu den Fremden zu der Bergschönen bzw. dem Waldweib bilden, wobei diese zwei männlichen und zwei weiblichen Gestalten zumindest in Christians Kopf eine einzige Person repräsentieren, nämlich die Runenbergfrau.

In Bezug auf die Distanz wurde gesagt, daß Nähe entsteht, wenn das Nichtsprachliche wie aus der Perspektive einer der Figuren dargestellt ist. Eine solche Illusion von Nähe spürt man im Zusammenhang mit Christian, dem Vater und Elisabeth, was heißt, daß hier die Darstellung des Geschehens eng an die besondere und relativ eingeschränkte Wahrnehmung der erlebenden Figuren gekoppelt ist.

Insgesamt gibt es keine Übersicht, oder Nullfokalisierung, denn der Erzähler sagt nicht mehr, als die Figur, um die es gerade geht. Der Erzähler gibt keine Auskunft darüber, ob der Fremde Christian im Gebirge schon lange beobachtet hat und wie es möglich ist, daß dieser plötzlich hinter ihm steht, er scheint es ebenso wenig zu wissen wie Christian. Hier wird also in interner Fokalisierung mitgesehen, was die Figur weiß. Die weiß z.B. nicht wohin der Fremde verschwindet, ganz realistisch hört sie nur die Fußtritte verhallen. Nach und nach scheint der Erzähler mit Christian die Ruine mit dem erleuchteten Saal auf dem Runenberg zu entdecken und dort mit ihm das Lied der großen Schönen zu hören. Ebenso wenig weiß er, was während Christians Ohnmacht oder Schlaf passiert.

[...]


[1] Die kursiv markierten Fachausdrücke entstammen alle der Terminologie von: Martinez, Matias und Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. München: Beck 1999 (C.H. Beck Studium)

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Ludwig Tieck: Der Runenberg
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Germanistik II)
Veranstaltung
Seminar 1b
Note
2
Autor
Jahr
2000
Seiten
22
Katalognummer
V3855
ISBN (eBook)
9783638123839
Dateigröße
594 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schreibweise angemessen, meist sicher, korrekt, besonders in 2.2 gutes Textverständnis, Darstellung fremder Positionen etwas unklar, weil mit Eigenem vermischt, aber sehr gute Textbeobachtungen (Kommentar des Seminarleiters) 170 KB
Schlagworte
Erzählanalyse, Tieck, Runenberg
Arbeit zitieren
Martina Ochs (Autor), 2000, Ludwig Tieck: Der Runenberg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3855

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