Wie beeinflussen wir unsere eigene Entwicklung? Es gibt psychologische Ansätze, die davon ausgehen, dass die menschliche Entwicklung genetisch determiniert ist. Andere Theorien im Gegensatz sprechen von einem entscheidenden Einfluss der Umwelt. Dieser Essay widmet sich der interaktionistischen Entwicklung, in der Umwelt und (genetische) Anlage gleichermaßen die Entwicklung des Menschen beeinflussen. In dem zuerst die Theorie der Entwicklungsaufgaben nach Havighurst (1948 / 1953) dargestellt wird, soll die Frage, ob Menschen wirklich (Ko-)Produzenten ihrer eigenen Entwicklung sind, anhand eines authentischen Fallbeispiels, einer jungen Diabetes Typ 1 Patientin, beantwortet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Entwicklungsaufgaben nach Havighurst
2.1 Die Entstehung von Entwicklungsaufgaben
2.2 Von der Kindheit bis zum Erwachsensein – Altersgruppen und ihre Entwicklungsaufgaben
3. Kritik an Havighursts „developmental tasks”
4. Entwicklungsaufgaben und Krisenerfahrung
4.1 Ein Fallbeispiel
4.2 Diabetes und Komorbidität
4.3 Die Lösung von Entwicklungsaufgaben bei jungen Diabetikern
4.4 Der weitere Verlauf des Fallbeispiels
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht auf Basis der Theorie der Entwicklungsaufgaben von Robert J. Havighurst, inwieweit das Individuum als Ko-Produzent seiner eigenen Entwicklung fungieren kann, insbesondere wenn dieser Prozess durch kritische Lebensereignisse oder chronische Erkrankungen wie Diabetes mellitus Typ 1 belastet wird.
- Theoretische Grundlagen der Entwicklungsaufgaben nach Havighurst
- Kritische Auseinandersetzung mit Universalität und Aktualität der Theorie
- Einfluss chronischer Erkrankungen auf das Erreichen altersspezifischer Entwicklungsziele
- Analyse der Interaktion zwischen Krankheitsmanagement und persönlicher Entwicklung
- Diskussion des Entwicklungsdilemmas bei jugendlichen Diabetikern
Auszug aus dem Buch
Die Entstehung von Entwicklungsaufgaben
Aus Havighursts Auffassung des Lernens bilden sich schließlich die Entwicklungsaufgaben heraus. Diese „developmental tasks“ treten in bestimmten Lebensabschnitten auf:
„A developmental task is a task which arises at or about a certain period in the life of the individual successful achievement of which leads to his happiness and to success with later tasks, while failure leads to unhappiness in the individual disapproval by society and difficulty with later tasks.” (Havighurst 1953: 2, i.O. kursiv)
Die Entwicklungsaufgaben definiert Havighurst ebenfalls als gesellschaftlich erwünscht. Die Lösung dieser Aufgaben bringt dem Individuum Zufriedenheit, während das Nicht-Lösen im Gegensatz dazu, zu eigener Unzufriedenheit und einem gewissen Grad an fehlender gesellschaftlicher Akzeptanz führt. Zudem bildet die Lösung von Entwicklungsaufgaben in früheren Lebensabschnitten die Grundlage für die Bearbeitung später auftretender Aufgaben. Selbst wenn jedoch eine Aufgabe nicht zum vorgesehenen Zeitpunkt gelöst werden kann, besteht die Möglichkeit, jene Aufgabe in einem späteren Moment zu bearbeiten. Diese Bearbeitung gestaltet sich für das Individuum jedoch schwieriger.
Diese Entwicklungsaufgaben entstehen „from physical maturation, from the pressure of cultural processes upon the individual, from the desires, aspiration and values of the emerging personality and they arise in most cases from the combination of these factors together.” (Havighurst 1953: 4). In anderen Worten sind das Zusammenspiel von biologischen Prozessen (bspw. physische Reifung oder Wachstum) und äußeren Einflüssen (Erwartungen der Gesellschaft) der Ursprung der Entwicklungsaufgaben. Die Persönlichkeit des Individuums entsteht durch das Wechselspiel, die Interaktion von organischen Entwicklungen sowie Umwelteinflüssen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der theoretischen Strömungen der Entwicklungspsychologie und Hinführung zur Fragestellung der menschlichen Mitgestaltung der eigenen Entwicklung.
2. Die Entwicklungsaufgaben nach Havighurst: Erläuterung des Konzepts der „developmental tasks“ als lebenslange Lernprozesse, die aus biologischen Reifungsprozessen und gesellschaftlichen Erwartungen resultieren.
3. Kritik an Havighursts „developmental tasks”: Kritische Betrachtung der Universalität, der Zeitfenster und der zeitgenössischen Aktualität der Theorie im Kontext gesellschaftlichen Wandels.
4. Entwicklungsaufgaben und Krisenerfahrung: Verknüpfung der Theorie mit einem Fallbeispiel einer Diabetes-Patientin, um den Einfluss von Komorbiditäten auf die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben zu illustrieren.
5. Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Ausgangsfrage, wobei betont wird, dass die aktive Steuerung der Entwicklung auch unter erschwerten Bedingungen möglich ist.
Schlüsselwörter
Entwicklungspsychologie, Havighurst, Entwicklungsaufgaben, Adoleszenz, Diabetes mellitus Typ 1, Selbstmanagement, Interaktionismus, Komorbidität, Krisenbewältigung, Identitätsbildung, Verhaltenstherapie, Krankheitsanpassung, Lebenslauf, Entwicklungsdilemma, Persönlichkeitsentwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, inwiefern Menschen als aktive Gestalter – also Ko-Produzenten – ihrer eigenen Entwicklung betrachtet werden können, selbst wenn diese Entwicklung durch externe Krisen oder chronische Krankheiten beeinträchtigt wird.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen umfassen die Theorie der Entwicklungsaufgaben nach Robert J. Havighurst, die Auswirkungen chronischer Erkrankungen (speziell Diabetes Typ 1) auf die Adoleszenz sowie die Bedeutung von Selbstmanagement und psychologischer Unterstützung für die Zielerreichung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Havighursts Theorie kritisch zu hinterfragen und zu zeigen, dass auch unter dem Einfluss von nicht selbst verschuldeten, schweren Lebensereignissen individuelle Handlungsspielräume zur Entwicklungssteuerung bestehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine essayistische Auseinandersetzung, die theoretische Konzepte der Entwicklungspsychologie mit einem klinischen Fallbeispiel verknüpft und durch empirische Literatur sowie Studien ergänzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Havighurstschen Theorie, eine kritische Diskussion ihrer Anwendbarkeit auf die heutige Zeit sowie eine detaillierte Analyse der Interaktion von Diabetes mellitus, psychischen Begleiterkrankungen und dem Bewältigungsprozess der Entwicklungsaufgaben.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Entwicklungsaufgaben, Adoleszenz, Diabetes-Management, Resilienz und interaktionistische Entwicklungstheorien charakterisiert.
Wie beeinflusst eine chronische Krankheit wie Diabetes das Entwicklungsdilemma nach Seiffge-Krenke?
Das Dilemma besteht darin, dass betroffene Jugendliche ihre Energie stark auf das Krankheitsmanagement fokussieren müssen, wodurch alterstypische Entwicklungsaufgaben – wie die Peer-Integration oder die berufliche Orientierung – zeitweise vernachlässigt werden können.
Welche Rolle spielt die kognitive Verhaltenstherapie im Fallbeispiel?
Die Verhaltenstherapie dient als notwendige Unterstützung, um die psychische Belastung (Depressionen, Binge-Eating) zu bewältigen, die Akzeptanz der Krankheit zu fördern und die Handlungsfähigkeit zur Erreichung der persönlichen Entwicklungsziele wiederherzustellen.
- Quote paper
- Ivonne Wüsthof (Author), 2017, Sind wir Ko-Produzenten unserer Entwicklung?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385617