Integration und Zuwanderung von Muslimen in Deutschland. Hat Thilo Sarrazin mit seinen Thesen aus "Deutschland schafft sich ab" Recht?

Ein Erklärungsversuch unter Berücksichtigung von Integrationsstudien und Statistiken


Hausarbeit, 2011
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die muslimische Gemeinde in Deutschland und Integration- eine Kurzdarstellung
2.1. Integration – Definitionen

3. Die Sarrazin-Debatte in Bezug auf muslimische Migranten
3.1 Diskussionsgrundlage: Kapitel 7 aus „Deutschland schafft sich ab“ – Zuwanderung und Integration: Mehr erwarten, weniger bieten

4. Studien und Statistiken zur Integration von Muslimen in Deutschland

5. Diskussion: Lassen sich Sarrazins Aussagen belegen? Reaktionen zur Thematik

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Jahre 2010 erschien in Deutschland ein Politiksachbuch, das wie kaum ein anderes, in den vergangenen Dekaden für Kontroversen in Gesellschaft und Politik gesorgt hat. Die Rede ist von Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen.“ Bereits vor Erscheinen des Werkes wurde dem Autor aufgrund seiner vorab veröffentlichten Thesen ein großes mediales Interesse geschenkt. Die Startauflage von 25.000 Exemplaren war bereits vor Erscheinen vergriffen und mittlerweile sind 1,3 Millionen Bücher verkauft worden.[1] Inhaltlich beschäftigt sich das Buch mit, objektiv betrachtet, relativ unspektakulären Analysen gesellschaftlicher Probleme, wie Armut, Ungleichheit, Bildung und Gerechtigkeit, Demographie und Bevölkerungspolitik oder auch die Situation der Arbeit in Deutschland. Ein gesellschaftlicher Bereich, der von Sarrazin bearbeitet wird und für besonders viel Diskussion sorgt, ist im siebten Kapitel seines Buches unter dem Titel „Zuwanderung und Integration“ zu finden. Hierin analysiert er die Situation der Migranten und deren Integration innerhalb der deutschen Gesellschaft. Als problematische Migrantengruppe stellt Sarrazin die Muslime heraus, wonach diese am schlechtesten integriert ist, im Verhältnis zu anderen Gruppen am wenigsten Beteiligung am Arbeitsmarkt findet sowie die geringste Bildung aufweist, im Gegenzug allerdings die höchste Geburtenrate und den höchsten Anteil an Transferleistungsempfängern stellt.

Diese, aber auch andere Feststellungen, führten vor allem in den Medien und der Politik zu zahlreichen Reaktionen, in denen Sarrazin unter anderem vorgeworfen wird, „rassistische Hasstriaden“[2] oder „Hetzparolen“[3] zu schüren und wissenschaftlich infundiert zu analysieren. Auch seine Parteigenossen der SPD, allen voran ihr Vorsitzender Sigmar Gabriel, distanzierten sich von ihm und kritisierten seine Äußerungen als „teilweise gewalttätig“.[4] Selbst die Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte sich zu dem Buch dahingehend, dass Sarrazins Formulierungen „nicht hilfreich sind bei der großen nationalen Aufgabe in diesem Land, bei der Integration weiterzukommen“.[5]

Trotz des medialen Interesses und den zahlreichen negativen Äußerungen stellt sich allerdings die Frage, ob die Analysen und Thesen des Autors, in Bezug auf die Migrantensituation, vor allem der muslimischen Menschen in Deutschland, nicht durchaus Wahrheitsgehalt besitzen und statistisch belegbar sind.

Die vorliegende Arbeit, welche im Rahmen eines Seminars zur „Interkulturellen Kommunikation“ entstand, wird sich dieser Thematik widmen und unter der Fragestellung: „Hat Thilo Sarrazin mit seinen Thesen zur Situation von muslimischen Migranten in Deutschland Recht?“ einen Analyseversuch beinhalten. Bereits nach kurzer Sichtung und Bearbeitung des Werkes wird deutlich, dass sich durchaus die These aufstellen lässt, dass Sarrazins Darstellungen, bezüglich der Thematik, Wahrheitsgehalt besitzen und daher die zahlreichen Kritiken sowie Anschuldigungen an ihn, ein Lügner zu sein, unberechtigt sind.

Zu diesem Zweck wird im ersten Kapitel eine kurze Darstellung der muslimischen Gemeinde in Deutschland und deren Status Quo der Integration erfolgen. Im zweiten Kapitel sollen Kernaussagen sowie Textpassagen des Buches bezüglich der primär muslimischen Migranten dargestellt und diskutiert werden. Das dritte Kapitel soll anhand von Statistiken und Studien der jeweiligen Bundesämter die Situation jener Gruppe in Zahlen ausdrücken, welche abschließend im vierten Kapitel diskutiert wird. Ebenfalls sollen hier weitere Reaktionen zur Thematik aufgezeigt werden, welche hauptsächlich von Wissenschaftlern verschiedener Fakultäten geäußert wurden. Ein Fazit soll Antworten auf die Fragestellung liefern und die Arbeit abschließen. Vorweg sei allerdings erwähnt, dass sich die vorliegende Arbeit einer Gesamtsituation, bzw. einer gesellschaftlichen Problematik annimmt. Daher soll es nicht das erklärte Ziel sein, Pauschalisierungen oder Verallgemeinerungen gegenüber den untersuchten Bevölkerungsgruppen zu formulieren, sondern wissenschaftlich und statistisch nachweisbar vorzugehen und die vorliegende Fragestellung zu beantworten.

2. Die muslimische Gemeinde in Deutschland und Integration – eine Kurzdarstellung

In Deutschland lebten im Jahr 2009, laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, mehr Muslime als bis dahin angenommen. Die Gesamtzahl variiert hierbei zwischen 3,8 und 4,3 Millionen Muslimen mit Migrationshintergrund, von denen ca. 50 Prozent im Besitz der deutschen Staatsbürgerschaft sind. Der Anteil der Muslime an der Gesamtbevölkerung Deutschlands liegt zwischen 4,6 und 5,2 Prozent.[6]

Dabei stellen die Muslime eine heterogene Gruppe dar, wobei die türkischstämmigen Muslime dominieren. Schätzungen zufolge leben ca. 2,7 Millionen türkischstämmige Muslime in Deutschland. Es folgen Muslime aus Südosteuropa (ca. 496.000 bis 606.000), dem Nahen Osten (bis zu 370.000) und bis zu 692.000 aus verschiedenen weiteren Regionen wie Afrika oder Zentralasien.[7]

Von den Muslimen in Deutschland ist der größte Anteil gläubig. 36 Prozent geben an, stark gläubig zu sein, weitere 50 Prozent sehen sich als gläubig. So geben vor allem die türkischstämmigen Muslime vor, gläubig zu sein, während iranische, meist schiitische Muslime angeben, nicht gläubig zu sein. Neben diesen Erhebungen zeigt sich, dass tendenziell Frauen gläubiger sind als Männer.[8]

2.1. Integration – Definition

Integration folgt einer Reihe von Definitionen. Nach einer Studie des Berlin-Institutes ist Integration ein gegenseitiger Prozess, der eine Angleichung zwischen den Menschen mit Migrationshintergrund und der genuinen Bevölkerung erbringen soll. Dies impliziert die Öffnung der Gesellschaft und den Integrationswillen der Migranten. Dabei ist zur Annäherung Bildungsstand, Erwerbsbeteiligung, Einkommen und gesellschaftliches Engagement anzustreben. Eine erfolgreiche Integration ist demnach erkennbar, wenn sich Migranten in allen gesellschaftlichen Bereichen dem Durchschnitt der Einheimischen angleichen.[9] Die Bundesregierung definiert Integration wie folgt:

Integration ist ein langfristiger Prozess. Sein Ziel ist es, alle Menschen, die dauerhaft und rechtmäßig in Deutschland leben, in die Gesellschaft einzubeziehen. Zuwanderern soll eine umfassende und gleichberechtigte Teilhabe in allen gesellschaftlichen Bereichen ermöglicht werden. Sie stehen dafür in der Pflicht, Deutsch zu lernen sowie die Verfassung und die Gesetze zu kennen, zu respektieren und zu befolgen.“[10]

3. Die Sarrazin-Debatte in Bezug auf muslimische Migranten

Wie bereits in der Einleitung beschrieben, soll es im Folgenden um die wesentlichen Kernthesen und Aussagen Sarrazins gehen, um im Anschluss zu versuchen, jene Behauptungen statistisch nachzuweisen. Dabei beschränkt sich meine Darstellung auf das siebte Kapitel des Forschungsgegenstandes.

3.1. Diskussionsgrundlage: Das siebte Kapitel aus „Deutschland schafft sich ab – Zuwanderung und Integration: Mehr erwarten, weniger bieten

Einleitend versucht Sarrazin in diesem Kapitel mit soziologischen- und behavioristischen Grundlagen zu erläutern, dass der Mensch zunächst ein territorial- und gruppenorientiertes Wesen ist.[11]

Auf diesen Grundlagen aufbauend verwendet er historische Beispiele der Zuwanderungskontrolle, wie bspw. die Chinesische Mauer oder den Limes, aber auch die USA, als gegenwärtiges Beispiel, mit ihrer Grenzsicherung zu Mexiko. Seine Erkenntnis ist zum Thema Einwanderung daher:

„Ungesteuerte Zuwanderung konnte zu jeder Zeit staatliche Gebilde gefährden und die Stabilität einer Gesellschaft unterminieren.“[12]

Mit diesem Gedanken bezieht er sich auf die Zuwanderung der Gastarbeiter in Deutschland seit dem Ende der 1950er Jahre bis zum Anwerbestopp 1973. Im Gegensatz zu den vielfach immigrierten italienischen Gastarbeitern seien jene türkischer Herkunft in der Bundesrepublik geblieben:

„Heute leben rund 3 Millionen Menschen türkischer Herkunft in Deutschland. Ihr Anteil an den Geburten ist doppelt so hoch wie der Bevölkerungsanteil und nimmt weiter zu.“[13]

Seinen Gedanken führt er dahingehend auf kommende Tendenzen weiter:

„Bleibt die Geburtenrate der Migranten dauerhaft höher als die der autochthonen Bevölkerung, so werden Staat und Gesellschaft im Laufe weniger Generationen von den Migranten übernommen.“[14]

Darauf beziehend beschreibt er im Abschnitt „Migranten muslimischer Herkunft“ seine Ansichten bezüglich vorliegender Problematik, die er aufbauend auf dem Mikrozensus 2007 des Statistischen Bundesamtes, sowie dem von der Bundesregierung erstellten Bericht „Integration in Deutschland“:

„Eine Zuwanderungs- und Integrationsproblematik, die der Rede wert ist und sich nicht mit der Zeit automatisch erledigt, gibt es in Deutschland ausschließlich mit Migranten aus der Türkei, Afrika, Nah- und Mittelost, die zu mehr als 95 % muslimischen Glaubens sind.“ [15]

Hier wird besonders deutlich, dass er nichtmuslimische Migranten in seine Überlegungen nicht weiter einbezieht. Diese Fokussierung auf die muslimischen Migranten findet sich auch in seinen weiteren Aussagen wieder:

„Weit ausgeprägter noch als andere Migrantengruppen haben Muslime in Deutschland eine unterdurchschnittliche Beteiligung am Arbeitsmarkt, unterdurchschnittliche Erfolge im Bildungswesen und eine überdurchschnittliche Quote von Transferleistungsempfängern sowie überdurchschnittliche Beteiligung an der Gewaltkriminalität. Integrationsgrad und –bereitschaft […] scheinen eher zu sinken. Ursachen dafür sind die unzureichenden Erfolge der Muslime im Bildungs- und Beschäftigungssystem, der ganz erhebliche Familiennachzug von Heiratspartnern aus den Heimatländern, aber auch eine starke Fixierung auf die heimatliche Kultur.“[16]

Diesen kulturellen Aspekt greift Sarrazin weiter auf, indem er auf die überdurchschnittliche Religiosität mit wachsenden Tendenzen zu traditionalen, bzw. fundamentalistischen Strömungen des Islam eingeht, welche die Bildung von Parallelgesellschaften durch die kulturellen Differenzen fördere.[17]

Der Islam stellt sich für ihn im gesellschaftlichen Kontext wie folgt dar:

„Das westliche Abendland sieht sich durch die muslimische Immigration und den wachsenden Einfluss islamistischer Glaubensrichtungen mit autoritären, vormodernen, auch antidemokratischen Tendenzen konfrontiert, die nicht nur das eigene Selbstverständnis herausfordern, sondern auch eine direkte Bedrohung unseres Lebensstils darstellen.“[18]

Diese Tendenz würde durch die bereits beschriebenen demographischen Aspekte weiter verstärkt:

„Demographisch stellt die enorme Fruchtbarkeit der muslimischen Migranten auf lange Sicht eine Bedrohung für das kulturelle und zivilisatorische Gleichgewicht Europas dar.“[19]

Für Deutschland bedeute dies:

„Die Muslime in Deutschland und im übrigen Europa unterliegen einem fremden kulturellen und religiösen Einfluss, den wir nicht überblicken und schon gar nicht steuern können. Wir dulden das Anwachsen einer kulturell andersartigen Minderheit, deren Verwurzelung in der säkularen Gesellschaft mangelhaft ist, die nicht unsere Toleranzmaßstäbe hat und die sich stärker fortpflanzt als ihre Gastgesellschaft.“[20]

Hieraus ergäben sich verschiedene Integrationsprobleme. Die ökonomischen Integrationsprobleme erkennt Sarrazin vor allem bei den muslimischen Migranten wieder, da 2007 lediglich 33,9 Prozent ihren überwiegenden Lebensunterhalt aus Berufs- und Erwerbstätigkeit bezogen.[21] Kulturelle Integrationsprobleme sind seiner Ansicht nach vor allem quantitativ am Ausbildungsstand und am Schulerfolg festzumachen. Auch hier zeigen sich vor allem bei den Menschen mit muslimischen Migrationshintergrund die größten Defizite, da 30 Prozent überhaupt keinen Schulabschluss (Türken 27 Prozent) und lediglich 14 Prozent Abitur haben. Als ein positives Gegenbeispiel nennt er die Kinder von Vertragsarbeitern aus Vietnam in der ehemaligen DDR, bei denen bis zu 80 Prozent das Abitur erwerben und dies auch durchaus besser als die Deutschen.[22] Allerdings ergäbe sich auf dem Gebiet der kulturellen Defizite ein weiteres, bedeutendes Problem:

„Zu den kulturellen Unterschieden und den mit ihnen verbundenen Abgrenzungsritualen gehört auch die Neigung zur Gewalt, die bei Jugendlichen mit muslimischem Migrationshintergrund vermehrt registriert wird.“[23]

Diese Problematik begründet Sarrazin unter anderem mit der Ehrvermittlung muslimischer Jungen:

„Falsche Rollenbilder, mangelhafte Bildungserfolge und sexuelle Frustration können zu einer erhöhten Gewaltbereitschaft führen, die vornehmlich in Jugendgangs ausgelebt wird, der eigentlichen Heimat vieler junger muslimischer Migranten.“[24]

[...]


[1] Vgl. http://www.media-control.de/thilo-sarrazin-sprengt-alle-rekorde.html , zugegriffen am 21.01.12, 12:13 Uhr

[2] Vgl. Zentralrat der Juden in Deutschland, unter: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/reaktionen-auf-sarrazin-bundesregierung-sarrazins-aeusserungen-sind-diffamierend-11024545.html zugegriffen am 21.01.12, 12:13 Uhr

[3] Vgl. Roth, Claudia, unter: ebd.

[4] Vgl. Gabriel, Sigmar, unter: ebd.

[5] Vgl. Merkel, Angela, unter: ebd.

[6] Vgl. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, 2009: 59 ff.

[7] Vgl. ebd.

[8] Vgl. ebd.: 97 ff

[9] Vgl. Berlin-Institut, 2009: 9ff

[10] Vgl. ebd.:11

[11] Sarrazin, 2010: 255-256.

[12] Ebd.:256.

[13] Ebd.: 258.

[14] Ebd.: 259.

[15] Ebd.: 260.

[16] Ebd.: 262.

[17] Vgl. Ebd.: 262.

[18] Ebd.: 267.

[19] Ebd.

[20] Ebd.: 280.

[21] Vgl. Ebd.: 282.

[22] Vgl. Ebd.: 286-287.

[23] Ebd.: 291.

[24] Ebd.: 296.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Integration und Zuwanderung von Muslimen in Deutschland. Hat Thilo Sarrazin mit seinen Thesen aus "Deutschland schafft sich ab" Recht?
Untertitel
Ein Erklärungsversuch unter Berücksichtigung von Integrationsstudien und Statistiken
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
18
Katalognummer
V386153
ISBN (eBook)
9783668629967
ISBN (Buch)
9783668629974
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thilo Sarrazin, Migration in Deutschland, Muslime, Integration, Zuwanderung
Arbeit zitieren
M.A. Sascha Tiedemann (Autor), 2011, Integration und Zuwanderung von Muslimen in Deutschland. Hat Thilo Sarrazin mit seinen Thesen aus "Deutschland schafft sich ab" Recht?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/386153

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