Telemedizin in Deutschland. Der Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien in der medizinischen Versorgung


Masterarbeit, 2017
108 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Abstract und Einleitung
1.1 Vorgehensweise

2 Einordnung der Telemedizin in das Gesundheitswesen
2.1 Warum brauchen wir die Telemedizin?
2.2 Gründe für den notwendigen Einsatz der Telemedizin
2.3 Chancen und Ziele der Telemedizin

3 Definition der Begrifflichkeiten
3.1 e-Health
3.2 Telematik
3.3 Telemedizin
3.4 Weitere telemedizinische Begrifflichkeiten

4 Bereiche und Anforderungen an die Telemedizin
4.1 Die Vorteile und Nachteile der Telemedizin
4.2 Die Anwendungsbereiche und beteiligten Parteien der Telemedizin
4.3 Die Anforderungen an die Telemedizin

5 Geschichte, Entwicklung und Stand der Telemedizin
5.1 Die Anfänge und der Werdegang der Telemedizin
5.2 Die Telemedizin im weltweiten Fokus
5.3 Telemedizinische Entwicklungen in Deutschland
5.4 Der Stand der Telemedizin in Deutschland im Jahr 2016

6 Beispielhafte Telemedizin-Projekte in Deutschland
6.1 Bayern als Vorreiter dank TEMPiS, Steno und Co.
6.2 Das EU-Modellprojekt „CCS Telehealth Ostsachsen“
6.3 Überblick zu weiteren „erfolgreichen“ Projekten

7 Das Projekt „TeleArzt“
7.1 Idee und Entstehung
7.2 Bestandteile, Aufbau und Ablauf
7.3 VERAH im Fokus
7.4 Status Quo und Ausblick

8 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Entwicklung der Gesundheitsausgaben in Deutschland von 2000 bis 2015 (Vgl. Statistisches Bundesamt)

Abbildung 2: Die Leistungsausgaben der GKV und PKV je Versichertem von 2006 bis 2014 (Vgl. BMG 2016)

Abbildung 3: Die Altersstruktur der Bevölkerung in Deutschland von 1950 bis 2060 (Vgl. Statistisches Bundesamt und Demografieportal)

Abbildung 4: Der Anteil der über 65- und über 80-Jährigen in Deutschland von 1950 bis 2060 (Vgl. Statistisches Bundesamt und Demografieportal)

Abbildung 5: e-Health als Oberbegriff für die Telematik und Telemedizin (Vgl. Burchert 2002)

Abbildung 6: : Entwicklung der Begrifflichkeiten (Vgl. Jedamzik 2014 S. 9)

Abbildung 7: Definition der Telemedizin (Vgl. Gnann 2001 S. 20)

Abbildung 8: Beispielhafte Darstellung einer Telemonitoring-Anwendung (Vgl. Positionspapier des GKV-Spitzenverbands 2016 S. 8)

Abbildung 9: Ein Überblick telemedizinischer Anwendungsfelder (Eigene Darstellung)

Abbildung 10: Potenziale der Telemedizin (Vgl. Nagel 2009 S. 21)

Abbildung 11: Die unterschiedlichen Ebenen telemedizinischer Anwendungsbereiche (Vgl. Nagel 2009 S. 19)

Abbildung 12: Die Anzahl der Publikationen zur Telemedizin (Vgl. Medline 2017)

Abbildung 13: Die verschiedenen telemedizinischen Institutionen in Deutschland (Vgl. DGTeleMed 2017)

Abbildung 14: Anzahl der Telekonsile im TEMPiS-Netzwerk 2003-2015 (Vgl. TEMPiS Jahresbericht 2016)

Abbildung 15: Die Funktionsweise des „TELnet@NRW“ Projekts (Vgl. telenet.nrw 2017)

1 Abstract und Einleitung

Die Telemedizin wird in Zukunft eine tragende Rolle im gesundheitlichen Versorgungssystem der Bundesrepublik Deutschland spielen und zu einem der wichtigsten und bedeutendsten Zukunftsfelder in der medizinischen Versorgung des 21. Jahrhunderts werden. Die flächendeckenden Anwendungen der Telematik und Telemedizin werden eine bessere und effizientere Versorgung von Patienten, beispielsweise in ländlichen Regionen, in denen bereits jetzt ein Ärztemangel zu verzeichnen ist ermöglichen und neue Perspektiven schaffen. Wartezeiten beim Arzt gehören der Vergangenheit an, ältere Patienten können in ihrem häuslichen Umfeld behandelt werden und die Notfallmedizin wird dank telemedizinischer Anwendungen revolutioniert und professionalisiert.[1] Dies sind grob zusammengefasst die theoretischen Ausblicke bei dem Gedanken an die Telemedizin. Wie es sich jedoch tatsächlich in Deutschland zu Beginn des 21. Jahrhunderts, genauer gesagt im Jahr 2016 darstellt, auf welchem Stand die Telemedizin in Deutschland ist, in welchen Bereichen und bei welchen Themen Nachholbedarf besteht oder schon Vorreiterrollen eingenommen werden konnten, gilt es im Folgenden zu betrachten. Dabei spielen rechtliche, technische und ökonomische Fragen eine ebenso große Rolle wie die Akzeptanz der Telemedizin in der Bevölkerung und bei allen Beteiligten im Gesundheitswesen. Darüber hinaus muss betrachtet werden welche Rolle der Gesetzgeber in dem Bezug auf Fragen zur Telemedizin einnimmt und inwiefern seine letzten Bestrebungen zukunftsträchtig sind und bereits gegriffen haben. Dabei stehen das E-Health-Gesetz und die E-Health-Initiative des Bundesministeriums für Gesundheit ebenso im Fokus wie die mehr als schleppend verlaufende Einführung der Telematikinfrastruktur in Deutschland, die bisher mehrere Millionen Euro verschlungen hat. Benchmarks anderer Länder müssen in diesem Zusammenhang ebenso betrachtet werden wie bereits erfolgreich etablierte deutsche Telemedizin-Projekte. Anhand dessen kann schließlich festgestellt werden wo Deutschlands Telemedizin im Jahr 2016 steht und welche Schritte noch zu gehen sind, um einen erfolgreichen, effizienten und ganzheitlichen Einsatz zu gewährleisten. Wie dies im Rahmen der vorliegenden Arbeit geschehen soll, soll im Folgenden kurz erläutert werden, um anschließend mit den aktuellen Herausforderungen des Gesundheitswesens in die Thematik einzusteigen.

1.1 Vorgehensweise

Die vorliegende Arbeit soll die Entwicklung und den Stand der Telemedizin im Jahr 2016 möglichst umfassend abbilden und darstellen. Hierzu erfolgt im ersten Schritt eine Einordnung der Telemedizin in das deutsche Gesundheitswesen. Dabei werden Fragen nach der Notwendigkeit telemedizinischer Lösungen und Anwendungen anhand der Herausforderungen und Probleme des Gesundheitswesens im 21. Jahrhundert geklärt. Die Gründe für den Einsatz der Telemedizin werden hierbei durch die Chancen und Ziele eben dieser begründet und aufgezeigt. Im zweiten Schritt müssen grundlegende Begrifflichkeiten im Rahmen der Digitalisierung im Gesundheitswesen definiert werden, um überhaupt ein klares Verständnis für Themen wie die Telemedizin oder e-Health zu bekommen. Ist dies geschehen folgt im dritten Schritt der Einstieg in den Kern der Arbeit. Es werden die Vor- und Nachteile der Telemedizin deutlich gemacht, die beteiligten Personen und Anwendungsbereiche verschiedener telemedizinischer Anwendungen identifiziert und schließlich die Anforderungen an die Telemedizin nach rechtlichen, technischen und wirtschaftlichen definiert. Im Anschluss wird der Titel der Arbeit verstärkt aufgegriffen und auf die Entwicklungsschritte der Telemedizin in den letzten knapp 120 Jahren eingegangen. Dieser grobe Überblick wird anhand der deutschen telemedizinischen Entwicklungen etwas detaillierter vertieft und mit den Entwicklungen in Europa, den USA und Israel abgerundet. Der Blick auf die Entwicklung schließt letztendlich mit dem aktuellen Stand der Telemedizin in Deutschland im Jahr 2016. Um diesen jedoch bestmöglich abzubilden folgen zum Ende der Arbeit zwei Abschnitte, die die telemedizinische Projektlandschaft in Deutschland würdigen und vorstellen. Dabei liegt der Hauptfokus auf dem vom Autor gewählten Projekt „TeleArzt“. Dieses wird ausführlich vorgestellt und in den Kontext der Telemedizin in Deutschland eingeordnet. Abschließend wird anhand und mit Hilfe dieser Ausführungen ein Fazit zum Stand der Telemedizin in Deutschland gezogen und ein Ausblick auf die weiteren notwendigen und zu erwartenden Entwicklungen gegeben. Damit wird die Telemedizin dann ausführlich betrachtet worden sein, ohne jedoch jeden Aspekt und jeden Bereich ausführlich und vollständig gewürdigt zu haben, was aber auch nicht das Ziel dieser Arbeit ist.

2 Einordnung der Telemedizin in das Gesundheitswesen

Das deutsche Gesundheitswesen ist und wird mit großen Herausforderungen, Aufgaben und Fragestellungen konfrontiert, die es unter der Zuhilfenahme verschiedenster neuer oder noch nicht zur Gänze etablierter Verfahren zu lösen und zu beantworten gilt. Diese Herausforderungen sind zum einen der demographische Wandel und der medizinisch-technologische Fortschritt und zum anderen die regionalen Probleme der flächendeckenden Versorgung.[2] Die Entwicklung der deutschen Bevölkerungsstruktur und die damit verbundene Alterung der Bevölkerung bedingt einen Fokus auf die Behandlung chronischer Erkrankungen, die in der Gesellschaft im Allgemeinen und der Medizin im Speziellen immer mehr zunehmen und an Bedeutung gewinnen. Parallel zu den etablierten Versorgungsformen, aber auch weit darüber hinaus, bringt diese Entwicklung schon jetzt und auch in Zukunft weiterhin den Einsatz moderner Kommunikations- und Informationstechnologien ins Spiel.[3] Der Gesundheitstelematik und der Telemedizin werden hier, als besonders Erfolg versprechende Innovationen, große Chancen eingeräumt, um mit Innovationen und Lösungen den aktuellen und kommenden Problemen zu begegnen. Die Telemedizin ist dabei heute nicht mehr nur eine sinnvolle Ergänzung zu klassischen Versorgungsmethoden, sondern liefert bereits Ansätze und Lösungen, die es weiter zu verfolgen und auszubauen gilt. Sie wird sich, da sind sich fast alle Experten einig, als feste Größe der modernen Gesundheitsversorgung etablieren und im Zusammenspiel aus staatlicher und privater Gesundheitsökonomie eine tragende Rolle einnehmen.[4]

Hierbei spielen nicht nur demographische Aspekte, medizinisch-technologische Fortschritte und allgemeine Entwicklungen in unserer Gesellschaft eine Rolle. Das Gesundheitswesen hat sich darüber hinaus und wird sich auch insgesamt zum wirtschaftlich bedeutsamsten Faktor der Wissensgesellschaft im 21. Jahrhundert entwickeln. Die Erklärung für diese Entwicklung und Tatsache liefert die Theorie des russischen Wirtschaftswissenschaftlers Nikolai Kondratieff. Demnach treten in einer Marktwirtschaft nicht nur kurze und mittlere Wirtschaftsschwankungen auf, sondern auch lange Zyklen mit einer Periode von 40 bis 60 Jahren. Sie beruhen auf den von Kondratieff identifizierten Basisinnovationen, welche die Wirtschaft aller Länder in einen Wachstumsprozess führen, der substanzielle Veränderungen und Innovationen nach sich zieht. Sie gelten als Auslöser ganzer Wirtschaftszyklen, die man auch Kondratieff-Zyklen nennt. So waren die Dampfmaschine, die Elektrotechnik, die Chemie und die Kommunikationstechnologie eben solche Basisinnovationen, die man seither in fünf Kondratieff-Zyklen eingeteilt hat. Sie haben das Tempo und die Richtung des Innovationsprozesses weltweit über mehrere Jahrzehnte bestimmt. Mit substanziellen Entwicklungen und Innovationen in der modernen Medizin befindet sich die Weltwirtschaft nach den oben genannten Basisinnovationen wieder am Beginn oder vielmehr bereits in einem neuen Zyklus, dem nunmehr sechsten Kondratieff-Zyklus. Der Megamarkt des nächsten Zyklus ist der Gesundheitssektor. Gesundheit wird hierbei nach Leo A. Nefiodow ganzheitlich verstanden: körperlich, seelisch und geistig, ökologisch und sozial. Dabei werden die Informations- und Kommunikationstechnologien für die Erschließung und Weiterentwicklung der Gesundheitsmärkte unverzichtbar und Gesundheitstelematik und die Telemedizin nehmen einen wichtigen Bestandteil in diesem Veränderungsprozess ein und avancieren zum Zukunftsgut.[5]

Bei chronischen Erkrankungen wie Herzinsuffizienz, Diabetes mellitus II oder akuten Vorfällen, wie z.B. einem Herzinfarkt, steht Telemedizin darüber hinaus für eine innovative Behandlungsform. Diese nutzen elektronische Mittel für die Vorsorge und Behandlung und werden in Deutschland bereits in zahlreichen Projekten, auf die im weiteren Verlauf der Arbeit noch eingegangen wird, genutzt, umgesetzt und fortlaufend weiterentwickelt. Dies ist unter dem Gesichtspunkt, dass es sich bei den genannten Erkrankungen um diejenigen mit der weitesten Verbreitung und dem höchsten Kostenfaktor handelt, von besonderer Bedeutung.[6] Das Potential und die weitreichenden Erfahrungen der Telemedizin in anderen Ländern lassen erkennen, dass sich die Telemedizin auch in Deutschland langfristig durchsetzen wird und bereits auf einem guten Weg ist, wie diese Arbeit im weiteren Verlauf ebenfalls zeigen wird. Unter Berücksichtigung der Zunahme des Lebensalters und dem Anstieg der Anzahl chronischer Erkrankungen werden medizinische wie gesundheitsökonomische Aspekte im Umfeld der Versorgung immer wichtiger. Alleine in Deutschland leben 1,8 Millionen Menschen mit Herzinsuffizienz und über fünf Millionen Menschen mit koronarer Herzkrankheit, die es angemessen zu versorgen gilt. Weitere chronische Krankheiten wie Diabetes oder periphere Verschlusskrankheiten kommen noch hinzu. Die Gesundheitstelematik und die Telemedizin zeigen hierfür bereits praktikable und gute Lösungen auf.[7] Der medizinische Nutzen der Telemedizin ist darüber hinaus durch zahlreiche, wenn auch noch nicht ausreichende Studien belegt und sie wird bereits international erfolgreich eingesetzt. So ist z.B. in den USA ein starkes Wachstum des Gesundheitsmarktes zu beobachten und Telemedizin gilt als probates Mittel, um die Kosteneffizienz der Behandlung zu steigern. Telemedizin ist darüber hinaus ein Mittel, um die strategischen Ziele des „eHealth Action Plan“ für alle Bürger der Europäischen Union zu erreichen. Die von der Europäischen Kommission darin formulierten Ziele sind: besserer Zugang, bessere Qualität und höhere Effizienz hinsichtlich der Gesundheitsdienste. Alles zusammen – der demographische Wandel, der medizinisch-technologische Fortschritt, Funktionalität und politischer Rahmen – deutet auf eine vielversprechende Zukunft gesundheitstelematischer Innovationen hin und rückt damit die Bedeutung der Telemedizin in den Fokus.[8]

Gleichzeitig verursachen die Innovation gesundheitstelematischer und telemedizinischer Anwendungen und Lösungen noch Probleme. Die Aufnahme in die Regelleistungskataloge der Krankenkassen und die breite Akzeptanz in Ärzte- und Patientenkreisen sind noch strittig und gehen nur schleppend voran. Die Finanzierung einer „telemedizinischen Revolution“ wird kritisch diskutiert und sie wird zum Gegenstand einer richtigen Mischung von Markt und Plan im deutschen Gesundheitswesen. Hinzu kommen datenschutzrechtliche Bedenken.[9] Erhalten die verschiedenen Elemente der Gesundheitstelematik und der Telemedizin zwar im Koalitionsvertrag der CDU/CSU und SPD geführten Bundesregierung von 2013 bis 2017 Aufmerksamkeit, so sind die genauen gesundheitspolitischen Konsequenzen einer breiten Einführung gesundheitstelematischer und telemedizinischer Technologien und Verfahren zum Teil ungeklärt. Die Akteure im Gesundheitswesen liegen häufig im Streit, wenn es um die geeignete Nutzung telemedizinischer Verfahren und ihre Implementation im deutschen Gesundheitssystem geht.[10]

2.1 Warum brauchen wir die Telemedizin?

Der Bereich der Telemedizin wird nichtsdestotrotz oder gerade deswegen in den kommenden Jahren weiterhin an Bedeutung gewinnen. Expertengruppen beurteilen die Telemedizin weltweit als eine Methode, um den aktuellen Herausforderungen der Gesundheitssysteme besser gerecht zu werden. Ziel ist es, die Qualität der Gesundheitsversorgung zu verbessern und dabei gleichzeitig die Kosten im Gesundheitswesen zu senken. Da der Gesundheitssektor jedoch seit Jahren zunehmendem Wettbewerbsdruck unterliegt, ist unter Beibehaltung der derzeitigen Praktiken mit weiteren Kosteneinsparungen und dementsprechend mit einem Qualitätsverlust in der Versorgung zu rechnen. Der demographische Wandel und die Zunahme chronischer Krankheiten verstärken den Druck auf das Gesundheitswesen und nicht zuletzt auf die Sozialsysteme zusätzlich. Insbesondere trägt auch eine gewisse Ineffizienz in einem zwischen Staat und Markt oszillierenden Gesundheitswesen zu hohen Kosten und ärztlicher Unterversorgung in bestimmten Regionen bei.[11]

Telemedizin gilt angesichts dieser Herausforderungen und Missstände im deutschen Gesundheitswesen als einer der Hoffnungsträger, der eine effiziente und effektive Gesundheitsversorgung mit ökonomischem Potential garantieren kann. Die technischen Möglichkeiten zur Anwendung von Telemedizin sind heute vorhanden, jedoch besteht der aktuelle Markt aus einer Vielzahl von Produkten und Firmenstrategien, was die Entwicklung einer homogenen Infrastruktur erschwert. Hierbei will jedoch der Staat als Vorreiter gelten und eine ganzheitliche Telematikinfrastruktur, die „gematik“ schaffen.[12] Schwierigkeiten und ein subtiles Misstrauen zwischen den Leistungsträgern, den Leistungserbringern und – last but not least - den Patienten, führt jedoch zusätzlich zu Unübersichtlichkeit und Unbehagen. Dies verhindert noch, dass Telemedizin erfolgreicher und effizienter eingesetzt wird.[13]

Das Hauptproblem aber damit auch gleichzeitig der Motor für eine funktionierende Telemedizin ist jedoch das deutsche Gesundheitssystem, welches zunehmend mit Herausforderungen, wie Unter-, Über- und Fehlversorgung zu kämpfen hat. Der demographische Wandel wird in Verbindung mit einer flächendeckenden und effizienten Versorgung immer mehr zum Problem. Er verursacht Kostensteigerungen und Einnahmedefizite. Insbesondere bedingt er auch die Zunahme chronischer Krankheiten wie Herzinsuffizienz und Diabetes mellitus. Es besteht Handlungsbedarf, um den zukünftigen Herausforderungen, die im Folgenden in drei Kategorien betrachtet werden, angemessen zu begegnen.[14] Diese drei Kategorien sollen somit exemplarisch als Hauptgründe dienen, um zu zeigen, warum es von größter Wichtigkeit ist, eine funktionierende und effiziente Nutzung der Telemedizin zu verfolgen und zu gewährleisten.

2.2 Gründe für den notwendigen Einsatz der Telemedizin

Warum es der Telemedizin bedarf und weshalb sie schnellstmöglich und vor allen Dingen erfolgreich flächendeckend eingeführt, umgesetzt und angewandt werden sollte, wurde bereits im Allgemeinen angerissen. Nun soll es zur klaren Einordnung noch an drei Hauptgründe, den steigenden Kosten im Gesundheitswesen, den sinkenden Einnahmen im Gesundheitswesen und der Ineffizienz im Gesundheitswesen festgemacht werden. Hiernach sollte deutlich werden, warum die Telemedizin schnellstmöglich und in vollem Umfang zur Anwendung kommen sollte. Im Anschluss wird noch einmal auf die Chancen, wie auch die Ziele der Telemedizin in diesem Zusammenhang eingegangen.

Steigende Ausgaben

Die Ausgaben im Gesundheitssektor steigen allem voran aufgrund der Zunahme chronischer Krankheiten, welche bedingt durch die immer älter werdende Bevölkerung zum größten Kostentreiber in der Gesundheitsversorgung des 21. Jahrhunderts geworden sind. Hinzu kommt der technische Fortschritt, der immer bessere, aber auch teurere Behandlungsmethoden ermöglicht und damit die hohen Ansprüche der Patienten sowie der Leistungserbringer an den Gesundheitssektor bedingt – obwohl das Preis-Leistungs-Verhältnis im Gesundheitswesen zwischen Markt und Staat nicht stimmig organisiert ist.[15] Demnach sind die Gesamtausgaben für ambulante Leistungen im deutschen Gesundheitswesen zwischen 2000 und 2015 um fast 100 Prozent gestiegen. Bei stationären und teilstationären Einrichtungen ist ein Anstieg um knapp 75 Prozent zwischen 2000 und 2015 festzustellen.[16]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Entwicklung der Gesundheitsausgaben in Deutschland von 2000 bis 2015 (Vgl. Statistisches Bundesamt)

Chronische Herzkrankheiten (auch ischämische Herzkrankheiten genannt), wie z.B. die koronare Herzkrankheit, Angina Pectoris, Herzinsuffizienz und Herzrhythmusstörungen waren im Jahr 2015 die häufigste Todesursache in Deutschland mit 356.625 Todesfällen. Knapp 39 Prozent aller Todesfälle wurden somit durch Herz-Kreislaufkrankheiten verursacht. Insgesamt verursachten Erkrankungen des Kreislaufsystems, darunter Herzkrankheiten und Hypertonie (Bluthochdruck) laut Statistischem Bundesamt die meisten stationären und ambulanten Behandlungen.[17]

Die Diabetes-Erkrankung steht heute an vierter Stelle der Haupttodesursachen in den Industrieländern. Vor allem durch die Folgeerkrankungen entstehen ca. 5-10 Prozent der Gesundheitsausgaben. In Deutschland sind ca. 6,5 Millionen Menschen von der Krankheit betroffen, was eine Diabetes-Häufigkeit von 7,2 Prozent bedeutet und Deutschland im europäischen Vergleich auf Position zwei stehen lässt. Laut dem „Deutschen Gesundheitsbericht Diabetes 2017“ liegt die Dunkelziffer der Diabeteserkrankten darüber hinaus bei circa zwei Millionen in Deutschland. Die Zahl der Diabetes-Fälle ist in den letzten zwanzig Jahren weltweit um mehr als das Siebenfache angestiegen und Deutschland ist in diesem Trend recht passend abgebildet. Bis zum Jahr 2025 wird mit einer weiteren Erhöhung auf bis zu 350 Millionen Betroffene gerechnet. Betrachtet man die Kosten der Diabetes in Deutschland anteilig an den Gesamtausgaben wird deutlich, dass sie mit knapp 35 Millionen zwar nicht einschneidend im riesigen Kostenkomplex auffallen, doch unter Betrachtung der Kosten für chronische Krankheiten nehmen sie bereits den zweiten Rang hinter den Ausgaben für Hypertonie-Krankheiten ein. Darüber hinaus zeichnen sich die Gesamtkosten für die Behandlung der Diabetes und der diabetesbedingten Komplikationen für ca. 20 Prozent der gesamten Leistungsausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) verantwortlich.[18]

Zusätzlich zu den krankheitsbedingten Ausgabenanstiegen im Gesundheitswesen steht Deutschland der Tatsache gegenüber, dass die steigende Lebenserwartung im Land zu deutlichen Mehrausgaben im Gesundheitswesen führt. Die erhöhte Lebenserwartung führt zu einer deutlich vermehrten Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen, was gemeinhin auch als Medikalisierungsthese beschrieben wird. Entgegen den Annahmen oder Hoffnungen, dass mehr Lebensjahre in Gesundheit verbracht werden, was die sogenannte Kompressionsthese unterstützen würde, entstehen also mehr Kosten durch die erhöhte Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen durch die erhöhte Lebenserwartung.

Abbildung 2 belegt, dass die Ausgaben von 2006 bis 2014 weder gesunken oder gleichgeblieben, sondern kontinuierlich gestiegen sind, was eindeutig die Medikalisierungsthese belegt.[19]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Die Leistungsausgaben der GKV und PKV je Versichertem von 2006 bis 2014 (Vgl. BMG 2016)

Demnach belasten chronische Krankheiten sowie der demographische Wandel das Gesundheitssystem in einem großen Maße und machen die Telemedizin als möglichen Kostendämpfer umso spannender. Parallel zu den steigenden Kosten im Gesundheitswesen stehen die sinkenden Einnahmen, deren Gründe im Folgenden grob erläutert werden.

Sinkende Einnahmen

Den soeben erörterten steigenden Ausgaben stehen sinkende Einnahmen in die Gesundheitskassen gegenüber, welche insbesondere durch den demographischen Wandel verursacht werden. Deutschland steht dabei ebenso wie die USA, Japan, China und die anderen Mitgliedstaaten der EU vor großen strukturellen Herausforderungen und Änderungen, die sich aus der zu beobachtenden und erwarteten Bevölkerungsentwicklung ergeben. Der demographische Wandel ist dabei ein scheinbar unaufhaltbares Phänomen, das aufgrund der geringen Fertilität und der gleichzeitig steigenden Lebenserwartung zu einem doppelten Alterungsprozess der Gesellschaft führt.[20]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Die Altersstruktur der Bevölkerung in Deutschland von 1950 bis 2060 (Vgl. Statistisches Bundesamt und Demografieportal)

Wie in Abbildung 3 zu erkennen ist, leben 2060 voraussichtlich doppelt so viele 70-jährige, wie Kinder geboren werden. Der Seniorenanteil heute beträgt knapp 22 Prozent, im Jahre 2030 wird er 27 bis 30 Prozent betragen und im Jahre 2060 bei 33 bis 36 Prozent liegen. Die Geburtenhäufigkeit wird bei 1,2 bis 1,6 Kinder je Frau bleiben, das heißt jede folgende Frauengeneration wird zahlenmäßig kleiner sein als die ihrer Mütter.[21]

Für das Gesundheitssystem bedeutet dies, dass ein immer kleiner werdender Teil der arbeitenden Bevölkerung einen immer größer werdenden Rentneranteil mitfinanzieren muss. Rentner zahlen prozentual an ihrem Einkommen gemessen so viel wie Erwerbstätige in das Gesundheitssystem ein. Da Erwerbstätige jedoch ein höheres Einkommen haben, zahlen sie insgesamt auch höhere Beträge in die Krankenkassen ein. Bereits 2003 wurde in der Studie „Grundlohnentwicklung und Ausgaben der GKV” von Hermann Berié und Ulf Fink belegt, dass die Einnahmen aus Beitragszahlungen der Rentner im Jahr 2000 die Ausgaben für deren Behandlung nur zu 40 Prozent deckten.

Bis zum Jahr 2020 soll die Deckungsquote nur noch bei 36 Prozent liegen.[22] Die Bevölkerungsentwicklung und die Zunahme der Menschen älter als 65 Jahre, also derer, die nicht mehr erwerbstätig sind, bedingt also in großem Maße die sinkenden Einnahmen. Abbildung 4 veranschaulicht die Entwicklung der „älteren“ Bevölkerung noch einmal detaillierter.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Der Anteil der über 65- und über 80-Jährigen in Deutschland von 1950 bis 2060 (Vgl. Statistisches Bundesamt und Demografieportal)

Durch die bereits thematisierte steigende Lebenserwartung und die Zunahme chronischer Krankheiten wird dieser Trend noch verstärkt, sodass damit zu rechnen ist, dass unter Beibehaltung des derzeitigen Systems die Einnahmen der Krankenkassen weiter sinken werden. Zudem gilt das deutsche Gesundheitssystem im internationalen Vergleich als ineffizient, was im letzten der drei Punkte grob beschrieben wird.[23]

Ineffizienz

Das deutsche Gesundheitssystem zeichnet sich durch einen gewissen Grad an Ineffizienz aus, der sich in zwei Punkten, der Versorgung auf dem Land und der Kommunikation zwischen den Ärzten, beispielhaft festmachen lässt.

So mangelt es insbesondere im ländlichen Raum an Ärzten, was zur Unterversorgung eines großen Teils der Bevölkerung führen kann. Der Mangel betrifft bereits viele Gegenden Deutschlands. Neben dem Rückgang der hausärztlichen Versorgung, ist der Rückgang fachärztlicher Gruppen immens, sodass es in den letzten Jahren besonders an Augen-, Frauen-, Haut-, und Nervenärzten gefehlt hat. Dem versucht die Regierung gemeinsam mit den Verantwortlichen im Gesundheitswesen zwar entgegenzuwirken und führte 2012 beispielsweise das Versorgungsstrukturgesetz ein, doch die Telemedizin als probates Mittel gegen diesen Trend wird noch nicht ausreichend genutzt und gewürdigt.[24]

Als zweites Beispiel für die Ineffizienz im deutschen Gesundheitswesen soll die fehlende Kommunikation zwischen behandelnden Ärzten herangezogen werden. Diese Fehlkommunikation bedingt besonders häufig Doppel- und Mehrfachuntersuchungen, zu denen es aufgrund des Mangels einer überwachenden Kontrollinstanz kommt. In diesem Zusammenhang fehlt es unter anderem an einer transparenten Kommunikation der Preise für Behandlungen, die dazu führt, dass die Patienten häufig nicht genug aufgeklärt sind über Kostenfragen der Behandlung.[25] Bei den behandelnden Ärzten fehlt zudem das Bewusstsein dafür, teure Behandlungsmethoden zu vermeiden, beziehungsweise Mehrfachuntersuchungen zu verhindern. Erst eine Eigenbeteiligung würde zur Vermeidung der Ineffizienz beitragen, wobei diese erst im letzten Schritt zu empfehlen wäre und der erfolgreiche Einsatz der Telemedizin zuvor erprobt und umgesetzt werden sollte.[26] Aufgrund genau solcher Umstände und Herausforderungen sollen im Folgenden die Chancen und Ziele der Telemedizin aufgezeigt werden, die dabei helfen können, die angerissenen Probleme des deutschen Gesundheitssystems zu überwinden.

2.3 Chancen und Ziele der Telemedizin

Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die Telemedizin noch als unbezahlbare und technisch kaum umsetzbare Technologie abgetan und nur spärlich weiterverfolgt. Mit den rasanten Entwicklungen auf dem Gebiet der Informations- und Kommunikationstechnologien rückte die Telemedizin jedoch immer mehr in den Fokus und das hieraus resultierende Potenzial der Telemedizin wurde den Verantwortlichen im Gesundheitswesen immer mehr gewahr. Damit wurde die Telemedizin und ihre Chancen zunehmend im interdisziplinären Interessenfeld von Forschung, Industrie, Wirtschaft und Politik betrachtet und immer intensiver verfolgt.[27]

Die Gründe hierfür sind vielfältig. Die Anwendungen der Telemedizin zur Unterstützung der Kommunikation und Interaktion zwischen Arzt und Patient sowie zwischen Ärzten im Rahmen der medizinischen Versorgung über räumliche Distanzen hinweg birgt eine Vielfalt an Potenzialen mit dem Ziel, die Qualität, Wirtschaftlichkeit und Transparenz der medizinischen Versorgung zu verbessern. So werden der Telemedizin Chancen zur Verbesserung des Informationsflusses zwischen einzelnen medizinischen Einrichtungen, zur Vermeidung von Patiententransporten und Doppeluntersuchungen, zur ambulanten und stationären Fernüberwachung von Risikopatienten, zur Verbesserung der Versorgungsqualität und Qualitätssicherung, zur Kostensenkung im deutschen Gesundheitswesen, zur Verbesserung der Verfügbarkeit medizinischen Wissens in der Fläche, zur Aus-, Fort- und Weiterbildung sowohl für medizinisches Personal als auch für Patienten und zur Etablierung eines neuen Wirtschaftssektors nachgesagt.[28]

Vor dem bereits angesprochenen Hintergrund des demographischen Wandels, der daraus resultierenden Zunahme chronischer Erkrankungen sowie den steigenden Kosten im Gesundheitswesen und des sich verschärfenden Ärztemangels, besonders in strukturarmen und dünn besiedelten Regionen, wird aus Sicht der Politik und der Kostenträger das Potenzial der Telemedizin zur Kostenkontrolle im Gesundheitswesen hervorgehoben. Seitens der Medizinprodukte- und IT-Industrie wird die Telemedizin so oder so als neuer lukrativer Absatzmarkt in der Gesundheitswirtschaft eingeordnet.[29] Die Ärzte sehen in der Entwicklung in diesem Bereich jedoch weiterhin die Gefahr, dass die qualitative Verbesserung der Patientenversorgung gegenüber den Zielsetzungen in den Hintergrund rückt, und betont die Notwendigkeit der aktiven Mitgestaltung der Entwicklung in diesem Bereich im Interesse von Patienten und Ärzten entsprechend medizinischer Notwendigkeiten und nicht gemäß technischer Machbarkeit.[30]

Zur übersichtlichen Zusammenfassung der Ziele der Telemedizin werden in dieser Arbeit im Folgenden einmal mehr drei Punkte herausgestellt, die beispielhaft gelten sollen und die Ziele bestmöglich abbilden. Dabei handelt es sich erstens um die Verbesserung der Versorgungsqualität, zweitens um die notwendigen Kosteneinsparungen im Gesundheitswesen und zuletzt um die Verbesserung der Qualität in der Lehre.[31] Die Grenzen zwischen diesen drei Zielfeldern verlaufen fließend und die genannten Maßnahmen können zum Erreichen mehrerer Ziele führen.

Verbesserung der Versorgungsqualität

Durch die seit Jahren sinkenden Geburtenraten einerseits und die immer besser werdende medizinische Versorgung andererseits hat sich eine problematische demografische Entwicklung in der Bevölkerung abgezeichnet.[32] Die daraus resultierenden verbesserten Therapiemöglichkeiten führen dazu, dass immer mehr Patienten ihre Krankheiten überleben und weiterer Behandlungen bedürfen. Die Folgen sind hohe Gesundheitskosten und eine nicht immer qualitativ hochwertige Patientenbetreuung.[33] Diese Probleme im Gesundheitssystem könnten durch ausgereifte Technik, wie sie die Telemedizin bietet, teilweise gelöst werden. Die Qualität der Patientenversorgung kann z. B. durch das Heranziehen von Spezialisten zur Diagnosestellung erhöht werden. Die Diagnosen würden besser werden, da man mit mehreren Spezialisten gleichzeitig via Telekonferenz Rücksprache halten könnte. Folglich wäre auch die Therapie besser und befände sich vor allem auf dem aktuellsten Wissensstand.

Außerdem kann die Telemedizin eine ortsunabhängige Versorgung ermöglichen. Chronisch kranke Patienten können durch das Telemonitoring auch im häuslichen Umfeld medizinisch versorgt werden. Die Behandlung könnte wohnortnah erfolgen, ohne dass lange Transporte zu Spezialkliniken notwendig wären. Des Weiteren führt die geringe Arztdichte in meist ländlichen Gebieten oft dazu, dass viele Patienten schlichtweg nicht die fachärztliche Behandlung bekommen können, die sie benötigen. Durch den Einsatz der Telemedizin könnte man auch Patienten in strukturschwachen Regionen stets medizinische Expertise zur Verfügung stellen.[34]

Kosteneinsparungen im Gesundheitswesen

Ein weiteres Ziel ist die Erzielung von Kosteneinsparungen im Gesundheitswesen. Die verteilte, oft unvollständige und für Kommunikationszwecke ungeeignete Dokumentation von Patientenaufenthalten, fehlende, integrierte Behandlungsketten sowie Doppeluntersuchungen werden als Hauptgründe für Ineffizienzen genannt.[35] Telemedizin ermöglicht eine effizientere Gestaltung von medizinischen Dienstleistungen, indem sie beispielsweise unnötige Doppeluntersuchungen vermeidet. Beispielsweise kann es vorkommen, dass bei einer invasiven Untersuchung wie der Gastroskopie der behandelnde Arzt bezüglich seiner Diagnose unsicher ist. Schickt er dann den Patienten zu einem weiteren Spezialisten, so führt der meist nochmals eine eigene Endoskopie durch. Dieser Eingriff sorgt nicht nur für einen doppelten Kostenaufwand, sondern führt auch zu einer unnötigen Belastung für den Patienten.[36] Durch Telemedizin können Ärzte untereinander vernetzt werden, sodass sie zur Konsultation eines Kollegen diagnostische Bilder und Videos versenden können und nicht den Patienten selbst überweisen müssen. Die Vermeidung von Doppeluntersuchungen kann nicht nur zur Vermeidung von Kosten führen, sondern auch zu einer Verringerung der Belastung des Patienten, beispielsweise durch Röntgenstrahlung. Weiterhin können durch die Telemedizin viele Schwachstellen der klassischen Kommunikationsformen wie z.B. die Nichtverwendung von Voruntersuchungen und Vorbefunden oder die verzögerte Weitergabe von Befunden und Arztbriefen vermieden werden. Außerdem können unnötige Krankentransporte verhindern werden, indem erforderliche Untersuchungen vor Ort durchgeführt und die Daten dann an eine Spezialklinik versendet werden.[37]

Verbesserung der Qualität in der Lehre

Die dritte Zielkategorie ist die Verbesserung der Qualität in der Lehre, sowohl für Ärzte und medizinisches Personal als auch für Patienten. Telemedizin will einen einfachen Zugriff auf medizinisches Wissen und dadurch eine bessere Information der Patienten und der medizinischen Dienstleister ermöglichen.[38] Des Weiteren können durch Telemedizin virtuelle Kompetenzzentren für wichtige Krankheiten geschaffen werden. Hier könnten räumlich getrennte Experten interdisziplinär zusammenarbeiten und ihre gemeinsamen Erkenntnisse den Patienten und den Angehörigen der Gesundheitsberufe zur Verfügung stellen. Zur Verbesserung der Qualität der studentischen Ausbildung können diese Datenbanken darüber hinaus unmittelbar in der Lehre genutzt werden, das heißt bei Vorlesungen, Kursen und beim Selbststudium. In so genannten Lernmanagementsystemen können den Studierenden digitale Materialien wie beispielsweise Video- und Audiofiles zur Verfügung gestellt werden. Diese Materialien können für Übungszwecke genutzt und im Kontext entstandene Fragen in speziell errichteten Foren diskutieren werden. Die Studierenden können auch ihre Arbeiten in das System einstellen und mit Kommilitonen und Dozenten online über die Inhalte diskutieren.[39]

Selbstverständlich gehen die Ziele und Chancen der Telemedizin noch weit über diese Ausführungen hinaus, doch diese Themen sollen nicht der Kern dieser Arbeit sein, sondern nur zum besseren Verständnis und zur Einordnung dienen. Vielmehr wäre eine Auflistung aller Chancen und Ziele der Telemedizin nicht zielführend und zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr angebracht, da die Chancen bereits erkannt wurden und es in Deutschland momentan vielmehr um die erfolgreiche und flächendeckende Einführung und den Einsatz der Telemedizin geht. Eben diese Entwicklungen und der Stand 2016 in Deutschland sollen in dieser Arbeit daher ausführlicher betrachtet werden. Hierzu werden im folgenden Kapitel zunächst für ein besseres Verständnis die Begrifflichkeiten rund um die Telemedizin genauer definiert und erläutert, um dann daran anschließend in die Entwicklung der Telemedizin einzusteigen und konkrete Beispiele für erfolgreich implementierte Telemedizinprojekte in Deutschland zu präsentieren.

3 Definition der Begrifflichkeiten

In der Fachliteratur findet sich eine Vielzahl von Definitionen des Begriffs Telemedizin. Für dieses multidisziplinäre und sich kontinuierlich weiter entwickelnde Instrument der Medizin haben Wissenschaftler und Anwender eine diverse Anzahl von Definitionen entwickelt und verschiedene Definitionen der Telemedizin identifiziert. Der mittlerweile etablierte Begriff Telemedizin fällt unter den weiten Oberbegriff „e-Health“, unter dem ganz allgemein der Einsatz elektronischer Medien im Gesundheitswesen sowie die Telemedizin und Telematik zusammengefasst werden. Gleichzeitig stellt die Telemedizin einen Teilbereich der Telematik dar. Dieser Sammelbegriff, der sich aus den Begriffen Telekommunikation und Informatik zusammensetzt, beschreibt im Gesundheitswesen alle Dienste, Verfahren und Systeme, die über eine räumliche Entfernung mittels Informations- und Kommunikationstechnologien ausgeführt werden.[40] Diese drei Begriffe, e-Health, Telematik und Telemedizin sollen im Folgenden definiert werden, um anschließend noch einen Überblick zu den Unterkategorien der Telemedizin zu geben.

3.1 e-Health

Der Begriff e-Health wurde vorrangig Ende der 90er Jahre im Umfeld der sogenannten New Economy geprägt und stammt ursprünglich aus dem Bereich der Wirtschaftswissenschaften, angelehnt an den inzwischen ebenfalls gebräuchlichen Begriff eCommerce. Heute kann e-Health als Oberbegriff aller Varianten telemedizinischer oder telematischer Anwendungen verstanden werden und bildet damit die Interaktionsplattform zwischen Patienten, telemedizinischen Serviceanbietern und Institutionen zum Datentransfer sowie die Basis der Kommunikation zwischen Patienten und/oder Ärzten.[41] Darüber hinaus beinhaltet e-Health individuelle Kommunikationssysteme zum Patientenmonitoring. E-Health umfasst demnach sowohl ambulante als auch stationäre medizinische Informationssysteme, Telemedizin und Homecare sowie personalisierte Gesundheitssysteme und Gesundheitsdienstleistungen wie Telehealth-Monitoring, Telekonsultation, Diseasemanagement und zahlreiche weitere Anwendungen. Darüber hinaus beinhaltet der Begriff zahlreiche regionale, nationale und über Ländergrenzen hinweg reichende e-Health-Informationsnetzwerke und Krankenakten sowie die damit verbundenen Aktivitäten wie Überweisungen, Verschreibungen und Ähnliches. Anwendungen in weiteren „nicht-klinischen“ Anwendungsfeldern, wie z.B. Gesundheitsportale oder spezialisierte wissenschaftliche Healthportale, die primär im Hintergrund stattfinden und einzuordnen sind, können ebenfalls unter dem Begriff e-Health zusammengefasst werden.[42]

Erstmals erwähnt wurde der Begriff e-Health tatsächlich 1997 in dem Wissenschaftsmagazin “Healthcare PR News and Marketing” und von Marketing-Experten fortan als Modewort eingeführt, das eben dar inzwischen in einer Reihe mit Begriffen wie E-Commerce, E-Business oder E-Solutions steht. Der Mediziner Dr. Gunther Eysenbach beschäftigt sich ebenfalls schon seit 1999 wissenschaftlich mit dem Thema und gibt der Thematik damit eine wissenschaftliche Grundlage. In seinem viel beachteten Artikel „What is e-health“[43] fasst er den Begriff weiter. Er sieht in e-Health nicht nur eine technische Entwicklung, sondern vielmehr eine Einstellung. Der Blick richte sich weg von der Gesundheitsversorgung des Einzelnen, hin zu einer vernetzten, globalen Denkweise. Kommunikations- und Informationstechnologien werden nach Eysenbach zukünftig dazu beitragen, die Gesundheitsversorgung weltweit zu verbessern. Dass der Gedanke von E-Health noch einiges mehr umfasst, zeigt auch die Vielzahl ähnlich gearteter Begriffe wie Digital Health, Healthtech, Online-Health, Health 2.0, Cybermedizin, Cyberdoc und Consumer Health Informatics, die in den Folgejahren im Umfeld des e-Health-Begriffs aufkamen. Hier wird deutlich, dass der Begriff verschiedene Themenfelder berührt.[44]

Im Gabler Wirtschaftslexikon, dass vom Springer Verlag und seinen wissenschaftlichen Experten gepflegt und befüllt wird, findet sich folgende Definition und Einordnung, die als Standard dieser Arbeit verwendet werden soll.

„Unter dem Begriff Electronic-Health (E-Health) werden elektronisch unterstützte Aktivitäten im Gesundheitswesen zusammengefasst. E-Health wird damit als ein Oberbegriff für die Gesamtheit aller elektronischen Anwendungen zur medizinischen Versorgung verstanden, wobei es keine allgemeine Legaldefinition gibt. E-Health erfolgt auf Basis von modernen Informations- und Kommunikationstechnologien. Die Informations- und Kommunikationstechnologie wird als Schlüsseltechnologie im Gesundheitswesen gesehen. So soll den Herausforderungen im Gesundheitssystem, die insbesondere durch den demografischen Wandel und die Versorgung in strukturschwachen und ländlichen Gebieten geprägt sind, mithilfe von flächendeckenden Anwendungen der Telematik und Telemedizin begegnet werden. Merkmale von E-Health sind insbesondere Information, Kommunikation, Dokumentation und Vernetzung. Für die Entwicklung von E-Health spielen zahlreiche Disziplinen eine Rolle. Hierzu zählen u.a. die Betriebs- und Volkswirtschaftslehre, Kommunikations- und Medienwissenschaften, medizinische Informatik, Versorgungsforschung und die klassische Medizin. Heute gibt es zahlreiche Fachgesellschaften, die sowohl auf der nationalen als auch internationalen Ebene agieren und die Thematik rund um E-Health vorantreiben. Zu den Anwendungsfeldern von E-Health zählen insbesondere die Teleedukation/Teleausbildung, Telekonsultation, Telediagnostik, Telemonitoring und die Teletherapie.“[45]

Anhand dieser Definition wird deutlich, dass e-Health als Oberbegriff für die im Folgenden erläuterten Begriffe Telematik und Telemedizin dient und diese in sich zusammenfasst, wie in Abbildung 5 nochmal deutlich wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: e-Health als Oberbegriff für die Telematik und Telemedizin (Vgl. Burchert 2002)

e-Health reiht sich damit zwar als Oberbegriff vor der Telematik und der Telemedizin ein, ist aber der zeitlich-historisch betrachtet der jüngste Begriff wie Abbildung 6 zeigt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: : Entwicklung der Begrifflichkeiten (Vgl. Jedamzik 2014 S. 9)

Während e-Health wie beschrieben als Oberbegriff für die Telematik und die Telemedizin dient, taucht die Telematik im zweiten Schritt etwas „tiefer“ in die Thematik ein, dient aber ebenfalls wiederum als Oberbegriff, in dem sich schließlich die Telemedizin wiederfindet. Die Definition, Begrifflichkeit und Einordnung der Telematik soll demnach im Folgenden vorgenommen werden.

3.2 Telematik

Der Begriff Telematik entstand Mitte der 90er Jahre[46] als Kunstwort aus den Begriffen Telekommunikation und Informatik zur Bezeichnung von kombinierten Anwendungen der Telekommunikations- und Informationstechnik. Telelmatik, die im Kontext des Gesundheitswesens auch als Gesundheitstelematik bezeichnet wird, ist das Fachgebiet, das sich mit Telematikanwendungen im Gesundheitswesen beschäftigt. Die Telematik dient der Überbrückung von Zeit und Raum und stellt allen Akteuren des Gesundheitswesens Informationen und Daten zur Verfügung.[47]

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert die (Gesundheits-) Telematik als einen Sammelbegriff für gesundheitsbezogene Aktivitäten, Dienste und Systeme, die über eine Entfernung hinweg mit Mitteln der Informations- und Kommunikationstechnologie ausgeführt werden. Sie dienen dem Zweck der globalen Gesundheitsförderung, der Krankheitskontrolle und der Krankenversorgung und helfen bei der Ausbildung, dem Management und der Forschung im Gesundheitswesen.[48] Die (Gesundheits-) Telematik bezeichnet demnach der Telemedizin übergeordnete Bereiche und Anwendungsfelder, indem Telematiksysteme beispielsweise dezentrale telemedizinische Anwendungen unterschiedlicher Fachbereiche in Krankenhäusern verbinden. Diese Systeme schaffen eine Verbindung zwischen administrativen und medizinischen Bereichen und können der Klinikleitung und -verwaltung als Entscheidungsgrundlage dienen. Unter Gesundheitstelematik versteht man also abschließend zusammengefasst die Anwendung von Telematik im Gesundheitswesen, wobei Telematik die gemeinsame aber auch getrennte Anwendung von Telekommunikation und Informatik meint.

Demnach ist Telematik der Sammelbegriff für Anwendungen und Prozesse, die sich telekommunikations- und informationstechnischer Methoden bedienen. Als allgemeine Ziele der Telematik werden die Erhöhung der Wertschöpfung bestehender Prozesse oder die Schaffung neuer Wertschöpfung durch die Etablierung neuer Prozesse und Geschäftsmodelle formuliert. Diese lassen sich analog und sehr einfach auf Prozesse, Anforderungen und Geschäftsmodelle des Gesundheitswesens übertragen, sodass diese Ziele ebenso für die Gesundheitstelematik gelten.[49]

Die Begriffe e-Health und Telematik werden häufig synonym verwendet, wobei bereits festgestellt wurde, dass e-Health einen größeren Rahmen umfasst und daher als Oberbegriff dient und die (Gesundheits-) Telematik damit einschließt beziehungsweise umfasst.[50] Ebenso schließt die Telematik aber auch die Telemedizin mit ein und bildet den Rahmen für eben diese. Daher wird die Telemedizin im Folgenden als letztes definiert und eingeordnet.

[...]


[1] Vgl. Marxen 2017

[2] Vgl. Pelleter 2012 S. 109 ff

[3] Vgl. Budych/Carius-Düssel 2013 S. 31

[4] Vgl. Schultz/Salomo/Gemünden 2005 S. 2

[5] Vgl. Nefiodow 2014

[6] Vgl. Halkow/Heese 2012 S. 3 f

[7] Vgl. Pelleter 2012 S. 109 ff

[8] Vgl. eHealth Action Plan 2012-2020

[9] Vgl. Perlitz 2010 S. 14 ff

[10] Vgl. Gausemeier/Grote/Lehner 2012 S.2

[11] Vgl. Beschlüsse der 90. Gesundheitsministerkonferenz 2017

[12] Vgl. Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte mbH

[13] Vgl. Beckers 2014 S. 9 ff

[14] Vgl. Porter 2012 S. 8 ff

[15] Vgl. Arnold 2006 S. 182

[16] Vgl. Statistisches Bundesamt 2017

[17] Vgl. Statistisches Bundesamt 2017

[18] Vgl. Gesundheitsbericht Diabetes 2017

[19] Vgl. Wild 2016 S. 22

[20] Vgl. Ehrentraut/Fetzer 2007 S. 25

[21] Vgl. Statistisches Bundesamt 2017

[22] Vgl. Berié/Fink (2003) S. 6 ff

[23] Vgl. Kaiser 2014

[24] Vgl. Kassenärztliche Bundesvereinigung zum Thema „Ärztemangel“

[25] Vgl. Holderried/Holderried/Gugler 2017 S. 3

[26] Vgl. Schott 2014 S. 26 ff

[27] Vgl. Gaab/Müller/Burchert 1999 S. 1 ff

[28] Vgl. Kunze/Mutze 2012 S. 1 ff

[29] Vgl. Wendelstein 2012 S. 2 ff

[30] Vgl. Ulsenheimer/Heinemann 1999 S. 197 ff

[31] Vgl. Sögner 2005 S. 657 ff

[32] Vgl. Kapitel 2.2

[33] Vgl. Kapitel 2.2

[34] Vgl. Wendelstein 2012 S. 2 ff

[35] Vgl. Kapitel 2.2

[36] Vgl. Geelvink 2009

[37] Vgl. Pelleter 2012 S. 147 ff

[38] Vgl. Nowakowski/Fischer 2015 S. 177 ff

[39] Vgl. Matzko 2006 S. 131 ff

[40] Vgl. Pelleter 2013 S. 36 ff

[41] Vgl. Pelleter 2012 S. 62

[42] Vgl. Fischer/Aust/Krämer 2016 S. 3 ff.

[43] Vgl. Eysenbach 2001

[44] Vgl. E-Health Blog 2017

[45] Vgl. Gabler Wirtschaftslexikon 2017

[46] Vgl. Abb. 5

[47] Vgl. Reiter/Turek/Weidenfeld 2011 S. 5

[48] Vgl. WHO 2017

[49] Vgl. Häckl 2010 S. 65

[50] Vgl. Kapitel 3.1

Ende der Leseprobe aus 108 Seiten

Details

Titel
Telemedizin in Deutschland. Der Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien in der medizinischen Versorgung
Hochschule
Rheinische Fachhochschule Köln  (Medizinökonomie)
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
108
Katalognummer
V387307
ISBN (eBook)
9783960952527
ISBN (Buch)
9783960952534
Dateigröße
2721 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Telemedizin, e-Health, Gesundheitswesen, Medizin, Telematik, Digitalisierung im Gesundheitswesen
Arbeit zitieren
Robin Bulitz (Autor), 2017, Telemedizin in Deutschland. Der Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien in der medizinischen Versorgung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387307

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