Carlos Sauras "Carmen" (1983) und seine Vorlagen

Text zu Musik zu Bild. Im Vergleich zu Prosper Mérimée und Georges Bizet


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
29 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt:
1. Einleitung
1
2. Carmen bei Prosper Mérimée und Georges Bizet
3
3. Carmen bei Carlos Saura
7
1. Eine Sage von Text zu Musik zu Bild
7
2. Mediale Einbindung der Vorlagen
11
3. Carmen/Antonio und Carmencita/Don José
15
4. Zusammenfassung der Ergebnisse
22
Literaturverzeichnis
26

1
1.
E
INLEITUNG
One would think that everything has already been said about Carmen ­ the character, the
novel, the opera, and her infinite resurrections in the last one hundred years of plenitude ­
and that we might as well let her rest in peace.
1
Prosper Mérimée (1803-1870) bereiste als erster französischer Schriftsteller der Romantik für
längere Zeit Spanien.
2
Er schrieb seine Novelle Carmen im Jahr 1845 im Laufe weniger Tage.
Sie soll von den Erlebnissen seiner ersten Spanienreise 1830 inspiriert worden sein,
insbesondere von der Begegnung mit einem schönen Mädchen namens Carmencita und von
der Bekanntschaft mit der Gräfin Montijo, die ihm die Geschichte eines Räubers erzählte, der
seine Geliebte ermordete.
3
Seit ihrer Veröffentlichung hat Mérimées Novelle eine Vielzahl
von Adaptionen der Geschichte von Carmen in unterschiedlichsten Aufführungs- und
Medienformen inspiriert. Dazu zählen beispielsweise die gleichnamige Oper des
französischen Komponisten Georges Bizet im Jahr 1875, der deutsche Tanzfilm Carmen on
Ice (1990) von Horant H. Hohlfeld oder auch der Comic Carmen (1981) von Georges
Pichard.
4
Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden etwa 30 Versionen der Oper ,,for
non-theatrical release",
5
sowie mehr als 80 filmische Adaptionen in variierenden Genres, vom
Feature Film bis zum Cartoon. Im Jahre 1983 erschienen gleich drei Verfilmungen, die sich in
die weitreichende Rezeptions-Tradition einreihen: Carmen vom spanischen Regisseur Carlos
Saura, Carmen von Claes Fellborn in Schweden und der von Peter Brook nach seiner
Theaterinszenierung der Oper gedrehte Film La Tragédie de Carmen.
6
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit Carlos Sauras Carmen (1983)
7
im Verhältnis zu
Prosper Mérimées Carmen (1845)
8
und Georges Bizets Carmen (1875).
9
Neben dem
1
José Colmeiro: Exorcising Exotism. Carmen and the Construction of Oriental Spain. In: Comparative
Literature 54 (2002), H. 2, S. 127-144, hier S. 127.
2
Vgl. Kirsten Möller: Prosper Mérimées Carmen. Eine französisch-spanische Beziehungsgeschichte. In: Kirsten
Möller/Inge Stephan /Alexandra Tacke (Hg.): Carmen. Ein Mythos in Literatur, Film und Kunst. Köln:
Böhlau Verlag GmbH & Cie 2011, S. 13-24, hier S. 14.
3
Vgl. Ebd.
4
Eine umfangreiche Übersicht über die filmischen Adaptionen der Carmen-Geschichte findet sich etwa in Ann
Davis/Phil Powrie: Carmen on Screen: An Annotated Filmography and Bibliography. Woodbridge: Tamesis
2006.
5
Ebd., S. ix.
6
Vgl. Davis/Powrie: Carmen on Screen.
7
Der Film wird hier und nachfolgend nach der Ausgabe Carlos Saura (Regie, Drehbuch): Carmen. Paris:
Studiocanal 2007. Fassung: DVD. mit dem Kürzel ,S` versehen. Er wird zitiert nach dem Muster S: Zeit.
8
Die Novelle wird hier und nachfolgend nach der Ausgabe Prosper Mérimée: Carmen. Übersetzt von Arthur
Schurig. Berlin: Holtzinger 2016. mit dem Kürzel ,M` versehen. Sie wird zitiert nach dem Muster M: Seite.
9
Die Oper wird hier und nachfolgend nach der Ausgabe Georges Bizet: Carmen. Opéra-comique en quatre actes.
Oper in vier Akten. Textbuch Französisch/Deutsch. Libretto von Henri Meilhac und Ludovic Halévy nach
der Novelle von Prosper Mérimée. Übersetzt und herausgegeben von Henning Mehnert. Stuttgart: Reclam
1997. mit dem Kürzel ,B` versehen. Sie wird zitiert nach dem Muster B: Seite.

2
Ursprungswerk um die überzeitlich faszinationsauslösende Figur wurde die Oper von Bizet in
der Textfassung von Henri Meilhac und Ludovic Halévy als zweiter Vergleichsgegenstand
ausgewählt, weil diese erstmals die Geschichte von Carmen auf die Bühne und damit in ein
neues Medium übertragen hat und entscheidenden Anteil an ihrem Status als Welterfolg hatte.
Der für die Analyse im Fokus stehende Film aus dem Jahr 1983 ist dagegen nicht die erste
Variation in einem filmischen Medium, zeichnet sich durch sein gewähltes Konzept der
geteilten Handlungsebenen und dem dokumentarischen Charakter des Gesamtwerkes jedoch
deutlich von anderen visuellen Adaptionen ab und bietet einen breiten Spielraum für
verschiedene Interpretationsansätze.
Die Untersuchung soll aufzeigen, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede die Künstler in
der Umsetzung für ihre Adaptionswerke wählen und wie sich die von Mérimée vorgegebenen
Charakteristika der Carmen-Geschichte dadurch verändern. Ein bedeutender Aspekt der
Betrachtung wird dabei auf den namensgebenden Charakter der Carmen und auf ihre
Dynamik mit ihrem jeweiligen männlichen Gegenpart gelegt. In Bezug auf die Ergebnisse des
Werkvergleichs soll dann außerdem eine Antwort auf die Frage gegeben werden, inwiefern
die Figur der Carmen bei Carlos Saura mit der als Inbegriff der ,femme fatale` berühmt
gewordenen Carmencita der Vorlagen übereinstimmt.
10
Abschließend soll eine Überlegung
dahingehend erfolgen, welche Gründe es für den differenzierten Umgang von Saura mit der in
der Moderne mythologisierten Frauenfigur geben könnte.
Aus dieser Fragestellung ergibt sich folgende Gliederung: In einem ersten Schritt sollen in
knapper Form Details zu Leben und Werk von Prosper Mérimée und Georges Bizet genannt
und die strukturellen und inhaltlichen Merkmale von Novelle und Oper in Bezug zueinander
gesetzt werden (Kapitel 2). Kapitel 3 legt den Fokus auf das modernste der drei
Vergleichswerke, den Spielfilm von Carlos Saura. Zunächst erfolgt eine knappe Darstellung
von Sauras Filmkonzept und die Zuordnung seiner veränderten oder aufgenommenen
Elemente der Carmen-Geschichte von Mérimée und Bizet (Kapitel 3.1), sowie die
Betrachtung der auf die Vorlagen und ihre jeweiligen Medienformen verweisenden Details im
filmischen Werk (Kapitel 3.2). Kapitel 3.3 stellt mit der Analyse der Eintrittsszenen und
Charakterentwicklung von Carmen bei den die Geschichten abschließenden Augenblicken in
allen drei Versionen das Zentrum der Untersuchung dar. Im letzten Schritt der Arbeit (Kapitel
4) erfolgt ein knapper Vergleich der erarbeiteten Interpretationskonzepte, der Versuch einer
10
Da hinsichtlich der Untersuchung von Sauras Film Carmen im Verlauf der Arbeit eine Unterscheidung
getroffen wird zwischen der Filmfigur ,Carmen` und ihrer Theaterrolle als ,Carmen`, werden letztere und
ihre Vorläuferinnen von Mérimée und Bizet fortan als ,Carmencita` bezeichnet.

3
Deutung der wichtigsten Analyseergebnisse und ihrer abschließenden Zusammenfassung mit
Blick auf die Leitfragen dieser Arbeit.
2.
C
ARMEN BEI
P
ROSPER
M
ÉRIMÉE UND
G
EORGES
B
IZET
Prosper Mérimée wurde 1803 in Paris geboren und verstarb im Jahr 1870 in Cannes.
11
Er
betätigte sich ,,as an historian, as an archaeologist, as a translater, as a dramatist and as a
letter-writter".
12
Bekanntheit erlangte er aber vor allem mit einer Reihe von Erzählungen, zu
denen unter anderem La Vénus d'Ille (1837), Colomba (1840) und Carmen (1845) gehören
und welche zu großen Teilen von seinen Reisen durch Spanien inspiriert wurden.
13
Sein
Interesse an geschichtlichen Hintergründen für sein literarisches Schaffen ist möglicherweise
in der Tatsache begründet, dass Mérimée in einer Zeit aufwuchs, in der "historical studies in
France were coming to enjoy enormous popularity, both in their own right and as an
apparently inexhaustible source of inspiration for imaginative literature".
14
Laut Alan William
Raitt soll Mérimée die Meinung vertreten haben, Geschichte sei ,,as much superior to all
novels and all plays as a diamond is to paste".
15
Er wird von Raitt beschrieben als ,,complex,
contradictory but profoundly human".
16
Die Novelle Carmen erschien erstmals am 1. Oktober
1845 in der Revue des Deux Mondes, einer seit 1829 monatlich in Paris veröffentlichten
Literatur- und Kulturzeitschrift.
17
Dieser Version fehlte allerdings der vierte Teil der
Erzählung, der erst in der Veröffentlichung 1847 angefügt wurde. Die Novelle zeichnet sich
strukturell vor allem durch ihre verschiedenen Erzählebenen aus. Die ersten beiden Teile
bilden eine Rahmenhandlung um die eigentliche Carmen-Geschichte.
Zu Beginn kündigt ein Ich-Erzähler, der scheinbar ein französischer Archäologe ist, eine sich
bei seiner Reise durch Andalusien 1830 zugetragene Geschichte an. In der Ebene von
Kachena traf dieser mit seinem Führer Antonio auf einen Räuber, der sich als der in
Andalusien berüchtigte José Navarro, genannt Don José, herausstellt. Da der Bandit sich ihm
gegenüber freundlich verhält, verhilft er ihm zur Flucht vor Soldaten. Im zweiten Teil der
Novelle trifft der Erzähler in Córdoba auf eine junge Frau, die sich ihm bei ihrem Gespräch
über ihre Herkunft als Carmencita vorstellt. Sie verbringen den Abend gemeinsam und als sie
11
Genauere Angaben zum Leben und Werk von Prosper Mérimée finden sich etwa in Alan William Raitt:
Prosper Mérimée. London: Eyre & Spottiswoode 1970.
12
Ebd., S. 9.
13
Vgl. Ebd., S. 78.
14
Alan William Raitt: History and Fiction in the Works of Mérimée, 1803-1870. In: History Today. Vol. 19.
Issue 4. April 1969. URL: http://www.historytoday.com/aw-raitt/history-and-fiction-works-merimee-1803-
1870 (eingesehen am 01.06.2017).
15
Ebd.
16
Raitt: Prosper Mérimée, S. 9.
17
Vgl. Möller: Prosper Mérimées Carmen, S. 13.

4
ihm eine Weissagung machen will, werden sie von Don José unterbrochen und der Erzähler
zum Gehen aufgefordert. Einige Monate später erfährt er von der Verhaftung und
bevorstehenden Hinrichtung des Räubers Don José. Beim Besuch im Gefängnis erzählt dieser
dem Erzähler seine Lebensgeschichte.
Die Geschichte um José und Carmencita wird aus Josés Perspektive geschrieben und stellt
den dritten Teil der Erzählung dar. José beginnt die Binnenerzählung mit seiner Geburt, dem
Verlassen seiner Heimat und seiner Soldatenlaufbahn, bis er ,zu seinem Unglück` (Vgl. M:
23) zum Wachkommando der Tabakfabrik in Sevilla kommt, wo er Carmencita begegnet.
Carmencita sticht während der Arbeit in einer Tabakfabrik im Streit eine Frau nieder und José
soll sie ins Stadtgefängnis überführen. Er lässt sich von ihr jedoch überreden, sie gehen zu
lassen und wird selbst für einen Monat unter Arrest gestellt. Als sie sich wiedersehen,
verbringt Carmencita die Nacht mit ihm, weist ihn aber hinterher ab, mit der Erklärung, sie
seien nicht füreinander geschaffen und er solle sie am besten wieder vergessen. Einige Zeit
später tötet er einen ihrer Liebhaber im Streit und muss fliehen. Diesmal ist es Carmencita, die
ihm dabei hilft. Er tritt der Schmugglerbande bei, für die sie als Kundschafterin tätig ist. Dann
erscheint Garcia, der Anführer der Bande und Carmencitas Ehemann. José ermordet Garcia
aus Eifersucht. Dann möchte er das Gaunerleben aufgeben und mit Carmencita in Amerika
einen Neuanfang machen. Doch sie sagt, dass sie ihn nicht mehr liebt und weigert sich, ihr
freies Zigeunerleben aufzugeben. Für eine Weile gehen Beide ihren Aufgaben in der Bande
nach. Zu dieser Zeit findet das getrennte Aufeinandertreffen des Paares mit dem Erzähler in
Montilla und Córdoba statt. Bei Stierkämpfen in Córdoba wird José erneut von Eifersucht auf
den Matador Lukas überwältigt. Er fordert Carmencita auf, ihm aus der Stadt zu folgen und
bittet sie ein weiteres Mal, mit ihm nach Amerika zu gehen. Carmencita weiß, dass José sie
umbringen wird, doch sie sagt: ,,Dich noch lieben ist unmöglich. Mit dir leben will ich nicht"
(M: 54). Nachdem all seine Anstrengungen vergebens waren, tötet José sie. Er begräbt sie im
Wald, hinterlässt ihren Ring und gesteht einem Wachposten in Córdoba seine Tat, worauf hin
er zum Tode verurteilt wird.
Der im Nachhinein hinzugefügte, vierte Teil der Novelle wird von Kirsten Möller als ein
,,pseudowissenschaftlicher Bericht über das Volk der ,Zigeuner`" bezeichnet, in dem sich
Mérimée unter anderem auf ,,zeitgenössischen Abhandlungen des englischen Autors George
Henry Borrow" bezieht.
18
18
Möller: Prosper Mérimées Carmen, S. 14.

5
Carmens ,,literarisches Geburtsjahr fällt ins Jahr 1845, ihr musikalisches ins Jahr 1875"
19
durch Georges Bizet. Der französische Komponist wurde als Alexandre-César-Léopold Bizet
am 25. Oktober 1838 in Paris geboren.
20
Er stammte aus einer musikalischen Familie ­ die
Mutter lehrte ihn, Noten zu lesen und sein Vater war Frisör, Perückenmacher und
Gesangslehrer, für den ,,die unkünstlerische Berufstätigkeit vermutlich nur eine Absicherung
des realistischen Mannes"
21
war. Er wurde bereits im Alter von neun Jahren Schüler des
Pariser Konservatorium und schreib seine erste Sinfonie im November 1855, mit 16 Jahren.
22
Es handelt sich bei Bizets Carmen um eine Oper in vier Akten, die sich der französischen
Operngattung der ,Opéra-comique`
23
zuordnen lässt, obwohl Stücke dieser Tradition seit den
1820er Jahren gewöhnlich aus drei Akten bestanden. Das Libretto zur Aufführung wurde von
Henri Meilhac und Ludovic Halévy geschrieben. Seine Uraufführung fand am 3. März 1875
in dem Théâtre National de l`Opéra-Comique statt, einem auch als ,Salle Favart` bekannten
Opernhaus in Paris (Vgl. B: 5). Die heute als ,populärste aller Opern`
24
angesehene
Geschichte erlebte in ihrer Premierenaufführung einen eklatanten Misserfolg. Grund für den
Unmut des Publikums soll unter anderem die Gemütswandlung der Carmen von ,,Lustigkeit
zu wilden Todesahnungen und ihre schließliche Ermordung, die dem Schema der opéra
comique widersprachen",
25
gewesen sein. Da Bizet nur drei Monate darauf, am 3. Juni 1875
in Bougival bei Paris verstarb, spann sich eine ,,Legende vom unverstandenen, mittellosen
Genie"
26
um den herzkranken Komponisten. Den Welterfolg der Oper begründete dann die
Aufführung ,,mit von Ernst Guiraud nachkomponierten gesungenen Rezitativen"
27
in Wien.
Im Libretto ist gekennzeichnet, welche Abschnitte aus gesprochenem Dialog bestehen und
welche Teile gesungen werden. Außerdem gibt es Zwischenspiele zwischen allen Akten und
die Lieder werden nummeriert und mit Anmerkungen zu ihrem Typus wie ,Chor der
Gassenjungen` (Vgl. B: 21), ,Duett` (Vgl. B: 41), ,Chanson und Melodram` (Vgl. B: 59)
19
Kirsten Möller/Inge Stephan /Alexandra Tacke: Einleitung. In: Ders. (Hg): Carmen. Ein Mythos in Literatur,
Film und Kunst. Köln: Böhlau Verlag GmbH & Cie 2011, S. 7-11, hier S. 8.
20
Genauere Angaben zum Leben und Werk von Georges Bizet finden sich etwa in Christoph Schwandt: Georges
Bizet. Eine Biographie. Mainz: Schott 2011, hier S. 13.
21
Ebd., S. 12.
22
Vgl. Ebd., S. 15.
23
Die ,Opéra-comique` zeichnet sich durch ihre Verwendung von gesprochenen Dialogen als
Verbindungsstücke zwischen den Arien und der daraus folgenden Verminderung der sprachgesanglichen
Rezitativen aus. Umfangreichere Informationen über die Tradition der Opéra-comique finden sich etwa in
Robert Ignatius Letellier: Opéra-Comique. A Sourcebook. Cambridge: Scholars Publishing 2010, hier S. xi.
24
Vgl. Henning Mehnert: Nachwort. In: Georges Bizet: Carmen. Opéra-comique en quatre actes. Oper in vier
Akten. Textbuch Französisch/Deutsch. Libretto von Henri Meilhac und Ludovic Halévy nach der Novelle
von Prosper Mérimée. Übersetzt und herausgegeben von Henning Mehnert. Stuttgart: Reclam 1997, S. 231-
243, hier S. 241.
25
Ebd., S. 242.
26
Ebd., Nachwort, S. 241.
27
Ebd., S. 243.

6
versehen. In dieser Fassung fällt die vom Erzähler handelnde Rahmenhandlung der Novelle
weg. Das Stück beginnt in Sevilla, auf dem Platz vor der Tabakfabrik, am Tag des Streits
zwischen Carmencita und der Fabrikarbeiterin. Die Oper spielt ausschließlich in Sevilla und
seiner unmittelbaren Umgebung als Handlungsumfeld, während die Novelle ein breites Feld
an ,pittoresken Orten`
28
bietet. Die ersten auftretenden Figuren sind der Chor und Soldaten
aus Josés Regiment, sowie eine von Bizet neu eingefügte Figur namens Micaëla, die auf der
Suche nach José ist. Hugh Macdonald nennt die Erfindung der unschuldigen Micaëla einen
,brillianten Zug`
29
von Bizet, denn ,,it created a sharp contrast with Carmen and made José's
passion for Carmen all the more destructive".
30
Obwohl Bizets Geschichte umfangreicher ist
als die Vorlage und aufgrund dessen einer Vielzahl neuer Charaktere bedarf, zu denen auch
,,eindeutige Genrefiguren der Opéra comique"
31
gehören, sorgt Micaëla also als Wunschfrau
für José von dessen Mutter für eine entscheidendere Veränderung in der Rezeption der
Liebesgeschichte um Carmencita und Don José. Im Nachwort zum Libretto wird sie von
Henning Mehnert sogar als dritte Protagonistin neben Carmencita und Don José bezeichnet.
32
Den ersten Eindruck von Carmencitas Gegenpart erhält der Leser dann in einem Gespräch
zwischen José und einem der Soldaten, in dem dieser als ,tugendhaft` vorgeführt wird, indem
er sagt, er könne sich nicht sicher sein, ob die tagtäglich passierenden Arbeiterinnen hübsch
seien, da er sie sich niemals besonders angesehen habe und sie ihm aufgrund ihrer spotthaften
Art sogar Angst machen würden (Vgl. B: 29). Macdonald erklärt, dass ,,the librettists had to
apply a great deal of sugar-coating to make the story socially acceptable and to give it some
variety and balance",
33
da José durch seine Vorgeschichte bereits vor seiner Begegnung mit
Carmencita als ein `Grobian und Bandit'
34
charakterisiert wird. Als Carmen auftritt, vermerkt
die Regieanweisung: "Genau das Kostüm und der Auftritt, wie bei Mérimée beschrieben" (B:
35). Carmencita wirft José im Vorbeigehen eine ,Kassienblüte` (Vgl. B: 37) zu, welche er an
sich nimmt. Als José bei Mérimée davon berichtet, die ,Akazienblüte` (Vgl. M: 25)
aufgehoben und in seiner Kleidung verborgen zu haben, kündigt er an: ,,Das war meine erste
Torheit" (M: 25). Da der José bei Bizet nicht rückwirkend erzählt, sondern in der Situation
direkt gezeigt wird, fehlt ihm diese Möglichkeit zur Reflexion. Er ahnt jedoch bereits:
,,Gewiß, wenn es Hexen gibt, ist dieses Mädchen eine davon" (B. 39). Micaëla tritt auf und
überbringt ihm einen Brief von seiner Mutter. Er will der Versuchung der Zigeunerin entgehen
28
Vgl. Mehnert: Nachwort, S. 239.
29
Vgl. Hugh Macdonald: Bizet. Oxford: University Press 2014, S. 213.
30
Ebd.
31
Schwandt: Georges Bizet, S. 141.
32
Vgl. Mehnert: Nachwort, S. 235.
33
Macdonald: Bizet, S. 213.
34
Vgl. Ebd.
Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Carlos Sauras "Carmen" (1983) und seine Vorlagen
Untertitel
Text zu Musik zu Bild. Im Vergleich zu Prosper Mérimée und Georges Bizet
Hochschule
Universität des Saarlandes  (Allgemeine Vergleichende Literaturwissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
29
Katalognummer
V387435
ISBN (eBook)
9783668613331
ISBN (Buch)
9783668613348
Dateigröße
857 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
carmen, carlos saura, georges bizet, carmencita, don jose, prosper merimée, filmwissenschaft
Arbeit zitieren
Jenny Spanier (Autor), 2017, Carlos Sauras "Carmen" (1983) und seine Vorlagen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387435

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