In Organisationen gibt es viele formale Vorschriften und Regeln, an die es sich für die Mitglieder zu halten gilt. Diese werden durch einen Arbeitsvertag festgelegt. Doch es ist für jedes Mitglied, egal ob Vorgesetzter oder Mitarbeiter, unmöglich, sich immer an all diese Vorschriften zu halten. Darüber hinaus lässt es sich nicht realisieren, alle Anforderungen in Vorschriften und Regeln zu formulieren. So entsteht Verhalten, das von der Norm abweicht und hier als informell bezeichnet werden soll. Es stellt sich die Frage, ob informelles Verhalten für Organisationen notwendig, brauchbar oder schädlich ist? D.h. muss eine Organisation informell handeln, um existieren zu können, kann sie sich mit informellem Handeln sogar Vorteile verschaffen oder trägt es zum Schaden der Organisation bei? Dies wird in der folgenden Arbeit diskutiert.
Hierzu wird im ersten Teil der Arbeit zunächst Informalität definiert und daraufhin in Bezug auf Organisationen betrachtet. Es werden verschiedene Formen von Informalität vorgestellt und versucht zu zeigen, welche Gründe und Funktionsweisen Informalität in Organisationen aufweist. Anschließend wird betrachtet, mit welchen Mechanismen sich informelle Erwartungen in Organisationen durchsetzen und welche Dynamiken zwischen dem Formalem und dem Informalem herrschen.
Über die Frage hinausgehend, ob informelles Handeln brauchbar sein kann, ist es spannend zu betrachten, wie ein System auch ohne eine Formalstruktur funktionieren kann. Dazu wird als Beispiel das Hawala-Finanzsystem betrachtet. Hierbei handelt es sich um ein weltweit vernetztes Überweisungssystem, in dem keine Formalität existiert. Um zu erläutern, ob und wie das Hawala-Finanzsystem funktioniert, wird als erstes das Grundprinzip und die Funktionsweise vorgestellt. Daraufhin werden die informellen Ordnungs- und Sicherheitsmechanismen dargestellt. D.h. es wird verdeutlicht, wie auch ohne formale Absicherungen Sicherheit bei der Überweisung von Geld geschaffen werden kann. Abschließend wird das Hawala-Finanzsystem auf die Theorie zur Informalität von Kühl angewandt, um zu erkennen wie Informalität in dem Hawala-Finanzsystem funktioniert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Wann spricht man von Informalität in Organisationen?
3. Das Informale
3.1. Gründe für den Verzicht auf offizielle Formulierungen
3.2. Formen von Informalität
3.2.1. Es wird zwischen drei Formen der Informalität unterschieden:
3.2.2. Grad der Informalität
4. Durchsetzung von informellen Erwartungen
5. Auswirkungen des Formalisierungsgrads
6. Dynamik zwischen Formalem und Informalen
7. Das Hawala-Finanzsystem
7.1. Das Grundprinzip
7.2. Funktionsweise heute/ Funktion des Hawaladar
7.2.1. Primäre Transaktion
7.2.2. Sekundäre Transaktion
7.3. Ordnungsmechanismen im Hawala-Zahlungssystem
7.3.1. Interaktionsstruktur zwischen Hawaladaren
7.3.2. Interaktionsstruktur zwischen Hawaladaren und Kunden
7.3.3. Hierarchien als Schlüssel zur Bilanzkonsolidierung
8. Anwendung
9. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle informeller Strukturen in Organisationen und analysiert anhand des Hawala-Finanzsystems, wie ein komplexes, weltweit vernetztes System vollkommen ohne formale Strukturen und schriftliche Regelwerke funktionieren kann.
- Definition und theoretische Einordnung von Informalität in Organisationen.
- Analyse der Gründe für den bewussten Verzicht auf formale Vorschriften.
- Mechanismen zur Durchsetzung informeller Erwartungen (Sanktionierung).
- Untersuchung des Hawala-Finanzsystems als Fallbeispiel für "totale Informalität".
- Bewertung der Stabilität und Risiken informeller Systeme im Vergleich zu formalen Strukturen.
Auszug aus dem Buch
7.3.1. Interaktionsstruktur zwischen Hawaladaren
Die Sicherheit der Transaktionen zwischen den einzelnen Hawaladaren wird durch eine besondere informelle Organisation gewährleistet, die im Weiteren genauer betrachtet wird (vgl. Vollmer 2006, S.196). Bei diesen Organisationen handelt es sich um einen beständigen Verbund aus mehreren Hawaladaren, welcher seinen Mitgliedern einen institutionellen Rahmen bietet. Durch diesen werden einmalige Geldtransfers geschützt, indem sie in ein „interaktives System“ d.h. in ein Netzwerk von „Clubmitgliedern“ und deren Transaktionen integriert werden (vgl. Vollmer 2006, S.196).
Das interaktive System schützt seine Mitglieder, indem Informationen über die Vertrauenswürdigkeit von Interaktionspartnern schnell innerhalb des Hawala-Clubs verbreitet wird. Handelt ein Partner fair, so wird er durch weitere Transaktionen mit den Mitgliedern belohnt. Betrügt er jedoch ein Mitglied, so wird ihm das Vertrauen entzogen und er wird aus dem Netzwerk der Hawaladare ausgeschlossen (vgl. Vollmer 2006, S.197). Dieser Ausschluss beinhaltet nicht nur den Verlust der Möglichkeit jemals wieder als Hawaladar tätig sein zu können, sondern findet auch auf gesellschaftlicher und familiärer Ebene statt (vgl. Vollmer 2006, S.197).
Hier wird eine der oben beschriebenen Methoden zur Durchsetzung von informellen Erwartungen angewandt: Das Prinzip des Tauschens in Form von positiver und negativer Sanktion.
Darüber hinaus wird der Ausschluss eines Partners bei Betrug konsequent durchgeführt, sodass die Strafe einerseits abschreckend auf die anderen Mitglieder wirkt und andererseits das Androhen der Strafe glaubwürdig erscheint. Dies hat zur Folge, dass Vertragswidrigkeit nur äußerst selten vorkommt (vgl. Vollmer 2006, S.197).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Relevanz informeller Strukturen in Organisationen ein und stellt das Hawala-Finanzsystem als zentrales Fallbeispiel vor.
2. Wann spricht man von Informalität in Organisationen?: Dieses Kapitel definiert Informalität als regelmäßige Abweichung vom formalen Regelwerk und beleuchtet die soziologischen Merkmale von Organisationen.
3. Das Informale: Hier wird das Informale als Menge nicht entschiedener Entscheidungsprämissen und kultureller Unterstrukturen innerhalb einer Organisation abgegrenzt.
4. Durchsetzung von informellen Erwartungen: Das Kapitel erläutert, wie informelle Normen durch positive Anreize (Tauschgeschäfte) und negative Sanktionen (Mobbing, Ausschluss) durchgesetzt werden.
5. Auswirkungen des Formalisierungsgrads: Es wird untersucht, wie unterschiedliche Grade der Formalisierung die Flexibilität, das Verhalten der Mitglieder und die Stabilität einer Organisation beeinflussen.
6. Dynamik zwischen Formalem und Informalen: Hier wird das ständige Wechselspiel zwischen formalen Anweisungen und informellen Anpassungen in Organisationen analysiert.
7. Das Hawala-Finanzsystem: Dieses Hauptkapitel beschreibt das Grundprinzip, die Funktionsweise der Transaktionen und die informellen Ordnungsmechanismen des weltweiten Hawala-Systems.
8. Anwendung: Der Theorieteil über Informalität wird hier auf das Hawala-Finanzsystem angewandt und kritisch bewertet.
9. Fazit: Die Arbeit resümiert, dass jede Organisation ein informelles Fundament benötigt, weist jedoch auf die rechtliche Problematik bei illegaler Nutzung hin.
Schlüsselwörter
Informalität, Organisation, Hawala-Finanzsystem, Hawaladar, Entscheidungsprämissen, Formalisierungsgrad, Transaktionssicherheit, Sanktionierung, Soziologie, Geldwäsche, Vertrauen, informelle Struktur, Organisationstheorie, Netzwerk.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Zusammenspiel von formalen Vorschriften und informellen Verhaltensmustern in Organisationen und nutzt das Hawala-Finanzsystem als Beispiel für ein System, das gänzlich ohne formale Strukturen auskommt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der soziologischen Definition von Informalität, den Mechanismen zur Durchsetzung informeller Erwartungen sowie der funktionalen Analyse eines informellen Finanznetzwerks.
Welches Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu verstehen, wie Organisationen durch informelles Handeln ihre Leistungsfähigkeit sichern und wie ein System Stabilität gewährleisten kann, wenn keine offiziellen Verträge oder staatliche Aufsicht existieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse soziologischer Konzepte (insbesondere nach Stefan Kühl) sowie deren Anwendung auf das empirische Beispiel des Hawala-Finanzsystems.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung des Begriffs "Informalität" sowie eine detaillierte Funktionsbeschreibung des Hawala-Systems, inklusive der Analyse von Transaktionssicherungsmechanismen und Bilanzkonsolidierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe umfassen Informalität, Organisation, Hawala-Finanzsystem, soziale Einbettung, Sanktionierung und Transaktionskosten.
Warum wird das Hawala-Finanzsystem als "totale Informalität" bezeichnet?
Weil das System über keine schriftlichen Regelwerke, keine formellen Verträge und keine offizielle Identitätsprüfung durch staatliche Institutionen verfügt, sondern ausschließlich auf informellen Vertrauensbeziehungen basiert.
Welche Rolle spielt der Hawaladar in diesem System?
Der Hawaladar fungiert als Vermittler (Finanzintermediär), der durch seine Einbettung in einen informellen "Club" und eine spezifische gesellschaftliche Gruppe die Sicherheit der Geldtransfers gewährleistet.
Warum ist das Hawala-Finanzsystem in Deutschland verboten?
Aufgrund der fehlenden Formalstruktur und der Anonymität der Transaktionen entzieht sich das System der staatlichen Kontrolle, was Möglichkeiten für Geldwäsche, organisierte Kriminalität und Terrorismusfinanzierung bietet.
- Arbeit zitieren
- Laura Engelke (Autor:in), 2017, Das Hawala-Finanzsystem. Ein spezielles Beispiel für Informalität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387856