„Regionalism is in fashion.“ Dies ist der erste Satz in Frankels Buch „Regional Trading Blocs“(1) Zweifellos beschreibt diese Aussage treffend die jüngsten weltwirtschaftlichen Entwicklungen. Insofern tragen Nationalstaaten verstärkt der ökonomischen Forderung nach Marktöffnung und Handelliberalisierung Rechnung. Freie Märkte führen zu einer absoluten Wohlfahrtssteigerung. Dies ist zumindest das Credo der klassischen und neoliberalen Wirtschaftstheorie. Allerdings wenden in diesem Zusammenhang vor allem neoliberale Wirtschaftswissenschaftler ein, dass partielle oder geozentrierte Wirtschaftsblöcke keinen Beitrag zur globalen Wohlfahrtssteigerung leisten. Dieser Argumentation stehen eine Reihe gewichtiger Thesen entgegen. Parallel zur verstärkten regionalen Wirtschaftsintegration entbrannte also eine heftige Debatte zwischen namenhaften Ökonomen zu der Frage: „Are trade blocs stumbling blocs or building blocs?“(2)
Im Zuge dieser wissenschaftlichen Auseinandersetzung wurden verschiedenste Modelle entwickelt, die entweder die positiven oder negativen Auswirkungen von Regionalismus auf eine weltwirtschaftliche Integration belegen sollen. Ökonomen wie Jagdish Bhagwati, Paul und Ronald Wonnacott oder Arvind Panagariya sind als vehemente Kritiker von Regionalismus bekannt. Man befürchtet eine substantielle Gefährdung des multilateralen Liberalisierungs- und Integrationsprozess durch die verstärkte regionale Wirtschaftsintegration. Wobei diese Ablehnung natürlich auch in Abstufungen geäußert wird. So differenziert man teilweise durchaus zwischen den verschiedenen Formen regionaler Liberalisierung und Integration. Viele Autoren weisen sowohl auf die Nachteile als auch auf die Vorteile von regionaler Integration hin.
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1 Frankel (1997), S. 1
2 Frankel (1997), S. 207
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITENDES
2. DIE DYNAMISIERUNG DES REGIONALEN INTEGRATIONSPROZESS IN DER JÜNGSTEN VERGANGENHEIT
3. STUFEN DER REGIONALEN WIRTSCHAFTSINTEGRATION UND DER ART. XXIV DES GATT
3.1. Stufen der regionalen Wirtschaftsintegration
3.2. Art. XXIV des GATT
4. DEBATTE: WIE WIRKT SICH REGIONALISMUS AUF DIE WELTWIRTSCHAFTLICHEN INTEGRATION AUS?
4.1. Handelsumlenkung und Handelsschaffung
4.2. Negative Effekte
4.2.1. Benachteiligung Außenstehender
4.2.2. Dominanz von Lobbyinteressen und wirtschaftlich mächtigen Staaten
4.2.3. Begrenzte Verhandlungsressourcen
4.2.4. Behinderung des multilateralen Integrationsprozess durch verfestigte regionale Strukturen
4.3. Positive Effekte
4.3.1. Regionale Integration als erster Schritt
4.3.2. Politische Akzeptanz
4.3.3. Effizientere Verhandlungskonstellationen auf multilateraler Ebene
4.3.4. Liberalisierungswettbewerb zwischen regionalen Handelsblöcken
4.3.5. Offener Regionalismus
4.3.6. Handelsschaffung und Wohlfahrtssteigerung durch Regionalismus
4.3.7. Vereinfachung des Welthandel durch regionale Harmonisierung
4.3.8. Lerneffekte aus regionalen Integrationserfahrungen
5. ABSCHLIESSENDES
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die ambivalente Rolle des Regionalismus im Kontext der weltwirtschaftlichen Integration und analysiert, ob regionale Handelsabkommen den multilateralen Liberalisierungsprozess behindern oder fördern. Im Zentrum steht die Frage, inwieweit unterschiedliche Integrationsmodelle – von Freihandelszonen bis hin zu Zollunionen – ökonomische Effekte wie Handelsumlenkung oder Handelsschaffung induzieren und welche politischen sowie strategischen Implikationen sich daraus für die globale Handelsordnung ergeben.
- Analyse der Dynamik regionaler Integrationsprozesse in der jüngeren Geschichte.
- Differenzierung der Integrationsstufen und rechtliche Einordnung durch Art. XXIV des GATT.
- Diskussion der negativen Auswirkungen von Regionalismus (z.B. Benachteiligung von Drittstaaten, Lobbyeinfluss).
- Untersuchung positiver Effekte (z.B. politische Akzeptanz, Lern- und Harmonisierungseffekte).
- Bewertung des Verhältnisses zwischen regionalen Handelsblöcken und der WTO-Ebene.
Auszug aus dem Buch
4.1. Handelsumlenkung und Handelsschaffung
Eine wichtige theoretische Grundlage soll dem noch voraus geschickt werden: Die Unterscheidung zwischen den Begriffen Trade Diversion und Trade Creation. Hintergrund ist die Debatte, ob regionale Liberalisierung relativ gesehen zur ex-ante-Situation einen absoluten Wohlfahrtsgewinn oder Verlust erzeugt. Folgende Wettbewerbsituation zwischen zwei Hersteller eines Gutes aus verschiedenen Staaten ist gegeben: Einer der beiden produziert bei gleicher Qualität kostengünstiger und würde deshalb in einem freien und transparenten Markt den Konkurrenten zu 100% verdrängen. Durch eine Einbindung des ineffizienteren Produzenten in ein regionales Liberalisierungsprojekt, erlangt dieser einen künstlichen Wettbewerbsvorteil. Der effizientere Anbieter kann ab einem kritischen Zollaufschlag nicht mehr mit dem zollfreien Konkurrenten mithalten und verliert so in der Region an Marktanteilen. In diesem Fall spricht man von einer Handelsumlenkung und einem absolut gesehenen Wohlfahrtsverlust.
Erweitert man das Szenario nun um eine dritte Komponente, ergibt sich eines neues Bild. Nimmt man eine Situation an, in der multilateral Zölle für das Produkt verlangt werden. Damit haben einheimische Anbieter auf dem heimischen Markt einen generellen Vorteil gegenüber Importeuren. Insofern ermöglicht eine regionale Liberalisierung unter Umständen eine Verbesserung der Marktsituation, da ein effizienterer Konkurrent aus der Region, den teurer und schlechter produzierenden einheimischen Hersteller aus dem Markt drängen kann. Es kommt also zu einer Handelsschaffung, die einen absoluten Wohlfahrtsgewinn erzeugt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITENDES: Einführung in die Debatte um Regionalismus und die zentrale Forschungsfrage, ob Handelsblöcke als Hindernis oder Bausteine der globalen Integration fungieren.
2. DIE DYNAMISIERUNG DES REGIONALEN INTEGRATIONSPROZESS IN DER JÜNGSTEN VERGANGENHEIT: Historischer Abriss der Entwicklung regionaler Handelsabkommen vom GATT bis hin zur modernen Bedeutung von Organisationen wie EU und NAFTA.
3. STUFEN DER REGIONALEN WIRTSCHAFTSINTEGRATION UND DER ART. XXIV DES GATT: Systematische Darstellung der Integrationsstufen und Analyse der rechtlichen Anforderungen durch den Art. XXIV des GATT.
4. DEBATTE: WIE WIRKT SICH REGIONALISMUS AUF DIE WELTWIRTSCHAFTLICHEN INTEGRATION AUS?: Kernkapitel mit detaillierter Gegenüberstellung der ökonomischen Vor- und Nachteile sowie politischer Einflussfaktoren des Regionalismus.
5. ABSCHLIESSENDES: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse und Ausblick auf die Rolle des Subsidiaritätsprinzips sowie die Zukunft der globalen Handelsordnung.
Schlüsselwörter
Regionalismus, Welthandel, Integration, Handelsumlenkung, Handelsschaffung, GATT, WTO, Freihandelszone, Zollunion, Handelsliberalisierung, Protektionismus, Außenwirtschaftspolitik, Wohlfahrtsgewinn, Multilateralismus, Marktintegration.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Auswirkungen regionaler Wirtschaftsintegration auf die weltwirtschaftliche Integration und prüft, ob regionale Handelsblöcke den globalen Freihandel fördern oder eher behindern.
Welche zentralen Themenfelder werden in dem Dokument behandelt?
Das Dokument deckt die theoretischen Grundlagen der Integrationsstufen, die rechtliche Dimension des Art. XXIV des GATT sowie die Debatte über positive und negative Effekte von regionalen Handelsbündnissen ab.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Ziel ist es, die Argumentationslinien zwischen Kritikern und Befürwortern des Regionalismus nachzuvollziehen und zu klären, welches Integrationsdesign sich am positivsten auf die globale Handelsliberalisierung auswirkt.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit stützt sich auf eine Literaturanalyse der ökonomischen Debatte, vergleicht verschiedene Integrationsmodelle und ordnet diese anhand von GATT/WTO-Regelungen sowie spieltheoretischen und mikroökonomischen Ansätzen ein.
Was wird im Hauptteil der Arbeit analysiert?
Im Hauptteil werden neben den Begriffen Handelsumlenkung und Handelsschaffung spezifische Effekte wie Lobbyeinflüsse, Verhandlungsressourcen und politische Akzeptanz sowie die Rolle des Offenen Regionalismus untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren den Inhalt?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Regionalismus, Handelsliberalisierung, GATT, WTO, Freihandelszone, Zollunion und Wohlfahrtssteigerung maßgeblich geprägt.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle von Zollunionen im Vergleich zu Freihandelszonen?
Die Arbeit stellt heraus, dass Zollunionen durch ihre einheitliche Tarifstruktur zwar eine höhere Integrationsintensität aufweisen, jedoch anfälliger für protektionistisches Verhalten sein können als die flexibleren Freihandelszonen.
Warum ist die politische Akzeptanz für regionale Integration laut der Autorin höher?
Die Autorin argumentiert, dass regionale Integrationsschritte für Wähler überschaubarer sind und Anpassungsprozesse weniger radikal verlaufen als bei einer sofortigen, umfassenden weltweiten Marktöffnung.
- Arbeit zitieren
- Anna Hörlein (Autor:in), 2001, Regionalismus - Hemmnis oder Unterstützung der weltwirtschaftlichen Integration, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3921