Erving Goffman. "Interaction order"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
31 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biographie

3. Goffmans Forschungsprogramm
3.1 Forschungsprogramm der „interaction order“
3.2 Vorgehensweisen

4. „Wir alle spielen Theater“
4.1 Theater-Analogie
4.2 Darsteller und Darstellungen
4.2.1 Das Ensemble
4.2.2 Ort und ortsbestimmtes Verhalten
4.2.3 Kommunikation außerhalb der Rolle

5. „Interaktionsrituale“
5.1 Einführung
5.2 „Techniken der Imagepflege“
5.3 „Über Ehrerbietung und Benehmen“
5.4 „Verlegenheit und soziale Organisation“

6. „Rahmen-Analyse“
6.1 Goffmans Hauptwerk
6.2 Primäre Rahmen
6.3 Modulationen (Keying) und Täuschungen

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Erving Goffman gehört heute zu den populärsten und meist gelesenen Soziologen unserer Zeit. Seine Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, und mehrfach mit Preisen ausgezeichnet (vgl. Hettlage/Lenz 1991:25). Goffmans Interesse galt nicht dem Entwurf einer umfassenden makrosoziologischen Theorie, sondern vielmehr dem kleinräumigen Bereich der face-to-face-Interaktion, und somit dem Mikrokosmos (vgl. Hettlage/Lenz 1991:8-9). Nicht zuletzt ging es ihm um die Etablierung des Themas face-to-face-Interaktion als einen eigenständigen Forschungsgegenstand.

Dennoch wird Goffman aus der Perspektive des soziologischen Wissenschaftsbetriebs auch heute noch häufig als Außenseiter wahrgenommen, dessen gesamtes Forschungsprogramm und einzelnen Konzepte als kaum einheitlich und perspektivenreich betrachtet werden, und der den Zugang zu den Makro-Perspektiven seines Faches nie gefunden habe (vgl. Hettlage/Lenz 1991:9).

Neben der Darstellung seines Forschungsprogramms möchte ich untersuchen, ob diese Einschätzung zutreffend ist, oder sein Beitrag für die Entwicklung der Soziologie unterschätzt wird, was auf zahlreiche merkwürdige Details und Beispiele in seinen Werken, eines „zu guten Stils“ (Hettlage/Lenz 1991:9), stark variierenden Begriffsverwendungen und der Person Goffman an sich zurück zu führen sein könnte.

Zunächst werde ich die grundlegenden Lebensdaten Goffmans darstellen. Dann möchte ich einen ersten Einblick in Goffmans Forschungsprogramm ermöglichen, indem ich eine Übersicht über die wesentlichen Inhalte erstelle. Eine Beschreibung seiner wissenschaftlichen Vorgehensweise wird nützlich sein, um die erwähnten Details und Beispiele, im Rahmen der Untersuchung von face-to-face-Interaktionen, als zweckgerichtet zu verstehen.

Anschließend werde ich das erste veröffentlichte Buch Goffmans, „The Presentation of Self in Everyday Life“ (dt.: Wir alle spielen Theater, 1969), vorstellen, um ein erstes Verständnis seines Werkes und der darin enthaltenen Vorstellungen und Begrifflichkeiten zu ermöglichen.

Darauf folgt eine weniger ausführliche Darstellung seiner Bücher „Interaction Ritual“ (dt.: Interaktionsrituale, 1986) und „Frame Analysis“ (1974; dt.: Rahmen – Analyse, 1977), die mir in Bezug auf Goffmans Gesamtwerk, neben „Wir alle spielen Theater“, den repräsentativsten Eindruck vermittelt haben. Schließlich möchte ich versuchen einen Bezug zwischen diesen Büchern aufzuzeigen.

Ziel dieses Aufsatzes ist es, dem Leser einen Zugang in die face-to-face-Interaktion, wie Goffman sie verstand und untersuchte, durch die Darstellung eines seiner wesentlichen Konzepte, das der „interaction order“, zu ermöglichen.

2. Biographie

Erving Goffman wurde als Sohn einer jüdischen Familie im Jahre 1922 in der kanadischen Kleinstadt Manville geboren. Er studierte Soziologie an der Universität von Toronto bei Ray Birdwhistell, wo er 1945 sein Studium mit einem Bachelor of Arts abschloss. Anschließend wechselte Goffman an die Universität von Chicago, die er 1949 mit einem Master of Arts verließ. Zu dieser Zeit galt die Universität von Chicago als eine der Hochburgen der Soziologie. In der Zeit zwischen 1949 und 1951 arbeitete Goffman als Instruktor am ‚Department of Social Anthropology‘ an der Universität von Edinburgh in Schottland. Im Auftrag der Universität führte er 1949/1950 Feldstudien auf den Shetland- Inseln durch.[1] Sein erster Aufsatz „Symbols of class status“, der auf einen Vortrag zurück geht, den Goffman drei Jahre zuvor an der Universität von Chicago gehalten hatte, publizierte er 1951 in der britischen Zeitschrift ‚British Journal of Sociology‘. Nachdem er einige Jahre in Großbritannien tätig war, kehrte er nach Chicago zurück, um dort zu promovieren. Im Jahre 1953 veröffentlichte Goffman seine Arbeit „Communication Conduct in an Island Community“, die auf seinen Forschungen auf den Shetland-Inseln basiert. Die Ergebnisse dieser Forschungen verwendete er zudem im Rahmen seiner Dissertation, „um neu gewonnene Konzepte zu illustrieren, die mithelfen sollen, soziale Phänomene besser zu verstehen“ (Hettlage/Lenz 1991:10). In seiner Dissertation tauchte erstmals der Begriff „interaction order“ (~Ordnung/ Regelstrukturen der Interaktion) auf, und enthält bereits wesentliche Ideen und Konzepte seines späteren Forschungsprogramms. Für diese Arbeit erhielt er den Doktor der Philosophie (vgl. Hettlage/Lenz 1991:10).

Im Jahre 1959 publizierte er sein erstes Buch „The Presentation of Self in Everyday Life“ (dt.: Wir alle spielen Theater, 1969), das 1956 in einer Monographie der Universität von Chicago in kürzerer und überarbeiteter Fassung erschien. Ab 1954 war Goffman als ‚visiting scientist‘ am Laboratory National Institute of Mental Health (NIMH) in Bethesda im Bundesstaat Maryland tätig (vgl. Hettlage/Lenz 1991:11). Dort verfasste er die drei Aufsätze „Embarrassment and social organization“ (dt.: Verlegenheit und soziale Organisation), „The nature of deference and demeanor“ (dt.: Über Ehrerbietung und Benehmen) und „Alienation from interaction“ (dt.: Entfremdung in der Interaktion), welche später in der Buchpublikation „Interaction Ritual“ (dt.: Interaktionsrituale, 1986) abgedruckt wurden. In diese Zeit fallen auch seine ‚Klinik- Studien’, durch die er auf grundlegende Fragen der Psychiatrie aufmerksam wurde, die in seiner zentralen Thematik Niederschlag fanden (vgl. Hettlage/Lenz 1991:11-12).

Bereits zwei Jahre später verließ Goffman das NIHM, um am ‚Center for the Integration of Social Science Theory’ in Berkeley (Universität von Kalifornien) mitzuwirken. Dort war er zunächst als ‚Assistant Professor’ beschäftigt, bis im Jahre 1962 seine Tätigkeit auf die eines ‚Full Professors’ erweitert wurde. Während seiner Zeit in Berkeley verfasste er seine Bücher „Encounter“ (1961, dt.: Interaktion, 1973), „Stigma“ (1963, dt.: Stigma 1967) und „Behavior in Public Places“ (1963, dt.: Das Verhalten in öffentlichen Situationen, 1971). Goffman avancierte, als Folge der Veröffentlichung seiner Bücher, für die Studenten der Universität von Kalifornien zu einer Kultfigur, die in ihm die „Verkörperung des Nonkonformismus“ (Hettlage/Lenz 1991:12) zu erkennen glaubten (vgl. Hettlage/Lenz 1991:12). Kurze Zeit später verließ er Berkeley, vielleicht nicht zuletzt aufgrund seiner dortigen Popularität, und nahm 1969 die Benjamin Franklin Professur an der Universität von Pennsylvania in Philadelphia an, die im Gegensatz zu der Universität von Kalifornien, zu dieser Zeit als eine eher traditionell orientierte Universität gekennzeichnet werden konnte. Hier fand er wesentlich günstigere Bedingungen für die Ausarbeitung seines Forschungsprogramms vor, auch wenn er bei seinen Kollegen, die sich vorwiegend mit makrosoziologischen Konzepten und Perspektiven beschäftigten, zunächst auf Ablehnung stieß. Seine umfangreichsten Arbeiten, „Relations in Public“ (1971; dt.: Das Individuum im öffentlichen Austausch. Mikrostudien zur öffentlichen Ordnung, 1974) und „Frame Analysis“ (1974; dt.: Rahmen – Analyse, 1977), das Hauptwerk Goffmans, verfasste er während seiner Tätigkeit an der ‚University of Pennsylvania’. Sein Buch „Rahmen-Analyse“ weist zahlreiche Parallelen zu früheren Arbeiten auf, und bedeutete eine Fortentwicklung seines Forschungsprogramms. Anfang der 70er Jahre widmete Goffman sich dem Thema des Geschlechterverhältnisses und befasste sich zu diesem Zweck intensiv mit der Analyse von Gesprächen. Aus diesen Studien ging sein Buch „Gender Advertisements“ (1979; dt.: Geschlecht und Werbung, 1981) hervor (vgl. Hettlage/Lenz 1991:14).

In einer polemischen Kritik von Denzin und Keller im Jahre 1981, wird Goffman als Strukturalist klassifiziert, dem Vorwurf ausgesetzt, sich nur mit Randphänomenen der sozialen Wirklichkeit zu beschäftigen, und aus der James-Mead-Cooley-Tradition ausgeschlossen. Hierauf verfaßte er eine Erwiderung, die eine (einmalige) Abweichung von seinem Grundsatz, sein eigenes Werk nicht zum Thema zu machen, bedeutete.

Goffman wurde für sein Werk „The Presentation of Self in Everyday Life“ mit dem MacIver- Preis (1961), für „Gender Advertisement“ mit dem George Orwell-Preis und 1979 mit dem Mead-Cooley-Preis für Sozialpsychologie ausgezeichnet. Als Präsident der ‚American Sociological Association‘ (ASA), zu dem er 1981 gewählt wurde, sollte Goffman die traditionelle ‚Präsidentschaftsadresse’ halten, die er unter dem Titel „interaction order“ verfasste, aber aufgrund seines gesundheitlichen Zustandes nicht mehr vortragen konnte. Erving Goffman starb am 19. November 1982 in Philadelphia. Seinem Wunsch entsprechend wurden Arbeiten aus seinem Nachlass nicht veröffentlicht (vgl. Hettlage/Lenz 1991:15).

3. Goffmans Forschungsprogramm

3.1 Forschungsprogramm der „interaction order“

Wie ich in der Einleitung bereits erwähnt habe, wird Goffman aus der Perspektive des Wissenschaftsbetriebs als Außenseiter wahrgenommen, dessen Werk als Ansammlung unverbundener Konzepte betrachtet wird, und daher einen unwesentlichen Beitrag zur Weiterentwicklung der Soziologie geleistet habe. Im Rahmen dieser Vorwürfe möchte ich Goffmans Forschungsprogramm der „interaction order“ und seine Haltung zur Soziologie darstellen, und die Art und Weise, wie sie seiner Ansicht nach betrieben werden sollte, um fruchtbare Ergebnisse zu gewinnen.

Nach Goffmans Ansicht befindet sich das Fach Soziologie in einem „Stadium des theoretischen Experimentierens“ (Hettlage/Lenz 1991:16) und für eine „grand theory“ (Hettlage/Lenz 1991:16) sei es noch zu früh. Zunächst sollten einzelne soziologische Konzepte entwickelt werden, die zu gegebener Zeit in einer Theorie aufeinander bezogen werden können: „Wenn wir augenblicklich soziologische Begriffe sinnvoll verwenden wollen, so müssen wir jeden von ihnen von seiner ursprünglichen Bedeutung bis in die entferntesten Verästelungen verfolgen. Um es sprichwörtlich auszudrücken: es ist vielleicht besser, den Kindern verschiedene Mäntel anzuziehen, als sie unter einem einzigen geräumigen Zelt frieren zu lassen“ (Goffman 1961 dt.1972:11, zitiert nach Hettlage/Lenz 1991:54-55) (vgl. Hettlage/Lenz 1991:55).

Daher ist es nicht verwunderlich, dass in Goffmans Arbeiten ‚große Theorien’ überhaupt nicht und auch Theorieansätze nur schwer zu finden sind, was auch darauf zurückzuführen ist, dass er Theorie (so wie er sie begreift) in Form zahlreicher lebendiger Darstellungen einzelner Fälle präsentiert, und nicht den reinen ‚Theoriegehalt’ sichtbar offen legt. Auch vermeidet er es, seine Konzepte, die für ihn die Funktion haben Ausschnitte einer mannigfaltigen Realität sichtbar zu machen, systematisch (und damit offensichtlich) aufeinander zu beziehen (vgl. Hettlage/Lenz 1991:55). Insofern kann man bei Goffmans theoretischem Programm von einem „eigenständigen Ansatz“ sprechen, „der sich keiner theoretischen Perspektive einverleiben lässt…“ (Hettlage/Lenz 1991:16) (vgl. Hettlage/Lenz 1991:16-17).

Seine 30 jährige Forschungsarbeit wird vor allem durch die Erforschung der „interaction order“ gekennzeichnet. Dennoch sollte Goffmans Konzept ‚der totalen Institutionen’, welches in seinem Buch „Das Individuum im öffentlichen Austausch. Mikrostudien zur öffentlichen Ordnung“ thematisiert wird, und das der ‚Rollendistanz’, worauf er in „Encounters: Two Studies in the Sociology of Interaction“ (1961; dt.: Interaktion: Spaß am Spiel. Rollendistanz, 1973) Bezug nimmt, nicht unerwähnt bleiben (vgl. Hettlage/Lenz 1991:413). Die Bezeichnung „interaction order“ kennzeichnet Goffmans primäres Anliegen im Rahmen der Untersuchung von face-to-face-Interaktionen, nämlich die Benennung und Beschreibung der Regelstrukturen von Interaktionsprozessen, die er als soziale und kulturelle Vorgegebenheiten definiert, auf die in sozialen Situationen zugegriffen wird, und jeder individuellen Handlung zugrunde liegen. Er vergleicht diese Regelstrukturen der Interaktion mit Spielregeln, Verkehrsregeln und Grammatikregeln (vgl. Hettlage/Lenz 1991:48/37-38). Es geht ihm vor allem um jene Regelstrukturen, die dann in Kraft treten, wenn mehrere Individuen zusammenkommen, und nicht ausschließlich, wie oft unterschlagen wird, um die „Bestimmung unterschiedlicher Interaktionsformen“ (Hettlage/Lenz 1991:37). Hinweise hierzu lassen sich in der Einleitung von „Interaktionsrituale“ finden:

- „Ein weiteres Ziel ist die Aufdeckung der normativen Ordnung, die innerhalb und zwischen diesen Einheiten herrscht, d.h. die Verhaltensregeln, die es überall gibt, wo Leute sind, unabhängig davon, ob es sich um öffentliche, halböffentliche oder private Orte handelt (...)“ (Goffman dt.1971:8, zitiert nach Hettlage/Lenz 1991:37).

In seinen Werken findet der Begriff „interaction order“ kaum Erwähnung, worin sich sein Verständnis der Soziologie widerspiegelt. Aufgrund des jungen Entwicklungsstandes des Faches hält Goffman es für unangemessen, detaillierte wissenschaftliche Konzepte auszuarbeiten und diese unter einem bestimmten Label zu fixieren. Dieser Aspekt, und das Fehlen von Verknüpfungslinien und Ansatzpunkten in den eigenen Arbeiten, erschwert es dem Leser die Kontinuität in seinem Programm, oder gar das Programm selbst zu erkennen. Vor allem der deutschsprachige Leser wird aufgrund unterschiedlicher Übersetzungen und variierender Begriffsverwendungen Schwierigkeiten haben, unterschiedlich dargestellte Konzepte als dieselben zu erkennen (vgl. Hettlage/Lenz 1991:33). Durch zahlreiche Hinweise in seinen Büchern wird erkennbar, dass die Erforschung von „Interaktion[2] in (...) Anwesenheit von zwei oder mehreren Individuen“ (Hettlage/Lenz 1991:28), und damit die Aufdeckung von Regelstrukturen, die der face-to-face-Interaktion zugrunde liegen, sein zentrales Anliegen ist. Ich denke, dass diese Hinweise als Indikatoren eines geschlossenen und durch Kontinuität ausgezeichneten Forschungsprogramms betrachtet werden sollten (vgl. Hettlage/Lenz 1991:27-28).

[...]


[1] Studie auf einer der Shetland-Inseln erstreckte sich über ein Jahr. Die Mehrzahl der Bewohner der entsprechenden Insel waren Kleinbauer, dessen soziales Leben Goffman studierte (vgl. Hettlage/Lenz 1991:51).

[2] Allgem.Def.: Verbaler Austausch von zwei oder mehreren unmittelbar anwesenden Individuen.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Erving Goffman. "Interaction order"
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut für Soziologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
31
Katalognummer
V39267
ISBN (eBook)
9783638380843
ISBN (Buch)
9783638654883
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
-
Schlagworte
Erving, Goffman, Interaction
Arbeit zitieren
Markus Mikikis (Autor), 2005, Erving Goffman. "Interaction order", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39267

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