Geschichtsunterricht heute

Neue Herausforderungen – neue Konzepte – neues Selbstverständnis?


Examensarbeit, 2004

52 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vom Charakter der Veränderungen
2.1. Gesellschaftlich-sozialer Wandel
2.1.1. Wandel der Familienstrukturen und des sozialen Umfelds
2.1.2. Die multiethnische Gesellschaft
2.1.3. Demographischer Wandel
2.1.4. Wertewandel
2.2. Wissenschaftlich-technischer Fortschritt
2.3. Ökonomische Veränderungen und Wandel der Arbeitswelt
2.3.1. Globalisierung, Weltmarkt, Erwerbsarbeit, immaterielle Arbeit

3. Lehren und Lernen im Zeichen der Veränderung
3.1. Neue Herausforderungen - alte Unterrichtsmethoden?
3.1.1. Plenumsarbeit
3.1.2. Einzelarbeit und Partnerarbeit 3.1.3. Gruppenarbeit
3.1.4. Diskussionen, Debatten, Schülergespräche
3.2. Neue und alternative Unterrichtskonzepte und Sozialformen
3.2.1. Integrierte Position von Unterricht – lebendiges Lernen
3.2.2. Problemorientierter Unterricht
3.2.3. Selbstgesteuertes Lernen
3.2.4. Entdeckendes Lernen
3.2.5. Handlungsorientierter Unterricht
3.2.6. Globales Lernen
3.2.7. Interkulturelles Lernen
3.2.8. Fächerübergreifender und fächerverbindender Unterricht
3.3. Neue Medien und Geschichtsunterricht

4. Analyse des reformierten sächsischen Lehrplanes für das Fach Geschichte
4.1. Allgemeines
4.2. Das Fach Geschichte

5. Fazit und Ausblick

6. Literatur

7. Zeitschriftenartikel

8. Internetressourcen

Anhang: Selbständigkeitserklärung

1. Einleitung

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts stehen die Menschen in Deutschland, Europa und auf der ganzen Welt vor einer ganzen Reihe von Veränderungen.

Nun mag man behaupten, dies sei nichts ungewöhnliches. Panta rhei.

Bereits im antiken Griechenland wusste man, dass nichts so bleibt wie es ist und dass die Welt einem beständigen Fluss des Wandels unterliegt. Dennoch scheint ein Unterschied zur Gegenwart zu existieren: Der Wandel in der heutigen Zeit besitzt eine nie zuvor erlebte Dynamik und Schnelligkeit sowie einem nie zuvor erlebten Umfang.

In starkem Maße betroffen von diesen Veränderungen sind freilich junge Menschen. Sie haben ein ganzes Leben vor sich, von dem, im Gegensatz zu früher, keine mit hoher Wahrscheinlichkeit absehbare Zukunftsprojektion erstellt werden kann, etwa im Sinne eines festen Lebensablaufs: Schule - Ausbildung - lebenslange Tätigkeit in einem Berufsfeld - ausreichende Altersabsicherung.

Kinder und Jugendliche dürfen mit den damit verbundenen Verunsicherungen und Problematiken nicht allein gelassen werden. Doch neben dieser jungen Generation scheint die Schnelligkeit und Fülle von Veränderungen oftmals auch die älteren und erwachsenen Menschen zu überfordern. Lehrer sind hierbei nicht ausgenommen. Jedoch gerade der Institution Schule fällt in diesem Spannungsfeld eine besondere Aufgabe zu, ist sie doch bereits per legem dazu verpflichtet, die Schülerinnen und Schüler auf ihrem Weg zu selbstbestimmten und verantwortungsbewussten Mitgliedern unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft zu unterstützen.[1]

Um diesen nun aber einen optimalen Ausgangspunkt zu bieten, in einer sich schnell verändernden Welt erfolgreich bestehen zu können, ist eine beständige Überprüfung und Angleichung pädagogisch-didaktischer Theorie und Unterrichtspraxis an die realen Bedingungen der Lebenswelt und Umwelt vonnöten.

Diese zentralen Punkte bilden den Gegenstand der vorliegenden Arbeit. Im folgenden werden die wichtigsten und grundlegendsten Veränderungen der heutigen Zeit charakterisiert, um daraus Rückschlüsse zu ziehen, in welchem Maße Pädagogik und Didaktik im allgemeinen auf diesen Wandel reagieren können und sollten.

In einem weiteren Teil der Arbeit wird ausgehend davon, ein intensiverer Blick auf die speziellen Möglichkeiten und Ansatzpunkte des Faches Geschichte gerichtet. Es soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit im Bereich historischen Lehrens und Lernens auf die genannten Entwicklungen eingegangen werden kann.

In diesem Kontext wird der reformierte Lehrplan für das Fach Geschichte an Gymnasien im Freistaat Sachsen in seiner Endfassung vom 06.07.2004 einer genaueren Analyse unterzogen. Dabei wird untersucht werden, inwiefern darin Möglichkeiten und Anregungen gegeben sind, mit neuen und alternativen Konzepten und Prinzipien innerhalb des Fachs Geschichte auf den sich vollziehenden Wandel einzugehen. Fazit und Ausblick bilden den Abschluss der Arbeit.

Zunächst jedoch soll in medias res gegangen werden. Bis jetzt wurde nur sehr allgemein und oberflächlich von den diffusen Begriffen Veränderung und Wandel gesprochen. Der folgende Abschnitt soll nun dazu dienen, mehr Licht in dieses Dunkel zu bringen.

2. Vom Charakter der Veränderungen

Dem Umfang des Wandels, den sich die Menschheit des 21. Jahrhunderts gegenübersieht ist vielfältig und differenziert. Eine Einteilung in folgende Kerngebiete soll der besseren Übersicht dienen, wobei jedoch angemerkt werden muss, dass keines der Gebiete ganz und gar für sich allein stehen kann, da es an verschiedensten Stellen immer wieder zu Verzahnungen kommt:

- gesellschaftlich-sozialer Wandel
- wissenschaftlich-technischer Fortschritt
- ökonomische Veränderungen und Wandel der Arbeitswelt

Im folgenden werden die eben genannten Aspekte vorerst lediglich charakterisiert. Auf entsprechend daraus zu ziehenden Konsequenzen im Bereich der Bildung und Erziehung soll im Anschluss daran noch eingegangen werden.

2.1. Gesellschaftlich-sozialer Wandel

Dieses ganze Kapitel könnte eigentlich auch unter der vereinfachten Überschrift „Sozialer Wandel“ stehen, da dieser Begriff alltäglich gebraucht wird und man ihn meist als fest definiert ansieht. Das ist jedoch leider nicht Fall. So existiert eine große Vielfalt möglicher Begriffsklärungen, wie dies beispielsweise auf dem 11. wissenschaftlichen Kolloquium zum sozialen Wandel im Jahr 2002 in Wiesbaden festgestellt wurde.[2] Eine einheitliche Theorie zu diesem Thema ist aus soziologischer Betrachtungsweise ebenfalls nicht in Sicht.[3]

Der kleinste gemeinsame Nenner aller Definitionen zum sozialen Wandel besteht in der Feststellung der Veränderung gesellschaftlicher Strukturen.

Um nun einen kurzen Einblick in diesen Bereich zu erlangen, sollen im folgenden einige wichtige Teilaspekte dieses weiten Begriffs unter die Lupe genommen werden:

- Wandel der Familienstrukturen und des sozialen Umfelds
- Einflüsse von Migration und multiethnischer Gesellschaft
- Demographischer Wandel
- Wertewandel

Nicht ganz von ungefähr spricht der Soziologe Ulrich Beck im Hinblick auf die moderne gesellschaftliche Entwicklung von einer „Wiederkehr der Ungewissheit“.[4] Obwohl bereits 1993 formuliert, ist dieser Ausspruch auch nach über 10 Jahren von großer Aktualität, denken wir nur an die den Sommer 2004 beherrschende Debatte um die Umsetzung der sog. „Hartz-IV-Gesetze“ und die damit verbundenen und z.T. von einigen Medien geschürten Ängste und Befürchtungen vieler Menschen, z.B. vor Gettoisierung in „Plattenbauten“ oder städtischen Randbezirken.

Der gesamte gesellschaftlich-soziale Wandel ist freilich viel tiefgreifender. Betrachten wir zunächst einmal die so gern als kleinste Zelle der Gesellschaft beschriebene Struktur der Familie. Dabei soll erwähnt werden, dass sich die nachfolgenden Darstellungen in erster Linie auf Deutschland und Europa beziehen, wobei auch auf globale Sichtweisen im Verlauf der Arbeit selbstverständlich noch eingegangen werden wird.

2.1.1. Wandel der Familienstrukturen und des sozialen Umfelds

Hier nun beobachten wir über den Lauf der letzten Jahrhunderte hinweg einen Trend von der vorindustriellen Großfamilie hin zur heute dominanten Kleinfamilie mit einem für Deutschland errechneten statistisch gesehenen Kinderanteil von durchschnittlich 1,354 pro Frau (Neue Bundesländer 1,148; Alte Bundesländer 1,405).[5] Des weiteren ist zu konstatieren, dass die klassischen Familienstrukturen in der postmodernen Gesellschaft in immer stärkeren Maße aufbrechen und der Anteil alleinerziehender Elternteile und sog. „Patchworkfamilien“ stetig ansteigt.[6] Verbunden mit diesen Entwicklungen ist die beständig steigende Anzahl an Ehescheidungen und der davon betroffenen minderjährigen Kinder.[7]

Ebenso gehen Sozialforscher in der Bundesrepublik von einem weiteren Anstieg der Armut und des Einkommens-Ungleichgewichts aus[8], was in der Folge auch negative Auswirkungen auf das soziale Umfeld Heranwachsender einschließen kann, siehe Abb. 1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Armutsentwicklung in Deutschland. Als arm gilt, wer weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens aller Deutschen erhält. Quelle: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW)

Die Tatsache, dass das soziale Umfeld ganz entscheidend für die Zufriedenheit der Kinder mit ihrem Leben ist, bestätigte eine von der Aktion „Ein Herz für Kinder“ beim Institut für Demoskopie in Allensbach in Auftrag gegeben Studie.[9] Hier ergaben sich signifikante Korrelationen zwischen Zugehörigkeit zwischen einem bestimmten sozialen Umfeld, der Häufigkeit des TV-Konsums und der Ängste, in der Schule nicht mehr mitzukommen. Kinder aus ärmeren Schichten verbrachten hier die meiste Zeit vor dem Fernseher und hatten auch die größten schulischen Sorgen.

2.1.2. Die multiethnische Gesellschaft

Ein weiterer Aspekt, der partiell auch ein Bestandteil des demographischen, aber auch des gesamten gesellschaftlichen und sozialen Wandels ist, ist die Veränderung hin zu einer multiethnischen Gesellschaft. Diese Entwicklung ist multifaktoriell bedingt. Zum einen ist lokal, auf Deutschland bezogen, die bereits angesprochene niedrige Geburtenrate festzustellen, zum anderen sind führt der Prozess der europäischen Einigung die Menschen näher zusammen und schließlich sind global starke Migrationsbewegungen im Gange, die in ihren Auswirkungen Deutschland und die anderen Staaten der Europäische Union als bevorzugte Einwanderungsländer in starkem Maße betreffen.[10] Mit Hilfe von Einwanderungsgesetzen wird versucht diese Ströme in geregelte Bahnen zu lenken, wobei ein solches in der Bundesrepublik nach langen politischen Auseinandersetzungen nunmehr nach seiner Verabschiedung durch Bundestag und Bundesrat ab 01.01.2005 in Kraft treten soll. So wird also für die nächsten Jahrzehnte von einer beständigen (legalen) Zuwanderung in die Bundesrepublik und die anderen Mitgliedsländer der Europäischen Union auszugehen sein. Für Deutschland geht man in einer Prognose bis zum Jahr 2050 von einem von Auswanderungsbewegungen bereits bereinigtem Migrationssaldo von jährlich ca. 100.000 bis 300.000 Zuwanderern aus.[11] Was die Höhe der illegalen Einwanderung anbetrifft, so können darüber naturgemäß keine genaueren Angaben gemacht werden.

2.1.3. Demographischer Wandel

Die demographische Entwicklung in Deutschland und den meisten Industrienationen ist durch drei Entwicklungslinien gekennzeichnet. Einerseits lässt sich eine Erhöhung der Lebenserwartung konstatieren[12], während auf der anderen Seite, nachdem die Geburtenraten in den letzten Jahrzehnten eine rückläufige Tendenz aufwiesen, diese momentan auf niedrigem Niveau verharren.[13] Für die Zukunft muss allerdings mit einem immer weiteren Auseinanderklaffen der Schere von Anzahl an Neugeborenen und Verstorbenen ausgegangen werden. Die dritte demographische Entwicklungslinie ist die bereits angesprochene Außenwanderung, bzw. Migrationsbewegung.

Im Moment ist es in Deutschland und den anderen EU-Staaten noch zu keinem signifikanten Bevölkerungsrückgang gekommen, was, neben der Höhe der Einwanderungszahlen, auch auf die noch immer steigende Lebenserwartung zurückzuführen ist. Jedoch wird dies nicht von Dauer sein.[14] Nach der neuesten Studie zur Entwicklung der Weltbevölkerung des Population Reference Bureau in Washington muss für die nächsten Jahrzehnte in vielen Industriestaaten von einem starken Rückgang der Einwohnerzahl ausgegangen werden, wovon vor allem Japan, Russland und Deutschland betroffen sind. Für die Bundesrepublik würde dies bis zum Jahr 2050 insgesamt einen Bevölkerungsschwund von derzeit 82,6 Millionen Einwohnern auf 75,1 Millionen bedeuten.[15]

Demgegenüber sieht die Studie für Entwicklungs- und Schwellenländer eine Bevölkerungsexplosion von bis zu 200% voraus.

Die bereits jetzt überalterte Gesellschaft in den Industrienationen und der zu erwartende Bevölkerungsschwund in Deutschland bergen große Herausforderungen in Bezug auf den Generationenvertrag, das Gesundheitssystem und die Arbeitswelt.

2.1.4. Wertewandel

Die „Entdeckung“ des Wertewandels innerhalb der deutschen Gesellschaft wird Elisabeth Noelle-Neumann zugeschrieben, Gründerin und Leiterin des Instituts für Demoskopie Allensbach.[16] Anhand der Datenerhebungen des Allensbacher Instituts zu den Wertvorstellungen der deutschen Bevölkerung seit 1967 konnte bereits in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts ein entsprechender Wandel festgestellt werden, der sich offensichtlich bis heute fortsetzt.[17] Dieser betraf vor allem traditionelle Tugenden, wie Höflichkeit, gutes Benehmen, Ordnung, Gewissenhaftigkeit, die in den Aussagen der Befragten, einen immer niedrigeren Stellenwert einnahmen. Noelle-Neumann proklamierte in diesen Zusammenhang eine stetig wachsende Generationskluft von neuer Qualität, die bis zum Beginn der 90er Jahre anhielt sowie ein mit dem Wertewandel verbundenes Orientierungsvakuum.[18] Wichtig zu erwähnen, dass diese Entwicklungen sich bis Mitte der 90er Jahre nur für das westdeutsche Gebiet nachweisen lassen.

Aktuelle Studien bestätigen einen weiteres Fortschreiten des Wertewandels. So stellt eine Studie des Marktforschungsinstituts Ipsos fest, dass für die Deutschen die eigene Person immer stärker in den Mittelpunkt rückt.[19]

Die Ergebnisse der Landtagswahlen in den Bundesländern Brandenburg und Sachsen vom Sommer 2004 deuten im übrigen auf eine Abkehr von freiheitlich-demokratischen Grundwerten gerade auch bei einem nicht zu unterschätzenden Anteil junger Menschen hin. Ähnliche Entwicklungen sind auch in den europäischen Nachbarnationen zu verzeichnen, z.B. in Frankreich, Österreich oder Italien.

2.2. Wissenschaftlich-technischer Fortschritt

Wir bezeichnen unsere Gesellschaft heute gern als „Wissens- oder Informationsgesellschaft“. Aber was heißt das genau?

Man kann sagen, dass die Menge an verfügbarer Information und Wissen, über welche die menschliche Gesellschaft insgesamt verfügt, von Sekunde zu Sekunde wächst. Dieser Prozess lässt parallel dazu bereits vorhandenes Wissen immer schneller veralten. Bei der Verwaltung dieses riesigen und dynamischen Informations- und Wissensbestandes ist man in zunehmendem Maße auf technologische Hilfe angewiesen. Die Zeitalter, in welchen einzelne Persönlichkeiten noch guten Gewissens als „Universalgenie“ bezeichnet werden konnten, sind zweifellos vorüber.

Nun ist es oftmals aber auch schlichtweg nicht mehr nötig, bestimmtes Wissen selbst präsent zu haben, da aufgrund des technologischen Fortschritts, dieses in der heutigen Zeit an vielen Orten häufig rund um die Uhr verfügbar ist. Es ist z.B. auf verschiedensten Medien gespeichert, und kann mit Hilfe von Wiedergabegeräten, Fernsehern, Computern usw. abgerufen werden. Noch flexibler und dynamischer als die zumeist fest und unabänderlich auf den entsprechenden Datenträger fixierten Informationen sind freilich lokale oder globale Netzwerke, wie Intranet und Internet.

Doch Technisierung und Computerisierung durchdringen, neben der Bereitstellung und Verarbeitung von Wissen und Informationen, zunehmend auch alle andere Bereiche des menschlichen Lebens, etwa auf den Gebieten Kommunikation, Medizin, Verkehr, Freizeit, Arbeitswelt.

2.3. Ökonomische Veränderungen und Wandel der Arbeitswelt

War bis hierher der kurze Blick auf die o.g. vielfältigen Veränderungen vonnöten, weil sie, neben dem zukünftigen Leben heutiger Schülergenerationen, bereits deren gegenwärtige Lebenswelt bestimmen, so ist die Betrachtung der unter dieser Überschrift stehenden Sachverhalte insofern von Bedeutung, als sich die meisten jungen Menschen nach Beendigung der Schulzeit, spätestens nach Abschluss des Studiums, in der Arbeitswelt wiederfinden. Ein wesentlicher Aspekt schulischer Bildung und Erziehung besteht darin, auf diesen Lebensabschnitt gut vorzubereiten. Soll dieses Ziel erreicht werden, ist es deshalb unumgänglich, sich auf diesem Gebiet einen Überblick in Bezug auf die darin stattfindenden Umbrüche zu verschaffen.

2.3.1. Globalisierung, Weltmarkt, Erwerbsarbeit, immaterielle Arbeit

Momentane Debatten zu den Themen Wirtschaft und Arbeitswelt werden vom Schlagwort der Globalisierung beherrscht. Eine genaue Untersuchung und Analyse dieses einzelnen Begriffs, mit seinem unter ihm subsumierten zahlreichen, differenzierten, vielschichtigen und facettenreichen Aspekten, würde fraglos den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Deshalb soll an dieser Stelle nur auf einige wenige wesentliche Punkte und Entwicklungstendenzen eingegangen werden, die im weiteren Verlauf dieser Untersuchung in Bezug auf die Aufgaben und Leistungen von Erziehung und Unterricht von Bedeutung sein werden.

Für zukünftige Arbeitnehmer wird es kaum oder gar nicht mehr möglich sein, nicht mit Computertechnik in Berührung zu kommen. Der stetig steigende Anteil des Dienstleistungsgewerbes trägt dazu ebenso bei, wie auch die Technisierung und Computerisierung in Industrie und Handel. Auch das Handwerk bleibt von diesen Entwicklungen nicht ausgeschlossen. Durch Computerisierung und Technisierung können immer mehr Güter durch immer weniger menschliche Arbeitskräfte hergestellt werden. Von größter Bedeutung sind in Zukunft, wie auch heute schon, Kommunikation, Informationsverarbeitung und –auswertung.

Im Dienstleistungsbereich, auf dem kulturellen Sektor, in den Bereichen Kommunikation und Wissen ist der Charakter der Arbeit „immateriell“.[20] Gegenstand und Produkt der Arbeit sind häufig nicht mehr greifbar. Diese Form der Arbeit nimmt einen immer größeren Stellenwert ein. Ein Beispiel dafür ist der Wandel vom Fordismus zum Toyotismus in der Automobilindustrie.[21] Hierbei wird nicht, wie bisher üblich, ein Lagerbestand produziert, sondern nur noch nach der gerade bestehenden Nachfrage, sozusagen „just in time“[22]. Dem raschen Informationsfluss zwischen Produktion und Konsumption kommt hier die größte Bedeutung zu: erst fällt die Marktentscheidung und dann die Produktionsentscheidung. Der Schwerpunkt liegt also nicht mehr auf der Produktion, sondern auf der Kommunikation und dem Informationsaustausch mit dem Markt und dem Verbraucher. Der immaterielle Aspekt ist bei diesem Modell also wichtiger, als der materielle. Der Wandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft ist hier erkennbar.

Der technische Fortschritt ermöglicht den immer umfangreicheren und schnelleren Austausch von Daten, Informationen und Wissen auf globaler Ebene.

Innerhalb der Europäischen Union fallen viele Barrieren. Der europäische Binnenmarkt wird immer weiter ausgebaut, Mobilität und geographischer Aktionsradius der Menschen nehmen zu. Schon heute sprechen einige Philosophen und Wissenschaftler von der Realität des Weltmarktes[23] und der globalen Immanenz im Sinne von: „Es gibt kein Außen mehr“.[24]

Die genannten Umstrukturierungen auf dem Arbeitsmarkt führen nach Meinung der Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbänden, z.B. der Arbeiterwohlfahrt zu folgenden Entwicklungen[25]:

- eine Vollbeschäftigung scheint nicht mehr realisierbar
- die Häufigkeit flexibler Arbeitszeiten, von Teilzeitbeschäftigung und unbefristeter

Beschäftigungsverhältnisse nehmen zu

- Betriebstätten werden verlagert
- Arbeit findet nicht mehr in jedem Fall im jeweiligen Unternehmen oder Betrieb statt,

Möglichkeiten anderer Arbeitsformen, z.B. Heimarbeit

- Grenzen zwischen Erwerbsarbeit und privatem Bereich verschwimmen

Dem ist noch hinzuzufügen dass, wenn wir dem momentanen Trend folgen, der Arbeitsmarkt der Zukunft einen noch größeren Wert auf Mobilität und Flexibilität der Arbeitnehmer legen wird.

3. Lehren und Lernen im Zeichen der Veränderung

Wie versucht wurde zu zeigen, steht die Menschheit des 21. Jahrhunderts vor eine ganzen Reihe neuer Herausforderungen und Entwicklungen. Die jetzige Generation, speziell aber heranwachsende und künftige Generationen, werden sich diesem Wandel stellen müssen, wenn sie persönliche, wie gesamtgesellschaftliche Ziele erreichen wollen, z.B. ein erfolgreicher und glücklicher Lebensweg; Zufriedenheit; Entfaltung der Persönlichkeit; aktive Mitbestimmung; Sicherung von Frieden, Freiheit, Demokratie und Wohlstand; Schutz von Natur und Umwelt. Es stellt sich folgende Frage: Können Bildung und Erziehung auf die Folgen sozial-gesellschaftlichen Wandels, wissenschaftlich-technischen Fortschritts und ökonomischer Veränderungen reagieren?

Um den neuen Anforderungen gewachsen zu sein, sollten die Erwachsenen von morgen in immer stärkerem Maße vielfältige Fähigkeiten und Kompetenzen verfügbar haben. Ein umfangreiches Allgemeinwissen, oder auch „Schulwissen“ ist zwar auch weiterhin wünschenswert, steht aber aufgrund eines globalen stetigen Anstiegs an Wissensfülle, einer gleichzeitig sich immer mehr verringernder „Halbwertzeit“ des Wissens und seiner immer besseren und schnelleren Verfügbarkeit nicht mehr im Vordergrund. So stellt zum Beispiel der Deutsche Bundestag in einem am 29. Juni 2000 verabschiedeten Papier zum Thema „Bildung für eine nachhaltige Entwicklung“ fest: „Der Deutsche Bundestag [...] betrachtet als wichtige Aufgabe einer Bildung für nachhaltige Entwicklung nicht nur die Vermittlung von Faktenwissen, sondern vor allem die Vermittlung von Schlüsselqualifikationen. Insbesondere die Fähigkeit zu vernetztem Denken, kommunikative Kompetenz und die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen werden in Zukunft für die individuelle Orientierung ebenso wie für gesellschaftliche Innovationsfähigkeit entscheidend sein.“[26]

Des weiteren strömt eine Flut von Informationen auf den „homo sapiens informaticus“[27] ein. Selbstverständlich ist Information nicht gleich Wissen, aber durch Prozesse der Informationsverarbeitung und Verknüpfung kann hieraus Wissen und darausfolgend wiederum Bildung entstehen. Hierbei sind Fähigkeiten der Informationsselektion- und Zuordnung von großer Bedeutung. Nicht jede Information ist wichtig, nicht jede Information kann in Wissen umgewandelt werden.

Den nicht nur für diese Informationsverarbeitungsprozesse notwendigen Fähigkeiten und Kompetenzen fallen keineswegs nur zukünftig, sondern bereits auch gegenwärtig Schlüsselfunktionen für einen erfolgreichen Umgang mit den neuen Herausforderungen zu. Für den Bereich der Geschichtsdidaktik sieht Bodo von Borries in der Kompetenzentwicklung eine wichtige Aufgabe von Geschichtsunterricht.[28] Was aber genau ist gemeint? Als wichtigste Qualifikationen wären zu nennen:

- Methodenkompetenz
- selbständiger Wissenserwerb
- soziale Kompetenz
- kommunikative Kompetenz
- reflexive Kompetenz
- Handlungskompetenz
- Medienkompetenz
- metakognitive Fähigkeiten
- Teamfähigkeit, interpersonelle und kooperative Kompetenz
- Selbstorganisationskompetenz
- interkulturelle Kompetenz

Vor allem eine gut ausgebildete Methodenkompetenz, also die Fähigkeit Verfahrensweisen, Arbeitstechniken und Lernstrategien sachgerecht, situationsbezogen und zielgerichtet gebrauchen zu können, leistet einen wichtigen Beitrag zum erfolgreichen lebenslangen Lernen sowie zur einer strukturierten Problemlösung. Für den Bereich der Geschichtsdidaktik sieht Bernd Schönemann darin ein neues instrumentales Richtziel.[29]

Die Notwendigkeit lebenslanges Lernen geht aus den genannten Veränderungen in der Arbeitswelt verbunden mit dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt hervor und kommt zweifellos nicht ohne die Fähigkeit zum selbständigen Wissenserwerb aus. Zum Beispiel unterliegt das für das berufliche Fortkommen wichtige Fachwissen einem ständigen Wandel. Vorhandenes Fachwissen veraltet häufig schnell und muss ständig modifiziert oder ausgetauscht werden. Hinzu kommt die Tendenz, nicht mehr lebenslang in einem einzigen Beruf tätig zu sein. Auch hier ist es also erforderlich, sich auch in fortgeschrittenem Alter noch erfolgreich weiterzubilden.

Metakognitive Kompetenzen sind hilfreich um den Lernprozess an sich zu verstehen und somit effektiver zu gestalten. Unumgänglich für ein sinnvolles Management der eigenen Lernleistungen sowie der beruflichen oder auch privaten Zeiteinteilung sind Selbstorganisationskompetenzen.

Kommunikative und soziale Kompetenzen sind in vielen Lebensbereichen sehr hilfreich, ob innerhalb der Familie, unter Freunden, Mitschülern, Kommilitonen, Kollegen oder in der Öffentlichkeit. In einer durch Kommunikationstechniken geprägten Arbeitswelt sind diese Qualifikationen unentbehrlich. Durch die o.g. Veränderungen in den sozialen Strukturen nimmt die Schule bei der Kompensation fehlender oder nicht ausreichend entwickelter sozialer und kommunikativer Kompetenzen einen immer größeren Stellenwert ein.

Die Fähigkeit zur Teamarbeit hat sich für viele Berufe zur Standardanforderung entwickelt.

Die reflexive Kompetenz ist durch die Fähigkeit gekennzeichnet das eigene Handeln zu reflektieren, über das eigene Verhalten nachzudenken. Erst mit einer solchen Hinterfragung eigenen Denkens und der Schulung der eigenen Urteilsbildung kann sich eine verantwortungsvolle und zukunftsorientierte Persönlichkeit entwickeln.

Handlungskompetenz meint die Fähigkeit Aufgaben selbständig zu lösen und ist durch die gewachsenen Anforderungen und die steigende Komplexität der Lebenswelt unverzichtbar für ein erfolgreiches Bestehen.

[...]


[1] Vgl. Schulgesetze der Bundesländer der Bundesrepublik Deutschland, z.B. Schulgesetz (SchulG) für den Freistaat Sachsen, §1, Absatz 2

[2] Vgl. Frohn, Joachim: Sozialer Wandel - Dokumentation und Analyse. In: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Sozialer Wandel. (Forum der Bundesstatistik, Bd. 41). Wiesbaden 2003. S. 9f.

[3] Vgl. Weymann, A.: Sozialer Wandel. Theorien zur Dynamik der modernen Gesellschaft, Weinheim/München 1998. S. 17f.

[4] Beck, U.: Die Erfindung des Politischen. Zu einer Theorie reflexiver Modernisierung. Frankfurt/M. 1993. S. 45.

[5] Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Statistisches Jahrbuch 2001 für die Bundesrepublik Deutschland. Stuttgart 2001. S. 71.

[6] Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Mikrozensus 2003, Alleinerziehende Mütter und Väter: http://www.destatis.de/presse/deutsch/pm2004/p2160024.htm (Stand 01.08.2004).

[7] Vgl. Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes vom 22.08.2002: http://www.destatis.de/presse/deutsch/pm2002/p3000023.htm (Stand 01.08.2004).

[8] Vgl. Frankfurter Rundschau vom 24.08.2004.

[9] Vgl. http://www.axelspringer.de/inhalte/pressese/inhalte/herz_fuer_kinder/pdf/ kurzversion_studienergebnisse_mit_logo.pdf (Stand 24.08.2004).

[10] Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Im Blickpunkt: Die Bevölkerung der Europäischen Union heute und morgen. Stuttgart 1998.

[11] Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Population of Germany today and tomorrow. Wiesbaden 2003. S. 23

[12] Vgl. Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung vom 02.06.2004: http://www.destatis.de/presse/deutsch/pm2004/p2510022.htm (Stand 01.08.2004).

[13] Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Population of Germany. (Anm. 11). S. 8.

[14] Vgl. Birg, H.: Die demographische Zeitenwende - Der Bevölkerungsrückgang in Deutschland und Europa. München ³2003.

[15] Population Reference Bureau: http://www.prb.org/pdf04/04WorldDataSheet_Eng.pdf (Stand 01.08.2004).

[16] Vgl. Noelle-Neumann, E.: Familie und Schule im Spannungsfeld gesellschaftlicher Umbrüche. In: Pädagogische Welt Zeitschrift für Erziehung und Unterricht. 4/1995. S. 190.

[17] Vgl. ebd. S.190ff.

[18] Vgl. ebd.

[19] Vgl. http://www.verbrauchernews.de/urlaub/familie/0000003839.html (Stand 24.08.2004).

[20] Lazzarato, M.: Immaterielle Arbeit. Gesellschaftliche Arbeit unter den Bedingungen des Postfordismus. In: Atzert, T. (Hrsg.): Umherschweifende Produzenten. Immaterielle Arbeit und Subversion. Berlin 1998. S. 39ff.

[21] Vgl. Hardt, M./Negri, A.: Empire. Die neue Weltordnung. Frankfurt/Main 2002. S. 300ff.

[22] Ebd. S. 301.

[23] Vgl. ebd. S. 45ff.

[24] Ebd. S. 198ff.

[25] Vgl. http://www.bayern.awo.de/documents/gliederungen/100/00/demokratie_im_wandel.pdf (Stand 01.08.2004).

[26] Beschlussempfehlung des Bildungs- und Forschungsausschusses des Deutschen Bundestages: http://www.globales-lernen.de/konzept/1403319.pdf (Stand 01.10.2004).

[27] Haefner, K.: Bildung und Ausbildung in einer computerisierten Gesellschaft: Das Konzept des Homo sapiens informaticus. In: Sächsisches Staatsministerium für Kultus: Nachdenken über Schule. Dresden 1999. S. 91.

[28] Vgl. Borries, B. v.: Lebendiges Geschichtslernen. Bausteine zu Theorie und Pragmatik, Empirie und Normfrage. Schwalbach/Ts. 2004. S. 164

[29] Vgl. Schönemann, B.: Warum gibt es (noch) keine „Methodik des Geschichtsunterrichts“? In: Pandel, H.- J./Schneider, G. (Hrsg.): Wie weiter? Zur Zukunft des Geschichtsunterrichts. Schwalbach/Ts. 2001. S. 122.

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Geschichtsunterricht heute
Untertitel
Neue Herausforderungen – neue Konzepte – neues Selbstverständnis?
Hochschule
Universität Leipzig  (Historisches Seminar)
Note
1,5
Autor
Jahr
2004
Seiten
52
Katalognummer
V39592
ISBN (eBook)
9783638383226
ISBN (Buch)
9783638742979
Dateigröße
710 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschichtsunterricht
Arbeit zitieren
Sven Ebel (Autor), 2004, Geschichtsunterricht heute, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39592

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