'Alles erschien mir so unbeweisbar, so lügenhaft, so löcherig wie nur möglich' - Hofmannsthals 'Brief' als ein Dokument der Dekonstruktion eines rationalistischen Weltbildes


Examensarbeit, 2005
129 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

I. Die „gemeinsamen Tage schöner Begeisterung“ – Das Erleben der Einheit der Welt bei Bacon und Chandos
1. Der große Lehrmeister: Francis Bacon
2. Die Pläne der Optimisten
3. Die Methode der Optimisten
4. Der Geist als ein Spiegel der Welt
5. Das Gedächtnis als ein statischer Speicher der Welt
6. Werkzeuge der Erkenntnis - Sprache und Rhetorik
7. Der Nutzen verdammungswürdiger Metaphorik

II. „Es zerfiel mir alles in Teile“ – Der Verlust der Einheit eines konsistenten Weltbildes
1. Das Bewusstwerden des Irrtums der Erkennbarkeit der Welt
2. Das Eigenleben des Gedächtnis als Voraussetzung der Individuation
3. Der Zerfall des versprachlichten Bewusstseins
3.1 Eine sich ankündigende Krise
3.2 (Nicht)-Möglichkeiten von Sprache und des menschlichen Erkenntnisvermögens
3.2.1 Sprache als ein widerspruchsvolles Unding - Nietzsche
3.2.2 Die Dekonstruktion des sprachlichen Individuums - Mauthner
3.3 Zerfall der Kongruenz von Sprache und Welt in Ein Brief
3.4 Verweigerung der Prämissen der Sprachkritik bei Hofmannsthal
4. Das Scheitern der Pläne und der Methode

III. „Ein Fluidum des Lebens und Todes, des Traumes und Wachens“ – Das Erahnen des Doppelsinns
1. Neue Wege der Erkenntnis
2. Die Sprache der guten Augenblicke
3. Das Besondere im Allgemeinen – Die Synthesekraft des Mythos
4. Die Gestaltungskraft der Metaphorik jenseits des wissenschaftlichen Diskurses
4.1 Rück- und Ausblick
4.2 Der Segen des Bildlichen - Hamann
4.3 Die hitzige Flüssigkeit der Bildermasse - Nietzsche
4.4 Beständig das Fremdeste paarend - Hofmannsthal
5. Die Vergangenheit als Schlüssel zur Gegenwart und Zukunft

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Fast 300 Jahre liegen zwischen der Datierung des Briefes, dem 22. August 1603, welchen der Dichter Hugo von Hofmannsthal die fiktive Figur des Philipp Lord Chandos an den Empiriker Francis Bacon schreiben lässt, „um sich bei diesem Freunde wegen des gänzlichen Verzichtes auf literarische Betätigung zu entschuldigen“[1] (461), und der tatsächlichen Niederschrift des Textes im Jahre 1902. Nur diese zeitliche Diskrepanz von rund 300 Jahren, welche durch die grundlegenden Erfahrungen mit einem durch Rationalismus und Aufklärung bestimmten Weltbild geprägt sind, lässt diesen fiktiven Brief, eine „philos[ophische] Novelle[]“[2], wie Hofmannsthal schreibt, überhaupt erst möglich erscheinen. Über die Einsicht in die Unmöglichkeit einer Entschlüsselung der Welt und dem Erlangen einer allumfassenden Erkenntnis, welche sein übermächtiger Lehrer, Sir Francis Bacon, für möglich erachtete, stürzt Chandos in eine Krise, welcher er in jenem Brief Ausdruck verleiht.

Und tatsächlich muss es sich um einen besonderen, bedeutsamen Brief handeln, betrachtet man die einleitenden Zeilen genau. Der Text bestätigt, dass es zwischen Chandos und Bacon in fernerer Vergangenheit eine intensive Korrespondenz gegeben haben muss, welche durch eine Veränderung im Erleben der Welt durch den Lord, ohne dass dies bis dato thematisiert wurde, abgerissen ist. Nun entschließt sich Chandos noch einmal zu schreiben. Seine ersten Worte verdeutlichen sogleich die Bedeutung, die er den folgenden Zeilen und seinem Adressaten beimisst. Er schreibt, dass dies „ der Brief“ sei, den er „ diesem Freunde“(461) sende. Durch die sprachliche Schaffung einer endgültigen Singularität des Ereignisses des Schreibens und der eindeutigen Bestimmtheit in Bezug auf den Adressaten, Francis Bacon, wird den Zeilen „dieses voraussichtlich letzten Briefes“ (472) eine für das Leben des Chandos grundlegende Relevanz eingeräumt. Der Brief wird damit Rück- und Ausblick zugleich.

Hofmannsthal lässt Chandos, und man sollte sich hüten, wie dies oft geschehen ist, beide in Eins zu setzen und die Krise des Lords zu einer Krise des Dichters zu stilisieren, von einem verloren gegangenen Totalitätsgefühl berichten. Chandos erlebte „das ganze Dasein als eine große Einheit“ (463f.), in der er eine bruchlose Identität und unbezweifelte Erkenntnis fühlte. Diese Totalität ist entschwunden und zurück blieben „Kleinmut und Kraftlosigkeit“ (464) sowie die Erkenntnis der vollkommenen Brüchigkeit der einstmals so sicher geglaubten Totalitätserfahrungen. Dafür verantwortlich zeichne sich, so der Lord, ein tief greifender Zweifel an der Fähigkeit der Sprache, die Welt adäquat abbilden zu können. Chandos entziehen sich jegliche Begrifflichkeiten, welche eine Einheit der Welt im Geiste schaffen könnten, was ihn zunächst zutiefst verstört. Doch wie ernst kann man diesen Befund angesichts der offenkundigen Sprachmächtigkeit des Lords nehmen? Man muss ihn ernst nehmen, denn es finden sich durchaus Erscheinungen einer tief greifenden Krise im Erleben von Welt, welche ihren originärsten Ausdruck in der mangelnden Möglichkeit sprachlicher Vermittlung findet. Nimmt man die Sprachproblematik im Brief ernst, reduziert diesen jedoch nicht auf diese Thematik, und hat so viel Vertrauen in die Sprache und den damit umgehenden Autor, dass man annimmt, durch sie ließen sich Gedächtnisinhalte in einem gewissen Maße transportieren, und genau dies tut Chandos unentwegt, so hält man einen Schlüssel zum Verstehen dieses Werkes bereits in der Hand. Sprache „ist das Gedächtnis selbst“[3] schreibt Hofmannsthal und verdeutlicht somit sein Vertrauen, mit Hilfe Innenansichten eines Menschen adäquat darstellen zu können. Aber er ist sich durchaus auch der Möglichkeit der Täuschung durch die Sprache bewusst und formuliert diesen Zwiespalt wenn er schreibt: „Sie [die Sprache] ist das große Werkzeug der Erkenntnis, sie ist das große Werkzeug der Verkennung.“[4] Traut man Sprache, so wie viele Interpreten das für den Brief reklamieren, in keiner Weise eine Abbildung von erlebter und gefühlter Welt zu, so ist ein Verstehen im Grunde genommen unmöglich, da davon ausgegangen werden müsste, dass sich Chandos ohnehin nicht mitzuteilen vermag. Was auch immer er uns, und in ihm in gewisser Weise auch der Dichter, hinterlässt, wäre ohne Bedeutung, da faktisch falsch. Darüber hinaus, und dies scheint bedeutsamer, liegt diesen Annahmen ein grundsätzliches Missverständnis zu Grunde:

Der Widerspruch zwischen der Behauptung des Lord Chandos, er könne über nichts mehr zusammenhängend denken oder sprechen, und den Ausführungen seines Briefes, die verdeckt beständig das Gegenteil bezeugen, erweist sich als scheinbarer. Er ist Ausdruck einer der Optik Bacons verpflichteten Lesart, welche die denotative und prädizierende Funktion einer Identität beglaubigenden Sprache der instrumentellen Vernunft in den Fokus des Interesses rückt.[5]

Das angesprochene Vertrauen in die Sprache kann jedoch nicht, wie auch aus den Zeilen Hofmannsthals zu entnehmen, zu einer zweifelsfreien Erkenntnis über den inneren Zustand des Chandos führen. Diesem Ansinnen verschließt sich das Werk. Es erlaubt zunächst lediglich, ihn in seinem Erleben und seinen Mitteilungen ernst zu nehmen. Die Sprache ist das verbindende Glied zwischen Chandos und dem Leser. Sie stellt eine Möglichkeit der Entschlüsselung seiner Erinnerungen und Visionen dar und ermöglicht dem Leser somit die dem Lord verwehrte Erkenntnis in Folge einer reflexiven Betrachtung der angebotenen Erinnerungsstruktur. Dabei darf die scheinbare Widersprüchlichkeit der beschriebenen Zustände und Visionen des Lords nicht erschrecken, denn ein „ Ein Brief behandelt seinen Gegenstand nicht expressis verbis, sondern in actu.“[6] Dies bedeutet, dass der Leser keine durchstrukturierte Gedankenwelt dargeboten bekommt, sondern in weiten Teilen Bruchstücke einer komplexen Gedankenwelt, welche einer differenzierten Betrachtung unterworfen werden müssen, da sich in ihnen ein gesamtes Weltbild und dessen Veränderung offenbart. Dies kann jedoch nicht, um auf den Adressaten des Briefes zu sprechen zu kommen, unter der Baconschen Prämisse einer gewünschten Eindeutigkeit geschehen.

Um Ein Brief verstehen zu können, muss man sich bewusst werden, dass sich der Text sehr dezidiert mit einer maßgeblich durch Francis Bacon initiierten wissenschaftlichen Sprache in allen Kommunikationsbereichen und den damit verbunden Rationalitätskonzepten der Moderne (Aufklärung) auseinandersetzt.[7] Dies stellt in jenem Sinne einen durch Bacon angebotenen Schlüssel dar, um die Gedanken des Lords zu verstehen. Es kann davon ausgegangen werden, dass Hofmannsthal im Brief einen Gegenentwurf zu einem rationalistischen Weltbild darstellen möchte, welches auf eine völlige Entschlüsselung der Geheimnisse der Natur und des Menschen zielt sowie auf der Hoffnung basiert, eine stete Eindeutigkeit schaffen und erkennen zu können. Als einer der Urväter solcher Gedanken muss Francis Bacon, der Empfänger des Briefes, gelten. Chandos lehnt im Verlaufe seines Zustandes mehr und mehr die auf sprachliche Eindeutigkeit und fortschrittsoptimistisch fixierten Vorstellungen seines Lehrmeisters ab, welche letztlich auf eine klare Erkenntnis der Phänomene der Welt zielen. In der neuen Welt des Lords soll die Metaphorik und mythische Verschlüsselung, welche von Bacon als eine Unvollkommenheit im Ausdruck auf Grund mangelnden Wissens abgelehnt wurde, und doch kommt auch er ohne sie nicht aus, wieder eine Vormachtstellung über begriffliche Exaktheit erhalten. War Chandos in dem von ihm beschriebenen Plänen noch ganz ein Adept Baconscher Aufschlüsselung der Welt, erscheint ihm diese zunehmend unmöglich, gar völlig unnütz und schädlich. Im weiteren Verlauf der Beschreibung remythisiert der Lord die von Bacon vorgenommene Aufschlüsselung der Welt und „es gibt in den gegeneinanderspielenden Materien keine, in die [er] nicht hinüberzufließen vermöchte.“ (469) Er erkennt, dass es eine auf ewig feststehende Eindeutigkeit nicht geben kann, sondern dass sich alles beständig verändert. Daher muss auch die Sprache der begrifflichen Abstrakta versagen. Bacon traute dieser Sprache zu, sei der menschliche Geist einmal von den Idolen gereinigt, dass sie die Ergebnisse der ungetrübten Erkenntnisleistung des Menschen vollkommen wiederzugeben vermag. Sprache kann also bei Bacon, sie tut es allerdings infolge defizitärer Verwendung des Menschen nicht, ein Abbild der Welt liefern, was jedoch einer umfassenden Erneuerung der von ihm vorgefundenen Sprachbestände bedürfte. War diese Haltung Bacons noch voller Optimismus, so lässt sich für die sprachkritischen Strömungen um die Jahrhundertwende, insbesondere für Mauthner[8], um hier nur einen der bedeutenden Sprachskeptiker aus dem direkten Umfeld Hofmannsthals zu nennen, etwa dreihundert Jahre später nur noch zersetzender Pessimismus verzeichnen. Beide, sowohl Bacon als auch Mauthner, teilen die, um es hier nur anzudeuten, Skepsis hinsichtlich der Eindeutigkeit von Sprache zur Erfassung der Welt[9], ziehen daraus jedoch, wie noch zu zeigen sein wird, grundverschiedene Schlüsse. Dieser angesprochene Pessimismus wurde von vielen Interpreten dem jungen Lord und damit dem Dichter Hofmannsthal zugeschrieben. Ein in meinen Augen grundsätzliches Missverständnis. Spätestens seit Bacon diente Sprache als ein der wissenschaftlichen Erkenntnis zuarbeitendes Element, gelangte jedoch nie zu jener gewünschten vollkommenen Ausprägung der Deckungsgleichheit mit der Welt. Unterwirft der Mensch sie diesem Anspruch, so scheint sie tatsächlich ein untaugliches Element zu sein, um der wissenschaftlichen Wahrheitsfindung dienlich zu sein. Es bleibt jedoch zu konstatieren, dass Hofmannsthal diesen Anspruch nicht teilt und sie als Element der dichterischen Welterschließung als für durchaus tauglich betrachtet. Für ihn ist der Schlüssel zur Welt, und im Laufe der Beschreibung auch für Chandos, nicht die scheinbare Eindeutigkeit der Erkenntnis, sondern vielmehr die „ seelische Bewegung […], in welcher sich der Bezug auf das Ganze ausdrückt.“[10] Nicht der kalte Intellekt erkennt die Welt, indem er sie zergliedert, kategorisiert und in sprachliche Abstrakta fasst, sondern das, was Chandos „mit dem Herzen zu denken“ (469) nennt, vermag eine Ahnung der Welt zu vermitteln. „Alle Worte, die nur Schall sind wenn wir das Ding in ihnen suchen, werden hell, wenn wir sie leben: im Tun, in „Taten“ lösen sich die Rätsel der Sprache.“[11]

Im Rückgriff auf Platon erhebt Hofmannsthal das Staunen über den Zauber der Dinge zu einer Quelle der Erkenntnis, welche sich der Eindeutigkeit verwehrt und die Individualität und Einzigartigkeit der Phänomene wahrnimmt, und stellt sich damit gegen die rationalistische, auf Analyse von Phänomenen beruhende Philosophie seit Bacon. Das Rückgängigmachen der von Horkheimer und Adorno[12] als ein wesentliches Element aufklärerischer Philosophie erkannten Entzauberung der Welt ließe sich somit für Hofmannsthal proklamieren. Dies bedeutet eine vollkommene Dekonstruktion eines auf Analyse und Eindeutigkeiten basierenden Weltbildes. Ziel der Arbeit soll somit die Beschreibung dieses Dekonstruktionsprozesses sein. Es soll aufgezeigt werden, wie Hofmannsthal die geistigen Konzepte einer über Jahrhunderte wirkungsmächtigen rationalistisch-aufklärerischen Weltsicht, welche wesentliche Ansatzpunkte im Werk Francis Bacons findet, überwindet und welche er diesen in seinem Brief entgegensetzt. Ich möchte behaupten und zeigen, dass Ein Brief eine Schrift wider jene rationalen Konzepte von Welt darstellt. Dies jedoch mit den Mitteln der Kunst, nicht denen des theoretischen Diskurses.

Um sich den aufgezeigten Problemfeldern nähern zu können, wurde diese Arbeit in drei Hauptteile untergliedert. Dies ergibt sich aus der Ansicht des Verfassers, dass dem Brief eine dreigliedrige Struktur zu Grunde liegt.[13] Ein jeder dieser Abschnitte von Ein Brief soll auf seine Bedeutung innerhalb der Hofmannsthalschen Gesamtkonzeption des Werkes befragt werden, um sich ihr nähern und vorsichtige Antworten in Bezug auf die angesprochenen Problemfelder geben zu können. Der erste Abschnitt des Briefes stellt die Erinnerungen des Chandos an die glücklichen, „gemeinsamen Tage schöner Begeisterung“ (462) dar. Als einem Adepten der Baconschen Philosophie zeigten sich ihm die Phänomene der Welt in einer „große[n] Einheit“ verbunden. In Folge des ihm eigenen, jegliche vorhandene Differenzen nivellierenden Blickes auf die Welt wurde er nirgends eines Gegensatzes gewahr. In diesem Abschnitt soll das Analyseinstrumentarium angelegt werden, welches auch in den weiteren Teilen angewandt wird. Es wird um die Möglichkeiten einer scheinbar uneingeschränkten Totalitätserfahrung, um das Vertrauen in Sprache als einem Medium adäquater Weltabbildung und Erkenntnisfähigkeit sowie um die Konstruktion eines auf Rationalität beruhenden Weltbildes gehen.

Dieses zerfällt dem Lord jedoch zunehmend. Plötzlich erscheinen ihm die vormals so leichtläufig benutzten Begriffe, „die abstrakten Worte, denen sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muß“ (465) nicht mehr geeignet, die von ihm erlebte und wahrgenommene Welt abzubilden. Doch dieses Versagen von Sprache ist nur eine sekundäre Erscheinung einer allumfassenden Krise des Erlebens von Welt in jenem zweiten Teil. Nichts mehr lässt sich in der gewohnten Art und Weise „aufschließen“, alle Dinge entziehen sich dem Lord und verwehren ihm das Allmachtsgefühl, „überall […] mitten drin“ (464) zu sein. Wo ihm früher „geistige und körperliche Welt […] keinen Gegensatz zu bilden“ (464) schienen, eröffnet sich nun der Abgrund einer grenzenlosen Differenz aller Erscheinungen, durch welchen „hindurch man ins Leere kommt.“ (464) Dieses Dasein völliger geistiger Isolation wird jedoch durch „freudige und belebende Augenblicke“ (467) durchbrochen, in denen der Lord wieder eines Bezuges zur Welt gewahr wird. Auch in diesem Abschnitt sind die Erfahrung von Totalität der Erscheinungen, der sprachlichen Abbildung dieser sowie die Möglichkeiten, jene überhaupt erfassen und verarbeiten zu können zentrale Punkte der Auseinandersetzung mit dem Werk.

In jenen „guten Augenblicken“ (467) des dritten Teils seines Briefes, den Augenblicken der Epiphanie, offenbart sich eine fundamental neue Weise des Welterlebens, welche ihre Darstellungsweise im Metaphorischen sowie im Mythos findet. Durch die Verbindung scheinbar nicht referentiell zusammengehöriger Gedächtnisinhalte in den Momenten der Epiphanie, zeigt sich eine Inversion des früheren Erlebens von Welt und die völlige Loslösung von seinem großen Lehrmeister, von Francis Bacon.

I. Die „gemeinsamen Tage schöner Begeisterung“ – Das Erleben der Einheit der Welt bei Bacon und Chandos

1. Der große Lehrmeister: Francis Bacon

Die ersten und letzten Worte seines Briefes richtet Philipp Lord Chandos direkt an Francis Bacon, an den „größten Wohltäter s[m]eines Geistes“ (472), und Hofmannsthal setzt damit einen Rahmen, in welchem Bacon als ein Fixpunkt des Textes fungiert. Chandos ist als ein Schüler des großen Empirikers anzusehen und war lange Zeit maßgeblich durch dessen Gedanken in seinen eigenen bestimmt. Er, Francis Bacon, muss somit als ein, um in der Baconschen Gedankenwelt zu verweilen, wichtiger Schlüssel zum Verständnis des Werkes fungieren. Es bedarf demnach der Beschäftigung mit Grundgedanken der Baconschen Philosophie, um die Gedanken des Lords, seine Erinnerungen, aber auch seine Hoffnungen sowie die von Bacon und seinem Werk ausgehende Faszination begreiflich machen zu können. Diese Faszination kann als unbestritten angesehen werden.

Wenn man auf irgendein einzelnes Werk weisen wollte, das zum Symbol des Aufbruchs in die Neuzeit geworden ist und in dieser säkularen Funktion die Schriften des Aristoteles ablöste – man hätte kaum eine andere Wahl als das „Novum Organum“ – erschienen im Jahr 1602.[14]

An dieser Stelle sollen somit Grundzügen der Gedankenwelt des Philosophen dargestellt werden, der an der Schwelle der Renaissance zur Neuzeit eine revolutionäre Veränderung in der Sicht auf die Welt anstrebte. Es soll sich um eine überblicksartige Darstellung handeln, um die Bedeutung der Baconschen Philosophie ansatzweise verständlich machen zu können. Diesem Blick wird jedoch noch jegliche Tiefenschärfe in Bezug auf die Bedeutung der Gedanken Bacons für Ein Brief fehlen. Diese werden erst in den folgenden Punkten einer intensiven Untersuchung unterzogen werden.

In der Philosophie Francis Bacons zeigt sich dem Betrachter erstmals eine systematische Umdeutung des Wissensbegriffs. Dieser wandelte sich von einem statischen Wissensbegriff der Antike, welcher zu einem zirkulären Selbstzweck der Erkenntnis führte, zu einem dynamischen Verständnis von Wissen, das von ihm als ein „Mittel zum Zweck“[15] des Fortschritts der Menschheit verstanden wurde. Er wandte sich ab von der spekulativen Metaphysik mittelalterlichen Denkens, welche das geistige Klima seiner Zeit noch immer maßgeblich beherrschte, und entwarf ein Zukunftsprogramm, das den Menschen auf Grundlage empirisch gesicherter Erkenntnisse und methodisch orientierter Forschung ewige Wohlfahrt gewährleisten sollte. „Erfindungen und Entdeckungen sollen nicht mehr dem Zufall oder der Magie überlassen bleiben, sondern Sache wissenschaftlicher Methodik werden.“[16] Für dieses Ziel löste sich Bacon von vorhandenen philosophischen Traditionen und suchte nach einer Philosophie, die sich ganz in den Dienst des Menschen zu stellen habe. Dieses Ziel sprach er den tradierten Richtungen der Philosophie, um im Folgenden nur zwei zu benennen, ab. In der Aristotelischen und Platonischen Philosophie fand er durchaus eine Möglichkeit zur Schulung des Geistes, vermisste jedoch deren Leistung für die Erkenntniserweiterung der Menschheit. Durch sie lasse sich die Methodik der Argumentation, nicht aber jene zum Erkenntnisgewinn schulen. Wissen galt lediglich dem Selbstzweck. Ebenso hart versuchte er sich von mittelalterlicher Scholastik zu lösen, welche die naturwissenschaftliche Erkenntnis nicht von religiösen Begründungen zu trennen vermochte und sie somit lediglich in den Dienst der Religion stellte. Diesen Ansätzen gemein sah Bacon die Prämisse, dass „der Mensch sich irgendwann zwischen handlungsentlastender Erkenntnis und tätiger Praxis entscheiden müsse.“[17] Jene bildeten für ihn jedoch keinen Gegensatz und er lehnte eine Entscheidung für einen dieser Pole ab und postulierte, dass Denken und Handeln eine Einheit bilden müssten: „Der Mensch, als Diener und Interpret der Natur, vermag und versteht so viel, wie er von der Ordnung der Natur durch die Tat oder den Geist beobachtet hat; darüber hinaus weiß und kann er nichts.“[18] Hier wird deutlich, dass der Erkennende gleichzeitig ein Schaffender sein müsse, welcher sich mit den Erscheinungen der Natur auseinanderzusetzen und sich letztlich zum Beherrscher eben jener aufzuschwingen habe. Rein reflexive Erkenntnis behindere, so Bacon, den menschlichen Fortschritt. „Was in der Handlung am nützlichsten ist, ist im Wissen am wahrsten.“[19] Diese enge Kausalität führt zu dem Gedanken, dass nur wahr sein kann, was dem Menschen bei der Beherrschung der Natur dienlich ist. Daraus folgt für die Philosophie, dass deren „Gültigkeit […] mit ihrer Fähigkeit identisch ist, Werke zu schaffen und zum Wohlergehen der Menschheit beizutragen.“[20] Dieser Gedanke durchzieht das gesamte Werk.

Aber Bacon beabsichtigte viel mehr als die Beherrschung der Natur zum Nutzen des Menschen. In seinem Hauptwerk, der Instauratio Magna, unternimmt er den Versuch, ein gesamtes Gesellschaftssystem zu entwerfen. Um es vorwegzunehmen: es ist ihm nicht gelungen. Dennoch lohnt es sich, ihm Beachtung zu schenken. „Es ist der Entwurf einer Verknüpfung von Erkenntnisfortschritt und menschlicher Wohlfahrt, die vom Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies bis zur Befreiung der Menschheit durch Unterwerfung der Natur reicht.“[21] Mit diesem Werk legte er einen Grundstein zu einem allumfassenden Forschungsplan, dessen Ausarbeitung und Umsetzung er als eine gesellschaftliche Aufgabe ansah. Bacon war stets bewusst, daher auch die scheinbare Unfertigkeit seiner Entwürfe, dass ein Mensch allein diese grundlegende Erneuerung der Wissenschaft nicht zu leisten vermag. In diesem Bewusstsein delegierte er die anstehenden Aufgaben an seine sowie künftige Generationen. Damit wurde er zu einem der ersten Philosophen, der einen tatsächlichen Zukunftsentwurf vorstellte, welcher nur wenige Anknüpfungspunkte an vergangene Zeiten aufwies. Die Ausblendung der Vergangenheit wurde regelrecht zu einem strukturbildenden Element seiner Philosophie, ja, sie benötigte geradezu den Gedanken der tabula rasa des menschlichen Geistes, um jene allumfassende Erneuerung unbelastet in Angriff nehmen zu können. „Bacon lehrt uns, daß menschliche Existenz ein radikales Enthüllen und Verändern ist.“[22]

Unter dieser Prämisse ist der Begriff instauratio, welchen Bacon aus der Antike sowie der Religion entlehnte[23], auch nicht im Sinne jener geistigen Umfelder als eine „Instandsetzung“ oder „Renovierung“ zu verstehen, sondern vielmehr als eine grundsätzliche Neuerrichtung der menschlichen Erkenntnisfähigkeit auf einer empirischen Grundlage[24], deren Umsetzung sich die gesamte Menschheit verpflichtet fühlen müsste. Bacon bietet denn auch in der Utopie von Neu Atlantis einen Entwurf der zu schaffenden Gesellschaft, in der wissenschaftlich-technischer Fortschritt, von umsichtigen Politikern geplant und unterstützt, zum Wohle der Menschheit generiert und genutzt wird. Novum Organum und Neu Atlantis bilden demnach eine geplante Einheit, auch wenn sie jeweils fragmentarisch geblieben sind[25]:

Worin besteht das Baconsche Programm? Es besteht kurz gesagt darin, die Wissenschaft zu einem Unternehmen der Erfindung zu organisieren und sie so gesellschaftlich zu institutionalisieren, daß ihre Erfindungen zum Nutzen der Menschheit umgesetzt werden. Dem ersten Ziel dient sein Novum Organon, das zweite wird in der Utopie „Neu Atlantis“ beschrieben.[26]

Die weitestgehend auf einer hohen Stufe der Abstraktion gefangene, programmatisch ausgerichtete Gedankenwelt der Instauratio Magna ergänzt Bacon durch die genannte Utopie des Staates Neu Atlantis, in welcher er exemplarisch und konkret seine Vorstellungen von wissenschaftlicher Praxis darlegt, indem er eine Forschungsanstalt in das Zentrum der Betrachtung rückt. Ihm ist der utopische Charakter dieser Schrift zwar bewusst, dennoch glaubt er, dass diese Utopie Realität werden könnte. So kann denn auch der Titel des Werkes ebenso programmatisch wie zukunftsweisend verstanden werden. Er zielt sehr bewusst auf die Darstellung des durch Platon beschriebenen Staates, ebenso wie das Novum Organum auf das Aristotelische „Organon“ referiert.[27] Im Gegensatz zu Platon, der das Ideal, welches schließlich im Meer versank, in der Vergangenheit suchte und den Zerfall beklagte, weist Bacons Utopie eines idealen Staates, Neu Atlantis, in die Zukunft. Er ist getragen von ungeheurem Optimismus und Vertrauen in die menschliche Erkenntnisfähigkeit, welche mit wachsendem Fortschritt sich stets mehren werde. „Da ich ja den Geist nicht bloß in seiner eigenen Fähigkeit, sondern gerade in seiner Verknüpfung mit den Dingen berücksichtige, muß ich einräumen, daß die Kunst des Erfindens mit den Erfindungen erstarken kann.“[28] Bereits hier, wenn von der „ars inveniendi“ die Rede ist, wird deutlich, dass Teile der Baconschen Philosophie nicht in erster Linie auf Erkenntnisvermittlung ausgerichtet, sondern vielmehr dem methodischen Vorgehen bei der Erkenntnisgewinnung mit dem Ziel der Naturbeherrschung verpflichtet sind.[29]

Auch wenn Bacon zu Lebzeiten an der Größe der Aufgabe, eine umfassende Reorganisation aller menschlichen Wissensbestände zu versuchen und diese auf methodisch fundierte, empirisch gewonnene Erkenntnisse zu stützen scheitern musste, so strahlt seine Gedankenwelt bis in die heutige Zeit und erreichte somit auch Hofmannsthal.[30] Bacon selbst war der Gedanke der Übermacht der Aufgabe bewusst und so begriff er sich selbst als Initiator eines Entwurfes für eine in seinen Augen bessere Zukunft. Die Ausgestaltung dieser Zukunft auf Grundlage seines Programms musste und wollte er anderen überlassen. Ihm war bewusst, was er verlangte. Wolfgang Krohn spricht davon, dass er von der Menschheit forderte, „einen ungedeckten Wechsel auf die Zukunft zu unterschreiben.“[31] Der mögliche Erfolg seines Programms, ja überhaupt die gesicherte Erkenntnis, dass dessen Erfolg die Geschicke der Menschen tatsächlich zum Positiven bewegen könne, lag in ferner Zukunft und es bedurfte großer Anstrengungen, die Menschen zur Umsetzung des Programms zu bewegen. Zu Lebzeiten, es wurde bereits angesprochen, ist er an dieser Aufgabe gescheitert, versuchte aber, eine Antwort auf die eben angesprochene Frage über die Wünschbarkeit der Ergebnisse des eigenen Forschungs- und Erneuerungsprogramms zu geben.

Bacon versucht eine Rechtfertigung, die wiederum ganz vom Charakter seiner Methode geprägt ist: sich auf die experimentelle Methode der Naturbeherrschung einzulassen, ist selbst eine Art Experiment. Und man muss die Menschen einladen, sich darauf einzulassen, ohne ihnen den Erfolg vorweg beweisen zu können.[32]

Dennoch ist er hier in dem Dilemma gefangen, spekulieren zu müssen und nicht eruieren zu können. Was er den Menschen anbieten kann, ist eine Hoffnung, dass technischer Fortschritt ihre Lebensbedingungen grundlegend verbessern könne. Der Optimismus, dass die Menschheit die an sie gestellte Herausforderung annehmen werde, findet seinen Ausdruck im 114. Aphorismus des ersten Buches des Novum Organum. Bacon verweist hier auf die ungeheuren Möglichkeiten, die Gefahren können ihm noch nicht bewusst sein, welche sich mit der Umsetzung seines Programms verbinden. Bei einem Scheitern hingegen trüge die Menschheit einen unermesslichen Verlust, jedoch keinen Schaden davon. Insofern müsse man sich zu dem „Versuch entschließen, wenn wir nicht ganz verzagten Sinnes dastehen wollen. Es ist nämlich beim Unterlassen und beim augenblicklichen Nichtglücken der Sache nicht gleichviel zu befürchten, denn beim Unterlassen steht ein unermeßliches Gut, beim Mißlingen ein geringer Aufwand menschlicher Arbeit auf dem Spiel.“[33] Bacon zieht hier die Möglichkeit des augenblicklichen Scheiterns in Betracht, ist aber von der Hoffnung getragen, dass künftige Generationen sich seines Programms annehmen und es verwirklichen werden.

Und tatsächlich zeigte sich seine Philosophie wirkungsmächtig in der Beeinflussung der folgenden Generationen. „Descartes, Mersenne, Boyle, Hooke, Gassendi, Newton, Leibnitz, Bayle, Comenius, Hartlib […] Locke, Voltaire, d`Alembert, Kant, um nur einige zu nennen; - kein Philosoph hatte je eine buntere Anhängerschaft.“[34] Dies bedeutet aber auch, dass Bacons Philosophie die Möglichkeit der beliebigen Nutzung bot, hatte er doch keine Entdeckung gemacht, kein Gesetz und keine Theorie fundamentiert. Und es bleibt zu bezweifeln, ob dies sein Ziel war. Vielmehr ist sein Werk geradezu darauf angelegt, benutzt und geistig erweitert zu werden. „Bacons Philosophie wirkte, weil sie zum Symbol des modernen Geistes wurde. In dieser epochalen Funktion löste Bacon Platon ab.“[35] Diese Einschätzungen sollen nicht verheimlichen, dass sich die Baconsche Philosophie Zeit ihres Bestehens heftigen Angriffen ausgesetzt sah. Häufig wurde der scheinbare Mangel an tatsächlich Zählbarem angeführt und seine Leistungen für die Wissenschaft somit gering geschätzt. Auch bescheinigt ihm die jüngere Forschung eine stärkere Verhaftung in der Gedanklichkeit der Renaissance, „in deren später Phase Aristotelismus, Platonismus, hermetische, okkulte und alchemistische Tradition sich zu Überzeugungen mischten, deren Abstand zur Neuzeit unüberbrückbar erscheint.“[36] Eine Diskussion dieser Ansichten soll und kann an dieser Stelle nicht stattfinden. Unbestritten bleibt, gleich wie man sich zur Baconschen Philosophie positionieren möchte, dass von ihr eine Faszination ausgeht, welche bis in unsere Tage strahlt.

Insofern kann und darf es nicht verwundern, dass sich auch ein großer Geist seiner Zeit, wie es Hugo von Hofmannsthal war, dem englischen Philosophen zuwandte und sich mit dessen Gedanken auseinandersetzte, hatte dieser doch „hinsichtlich der geschichtlichen Entwicklung Europas einen geradezu prophetischen Blick getan.“[37] Die industrielle Revolution setzte das baconsche Programm in beeindruckender, wenn uns heute auch häufig in erschreckender Weise, um. Die Gefahr, welche sich mit scheinbar grenzenloser Erkenntnisfähigkeit verbindet, die uns heute zuweilen ob der Ausgeburten menschlichen Geistes in Erstarrung schaudern lässt, konnte Bacon nicht vorhersehen. Seinen ungeheuren Optimismus in Hinblick auf eine positive Entwicklung der Menschheit in Folge des technisch-wissenschaftlichen Fortschritts konnten folgende Generationen im Angesicht der Verheerungen, welche eben jener auch bedeuten kann, nicht mehr unbedacht teilen. Gar mögen die Erfahrungen der Moderne den baconschen Optimismus zuweilen in einen tief greifenden Pessimismus umschlagen lassen.

Der Brief des Lord Chandos greift genau dieses Spannungsfeld auf und soll im Folgenden auf Hofmannsthalsche Antworten befragt werden.

2. Die Pläne der Optimisten

Hofmannsthal lässt Chandos sogleich am Beginn seines Briefes von umgesetzten und noch zu verwirklichenden Plänen sprechen. Der Lord erinnert sich an eine Vielzahl von Plänen, die noch aus „den gemeinsamen Tagen schöner Begeisterung“ (462) stammen und die ihn nun „starr und kalt anstarr[t]en.“ (462) Insofern erscheint es sinnvoll, sich nochmals den Vorhaben des Francis Bacon zuzuwenden, um die des Chandos in einem weiteren Schritt begreiflich machen zu können, denn:

Die augenscheinliche Nähe zwischen Bacons Werk und den Plänen des Lord Chandos […] lassen kaum einen anderen Schluss zu, als in der literarischen Figur des Lord Chandos einen imaginären Schüler des englischen Philosophen zu sehen, der sich ganz dem Denken seines Lehrers und Intimus verpflichtet fühlt, und daß seine „Werke“ und „Pläne“ das Ideal dieser Philosophie und Methodenlehre repräsentieren.[38]

Das Betrachten der Baconschen Pläne soll an dieser Stelle somit Eingang finden. Die Besprechung des methodischen Vorgehens, welches von Bacon geradezu den Vorrang vor der Philosophie an sich zugesprochen bekam, wird in einem weiteren Abschnitt behandelt.

Es ist interessant, dass auch die Instauration Magna, Bacons Hauptwerk, im Grunde genommen nur einen Plan darstellt. Mit diesem Werk, welches selbst ein Fragment geblieben ist, verband Bacon die Hoffnung, eine umfassende Erneuerung der menschlichen Erkenntnisfähigkeit zu initiieren. Lediglich das Werkzeug, das Novum Organum, welches zur angestrebten Erneuerung benötigt wird, formuliert er im zweiten, gleichnamigen, Kapitel des Gesamtwerkes umfassend aus. Dessen Ziel ist es:

Dem zweiten Teil ist […] die Lehre über den Gebrauch der Vernunft bei der Untersuchung der Dinge und über die wahren Hilfsmittel des Verstandes vorbehalten. So soll […] der Verstand gehoben und mit der Fähigkeit ausgestattet werden, das Schwierige und Dunkle an der Natur zu durchdringen. Die Kunst, die ich einführe, gehört zur Logik, und ich pflege sie „Interpretation der Natur“ zu nennen, obgleich der Unterschied zwischen ihr und der gewöhnlichen Logik groß, ja ungeheuer ist.[39]

In diesem Sinne führt Bacon eine Reihe weiterer Pläne aus, welche sich im Brief, dort als solche des Lords deklariert und somit seiner Erinnerungsstruktur zugeordnet, zum Teil direkt wieder finden lassen.[40] Darüber hinaus stellt Hofmannsthal Chandossche Absichten dar, welche sich zumindest indirekt aus der Gedankenwelt Bacons adaptieren lassen. So führt Chandos, um auf den Brief zurückzukommen, aus:

Ich wollte die Fabeln und mythischen Erzählungen, welche die Alten uns hinterlassen haben und an denen die Maler und Bildhauer ein endloses und gedankenloses Gefallen finden, aufschließen als die Hieroglyphen einer geheimen, unerschöpflichen Weisheit, deren Anhauch ich manchmal, wie hinter einem Schleier, zu spüren meinte. (463)

Der Lord geht davon aus, dass den Mythen eine grundsätzliche Wahrheit zu Eigen ist, welche jedoch „hinter einem Schleier“ verborgen liegt, den zu lüften es gelte. Er ist getragen von dem Optimismus einen Schlüssel finden zu können, welcher das Tor zu den in den Mythen verborgenen Wahrheiten zu öffnen vermag. „Bacon äußert [dazu] die gleiche Absicht wie Chandos; er will das verborgene und geheime Wissen der Alten […] aufdecken, oder wie Chandos sagt „aufschließen“.“[41] Dieses Vorhaben entwickelt der Philosoph vornehmlich in der Schrift De Sapientia Veterum.[42] Hier beschreibt Bacon die antiken Fabeln und Mythen in ihrem Ausdruck und ihrem Reflexionsgrad als in hohem Maße unvollkommen. Die Menschen seien nicht ausreichend in der Lage gewesen, die sie umgebende Welt eindeutig zu beschreiben und begrifflich exakt zu fassen. Insofern könne es nicht verwundern, wenn sich über alle Beschreibungen der Schleier des Unklaren ausgebreitet habe, welcher nun von den Dingen gezogen werden müsse, um sie in ganzer Klarheit auferstehen zu lassen. Chandos gibt diese Gedanken in seinem oben zitierten Satz wieder und macht sie zu den seinigen.[43] Er möchte „aus ihnen [den Fabeln und mythischen Erzählungen] heraus mit Zungen reden“ (463) und sie somit in einem Baconschen Verständnis in eine eindeutige Bestimmtheit überführen. Chandos sieht in jenen, analog zu Bacon, verschlüsselte Lehrsätze allgemeiner Gültigkeit, welche es aufzuschließen gilt. In diesem Zusammenhang macht er sich offenbar zu einem Adepten der Auffassung des Philosophen über den Wert und Gehalt von Dichtung, wenn dieser darüber schreibt: „Poesis est genus doctrinae.“[44] Hier wird Dichtung die Funktion der Belehrung und Unterweisung zugeschrieben. Sie habe im Sinne eines Schlüssels zu den Geheimnissen der Welt zu fungieren und diese aufzuschließen. Sie ist und darf in keiner Weise, wie Chandos es später erlebt, ein Medium der Bewahrung der Geheimnisse sein. Hier, an den von Chandos erinnerten Stellen, verstand er seine Aufgabe als Dichter und die der Kunst, ganz wie sein Lehrer, noch völlig im Sinne des Dienstes an der Wissenschaft.

Diese Übereinstimmung im Geiste zeigt sich denn auch umfassend in der Ähnlichkeit der ausgeführten und geplanten Werke. Hofmannsthal nutzt im Brief ganz dezidiert das Gedankenmaterial Bacons, um den Einheitsgedanken der Welt, welchem Chandos erlegen war, zu fundamentieren. Die Pläne des Chandos zeigen sich uns als die Pläne Bacons mit allen damit verbundenen und eben angesprochenen philosophischen Annahmen.

Wie der gehetzte Hirsch ins Wasser, sehnte ich mich hinein in diese nackten, glänzenden Leiber, in diese Sirenen und Dryaden, diesen Narcissus und Proteus, Perseus und Aktäon: verschwinden wollte ich in ihnen und aus ihnen heraus mit Zungen reden. (463)

Diese Worte erweisen sich so als Anspielungen auf das Werk Bacons und bilden somit Chiffren zum Verständnis von Ein Brief[45], indem sie Chandos in eine geistige Balance und Übereinstimmung mit seinem großen Lehrmeister aus „den gemeinsamen Tagen schöner Begeisterung“ (462) treten lassen. In diesem Zusammenhang sei bereits hier darauf verwiesen, dass der Dichter Hofmannsthal jene geschaffene Übereinstimmung natürlich nutzt, um ihr ein Gegenkonzept entgegensetzen zu können, welches sich in seinen Schlussfolgerungen fundamental von den Baconschen Prämissen unterscheidet. Hofmannsthal zielt nicht auf eine Entschlüsselung der Mythen und somit auch auf eine Entschleierung der Geheimnisse der Welt, sondern er verweist vielmehr darauf, dass sich „mit Phillip Chandos die Erfahrung des Mythos in seiner Mehrdeutigkeit und Individualität restituiert.“[46] Darauf wird noch intensiv einzugehen sein.

Zunächst jedoch soll weiteren direkten Anspielungen in Bezug auf das Werk Bacons nachgegangen werden, um diese, welche die Grundlage für die Pläne des Chandos bilden, für das Verständnis des Briefes fruchtbar zu machen. Chandos erinnert sich des Vorhabens, „die ersten Regierungsjahre unseres verstorbenen glorreichen Souveräns, des achten Heinrich, dar[zu]stellen.“ (462) Hier findet sich eine fast wörtliche Übernahme eines Baconschen Werkes, dem dieser den Titel The Beginning of the history of the reign of King Henry the eighth[47] gab. Ebenso genau greift Hofmannsthal auf Bacon im Zusammenhang mit der von Chandos gewünschten, noch anzulegenden Sammlung von Apophthegmata zurück. So findet sich eine geradezu verblüffende Übereinstimmung im Wortlaut, wenn im Brief geschrieben steht: „Ich gedachte eine Sammlung „Apophthegmata“ anzulegen, wie deren eine Julius Cäsar verfaßt hat: sie erinnern die Erwähnung in einem Brief des Cicero.“ (463) und dem Baconschen Wortlaut in Fürstenhages Übersetzung von De Sapientia Veterum: „Julius Cäsar schrieb eine Sammlung Apophthegmata wie aus einem Brief des Cicero hervorgeht.“[48]

Chandos wird von Hofmannsthal somit zu einem Adepten der Baconschen Philosophie gemacht, welcher zunächst widerspruchslos deren Prämissen akzeptierte und übernahm. Chandos „erschien damals in einer Art von andauernder Trunkenheit das ganze Dasein als eine große Einheit“ (463), in der es keinerlei Widersprüche zu geben schien, denn „das eine war wie das andere; […]“ (464). Chandos glaubte, wie sein großer Lehrmeister, alles erkennen und beschreiben zu können, da ihm „jede Kreatur ein Schlüssel der anderen war.“ (464)

Aus dieser Sachlage kann nun […] gefolgert werden, daß das bewußte Recurrieren des Chandosbriefes auf Bacons Schrifttum den geistesgeschichtlichen Fixpunkt markiert, von dem aus der Chandosbrief in den Blick zu rücken ist. […] Es kann vielmehr kein Zweifel darüber bestehen, daß die Figur des Lord Chandos mit seinen Plänen und Werken im ersten Teil des Briefes […] die wissenschaftstheoretischen Überlegungen Bacons vorstellt.[49]

Die Pläne des Chandos, welche also auf solche Bacons zurückgehen, wurden bereits dargestellt[50], sodass hier Gleiches noch für die beendeten Werke des Lords zu leisten ist, was den bisher getroffenen Befund weiter stützen wird. Die bereits vollendeten Werke charakterisieren den Lord als einen Menschen, der voller Optimismus in die unbegrenzte Erkenntnis- und Urteilsfähigkeit des Menschen die Entschlüsselung der ihn umgebenden Welt zu versuchen bereit war. In Folge des an ihn gesandten Briefes erinnert sich Chandos seiner bereits abgeschlossenen Arbeiten, zu welchen er nun, im Zustand der Krise, keinen Zugang mehr findet. Bereits im Alter von neunzehn Jahren schrieb er den „Neuen Paris“ und andere Werke, welche er selbst als „unter dem Prunk ihrer Worte hintaumelnde[n] Schäferspiele“ (S.3/27) bezeichnet und sie somit in eine antike Tradition bukolischer Dichtung stellt, zu welcher sich die Renaissance in einem besonderen Maße hingezogen fühlte.[51] Dieser Paris des Homers, welcher einzig in der Lage war, den Schönheitsstreit der Göttinnen zu entscheiden, wird hier zu einem Symbol für den urteilenden Menschen, welcher in der Lage ist, die Welt und ihre Erscheinungen kognitiv zu erfassen und zu bearbeiten. Darüber hinaus ist der Hirte seit alter Zeit selbst ein bedeutsames Symbol für den denkenden Menschen:

Dichten unter Bäumen […]: Dies wird […] im Hellenismus selbst zum poetischen Motiv erhoben. Dazu braucht man einen soziologischen Rahmen: einen Berufsstand, der im freien lebt oder doch auf dem Lande […]. Er muß Zeit und Anlaß zum Dichten haben, […]. Über all das verfügt der Hirte.[52]

Dem Hirten wird hier mit der Möglichkeit zum Dichten, explizit die Möglichkeit zum Denken zugesprochen. Er wird somit zu einem „Sinnbild des dichtenden (d.i. philosophierenden) Menschen […], der nach dem Ursprung des Daseins fragt.“[53] In diese Traditionen des denkenden und selbstbewusst entscheidenden Menschen kann Chandos seinen „Neuen Paris“ setzen und knüpft somit wiederum an das Baconsche Ideal des auf Erkenntnisse zielenden Menschen an. Das erwähnte Einheitsgefühl der Welt ist in dieser Phase seines Schaffens geradezu allgegenwärtig und nicht der leiseste Hauch eines Zweifels bezüglich der unbegrenzten Erkenntnisfähigkeit des Menschen hat sich seiner bemächtigt. Aber noch etwas wird immer deutlicher und muss hier zunächst nur kurz festgehalten, um später nochmals aufgegriffen werden zu können. Insbesondere diese bereits beendeten Werke zeigen uns Chandos zunächst als einen Menschen der Renaissance. Seine Werke stehen in der Tradition eines auf die Antike zurückreichenden Dichtungs- und Bildungsideales, sei es im Rückgriff auf die bukolischen Dichtungen im „Neuen Paris“, sei es in der Behandlung der artes liberales in seinem im Folgenden zu erläuternden Werk über die lateinische Sprache und Rhetorik. Seine geplanten, nicht ausgeführten Werke, insbesondere das noch zu besprechende „Nosce te ipsum“ jedoch atmen bereits den Geist des Humanismus und der Aufklärung, sodass Chandos, gleich seinem Lehrmeister Bacon, an dieser Zeitenschwelle steht. Und es ist durchaus bezeichnend, dass er letztlich an diesen aufklärerischen Werken scheitert, sie nicht umzusetzen vermag.

So fügt sich jedoch zunächst auch nahtlos, auf den „Traum der Daphne“ werden wir noch kurz gesondert einzugehen haben, da sich hier bereits eine Besonderheit offenbart, jenes „kleine[n] Traktat[es]“ (462), gefüllt mit „lateinischen Wörtern“ (462), an, welches er sich erinnert, im Alter von dreiundzwanzig Jahren geschrieben zu haben. Offenbar handelt es sich hier um den literarischen Versuch einer Restitution der als verkommen angesehenen lateinischen Sprache und der Hinwendung zur Rhetorik.[54] Das Latein in seiner als vollkommen angesehenen antiken Form, und in diesem Stile wird das Werk abgefasst gewesen sein, wird hier in seinem Aufbau und Formung mit der meisterhaften Architektur Venedigs verglichen.

Das bereits angesprochene Werk mit dem Titel „Traum der Daphne“ nimmt zunächst auch wieder, wie der „Neue Paris“, Bezug auf eine antikisierende Mythenrezeption der Renaissance. Allerdings fallen hier zweierlei Dinge ins Auge. Es wurde schon kurz angesprochen, dass sich für diesen Mythos, im Gegensatz zu den anderen aufgezählten, keine Bezugnahme Bacons in den Allegoresen von De Sapientia Veterum finden lässt. Wir hatten gesehen, dass der Philosoph bemüht war, die hinter den Fabeln liegenden Weisheiten der Alten aufzuspüren und sie im Sinne einer Eindeutigkeit zu entschlüsseln. Hier, im Falle der Dryade genannten Baumnymphe, kann dies nicht gelingen.

Nach dem Beispiel Bacons, der im Titel seiner Allegoresen auf die Nennung der jeweiligen Fabel stets den Begriff folgen lässt, den er in ihr verkörpert sieht, muß dieser lauten: „Dryades, sive Metamorphoses“. Was sich verwandelt, entzieht sich der Reduktion auf den einen, unwandelbaren Gehalt.[55]

Bedeutsam erscheint, dass der Lord, obwohl scheinbar bis in das kleinste Detail ein Adept der Baconschen Weltsicht, diesen Mythos, obwohl sein Lehrmeister ihn mied, dennoch in einem seiner Werke bearbeitet hat. Dieses Faktum kann bereits als ein früher Hinweis auf die spätere Konstitution des Chandosschen Geistes gelesen werden. Das Träumen entzieht sich der eindeutigen Fixierung durch einen klaren und scheinbar selbstbestimmt operierenden Geist und verweist somit schon an dieser Stelle auf die Wandlung des Lords, die jener später als die Möglichkeit des „Hinüberfließen[s] in […] Geschöpfe“ (468) beschreiben wird. „Im „Traum der Daphne“ deutet sich an, daß „Traum“ für Chandos „Verwandlung meint.“[56] Die Tendenz des Lords, sich der Sachlichkeit und Eindeutigkeit der Erkenntnis zu verweigern, welcher er sich offenbar zahlreiche Jahre, verbracht im Banne der Baconschen Philosophie, scheinbar mühelos erwehren konnte, schimmert bereits hier durch die Fassade der geglaubten Einheit der Welt hindurch. Daphne steht bereits hier als eine Chiffre für die spätere Phase des Lebens von Lord Chandos, welche unter anderem durch Träume und Verwandlungen, durch die Sprengung von Grenzen sowie die Erweiterung des Subjektbegriffes gekennzeichnet ist.

An dieser Stelle bedarf es zunächst jedoch noch, um auf die Pläne des Lords zurückzukommen und den Bogen zu schließen, der Betrachtung des Chandosschen Hauptwerkes: „Nosce te ipsum“. Es ist davon auszugehen, dass es Chandos darum zu tun war, analog zu der Instauratio Magna seines Lehrers, ein großes, das Wissen der Welt umschließendes, Werk zu schaffen. Und tatsächlich, es kann jedoch nicht mehr verwundern, finden sich wiederum, betrachtet man die Vielzahl der Chandosschen Pläne und Werke, bemerkenswerte Übereinstimmung mit Francis Bacon, hier insbesondere in Bezug auf dessen Zielstellung und Methodik.[57] Die Zielstellung ist universalistisch, da davon ausgegangen wird, dass sich die Welt in ihren Erscheinungen erkennen lässt und sie somit dem Menschen dienlich gemacht werden könne, was einem tendenziell modernen, aufgeklärten Gedankengut entspricht.[58] Diesen Anspruch versucht Chandos in seiner Enzyklopädie zu verwirklichen und kann sich dabei auf den dritten Aphorismus des Novum Organum seines Lehrers berufen, wenn dieser dort schreibt: „Wissen und menschliches Können ergänzen sich insofern, als ja Unkenntnis der Ursache die Wirkung verfehlen läßt. Die Natur nämlich läßt sich nur durch Gehorsam bändigen; […]“[59] Es bedarf also einer umfassenden (enzyklopädischen) Erfassung und Beherrschung der Natur, um diese dem Menschen nutzbar zu machen. Genau dieses Ziel verfolgt Chandos mit seinem Werk „Nosce te ipsum“. „Die lückenlose Aufklärung über die Wahrheit der Welt erweist sich als Aufgabe einer extensiven Sammeltätigkeit, die Chandos mit dem Projekt der Enzyklopädie im Sinne seines Lehrers betrieb.“[60] Dazu griff er in seinen Plänen, wie schon gezeigt, renaissancetypisch auf die artes liberales zurück und versuchte diese jeweils zu bedienen.[61] Allerdings verändert sich, auch wenn die Mittel der Umsetzung aus der Vergangenheit rühren, die Blickrichtung des Planes und zielt in die Zukunft, da es nicht mehr um ein Sammeln und Festhalten von Wissen, sondern um die im Baconschen Sinne Nutzbarmachung von Wissen für die Menschheit[62] in jenem Werk des Chandos geht. Der Text sagt dies nicht explizit, es lässt sich jedoch aus der Gesamtkonzeption des ersten Teils des Briefes schließen. Bacon fungiert hier als alles beherrschender Lehrmeister, an dessen Lippen Chandos, von einer gewichtigen und bereits beschriebenen Ausnahme abgesehen, hängt. Bacon bestimmt im Geiste die Pläne und Werke des Lords, sowohl in deren Inhalten als auch, wie noch zu zeigen sein wird, im methodischen Vorgehen. Dabei wandelt Chandos, wie sein Vorbild selbst, auf der Schwelle zwischen Renaissance, dies in den Mitteln der Darstellung, und der Neuzeit, jenes in der konzeptionellen Ausrichtung des Vorhabens, wenn er dem einen großen Werk, welches er zu schaffen wünscht, den Titel „Nosce te ipsum“ – „Erkenne dich selbst“ – gibt. Die darin liegende Programmatik, von der der selbstbewusste Titel kündet, versprüht dabei bereits den Esprit eines ungeheuren Optimismus in die Erkenntnisfähigkeit des Menschen und einer neuen Geistesepoche. In Besinnung des Baconschen Anspruches, die Natur zu erforschen und zu beherrschen, die Dinge fass- und verstehbar zu machen, die Erscheinungen der Welt empirisch zu sammeln und rational zu erklären, versucht Chandos die Geheimnisse der Welt zu entzaubern, sie nackt zu entkleiden. Er spricht von der Erkenntnis des Selbst und denkt die Erkenntnisfähigkeit in Hinblick auf die Welt mit. Aus dieser in vielerlei Hinsicht geradezu sklavischen Orientierung an Bacon folgt auch, dass die bereits vorgestellten Pläne, und es zeigte sich, dass es derer viele gab, jeweils einen Teil dieser einen, großen von Chandos geplanten Enzyklopädie, die ihr direktes Vorbild in der Instauratio Magna des Lehrmeisters fand, bilden sollten. Chandos schreibt: „ Das ganze Werk aber sollte den Titel „Nosce te ipsum“ tragen.“ (463, Hervorhebung S.M.) und weist ihm mit dem bestimmten Artikel eindeutig eine Singularität in der Erscheinung zu. „Der bestimmte Artikel und das Substantiv in der Einzahl stehen hier genausowenig zufällig, wie das Adjektiv.“[63] Chandos strebt also, betrachtet man seine vollendeten und geplanten Werke als eine Gesamtheit, ein allumfassendes Kompendium des Wissens an.

Es zeigte sich, dass die Pläne des Lords die Pläne des Francis Bacon sind, dass die vollendeten Werke des Chandos, zumindest in großen Teilen, die Werke des Lehrers repetieren. Sie sind den Gedanken des großen Empirikers vollends verpflichtet und erreichen jenen gegenüber keinerlei Emanzipation. Aus Chandos spricht Bacon. In diesem Abschnitt war es darum zu tun, die inhaltlichen Übereinstimmungen zu beschreiben. Welche weiterführenden Schlüsse daraus zu ziehen sind, wird noch dargestellt werden. Zunächst jedoch soll ein Blick auf die Methodik Bacons und somit, so kann vermutet werden, auf jene des Lords geworfen werden.

3. Die Methode der Optimisten

Bacon schreibt in der Vorrede zur Instauratio Magna, welche in ihrem zweiten Teil, dem Novum Organum, die Darstellung der bei der Erkenntniserweiterung notwendigen methodischen Anweisungen, also das Werkzeug enthält, über die bisherigen Leistungen der Philosophie und die Notwendigkeit einer Neuorientierung:

Deshalb bleibt das ganze [bisherige] Verfahren, das wir zur Erforschung der Natur einsetzen, nicht gut eingerichtet. Es gleicht einem äußerlich prächtigen Bau ohne sicheres Fundament. […] Abhilfe konnte nur so kommen, daß man an die Dinge mit neuen Methoden in der lauteren Absicht heranging, zu einer vollständigen Erneuerung der Wissenschaften und Künste, überhaupt der ganzen menschlichen Gelehrsamkeit, auf gesicherten Grundlagen zu kommen.[64]

Bacon bezweifelt die Fähigkeit der bisherigen Wege der Erkenntnisgewinnung, welche nur durch einzelne Beobachtungen und Feststellungen, ohne diese auf einer empirisch gesicherten Grundlage fundamentiert zu haben, allgemeingültige Aussagen machen zu können. Die somit gewonnenen Wissensbestände befänden sich in einer großen Unordnung und müssten grundlegend systematisiert werden, um kenntlich und somit nutzbringend gemacht werden zu können. Dabei ist Bacon weniger an der philosophischen Fragestellung interessiert, was Erkenntnis eigentlich sei, sondern vielmehr von dem Gedanken geleitet, wie die Wege der Erkenntnis methodisch verbessert werden können. Er trennt demnach grundsätzlich die Sphären der Erkenntnis als Ergebnis eines kognitiven Prozesses und der Erkenntnis in Folge des Handelns[65], welcher er mit seiner Methode eine fundamentale Rolle beim Erlangen für den Menschen nützlicher Erkenntnisse beimisst. Die Methode, mit welcher er vorzugehen gedachte, war negativ bestimmt. Durch Induktion, also dem Gang vom besonderen zum allgemeinen Gegenstand und logische Ausschlüsse, sollte die Wissenschaft zur Erkenntnis des Ganzen gelangen.[66] Bacon nahm an, dass die Addition der Einzelteile eines Wissensbegriffes eben jenen in seiner Gesamtheit hervorbringt.[67] Dies könne jedoch nur gelingen, wenn sich die Menschen von bisher erworbenen, und von ihm als verfälscht empfundenen Wissensbeständen trennen würden. Seine Philosophie setzt einen geistigen Nullpunkt, eine geistige tabula rasa voraus.[68]

Die mit der Anwendung der induktiven Methode zwangsläufig einhergehende Zersplitterung von Wissen in Unterkategorien war letztlich, auch für Bacon, nicht beherrschbar. Dieses Scheitern des Lehrers kann als ein Grund für das Scheitern der Vorhaben des Schülers, Lord Chandos, gelten.

Der Philosoph hatte das Projekt am Ende seines Lebens in eben derjenigen bruchstückhaften, ungeordneten Gestalt eines Materialhaufens hinterlassen, die er in den philosophischen Bemühungen vergangener Jahrhunderte zu finden meinte und in Richtung auf ein neues Fundament zur Errichtung der Wissenschaften glaubte neu konstituieren zu müssen. […] Hofmannsthal [zielt] auf eben jenes Mißverhältnis im Zusammenhang von Anspruch und Wirklichkeit der „architekturalen“ Neubegründung, die offensichtlich des Alten als Boden doch nicht entbehren kann, will sie nicht in den Abgrund stürzen.[69]

Genau dies tat Bacons Philosophie letztlich. Sie stürzte in einen Abgrund grenzenloser Offenheit und unendlicher Kategorien. Bacon verzettelte sich in der Katalogisierung einzelner Erscheinungen, ohne diese letztlich, wie in seiner induktiven Methode angedacht, zu einem großen Ganzen zusammenfügen zu können. Jenem Problem sieht sich auch Chandos ausgesetzt und scheitert letztlich auch daran.[70] Ebenso wie sein Lehrer Bacon versuchte der Lord im Glauben an die Möglichkeit einer Totalitätsabbildung „die ganze Breite des Lebens“ (464) geistig zu durchstreifen und zu erforschen. Der Plan zum Werk „Nosce te ipsum“ ist ein beredeter Ausdruck dieses Baconschen Optimismus, es „wäre in wenigen Jahren die Entdeckung der Ursachen aller Wissenschaften fest in unserem Besitz.“[71] Und aus den Beschreibungen des Lords zu diesem „enzyklopädischen Buche“ (464) geht nicht nur dessen Zielstellung hervor, diese wurde schon behandelt, sondern auch der Weg zur Erkenntnis, welchen er einzuschlagen gedachte. Es ist die induktive Methode seines Lehrers, die deutlich durch die Zeilen schimmert, wenn Chandos schreibt:

Um mich kurz zu fassen: Mir schien damals in einer Art von andauernder Trunkenheit das ganze Dasein als eine große Einheit: […] in allem fühlte ich Natur […] Das eine war wie das andere; […] und so gings fort durch die ganze Breite des Lebens, […] überall war ich mittendrin, wurde nie ein Scheinhaftes gewahr: Oder es ahnte mir, alles wäre Gleichnis und jede Kreatur ein Schlüssel der andern, und ich fühlte mich wohl den, der imstande wäre, eine nach der anderen bei der Krone zu packen und mit ihr so viele der anderen aufzusperren, als sie aufsperren könnte. (463)

Wenn der Lord davon spricht, dass ihm das „ganze Dasein als eine große Einheit“ erschien und jede Kreatur ein Schlüssel zu einer anderen gewesen sei und er jener, der mit diesem Schlüssel die anderen aufzuschließen vermochte, also mit der Gewinnung einer Erkenntnis in einer unendlichen Reihung eine jeweils weitere zu erzielen in der Lage ist, so wendet er hier in einer reinen Form das Baconsche Prinzip der Induktion an. Er schreitet in einem Prozess des Erkennens vom Besondern, hier einer bestimmten Kreatur, zum Allgemeinen, ja Universalen, fort. Chandos schichtet die Erkenntnisse, welche er in der „ganze[n] Breite des Lebens“ (464), also auf allen Wissensgebieten erzielt, additiv zu einem universalistischen, die Welt erklärenden Werk. Im „Besonderen, und zwar in jedem Besonderen, und in jedem gleichmäßig, scheint das Universale durch und gibt sich.“[72] Sein Gefühl überall mittendrin zu sein, ist dabei die notwendige Bedingung für diesen Weg des Erkennens. Aus der Mitte der Erscheinungen, den „Folianten“ und Allegorien“, der „schäumende[n] laue[n] Milch“ und „den Tölpelhaftigkeiten junger Bauern“ heraus, in denen alles Natur ist und sich keine Gegensätze zwischen geistiger und körperlicher Welt fühlen lassen, ist er in der Lage, das wahre, unverstellte Wesen der Erscheinungen zu erfassen. Eine jede ist Schlüssel der anderen und vermag diese aufzuschließen, d.h. sie erkenn- und erfassbar zu machen.

Bacons Philosophie, in Inhalt und Methodik, ist somit das bestimmende Moment des Planes von Lord Chandos, ein enzyklopädisches Werk mit dem Titel „Nosce te ipsum“ verfassen zu wollen. Sowohl seine inhaltliche Ausrichtung, das Wissen der Welt zum Vorteil der Menschheit bündeln zu wollen, Wissen also tatsächlich in systematischer Form über den reinen Diskurs hinaus nutzbar zu machen, als auch das induktive Vorgehen, also empirisches Sammeln einzelner Erkenntnisse in einem Prozess rationaler Beobachtung und Erforschung, unberührt von metaphysischen Spekulationen des Mittelalters, um diese zu einem alles erklärendem Ganzen zusammenzufügen, macht das Werk ebenso modern wie zukunftsweisend. Chandos fühlte sich durch seinen Glauben an die letztlich scheinbar uneingeschränkte Erkenntnisfähigkeit des Menschen befähigt, ein solches Werk, gleich dem seines Lehrmeisters, zu verfassen. Diese Erkenntnisfähigkeit des Menschen, als ein zentrales Thema von Ein Brief, wird im folgenden Abschnitt behandelt.

4. Der Geist als ein Spiegel der Welt

Die Frage nach der Erkenntnisfähigkeit des Menschen zeigt sich uns als eines der zentralen Probleme in Hofmannsthals Brief. Es wurde gezeigt, dass Chandos mit der von ihm geplanten Enzyklopädie das Ziel verfolgt, die Welt in ihren Erscheinungen lückenlos zu erkennen und sie sich somit geistig anzueignen. Dies drückt der Titel „Nosce te ipsum“ programmatisch aus, wenn er unter dem Verständnis seiner Zeit betrachtet wird, in der „Welterkenntnis zugleich Gotteserkenntnis und Selbsterkenntnis [ist].“[73] Insofern haben wir es mit einem umfassenden Erkenntnisbegriff zu tun, wenn Chandos dieses Verständnis in einem Baconschen Sinne auf den Kopf stellt und Selbsterkenntnis in Folge der Nutzung der induktiven Methode zu einer Quelle der Erkenntnis über die Welt macht.

Wenn Bacon schreibt, dass er glaube, „alle Kraft müsse darauf gerichtet sein, auf irgendeine Weise die Verbindung zwischen dem Geist und den Dingen in der richtigen Weise wieder herzustellen, […]“[74], so berührt er ein grundsätzliches Problem von Erkenntnistheorien, welches in der „Beziehung zwischen Denken und Realität im Hinblick auf die Idee der Wahrheit oder Gültigkeit der Erkenntnis“ begründet liegt.[75] Es wurde bereits auf die Differenz im Verständnis Bacons zwischen einer Erkenntnis als Ergebnis eines kognitiven Prozesses und einer eben solchen in Folge von Handeln verwiesen. Dies zeigt sich hier erneut. Bacon betrachtet Erkenntnis nicht als einen Selbstzweck, sondern vielmehr als ein Instrument der Verbesserung des menschlichen Daseins.[76] Dabei spielt die „Verbindung zwischen dem Geist und den Dingen“, also die Schaffung einer Ganzheitlichkeit, die entscheidende Rolle bei der Findung einer allumfassenden und nutzbringenden Erkenntnis von Welt.[77] Chandos hat diese „große Einheit“ des „ganzen Dasein[s]“ (463) gespürt, da ihm ganz im Baconschen Sinne „geistige und körperliche Welt […] keinen Gegensatz zu bilden“ (464) scheinen.

[...]


[1] „Ein Brief“ wird zitiert nach: Hugo von Hofmannsthal: Gesammelte Werke in zehn Einzelbänden (künftig GW), hrsg. von Bernd Schoeller, Frankfurt am Main 1979/1980. Die Seitenzahl wird direkt hinter dem Zitat angegeben. Andere dieser Ausgabe entnommenen Zitate finden ihren Nachweis in Fußnoten. Die dem Sigel folgende römische Zahl bezeichnet die Bandangabe, die arabische bezieht sich auf die Seitenzahl.

[2] Zitiert nach: Hugo von Hofmannsthal: Sämtliche Werke (künftig SW). Kritische Ausgabe. Veranstaltet vom Freien Deutschen Hochstift, hrsg. von Rudolf Hirsch, Clemens Köttelwesch, Christoph Perels u.a., Frankfurt am Main. Die folgende römische Zahl bezeichnet dann die Bandangabe, die arabische bezieht sich auf die Seitenzahl. hier: SW XXIX 258.

[3] GW X 413.

[4] Ebd.

[5] Günter, Timo: Hofmannsthal: Ein Brief, München 2004, S.40.

[6] Ebd., S.12.

[7] Vgl. ebd., S.21.

[8] Mauthner zweifelt radikal und grundsätzlich die Fähigkeit von Sprache an, ein Bildnis der erlebten und gefühlten Welt vermitteln zu können. Kein Mensch sei mit Hilfe der Sprache in der Lage, einen anderen zu verstehen, ja vielmehr sei sie das Haupthindernis des Verstehens. „Durch die Sprache haben es sich die Menschen für immer unmöglich gemacht, einander kennen zu lernen.“ Fritz Mauthner: Beiträge zu einer Kritik der Sprache (künftig KS) (3 Bände), Cotta, Stuttgart, Berlin 1906 (Reprint Hildesheim 1969). Die Nummer des Bandes wird in römischen Ziffern, die Seitenzahl in arabischen angegeben. hier KS I 56.

[9] Zweifelt Mauthner diese Fähigkeit der Eindeutigkeit in Gänze an, so gilt dies für Bacon nur in Bezug auf den von ihm vorgefundenen Sprachbestand. Durch Veränderungen des Denkens der Menschen könne eine Veränderung, so Bacon, der Sprachverwendung stattfinden, welche es ermöglicht, diese Deckungsgleichheit zwischen Welt und sprachlicher Abbildung herzustellen.

[10] SW XXXI 129, Rodauner Anfänge.

[11] GW IX 49, Die Idee Europa.

[12] Vgl. Horkheimer, Max/Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung, in: Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften (Band 3), hrsg. von Rolf Tiedemann, Frankfurt am Main 1972.

[13] Dies ist in der Literatur sehr umstritten. Viele Interpreten tendieren zu einer Gliederung des Briefes in nur zwei Abschnitte, welche einen gesunden und einen kranken Zustand des Chandos unterscheiden. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Busch, Walter/Schmitdt-Bergmann, Hansgeorg: Der Gestus des Verstummens – Hugo von Hofmannsthals Chandosbrief, in: Literatur für Leser, Nr.4/1986, vgl. hier insbesondere S.216. Auch Bomers unterteilt den Brief eindeutig in zwei, wie er sagt, „Segmente“: Bomers, Jost: Der Chandosbrief – Die Nova Poetica Hofmannsthals, Stuttgart 1991, vgl. hier insbesondere S.17ff. Im Gegensatz dazu findet sich auch die Meinung, der Brief sei durch drei Teile gekennzeichnet. So beispielsweise Rutsch, Bettina: Leiblichkeit der Sprache: Sprachlichkeit des Leibes: Wort, Gebärde, Tanz bei Hugo von Hofmannsthal, Frankfurt am Main u.a. 1998, S.61. oder Kobel, Erwin: Hugo von Hofmannsthal, Berlin 1970, S.147ff.

[14] Krohn, Wolfgang: Francis Bacon. Neues Organon, Hamburg 1990, Einleitung Teilband I, S.X.

[15] Hirschberger, Johannes: Geschichte der Philosophie (2 Bände), Band II: Neuzeit und Gegenwart, Frankfurt am Main 1980, S.48.

[16] Ebd., S.49.

[17] Krohn, Wolfgang: Philosophie der Forschung und des Fortschritts. In: Lothar Kreimendahl (Hg.): Philosophen des 17. Jahrhunderts: Eine Einführung, Darmstadt 1999, S.23 – 45, S.37.

[18] Zur Zitierweise: The Works of Francis Bacon (künftig BW) werden zitiert nach der Gesamtausgabe von James Speding, Robert Leslie Ellis, Douglas Denon Heath (Hg.), London 1857 -1874 (Reprint Stuttgart-Bad Cannstadt 1961-63). Die Nummer des Bandes wird in römischen Ziffern vorangestellt, die Seitenzahl wird in arabischen Ziffern angegeben (II 256). Das Novum Organum (künftig N.O.) wird nach der lateinisch-deutschen Ausgabe von Wolfgang Krohn 1990, a.a.O. zitiert. Es wird nach der Zählung der Aphorismen zitiert. Mit römischen Ziffern wird angegeben, ob es sich um den ersten oder zweiten Teil handelt, vorangestellt wird die Stelle der Gesamtausgabe, wo sich das Zitat findet. hier: BW I 157, N.O. I, Aph. 1.

[19] BW I 229, N.O. II, Aph. 4.

[20] Rossi, Paolo: Francesco Bacone. Dalla magia alla scienza, Bari 1957. Hier zitiert nach: Charles Whitney: Francis Bacon. Die Begründung der Moderne, Frankfurt am Main 1989, S.48.

[21] Krohn, Philosophie der Forschung, a.a.O., S.24.

[22] Whitney, a.a.O., S.13.

[23] Überhaupt ist Bacons Philosophie weitestgehend in den Kategorien und der Sprache der Renaissance verfasst. Er war aus Mangel an Begrifflichkeiten gezwungen, das grundsätzliche Neue in der Sprache der Vergangenheit zu verfassen.

[24] Vgl. BW I 122, N.O.I, Franz von Verulams Vorbemerkung. Hier findet sich die Bemerkung, dass man „zu einer vollständigen Erneuerung der Wissenschaft […], überhaupt der menschlichen Gelehrsamkeit, auf einer gesicherten Grundlage “ kommen müsse. Hervorhebung S.M.

[25] Der fragmentarische Charakter der Werke ergibt sich geradezu zwangsläufig aus den Prämissen iher Zielstellung. Bacon lieferte einen Zukunftsentwurf, dessen Umsetzung er als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ansah. Er konnte nur den Anstoß liefern, während künftige Generationen die Umsetzung in die eigenen Hände nehmen müssen. Das uns vorliegende Werk wurde vom Autor lediglich als ein Anfang eines Prozesses der Erneuerung gesehen und musste somit unausweichlich fragmentarisch bleiben.

[26] Böhme, Gernot: Am Ende des baconschen Zeitalters, Frankfurt am Main 1993, S.10.

[27] Vgl. Krohn, Philosophie der Forschung, a.a.O., S.42.

[28] BW I 223, N.O. I, Aph. 130.

[29] Zur Methodik Bacons, zur Idolenlehre und induktivem Verfahren siehe Kapitel I.3.

[30] In einem Brief an seinen Freund Leopold von Andrians schreibt Hofmannsthal: „Ich blätterte im August öfter in den Essays von Bacon, fand die Intimität dieser Epoche reizvoll, träumte mich in die Art und Weise hinein, wie diese Leute des XVI. Jahrhunderts die Antike empfanden, […]“ Hugo von Hofmannsthal: Briefe 1900-1909, Berlin 1937, S.99. Über das tatsächliche Maß der Textkenntnis Hofmannsthals wird in der Forschung gestritten. Günter geht von einer sehr umfassenden Textkenntnis aus. Er weist darauf hin, dass Hofmannsthal eine englischsprachige Sammelausgabe benutzt habe und es durchaus denkbar sei, dass ihm die Works in der Gesamtausgabe von Spedding durch einen Freund, Alfred Freiherr von Berger, bekannt gemacht worden sein könnten. Vgl. Günter, a.a.O., S.22. Auch Rolf Tarot vermutet eine umfassende Textkenntnis. Vgl. Tarot, Rolf: Hugo von Hofmannsthal. Daseinsform und dichterische Struktur. Tübingen 1970, S.368. Tarot vermutet die Benutzung der Fürstenhagenschen Übersetzung von Bacons „De Sapientia Veterum“ sowie der Apophthegmata durch Hofmannsthal. Fürstenhage, Johannes v.: Kleinere Schriften des Lord Francis Bacon, Leipzig 1984.

[31] Krohn, Philosophie der Forschung, a.a.O., S.32.

[32] Ebd.

[33] BW I 210, N.O. I, Aph.114. Hervorhebung S.M.

[34] Krohn, Wolfgang: Francis Bacon, München 1987, S.174.

[35] Ebd., S.175.

[36] N. O., Einleitung Teilband I, S.XI.

[37] Klein, Jürgen: Francis Bacon oder die Modernisierung Englands, Hildesheim u.a. 1987, S.51.

[38] Bomers, a.a.O., S.35.

[39] BW I, 135, N.O., Die Einteilung des Werkes.

[40] Vgl. dazu die grundlegende Arbeit von Schultz, Stefan H.: Hofmannsthal and Bacon: The Source of the Chandos Letter, in: Comparative Literature, Nr.13/1961.

[41] Tarot, a.a.O., S.368.

[42] BW I, 606 – 686. Eine Übersetzung, welche wohl auch Hofmannsthal benutzte, findet sich bei Fürstenhage, a.a.O.

[43] Vgl. Schultz, a.a.O., S.8f.

[44] BW I, 517

[45] Die aufgeführten Mythen werden, ausgenommen der der Dryaden, ausnahmslos von Bacon in den Allegoresen von „De Sapientia Veterum“ behandelt. Bacon stellt der jeweiligen Fabel stets einen Begriff zur Seite, welcher diese versinnbildlicht. Vgl. dazu Günter, a.a.O., S.136.: „31. Sirenes, sive Voluptas; 4. Narcissus, sive Philautia; 13. Proteus, sive Materia; 7. Perseus, sive Bellum; Aktǽon et Pentheus, sive Curiosus.” Vgl. auch Schultz, a.a.O., S.10.

[46] Günter, a.a.O., S.25.

[47] BW VI

[48] Fürstenhage, a.a.O., S.261, Vgl. dazu Bomers, a.a.O., S.34f.

[49] Bomers, a.a.O., S.35.

[50] Auf das „Nosce te ipsum“, als den großen Plan des Chandos, werden wir noch an einer anderen Stelle dieses Abschnittes eingehen.

[51] Vgl. Bomers, a.a.O., S.20.

[52] Curtius, Ernst Robert: Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, Bern und München 1978, S.195.

[53] Bomers, a.a.O., S.21.

[54] Zur Bedeutung der Rhetorik bei Bacon und die sich daraus ergebende Bedeutung für Ein Brief siehe Punkt sechs dieses Kapitels.

[55] Günter, a.a.O., S.136

[56] Ebd.

[57] Auf die Methodik Bacons wird im kommenden Abschnitt explizit eingegangen werden.

[58] Chandos unterscheidet sich insofern durchaus von anderen Bestrebungen seiner Zeit, enzyklopädische Werke zu verfassen, wenn seine Gedanken jene zukunftsweisenden aufklärerischen Züge annehmen, auch wenn er in der Wahl der Mittel, der Darstellung der artes liberales, noch zutiefst in den Gedanken der Renaissance verhaftet ist. „Um das Gesamte der göttlichen Weltordnung zu erkennen, mußte man alle Gebiete umfassen: das ist der religiöse Hintergrund der barocken Vielwisserei, die kein Vielheits- sondern eine Ganzheitsstreben war. Darum haben in diesem Jahrhundert immer wieder Gelehrte versucht, die Ganzheit darzustellen; …“ Trunz, Erich: Weltbild und Dichtung im deutschen Barock, in: Richard Alewyn (Hg.): Aus der Welt des Barock, Stuttgart 1957, S.6.

[59] N.O. I, Aph. 3. In diesem Fall bevorzuge ich jedoch eine frühere von Krohn (1987), a.a.O, S.85f angebotene Übersetzung, welche mir exponierter erscheint: „Menschliches Wissen und menschliche Macht treffen in einem zusammen; denn bei Unkenntnis der Ursache versagt sich die Wirkung. Die Natur kann nur beherrscht werden, wenn man ihr gehorcht; …“

[60] Günter, a.a.O., S.95f.

[61] Vgl. Bomers, a.a.O., S.28, Bomers ordnet den Plänen des Chandos die jeweiligen Wissensgebiete im Verständnis der Renaissance zu: „Die Darstellung der Regierungsjahre Heinrichs XIII. (Geschichte) [bei der Zahl XIII. handelt es sich offensichtlich um einen Druckfehler, da Chandos ausdrücklich von den Regierungsjahren des „achten Heinrich“ (462) spricht], die Bewunderung für Sallusts geniale Verbindung von Stoff und Form (Grammatik, Rhetorik und Poetik zugleich), Musik und Algebra als ohnehin klassische Disziplinen, das Aufschließen der antiken „Fabeln und Erzählungen“ (Poetik), schließlich das Sammeln von Sentenzen (Moral) und Reflektionen (Logik).“

[62] Vgl. Nate, Richard: Wissenschaft und Literatur im England der frühen Neuzeit, München 2001, S.26. Nate schreibt an dieser Stelle: „Deutlich erkennbar stellt Bacon hier dem Prinzip der Bewahrung des kulturellen Wissens, […], das Prinzip der Innovation gegenüber.“

[63] Bomers, a.a.O., S.25. Die hier vertretene, ebenso bei Bomers zu findende These, dass Chandos ein einziges großes Werk zu schreiben gedachte, in welches alle anderen Pläne und Werke einfließen sollten, wird in dieser Weise in großen Teilen der Literatur nicht vertreten. Vielmehr wird häufig davon ausgegangen, dass „Nosce te ipsum“ ein Werk unter vielen sei, welche Chandos zu verwirklichen wünschte. Vgl. dazu bspw. Kobel, a.a.O., S.146 oder Werner Kraft: Der Chandos Brief, Darmstadt 1977, S.10f.

[64] BW I 121, N.O., Franz von Verulams Vorbemerkungen.

[65] Vgl. Krohn, Francis Bacon, a.a.O., S.76.

[66] Bacon beschreibt, dass man von den „Sinnen und vom Einzelnen ausgehend die Sätze [ermittelt], indem man stetig stufenweise aufsteigt, so daß man erst auf dem Gipfel zu den allgemeinen Lehrsätzen gelang; dieser Weg ist der wahre, aber so gut wie nicht begangene.“ BW I 160, N.O. I, Aph.19.

[67] Ein weiterer Hauptstrang der Baconschen Forschungsmethodik, auf dessen Darstellung hier verzichtet werden soll, bezieht sich auf die Forschungspraxis an sich. Die Werkzeuge, die das „Novum Organum“ bereitstellt, gelten, im Gegensatz zur antiken Philosophie, nicht der Beschreibung und Ermöglichung logischen Operierens, sondern vielmehr dem Forschungsprozess, der „Kunst des Erfindens“ (BW I 223, N.O. I, Aph. 130) an sich. Die Fähigkeit zur „Kunst des Erfindens“ ist dabei an den jeweiligen Kenntnisstand des Menschen gebunden und wird gleichsam mit jenem wachsen. Insofern ist auch die von ihm vorgeschlagene Methode nur ein Teilschritt auf dem Weg zu einem Ganzen, der Erkenntnis der Wahrheit, und bedarf der ständigen Anpassung an die neuen Wissensbestände. Es gilt also auch die Methode der Forschung zu erforschen, was bedeutet, dass Bacon keine fertige Maschinerie darzustellen gesucht hat, sondern vielmehr einen Anstoß zu einer neuen Art des Denkens liefern wollte, auf dessen Weg er bereits selbst einige Schritte gegangen ist.

[68] Bacon entwickelt dazu eine so genannte Idolenlehre (BW I 163ff, N.O. I, Aph. 38 – 62). Diese Idole verschleiern die Möglichkeit der wahren Erkenntnis und versperren den Weg zu neuem Wissen. Er spricht davon, dass durch Antizipation und Selbstbetrug des Verstandes falsche Urteile und Begriffe entstehen, welche mit dem Bewusstmachen der Täuschung mit Hilfe der Idole auszuräumen seien. Bacon unterscheidet in diesem Zusammenhang vier Idole: die idola theatri, die idola fori, die idola specus sowie die idola tribus. „Die Idole des Theater sind Anschauungen, die man festhält, weil sie Schultradition sind […]. Die Idole des Marktes bestehen darin, daß der Mensch immer geneigt ist, den Worten zu glauben und nur Worte nachzusagen, statt zu denken, was gemeint ist, Begriffe nämlich und Sachen. Die Idole der Höhle sind persönliche Lieblingsmeinungen, […]. Die Idole des Stammes aber sind allgemeine menschliche Vorurteile, durch die man das Objektive subjektiviert.“ Hirschberger, a.a.O., S.50f.

[69] Günter, a.a.O., S.90.

[70] Siehe dazu Kapitel II.4.

[71] BW I 210, N.O. I, Aph. 112.

[72] Curtius, a.a.O., S.554. Curtius bezieht diese Worte auf Diderot, welcher mit dem Projekt der Enzyklopädie jedoch wiederum direkt auf Bacon zurückgreift. Insofern können sie auch an dieser Stelle Gültigkeit beanspruchen.

[73] Trunz, a.a.O., S.7.

[74] BW I 121, N.O. I, Franz von Verulams Vorbemerkung.

[75] Krohn, Francis Bacon, a.a.O., S.75.

[76] Vgl. Nate, a.a.O., S.30.

[77] Krohn verweist darauf, dass Bacon implizit davon ausging, dass es diese wieder anzustrebende Ganzheitlichkeit im Paradies gegeben habe. Daraus habe jener geschlossen, dass diese nur wieder durch den nach der Vertreibung von Gott gewiesenen Weg der Arbeit und der Schaffung von Werken wiederzuerlangen sei. Dies erscheint mir eine außerordentlich plausible Erklärung für die Orientierung des Baconschen Erkenntnisbegriffes am Handeln zu sein. Vgl. Krohn, Francis Bacon, a.a.O., S.75f.

Ende der Leseprobe aus 129 Seiten

Details

Titel
'Alles erschien mir so unbeweisbar, so lügenhaft, so löcherig wie nur möglich' - Hofmannsthals 'Brief' als ein Dokument der Dekonstruktion eines rationalistischen Weltbildes
Hochschule
Universität Potsdam  (Lehrstuhl für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
129
Katalognummer
V40192
ISBN (eBook)
9783638387668
Dateigröße
1095 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Alles, Hofmannsthals, Brief, Dokument, Dekonstruktion, Weltbildes
Arbeit zitieren
Stefan Mielitz (Autor), 2005, 'Alles erschien mir so unbeweisbar, so lügenhaft, so löcherig wie nur möglich' - Hofmannsthals 'Brief' als ein Dokument der Dekonstruktion eines rationalistischen Weltbildes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40192

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