Die Bauerngestalt im "Ring" von Heinrich Wittenwiler. Zwischen weltlicher Narretei und christlicher Sünde


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

26 Seiten, Note: 2.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Autor Wittenwiler und die Entstehungszeit des „Rings“
2.1 Der Autor Wittenwiler
2.2 Entstehungszeit des Rings

3. Adressaten des „Rings“

4. Der Bauer als „sündhafter Narr“
4.1 Der Bauernbegriff im Mittelalter
4.2 Der Narrenbegriff im Mittelalter

5. Der Bauer in Wittenwilers „Ring“

6. Die Sünde im „Ring“
6.1 Sündenvorstellung im Spätmittelalter
6.2 Sünde und Narretei im „Ring“
6.21 I.Teil
6.22 II. Teil
6.23 III. Teil

7. Fazit

8. Literatur
8.1 Primärliteratur
8.2 Sekundärliteratur

I Einleitung

In der folgenden Arbeit soll die Rolle der Bauernfiguren in Wittenwillers Ring näher untersucht werden. Im Zentrum der Untersuchung steht die Frage, inwieweit das „tumbe“ Verhalten der Lappenhausener Bauern als bloße Narretei oder aber als Sünde zu werten ist.

Es macht wenig Sinn, Wittenwilers Ring losgelöst von seiner Entstehungszeit und losgelöst vom Autor selbst zu betrachten.; Insbesondere die Frage nach der Narrenterminologie kann nur aus der Geschichtlichkeit des Ringes heraus fundiert untersucht werden. Der Versuch das Epos werksimmanent zu betrachten wird von meiner Seite nicht unternommen.[1] So wird im ersten Kapitel zunächst auf die (wahrscheinliche) Biographie Wittenwillers und die Bedeutung seiner Standeszugehörigkeit und seiner Herkunft für den „Ring“ eingegangen.

Das dritte Kapitel versucht das mittelalterliche Bild des Bauerntums und den zeitgenössischen Narrenbegriff zu skizieren. Nach Klärung der mittelalterlichen Begrifflichkeit des „Bauern“ und des „Narren, soll das Verhalten der bäuerlichen Protagonisten im Ring direkt am Primärtext beschrieben werden. Im vierten Kapitel wird zunächst die Sündevorstellung im Spätmittelalter vorgestellt werden und dann, im Hauptteil der Arbeit sehr textnah auf die Ausgangsfrage eingegangen werden, ob das törichte Verhalten der Bauern in erster Linie als „Sünde“ oder als Narretei zu werten ist. Dieser Teil stellt den thematischen Schwerpunkt der Seminararbeit dar.

Im abschließenden Fazit möchte ich dann noch einmal die Ergebnisse zusammenfassen und eigene Gedankenansätze reflektiert aufgreifen.

Im Rahmen dieser Arbeit wird nur am Rande eingegangen werden können auf die Frage nach der Gattungsgestalt des Textes; auch die Erzählsituation, die Beziehung zwischen Erzähler und Autor sowie die Frage nach den graphischen Hinweisen durch Wittenwiler soll nicht weiter thematisiert werden. Keine Berücksichtigung findet ebenfalls Wittenwilers Anspruch, den Ring als „Weltenlauf“ zu gestalten.

2. Der Autor Wittenwiller und die Entstehungszeit des Ringes

2.1 Der Autor Heinrich Wittenwiler

Über den Autoren des „Ringes“ gibt es nur wenig gesicherte Quellen. Der Dichter selbst nennt sich am Ende des Prologs (Z.52) „Haynraich Wittenweylär“. In einem Konstanzer Dokument aus dem Jahre 1387 wird ein „Meister Hainrich von Wittenwille“ aufgeführt; Ein ähnliches Dokument aus dem Jahr 1395 bestätigt die Existenz und den Meisterstand dieser Person. Darüber hinaus wird er noch als Advokat am bischöflichen Hofgericht bezeichnet. Neben diesen Dokumenten weist auch die sprachliche Besonderheit des Ringes auf eine Entstehung im Konstanzer Raum.[2] Während der grobe Enstehungsort des Epos also als gesichert angesehen werden kann, ist die Frage nach der Person Heirnich Wittenwilers deutlich schwerer zu beantworten. In der mittelhochdeutschen Forschung gab es neben dem obenaufgeführten Magister Wittenwiler auch die Ansicht, es könne sich bei Wittenwiler um einen ebenfalls urkundlich erwähnten Stadtweibel aus dem toggenburgischen handlen.[3] Der offensichtlich hohe Bildungsgrad des Ring-Autoren lässt diese Vermutung allerdings unwahrscheinlich erscheinen, vielmehr lässt dieses auf einen möglichen Geburtsort des Advokaten Wittenwiler im toggenburgischen schließen[4]. Das Bockswappen, welches sich in der „Ring“-Handschrift findet deutet auf die Abstammung aus dem Adelsgeschlecht derer „von Wittenwille“, die im nordostschweizerischen Torgau-Gebiet ansässig war.[5] Der Magister Wittenwiler war als Jurist am bischöflichen Hof in Konstanz tätig und stand insofern mit der Geistlichkeit in unmittelbarem Kontakt.

Da der „Ring“ keine Auftragsarbeit zu sein scheint (die sonst übliche Nennung eines Mäzen fehlt völlig) spricht vieles dafür, dass Wittenwiler wirtschaftlich nicht von seiner Dichtkunst abhängig gewesen ist.

Vieles spricht also dafür, dass Wittenwiler ein „verbürgerlichter“ Adeliger war und nebenbei sich der Dichtkunst widmete.[6] Auffallend ist in diesem Zusammenhang jedoch, dass Wittenwiller sich selbst in dem Text „verschweigt“, und seinen möglichen Adelsstand nicht preisgibt.Ein solch „bescheidenes“ Vorgehen ist untypisch für einen mittelalterlichen Autor.

2.2 Entstehungszeit des Ringes

Ähnlich wage wie die Erkenntnisse über die Person des Dichters ist auch die zeitliche Einordnung der Entstehung des Werkes. In der Wissenschaft besteht allgemein der Konsens, dass Werk könne frühestens 1360 verfasst worden sein. Auf dieses Jahr wird das Traktat „de bello“ des Giovanni de Legnano datiert, dessen Beschreibungen der Kriegskunst in Wittenwilers Kriegsbesprechungen Verwendung finden. Ebenso als gesichert gilt die Annehme, dass das Werk vor 1414, dem Jahr des Konstanzer Konzils entstanden sein muss, da der Ring von diesem Ereignis gänzlich unbeeinflusst ist. Folgt man Eckard Lutz, so ist der Text vermutlich zwischen 1408 und 1410 entstanden; Lutz sieht das Welt- und Bauernbild bei Wittenwiler stark geprägt von den politischen Ansichten des Konstanzer Bischofs Blarer, der bis 1410 Bischof zu Konstanz und somit direkter Vorgesetzter Wittenwilers[7] war.[8] Literarisch scheint Wittenwiler in der Tradition der „Teichner“-Gedichte zu stehen, deren Lehren direktes Vorbild für den Ring gewesen sein könnten.[9]

Die Bauern hatten im Zuge der Appenzeller Kriege, in deren Verlauf sie mehrfach ein deutlich besser ausgerüstetes und zahlenmäßig überlegenes Heer bezwingen konnten[10] ein neues, stärkeres Selbstbild und veränderten dadurch das Bild der Gesellschaft.[11] Die Städte und Adligen selbst zerstritten sich untereinander und die bisherige Städte- Bündnis- und auch Ständeordnung verschob sich, geriet ins Wanken. Konstanz war um 1400 „in mancher Hinsicht ein Brennpunkt politischen, wirtschaftlichen, religiösen und geistigen Lebens.“[12] Dieser Umstand erklärt möglicherweise und die sehr pessimistische Grundhaltung des „Ringes“. Wittenwiler, selbst“ verbürgerlichter Adeliger“ sieht die Ständeordnung in Gefahr und möglicherweise auch die höfische Form der adeligen Welt in Auflösung begriffen.[13]

Übereinstimmend in der Forschung vertreten ist die Ansicht, dass „Der Ring“ nicht chronologisch entstanden, sondern der erste Teil erst nach Fertigstellung des zweiten abgeschlossen wurde. Im Rahmen dieser Seminararbeit wird von großer Bedeutung sein, inwieweit Wittenwiler im katholischen Glauben verankert gewesen ist.[14]

4. Der Bauer als sündiger Narr

4.1 Der Bauernbegriff im Mittelalter

Es muss unterschieden werden zwischen dem Bild des Bauern und den realen Lebensverhältnissen der Bauern. Da für diese Arbeit das literarische Bild der Bauern von größerer Bedeutung ist, soll auf die Lebenssituation nur kurz eingegangen werden.

Der Bauernstand des 14. und 15. Jahrhunderts ist heterogener als in den Jahrhunderten zuvor. Das Feudalsystem ist durch den Bevölkerungsrückgang, dessen Ursache vor allem in den vielen kriegerischen Auseinandersetzungen lag freier geworden. Die Feudalherren wollten die verbliebenen Arbeitskräfte an sich binden und waren von daher zu Zugeständnissen bereit. Zugleich verfielen aber (durch den geringeren Nahrungsbedarf einer dezimierten Bevölkerung) die Lebensmittelpreise während die Produktionsmittel teurer wurden. Insgesamt kann dennoch davon ausgegangen werden, dass es erstmals reiche Bauern gab, der überwiegende Teil der landwirtschaftlich tätigen Bevölkerung materiell jedoch nach wie vor schlecht gestellt war.[15] Das ständische Selbstbewusstsein der Bauern erfuhr durch die oben bereits erwähnten Appenzeller Kriege einen gewaltigen Aufschwung.

Der Bauernstand war zunächst nicht als eigener Stand definiert. Im frühen Mittelalter wurde lediglich unterschieden zwischen Freien, Unfreien, Halbfreien und Sklaven.[16] Eine entscheidende Wendung erfährt das Bauernbild mit Erscheinen der „Kaiserchronik“: Hier wird der bisher literarisch nicht gestaltete Bauernstand erstmals deutlich negativ von den übrigen Bevölkerungsgruppen abgegrenzt. Es gelten für den Bauern Kleidervorschriften und das Waffentragen ist dem Bauernstand unter Karl dem Großen grundsätzlich verboten.[17] Durch das Entstehen höfischer Literatur, die ein idealisiertes Bild von höfischer Kultur und höfischem Leben zeichnet wird die Bauernwelt zunehmend zur Gegenwelt.

Im „Parzival“ bildet der Bauer erstmals die Kontrastfigur zu dem höfischen Helden.[18] Der ungebildete und unzivilisierte Landmann steht dem edlen, weisen (gebildeten) Ritter gegenüber. Der Gegensatz dieses Paares führt zwangsläufig zu einer Auseinandersetzung in denen der Ritter sich beweisen muss.[19]

Insbesondere Neidhart zeichnet ein soziales Bild des Bauern als „gehassten, weil glücklicheren Nebenbuhler des Ritters.[20] “ Der Bauer wird zunehmend stilisiert als „grobschlächtiges, bedrohliches, dämonisches Wesen.“[21]

Die Ständeordnung wurde als gottgegeben verstanden: Die schwere Arbeit des Bauern ist die Strafe Gottes für die Sünden des Noah Sohnes. Mit der Geburt in den Bauernstand hinein ist bereits die Rolle des Sündernachfahrens gegeben; aus ihr kann es keinen Ausweg geben, durch sie legitimiert sich moralisch die Ständegesellschaft..[22] Der „gepure“ wird im Verlauf des 14. Jahrhunderts zunehmend zum Bauerntölpel.[23]

Eine Ausnahme von der negativen Beschreibung des Bauern findet sich in der kirchlichen Literatur. Hier wird die gesellschaftliche Aufgabe des Bauern als Nahrungsbeschaffer thematisiert, der Bauer wird als „Grundlage der menschlichen Gesellschaft“ anerkannt.[24] Eine Entlohnung des Bauern für seine Mühen findet freilich erst im Jenseits statt.

In der Literatur erhält die Bildung des Menschen ein immer größeres Gewicht: (...)wan wer weis ist, der ist frey; wer aber torat ist, der ist ein chnecht[25]. Die von der Möglichkeit der Bildung ausgeschlossenen Bauern verlieren also durch ihren Mangel an „Weisheit“ den Anspruch auf Freiheit. Interessant im Hinblick auf die Adressaten des Ringes ist in diesem Zusammenhang, dass zu den „torats“ neben den Bauern sämtliche Bevölkrungsgruppen gezählt wurden, die nicht zum Adel oder Klerus zählten. Es bildet sich aus der kirchlichen und höfischen Sicht eine fiktive Bauernfigur heraus, die, je nach Bedarf negativ oder positiv eingesetzt werden kann.[26] Folgt man Andreanszky, so ist diese Figur im ständisch-ideologischen Kontext negativ, im didaktisch-moralischen Kontext positiv besetzt.

4.2 Der Narrenbegriff im Mittelalter

Wie in dem Abschnitt zuvor beschrieben zeichnete die höfische Literatur das Bild eines dummen, säuischen Bauerns[27]. Die literarisch entstandene Figur des Bauern wird, ständeautonom betrachtet zum „Sinnbild des allgemein menschlichen Narrentums“[28].Das negative Bild des Narren kennzeichnet seine Lasterhaftigkeit, Ungläubigkeit und Einsichtslosigkeit.[29] „Seiner Gefräßigkeit und Trunksucht zufolge gilt er als Inbegriff der entfesselten Vitalität.“[30] Unterschieden wird im Mittelalter zwischen zwei Narrentypen: Dem angeborenen Narren und dem Narren mangels guten Willens. Hier liegt es nun nahe, den „Narren mangels guten Willens“ als „Sünder“ zu stilisieren. Diese Vermutung soll im weiteren Verlauf der Arbeit untersucht werden. Es wird unterschieden zwischen dem boshaften, teuflisch besessenen und dem dummen Narren. Dem dummen Narr wird häufig auch als erfolgloser Liebesnarr dargestellt.[31]

[...]


[1] Vgl. S.9 Puchta-Mähl

[2] vgl. S.193 Puchta -Mähl

[3] vgl. S.4 Funke

[4] vgl. S.268f Belitz

[5] vgl. S.189 Funkewird das Traktat „.

[6] Ebd.

[7] Im Folgenden geht die Arbeit davon aus, daß es sich bei dem Autoren um den Magister Wittenwiler zu Konstanz handelt

[8] Vgl. Lutz S.162

[9] vgl. Andreanzy S.50

[10] vgl. Puchta-Mähl

[11] auf diesen Punkt soll im 2.Kapitel dieser Arbeit näher eingegangen werden.

[12] Boesch S.71

[13] vgl.

[14] vgl. Müller S.974

[15] vgl. Christa-Wolf S.127

[16] vgl. Schlumpf S.52

[17] vgl. Kaiserchronik

[18] vgl. Andreastzky S.54

[19] vgl. Wolfram von Eschenbach - Selbstverständlich gelingt es dem edlen Ritter jedes Mal sich zu beweisen, und dem Bauern bleibt nur die Rolle des Unterlegenen;

[20] vgl. Eschenbach Parzival

[21] ebd.

[22] Vgl. Hügli S.11

[23] vgl. Ehrismann S.485

[24] vgl. Andreatzsky S.59

[25] Jacobus da Cesselis

[26] vgl. Andreatzsky S.61

[27] der Narr als didaktische Figur des Hofnarren und Sozialkritiker wird hierbei außer acht gelassen, da diese Form des Narren für die Arbeit nicht relevant ist

[28] vgl. Christa-Wolf

[29] vgl. Vys

[30] vgl. Könnecker

[31] vgl. Andreany S.63

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Bauerngestalt im "Ring" von Heinrich Wittenwiler. Zwischen weltlicher Narretei und christlicher Sünde
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Veranstaltung
Wittenwillers "Ring"
Note
2.0
Autor
Jahr
2004
Seiten
26
Katalognummer
V40598
ISBN (eBook)
9783638390859
ISBN (Buch)
9783668148406
Dateigröße
612 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bauerngestalt, Ring, Zwischen, Narretei, Sünde, Wittenwillers, Ring, wittenwiler, mediävistik, bertschi
Arbeit zitieren
Jan Möller (Autor), 2004, Die Bauerngestalt im "Ring" von Heinrich Wittenwiler. Zwischen weltlicher Narretei und christlicher Sünde, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40598

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