[...] Wenn man weiter nachdenkt, könnte einem auffallen, dass wir täglich mit einer Raum- und Zeitbeziehungen beschreibenden Sprache operieren und somit in der Lage sein müssen, räumliche und zeitliche Konfigurationen sprachlich zu erfassen. Wir fragen beispielsweise nach einem Weg oder beschreiben jemandem einen eben solchen. Wir schildern Vorgänge, die sich an anderen Orten zu früheren Zeiten ereigneten. Wir erzählen Freunden von unserer Wohnung, beschreiben Bilder, Räume, Abläufe usw. und benutzen dabei noch eine metaphorisch strukturierte Sprache, „da unser Erleben und unser Alltagshandeln weitgehend eine Sache der Metapher ist.“ Die Überlegungen könnten zu dem hier noch sehr undeutlichen Befund kommen, dass der Mensch, da er von Raum und Zeit umgeben ist, gezwungen wird, diese kognitiv zu strukturieren und sprachlich zu verarbeiten. Dazu benutzt er, soweit die Forschung dies heute beurteilen kann, verschiedene sprachliche und kognitive Repräsentationsmodelle, um diese Raum- und Zeitbeziehungen zu erfassen, zu beschreiben und zu artikulieren. Einige wenige jener Modelle, welche sich letztlich alle in gewisser Weise aufeinander beziehen und in ihrer Gesamtschau ein erhellendes Licht auf die angesprochene kognitive und sprachliche Repräsentation werfen könnten, sollen in dieser Arbeit in ihren Grundzügen dargestellt werden. Dazu werden in einem ersten Abschnitt Aspekte der Beziehung zwischen Raum, Zeit und sprachlicher Abbildung angesprochen. Ein wesentliches sprachliches Mittel dieser Abbildung bilden deiktische Ausdrücke, welchen sich der zweite Abschnitt widmen soll. Um überhaupt zu einer Artikulation jener Beziehungen gelangen zu können, bedarf es der internen kognitiven Repräsentation von Räumlichkeit. Diese findet mit Hilfe kognitiver Karten statt. Deren Funktion und Wirkungsweisen sollen in einem dritten Abschnitt beleuchtet werden, um sich im vierten der Raum- und Zeitmetaphorik widmen zu können. Die Metapher wird hier nicht mehr in einem klassischen Sinne als rein sprachinternes Phänomen, sondern vielmehr als ein Element der Strukturierung und Implementierung von Wirklichkeit verstanden, welche eng an kognitive Prozesse gebunden ist und jene darzustellen vermag.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Raum, Zeit und Sprache
1.1 Zum Verhältnis zwischen Raum und Zeit
1.2 Zur Struktur der Raum- und Zeitwahrnehmung
2. Deixis
2.1 Begriffsbestimmung
2.2 Die Zeigarten der Sprache
2.3 Die Modi im Zeigfeld
2.4 Anaphora
3. Kognitive Karten
3.1 Definitorisches
3.2 Räumliches Verhalten und kognitive Karten – die Lage von Phänomenen
3.3 Räumliches Verhalten und kognitive Karten – die Eigenschaften von Phänomenen
4. Raum- und Zeitmetaphorik
4.1 Zu Aspekten der kognitiven Metapherntheorie
4.1 Konzeptsysteme
4.1 Orientierungsmetaphern
Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die kognitive und sprachliche Repräsentation von Raum- und Zeitbeziehungen. Das zentrale Ziel ist es, aufzuzeigen, wie der Mensch seine Umwelt räumlich und zeitlich strukturiert und wie sich diese Prozesse in Sprache manifestieren, insbesondere durch deiktische Ausdrücke, kognitive Karten und Metaphern.
- Wechselbeziehung von Raum, Zeit und Sprache
- Deixis als sprachliche Zeigefunktion
- Kognitive Karten als Instrumente der Orientierung
- Raum- und Zeitmetaphorik als Wirklichkeitskonstruktion
- Einfluss von Konzeptsystemen auf das menschliche Handeln
Auszug aus dem Buch
3.1 Definitorisches
Die Tatsache, dass wir uns in der Regel relativ souverän durch (bekannte) Räume bewegen, deutet darauf hin, dass unser Gehirn offenbar auf repetierbare Information bezüglich einer uns relevant erscheinenden Räumlichkeit zurückgreifen kann. In der Forschung wird, trotz vieler Differenzen im Detail, mittlerweile übereinstimmend angenommen, dass diese Orientierung des Menschen im Raum anhand kognitiver Karten vonstatten geht. Downs und Stea beschreiben kognitive Karten als „ein gut handhabbares Instrumentarium von Symbolkürzeln.“ Dies bedeutet, dass der Mensch äußerst komplexe Information auf ein verarbeitbares Maß reduziert, welches eine Vorstellungsbildung über den wie auch immer gearteten kognitiv zu bearbeitenden Gegenstand erlaubt. Es findet eine Rekonstruktion räumlich analoger mentaler Repräsentationen aus einer Reihe von vorliegenden Informationen statt. Somit ist eine „kognitive Karte ein Produkt, ist eines Menschen strukturelle Abbildung eines Teil der räumlichen Umwelt.“
Um dies an einem Beispiel zu veranschaulichen: Nehmen wir den Satz „Ich war in den Ferien im Süden.“ Obwohl relativ unbestimmt, es wird nicht erwähnt, wohin genau die Reise führte, transportiert dieser Satz eine große Anzahl von Informationen und ermöglicht dem Empfänger ad hoc die Entwicklung von Vorstellungen, welche der Realität des Urlaubszieles mit großer Wahrscheinlichkeit relativ nahe kommen. Anhand des Symbolkürzels „Süden“ kann der Empfänger einen Katalog von Vorstellungen abrufen, welcher wahrscheinlich Informationen über das Wetter, das Aussehen von Stränden, über das Essen und Vieles mehr enthält. Im Verlauf der internen kognitiven Kartographie des Empfängers wurden alle wesentlichen Details, welche der Vorstellungsbildung zum Symbolkürzel „Süden“ dienen, der kognitiven Karte hinzugefügt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Allgegenwart von Raum und Zeit in unserem täglichen Erleben und führt in die Notwendigkeit ihrer kognitiven sowie sprachlichen Verarbeitung ein.
1. Raum, Zeit und Sprache: Dieses Kapitel erörtert die untrennbare Verbindung von Raum und Zeit als Koordinaten eines gemeinsamen Bezugssystems und deren Einfluss auf die Sprachstruktur.
2. Deixis: Es wird die Zeigefunktion der Sprache analysiert, wobei die Origo als Zentrum für personale, lokale und temporale Referenzen fungiert.
3. Kognitive Karten: Das Kapitel erläutert die Bedeutung kognitiver Karten als Symbolsysteme zur Reduktion komplexer Umweltinformationen für die Orientierung.
4. Raum- und Zeitmetaphorik: Hier wird der Wandel des Metaphernbegriffs hin zur kognitiven Metapherntheorie thematisiert, die unser Denken und Handeln strukturiert.
Zusammenfassung: Der letzte Teil resümiert die wesentlichen Erkenntnisse über die egozentrische Organisation von Raum- und Zeitwahrnehmung und deren sprachliche Abbildung.
Schlüsselwörter
Raum, Zeit, Sprache, Kognition, Wahrnehmung, Deixis, Origo, Kognitive Karten, Symbolkürzel, Metapher, Orientierungsmetaphern, Konzeptsysteme, Repräsentation, Wirklichkeitskonstruktion, Handeln.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Art und Weise, wie der Mensch Raum- und Zeitkonzepte kognitiv strukturiert und sprachlich verarbeitet.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Bedeutung deiktischer Ausdrücke, die Funktion kognitiver Karten für die Orientierung und die Rolle von Raummetaphern im Konzeptsystem.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist die Darstellung verschiedener Modelle, die erklären, wie Raum- und Zeitbeziehungen erfasst, beschrieben und kognitiv sowie sprachlich artikuliert werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Auseinandersetzung, die auf der Analyse bestehender Forschungsliteratur aus Bereichen der Sprachwissenschaft, Kognitionspsychologie und Metapherntheorie basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die deiktische Sprache, die Funktionsweise mentaler kognitiver Karten sowie die Bedeutung von Orientierungsmetaphern für das tägliche Handeln.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Schlüsselwörtern gehören unter anderem Raum, Zeit, Deixis, kognitive Karten, Metaphern und Wirklichkeitskonstruktion.
Warum ist das "Ich-jetzt-hier" für die Untersuchung so wichtig?
Es bildet die fundamentale Origo, von der aus der Mensch seine Wahrnehmung von Raum und Zeit egologisch organisiert und von der aus er eine Abgrenzung zu anderen Positionen vornimmt.
Inwiefern unterscheiden sich kognitive Karten von geographischen Karten?
Kognitive Karten sind subjektive, unvollständige und verzerrte Repräsentationen, die auf einer sinnvollen Reduktion von Informationen basieren, während geographische Karten einen exakten Maßstab vorgeben.
Warum sind Orientierungsmetaphern für die Raummetaphorik so relevant?
Sie verknüpfen unsere physischen Erfahrungen und unser aufrechtes Leben direkt mit abstrakten Konzepten, indem sie diese räumlich strukturieren.
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- Stefan Mielitz (Author), 2004, Zu Aspekten räumlicher und zeitlicher Wahrnehmung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40702