Identitätsbildung und Geschichtsbewusstsein in Christian Krachts Roman Faserland


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
26 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Hinführung

2. Vorraussetzungen

3. An der Oberfläche – Struktur des Handlungsverlaufs

4. Identitätskrise des Protagonisten
4.1. Der namenlose Ich-Erzähler
4.2. Körpererfahrung
4.3. Zwischenmenschliche Beziehungen
4.3.1. Beziehungen innerhalb der Generation
4.3.1.1. „Freunde“
4.3.1.2. Beziehung zu Frauen
4.3.2. Generationsexterne Beziehungen

5. Vergangenheitsbelastung – Koppelung der fehlenden Identität an die deutsche Geschichte
5.1. Die Oberfläche
5.1.1. Sylt und Hamburg
5.1.2. Frankfurt
5.1.3. Heidelberg und Bodensee.
5.1.4. Die Schweiz als Idealdeutschland

6. Zeichenhaftigkeit der Sprache

7. Der Roman im Deutschunterricht

8. Literaturverzeichnis

1. Hinführung

„Das Verhältnis unserer Generation zur Geschichte allgemein und zum Holocaust ist dermaßen Roman-Herzoghaft unverkrampft, daß Kritiker dahinter Geschichtsvergessenheit vermuten, Ignoranz und Schlimmeres. Doch es ist eben das Problem der Generation der Gemeinschafts-kundelehrer, daß sie bereits in der leidenschaftslosen Haltung, die die Generation Golf zur Geschichte einnimmt, Gefahren wittern, weil sie die Aufarbeitung der Vergangenheit noch mit soviel Leidenschaft gegen das Schweigen und der Widerstand ihrer Eltern durchsetzen mußten. Weil bei ihnen die Faschismusdebatte noch die gesamte Gesellschaft polarisierte. In dieser Kritik übersehen die Kritiker jedoch, dass wir das Thema Nationalsozialismus zwischen dem dritten und dem dreizehnten Schuljahr mindestens achtmal auf dem Lehrplan stehen hatten.“[1]

In diesem Zitat aus Florian Illies Generation Golf spiegelt sich die Grundproblematik der Behandlung des Themas Holocaust im Unterricht - und damit auch im Deutschunterricht - wieder. Seit Beginn der Aufarbeitungsarbeit wird Schülern theoretisches Wissen zum Nationalsozialismus, seiner Entwicklung und Folgen vermittelt, die besondere Position der heutigen Schülergeneration, die nicht mehr unmittelbar durch eigenes Erleben und Tradierung durch Eltern und Großeltern ihr Verhältnis zur deutschen Geschichte gewinnt, wird aber leider selten berücksichtigt. Der potentiell am meisten von eigenen Schuld-gefühlen befreitesten und durch die Distanz zur Geschichte der gegenüber der Großeltern-generation offensten Altersgruppe fehlt das Bindeglied zwischen rational-theoretischem Wissen und emotionaler Selbstreflexion über die eigene Position.

Erschwerend kommt hinzu, dass durch die - zugespitzt formulierte - `Übersättigung´ der Schüler mit dem Thema Holocaust eine direkte Konfrontation mit der Thematik oft zu einer Abwehrreaktion der Schüler führt. Spezifisch für den Deutschunterricht lässt sich immer wieder feststellen, dass die klassischen Werke des Literaturkanons ungern und mit einem gewissen Zwang zur Lektüre gelesen werden.[2] Um diese beiden Faktoren zu relativieren, bietet sich die Popliteratur als neues Medium an. Sie kann einen Einstieg zum Unterricht in der Oberstufe und zur Diskussion der deutschen Vergangenheit liefern, ohne den Schüler plakativ damit zu konfrontieren, sich „schon wieder“ mit der Nazi-Zeit beschäftigen zu `müssen´ und so im Vorhinein schon abzuschrecken; bietet die Möglichkeit, sich der Vergangenheit über den Umweg der eigenen Position der Schüler in der Geschichte zu nähern und so offene Diskussionsgrundlagen zu schaffen.

Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht Christian Krachts 1995 erschienener Roman Faserland, der genau diesen Anstoß liefern könnte. Die Popliteratur als Medium der Gegenwart bildet die Lebens- und Erfahrungswelt der heutigen Schüler ab, eine Analyse dieser Welt und des eigenen Standpunktes involviert den Schüler als geschichtliche Person, nicht die Gesellschaft in grauer Vergangenheit wird behandelt, sondern das Hier und Jetzt in Relation zur Vergangenheit. Die Sprache der Popliteratur dokumentiert gerade mit ihrer sich an der Oberfläche bewegenden Zeichen- und Symbolhaftigkeit eine Gesellschaft, die sich selbst entfremdet ist und den Zugang zu wahren Inhalten versperrt findet - ein Problem, das auch die Generationen der nach 1974 geborenen Schüler betrifft.

Der besondere Bezug Faserlands auf das Deutschland der Gegenwart wird schon im Titel impliziert, doch die doppelte Verschlüsselung des Begriffs „Vaterland“ erschließt sich erst nach Lektüre als ein Roman über das „Fatherland“ des Protagonisten als auch ein Buch über die eigene, zerrissene Identität. Faserland ist demnach trotz einschlägiger Kritiken kein trivialer Roman, denn immer wieder eröffnen sich tiefere Schichten, die das Leiden an der Geschichts- und Identitätslosigkeit des Protagonisten zeigen. Im folgenden wird gezeigt, wie Faserland auch gelesen werden kann als eine Manifestation dieses diffusen Leidens, was die Kritik an der Vermittlung der deutschen Geschichte im Umgang der Generationen miteinander und im Schulunterricht beinhaltet, und der damit einhergehenden Orientierungslosigkeit. Die zwei Hauptaugenmerke werden einerseits auf der strukturellen Darstellung der Handlung im äußeren und inneren Bereich liegen, und andererseits auf dem Identitätsbildungs- und Generationenproblem, das die zwischenmenschlichen Beziehungen des Protagonisten kennzeichnet und bestimmt.

2. Vorraussetzungen

Die kritische Theorie des Pop geht nicht mehr davon aus, dass Pop eine subversive Gegenkultur zur etablierten Kultur bildet, zur Abgrenzung der Jugend diene ,sondern beanstandet die unkritische Übernahme des Begriffs `Pop´ dahingehend, dass sich gerade durch die Integration des Begriffes Pop in alle Lebensbereiche dieser in ein affirmatives Werkzeug der Kulturindustrie verwandelt hat. Für die Literatur heißt dieses, dass sie kein kritisches Element mehr böte, denn

„Im Namen der Popsubversion wird deklariert, dass diese Welt nicht die beste aller möglichen sei - soweit das kritische Motiv der Kultur - um im selben Moment eben diese als Pop verpackte Welt als die beste aller möglichen zu präsentieren und zu reproduzieren.“[3]

Weiterhin sei das „Aus- und Überblenden von Geschichte […] Kennzeichen des Mythos der Moderne, der in der Popkultur seine spezifische Kulmination erfährt“[4], eine Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit bliebe in bloßer Symbolik stecken, ohne jedoch wirklich auf das Geschehene zu reflektieren.

Dem muss entgegengesetzt werden, dass Popliteratur, obgleich sie Inhalte reproduziert und kommerzialisiert, eben die Fragilität dieses Gefüges zeigen kann. Unter der augen-scheinlich bedeutungsentleerten Oberfläche hält sie fest, was ansonsten in der Schnell-lebigkeit verschwindet - gerade durch die vordergründige und vielleicht vermeintlichen Affirmation zeigt sich eine mehr oder minder bewusste Kenntnis der Oberflächenhaftig-keit der Konsumgesellschaft. Die vordergründige Affirmation ist gekennzeichnet durch das Spiel mit Marken, Waren und Symbolen. Das eigentliche Problem besteht darin, dass durch eine immer stärkere Kodierung der unmittelbaren Erlebniswelt der Zugriff auf die wahren Inhalte im Sinne Saussures verunmöglicht wird. Doch gerade in der Abhängigkeit der Zeichen untereinander und den dazwischenscheinenden Freiräumen, und in dem bewussten Einsatz einer Überladung an Zeichen und Symbolen gewinnt die Popliteratur ihre Stärke, da auch hier eine Kritik durch Nichtkritik deutlich wird.

Obwohl der Popliteratur also insbesondere seit den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts subversive Fähigkeiten abgesprochen wurde und sie unter Trivial-/ Unterhaltungsliteratur kategorisiert wurde, dokumentiert sie gerade über die ihr vorgeworfene Zeichen- und Oberflächenhaftigkeit den Zerfall einer Gesellschaft und die Probleme, die durch die Konsumgesellschaft geradezu zwanghaft überdeckt werden sollen: Geschichts- und Identitätslosigkeit. In der Leere der Handlung wird die Leere des Individuums deutlich[5], der Konflikt zwischen dem Affirmationswunsch des Individuums und der Unmöglichkeit, sich ganz und gar in der Oberfläche zu verlieren. Auf die Geschichte Deutschlands bezogen bedeutet dies eine Betrachtung Faserlands als generationstypischen Roman mit einem Mitglied der Partygesellschaft als Protagonisten, der sich trotz der allgegenwärtigen Zerstreuungen nicht so recht zerstreuen lassen kann. Gerade bei Kracht, der zu den Autoren der dritten Generation zählt und damit „aus den moralischen Vorgaben entlassen und […] frei, sich von der belastenden Geschichte abzuwenden“[6] sein sollte, zeigt sich diese vermeintliche Freiheit als offene Wunde. Die Leere des Protagonisten zeigt, dass die angenommene Auflösung in der Gegenwärtigkeit der Konsum- und Unterhaltungsgesellschaft[7] nicht vollends den Umgang mit der Vergangenheit ersetzen kann.

Faserland kann im Rahmen der Popliteratur eingeordnet werden, da Kracht exzessiv mit Marken- und Produktnamen spielt, die den nicht hiermit sozialisierten Leser ratlos erscheinen lassen, und seine Sprache ins slanghafte, bedeutungslose mündet. Der Text ist collagenartig zusammengefasst aus den einzelnen Gedanken- und Erlebnissträngen der Reise des Protagonisten, bildet nur Momente ab, aber in diesen Momenten lassen sich Einblicke in die Mentalität des Protagonisten gewinnen.

Eine zentrale These dieser Arbeit ist, dass die Auseinandersetzung mit Geschichte, dem Leiden an der Geschichte und damit der eigenen Identität sich in Faserland dem direkten Zugriff entzieht, also hinter der Oberfläche geschieht. Im Vordergrund der Betrachtung steht das Spannungsverhältnis zwischen Oberfläche und dem dahinter liegenden Unbekannten im Bereich von Handlung, Sprache und sozialem Leben des Individuums.

3. An der Oberfläche – Struktur des Handlungsverlaufs

Auf den ersten Blick scheint Faserland keine eigentliche Handlung zu haben: Der namenlose Ich-Erzähler beginnt seine Reise auf Sylt, um über die Zwischenstopps Hamburg, Frankfurt, Heidelberg, München, Meersburg am Bodensee nach Zürich in der Schweiz zu gelangen. Seine kurzen Aufenthalte in den einzelnen Städten sind geprägt von den Besuchen oder zufälligen Zusammentreffen mit alten Bekannten, die sich allesamt ins Negative verkehren, dem Herumhängen in Bars und auf Partys, ohne sich amüsieren zu können, dem exzessiven Alkohol- und Zigarettenkonsum und einem jeweils abrupten Ab- und damit Aufbruch zu einem neuen Ort.

Ein Ziel wird nicht angegeben, auch werden ursprüngliche Ortsbestimmungen je nach Laune und Zufall umgestoßen, als gefestigte Reise kann diese Fahrt durch Deutschland nicht bezeichnet werden. In der Oberfläche der Handlung ist also schon eines der wichtigsten Themen des Romans angelegt: Die fehlende Verwurzelung des Protagonisten in seiner Heimat, die Unmöglichkeit, sich mit Deutschland zu identifizieren. Warum eine positive Identifikation nicht möglich ist, wird im weiteren Verlauf deutlich.

Strukturell gesehen bietet der Handlungsverlauf dennoch eine Entwicklung: Sylt als Ort der Kindheit, verknüpft mit vielen positiven Erinnerungen, wird verlassen, um sich auf die Reise durch Deutschland zu begeben, fast der Linie der ehemaligen Hitler-Autobahn folgend. Hamburg als erste Station konfrontiert den Erzähler mit seinem besten „Freund“ und dessen Fehlern; schockiert und enttäuscht verlässt er Hamburg, um nach Frankfurt zu fliegen und dort mehr oder minder unbewusst seine zweite wichtige Bezugsperson aufzusuchen. Alexander aber erkennt ihn nicht mehr, zeitgleich drängen sich immer mehr Gedanken über die Vergangenheit Deutschlands und seine Bewohner auf.

Er landet mehr aus Zufall im „Herzen Deutschlands“, Heidelberg, und erfährt an diesem Ort, der von außen betrachtet so unversehrt scheint, seinen absoluten Zusammenbruch. Die „ordentlichen“ Menschen, die er vermeint getroffen zu haben, entpuppen sich wie das Deutschland, das er eben als vielleicht doch lebenswürdigen Ort zu akzeptieren beginnt, als innerlich leer und korrumpiert. Parallel zu diesen Geschehnissen reflektiert der Erzähler immer öfter seine eigene und die öffentliche Geschichte.

In einer alptraumhaften Sequenz verliert er das Bewusstsein und wird durch Rollo, einen Freund, gerettet, der mit ihm nach München und an den Bodensee fährt. Die Handlung beruhigt sich, dann aber wird die Hilfe des Erzählers selbst benötigt, denn der Freund leidet an ähnlichen Problemen wie er und ist suizidgefährdet - der Erzähler indes kann diese Hilfe nicht leisten und flüchtet schließlich in die Schweiz, um dort vom Tod des Freundes zu erfahren und in seinen Tagphantasien zu leben.

Auf dieser vordergründigen Folie spielt sich das eigentliche Geschehen ab, und zwar als Handlung im Kopf des Ich-Erzählers. Es ist zu unterscheiden zwischen den äußeren Handlungen und Geschehnissen, die an sich recht bedeutungslos sind, und den emotionalen Geschehnissen, die sich immer wieder als Erinnerungen und reflexive Passagen im Gedankenstrom des Ich-Erzählers finden lassen. Röhling schlussfolgert demnach auch, dass die eigentliche Reise eine „doppelte Suche“ ist: „nach der Mitte Deutschlands, dem eigentlichen Wesen des Landes, in dem er lebt, und […] nach der eigenen Mitte.“[8] Im Vordergrund stehen dabei auf der ganzen Linie Verlustgefühle.

4. Identitätskrise des Protagonisten

4.1. Der namenlose Ich-Erzähler

Dieser Ich Erzähler bleibt durchweg namenlos, zudem erfahren wir keine genaue Angaben zu Alter, Beruf und Herkunft, ungefähre Anhaltspunkte wie Mitte zwanzig, aus reichem Haus, lassen sich aus dem Kontext erschließen. Walter Benjamin bestimmt den Namen als „Habitus eines gelebten Lebens“[9], Namenlosigkeit also trägt hier die Züge von Identitätslosigkeit. Auch wenn sich die Umwelt gerade durch die Namensgebung leichter erkennen und einordnen lässt, wie der Gebrauch von Markennamen und minutiöser Aufzählung von einzelnen Gebrauchsgegenständen erkennen lässt, so lässt sich der eigene Charakter und Wert nicht eindeutig festlegen. Auch viele der im Roman auftretenden Figuren sind austauschbar. Diese Namenlosigkeit des Erzählers verweist also einerseits auf die persönliche Identitätsproblematik des Erzählers und andererseits im Kontext der Popliteratur als generationstypischer Roman über das Individuum hinaus auf den gesamtgesellschaftlichen Verzicht auf Individualität, Identität, die in der heutigen Industriegesellschaft obsolet geworden sind.[10]

[...]


[1] Florian Illies, Generation Golf, S.174.

[2] Joachim Feldmann, Süddeutsche Zeitung Nr. 61, 15.03.2005, S. 39.

[3] Roger Behrens, Die Diktatur der Angepassten, S.10.

[4] Roger Behrens, S.106.

[5] vgl. Stefan Beuse, „154 schöne weiße leere Blätter“, S. 154.

[6] Thomas Jung, Trash, Cash oder Chaos?, S. 20.

[7] Thomas Jung, S. 19.

[8] Jürgen Röhling, Vergangenheitsbewältigung in den Zeiten der Pop-Literatur, S.182.

[9] Walter Benjamin, Passagenwerk. Gesammelte Schriften, S. 1038.

[10] Vgl. Thomas Jung, S. 20.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Identitätsbildung und Geschichtsbewusstsein in Christian Krachts Roman Faserland
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Deutsche Philologie II)
Veranstaltung
Fachdidaktisches Hauptseminar: Holocaust-Literatur in der Schule -Drei Generationen nach Auschwitz
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
26
Katalognummer
V41330
ISBN (eBook)
9783638396141
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit ist stilistisch und grammatisch korrekt, Anfang und Ende laut meiner Professorin perfekt. Der Hauptteil hat zur Notenabsenkung beigetragen, ist aber auch gut.
Schlagworte
Identitätsbildung, Geschichtsbewusstsein, Christian, Krachts, Roman, Faserland, Fachdidaktisches, Hauptseminar, Holocaust-Literatur, Schule, Generationen, Auschwitz
Arbeit zitieren
Meike Kohl (Autor), 2004, Identitätsbildung und Geschichtsbewusstsein in Christian Krachts Roman Faserland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41330

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