Neumanns "Vom Schwank zum Witz. Zum Wandel der Pointe seit dem 16. Jahrhundert." betrachtet unter Bezug der Formtypen Bausingers


Hausarbeit, 2017
17 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bausingers Formtypen

3. Neumanns Vom Schwank zum Witz
3.1 Neumanns Begriffsnutzung
3.2 Betrachtung eines exemplarischen Schwanks

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

„Der Schwank gehört zu den Stiefkindern folkloristischer Forschung“ (Bausinger 1967, S. 118). Erst zur Mitte des 20. Jahrhunderts begann die Erzählforschung sich mit dieser vernachlässigten Gattung auseinanderzusetzen.[1] Dieses neue Forschungsfeld bot den Sprachwissenschaftlern der letzten ca. 70 Jahre die Möglichkeit „zu großen Teilen Neuland zu betreten“ (ebd., S. 119). Dies stellte Philologen jedoch nicht nur vor eine interessante neue Herausforderung, sondern verpflichtete auch Begriffe zu klären und Definitionen aufzustellen. Die Grenzen der Gattung Schwank sind mal definitiv, mal verschwommen. So war die „Gattungsdämmerung“[2] (ebd., S. 123) in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts durchaus willkommen. Einerseits wurde so die Last des Bemühens einer genauen Definition genommen, andererseits bestand noch immer die Problematik der genauen Erfassbarkeit einer bestimmten Gattung.[3]

Definitionen und Taxonomien für die Gattungen des Schwankes und des Witzes wurden in den Sprachwissenschaften mittlerweile festgelegt. Letztere findet man zum Beispiel in Form von Bausingers Formtypen, welche Erkennungsmerkmale zur Klassifizierung eines Schwanks beinhalten. Doch jegliche Definitionen und Erkennungsmerkmale müssen nicht bedeuten, dass diese auch von jedem Philologen genutzt werden bzw. einer allgemeinen umfassenden Abgrenzung der Gattung dienen.

Diese Vagheit der Gattungsgrenzen des Schwanks und die Tatsache, dass die Gattungsbegriffe nicht immer gleichbedeutend genutzt werden, ist die Intention dieser Ausarbeitung. Im Folgenden werden Neumanns Vom Schwank zum Witz. Zum Wandel der Pointe seit dem 16. Jahrhundert sowie seine darin gewählten Schwänke unter Bezug von Bausingers Ansichten und seinen Formtypen aus seinem Werk Bemerkungen zum Schwank und seinen Formtypen genauer betrachtet. Dabei liegt das Hauptaugenmerk auf den von Neumann gewählten Beispielen der Schwänke, die er als solche in seinem Werk benannt hat. Aufgrund der unterschiedlichen Begriffsnutzung von Schwänken, Witzen und Anekdoten versucht diese Ausarbeitung festzustellen, ob es sich bei Neumanns gewählten Schwänken um Schwänke nach Bausingers Formtypen handelt.

2. Bausingers Formtypen

Bausinger beruft sich bei seinen Formtypen des Schwanks, auf die bisherige positive Bewährung der Nutzung von Formeln zur Beschreibung sozialer Prozesse. Was sich in verschiedenen Sparten der Sozialwissenschaft bewährt hat, trifft seiner Meinung nach auch auf den Schwank zu. Denn ebendieser lebt von seinen und durch seine zwischenmenschlichen Entwicklungen, (vgl. Bausinger 1967, S. 126)

Diese Entwicklungen bzw. Abläufe in einem Schwank weiß Bausinger in vier Formtypen einzuteilen, welche je nach Verlauf bzw. Handlung der Protagonisten eine weitere Unterscheidung verlangen.[4]

(1) Ausgleichstyp

- Übermut
- Revanche

(2) Steigerungstyp

- Übermut
- Revanche

(3) Spannungstyp

(4) Schrumpftyp

Bausinger macht es einem Nicht-Schwank- aber Fußballkenner leicht, die Form und somit den Ablauf eines Schwankes zu verstehen.[5] Mit Verständnis der Form ist hier gemeint: Der Rezipient vermag zu greifen, dass der Schwank als eine Art Wettkampf verstanden werden kann. Bestimmte Bewegungen der Handlungen eines Wettkampfes, seien sie noch so „vielseitig und vielfältig [...] lassen sich [...] normieren“ (Bausinger 1967, S. 125).

Dabei erhebt er nicht den Anspruch einer allgemein gültigen Norm. Für ihn ist es eher der Versuch, „die innere Form der Gattung Schwank genauer zu beschreiben“ (ebd.). Er ist sich sowohl seiner unorthodoxen Herangehensweise als auch der Möglichkeit des Zufallbringens seiner formelhaften Typologie durch eventuelle Entdeckungen in der Untersuchung des lebendigen Erzählvorgangs durchaus bewusst. Sein Bemühen, zur Aufstellung dieser Formtypen, liegt für ihn darin auf einige Wesensmerkmale des Schwanks aufmerksam zu machen. Eine Art Erkennungsmerkmal, welches sich bei der Anwendung auf diverse Schwänke, bewährt hat. (vgl. ebd., S. 125ff)

3. Neumanns Vom Schwank zum Witz

Neumann arbeitet sich entlang des Wandels der Pointe vom Schwank bis zum Witz. Dabei veranschaulicht er seine Aussagen anhand von über 60 Texten, welche beispielhaft für Schwänke, Anekdoten, Witze u.a. Stehen. Die Intention seiner Arbeit liegt darin den „Wandel in dem, was Lachen erregt“ (Neumann 1986, S. 11) zu veranschaulichen. Dabei spielt der Begriff der Pointe für Neumann eine wichtige Rolle (vgl. ebd.).

Neumann veranschaulicht anhand zahlreicher Beispiele die Entwicklung der Pointe. Dies ist ebenso positiv zu bewerten wie seine Einleitung in eine eindeutige Forschungsrichtung. Negativ hingegen fällt die erfolglose Suche nach Definitionen der Gattungen auf. Neumann nutzt Gattungen wie Schwank, Anekdote oder Witz ohne dem Leser zu vermitteln, was er unter diesen Begriffen versteht. Dass diese Definitionen jedoch unerlässlich sind, machte schon Bausinger (1967, S. 122) durch seine Aussage deutlich, dass die „Abgrenzung gegen den Witz [...] ein wichtiges Element in der Definition der Gattung“ sei. Ohne Abgrenzung keine Definition und ohne Definition keine eindeutige Aussage. Erschwert wird dieses Alleinlass sen des Lesers darüber hinaus noch durch die Nutzung der Begriffe. Neumann nutzt die Begriffe nicht nur ohne vorherige Definition, sondern gebraucht diese im Laufe seiner Ausführungen für unterschiedliche Gattungen.[6] Neumann scheint diese Irritation nicht zu stören, so vermag man es seinen Schlussbemerkungen zu entnehmen:

Abgesehen von der Schwierigkeit, gerade an den Rändern der jeweiligen Textsorte, sei es nun Schwank, Facetie, Anekdote oder Witz, die einzelnen Erscheinungen voneinander zu unterscheiden, genügt es hier zu konstatieren, daß es sich bei all diesen Erzählformen um sogenannte „Pointetypen" (Neumann 1986, S. 143, zitiert nach Straßner 1978, S. 6) handelt. (Neumann 1986, S. 143)

Ihm ist folglich nicht die Definition der Gattung wichtig, sondern eher die Tatsache, dass es sich um Erzählformen handelt, welche eine Pointe in sich tragen. Im Folgenden wird veranschaulicht, dass diese Fokussierung auf die Pointe scheinbar zu einer Vernachlässigung der Definitionen und des Begriffsgebrauchs geführt hat.

3.1 Neumanns Begriffsnutzung

Neumann hat „eine Darstellungs- und Argumentationsform gewählt, die im Vorführen und Analysieren von Beispielen besteht“ (ebd., S. 144). Wie bereits erwähnt, verweigert er dabei jegliche Definitionen. In seinem Schlusswort erläutert er, dass für ihn das „Verstanden-haben“, also das „บmgehen-können“ mit Beispielen wichtiger ist und nicht der „Besitz und Erwerb allgemeiner Begriffe“ (ebd., S. 145). Wie dieses „Umgehen­können“ und kein „Besitz und Erwerb allgemeiner Begriffe“ nach Neumann aussehen kann, wird im Folgenden anhand eines Beispiels veranschaulicht:[7]

Der Nachtstuhlprobierer

Ein Mann wollte in einer grossen Stadt zu einem gehen, der sehr weit wohnete. Unterwegs kam ihm die Nothdurft dermassen an, daß er sich kaum halten konnte. Da er keinen bequemen Ort sogleich fand, und eben vor einem Tapezier vorbey gieng, so trat er zu ihm herein, und fragte, ob er überzogene Nachtstühle fertig habe? Der Mann zeigte ihm einen; da er aber gefragt wurde, ob er keine reichem habe? antwortete er, daß er welche mit Sammet von allerley Farben habe. Nun, holen Sie einige her, sagte der erstere. Der Tapezier lief weg, um sie zu holen. Unterdessen zog jener die Hosen ab, und entledigte sich in den Stuhl, der ihm zuerst gewiesen worden. Als der Tapezier wiederkam, und ihn in dieser Positur fand, rieff er: Was machen Sie da? Mein Herr. Ich probire ihn, antwortete er, er steht mir aber nicht an. (Vade Mecum 1764: T.l, Nr. 237, zitiert nach Neumann 1986, S.72f)

Neumann leitet dieses Beispiel durch die Nutzung der Begriffe Schwänke und Anekdoten ein, vergleicht es mit einem Katzipori-Schwank, schlussfolgert, es handele sich um eine Anekdote und bezeichnet die Protagonisten abschließend als Witzfiguren.

Während man anfangs noch im Glauben ist, Neumann würde hier ein weiteres Schwank Beispiel gebrauchen, man sich durch den Vergleich zum Katzipori-Schwank noch bestätigt fühlt, so endet der Lesegenuss dieses Teiles mit der Verwirrung, als Neumann die Beispiele als Anekdoten deklariert. Weitergehend spricht er von den Hauptpersonen als Witzfiguren, dabei wurde durch Neumann nirgends eine Ähnlichkeit, Beziehung oder Übereinstimmung der Witzfiguren zu denen der Schwankfiguren genannt, (vgl. Neumann 1968, S.72ff)

3.2 Betrachtung eines exemplarischen Schwanks

Nachdem nun anhand eines Auszugs die verwirrende Begriffs-Nutzung veranschaulicht wurde, wird weitergehend, mithilfe von Bausingers Ansichten und seinen Formtypen, versucht festzustellen, ob es sich bei den von Neumann genutzten Schwänken tatsächlich um diese Gattung handelt.

Bausinger überprüfte seine Formtypen anhand zahlreicher Schwänke. Konnte sogar eine prozentuale Verteilung, was wiederum zur Bestätigung seiner Normierung führt, nennen. Neumann selbst ist nicht überzeugt von dieser Herangehensweise, seiner Meinung nach ist dies ein Versuch „überhistorische Strukturmerkmale herauszustellen“, womit sich jedoch „historische Veränderungen, Lemgeschichten nicht erfassen“ lassen.[8] Das trifft durchaus zu. Jedoch geht es Bausingerbei seiner Normierung, um Erkennungsmerkmale. Formen bzw. Formeln die sich in den von ihm überprüften Schwänken - nicht Witzen, Anekdoten o.ä. - wiederfinden ließen und somit zu einem Erkennungsmerkmal des Schwanks nutzen lassen. Offensichtlich arbeitet Neumann in dem Bewusstsein dieser

Formtypen, ohne seine als Schwänke deklarierten Beispiele damit zu überprüfen. Betrachtet man den folgenden „Schwank“ unter Bezug von Bausingers Formtypen wird man feststellen, dass es sich nicht um einen Schwank handelt.

Ein sehr grobes hosentuch zu Nümbergk imm Sandbad geschnitten.

Es kamend gutte Schlucker und gesellen in faßnachten bey einem kazipori zusamen, assen und truncken, sprungen und sungen, in summa waren guter ding. Nach dem allem hebt man an zuspilen und karten auff mancherley arth und spilen umb hering, bratwürst, wein unnd letztlich umb das bad unnd Zuber. Wie man nun mit trummel und pfeiffen in das bad wuscht, und etliche vierthel mit Feldtliner hinach tregt, truncken die guten brüder starck, unnd schlug in der wein in den kopff, daß sie schläfferig wurden unnd gantz verdrossen. Wie nun allweg zwen und zwen von wegen der grossen heb bey einander sitzen mustén, denn es war also bestellt unnd gespilet worden, war ein seltzammer abenthewrer under inen, der setzt sich zu einem grossen jungkherren, der wol bezecht und närrisch genugsam, dann es in faßnachten war, do die narren mit hauffen sich regten unnd her flohen wie die weyssen mucken. Und wie der jungkherr imm wasserbad entschläfft, und dem anderen gutten gesellen noth scheissen war, schisß er mit gunst, wissen unnd willen in den Zuber unnd schwemmet dem jungkherm die brocken oder rosen vor dem maul hin unnd wider, machet im auch sein nyderwadt auf und stoßt im ein guten klump in die kerben. Der jungkherr begund sich ein wenig zuregen. Der gut gesell der stellt sich, als schlief er auf das härtest, und schnarcht darzu. Der jungkherr stoßt den abentheürer und sagt: „Was ist das?“ Der abenthewrer schreyt laut: „Botß drüß! der jungkherr hat inns bad geschissen, man muß in straffen.“ Die andern guten Schlucker, welche darneben sassen, lachten des bossen und giengen zu raht, wie sie den jungkherm straffen wolten. So ward endtlich nach langem rahtschlagen beschlossen, daß der jungkherr solt zwo chronen zur straff geben, eine der gselschafft, die ander den badknechten, die auch geme truncken unnd keinen trunck außschlagen. (Lindener [1558] 1883, S.71f, zitiert nach Neumann 1986, S. 69f)

Bausinger beschreibt in seinen, den Formtypen zugehörigen, Formeln die jeweiligen Protagonisten als D (= der Dumme) und V (= der Verständige). Ein Merkmal, welches die Rezipienten eines Schwanks schon zu Beginn des Textes auf die jeweiligen Charaktertypen und somit deren Stellung anwenden konnten. So kann der Unterlegene bzw. der Dumme schon durch „seine Dummheit, durch seine Schwäche oder Haltlosigkeit, aber auch durch einen körperlichen Defekt“ (Bausinger 1967, S. 128) charakterisiert sein. Eigenschaften, welche in diesem Beispiel auf keinen der Protagonisten zutreffen. Für dieses Problem kann man die durch Bausinger benannte „soziale Etikettierung“ (ebd., S. 130) nutzen. „Der sozial Niedrigstehende spielt dem Höherstehenden einen Streich“ (ebd., S.71), ein gängiges Motiv in Schwänken. Diese ungleiche soziale Stellung trifft auf Neumanns gewähltes Beispiel zu. Am Ende steht der

[...]


[1] „Grundsätzlich neue Aspekte der Erzählforschung ergaben sich nach 1950 unter dem Begriff Alltägliches Erzählen, wobei es sowohl um bisher wenig beachtete Kommunikationsanlässe wie um eine Erweiterung des Genrekatalogs [...] geht. Daß diese Erzählkategorien angesichts des Schwindens traditioneller Gattungen zunehmend an Bedeutung gewinnen, haben von dt. Seite vor allem H. Bausinger, H. Becker, S. Neumann, พ. Woeller, G.R. Schroubek und A Lehmann aufgezeigt.“ (Moser-Rath 1981, S. 548)

[2] „Eine Reihe von Untersuchungen, die vom lebendigen Erzählgut ausgeht, stellt die allzu festen Gattungsgrenzen in Frage.“ (Bausinger 1967, S. 123)

[3] Leopold Schmidt wies in verschiedenen Abhandlungen auf die große Zahl der vorhandenen Mischtypen zwischen den Gattungen hin (vgl. Bausinger 1967, S. 123)

[4] Im Anhang befindet sich eine tabellarische Übersicht der Formtypen.

[5] Bausinger beschreibt den Schwank als Wettkampf und illustriert dies anhand eines Fußballspiels, (vgl. Bausinger 1967, S. 125)

[6] Neumann erklärt die Strategie des witzigen Sprechens, durch die lückenhafte Informationsgebung, um den Rezipienten dazu zu zwingen diese Lücken durch eigenes Denken zu komplettieren. Vielleicht hat er diese Strategie unbewusst auch auf seinen Text angewendet: Die Lücken die er mit fehlenden Definitionen kreiert, sollen scheinbar durch das Mitdenken des Lesers gefüllt werden, (vgl. Neumann 1986, S. 16)

[7] In Anführungszeichen gesetzte Ausdrücke nach Neumann 1986, S. 145.

[8] In Anführungszeichen gesetzte Ausdrücke nach Neumann 1986, S. 152.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Neumanns "Vom Schwank zum Witz. Zum Wandel der Pointe seit dem 16. Jahrhundert." betrachtet unter Bezug der Formtypen Bausingers
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
17
Katalognummer
V414021
ISBN (eBook)
9783668649477
ISBN (Buch)
9783668649484
Dateigröße
672 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
neumanns, schwank, witz, wandel, pointe, jahrhundert, bezug, formtypen, bausingers
Arbeit zitieren
Pia Rudolphi (Autor), 2017, Neumanns "Vom Schwank zum Witz. Zum Wandel der Pointe seit dem 16. Jahrhundert." betrachtet unter Bezug der Formtypen Bausingers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/414021

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