Der Wandel der Familie und die Folgen für den Sozialisationsprozess


Hausarbeit, 2005
20 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung
1.1. Zum Begriff „Familie“

2. Der Wandel der Familie als Ausdruck von gesellschaftlichen Veränderungsprozessen
2.1. Nichteheliche Lebensgemeinschaften

3. Die Bedeutung der Familie im Sozialisationsprozess
3.1. „Neue“ Familienformen und die Folgen für die Sozialisation
3.1.1. Alleinerziehende
3.1.2. Stieffamilien
3.1.3. Gleichgeschlechtliche Eltern: Eine neue Lebensform?
3.2. Erwerbstätige Mütter und die Auswirkungen auf die Kinder

4. Der Wandel elterlicher Erziehungsziele und Erziehungsverhalten: Von der Prügelstrafe zur Verhandlungsstrategie

5. Schluss

6. Quellenangabe

1. Einleitung

„Die Familie ist ein Sozialgebilde, dessen Struktur innerhalb der Gesellschaftsordnung durch Stabilität und Kontinuität gekennzeichnet ist.“[1] Dieser Tatbestand macht eine Familie zu einer Institution. Doch wie stabil und kontinuierlich ist diese Institution heutzutage wirklich, wenn Ehescheidungen weltweit zunehmen und dadurch Elternteile wegfallen, oder durch die Wiederheirat eines Elternteils neue Personen in den Lebensraum der Kinder eindringen? Immerhin gilt die Familie als die wichtigste Sozialisationsinstanz, „... die auch maßgeblich die Weichen für die spätere soziale Platzierung des Individuums stellt“.[2] Wird der Sozialisationsprozess nicht dadurch gestört?

In Zusammenhang mit der Veranstaltung „Einführung in die Bildungssoziologie I – Individuum und Gesellschaft“ möchte ich mich mit dem Thema Der Wandel der Familie und die sich daraus ergebenden Folgen für die Sozialisation auseinandersetzen. Dazu dient mir das Buch „Familie heute - Wandel der Familienstrukturen und Folgen für die Erziehung“ von R. Nave-Herz als Grundlage. Allerdings ist dieses Thema sehr weitläufig. Deswegen kann diese Arbeit nur einen Überblick darstellen, da sie sonst den mir erlaubten Umfang sprengen würde.

Der Titel dieser Arbeit beinhaltet also die Entwicklung der „Familie“ im historischen Kontext. Aus verschiedenen Formen der Großfamilie, hat sich heute die klassische Vater-Mutter-Kind-Familie entwickelt. Oder gilt diese auch schon für überholt? Tatsache ist doch, dass sich seitdem auch neue Lebens- und Familienformen, wie nichteheliche Lebensgemeinschaften, Ein-Personen-Haushalte, Alleinerziehende und allein herumirrende Elternteile, gleichgeschlechtliche Eltern usw. hervorgehoben haben. Diese Entwicklung hat nicht nur einen veränderten Familienbegriff, sondern auch eine veränderte Familienstruktur zur Folge.

1.1. Zum Begriff „Familie“

Die Stabilität und Konstanz eines Beziehungsnetzes zwischen bestimmten Elementen wird in der Soziologie als Struktur bezeichnet. Wird die Struktur des Systems „Familie“ analysiert, dann ist damit eine Analyse der innerfamiliären Rollenverteilung und die Betrachtung von Rangordnung und Zusammenhang zwischen den einzelnen Rollenträgern gemeint. Die Frage nach dem Wandel von Familienstrukturen bezieht sich darauf, ob diese sich im Verlauf der Geschichte verändert haben.[3]

Was heute Familien in unserer Gesellschaft von anderen Lebensformen unterscheidet, ist zunächst ihre biologisch-soziale Doppelnatur, da sie eine Reproduktions- und Sozialisationsfunktion besitzt. Außerdem besitzt eine Familie ein besonderes Kooperations- und Solidaritätsverhältnis, aus dem sich „… eine ganz spezifische Rollenstruktur mit nur für sie geltenden Rollendefinitionen …“[4] ergibt. Darüber hinaus besteht eine Familie aus mindestens zwei Generationen. Bezieht sich die Generationsdifferenzierung ausschließlich auf die Eltern-Kind-Einheit, wird von einer Kernfamilie gesprochen.

Nach dieser Definition von Nave-Herz stellen also auch Alleinerziehende und nichteheliche Lebensgemeinschaften mit Kindern Familiensysteme dar, da eine eheliche Basis – soziologisch gesehen – nicht mehr als Voraussetzung für eine Familie gesehen werden darf.[5]

Wie es zu dieser Entwicklung kam, wird im nächsten Kapitel behandelt. Doch zunächst ein kleiner historischer Rückblick:

Bis Anfang der 70er Jahre ging man noch von der Annahme aus, dass der Drei-Generationen-Haushalt in der vorindustriellen Zeit vorherrschend war. Inzwischen ist empirisch belegt, dass dies nur ein Mythos war, da u.a. die damals geringe Lebenserwartung oder die schlechte ökonomische Situation einer Familie diese Lebensform kaum zuließen. Es lebten also nur dann mehrere Generationen zusammen, wenn die produktiven Voraussetzungen dafür gegeben waren.

Heute ist die Lebenserwartung um einiges höher und durch das soziale Auffangnetz werden die elementaren materiellen Notwendigkeiten eines Einzelnen sichergestellt. So gibt es gegenwärtig mehr Drei- oder sogar Vier-Generationen-Familien als früher, doch wohnen die Familienmitglieder nicht mehr alle unter einem Dach, sondern in verschiedenen Haushalten. Die Familiensoziologie nennt diese historisch neue Familienform die Multilokale-Mehrgenerationen-Familie.

Damals überwogen also erweiterte Kernfamilien (Familien ohne Produktionsfunktion) und größere Haushalte, bestehend aus Familienmitgliedern und familienfremden Personen (Familien mit Produktionsfunktion und Gesellen, Dienstmädchen etc.).[6]

Ein weiteres Missverständnis war auch die Annahme, dass die vorindustriellen Familien eine hohe Kinderanzahl hatten. Doch hier ist die explizite Unterscheidung zwischen Geburten- und Kinderzahl relevant: Kirchenbüchern waren zu entnehmen, dass verheiratete Frauen durchschnittlich 8-12 Geburten zu überleben hatten. Doch starben weit mehr als die Hälfte der Kinder schon im Säuglings- oder Kleinkindalter durch Epidemien, Kriege, Hunger und Kinderkrankheiten, wie Scharlach, Masern, Pocken usw. So betrug die tatsächliche Kinderzahl pro Familie im Schnitt nur drei bis vier.[7]

In den 50er und 60er Jahren kam dann der Vorwurf auf, die Familie würde zunehmend einen Funktionsverlust erleiden; „… d.h. die Abgabe wichtiger Aufgaben an andere gesellschaftliche Institutionen“.[8] Seit der Trennung von Wohn- und Arbeitsstätte ist dieser Verlust deutlich an der ökonomischen Funktion von Familie zu erkennen. Doch dafür hat eine Familie bis heute ganz andere Funktionen zugeschrieben bekommen, „… die sich aus ihrer Identifizierung mit »Privatheit« ergaben und die sich ganz wesentlich auf den Bereich der Primärsozialisation bezogen“.[9]

2. Der Wandel der Familie als Ausdruck von gesellschaftlichen Veränderungsprozessen

Einerseits wurde in den letzten Jahren in zahlreichen Veröffentlichungen verstärkt der Stabilitäts- und Verbindlichkeitsverlust von Ehe und Familie betont und von den Verfassern als De-Institutionalisierungsprozess bezeichnet. Doch andererseits steht dem gestiegenen Traditionsverlust, die zugenommene Auflösung fester Verbindlichkeiten gegenüber, was die Zunahme an individueller Freiheit bedeutet. Der Mensch hat somit die Möglichkeit zwischen verschiedenen Formen menschlichen Zusammenlebens zu wählen. Diese Entwicklung wird auch Individualisierungsprozess genannt und ergibt sich aus der ökonomischen Wohlstandssteigerung, dem in Deutschland vorhandenen sozialen Auffangnetz, dem gestiegenen Bildungsniveau usw.

Während also die De-Institutionalisierungsthese „… den Bedeutungsverlust von Ehe und Familie und damit auch den quantitativen Rückgang der „Normalfamilie“ (=Zwei-Eltern-Familie)“[10] betont, beinhaltet die Individualisierungsthese den Hinweis darauf, dass die Familie nicht mehr als die primär erstrebenswerte Lebensform betrachtet wird, sondern – ganz im Gegenteil – sich sogar neue Familienformen herausgebildet haben.

Die vollzogenen gesamtgesellschaftlichen Veränderungsprozesse zeigen sich aber auch in anderen Bereichen. Die damals steife Vorstellung davon, dass der Vater/Mann für die ökonomische Sicherheit der Familie zu sorgen hat und die Mutter/Frau für den Haushalt bzw. für die Erziehung und Pflege der Kinder zuständig ist, ist heutzutage nicht mehr so starr gegeben.[11]

Auch die gesellschaftliche Betrachtungsweise von ledigen Müttern hat einen deutlichen Wandel gemacht. In der Vergangenheit hatten unverheiratete Mütter es schwer ihre Lebensform auszuleben, denn sie wurden gesellschaftlich verachtet und erhielten sogar öffentlich eine Bestrafung (Zuchthaus, körperliche Züchtigung usw.). Anfang des 20. Jahrhunderts wurde dann das Problem lediger Mütter thematisiert, so dass sich langsame Veränderungen anbahnten: der 1905 gegründete Verein „Bund für Mutterschutz und Sexualreform“ zeigte großen Einsatz, um rechtliche und soziale Veränderungen herbeizuführen.[12]

„Wurde also zuvor ledige Mutterschaft als individuell zu verantwortende Verfehlung geahndet, ließ man ledige Mütter nunmehr eher Mitleid und deswegen Schutz und Unterstützung zuteil werden.“[13]

Einen neuen gesellschaftlichen Status bekamen die unverheirateten Mütter dann endgültig als 1970 die rechtliche Diskriminierung aufgehoben wurde.

„Seitdem – vor allem auch im Zuge der Neuen Frauenbewegung – wird nicht nur die Abschaffung aller Vorurteile gegenüber einer ledigen Mutter … gefordert, sondern ledige Mutterschaft wird nunmehr auch als eine neue alternative Lebensform zur traditionellen Eltern-Familie proklamiert.“[14]

[...]


[1] BEGEMANN, Helmut: Strukturwandel der Familie, 2., überarbeitete Auflage, Witten 1966, S. 40.

[2] SCHÄFERS, Bernhard (Hrsg.): Grundbegriffe der Soziologie, 4. verbesserte und erweiterte Auflage, Opladen 1995, S. 280.

[3] NAVE-HERZ, Rosemarie: Familie heute. Wandel der Familienstrukturen und Folgen für die Erziehung, 2., überarbeitete und ergänzte Auflage, Darmstadt 2002, S. 11.

[4] a. a.. O., S. 15.

[5] Ebenda.

[6] NAVE-HERZ, Rosemarie: Ehe- und Familiensoziologie. Eine Einführung in Geschichte, theoretische Ansätze und empirische Befunde, Weinheim und München 2004, S. 37 f.

[7] a. a. O., S. 41.

[8] GESTRICH, Andreas: Vergesellschaftungen des Menschen. Einführung in die Historische Sozialisationsforschung, in: Historische Einführungen, Band I, Tübingen 1999, S. 119.

[9] Ebenda.

[10] NAVE-HERZ, Rosemarie: Familie heute. Wandel der Familienstrukturen und Folgen für die Erziehung, 2., überarbeitete und ergänzte Auflage, Darmstadt 2002, S. 13.

[11] a. a. O., S. 13 f.

[12] a. a. O., S. 99 f.

[13] a. a. O., S. 100.

[14] a. a. O., S. 101.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Der Wandel der Familie und die Folgen für den Sozialisationsprozess
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Veranstaltung
Bildungssoziologie
Note
2
Autor
Jahr
2005
Seiten
20
Katalognummer
V41467
ISBN (eBook)
9783638397193
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wandel, Familie, Folgen, Sozialisationsprozess, Bildungssoziologie
Arbeit zitieren
Charisma Capuno (Autor), 2005, Der Wandel der Familie und die Folgen für den Sozialisationsprozess, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41467

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