Rhetorik und Humor. Hartmann von Aues Erzähler im "Erec"


Hausarbeit, 2013

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der Erzähler im Erec

2. Die Erzählerbemerkung / Der Erzählerkommentar
2.1 Die Redetopoi, andere Motive und Stilmittel
2.2 Ironie, Komik und Verwirrungen
2.3 Erzähler-Publikum-Verhältnis

3. Selbstinszenierung oder Fiktionalitätsdurchbrechung?

Anhang

Literaturverzeichnis

1.Der Erzähler im Erec

„Im höfischen Roman zeigt sich der Erzähler als souveräner Mittler zwischen dem Stoff- der das gesamte relevante Wissen umfasst - und dem Publikum.“1 Für eine Analyse des Erzählers im Erec, dem ersten deutschen Artusroman von Hartmann von Aue, ist diese Feststellung von Armin Schulz elementar. Die Art und Weise wie Hartmann das Interesse des Lesers mit Erzählerkommentaren und Bemerkungen steuert, macht deutlich, wie stark in der aufkommenden Schriftlichkeit auch Mündlichkeit noch integriert war. Es werden Rollenspiele in sekundärer Mündlichkeit thematisiert und Gespräche mit fingierten Zuhörern geführt. Der Erzähler wird als eine fiktive Person ausgegliedert und das, was er über sich selbst sagt, kann, trotz der Personifizierung durch „Ich“, nicht eins zu eins als Aussage des realen Autors gesehen werden.2 Dieser Erzählstil ist in den ersten Artusromanen neu. Schon bei Chrétiens Erec et Enide ist die Nutzung der ersten Person Singular vorhanden, aber noch nicht so stark ausgeprägt wie dann bei Hartmanns Erec. Die Erzählerbemerkungen nehmen hierbei eine wichtige Funktion innerhalb des Textes ein.3 „Hartmann hält sich inhaltlich relativ eng an das Handlungsgerüst von Erec et Enide, aber gegenüber dem objektiven Erzählton Chrétiens zieht er häufigen Rekurs auf direkte Rede und szenisches Gestalten vor, Kürzungen [...] stehen zahlreiche Erweiterungen gegenüber, nicht nur die bekannte hyperstrophe Beschreibung von Enites Pferd [,..].“4 Der allwissende Erzähler des höfischen Romans darf auch nicht mit dem heutigen Verständnis des personalen oder auktorialen Erzählers gleichgesetzt werden. Er kann aber als ein extradiegetischer Erzähler mit Nullfokalisierung beschrieben werden.5 Zwar geht es um die Wahrnehmung eines Kollektivs, aber trotzdem kann der Erzähler sich den Blickwinkeln einzelner Figuren stark annähem.6 In der Forschung ist im Zusammenhang mit der Rolle des Erzählers die Fiktionalität ein viel untersuchtes Thema. Provoziert Hartmann mit ironischen Bemerkungen die Fiktionalitätsdurchbrechung? Klaus Ridder vertritt die Meinung, dass ,,[d]ie Inszenierung des Erzählsubjektes, des Erzählaktes und der literarischen Kommunikationssituation [sich] als eine erste wichtige Schicht der Fiktion verstehen [lässt]“7. Jürgen Wolf setzt dem entgegen, dass diese Eingriffe des Erzählers schon seit der Antike rhetorische Grundausstattungsmerkmale für Literatur sind und daher nicht als Fiktionalitätsmerkmale agieren.8 Ziel meiner Arbeit soll sein, diese Erzählerkommentare zu analysieren und auch direkte Einschübe zu berücksichtigen, denn dort lassen sich beim Lesen oftmals bekannte Redetopoi, Stilmittel und Ironie nachweisen.9 Von besonderem Interesse ist der Gesamteindruck von Hartmanns Eingriffen mit Hilfe seines Erzählers und auch der Ausdruck seiner emotionalen Beteiligung. Außerdem ist von Belang, ob Hartmann seinen Humor eingesetzt hat, um zu unterhalten oder vorwiegend die anderen Stilmittel, um uns vor allem zu belehren. Es ist wichtig zu beachten, dass es im Mittelalter keine Anführungszeichen gab und bei einem Vortrag vermutlich oft Schwierigkeiten für das Publikum entstanden, zu erkennen, ob nun der Redner, der Erzähler oder eine Figur in der direkten Rede spricht.10 Daher werden „Witze“, Lob oder Kritik evtl, unterschiedlich verstanden worden sein. Zuerst muss nun eine Definition gefunden werden, welche erklärt, was mit Erzählerbemerkungen oder - kommentaren gemeint ist.

2.Die Erzählerbemerkung/ Der Erzählerkommentar

Eine Erzählerbemerkung unterscheidet sich durch bestimmte sprachliche Mittel vom Erzähltext, wobei man eine Unterscheidung zwischen epischen Teilen und Redeteilen machen kann.11 „[Sie] ist das Produkt einer Sprechhandlung des Erzählers, die nicht als ,Erzählen‘ umschrieben werden kann.“12 Auch sind dabei besonders wertende Stellungnahmen auffällig, die z.B. an bestimmte Adjektive geknüpft sind. Da eine persönliche Haltung des Erzählers im Erec ziemlich oft zum Ausdruck kommt, ist ein persönlicher Erzähler Voraussetzung. Es findet sich insgesamt ein geselliger persönlicher Erzähler, der „eine lebhafte Mimik [zeigt], [...] geistreich-kokett, ritterlich-höfisch, idealisierend und pädagogisch, anteilnehmend, selbstironisch und humoristisch [ist]“13.

Um sein Publikum in den Bann zu ziehen, benutzt er erzähltechnische Mittel, wie z.B. Beglaubigungen und Verlebendigungen. Er wird durch seine Kommentare nicht nur zum Dichter, sondern auch zum Erzieher.14 Es gibt laut Paul Herbert Arndt vier Gegenstandsbereiche der Erzählerbemerkungen. Erstens: über sich und über das Publikum, zweitens: über sein Handeln, drittens: über das Dargestellte und viertens: über allgemeine Tatsachen der Erfahrungswelt.15 Im Erec sind sie alle zu finden. Hartmann lässt den Erzähler dafür sowohl direkt in „Ich- Form“ eingreifen als auch durch wertende Begriffe zur indirekten Beeinflussung des Publikums agieren. Im Näheren werde ich anhand von Beispielen die Redetopoi und andere Mittel, wie Ironie und Komik, und das Verhältnis des Erzählers mit dem Publikum analysieren, um aufzuschlüsseln, ob Hartmann die Erzählerkommentare mit der Intention eingesetzt hat, um verschiedene Wirkungen hervorzurufen und sich selbst als Autor zu inszenieren oder ob sie zum normalen Inventar gehörten.

2,1 Redetopoi. andere Motive und Stilmittel

Hartmann zieht alle Register der klassischen Rhetorik. Typisch sind z.B. der Unfähigkeitstopus oder der Bescheidenheitstopus. Sich selbst als einen tumben kneht zu bezeichnen wird durch einen Unsagbarkeitstopus und etliche Entschuldigungen als rhetorische Figur verwendet (V. 7481-7486)16.17 Auch Beispiele für bildliche Topoi und Metaphern lassen sich im Erec nachweisen. Zum Beispiel wird der boumgarten als vollkommener locus amoenus dargestellt. Schlussendlich entpuppt sich dieser dann als Ort des Todes (V. 8699ff.).18 Vor allem aber, wenn der Autor den Erzähler so auftreten lässt, dass dieser wiederkehrend auf die Wahrheit seiner Geschichte besteht, entspricht er damit den normalen Anforderungen seines Publikums.19 Stereotype Kurzformeln, wie daz istwar oder deiswar, vür war oder zeware kommen dagegen meist nur wegen der Versform vor. Hartmann nutzt zur Bekräftigung seiner Wahrheit Quellenberufungen. Das tut er insbesondere an den Stellen, wo er von der Vorlage Chrétiens abweicht, um seine Veränderung zu untermauern.20 Termini, wie buoch, maere, aventiure, sagen, hoeren, aber auch meister sind dabei die Regel für den Überlieferungsnachweis.

Während eines großen Teils des Pferde-Exkurses - bei dem es um ein vom Dichter geschaffenes Pferd für Enite geht - beschäftigt sich der Erzähler mit den Aufgaben und der Arbeit eines Dichters. Dieses Vorgehen hat keine Vorlage durch Chrétien.21 Daher kommen hier auch sämtliche Stilmittel gemeinsam vor. Quellenberufungen bei der Schönheit und der Geschichte des Pferdes: ez enmohte neimen vast / deheine wîle ane gesehen: / des hörte ich im den meisterjehen (V. 7297-99); waz sol iu mê dâ gezalt? / als uns der meister seite, [...] (V. 7461f,). Die Wahrheitsbeteuerung beim Laufschritt des Tieres: swer dar ûfe gesaz, / zewäre sage ich iu daz, [...] (V. 7446f.) und bei der Satteldedaz ich iu rehte seite

von diseme gereite,

wie daz erziuget w#re,

daz -würde ze sw#r

einem also tumben knehte:[...]· (V. 7476- 80)

Dieser Topus wird mit der brevitas-Formel gemischt: dâ von wirt iu niht mê gezalt, / daz ich rede iht lenge, [...] (V. 7429f.) und so will ich iuch wizzen län / [...] / so ich kurzelichest kann (V. 7489-92). Diese sehr lange, folgende Beschreibung schließt er dann mit den Worten: von sus geâten dingen / was der satel vollebräht / und baz, dan ich’s hän gedâht (V. 7755-57) und nimmt nochmal Bezug darauf, dass die Geschichte wahr sein muss, da seine Phantasie nicht ausreichen würde, um sich so etwas auszudenken. Die Einzigartigkeisthyperbeln für das Pferd: also was ez vollekomen, / daz er dar abe niht hete genomen / alse gröz als umbe ein hâr (V. 7386-88) und ez enkam doch pherit nie so guot / in deheines mannes gewalt (V.7459f.) sind nur zwei Beispiele für dieses oft genutzte Stilmittel. Direkt nach diesem Exkurs nimmt er nochmal Kontakt zum Zuhörer auf, indem er die Neugier auf den weiteren Verlauf der Geschichte voraussetzt und auf die Ungeduld des Publikums reagiert: »nü sage, von wiu?« daz weiz ich wol/undsage’z, so ich’z sagen soi. /des enist noch niht zit. [...] (V. 7826-32) (hierzu mehr bei 2.3).

Die hier aufgeführten Beispiele sind die eindeutigsten, da sie dort in geballter Form auftreten. Es sind aber nur einige wenige zur Veranschaulichung, wenn man die Länge des Textes bedenkt. Trotzdem wird hier klar, dass Hartmann ganz bewusst die klassischen Mittel der Rhetorik nutzt, um vor allem seine Kunst des Erzählens zu verdeutlichen.

Auch das Lob ist eine durchgängige Technik des Autors, welche viel öfter auftaucht als ihr Gegensatz, die Kritik. Das macht ihn zu einem idealisierenden Dichter, der dem Publikum offenbar gefallen wollte. Außerdem gehört das Lob zu den wichtigsten Geschäften des panegyrischen Dichters, der seine Helden und seine poetischen Vorbilder gebührend hervorheben muss. Dieses beinhaltet auch die Überbietung und die Personencharakteristik, welche eine Auszeichnung der Figuren mit Tugenden, Weisheit und Tapferkeit als Stütze des Gesagten ist.22 Einzigartigkeitshyperbeln bekräftigen diese Hervorhebungen und unterstreichen Erstaunliches, z.B. bei der Beschreibung Enites oder Gaweins:

ich w#ne, got sînen vlîz an si häte geleit

von schAne und -von sMekeit. (V. 339-341)

der -wünsch hete in gemeistert sä,

als wir’z mit wärheit haben vernomen,

daz nie man sä vollekomen [...]! (V. 2471-2473)

Von den mittelalterlichen Epikern wendet nur Hartmann im Erec die Form des Vergleichs zur Veranschaulichung und um zu loben an: so schein diu lieh dä / durch wiz alsam ein swan (V. 329f.) und ir lip schein durch ir salwe wät / alsam diu lilje, dâ si siäi / under swarzen dornen wîz (V. 336-339), um Enites Schönheit beim ersten Anblick zu untermauern, aber auch als sie auf die Tafelrunde trifft:

von dem aneblicke, ze gelîcherwîse, als ich iu sage: als diu sunne in liehtem tage irschînvilvolleclîchen hăt [...]. (V. 1715-1718)

Zuvor hatte er zudem seine Unfähigkeit beteuert, die Schönheit von Enite beschreiben zu können:

vil gerne ich si wolde

loben, als ich solde:

nü enbin ich niht so wiser man,

mir’n gebreste dar an. [...]

si muoz von mir beliben

ungelobet näch ir rehte,

wan’s gebrist mir tumben knehte.

doch bescheide ich’z, so ich beste kann

und als ich’z -vernomen han, [...]

ez -was vrouwe Enite

diu aller schAnste maget, [...]. (V. 1590-1608)

Schon in diesem Abschnitt nennt sich der Erzähler einen tumben kneht, um seine Sprachlosigkeit noch deutlicher zu machen. Auch scheut er sich nicht davor, diese Mangelhaftigkeit seiner Kunst in der ersten Person Singular auszusprechen, was die Glaubhaftigkeit dieses Lobes noch unterstützt. Wenn es um die Art des Begehrens Erec und Enites geht, nutzt er z.B. den Habicht als bildlichen Vergleich:

dö einz daz ander ane sach, dö enwas in beiden niht baz dan einem habeche, der im sin maz

von geschihte ze ougen bringet, so in der hunger twinget:[...]. (V. 1861- 1865)

[...]


1 Armin Schulz: Erzähltheorie in mediävistischer Perspektive, hrsg. von Manuel Braun/Alexandra Dunkel/Jan-Dirk Müller. Berlin: De Gruyter2012, S. 375:

2 Ich gehe bei meiner Untersuchung nicht auf die unterschiedlichen Originalüberlieferungen ein und behandele nicht das Thema, ob Hartmann von Aue der Verfasser war. Meinen Untersuchungen liegt die Annahme zugrunde, dass Hartmann von Aue sowohl gelebt als auch den überlieferten Teil des Erec verfasst hat, der für meine Analyse relevant ist.

3 Vgl. Schulz 2012 (wie Anm. 1), S. 375f.

4 Rudolf Simek: Artus-Lexikon. Mythos und Geschichte, Werke und Personen der europäischen Artusdichtung. Stuttgart: Reclam2012, S. 102.

5 Vgl. für weitere Informationen: Matias Martinez und Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie, 7. Auflage. München: C.H. Beck 2007.

6 Vgl. Schulz 2012 (wie Anm.l), S. 385.

7 Klaus Ridder: Fiktionalität undMedialität. Der höfische Roman zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit. In: Poetica. Zeitschrift für Sprach-und Literaturwissenschaft, Band 34, hrsg. von Joachim Küpper. München: Wilhelm Fmk Verlag 2002, S. 39.

8 Jürgen Wolf: Einführung in das WerkHartmanns vonAue. Darmstadt: WGB 2007 (=Einführungen Germanistik), S. 65.

9 Es kann dabei natürlich nicht die Wirkung auf den damaligen Zuhörer untersucht werden, sondern nur mit den Empfindungen vom heutigen Leser geschaut werden, wie gewisse Kommentare gewirkt haben könnten.

10 Vgl. Schulz 2012 (wie Anm.l), S. 384.

11 Vgl. Paul Herbert Arndt: Der Erzähler bei Hartmann -von Aue. Formen und Funktionen seines Hervortretens undseineÄußerungen. Köln: Kümmerle Verlag 1980 (= GöppingerArbeiten zur Germanistik, hrsg. Von Ulrich Müller u.a., Nr.299), S. 20.

12 Ebd. S.187.

13 Uwe Pörksen: DerErzähler im mittelhochdeutschen Epos. Berlin: Erich Schmidt Verlag 1971 (= Philologische Studien und Quellen, Heft 58), S. 207.

14 Vgl. ebd.: S. 207.

15 Vgl. hierzu insbesondere: Arndt 1980 (wie Anm. 11), ab S. 40.

16 Hartmann von Aue: Erec, hrsg. von Manfred Günther Scholz, übersetzt von Susanne Held. Frankfurt am Main: DTV 2007 (= Deutscher Klassiker Verlag im Taschenbuch, Band 20). Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werden Zitate dieses Werkes mit ihrer Versangabe in Klammem gekennzeichnet, z.B. (V. 1-10).

17 Vgl. Jürgen Wolf 2007 (Anm. 8), S. 65.

18 Vgl. ebd.. S. 68.

19 Vgl. Arndt 1980 (wie Anm. 11), S. 43.

20 Vgl. ebd., S. 46-52.

21 Vgl. Joachim Bumke: Der „Erec“ Hartmanns -von Aue. Eine Einführung. Berlin: Walter de Gruyter 2006, S.133.

22 Fritz Peter Knapp: Grundlagen der europäischen Literatur des Mittelalters. Eine sozial-, kultur-, sprach-, ideen- und formgeschichtliche Einführung. Graz: Akademische Druck- und Verlagsanstalt 2011, S. 302f.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Rhetorik und Humor. Hartmann von Aues Erzähler im "Erec"
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
16
Katalognummer
V415908
ISBN (eBook)
9783668672130
ISBN (Buch)
9783668672147
Dateigröße
698 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rhetorik, humor, hartmann, aues, erzähler, erec
Arbeit zitieren
Nicole Schönbach (Autor), 2013, Rhetorik und Humor. Hartmann von Aues Erzähler im "Erec", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/415908

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