Diese Arbeit beleuchtet die kommunitaristische Kritik an John Rawl und seinen Theorien. In der liberalen Theorie nach Kant ist das Recht den Vorstellungen eines guten und gelingenden Lebens vorgeordnet, da diese von den Individuen so unterschiedlich gesetzt werden, dass sie nicht zu einem gemeinschaftlichen Prinzip taugen. Die Individuen setzen daher ein in gegenseitigem Interesse formuliertes Gesetz fest, das ihnen erlaubt, ihre Vorstellungen von einem guten Leben zu verwirklichen, ohne anderen dadurch Schaden zuzufügen.
Die liberale Theorie betrachtet die Gesellschaft als Assoziation von Individuen, von denen ein jedes seine Konzeption eines guten oder wertvollen Lebens hat. Die Funktion des Stattes sollte die Ermöglichung dieser Lebenspläne sein und dabei einem Prinzip der Gleichheit folgen. Ein sich liberal verstehender Staat darf sich nicht auf eine bestimmte Auffassung des guten Lebens gründen, sondern allein auf Prinzipien der Gerechtigkeit.
John Rawls steht in dieser liberalen Tradition wenn er schreibt: " In der Theorie der gerechtigkeit als Fairness nimmt man nicht beliebige neigungen der Menschen als gegeben hin, um dann nach der besten Art ihrer Erfüllung zu suchen. Vielmehr sind Bedürfnisse und Ziele von Anfang an durch die Grundsätze der Gerechtigkeit beschränkt."
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Theorie der Gerechtigkeit nach John Rawls
2.1 Der Urzustand und der Schleier des Nichtwissens
2.2 Die Gerechtigkeitsgrundsätze und das Differenzprinzip
3. Die kommunitaristische Kritik am Liberalismus
3.1 Die Kritik von M. Sandel am Atomismus
3.2 Konvergente Güter und die Perspektive von Ch. Taylor
3.3 Das postsoziale Selbst nach M. Walzer
4. Die diskursive Kritik und Habermas' Position
4.1 Geltungsanspruch und Kommunikationsgemeinschaft
4.2 Die Einbettung in intersubjektiv geteilte Lebensformen
5. Schlussbetrachtung: Zwischen Liberalismus und kommunitaristischer Korrektur
5.1 Demokratische Partizipationsformen
5.2 Ökonomische Ungleichheiten und die Sicherung der Rechte
Zielsetzung und Themen
Diese Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen liberalen Gerechtigkeitskonzeptionen, primär basierend auf den Thesen von John Rawls, und der kommunitaristischen Kritik, die den Fokus auf die soziale Einbettung des Individuums legt. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie liberale Grundsätze durch kommunitaristische Impulse korrigiert werden können, ohne die demokratische Freiheit aufzugeben.
- Analyse des Rawls'schen Urzustands und der Gerechtigkeitsgrundsätze
- Untersuchung der Kritik von Michael Sandel und Charles Taylor am liberalen Atomismus
- Darstellung der diskursiven Gerechtigkeit nach Jürgen Habermas
- Erörterung der Bedeutung von Tradition, Identität und kollektiven Gütern
- Diskussion über ökonomische Bedingungen als Basis für demokratische Teilhabe
Auszug aus dem Buch
Die Kritik von M. Sandel am Atomismus
An diesem zweiten Gerechtigkeitsgrundsatz, dem Differenzprinzip, entzündet sich die Kritik M.Sandels. Er kritisiert den Atomismus der Rawlschen Konstruktion, die beinhaltet, daß vereinzelte und voneinander unabhängige Personen vor aller Vergesellschaftung in zweckrationaler Wahl ihre Ziele autonom setzen. Diese Vorstellung verkennt aber ihre eigenen Grundlagen und gefährdet sie dadurch. So ist das Differenzprinzip als Teilungsprinzip angewiesen auf eine moralische Bindung unter denjenigen, deren Vor- und Nachteile aufeinander abgestimmt werden sollen. Aber: „Was das Differenzprinzip zwar voraussetzt, aber selbst nicht zu liefern vermag, ist ein Weg zur Identifikation derjenigen, in deren Gemeinschaft meine Vorteile zu Recht als Allgemeinbesitz betrachtet werden, d.h. ein Weg, und selbst als vornherein gemeinschaftlich verpflichtet und moralisch engagiert zu verstehen.“(4) Für Sandel folgt daraus, daß Gerechtigkeit nicht vorrangig sein kann, da unsere Identitäten durch unsere Konzeption des Guten gebildet werden. Die moralische Kraft unserer Überzeugungen ist demnach untrennbar mit unserem Selbstverständnis als Mitglied einer partikularen Gemeinschaft verknüpft. Sandel sucht also dadurch, daß er die anthropologischen Prämissen Rawls` als Irrtum entlarvt, den Vorrang der Konzeption des Guten vor der Gerechtigkeit zu beweisen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Kantianische Tradition und die Problematik liberaler Gerechtigkeitsvorstellungen gegenüber der Vielfalt individueller Lebensentwürfe.
2. Die Theorie der Gerechtigkeit nach John Rawls: Darstellung des methodischen Konstrukts des Urzustands und der Prinzipien fairer Gerechtigkeit.
3. Die kommunitaristische Kritik am Liberalismus: Auseinandersetzung mit der These, dass der liberale Atomismus die soziale Identität und moralische Bindung des Menschen vernachlässigt.
4. Die diskursive Kritik und Habermas' Position: Analyse der kommunikationstheoretischen Ergänzungen zum Liberalismus und der Bedeutung der intersubjektiven Anerkennung.
5. Schlussbetrachtung: Zwischen Liberalismus und kommunitaristischer Korrektur: Synthese der Argumente zur Notwendigkeit demokratischer Partizipation und ökonomischer Sicherheit als Schutz vor der Destabilisierung durch radikale Individualisierung.
Schlüsselwörter
John Rawls, Liberalismus, Kommunitarismus, Gerechtigkeit, Urzustand, Differenzprinzip, M. Sandel, Ch. Taylor, J. Habermas, Identität, Diskurs, Lebensformen, Demokratie, Partizipation, soziale Sicherung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der philosophischen Debatte zwischen liberalen Gerechtigkeitstheorien und deren kommunitaristischer Kritik sowie der diskursiven Vermittlung beider Positionen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen Gerechtigkeit, soziale Identität, das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft sowie die demokratische Willensbildung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die kritische Evaluation, ob eine liberale Theorie der Gerechtigkeit ohne kommunitaristische Einbettung tragfähig ist oder ob sie einer Korrektur bedarf.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine philosophisch-analytische Methode angewendet, die zentrale Texte der politischen Philosophie (Rawls, Sandel, Taylor, Habermas, Walzer) komparativ und kritisch interpretiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert das Modell des Urzustands, die Kritik an den zugrunde liegenden atomistischen Menschenbildern sowie die diskursive Alternative von Habermas.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen Urzustand, Schleier des Nichtwissens, differenzierter Liberalismus, intersubjektive Geltungsansprüche und die Rolle der Gemeinschaft.
Wie unterscheidet sich das liberale Selbst vom kommunitaristischen Bild?
Das liberale Selbst wird als rational und zweckorientiert verstanden, während das kommunitaristische Bild den Menschen als tief in Traditionen und soziale Lebensformen eingebunden betrachtet.
Welche Rolle spielen ökonomische Aspekte für die Gerechtigkeit?
Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass ökonomische Mindeststandards und eine faire Verteilung notwendig sind, um demokratische Rechte überhaupt erst praktisch wahrnehmbar zu machen.
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- Philip Hamdorf (Author), 1999, Die kommunitaristische Kritik an John Rawls, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/415918