Ist eine nachhaltige Entwicklung durch die Ausrichtung einer Fußball-WM möglich?

Das Beispiel Katar unter besonderer Berücksichtigung des Tourismus


Facharbeit (Schule), 2018

22 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Betrachtung der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit
2.1 Ökonomische Dimension
2.2 Soziale Dimension
2.3 Ökologische Dimension

3 Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

Anlagen

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Die Medien berichten immer wieder über die FIFA Weltmeisterschaft 2022. Auch als Nicht-Fußballfan wurde mein persönliches Interesse durch mediale Präsenz nur allzu oft auf das Thema WM und dessen Ausrichtung in Katar gelenkt. Dabei steht die Aus­wähl der Destination für dieses Sportgroßereignis im Fokus der Öffentlichkeit. Fest steht, dass die Fußballweltmeisterschaft 2022 eine polarisierende Sportveranstaltung ist. Die medialen Diskussionen missbilligen dabei das Auswahlverfahren für die Aus­tragungsstätte bzw. des Austragungslandes. Mich hingegen interessiert eher die Frage der Auswirkungen ökonomischer, sozialer und ökologischer Art, welche durch ein sol­ches populäres Sportgroßereignis wie die FIFA Fußball-Weltmeisterschaft resultieren.

Ziel meiner Facharbeit ist es somit, zu klären, inwiefern die WM in Katar im konkreten Rahmen der Nachhaltigkeit positive und negative Effekte haben kann und wie diese zu gewichten sind. In meiner Fragestellung inbegriffen ist der Tourismus bzw. die touristi- sehe Nachfrage der Destination Katar simultan zu der Fußballweltmeisterschaft. Das lässt sich sehr gut mit dem Aspekt der Nachhaltigkeit vereinbaren, denn so wird eruiert, welchen Nutzen der Tourismus während der WM für eine nachhaltige Entwicklung des Landes Katar haben kann.

In der vorliegenden Arbeit wird demnach die im Kern der Debatte stehende Fußball­Weltmeisterschaft 2022 thematisiert, Konsequenzen abgewogen, inwiefern eine anhal­tende positive Entwicklung gefördert wird oder nicht. Auf der Grundlage der abzulei­tenden Erkenntnisse ergeben sich mitunter auch mögliche Lektionen für andere FIFA WMs sowie Ansätze bezüglich der Übertragbarkeit der absehbaren Folgen auf andere Fälle, in denen eine Fußball-WM bereits stattgefunden hat oder noch stattfinden wird. Aus letzterem Grund ist diese Facharbeit von Relevanz, denn damit eine Fußball-WM das erfolgreiche Großevent bleibt, das von der Weltgemeinschaft bejubelt wird, sollte es intensiv vor- und nachbereitet werden. Auf diese Weise kann die Wiederholung be­reits bekannter Fehler vermieden werden. Diese Facharbeit soll dazu einen kleinen Beitrag leisten.

2 Betrachtung der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit

2.1 ökonomische Dimension

Zunächst möchte ich das Augenmerk darauf lenken, inwieweit die katarische Touris­musbranche durch die Ausrichtung der Weltmeisterschaft prosperiert.

"Zu den großen Gewinnern der FIFA Fußballweltmeisterschaft wird überwiegend die Tourismusindustrie zählen" (Preuß, H. & Alfs, c., 2010, S.26).

Während die FIFA die anstehenden Besucherzahlen mit einer Million beziffere, würden an der touristischen Reputation Katars orientierte Quellen bloß knapp ein Drittel dieser Menge, bzw. 300 000 Besucher, erwägen (Vgl. Burrow, s., 2015, S.10). In dieser Hin­sicht gibt es markante Abweichungen. Zufolge der IGB würden die Gäste im Zuge der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 200 Millionen USD in Hotels, 100 Millionen USD für die Versorgung und 100 Millionen USD für Flugkosten ausgeben (Vgl. Burrow, s., 2015, S.10). Die Qatar Tourism Authority gäbe an, dass im Jahr 2015 2,93 Millionen Touristenankünfte verzeichnet würden. Letzteres Pensum werde für das Jahr 2030 mindestens auf das 2,6-fache geschätzt (Vgl. Hospitality Qatar 2018, 2018). Ebenso wird folgende Veränderung anvisiert: ״Drei Viertel der Besucher [...] sind [nach Stand von 2017] geschäftlich in Katar, bis 2030 sollen [allerdings] die Freizeittouristen über­wiegen“ (Preuß, H. & Alfs, c., 2010 S.49). Daraus kann man folgern, dass der Staat Katar die Intention hat, die Besucherstruktur im Land grundlegend abzuwandeln und in den kommenden Jahren vordergründlich ein breiteres Angebot für Freizeitreisende zu schaffen. Des Weiteren sollten die Auswirkungen der FIFA Weltmeisterschaft im Jahr 2022 auf das katarische Bruttoinlandsprodukt näher erläutert werden. ״[...] [D]urch die Konsumausgaben der Besucher, die allein wegen der WM zusätzliche Mittel aus dem Ausland in das Ausrichterland bringen [...]“ kann das BIP angehoben werden (Preuß, H. & Alfs, c., 2010, S.21). Schätzungen der WTTC gäben an, dass im Jahr 2027, d.h. fünf Jahre nach der WM, 9,4 Milliarden USD durch direkte Effekte des Tourismus zum BIP beigesteuert würden. Dies entspräche zirka dem 1,5-fachen der Vergleichszahl aus dem Jahr 2016 mit 5,2 Milliarden USD. Demgegenüber steht jedoch der niedrig erwartete Anteil des Tourismussektors am BIP für 2027, d.h. fünf Jahre nach Ab­Schluss der Fußball-WM, mit 2,8 % (Vgl. Scowsill, D., 2017, S.11). Es lässt sich daher konstatieren, dass selbst trotz etwaiger ״[...] exogene[r] Mittelzuflüsse [...]“, ״[...] die Effekte [des WM-gekoppelten Tourismus] im Vergleich zur Gesamtwirtschaft sehr ge­ring und kurzfristig ausfallen“ (Preuß, H. & Alfs, c., 2010, s.21).

Zur Austragung einer Fußball-Weltmeisterschaft werden zwölf Stadien benötigt. In Ka­tar entstehen daher neun neue Multifunktionssportstätten und drei, der bereits vorhan­denen Stadien, werden umgebaut und erweitert. Aus Anpassung an die geringe Größe des Landes (mit einer Fläche von 11.586km2 (Vgl. BMWi, 2017, S.48)) werden aber nur acht Stadien als Spielorte genutzt (Vgl. Mayne-Nicholls, H., 2010, S.12 ff.). In die­sem Fall bietet die aus der geringen Größe des Landes hervorgehende räumliche Nä­he der Stadien zueinander einen Gunstfaktor. Zuschauer müssten minimal eine Stre­cke von 4,5 km und maximal eine Strecke von 55 km zwischen den Stadien Überwin­den. Aus diesem Grund ״[...] könnten Fans mehr Partien als üblich besuchen [...]“ (Welt, 2016). Dies kann einerseits die Zufriedenheit der Touristen erhöhen und ande­rerseits zu vermehrten Ticketverkäufen beitragen.

Die geplanten Stadien zeichneten sich vor allem durch ein innovatives architektoni­sches Design und die optische Anlehnung an die kulturellen Besonderheiten der Regi­on aus, zum Beispiel das Floating Off-Shore Stadium im Doha Port (Vgl. Botschaft von Katar, 2018). Diese Exklusivität kann aus ökonomischer Perspektive als Vorteil erach­tet werden.

״Größere Sportstätten, wie Z.B. Multifunktionsarenen, besitzen eine Art Leuchtturm­funktion. Sie sind moderne Kathedralen des Sports, oft weltweit bekannt und haben einen hohen Vermarktungswert“ (Habacker, c., 2008, S.39).

Mit anderen Worten: Katar wird durch den Bau der Stadien eine Vielzahl an Sehens­Würdigkeiten gewinnen. Die Stadien können auch nach der WM als Publikumsmagnet fungieren und werden als Attraktion weiterhin Touristen anlocken.

Vier der Stadien würden nach der Weltmeisterschaft restringiert, denn bei diesen kön­ne die Zuschauerkapazität fast halbiert werden. Ein Stadion würde sogar vollständig demontiert und solle gestiftet werden (Vgl. Botschaft Katar, 2018). Letzteres Vorhaben dient der Reduzierung vermeintlich überflüssiger Kapazitäten in folglich fünf der vor­handenen zwölf Stadien. ״Ein [...] Anspruch an die Sportstätten der Gegenwart und Zukunft liegt in der Multifunktionalität“ (Habacker, c., 2008, S.36). c. Habacker ver­weist darauf, dass Flexibilität der adäquate Ansatz für die Rentabilität von Sportstätten sei (Vgl. Habacker, c., 2008, S.26). Das Land Katar folgt diesem Prinzip in seinen Entwürfen nur bedingt. Obwohl verbleibende Sportstätten nicht abgebaut, sondern als Multifunktionsanlagen vielseitig genutzt werden können, besteht nach der WM trotz­dem das Risiko der mangelnden Auslastung. Berücksichtigt werden sollte, dass ver- mutlich betriebslosen Perioden nicht ausbleiben werden. Die Instandhaltungskosten können mithin möglicherweise nicht gedeckt werden. Zwar sollten die Stadien nach der WM einerseits auch für außersportliche Veranstaltungen, wie Z.B. Konzerte, andrer­seits auch den lokalen Sportvereinen zur Verfügung Stehen (Vgl. Botschaft Katar, 2018). Die Frage, ob die Sportstätten allein durch Veranstaltungen dieser Art die Funk­tion einer sicheren Einnahmequelle erfüllen werden, bleibt jedoch unbeantwortet. Be­sonders zweifelhaft ist, ob aus fußballerischen Anlässen nach der WM genügend Erlö­se erzielt werden können. Dieses Argument lässt sich primär damit entkräften, dass der Fußball in Katar bislang (noch) keinen großen Stellenwert habe. Es spielten ״unter 1%“ Kataris in Fußballvereinen, in Deutschland seien es zum Vergleich (2016) 8,5% (Vgl. Doha Times, 2016). ״Die fehlenden Jahrzehnte an [Fußball-jTradition“ sollten zu­mindest durch ambitionierte Nachwuchs- und Talentförderung ersetzt werden. Hier sei zusätzlich hervorgehoben, dass eine steigende Euphorie für den Fußball in Katar resul­tierend aus der WM erwartet wird (Vgl. Doha Times, 2016). Letztere kann demnach auch auf die Popularität der Qatar Stars League, dem Pendant zur deutschen Bundes­liga, übergreifen. Ferner würde sich der Andrang bei Spielen der Nationalliga simultan erhöhen, eine konstante Maximalbelegung der Sitzplätze ist dennoch sehr unwahr­scheinlich.

Der Gewinn der Tourismusindustrie relativiert sich durch den immensen Kostenauf­wand für die infrastrukturellen Modifizierungen. ״Katar ist gemessen am Pro-Kopf­Einkommen das reichste Land der Welt“ (Burrow, s., 2014, S.9). Mit einem durch­schnittlichen Bruttoinlandsprodukt von 60.300 USD pro Kopf ist Katar im weltweiten Vergleich führend (Vgl. Botschaft von Katar, 2018). Allerdings lässt sich der hohe In­vestitionsbedarf vor allem für die infrastrukturellen Maßnahmen, insbesondere der Bau der Stadien, Straßen und zusätzlichen Unterkünfte nicht ausschließlich durch Sponso­reneinnahmen oder auch Merchandising Aktivitäten deckeln. ״Ohne globale [...] Markt­unternehmen wäre die WM nicht möglich“ (Burrow, s., 2015, S.11). Der Gesamtauf­wand für die Organisation der Fußball-Weltmeisterschaften steigt zudem stetig: so be­trug der Aufwand bei der WM 2010 ca. 3,5 Mrd. USD und bei der WM im Jahr 2014 bereits 11 Mrd. USD. Allerdings wird das Event 2022 in Katar voraussichtlich alle Maß­Stäbe sprengen. Es werden hierfür bereits 200 Mrd. USD prognostiziert (Ludden, J., 2017).

Eine zwingend hohe Beteiligung des öffentlichen Bereichs Katars an den Kosten für die WM könnte somit den Staatshaushalt strapazieren, indes beträgt das Vermögen der QIA aktuell rund 320 Mrd. USD (Statista, 2018). Stagnierende oder sogar sinkende Rohölpreise - und damit verknüpfte Gaspreise - sowie eine mögliche weitere Abwärts­Tendenz können in Verbindung mit den avisierten Kosten für die WM in Katar die Staatsverschuldung erhöhen oder auch finanzielle Engpässe zu Folge haben. ״[...] Ka­tars Wirtschaft [ist] noch immer in hohem Maße von Gasexport abhängig (realer Anteil am BIP 2015: 51%) [...]“ (BMWi, 2017, S.48). Durch die Realisierung eins angestrebten Sektorenwandels könnte Katar hingegen die ״solide[n] Wachstumsraten“ fixieren und ״[...] den starken Energiepreisverfall [...]“ (BMWi, 2017, S.49) zumindest partiell auf­fangen.

Der Ausbau der Infrastruktur liefert vielfältige nachhaltige ökonomische Rückwirkung. In Hamad entstehe ein neuer internationaler Flughafen für 35 Mrd. USD, in Doha ein neuer Hafen (8 Mrd. USD), das Eisenbahnnetzwerk (40 Mrd. USD) sowie die Kanali­sation (4 Mrd. USD) (Vgl. Burrow, s., 2014, S.11). Der Ausbau der Infrastruktur kann dauerhafte Standortvorteile bieten, da ״[...] Anreize für die Ansiedlung neuer Investoren geschaffen [...]“ werden (Habacker, c., 2008, s.25-26). In Folge dessen könnte die Region ״entscheidende [...] Zukunftsmärkte“ (Habacker, c., 2008, S.31) erschließen.

״Bis zur WM 2022 sollen knapp 15.000 zusätzliche Hotelzimmer hinzukommen [...]“, indes ״[l]aut Qatar Tourism Authority [...] [im Jahr] 2014 im Emirat 16.000 Zimmer [...]“ vorhanden waren (BMWi, 2017, s.49). Im Verhältnis bedeutet dies zu den prognosti­zierten Besucherzahlen (siehe oben) eher eine fragmentarische Erfüllung der Prāmis- sen für den Aufenthalt der Touristen.

״Im Gespräch als mögliche Lösung für die fehlenden Übernachtungskapazitäten ist die Unterbringung auf Kreuzfahrtschiffen, in Privathäusern oder in per Flugshuttle ange­bundenen Nachbarländern [...]“ (BMWi, 2017, s.49).

Gegen diese Alternative gibt es meines Erachtens nach kaum Einwände, denn der wesentliche Vorzug dieses Vorhabens besteht darin, dass die Konstruktion neuer Zimmerkontingente vermieden und nichtsdestotrotz das Fassungsvermögen der Regi­on erweitert werden kann. Das reduziert den Investitionsaufwand allgemein sowie eventuelle Unterhaltungskosten im Falle einer mangelnden Auslastung.

Die Problematik der Auslastung der Sportstätten nach dem Sportgroßereignis betrifft auch die Hotelindustrie. Aus den späteren Überkapazitäten sind ökonomische Einbu­ßen abzuleiten, zumal sich die hohen Touristenzahlen nicht in dem Quantum der WM zu verdankenden Besuchermassen wiederholen werden. Aus dem Grund, dass der

Großteil der Unterkünfte für diesen Zweck konzipiert worden ist, wird die Reaktion der Hotelindustrie auf das überschüssige Angebot eine Herausforderung sein.

Die Inflation ist ein weiterer Effekt, den die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 voraus­sichtlich auslösen wird. ״In den Jahren bis 2022 wird mit einem starken Anstieg der Nachfrage nach Baumaterialien in Katar gerechnet“ (Burrow, s., 2015, S.7). Vorherige Prognosen hätten bis 2018 eine Inflation der Materialkosten von 15 bis 20 Prozent kal- kuliért. Dies ließe die Kostensumme der Fußball-WM zuzüglich um Werte im sieben­stelligen Bereich anschwellen (Vgl. Burrow, s., 2015, s.7). Die Modifizierung der Infra­Struktur bewirkt aller Wahrscheinlichkeit nach ebenso einen Preisanstieg von Immobi­lien und Siedlungsräumen im Umkreis der exklusiveren infrastrukturellen Institutionen.

Zuletzt ist der Devisenabfluss ein nicht zu unterschätzender ökonomischer Faktor. In der Regel seien Partnerschaften zwischen katarischen und ausländischen Unterneh­men als Joint Ventures in fast allen Sektoren bewilligt. De Jure unterbunden würden Anteilnahmen ausländischer Konzerne von mehr als 49% (Vgl. BMWi, 2017, S.51 ff). Dies gelte allerdings nicht für spezifische Domänen wie beispielsweise den Tourismus, in denen auch auswärtige Mehrheitsbeteiligungen, ״[...] bis zu 100 % genehmigt wer­den.“ (BMWi, 2017, s.51 ff.).

״Die größten Gewinner [...] sind die großen Bauunternehmen aus Westeuropa und den USA, die im Rahmen von Joint Ventures mit katarischen Partnern Bauaufträge erhalten haben“ (Burrow, s., 2015, s.7).

Mit ״[...] einer durchschnittlichen Gewinnspanne von 7,5 % des Projektwertes [...]“ (Burrow, s., 2015, S.7) gestaltet sich die Fußball-WM für solche Akteure als daher all­zu lukratives Geschäft. Auch wenn die Präsenz nicht-katarischer Anteilnehmer für das Land eine Hemmung von potenziellen Deviseneinnahmen repräsentiert, können sich daraus eventuell wertvolle transnationale Kooperativen für die Zukunft nach der WM ergeben.

Obwohl eine Menge nachteiliger ökonomischer Folgen skizziert wurden, sei erwähnt, dass die positiven Aspekte letztere ausgleichen können. In erster Linie wirken die inf­rastrukturellen Veränderungen bereichernd und können die Region beträchtlich aufwer­ten.

2.2 Soziale Dimension

Im Fokus dieses Kapitels steht das Soziale. Ich werde nun erörtern, inwieweit die WM 2022 der katarischen Gesellschaft, d.h. der Bevölkerung zu Gute kommt.

Für eine sozial nachhaltige Entwicklung spricht an erster Stelle die Modifizierung des Verkehrsnetzes. ״Verkehrswege -Schienen, Straßen, Luftfahrt und Telekommunikation­sind die Lebensadern einer modernen Gesellschaft“ (Habacker, c., 2008, S.31). Letz­teres Zitat spiegelt die Bedeutung der Ausweitung der Infrastruktur in Gastgeberlän­dern für sportliche Großereignisse und lässt sich auf die wesentlichen infrastrukturellen Veränderungen im Land Katar im Zuge der Vorbereitung auf die Fußball-WM 2022 übertragen. Als Beispiel lässt sich dafür die Erbauung eines neuen Eisenbahnnetz­Werks anführen. Dieses solle drei U-Bahnlinien, zwei Stadt-und Regionalbahnnetze sowie eine Hochgeschwindigkeitsstrecke umfassen (Vgl. Burrow, s., 2015, S.11). Aus einem langfristigen Blickwinkel bereichern solche neuen Transportwege die Zivilbevöl­kerung und optimieren die Anbindung von Berufs-, Bildungs-, Versorgungs-, und Frei­Zeitzentren. Zudem kann die Beförderung erzeugter Güter dadurch effizienter erfolgen. Ein direkter Nutzen für die Einwohner Katars bestünde unter anderem darin, dass ״[...] nach dem Ausbau der Verkehrswege auch kleinere Staus während des Berufsverkehrs wegfallen würden“, weil diese für die ״[...] Anpassung an die Spitzenbelastungen [...]“ konfiguriert seien (Habacker, c., 2008, S.24).

Als weiterer positiv zu erachtender Nutzen Katars ist die Imagewirkung der FIFA WM 2022 anzuführen. ״Sportgroßveranstaltungen können zur Imagebildung, zur Imagekor­rektur und zum Erlangen von Aufmerksamkeit nützlich sein“ (Habacker, c., 2008, S.26). Es ist unbestritten im Sinne des Landes Katar, die vorherrschenden Zweifel und Vorbehalte hinsichtlich desselben als Gastgeberland zu beseitigen. Bereits im Voraus sind Korruptionsvorwürfe, Aufdeckungen über inhumane Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen oder Affronts gegen die saisonale Datierung der Fußball-WM 2022 Reize für eine skandalöse und überwiegend antipathische Berichterstattung. Herab­würdigende aussagen wie bspw. Die Bezeichnung Katars als ״Krebsgeschwür des Fußballs“ durch Theo Zwanziger (am 2. Juni 2015 in einem Interview mit dem Hessi- sehen Rundfunk) stellen Negativbescheide dar, die den Staat für die breite Masse un­günstig positionieren. Tatsächlich könnte es Katar durch die Ausrichtung einer Fußball­Weltmeisterschaft gelingen, mit Menschen aus aller Welt in Dialog zu treten und ״[...] neben dem eigentlichen Ereignis, dem Wettkampf, eine [...] Zweitbotschaft“ zu entsen­den. Eine Aufwertung des Images könne insofern erfolgen, dass Katar als Gastgeber­land der WM die Attribute ״[...] Weltoffenheit, multikulturelle [...] Vielfalt, [...] internatio- nale[s] sportliche[s] Niveau, große[s] Organisationsvermögen und eine [...] ausge­zeichnete [...] Infrastruktur“ (Habacker, c., 2008, S.27) für sich gewinnen kann. Eine vergleichbare Rückwirkung habe nach der WM 2006 in Deutschland registriert werden können, denn die Bundesrepublik habe noch im gleichen Jahr im Anholt Nation Brands Index (NBI), welcher

״[...] die Wahrnehmung von politischem, kulturellem und kommerziellem Investitions­potenzial, menschlichen Werten und Touristenanziehung anhand einer Befragung von 26.000 Konsumenten in 95 Ländern [...]“ erhebe, den ersten Platz belegt (Preuß, H. & Alfs, c., 2010, S.25). So führt Deutsch­land bspw. auch die Rangliste aus dem Jahr 2017 an (Vgl. GFK, 2017). Dank solcher Image-Emendationen könne ״[...] die Region touristisch profitierten]“ (Habacker, c., 2008, S.27), da neben dem ״[...] [wachsenden] Bekanntheitsgrad [...]“ zugleich ״[...] eine stärkere Wettbewerbsposition [...]“ erreicht werden könne (Habacker, c., 2008, S.28). Schlussfolgernd kann das Land Katar durch die WM also sein touristisches Po­tenzial unter Beweis stellen und damit einen Folgetourismus aktivieren. Es würden bereits die übertragungsrechte der Fußballspiele an eine Vielzahl von öffentlich­rechtlichen Rundfunksendern vergeben worden sein, darunter die deutsche ARD und das ZDF (Vgl. ARD, 2014). Dass die Reichweite von Fußball-WMs enorm ist, kann bspw. An den TV-Zuschauerquoten zurückliegender FIFA-WMs festgemacht werden. Bei der Weltmeisterschaft in Brasilien im Jahr 2014 ״[...] waren an privaten Fernsehge- raten weltweit 3,2 Milliarden [Zuschauer] eingeschaltet [...]“ (Kantar Media, 2015). Letztere Anzahl entspräche nach aktuellem Stand mehr als der Hälfte der Weltbevölke­rung. Trotz dessen, dass die Verifizierbarkeit dieser Zahlen teils durch die Presse in Frage gestellt wird (Vgl. Knister, T., 2010), sprechen sie in jedem Fall für einen großen medialen Wirkungsgrad. Diskutabel ist nichtsdestotrotz, bis zu welchem Grad es dem Staat Katar gelingen wird, nebst der temporären Omnipräsenz während des 28-tägigen Turniers die prinzipielle, internationale Skepsis zu revidieren. Solange die Missstände, größtenteils in puncto Menschenrechtslage (siehe unten), weiterhin fortbestehen, ist davon auszugehen, dass gleichermaßen auch die pejorativen Reporte andauern wer­den. Letztere können folglich einer Verbesserung der Reputation Katars im Wege ste­hen.

Darüber hinaus ist es durchaus ein positiver Seiteneffekt, dass durch die heimische Fußball-WM ein intensives Nationalgefühl unter der katarischen Bevölkerung ausgelöst werden kann. Die in den neuen Sportstätten stattfindenden Events könnten demnach ״[...] Gemeinschaftsgefühl und eine gewisse Identifizierung der Bewohner mit ihrer

Stadt und ihrem Land [...]“ schüren (Habacker, c, 2008, S.130). Zufolge L. Holthaus ist die Schöpfung eines solchen Nationalbewusstseins ein zentrales Motiv aller Regierun­gen der arabischen Golfstaaten. Demnach kann die Fußballweltmeisterschaft sogar auf politischer Ebene Einfluss nehmen, indem ״[...] Forderungen nach politischer Partizipa­tion [...]“ pariert werden könnten (Holthaus, L., 2016, S.69). Gemäß L. Holthaus wur­den ״[d]ie Proteste gegen die monarchischen Regime [...] besonders von Bevölke­rungsgruppen angeführt, welche aufgrund ihrer konfessionellen Identität, von den Vor­teilen nationaler Zugehörigkeit ausgeschlossen wurden“ (Holthaus L., 2016, S.68). Da die GKR Staaten dem Schema folgten, die Regierungsführung über materielle Aufbie­tungen zu konsolidieren, würden ״[...] konservative und exklusive Vorstellungen politi­scher Gemeinschaft begünstigt“ (Holthaus L., 2016, s.69). Fundamental für die Errich­tung ״[...] einer modernen Infrastruktur und eines segmentierten Arbeitsmarktes“ sei die Ausnutzung ausländischer Arbeitskräfte, die ״[...] über 90% der Bevölkerung [aus­machen]“. In Anbetracht aufkeimender Überfremdungsängste würden die monarchi­schen Regentschaften dazu befähigt, ״[...] als Hüter der Tradition aufzutreten und es­sentialistisch und exklusiv gedachte Konzepte von Kultur und politischer Gemeinschaft zu kreieren“ (Holthaus L., 2016, s.68-69). Somit ist die eigentlich wünschenswerte So­lidarität differenziert zu beurteilen, denn sie eignet sich für die monarchische Regierung Katars dazu, die Ermangelung politischer Teilhabe der in Katar lebenden Menschen zu kaschieren und Gegenbewegungen benachteiligter Bevölkerungsgruppen kleinzuhal­ten.

Menschenrechtlich gesehen sind die vorherrschenden Arbeitsbedingungen, welche immer wieder kontrovers diskutiert werden, nicht zu vertreten. Dazu liegen nach derzeit zahlreiche Beweise vor.

״Tragischer weise haben sich einige wenige katarische Machthaber dafür entschie­den, die moderne Wirtschaft des Landes auf dem Rücken ausgebeuteter, versklavter Arbeiter zu bauen“ (Burrow, s., 2014, S.5), urteilt der internationale Gewerkschaftsbund im Jahr 2014 in einem umfangreichen Sonderbericht. Damit verweist er auf die gravierenden Zustände, die Arbeitsimmigran­ten in Katar widerfahren und die eindeutig den signifikantesten Widerspruch zur sozia­len Nachhaltigkeit darstellen. Wie bereits erwähnt repräsentieren ausländische Arbeits­kräfte 90% der Bevölkerung (Vgl. Holthaus, L., 2016, s.69). ״Die Regime [der arabi­schen Golfstaaten] unterstützen eher ein System der Arbeitsmigration als die Bildung einer nationalen Arbeiterschaft [...]“, postuliert L. Holthaus (Holthaus, L., 2016, S.73). Die berufliche Segregation kennzeichne sich dadurch, dass ״[i]n den stark segmentier­ten Arbeitsmärkten [...] Golfbürgerinnen meist [in] staatliche^], [neo-]patrimoniale[n]

Institutionen [...]“ oder ״[...] staatliche[^ Bürokratien [...]“ beschäftigt seien (Holthaus, L, 2016, s.68-69). Hierbei sollte ebenfalls erwähnt werden, dass laut Veröffentlichung des Internationalen Gewerkschaftsbundes aus dem Jahr 2015 die Mehrheit der aus­ländischen Arbeitskräfte aus Indien (mehr als 800.000) und aus Nepal (etwa 700.000) stamme (Vgl. Burrow, s., 2015, S.22).

Die Wanderarbeitskräfte werden außerdem häufig Leidtragende von Vertragstreuelo- sigkeit, dadurch, dass Firmen ihre Lohnversprechen nicht einhalten. L. Holthaus stellt heraus, ״[...] die Ausbeutung von Arbeitsmigrantlnnen [...] [erfolge] entlang Linien ext­remer Ungleichheit zwischen Entsender- und Empfängerstaaten [...]“ (Holthaus, L., 2016, S.66). Dies bestätigen auch Angaben der IGB. Arbeitsvermittlungsagenturen trügten und köderten Arbeitskräfte mit unwahren Informationen ״[...] hinsichtlich ihrer Tätigkeit, Löhne und Arbeitsbedingungen [...]“ und forderten für die Vermittlung ״[...] exorbitante Gebühren [...]“ ein (Burrow, s., 2014, S.28). Der IGB verneint im Jahr 2014 auch die Existenz von Tarifverträgen in Katar (Vgl. Burrow, s., 2014, S.13). Zudem berichtet er von Fällen, in denen die im Vorhinein festgelegten Bestimmungen von Ar­beitgebern willkürlich geändert würden und die Löhne um einiges geringer ausfielen, als vor der Ankunft in Katar behauptet worden wäre (Vgl. Burrow, s., 2014, S.10). Die ohnehin sehr geringfügigen Einkommen der Wanderarbeitskräfte würden demnach wiederum stark reduziert, sodass Beschäftigte in finanzielle Notlagen gerieten. Oft handelten Arbeitgeber in Katar außerdem gesetzwidrig, indem sie ״[...] nach zweijähri­ger Betriebszugehörigkeit [k]eine Gratifikation [...] zahlen [...]“ (Burrow, s., 2014, S.10). Veranschaulicht werden kann der Missbrauch von Arbeitsimmigranten mit exemplarischen Arbeitern im Khalifa-Stadion, die lediglich eine stündliche Entlohnung von 1,50 Dollar erhielten (Vgl. Burrow, s., 2015, S.24).

Einen enormen Nachteil bedeutet für Arbeitsimmigranten auch das Sponsorensystem. Insbesondere zu beanstanden ist bezüglich dessen die Tatsache, dass 90%״ der Be­schäftigten [...] ihre Pässe von ihren Arbeitgebern abgenommen [bekommen]“ (Burrow, s., 2014, S.10). Einer der Gefahren für die Arbeitnehmer besteht aufgrund dessen da­rin, dass sie ״[o]hne eine gültige Identitätskarte [...] bei landesweiten Kontrollen von der Polizei inhaftiert werden“ (Burrow, s., 2014, s.24). Das sogenannte Kafala-System erlaubt es Arbeitgebern, eine nahezu autoritäre Machtposition einzunehmen, da sie ״[...] die Beschäftigten als geflüchtet melden können, falls diese sich beschweren oder vor Missbrauchen fliehen“ (Burrow, s., 2014, S.30). Infolge dessen könne das Sponsorensystem als ״[...] Zwangsarbeit stützendes System [...]“ (Holthaus, L., 2016, S.72) demaskiert werden, denn es basiere auf der totalitären Abhängigkeit der Arbeit- nehmer von ihren Arbeitgebern. Die Beschäftigten ״[...] verlieren [überdies] ihre Auf­enthaltserlaubnis, wenn das Arbeitsverhältnis endet“ (Holthaus, L, 2016, S.72). Die Kritik des Internationalen Gewerkschaftsbundes knüpft ebenfalls an diesen Aspekt an. Zufolge der IGB sei ״[...] das Bürgergesetz [...] ein[es] der restriktivsten in der Golfre­gion [...]“. Dabei ״[...] benötigen [Arbeitnehmer] für die Ausreise eine Genehmigung [...]“ (Burrow, s., 2014, S.28). Die Zwangsrekrutierung ist jedoch nicht das einzige Er­schwernis für ausländische Arbeitskräfte, sich vom Bürgensystem loszulösen, sondern auch die Vorenthaltung der Rückführung der Beschäftigten. Obwohl dies gesetzliche Vorschrift sei, ״[...] weigert sich [der Arbeitnehmer], Beschäftigte zu rekrutieren“, schil­dert der IGB (Burrow, s., 2014, S.12). Die Kosten müssten stattdessen von den Ar­beitskräften selbst oder okkasionell von der Regierung oder der ausländischen Bot­schaft getragen werden (Vgl. Burrow, s., 2014, s.28). Letztlich manifestiert sich, dass Wanderarbeitskräfte durch das Kafala-System Opfer von starker Freiheitseinschrän­kung, wenn nicht sogar Freiheitsberaubung, werden können.

Zudem sind die meistens nicht suffizient ausgestatteten Unterkünfte für die Arbeitskräf­te ein weiterer, zweifellos negativer, Gesichtspunkt der charakteristischen Arbeitsbe­dingungen von Arbeitsimmigranten in Katar.

״Während sie in den Golfstaaten sind, leben besonders Baustellenarbeiter unter menschenunwürdigen Bedingungen. Sie leben streng abgeschottet in ghettoartigen Gebäuden ohne grundlegende hygienische Einrichtungen [und] mit teils zehn Perso­nen in einem Zimmer[...]“ (Holthaus, L., 2016, s.72).

Letztere Gegebenheiten decken sich mit den Erfahrungsberichten des IGB: ״[...] Dut­zende [...] Menschen [werden] in kleinen unbelüfteten Räumen ohne angemessene sanitäre Anlagen, Wasser und Strom [einquartiert]“ (Burrow, s., 2014, s.28). Validiert wird diese Bewertung damit, dass die IGB-Generalsekretärin selbst Zeuge der wäh­renden Umstände geworden sei. Sharan Burrow habe ״[...] [auf dem] Gelände [des WM-Stadions AI Wakrah] [...] mit eigenen Augen gesehen wie Arbeiter aus Indien, Nepal und Thailand unter den Zuschauertribünen schliefen [...]“ (Burrow, s., 2014, S.17). Dies sind nur ausgewählte Beispiele für die entwürdigenden Wohnverhältnisse.

[...]

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Details

Titel
Ist eine nachhaltige Entwicklung durch die Ausrichtung einer Fußball-WM möglich?
Untertitel
Das Beispiel Katar unter besonderer Berücksichtigung des Tourismus
Note
1
Autor
Jahr
2018
Seiten
22
Katalognummer
V416149
ISBN (eBook)
9783668659896
ISBN (Buch)
9783668659902
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Katar, Tourismus, Fußball-WM, Nachhaltigkeit, FIFA, 2022, Fußballweltmeisterschaft, Qatar, Hospitality, Multifunktionsarenen, Stadien, Weltmeisterschaft, Arbeitsbedingungen, Kafala, Zwangsarbeit, Golfstaaten, Global Sunstainibility Assessment
Arbeit zitieren
Tabea Angenendt (Autor), 2018, Ist eine nachhaltige Entwicklung durch die Ausrichtung einer Fußball-WM möglich?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/416149

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