Frauenbilder in der Weimarer Republik. Medien versus Realität


Bachelorarbeit, 2016
44 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt:

1 Einleitung

2 Voraussetzungen
2.1 Demografische Rahmenbedingungen
2.2 Weimars Unterhaltungskultur und Massenmedien
2.2.1 Berlin als Zentrum der Moderne
2.2.2 Die „neue“ Freizeit
2.2.3 Massenmedien
2.3 Die Frauenbewegung

3 Das neue Frauenbild der zwanziger Jahre
3.1 Zum Begriff der „Neuen Frau“
3.2 Frauenbilder in der Weimarer Republik

4 Vermarktung in der Weimarer Republik
4.1 Neue Marketingstrategien und Massenkonsum
4.2 Frauen in der Werbung
4.3 Trends für die „Neue Frau“

5 Die Realität der deutschen Frauen zum Vergleich
5.1 Auf der Suche nach der äußeren Umsetzung des neuen Frauenbildes
5.1.1 Mode und Frisur
5.1.2 Körperwahn
5.2 Die Lebenswirklichkeit der Frauen in der Weimarer Republik
5.2.1 Frauen und Berufstätigkeit
5.2.2 Frauen im Unterhaltungsbereich
5.2.3 Eheleben
5.2.4 Gesellschaftliche Kontroverse

6 Schlussfolgerung

7 Anhang
7.1 Literaturverzeichnis
7.2 Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Titelblatt „Die Dame“, erstes Juliheft 1920

Kühl und ein etwas überlegen schaut sie aus ihrem grünen Fahrzeug auf uns herab. Die attraktive Frau mit den auffallend roten Lippen hält ihr Lenkrad selbstsicher mit ihren edlen, cremefarbenen Lederhandschuhen und wirkt dabei fast schon ein bisschen provozierend. Unter ihrer Kappe lässt sich erkennen, dass sie die blonden Haare kurz trägt und das Tuch, welches ihre Silhouette lässig umspielt, scheint aus hochwertigem Geschmeide zu sein. Ohne Zweifel ist diese Frau gut situiert, noch dazu selbstbewusst und vor allem ein sehr reizvolles Geschöpf.

Im Juli 1920 veröffentlichte die Zeitschrift „Die Dame“ auf ihrer Titelseite eine Karikatur, die für das Frauenbild einer ganzen Zeit stehen sollte. In den zwanziger und den frühen dreißiger Jahren verbreitete sich in Deutschland das nie dagewesene Ideal einer Frau, die unabhängig durch ihr Leben geht, beruflich erfolgreich und sich als „Vamp“ selbstbestimmt nimmt, was sie will, indem sie ihre weiblichen Reize gekonnt einsetzt. Durch das eigene Auferlegen von typisch-männlichen Attributen zeigt sie provozierend, dass geschlechterspezifische Vorurteile für sie keine Rolle spielen. Sie trägt den angesagten Bubikopf-Haarschnitt, fährt das Auto selbst, raucht und verdient ihr eigenes Geld in der Industrie, als Journalistin oder als schickes Tippfräulein.

In der vorliegenden Abschlussarbeit möchte ich ein Frauenbild untersuchen, zu dem die meisten Deutschen bis heute eine genaue Vorstellung haben, weil es mit seiner provokanten und attraktiven Weise zu gleich immer noch fasziniert. Ich möchte herausfinden, warum die „Neue Frau“ in der Weimarer Republik soviel Aufmerksamkeit erfuhr und inwiefern sich ihr Bild, dass wir alle aus den Filmen, Werbeanzeigen oder Theaterstücken kennen, mit dem Erscheinungsbild und dem Lebensalltag der Frauen in der Zeit zwischen 1918 und 1933, deckt. Dabei werde ich meinen Fokus auf die Frauen in den deutschen Großstädten beschränken, da sich das neue Frauenbild vor allem hier durchsetzen ließ. Das liegt zum einen daran, dass die Medienindustrie und somit das neue Frauenbild hier mehr Verbreitung findet und zum anderen, dass es den Frauen durch die hier herrschende Anonymität scheinbar leichter gemacht wird, sich dem traditionellen Rollenverständnis der Frau als Hausfrau und Mutter zu entziehen. Ein kleiner Exkurs über die demografischen Rahmenbedingungen, die Kultur - und Medienlandschaft der Zwischenkriegszeit sowie die Frauenbewegung soll aufzeigen, wie und weshalb sich das neue Frauenbild so rasant entwickeln konnte. Nachdem ein Überblick über das neue Frauenideal gegeben wird, welches von den Medien und der Werbeindustrie propagiert wurde, soll in dem darauffolgenden Abschnitt verglichen werden, inwiefern sich die Lebenswirklichkeit der Frauen in der Weimarer Republik mit dem neuen Bild deckte. Dazu wird zunächst untersucht, ob und wie es den Frauen gelang, die äußeren Merkmalen des neuen Ideals zu adaptieren und anschließend wird versucht zu erläutern, inwieweit die deutschen Großstadtfrauen die charakteristischen und objektiven Merkmale des Vamps, der Garçonne oder der Kameradin verkörperten. Dazu wird in verschiedenen Kategorien untersucht, wie emanzipiert, finanziell und gesellschaftlich unabhängig, gebildet und dem Mann überlegen oder zumindest gleichgestellt die durchschnittlichen Frauen der Weimarer Republik waren. Schließlich werde ich in einer Schlussfolgerung das Bild der „Neuen Frau“ als Konstruktion der Medienberichterstattung erläutern. Ich habe mich für das Thema „Frauenbilder in der Weimarer Republik“ entschieden, weil ich denke, dass der Vergleich zwischen einem medialen Bild und einer Lebenswirklichkeit auch heute noch eine große Relevanz für die eigene Selbst - und Fremdbestimmung innerhalb der Gesellschaft hat, welche sich im Verlauf dieser Arbeit noch weiter erklären soll.

2 Voraussetzungen

2.1 Demografische Rahmenbedingungen

Das Aufzeigen der Demografischen Entwicklungen ab 1918 in Deutschland soll als Hintergrundinformation dienen, um einen Überblick über die räumliche Ausgangssituation zu gewinnen und die Beunruhigungen sowie die inneren Konflikte unter der Bevölkerung nachvollziehen zu können.

Trotz eines Bevölkerungsverlustes von 10% nach dem ersten Weltkrieg, konnte Deutschland bereits seit der Jahrhundertwende eine stabile Reproduktion der Bevölkerung verzeichnen. 1925 lebten in der Weimarer Republik 62,4 Millionen Menschen, 1933 waren es sogar schon 65,2 Millionen.1 Außergewöhnlich war allerdings, dass es auf Grund der sehr geburtenstarken Vorkriegsjahre einen noch nie dagewesen-hohen Anteil an Jugendlichen gab, die auf der Suche nach einem Arbeits - oder Ausbildungsplatz waren. Demgegenüber stand ein deutlicher Geburtenrückgang, der u.a. auf das neue Ideal der Zwei-Kinder-Kleinfamilie zurückzuführen war.2 Eine steigende Lebenserwartung bzw. eine niedrige Sterblichkeit der Älteren führten dazu, dass aus einer ehemaligen Bevölkerungspyramide ein Bevölkerungspilz wird (s. Abb. 2).

Zu den Sorgen über schlechte Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt und Ängste vor dem „Volkstod“, wirkten sich zusätzlich noch die Folgen des ersten Weltkrieges auf die Bevölkerungsstruktur, in Form eines entsprechenden Frauenüberschusses aus. Unter den besonders arbeitsfähigen Männern zwischen 25 und 50 Jahren hatten sich die Kriegsverluste spürbar ausgewirkt. Im Jahre 1925 lebten in Deutschland beispielsweise 390.000 32-Jährige Männer und 550.000 Frauen in dem selben Alter (s.Abb.2). Zu den über 2 Millionen gefallenen Soldaten3 zählte eine ebenso große Gruppe von verletzten und schwerverwundeten Männern. Ein großer Teil der Frauen war nun also alleinlebend, alleinerziehend oder konnte sich nicht mehr auf die Versorgung durch den Mann verlassen. Zu den Konsequenzen zählte ein blockiertes Wirtschaftswachstum, welches selbst in den günstigsten Jahren der Weimarer Republik unter dem Produktionsniveau der Vorkriegszeit blieb.4

Die daraus entstandene soziale und wirtschaftliche Situation wirkte sich unmittelbar auf die Lage der Frauen, der Eigen - und Fremddefinitionen ihrer Aufgaben seitens der Gesellschaft, aber auch auf die Bedeutung von Familie und Sexualität aus. Des Weiteren führte sie zu Konflikten zwischen den verschiedenen Generationen, sowie zu Irritationen im Verhältnis der Geschlechter, welche im weiteren Verlauf dieser Thesis näher beleuchtet werden sollen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2 Der Altersaufbau der Bevölkerung im Deutschen Reich 1910 und 1925

2.2 Weimars Unterhaltungskultur und Massenmedien

„Wenn man über die „goldenen Zwanziger“ schwärmt, sind damit bestimmt nicht die Jahre der politischen und wirtschaftlichen Dauermissstände gemeint, sondern die stürmische Entfaltung eines neuen Lebensgefühls und einer eruptiven Freisetzung schöpferischer, geistiger Kräfte in einem Jahrzehnt denkbar weitgehender Freiheit und großer Vielfalt des geistig-künstlerischen Schaffens.“5

Künstlerisch gesehen war die Weimarer Republik ohne Zweifel eine sehr kreative Zeit. Seine Ursprünge hatten diese künstlerischen Prozesse zwar bereits in der Jahrhundertwende, aber erst der Erste Weltkrieg bot gerade in der ersten Hälfte der zwanziger Jahre ein zentrales Thema und spiegelte sich als tiefgreifende Erfahrung der Künstler wieder. Allgemein kann die Weimarer Kultur in zwei Phasen eingeteilt werden. Die erste Phase war die vom Krieg aufgeladene Phase des Expressionismus mit seinen avantgardistischen Stilrichtungen und danach, ab 1923/24 die Phase der „Neuen Sachlichkeit“, deren kühle Nüchternheit man nicht nur in der Malerei und der Literatur, sondern vor allem in der Architektur verarbeitete. Als typisches Symbol für das „Neue Bauen“ steht das von Walter Gropius geleitete Bauhaus, eine Art experimentelle Hochschule für Gebrauchskunst, die das Ziel verfolgte, den Menschen eine „rational und funktional durchdachtere Wohnungswelt“ zu eröffnen.6 Der Begriff „Neue Sachlichkeit“ strebte der nüchternen Auseinandersetzung mit der Realität des Lebens an, und wurde darüber hinaus allgemein dazu verwendet, das herrschende Lebensgefühl zu bezeichnen. Für Eberhard Kolb spricht dementsprechend vieles dafür, „nicht den Expressionismus, sondern die Neue Sachlichkeit als typisch „weimarisch“, als den „eigentlichen“ Weimarer Stil zu klassifizieren.“7

2.2.1 Berlin als Zentrum der Moderne

Spricht man von Weimarer Kultur, bezieht sich dieser Ausdruck auf das Leben in der Stadt, als zentraler Dreh - und Angelpunkt. Die zunehmende Urbanisierung hatte zur Folge, dass 1925 ein Drittel der Deutschen in einer Großstadt lebte, ein Drittel in einer Kleinstadt und circa ein Drittel auf dem Land.8 Immer wieder findet man in der Literatur den Verweis darauf, dass die Weimarer Republik in ihrem ganzen künstlerischen Gesamtbild „großstädtisch“ war. Als das Zentrum der Moderne wird Berlin genannt, eine Stadt, die sich im 20sten Jahrhundert zur Weltmetropole entwickelte. Hier verteilten sich mehr als 3,8 Millionen Einwohner auf 878 qm. Damit galt Berlin nach New York und London als drittgrößte Stadt der Welt, sowie als „größte und vielfältigste Zeitungsstadt der Welt, der Stadt der größten Verlagsimperien, der Theater und Konzertsäle, Vorort des politischen Kabaretts, Schlager und Chansons [...].“9

Berlin zeichnete sich durch seine neue Art der Modernität, aber auch durch seine sehr gegensätzlichen Lebensbereiche aus, die hier auf relativ kleinen Räumen aufeinandertrafen. Gutsituierte Leute lebten in Villen und um sie herum spielte sich parallel das Leben der Fabrikarbeiter ab. Das führte allerdings auch zu sozialer Unsicherheit und visueller Unübersichtlichkeit auf beiden Seiten.10

„Das hier entstandene Lebensgefühl war ambivalent: einerseits wurde die neue Stadt zum Inbegriff der Moderne, des Fortschritts und neuer Formen menschlichen Zusammenlebens, andererseits wurde sie zum „Moloch“, zum Ort pervertierter sozialer Praxis dämonisiert. Kritisch-verzweifelt und pessimistisch intonieren dieses Gefühl zeitgenössische Großstadtromane wie „Fabian“, „Das kunstseidene Mädchen“, und „Berlin Alexanderplatz“ der Autoren Erich Kästner, Irmgard Keun und Alfred Döblin.“11

2.2.2 Die „neue“ Freizeit

In Zeiten der Weimarer Republik erfuhren die Menschen in Deutschland ein Leben, das wie nie zuvor von Kultur und einer neugewonnenen Freizeit geprägt war. 1922 trat die gesetzlich festgelegte 40-Stunden-Woche in Kraft, die zwar nicht von allen Betrieben strikt eingehalten wurde, aber zusammen mit den ersten tariflichen Regelungen, dennoch für viele Beamte und Angestellte eine neue Lebensweise ermöglichte.12 So engagierte man sich nun in verschiedenen Vereinen, besuchte die Volkshochschule oder die Bibliothek, schaffte sich einen Schrebergarten an, ging ins Kino oder auf den Rummelplatz. Wegweisende technische Entwicklungen wie der Dieselmotor sorgten dafür, dass sich immer mehr Deutsche ein Auto leisten konnten. Immer wieder wird die Weimarer Republik als eine hochkulturelle Zeit angepriesen. Die Zwanziger Jahre waren nicht nur geistig und literarisch ein sehr produktives Jahrzehnt, in dem Autoren, Künstler und Architekten wie Thomas Mann, Franz Kafka, Hermann Hesse, Kurt Tucholsky, Bertholt Brecht, Gerhard Hauptmann, oder Paul Klee kulturelle Meilensteine setzten. Vor allem die Arbeiterkultur erfährt in dieser Zeit ihren Höhepunkt, bevor sie der gewaltsamen Unterdrückung im Dritten Reich unterliegt und ist ein wichtiger Bestandteil der Weimarer Kultur. Als wesentliche Sparte gilt hier die Arbeitersportbewegung, die 1928 über eine Millionen Mitglieder aufwies. Im Zuge dessen muss jedoch erwähnt werden, dass die bürgerlich-unpolitischen Sportvereine mit sieben Millionen Mitgliedern einem noch größeren Stellenwert hatten.13 Allgemein kann man sagen, dass der Sport mit seiner Popularität alle anderen Freizeitangebote übertraf. Dies zeigen nicht nur die wachsenden Mitgliederzahlen der Sportvereine, sondern auch, dass Sportveranstaltungen zum Anziehungspunkt von tausenden Besuchern wurden. Boxkämpfe, Sechstagesrennen oder Schwimm - und Ruderwettkämpfe wurden in der Weimarer Zeit zum Massenspektakel und begeisterten am Wochenende Groß - und Klein. Natürlich gab es diese anwachsende sportliche Betätigung auch bei den Frauen. Demzufolge wurde erstmals spezielle Wander - und Sportbekleidung für die Frau auf den Massenmarkt gebracht. „Weibliche Sportarten“ waren zudem vor allem das Reiten und das Radfahren. Auch diese gesellschaftliche Veränderung trug dazu bei, dass sie das Bild der Frau in der Öffentlichkeit bereits ab dem späten 19ten Jahrhundert zunehmend veränderte.14

Aber auch die neue Unterhaltungskultur veränderte die Freizeitgestaltung. Varietees, politische Kabaretts, satirische Theater und Chansons boten vor allem in Großstädten für viele Angestellte, die über ein geregeltes Einkommen und über damalige Verhältnisse viel Freizeit verfügten, eine beliebte Abwechslung vom Berufsalltag. Besonders beliebt in der Weimarer Republik war die Revue, die schon Ende des 19ten Jahrhunderts in Frankreich seinen Höhepunkt erreichte und eine Verbindung aus Tanz, Musik, Gesang, Artistik, Pantomime und Film darstellte. Als unverzichtbarer Bestandteil der Revue galt die Frau und somit der Bezug zum weiblichen Körper. Die leicht bekleideten Revuegirls, die massenhaft in Reih und Glied die gleichen Tanzbewegungen ausführten, stellten exemplarisch die Struktur des neuen Typs der „Neuen Frau“ dar. 15 Aber nicht nur für das männliche Publikum spielt die Flucht aus der Gegenwart und ein sinnliches Versprechen der Akteurinnen hier eine große Rolle. Der neue Beruf des Revuegirls wird zum erstrebenswerten Traum für tausende junge Frauen, die vom Aufstieg aus dem Alltag in die Glitzerwelt träumen und so auf der Bühne selbst wiederum „aus der Reihe“ tanzen zu können.16

2.2.3 Massenmedien

Neben Sport und kulturellen Veranstaltungen ist die Weimarer Republik eine Zeit die erstmals geprägt von den Gütern und den Lebensstilen der Massenmedien ist. Dazu gehört der Film, das Radio, die Unterhaltungsmusik und vor allem die Erzeugnisse der deutschen Presse.

1928 erschienen im Deutschen Reich 3356 Tageszeitungen mit einer Gesamtauflage von über 20 Millionen Exemplaren. Auflagenstärkste war die Berliner Morgenpost mit über 400.000 Exemplaren. (Zum Vergleich: 2016 hat die Berliner Morgenpost eine Auflage von nicht mal 100.000 Exemplaren erreicht.)17 Thematisch lässt sich davon ein deutliches Übergewicht an parteilosen Zeitungen feststellen, ein viertel bezeichnete sich als rechtsgerichtet (DNVP, DVP, NSDAP, Wirtschaftspartei). Dazu kam die katholische Zentrumspresse mit 425 Zeitungen im Jahre 1925.18

Durch die Expansion der deutschen Presse erschienen nun auch ganz neue Presseerzeugnisse. Neben den Tageszeitungen bildeten die Illustrierten ein wichtiges Standbein der Presselandschaft, die sich aufgrund der großen Reproduktion an Bildmaterial einen ganz neuen Markt erschließen konnten. Illustrierten waren im Gegensatz zu den Tageszeitungen von Bildern und Fotos dominiert und befriedigten so das Bedürfnis nach visueller Erfahrung. 1928/29 gab es in in der Weimarer Republik 19 Illustrierte. Spitzenreiter von ihnen war die Berliner Illustrierte Zeitung (B.I.Z), die erstmals am 05.01.1921 erschien und im Jahre 1928 eine Auflage von 1,84 Millionen Exemplaren erreichte.19 Daneben erschienen im Deutschen Reich die ebenfalls sehr beliebten Illustrierten „Hamburger Illustrierte Zeitung“, die „Münchener Illustrierte Presse“ und ab 1924 „Das Bunte Blatt“.20 Die Popularität der Illustriere nahm in der Weimarer Republik stetig zu. Es wird angenommen, dass die Gesamtauflagen der Illustrierten 1931 etwa 5,3 Millionen Exemplare erreichte und sich somit zu den Auflagen von 1925 verdoppelten.21 Die Leserschaft der Illustrierten kann größtenteils als mittelständisch bezeichnet werden und fand sich vor allem in Klein - und Großstädten wieder.22

Erstmals besonderer Beliebtheit erfreuten sich die Illustrierten für Frauen: „Die Dame“ war die populärste Frauenzeitschrift ihrer Zeit. Sie war zeitgemäß, modern und großstädtisch. „Sie gab praktische Tipps für den Flirt wie fürs Autofahren, und brachte informative Artikel über Mode, Kunst, Literatur und Musik; außerdem warb man dort für die beliebten Schnittmusterbögen aus dem Hause Ullstein.23

Die Damen in DIE DAME waren klug, kurzhaarig, fuhren ihr Auto selbst und rauchten Zigaretten. Das freigeistige Magazin DIE DAME erschien von 1912 bis 1937 im liberalen Ullstein-Verlag, der 1937 enteignet wurde. 24

Einen deutlichen Aufschwung erfuhren neben der Presse auch die neuen Medien, wie der Tonfilm und der Rundfunk. Sie erweiterten somit die kulturellen Teilhabemöglichkeiten der Weimarer Republik und entwickelten sich zum einflussreichen Massenmedium. Die 1917 zu Filmpropaganda gegründete Universal-Film-AG (Ufa) bildete sich nach dem Krieg zu einer der wichtigsten Filmkonzerne in Deutschland heraus. Sie und andere Konzerne wie z.B. die Deuling AG, Emelka oder die Terra Film AG produzierten jährlich circa 200 Filme und sorgten damit dafür, dass die deutschen Filme in der Weimarer Republik einen Marktanteil von 40-60% aller ausgestrahlten Filme hatten.25 Aufwändige Produktionen, wie der von Fritz Lang 1926 produzierte Stummfilm „Metropolis“ sollten dem amerikanischen Vorbild gerecht werden und revolutionierten die Kinowelt.26 Das nicht nur die deutschen Filme, sondern auch die Besucherzahlen der Kinos anstiegen, belegen die Zahlen: „Die Besucherzahlen stiegen nach einer vorübergehenden Flaute Mitte der zwanziger Jahre rasch an; 271 Millionen waren es 1922, 232 Millionen 1926, 337 Millionen 1927 und 353 Millionen 1928. [...] Erst in der Weltwirtschaftskriese sank die Zahl der Filmbesuche vorübergehend wieder auf den Stand von 238 Millionen (1932) ab.“27 1930 war Deutschland der Staat mit den meisten (über 5000) Kinos in Europa und produzierte mehr Filme als alle anderen europäischen Länder zusammen.28 Die Filmindustrie schaffte es nicht nur, die Deutschen in Massen für das Kino zu begeistern, sie inszenierte auch einen regelrechten Starkult. Schauspieler wie Marlene Dietrich und Emil Jannings (zusammen im ersten großen deutschen Tonfilm „Der blaue Engel“ von 1930) erscheinen auf Plakaten und Titelblättern und werden so zum Vorbild für Millionen begeisterte Deutsche (s.Abb.3).

[...]


1 Vgl. Peukert, Detlev J.K.: Die Weimarer Republik. Krisenjahre der Klassischen Moderne. Frankfurt a.M 1987, S.20.

2 Vgl. Peukert 1987, S.21.

3 Vgl. Scriba, Arnulf: Tod und Verwundung. Stand: 08.09.14 https://www.dhm.de/lemo/kapitel/erster-weltkrieg/kriegsverlauf/tod-und-verwundung.html (abgerufen am 20.08.16)

4 Vgl. Peukert 1987, S. 24.

5 Kolb, Eberhard: Die Weimarer Republik (=Oldenbourg Grundriss der Geschichte Bd. 16). München 2002, S.95.

6 Vgl. Schildt, Axel: Die Republik von Weimar. Deutschland zwischen Kaiserreich und "Drittem Reich" (1918-1933). Goldbach 1997, S.84.

7 Vgl. Kolb 2002, S. 98.

8 Vgl. Peukert 1987, S. 22.

9 Kolb 2002, S. 106.

10 Vgl. Sykora, Katharina: Die „Hure Babylon“ und die „Mädchen mit dem eiligen Gang“. Das Verhältnis von Weiblichkeit und Metropole im Straßenfilm der Zwanziger Jahre. In: Katharina Sykora u.a. (Hrsg.): Die Neue Frau. Herausforderung für die Bildmedien der Zwanziger Jahre. Marburg 1983, S.122.

11 Vgl. Gessner, Dieter: Die Weimarer Republik. Darmstadt 2002. In:H-SozKult,16.09.2002.S.60.

12 Peukert 1987, S.177.

13 Vgl. Schildt 1997, S.85-86.

14 Vgl. Dagerloh, Annette: Sie wollen wohl Ideale klauen...? Präfigurationen zu den Bildprägungen der „Neuen Frau“. In: Sykora, Katharina u.a. (Hrsg.): Die neue Frau. Herausforderung für die Bildmedien der Zwanziger Jahre. Marburg 1993, S. 25.

15 Vgl. Sykora 1983, S. 20.

16 Vgl. ebd.

17 Vgl. Informationsgesellschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern e.V.: Titelanzeige Berliner Morgenpost. o.J. http://www.ivw.eu/aw/print/qa/titel/1010?quartal%5B20154%5D=20154&quartal%5B20161%5D=20161) (abgerufen am 22.10.16)

18 Vgl. Schildt 1997, S.87.

19 Vgl. ebd.

20 Vgl. Dussel, Konrad: Pressebilder in der Weimarer Republik: Entgrenzung der Information. Berlin 2012, S.40.

21 Vgl. Dussel 2012, S. 40.

22 Vgl. Schildt 1997, S.87-88.

23 Sabine Hake. Im Spiegel der Mode. In: Ankum, Katharina von (Hrsg.): Frauen in der Großstadt. Herausforderung der Moderne? Dortmund 1999, S.201.

24 Axel Springer Mediahouse Berlin GmbH: Die Dame. Die Eleganz, Intelligenz und Extravaganz der Berliner 20er Jahre. O.J. http://www.diedame.de/de/ (Abgerufen am 03.09.16)

25 Vgl. Schildt 1997, S. 89.

26 ebd.

27 Schildt 1997, S.89.

28 Kolb 2002, S. 108.

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Frauenbilder in der Weimarer Republik. Medien versus Realität
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)  (Institut für Geschichte und ihre Didaktik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
44
Katalognummer
V416300
ISBN (eBook)
9783668661073
ISBN (Buch)
9783668661080
Dateigröße
2494 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Bachelorarbeit mit Illustrationen aus der Werbung der 1920er Jahre
Schlagworte
Weimar, Weimarer Republik, Frauenbilder, Die Neue Frau, 1920, 1921, Medien, Deutschland, Nachkriegszeit, Vamp, Propaganda, Wirtschaftswunder, Parfum, Werbeikone, Mode, Werbeindustrie, Emanzipazion, Unterdrückung, Wandervogel, 1922, 1923, 1924, 1925, 1926, 1927, 1928, 1929, 1930, Marlene Dietrich, Josephine Baker, Werbung
Arbeit zitieren
Melanie Köster (Autor), 2016, Frauenbilder in der Weimarer Republik. Medien versus Realität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/416300

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