Goethes Balladen um 1800. Wie haben sich Goethes Balladen unter Einfluss von Bürger und Schiller verändert?

Am Beispiel der Balladen "Der Fischer" und "Der Zauberlehrling" von Johann Wolfgang von Goethe


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

17 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Goethes Balladen um

2. Burgers und Schillers Einfluss auf Goethes Balladen
2.1 Burgers Balladenkonzept
2.2 Schillers Burger-Kritik

3. „Der Fischer“ im Kontext von Burgers Balladenkonzept
3.1 Natur-Kultur-Konzept in Goethes Ballade „Der Fischer“
3.2 Poetische Selbstreflexion: „Der Fischer“ vor Burgers Balladenkonzept

4. „Der Zauberlehrling“ als innovative Ballade?
4.1 Emotionen und Natur in Goethes Ballade „Der Zauberlehrling“
4.2 Poetische Selbstreflexion: „Der Zauberlehrling“ vor Schillers Burger-Kritik

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung: Goethes Balladen um 1800

Johann Wolfgang von Goethe gilt wohl unumstritten als bedeutendster Dichter der deutschen Literatur. Nachdem er mit dem „Gotz von Berlichingen“ in Deutschland bekannt wurde, machten „Die Leiden des jungen Werther“ ihn in ganz Europa beruhmt.1 Besonderer Beliebtheit erfreuen sich Goethes Balladen, die nach dem Vorbild der Volkspoesie entstanden sind.2 Die Entstehungszeit der Kunstballade lasst sich „im Literatursystem der Goethezeit ca. 1770 bis 1830“ datieren. Zu Beginn dieser Zeit war das Phantastische wesentliches Merkmal der Kunstballade. Im Laufe dieser Zeit pragte Schiller die „Ideenballade“.3

Zahlreiche Briefwechsel belegen einen Kontakt Goethes zu Schiller in dieser Zeit und auch der Kontakt zwischen Schiller und Gottfried August Burger lasst sich nach Schillers Burger-Kritik nicht leugnen. Die Wechselwirkungen dieser drei Autoren fuhrten zur Innovation der Gattung Ballade.

Beispielhaft soll dieser Wandel an den Balladen Goethes aufgezeigt werden. Nach einer literarisch-historischen Einordnung, die sich unter anderem auch mit dem Begriff der Ballade auseinandersetzt, sollen zunachst die Einflusse Herders, Burgers und Schillers auf die Gattung analysiert werden, um die Gattungsinnovation im Allgemeinen zu beschreiben.

AnschlieBend soll Goethes fruhere Balladendichtung am Beispiel der Ballade „Der Fischer“ dargestellt werden. Um den Wandel aufzeigen zu konnen, wird eine spatere Dichtung in Form des „Zauberlehrlings“ herangezogen.4

Zusammenfassend sollen die beiden Balladen miteinander verglichen werden, um so die Entwicklung in Goethes Balladenkonzept aufzuzeigen.

2. Burgers und Schillers Einfluss auf Goethes Balladen

Definitionen der Gattung Ballade sind bisher „zumeist als unzulanglich bewertet worden“.5 FuBend auf Goethes Definition der Ballade als „Ur-Ei“6 der Gattungen, die Merkmale der Lyrik, der Epik und des Dramas verbindet, entstanden viele Definitionen, die noch heute in Literaturlexika vorherrschen. Zudem formuliert Goethe die Benutzung des Refrains bei Balladen.7

Den Begriff der „Kunstballade“ pragte Johann Gottfried Herder erstmals und fuhrte diese aus der Volkspoesie heraus. Durch seine Arbeit mit zahlreichen Sammlungen europaischer Volkspoesie, gelang es ihm in den Jahren von 1773 bis 1779 die Volksballade von der Kunstballade abzugrenzen.8

Auf dieser Grundlage bauen auch die Balladen Goethes auf. Die Ballade „Der Fischer“, die 1779 geschrieben wurde, orientiert sich am Balladenkonzept Gottfried August Burgers.9 Dieses wurde 1776 veroffentlicht und markiert die Gattung als innovativ. So weist das Konzept viele Merkmale des Sturm und Drangs auf, die es im Weiteren dieser Arbeit noch naher zu untersuchen und auf die Ballade Goethes zu ubertragen gilt. Goethes Werke lassen sich zum Teil der Sturm und Drangzeit zuordnen.

Auch Friedrich Schiller erlangte Kenntnis uber das Balladenkonzept Burgers und formulierte 1791 eine Rezension, in der er die Programmschrift Burgers kritisiert. Die Programmschrift10 Schillers weist wiederum Ahnlichkeiten mit der spateren Ballade „Der Zauberlehrling“ auf, auf die in Folgendem noch naher eingegangen wird. Entgegen des Konzepts Burgers, lassen sich die Rezension Schillers und Goethes Ballade von 1797 der Klassik zuordnen.

2.1 Burgers Balladenkonzept

Gottfried August Burger formulierte 1776 sein Balladenkonzept „HerzensausguB uber Volks-Poesie“, in dem er die Dominanz der Versmacherkunst beschreibt, wahrend er die Volks-Poesie nur empfehlen kann. Diese beschreibt Burger als „sogenannte hohere Lyrik“n und preist die Volks-Poesie dementsprechend an.

Es sei die „Quisquiliengelahrheit“ schuld daran, dass die Lyrik so „fremd und auslandisch“11 12 auf uns wirke. Demnach verlangt Burger, die Volks-Poesie fur das Volk zuganglich zu machen und beschreibt so die Popularitat der Kunst. Hierbei grenzt er diese von der gelehrten Kunst ab.

Man will keine menschliche, sondern himmlische Scenen malen; nicht wie seines gleichen, sondern wie Volker anderer Zeiten, anderer Zonen; man will oft gar, wie der liebe Gott und die heiligen Engel empfinden. Hieran, ihr deutschen Dichter, nicht aber an dem kalten und tragen Publikum, wie ihr falsch wahnet, liegt es, dafi eure Gedichte nicht durch das ganze Volk gang und gebe sind.13

In diesen Zeilen beschreibt Burger noch einmal, wie wichtig es fur die Lyrik ist, sie fur das Volk zu schreiben und nicht fur die Gotter oder die Gelehrten. Auf diese Art und Weise kritisiert Burger die Standeordnung und erfullt damit ein wesentliches Merkmal der Sturm und Drangzeit.

Die Bedeutung der Nahe zum Volk beschreibt Burger auch auf den folgenden Seiten noch weiter. So beschreibt er etwa die Volkstumlichkeit und empfiehlt die Verwendung sozial relevanter Themen, da diese naher am Volk seien. Es liege ihm am Herzen, die „Produkte [der Poesie] [...] volksmaBig zu machen“.14

Eine weitere Innovation, die Burger der Gattung in seiner Programmschrift gegenuber der Versmacherkunst zuschreibt, ist die Naturlichkeit. Er beschreibt die Volks-Poesie als Naturpoesie und verwendet so „Volk“ und „Natur“ synonym.15

Burger beschreibt die Notwendigkeit, die Natur in die Poetik einzubeziehen, um so die Naturlichkeit der Volkspoesie gewahrleisten zu konnen. Dies druckt er mit seiner AuBerung uber das „Buch der Natur“ aus.16

Die deutsche Muse sollte [...] ihren Naturkatechismus zu Haus auswendig lernen. Wo steht aber im deutschen Naturkatechismus geschrieben, dafi sie fremde Phantasien und Empfindungen einholen, oder ihre eigene in fremde Mummerey hullen solle? Wo steht geschrieben, dafi sie keine deutsche Menschensprache, sondern [...] eine Gottersprache stammeln soll?17

Durch den hier aufgezeigten Zusammenhang zwischen Volk und Natur wird auch die geforderte Nahe zum Volk wieder deutlich.

Zudem verwendet Burger immer wieder Naturbeschreibungen, die die Naturlichkeit noch starker untermalen:

In jener Absicht hat ofters mein Ohr in der Abenddammerung dem Zauberschalle der Balladen und Gassenhauer, unter den Linden des Dorfs, auf der Bleiche, und in den Spinnstuben gelauscht. [...] Gar herrlich, und schier ganz allein, lasst sich hieraus der Vortrag der Ballade und Romanze, oder der lyrischen und epischlyrischen Dichtart - denn beydes ist eins! Und alles Lyrische und Epischlyrische sollte Ballade oder Volkslied seyn!18

Burger betont in seiner Programmschrift die Mundlichkeit der Volks-Poesie, durch die Emotionalitat und Spontaneitat in den Vordergrund geruckt werden. Bereits mit dem Titel „HerzensausguB“ wird die Emotionalitat hervorgehoben. Zudem ist die gesamte Programmschrift mit Wortern gefullt, die immer wieder auf diese Emotionalitat hinweisen. Dabei verknupft Burger „Fantasie und Empfindung“ und hebt die Volkspoesie mit diesen Eigenschaften von der Versmacherkunst ab:

Aber der Zauberstab des Epos, der den Apparatus der Fantasie und Empfindung beleben und in Aufruhr sezen soll, ist nur in wenigen Handen. Viele suchten undfanden ihn nicht, weil er wirklich nicht leicht zu finden ist, und sie ihn nicht am rechten Ort suchten.

Stattdessen schlagt Burger einen Bogen zu den alteren Volksliedern und schafft damit auch wieder die Verknupfung zur Natur und zur Oralitat.19

Burger greift in seiner Programmschrift wesentliche Merkmale des Sturm und Drangs auf. Er beschreibt die Volks-Poesie als Kunst fur alle „von Pharao an, bis zum Sohn der Magd“20 und bricht damit die Standeordnung, gegen die im Sturm und Drang oft protestiert wurde. Literaturhistorisch ist der Standebruch das bedeutendste Merkmal der Sturm und Drangzeit.21

Die verlangte Nahe zum Volk wird auch am Ende der Programmschrift wieder angesprochen. In einer Art Appell formuliert er, wie Balladen haufig erarbeitet werden, wobei jedoch wenig Erfolg in Aussicht stehe: „Da regt sich kein Leben! Kein Odem!“22 Zum Schluss seiner Schrift spricht er die Themen an, die in Balladen verwendet werden sollten:

Unter unsern Bauren, Hirten, Jagern, Bergleuten, Handwerksburschen, Kesselfuhrern, Hecheltragern, Bootsknechten, Fuhrleuten, Trutscheln, Tyrolern und Tyrolerinnen, kursiret wirklich eine erstaunliche Menge von Liedern, worunter nicht eins seyn wird, woraus der Dichters furs Volk nicht wenigstens etwas lernen konnte.23

Somit sollen es alltagliche Themen aus dem Leben der Burger sein, die Inhalt der Balladen werden.

Er markiert die Gattung als innovativ, indem er sagt, dass die „Poetenknaben“ ihre „alles betappende[n] Fauste davon lassen“ mussten. Die einseitige Dichtung der Versmacher soll nach Burger von der innovativen Volks-Poesie abgelost werden.

2.2 Schillers Burger-Kritik

In seiner Rezension „Uber Burgers Gedichte“ von 1791 nimmt Friedrich Schiller kritisch zu Burgers Programmschrift Stellung. Dabei vergleicht Schiller unterschiedliche Werke Burgers mit seinen eigenen Idealvorstellungen. Schiller geht hierbei ausschlieBlich negativ auf die ausgewahlten Werke Burgers ein. Dies bestatigt

[...]


1 vgl. Rudiger Safranski: Goethe - Kunstwerk des Lebens. Koln 2013, S. 3.

2 vgl. Alfred Clemens Baumgartner: Ballade und Erzahlgedicht im Unterricht. Zum Umgang mit Texten in der Schule. Munchen 1979, S. 6.

3 Maren Conrad: Aufbruche der Ordnung, Anfange der Phantastik. Ein Modell zur methodischen Balladenanalyse, entwickelt am Beispiel der phantastischen Kunstballade. Heidelberg 2014, S. 5f.

4 Beide Balladen sind erschienen in: Wulf Segebrecht[Hrsg.]: Deutsche Balladen. Gedichte, die dramatische Geschichten erzahlen. Munchen 2012, S. 648ff. sowie S. 704.

5 Conrad 2014, S. 43f.

6 ebenda

7 vgl. Johann Wolfgang von Goethe: Ballade. Betrachtung und Auslegung. In: ders. Bernhard Seuffert und Max Hecker [Hrsg.]: Goethes Werke. Abtheilung 1, Bd. 41. Weimar 1902, S. 223.

8 vgl. Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Worterbuch, Band 12. Leipzig 1885, Sp. 489.

9 Das Balladenkonzept Burgers erschien als „HerzensausguB uber Volks-Poesie“ In: Deutsches Museum. o.Ort 1776. Band 1, Stuck 5. S. 443 - 450.

10 Friedrich Schiller: Uber Burgers Gedichte. In: Allgemeine Literatur-Zeitung, o. Ort 1791. Nr. 13, Sp. 97 - 103 und Nr. 14, Sp. 105 - 110.

11 Burger 1776, S. 448.

12 vgl. Burger 1776, S. 444.

13 ebenda, S. 445.

14 ebenda, S. 447.

15 vgl. Hans-Georg Kemper: Sturm und Drang: Gottinger Hain und Grenzganger. Tubingen 2002, S. 233.

16 vgl. Kemper 2002, S. 233.

17 Burger 1776, S. 444f.

18 ebenda, S. 447f.

19 ebd. S. 447.

20 Burger 1776, S. 448.

21 vgl. Wolfgang Brenn, Jorg Steitz: „Sturm-und-Drang“ - Ausbruch aus der Standeordnung. In: Gisbert Lepper, Jorg Steitz, Wolfgang Brenn u.a. [Hrsg.]: Einfuhrung in die deutsche Literatur des 18. Jahrhunderts. Bd. 1. Wiesbaden 1983, S. 219.

22 Burger 1776, S. 449.

23 ebenda, S. 450.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Goethes Balladen um 1800. Wie haben sich Goethes Balladen unter Einfluss von Bürger und Schiller verändert?
Untertitel
Am Beispiel der Balladen "Der Fischer" und "Der Zauberlehrling" von Johann Wolfgang von Goethe
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
3,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
17
Katalognummer
V417450
ISBN (eBook)
9783668671409
ISBN (Buch)
9783668671416
Dateigröße
589 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
goethes, balladen, einfluss, bürger, schiller, beispiel, fischer, zauberlehrling, johann, wolfgang, goethe
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Kevin Ruser (Autor), 2016, Goethes Balladen um 1800. Wie haben sich Goethes Balladen unter Einfluss von Bürger und Schiller verändert?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/417450

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