Soziokulturelle Aspekte der französischen Kreolsprachen

Genesetheorien und sozialer Status der Kreolsprachen des Indischen Ozeans im Hinblick auf die Seychellen


Hausarbeit, 2015

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was sind Kreolsprachen?
2.1 Begriffsbestimmung Kreolsprache
2.2 Französisch-Basierte Kreolsprachen
2.3 Kreolsprachen des Indischen Ozeans

3. Begriffsbestimmung Pidginsprachen und Pidginisierung
3.1 Pidginsprachen
3.2 Der Ursprung der Pidginsprachen
3.2.1 Unter welchen Umständen entwickeln sich Pidginsprachen?
3.2.2 Welche Auslöser führen zur Entwicklung eines Pidgin?
3.3 Verschiedene Arten von Pidginsprachen
3.4 Der Unterschied zwischen Kreol- und Pidginsprache

4. Genesetheorien
4.1 Foreignertalk/Babytalk
4.2 Monogenese
4.3 Polygenetische Entstehung
4.4 Substrattheorie
4.5 Mischsprache

5. Les Seychelles
5.1 Geschichte der Seychellen
5.2 Bevölkerungen
5.3 Sprachgeschichte

6. Sozialer Status der Kreolsprachen des Indischen Ozeans
6.1 Gesellschaftliche Präsenz der KS
6.2 Die Diglossie Französisch - Kreolisch
6.3 Der politische und der praktische Aspekt
6.4 Dekreolisierung

7. Fazit

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Die franko-kreolophonen Gebiete, nach Stein

Tabelle 2: Vergleich von pidgins und créoles

Tabelle 3: Emploi de la part des classes moyennes par rapport aux types de situations dans le secteur familial et à certaines fonctions communicatives à la Réunion, nach Valdmann

1. Einleitung

In dieser Seminararbeit möchte ich mich mit den Kreolsprachen (KP) des indischen Ozeans (I.O.) am Beispiel der Inselgruppe der Seychellen befassen. Ich werde dafür zunächst die Fachtermini ‚Kreolsprache’ und ‚Pidginsprache’ erläutern und definieren, um die Nachvollziehbarkeit der darauf folgenden Schritte zu gewährleisten. Im Anschluss werde ich im 4. Kapitel auf einige ausgewählte der Genesetheorien über die Entstehung von Kreol- und Pidginsprachen eingehen. Das 5. Kapitel wird sich konkret auf das Fallbeispiel der Seychellen beziehen, welches ich im Rahmen des Seminars auch als Referatsthema untersucht habe. Ich möchte auf allgemein kulturelle Aspekte eingehen, ebenso auf die aktuelle Sprachsituation und den sozialen Status des Seychellenkreol bzw. des Seselwa. Im Anschluss werde ich mich der Fragestellung zuwenden, welchen sozialen Status Kreolsprachen allgemein genießen. Dieses Problem werde ich auf die Kreolsprachen des Indischen Ozeans eingrenzen und einige Vergleiche zwischen ihnen aufstellen. Zum Abschluss werde ich eine Bilanz aus den vorherigen Kapiteln ziehen und den sozialen Status der Kreolsprachen des indischen Ozeans bewerten.

2. Was sind Kreolsprachen?

In diesem Kapitel soll der Begriff Kreolsprache definiert und erläutert werden. Dazu werde ich mich zunächst allgemein auf Kreolsprachen beziehen, dann auf französische Kreolsprachen (FSK) und abschließend auf den Schwerpunkt der Kreolsprachen im indischen Ozean.

2.1 Begriffsbestimmung Kreolsprache

Kreolsprachen sind durch die europäische Kolonisation des 16. bis 18. Jahrhunderts durch die Interaktion der Sklaven mit den europäischen Einwanderern entstanden und dienten zur Kommunikation zwischen beiden Parteien (vgl. Hazaël-Massieux 2011).

Das Wort 'kreolisch' entstand im 16. Jhd. im portugiesischen und spanischen Teil Südamerikas und wurde vom Wortcriar(„erzeugen, ernähren, aufziehen, erziehen“), abgeleitet. Ursprünglich diente es zur Bezeichnung der in Südamerika geborenen Spanier und Portugiesen ('les blancs'), im Gegensatz zu den in Europa geborenen Europäern, die eingewandert waren oder später einwanderten (vgl. Stein 1984). Zusammenfassend wurden alle in den Kolonien geborenen Menschen und Einheimischen als 'kreolisch' bezeichnet, um sie von den Eingewanderten zu unterscheiden. Auch die, in den Plantagengesellschaften neu entstandenen Sprachen wurden unter dem Terminus 'kreolisch' bezeichnet. Annegret Bollée (1977) definiert KS unter einem soziolinguistischen Aspekt, da eine rein sprachliche Begriffsbestimmung nicht ausreichend sei, da die verschiedenen Kreolsprachen zu große Unterschiede im gegenseitigen Vergleich haben, obgleich sie auch einige Ähnlichkeiten aufweisen:

„Als Kreolisch bezeichnet man eine Sprache, die in einem geographisch und/oder kulturell isolierten Gebiet, in einer multilingualen Gesellschaft mit sozialem Gefälle - wie der Plantagengesellschaft in den Kolonien- durch unvollkommenes Erlernen, Fehlinterpretation und Vereinfachung der Sprache der sozial höheren Schicht durch die sozial niedrigere Schicht entstanden ist.“ (Bollée 1977: 15).

Sie verweist aber auch auf den Aspekt, dass zunächst alles in den neuen Kolonien als 'kreolisch' bezeichnet wurde, inklusive dort geborener Kinder mit europäischen Eltern (Bollée 1977: 14, vgl. Stein 1984: 6).

Der Terminus 'kreolisch' hat bis zum aktuellen Stand der Forschung schon einige Bedeutungsverschiebungen erfahren. Die heutige Situation der Kreolsprachen ist noch immer von sozialer Unterlegenheit, Stigmatisierung und politischer Benachteiligung gekennzeichnet. Neben der linguistischen Kreolisierung (vgl. Kap.2.4) vollzog sich auch eine Art kulturelle Kreolisierung der verschiedenen Völker, bei der sich spezifisch kreolische Musik, Literatur, Religion und Küche aus der afrikanischen Grundlage entwickelte (vgl. Chaudenson 2001). Auf Mauritius sind als Beispiele der Séga, ein kreolischer Tanz, und die Sirandanes, kreolische Rätsel, zu nennen. Daneben gibt es zahlreiche Fabeln, Lieder und Geschichten, die vor allem im 19. Jahrhundert häufig als linguistische Datengrundlage genutzt wurden.

Heute hat sich der Begriff auch auf KS ohne Beteiligung einer europäischen Sprache ausgedehnt, eine Erweiterung die nicht von allen Forschern akzeptiert wird, da die Situation der Plantagensklaverei ihrer Meinung nach einzigartig bleibt (vgl. Stein 1984: 16).

2.2 Französisch-Basierte Kreolsprachen

Die französischbasierten Kreolsprachen lassen sich geographisch in zwei Gebiete gliedern, einerseits die amerikanisch-karibische Gruppe: Louisiana, Haiti, die Kleinen Antillen, St. Thomas, Guadeloupe, Dominica, Martinique, Sainte-Lucie, Grenada, Trinidad, franz. Guyana und andererseits die Gruppe im Indischen Ozean: Mauritius, La Réunion, Seychellen, Rodrigues (vgl. Hazaël-Massieux 2011: 7). Dabei sind die linguistischen Unterschiede zwischen den beiden Zonen nicht zu unterschätzen. In den Kreolgrammatiken der französisch basierten Kreolsprachen bemerkt man den Anteil des französischen Einfluss, aber auch den großen Anteil der Sprachen, die von den Sklaven gesprochen wurden. Deswegen lässt sich nicht eine einzige afrikanische Sprache, die mit dem Französischen gemischt wurde, als ‚Grundsprache’ des frz. Kreols festmachen (vgl. Hazaël-Massieux 2011). Dies erklärt auch lexikalische und grammatische Unterschiede zwischen den verschiedenen Kreolsprachen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Die franko-kreolophonen Gebiete, nach Stein (1984: 11)

Benutzt werden die FKS beinahe von der gesamten Bevölkerung der oben genannten Gebiete. Das Kreol ist nicht länger Sprache der ‚Schwarzen’ (vgl. Hazaël-Massieux 2011: 10). Trotzdem ist das Französische gebräuchlicher und besser angesehen im Umgang der sozial höher gestellten Familien, obwohl das Kreol eine oder die Muttersprache der meisten Bewohner ist. Kreolisch hingegen wird auch als natürlich wahrgenommen, wird in einigen Situationen jedoch aufgrund des sozialen Status (vgl. Kap. 6) vermieden. Dieser negative Beigeschmack der KS hat seine Ursprünge in den Plantagengesellschaften. Die soziale Situation der beiden Gebiete der FKS ähneln bzw. ähnelten sich jedoch sehr, aber im Unterschied zu den amerikanischen Gebieten waren die Inseln im Indischen Ozean vor der europäischen Kolonisation völlig unbewohnt (vgl. Stein 1984: 12). Der Import von Sklaven verschiedener Herkunft und das daraus resultierende multilinguale Umfeld bei gleichzeitigem Verlust der eigenen linguistischen Tradition, führten zur Entstehung von Kreolsprachen. Wie genau diese entstanden sein sollen, wird in Kapitel 4 näher erläutert.

2.3 Kreolsprachen des Indischen Ozeans

Die Kreolsprachen des I.O. sind auf zwei Inselgruppen verbreitet. Die Inselgruppe der Maskarenen liegt ca. 850km östlich von Madagaskar im indischen Ozean. Zu ihnen zählen das DOM La Réunion, die Insel Mauritius und die zum Staat Mauritius gehörende Insel Rodrigues. Die zweite Inselgruppe sind die Seychellen, sie bestehen aus etwa 115 Inseln, die Hauptinsel heißt Mahé. Das Kreol des I.O. wird von ungefähr 2 Millionen Einwohnern gesprochen und zeigt einige linguistische Besonderheiten auf, die sich in zwei Hauptgründen manifestieren. Zum einen ist die gesamte historische Bevölkerung der Inseln bekannt, die zuvor unbewohnt waren „on a donc ici à la fois la situation première de 'tabula rasa'“ (Chaudenson 2003: 1120). Jeder Schritt der Kolonisation dieser Inselgruppen wurde von den europäischen Einwanderern festgehalten und kann so nachvollzogen werden. Zum anderen kann die Sprachentwicklung und Genese der Inseln, die relativ nah beisammen liegen, präzise untersucht werden. So können Forscher rekonstruieren, welche Auswirkungen bereits kleine Unterschiede auf den Inseln bei der Entwicklung der Sprache ausgemacht haben und welche Faktoren sich überhaupt erst auf die Sprache auswirkten (vgl. Chaudenson 2003). Diesen Vorteil definiert er als 'état-civil', da bei den Kreolsprachen des I.O. im Gegensatz zu den romanischen Sprachen bekannt ist „où, quand et de quels ‘parents’ elles sont nées.“ (Chaudenson 2003: 1122). Dieser Aspekt zeichnet die KS des I.O. besonders aus, da sie die Beobachtung und Analyse der Entwicklung der Kreolsprachen seit der ‚ersten Generation’ erlauben. Im Gegenteil zu der amerikanisch-karibischen Gruppe der KS ist bei denen des I.O. sogar genau bekannt, dass die Sklaven vor allem aus dem Süden und Osten Madagaskars stammten (vgl. Filliot 1974). Außerdem ist dank den Aufzeichnungen von Flacourt (1658) detailliert aufgezeichnet worden, welche Sprache diese Sklaven gesprochen haben. Die Kreolsprachen des I.O. bieten Sprachforschern also genügend Material, um die Ursprünge und ihre Entstehung äußerst genau zu untersuchen.

3. Begriffsbestimmung Pidginsprachen und Pidginisierung

In diesem Kapitel soll der Begriff ‚Pidginsprache’ und Pidginisierung näher betrachtet und skizziert werden. Außerdem sollen die verschiedenen Arten von Pidgins und die Unterschiede zwischen Kreol- und Pidginsprache herausgearbeitet werden.

3.1 Pidginsprachen

Todd definiert Pidginsprachen wie folgt:

„A pidgin is a marginal language which arises to fulfil certain restricted communication needs among people who have no common language. In the initial stages of contact the communication is often limited to transactions where a detailed exchange of ideas is not required and where a small vocabulary [...] suffices.” (Todd 1990, S. 1 f.)

Das Wort Pidgin stammt aus dem englischen und bezeichnet die Sprachform, die im Kontakt zwischen Europäern und den Einheimischen gebraucht wird. Bis heute ist die Etymologie des Wortes jedoch nicht eindeutig geklärt. Pidgin dient zur Bezeichnung von Sprachen, die von zwei Gruppen in limitierten Situationen gebraucht werden, um kontakt- und interaktionsfähig miteinander zu sein (Stein 1984: 7 ff.).

„Pidginsprachen werden in der Regel nicht als Muttersprachen erlernt, sondern sind situationsspezifisch verwendete Verkehrssprachen [...] Im weiteren Sinne bezeichnet man mit Pidgin-Sprachen alle in eingeschränkten Kommunikationssituationen ausgebildeten Muttersprachen, die durch einfache Satzstrukturen und beschränkten Wortschatz gekennzeichnet sind.“ (Bußmann 1983, S. 392.)

Kommunikationssituationen durch die eine Pidginsprache entstehen kann sind zum Beispiel Handelskontakte, Kontakte zwischen Seefahrern, Kontakte zwischen Kolonialherren und „Eingeborenen“ und allgemein Kontakte am Arbeitsplatz. Jedoch können Pidginsprachen durch äußere Faktoren wie Bevölkerungswanderung schnell verschwinden, da unter Umständen ihre soziale Funktion nicht mehr vorhanden ist, und die Pidginsprache nicht mehr gebraucht wird. Die Auflösung eines Marktes kann ebenfalls dazu führen, dass eine Pidginsprache überflüssig wird und nicht mehr gesprochen wird (Arends, Muysken, Smith 1995: 7). Die erste Pidgin-Sprache war die im 19. Jahrhundert in südchinesischen Häfen entstandene Verkehrs- und Handelssprache zwischen Engländern und Chinesen, die aus einer Mischung aus einem stark abgewandeltem englischen Wortschatz und chinesischen lautlichen und grammatischen Regeln bestand (vgl. Bußmann 1983). Wenn zwei Sprecher mit unterschiedlichen Sprachkenntnissen miteinander interagieren wollen, müssen sie die Sprache des jeweils anderen lernen, was jedoch sehr zeitintensiv ist. In manchen Fällen ist es dann möglich auf eine Sprache zurückzugreifen, die beide Sprecher kennen und die beide beherrschen. Ist dies aber nicht der Fall, ergibt sich ganz unbewusst, dass beide Sprecher beginnen, eine eigene Sprache zu entwickeln, mit deren Hilfe sie kommunizieren können. Sprachen, die daraus entstanden sind, dass zwei oder auch mehrere Sprachen aufeinander treffen und eine neue Sprache bilden, werden dann also als Pidgin bezeichnet (Riehl 2004: 100). Im Gegensatz zu dem so genannten „Code-Switching“, dass oft bei ethnischen Minderheiten innerhalb des Sprachverhaltens beobachtet werden kann, ist dabei zu unterscheiden, dass beim „Code-Switching“ eine umfassende Kenntnis der beiden Sprachen vorausgesetzt wird (Bechert/Wildgen 1991: 59f). Das ist bei dem Erwerb von Pidginsprachen nicht der Fall. Der Sprecher einer Pidginsprache kennt seine Muttersprache, ist aber nicht auf eine Kenntnis der zweiten beteiligten Sprache angewiesen. Die Kenntnis der anderen beteiligten Sprache ist oft gar nicht notwendig, da die entwickelte Sprache für die Tätigkeit, bei der sie gebraucht wird, ausreichend ist. So besteht gar nicht erst die Notwendigkeit, die andere Sprache zu erlernen. Obwohl eine Pidginsprache wohl aus der Verlegenheit entsteht, dass zwei Sprecher zweier Sprachen ihre Sprachen mischen, ist Pidgin keine Sprache, die ohne Lernen genutzt werden kann. Wie jede Sprache hat sie Konventionen, die man nur durch Erlernen erkennt. Riehl spricht hier von Konventionalisierung (Riehl 2004: 101).

3.2 Der Ursprung der Pidginsprachen

Unter dieser Überschrift sollen zwei vertiefende Fragestellungen bearbeitet werden: Unter welchen Umständen entwickeln sich Pidginsprachen? Und: Welche Auslöser führen zur Entwicklung eines Pidgin?

3.2.1 Unter welchen Umständen entwickeln sich Pidginsprachen?

Generell kann zwischen zwei möglichen Umständen unterschieden werden, unter denen es zu Entstehung von Pidgin kommen kann. Beide Möglichkeiten können historisch belegt werden. Zum einen ist es möglich, dass sich zwei Sprachen auf Augenhöhe begegnen. Das ist dann der Fall, wenn die Sprecher der beiden Sprachen miteinander gleicher Augenhöhe kommunizieren. Historisch lässt sich diese Möglichkeit vor allem dann belegen, wenn europäische Entdecker und Forscher auf ihren Reiserouten an unbekanntem Land anlegen mussten, um ihre Vorräte aufzubessern. In solchen Fällen kommt es meist zu Tauschhandeln, der ein Minimum an gesprochener Sprache abverlangt (vgl. Arends, Muysken, Smith 1995). Erst, wenn Handelsrouten gefestigt werden und sich ein regelmäßiger Umgang zwischen den Sprechern unterschiedlicher Sprachen entwickelt, kann auch der Sprachkontakt gefestigt werden und sich ein Pidgin entwickeln.

Der zweite Umstand, der die Entwicklung von Pidgin ermöglicht, ist eine asymmetrische Form der Kommunikation. Diese Form liegt vor, wenn ein überlegender Sprecher auf einen unterlegenen Sprecher, einer anderen, ihm unverständlichen Sprache trifft. Als Beispiel ist hier die Kolonisierung und der damit einhergehende Sklavenhandel zu nennen (Stein 1984), da die Sprachen der Sklaven Westafrikas und Madagaskars nicht nur dialektisch, sonder teilweise gänzlich voneinander abwichen. Ein Umstand, der zum Teil von den Sklaventreibern noch unterstützt wurde, sodass absichtlich Afrikaner verschiedener Sprachen zusammengetrieben wurden, um jegliche Kommunikation zu unterbinden. Da diese sowohl während des Transports über den Atlantik als auch in der neuen Umgebung gezwungen waren miteinander in Kontakt zutreten, haben sich hier bereits Pidginsprachen entwickelt.

3.2.2 Welche Auslöser führen zur Entwicklung eines Pidgin?

Über die Auslöser, die zu der Entwicklung einer Pidginsprache führen, gibt es innerhalb der Linguistik keine Einigkeit. Riehl nennt drei grundlegende Theorien: 1. Vereinfachung der das Lexikon bestimmenden Sprachen. 2. Grammatikalischer Einfluss der Substratsprachen. 3. Universalistische Tendenzen zur Erzeugung einer maximal vereinfachten Sprache (Riehl 2004: 102). Vertreter der ersten These nehmen an, dass die Sprache, aus der später die Wörter entnommen werden, von den Sprechern derselben vereinfacht wird. Als ein Beispiel dafür kann der Sklavenhandel und die Sklavenhaltung angeführt werden. Obwohl die Vereinfachung des Wortschatzes meistens unbewusst geschieht, ist bekannt, dass z. B der nordamerikanische Indianerstamm der Delaware mit ihren erst schwedischen, dann niederländischen Handelspartnern ganz bewusst nur eine vereinfachte Form ihrer Sprache verwendeten, die aber von den Fremden als eigentliche Sprache angenommen wurden (Riehl, 2004: 102).

Die zweite These, die Riehl anführt, geht davon aus, dass Pidginsprachen mehrere Sprachen besitzen, die sie als Quellen benutzen. Während sie von der einen Sprache die Grammatik entlehnen, nutzen sie das Lexikon der anderen Sprache. Dabei ist die Sprache deren Grammatik sie nutzen immer die Muttersprache, in die dann die Wörter der fremden Sprache überführt werden. Die Sprache wird relexifiziert (Riehl 2004: 102, siehe auch Kap. 4.2). Bei dieser These muss allerdings das Verhältnis der beiden Sprecher zueinander berücksichtigt werden. Die Frage, ob es sich bei ihnen um gleichberechtigte Partner handelt oder um ein asymmetrische Verhältnis ist dabei von entscheidender Bedeutung.

3.3 Verschiedene Arten von Pidginsprachen

Pidginsprachen werden allgemein unterschieden nach der sozialen Situation in welcher sie am meisten gebraucht werden, es gibt daher ein Seemannspidgin welches durch Seefahrer entstanden ist, die mit anderen Menschen anderer Nationalität kommunizierten. Eine weitere Art Pidgin ist das Handelspidgin. Das chinesische Pidgin Englisch wurde seit 1715 an der chinesischen Küste unter Chinesen und Europäern benutzt. Pidgins dienten unter Anderem auch als interethnische Kontaktsprachen um eine Religion zu verbreiten, politische Verhandlungen zu führen oder Zeremonien zu feiern die Menschen mit keiner gemeinsamen Sprache betrafen (vgl. Arends, Muysken, Smith 1995).

Andere Pidginsprachen entstanden in multilingualen Arbeitsgruppen die oft für westliche koloniale oder industrielle Unternehmen außerhalb Europas arbeiteten, wie zum Beispiel durch die Sklaverei. Pidginsprachen wurden aber auch aus anderen Gründen entwickelt, der „Chinook Jargon“ beispielsweise wurde von Fischern in British Columbia entwickelt um bei der Kommunikation zwischen Schiffen per Radio Informationen vor den Japanern geheim zu halten (Arends, Muysken, Smith 1995: 27).

3.4 Der Unterschied zwischen Kreol- und Pidginsprache

Der signifikante Unterschied zwischen einer Kreolsprache und einer Pidginsprache (vgl. Kap. 3) besteht darin, dass eine Pidginsprache die Muttersprache von niemandem ist, während eine Kreolsprache die Muttersprache einer Sprachgemeinschaft sein kann.

“This is not always an easy distinction to make, as one aspect of the worldwide increase in linguistic conformity, and the concomitant reduction in linguistic diversity, is that extended pidgins are beginning to acquire native speakers. [...] In particular it has tended to occur in urban environments, where speakers from different ethnic groups have daily contact with each other [...]. The children of mixed marriages frequently grow up speaking the home language ­the pidgin ­as their native language.” (Arends/ Muysken/ Smith 1995: 3).

Auch Petra Thiele (1994) gibt zu bedenken, dass eine genaue Unterscheidung zwischen einer Pidgin- und einer Kreolsprache problematisch ist, da die spezifischen außersprachlichen Umstände eine wichtige Rolle dabei spielen. Bollée (1977: 122) verweist vielmehr auf Hall (1966), wonach sich ein Pidgin im wesentlichen von einer Kreolsprache unterscheidet, als das grammatische Struktur und das Vokabular eines Pidgin sehr stark reduziert sein müssen im Vergleich zu einer KS.

Valdmann (1978: 5 ff.) hat beide Sprachtypen hinsichtlich der Charakteristika ihrer Entwicklung einander gegenübergestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Vergleich von Pidgin und Kreol nach Valdmann (1978)

[...]

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Soziokulturelle Aspekte der französischen Kreolsprachen
Untertitel
Genesetheorien und sozialer Status der Kreolsprachen des Indischen Ozeans im Hinblick auf die Seychellen
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
25
Katalognummer
V418099
ISBN (eBook)
9783668670013
ISBN (Buch)
9783668670020
Dateigröße
683 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kreolsprache DOM Genese
Arbeit zitieren
Larissa Stapelkamp (Autor), 2015, Soziokulturelle Aspekte der französischen Kreolsprachen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/418099

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