Das Gesellschaftssystem der DDR als Ursache rechtsextremistischer Gewalt in Ostdeutschland? - Eine Darstellung von Erklärungsansätzen aus der Autoritarismusforschung


Seminararbeit, 2004

15 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

I. Rechtsextremismus in Ostdeutschland und der Zugang der Autoritarismusforschung
I.1 Entwicklung der Situation in Ostdeutschland
I.2 Rechtsextremismus und Autoritarismus
I.3 Die Situation in Ostdeutschland aus der Perspektive der Autoritarismusforschung

II. Ergebnisse der Autoritarismusforschung
II.1 Gerda Lederer – Psychoanalytische Begründung rechtsextremistischen Verhaltens
II.2 Detlef Oesterreich – Umweltfaktoren als Ursache

III. Gegenüberstellung und Beurteilung beider Ansätze

Einleitung

„Die aufbrechende Radikalität und Gewalt in der ehemaligen DDR kann man als Symptom einer gewalttätigen Gesellschaft interpretieren.“[1] schreibt der ostdeutsche Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz in einem 1992 erschienen Aufsatz und verleiht damit einer weit verbreiteten Vermutung Ausdruck. Nach den Ausbrüchen rechtsextremistischer Gewalt in der Ex-DDR zu Beginn der 1990er Jahre fanden sich rasch Sozialwissenschaftler, die derartige Phänomene mit den Sozialisationsbedingungen in der früheren sozialistischen Diktatur begründeten. Dabei orientierten sich die meisten von ihnen an dem um 1950 von Adorno, Horkheimer und anderen entworfenen Konzept der ‚Autoritären Persönlichkeit’, das aus psychoanalytischer Perspektive die Wurzeln des NS-Faschismus erklären will. Dieser Ansatz wurde mit der Behauptung, die autoritäre DDR-Gesellschaft habe zur Entstehung autoritärer Charaktere geführt, die nun zu rechtsextremistischen Verhaltensweisen neigten, auf die Verhältnisse in Ostdeutschland übertragen. In der Fachwelt besteht allerdings alles andere als Einigkeit darüber, ob dadurch eine adäquate Erklärung der in den neuen Bundesländern zu beobachteten Fremdenfeindlichkeit gegeben ist.

Im Folgenden soll auf zwei Studien aus der Autoritarismusforschung Bezug genommen werden, deren durchaus widersprüchliche Ergebnisse einen guten Überblick über die Diskussion in der Forschung liefern. Zunächst allerdings soll in einem ersten Kapitel kurz die in diesen Arbeiten aufgegriffene Thematik der rechten Gewalt in Ostdeutschland verdeutlicht, der Begriff des Rechtsextremismus geklärt, sowie das Autoritarismuskonzept und sein Bezug zum Rechtsextremismus im Allgemeinen und zur Problematik in den neuen Bundesländern im Besonderen erläutert werden. Im zweiten Teil der Arbeit werden dann die Arbeiten von Gerda Lederer und Detlef Oesterreich vorgestellt, in denen unterschiedliche Antworten zu der geschilderten Fragestellung geliefert werden. In einem letzen Abschnitt sollen die Ergebnisse Lederers und Oesterreich gegenübergestellt und der Versuch einer Einordnung vorgenommen werden.

I. Rechtsextremismus in Ostdeutschland und der Zugang der Autoritarismusforschung

I.1 Entwicklung der Situation in Ostdeutschland

Mit der Wende zeigte sich in Ostdeutschland ein erheblicher Anstieg rechtsextremer Gewalttaten. Zu Beginn der 1990er Jahre kam es zu einer regelrechten Explosion fremdenfeindlicher Gewalttaten, deren eindrücklichste Beispiele die Ausschreitungen gegen Gastarbeiter- bzw. Flüchtlingsunterkünfte in Hoyerswerda (1991) und Rostock-Lichtenhagen (1992) sind. Obwohl sich derartige Taten in selben Zeitraum auch im Westteil Deutschlands abspielten, war doch der Anteil der in den neuen Bundesländern verübten Gewaltakte unverhältnismäßig groß. Trotz eines Rückgangs der Gewalttaten ab 1993, hat sich seit Mitte der 1990er Jahre in Ostdeutschland eine rechte Jugendszene etabliert, die sich in ihrem Ausmaß und ihrer Gewaltbereitschaft deutlich von der Situation in den alten Bundesländern abhebt. In den Jahren 1995 bis 1999 ereigneten sich jeweils zwischen 45% und 50% aller in der BRD verübten Gewalttaten mit rechtsextremistischem Hintergrund im Osten Deutschlands.[2] Im Oktober 2000 stellte der Deutsche Bundestag in einer Anhörung fest: „In Ostdeutschland werden pro 100.000 Bürger etwa viermal mehr fremdenfeindliche Gewalttaten verzeichnet als im Westen.“[3]

Angesichts der Besorgnis erregenden Ausmaße rechter Gewalt auf dem Gebiet der neuen Bundesländer, stellt sich die Frage, ob zumindest eine Teilursache dieses Phänomens im Gesellschaftssystem der DDR zu suchen ist. Die spezielle Situation Ostdeutschlands, das 1945 den direkten Übergang von einer faschistischen Terrorherrschaft zu einer sozialistischen Diktatur erlebte, weckt das Interesse von Autoritarismusforschern. Sie versuchen die Annahme des traditionellen Autoritarismuskonzepts zu überprüfen, welches besagt, dass die Sozialisation in autoritären Gesellschaftssystemen Persönlichkeitstypen erzeugt, die besonders anfällig für totalitäre Ideologien wie den Rechtsextremismus sind.

I.2 Rechtsextremismus und Autoritarismus

Bevor auf diese möglichen Zusammenhänge näher eingegangen werden kann, müssen zunächst die Begriffe Rechtsextremismus und Autoritarismus sowie deren Beziehung zueinander erläutert werden.

Rechtsextremismus wird in der Politikwissenschaft als eine Auffassung betrachtet, die einen extremen Nationalismus und eine damit einhergehende Glorifizierung der eigenen sowie Ablehnung und Feindseligkeit gegenüber fremden Nationen zum Inhalt hat. Der Rechtsextremismus orientiert sich dabei an dem Ideal einer volks- oder rassenbezogen definierten Volksgemeinschaft, in der sich die Einheit einer Nation verwirklichen soll. Universelle Menschenrechte wie das Recht auf Leben, Freiheit oder freie Meinungsäußerung werden vom Rechtsextremismus zu Gunsten der volksgemeinschaftlichen Ideologie abgelehnt. Entsprechend richtet sich die Auffassung auch gegen demokratische verfasste, pluralistische Systeme, wie das politische System der Bundesrepublik Deutschland. Stattdessen wird eine autoritäre oder faschistische Herrschaftsform angestrebt.[4]

Die Autoritarismusforschung beschäftigt sich mit den Ursachen von Rechtsextremismus oder von Phänomenen wie Antisemitismus und Faschismus. Dabei orientiert sie sich weniger an dem diesen Auffassungen entspringende Verhalten, wie etwa die beschriebenen rechtsextremen Gewalttaten oder derartiges Wählerverhalten, sondern an den entsprechenden Einstellungen, die diesem Verhalten zu Grunde liegen. Die Grundannahme der traditionellen Autoritarismusforschung ist dabei, dass die Mehrzahl der Individuen, die Ideologien wie Faschismus, Antisemitismus oder Rechtsextremismus zugeneigt sind, sich durch relativ einheitlich bestimmbare Charaktermerkmale, durch einen sog. autoritären Charaktertypus auszeichnen, der auf Grund seiner psychischen Struktur für derartige Denkweisen besonders anfällig ist. Im Standardwerk der Autoritarismusforschung, der 1950 in den USA veröffentlichten Studie „The Authoritarian Personality“ wird der Versuch unternommen, die Ursachen des sich im Nazi-Deutschland manifestierenden Antisemitismus und Faschismus zu erforschen. Die Autoren, u.a. Theodor W. Adorno und Max Horkheimer vom Frankfurter Institut für Sozialforschung, stellen darin die These auf, dass die gesellschaftlichen und politischen Ansichten eines Menschen oftmals ein konsistentes Denkmuster bilden, das sich als stabile Ideologie auffassen lässt. Die Stabilität solcher Denkmuster führen sie auf tief gehende psychische Bedürfnisse zurück, welche die Charaktereigenschaften eines Individuums determinieren. Gestützt auf den Psychoanalytiker Erich Fromm, der sich seinerseits auf Sigmund Freud bezieht, entwerfen die Autoren der Studie die Theorie eines autoritären Charaktertypus, den sie vor allem bei solchen Individuen vermuten, die in ihrer Kindheit und Jugend eine durch Autorität und emotionale Distanz geprägte Erziehung erlebt haben. Man geht davon aus, dass aus solchen Verhältnissen stark autoritär geprägte Persönlichkeiten hervorgehen, die besonders empfänglich für Ideologien wie Antisemitismus oder Rechtsextremismus sind. Als Prototyp des autoritären Charakters gilt dabei der in der strikt hierarchisierten Gesellschaft des deutschen Kaiserreichs sozialisierte Anhänger des Nationalsozialismus. In der „Authoritarian Personality“ wird der Versuch unternommen mit Hilfe von Fragebögen und Tiefeninterviews Instrumente zu finden, mit deren Hilfe solche autoritären Charaktere identifiziert werden können. Bei derartigen Charakteren vermuten die Autoren ein Syndrom von Persönlichkeitsmerkmalen, von denen die wichtigsten Unterwürfigkeit, Konventionalismus und Aggressivität sind. Diese Charakterzüge, so die Annahme, machen die betreffenden Individuen besonders empfänglich für totalitäre Ideologien. Mit verschiedenen Messskalen sucht man diese Eigenschaften aufzudecken, um dadurch etwa auf antisemitische oder faschistische Orientierungen zu schließen.[5]

I.3 Die Situation in Ostdeutschland aus der Perspektive der Autoritarismusforschung

Der Theorie der ‚Autoritären Persönlichkeit’ folgend, müssten sich, angesichts der Häufung rechtsextremen Verhaltens im Osten Deutschlands, dort zahlreiche autoritäre Charaktere auffinden lassen, die durch ihre Kindheits- und Jugenderfahrungen besonders offen für fremdenfeindliche, rechtsextremistische Ideologien sind. Mit Messinstrumenten, ähnlich den in der ‚Autoritären Persönlichkeit’ angewandten, sollten also autoritäre Meinungen, Einstellungen und Wertvorstellungen feststellbar sein. In dieser Form ist die rennomierte Autoritarismusforscherin Gerda Lederer bei einer Befragung von Jugendlichen in BRD, DDR und Moskau zu Beginn der 1990er Jahre vorgegangen. In ihrer Studie, auf die im ersten Teil des folgenden Kapitels näher eingegangen wird, stellt Lederer im Vergleich zu ihren westdeutschen Probanden höhere Autoritarismuswerte bei ostdeutschen Jugendlichen fest und macht diese Ergebnisse für die Häufung rechtsextremistischer Einstellungen und Verhaltensweisen in der Ex-DDR mitverantwortlich. Als eine zentrale Ursache der beobachteten Phänomene sieht die Autorin das Gesellschaftssystem der DDR, das in entscheidender Weise zur autoritären Sozialisation der Befragten beigetragen habe.[6]

Jenseits der traditonellen Autoritarismusforschung gibt es aber auch andere Ansätze, die eine Erklärung, der Situation in Ostdeutschland bieten. Detlef Oesterreich, dessen Untersuchungen im zweiten Teil des folgenden Kapitels thematisiert werden, interpretiert autoritäre Verhaltensweisen an Hand seines stark abgewandelten Autoritarismuskonzepts primär als die Folge von situationsspezifischen Einflüssen. Oesterreich glaubt nicht an das Vorherrschen strukturell autoritärer Persönlichkeiten in der Bevölkerung der ehemaligen DDR. Er sieht die Ursachen für Fremdenfeindlichkeit und rechtsextremistische Ausschreitungen in einer durch die Krisensituation der Wende entstandenen, fundamentalen Verunsicherung der Ostdeutschen.[7]

[...]


[1] Maaz, Hans-Joachim: Sozialpsychologische Ursachen von Rechtsextremismus – Erfahrungen eines Psychoanalytikers, in: Heinemann, Karl-Heinz/Schubarth, Wilfried (Hrsg.): Der antifaschistische Staat entlässt seine Kinder – Jugend und Rechtsextremismus in Ostdeutschland, Köln 1992, S. 123

[2] vgl. Stöss, Richard: Rechtsextremismus im Vereinten Deutschland, Berlin 2000, S. 103

[3] o.A.: Anhörung zum Thema Rechtsextremismus – In Ostdeutschland etwa viermal mehr fremdenfeindliche Gewalttaten, in: Deutscher Bundestag – Blickpunkt 10/2000, http://www.bundestag.de/bp/2000/bp0010/0010019.html

[4] vgl. Stöss, S. 20ff

[5] vgl. Rippl Susanne/Kindervater Angela/Seipel, Christian: Die autoritäre Persönlichkeit – Konzept Kritik und neuere Forschungsansätze, in: d.s. (Hrsg.): Autoritarismus – Kontroversen und Ansätze der aktuellen Autoritarismusforschung, Opladen 2000, S. 13ff

[6] vgl.: Lederer, Gerda: Autoritarismus und Fremdenfeindlichkeit im deutsch-deutschen Vergleich: ein Land mit zwei Sozialisationskulturen, in: Rippl Susanne/Kindervater Angela/Seipel, Christian (Hrsg.): Die autoritäre Persönlichkeit – Konzept Kritik und neuere Forschungsansätze, Opladen 2000, S. 199-213 vgl. auch: Lederer, Gerda/Kindervater, Angela: Internationale Vergleiche, in: Lederer, Gerda/Schmidt, Peter (Hrsg.): Autoritarismus und Gesellschaft – Trendanalysen und vergleichende Jugenduntersuchungen 1945-1993, Opladen 1995, S.167-187

[7] vgl. Oesterreich, Detlef: Autoritäre Persönlichkeit und Gesellschaftsordnung – Der Stellenwert psychischer Faktoren für politische Einstellungen – eine empirische Untersuchung von Jugendlichen in Ost und West, Weinheim und München 1993

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das Gesellschaftssystem der DDR als Ursache rechtsextremistischer Gewalt in Ostdeutschland? - Eine Darstellung von Erklärungsansätzen aus der Autoritarismusforschung
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar: "Die autoritäre Persönlichkeit"
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
15
Katalognummer
V41888
ISBN (eBook)
9783638400589
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gesellschaftssystem, Ursache, Gewalt, Ostdeutschland, Eine, Darstellung, Erklärungsansätzen, Autoritarismusforschung, Seminar, Persönlichkeit
Arbeit zitieren
Andreas Schiel (Autor), 2004, Das Gesellschaftssystem der DDR als Ursache rechtsextremistischer Gewalt in Ostdeutschland? - Eine Darstellung von Erklärungsansätzen aus der Autoritarismusforschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41888

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