Aus der Sicht der Psychiatrie kann nicht gesagt werden, dass alle seelischen Leidenszustände und Störungen auf das Trauma mütterlichen Liebesmangels zurück zu führen sind. Wir sind auch das Ergebnis des Erbgutes, das wir von Vater und Mutter mitbekommen haben.
Dennoch ist die frühe Phase der ersten zwei Jahre in der seelischen Entwicklung eines neugeborenen Kindes wichtig für seine spätere Lebensbewältigung. Die kognitiven Fähigkeiten, wie Lesen, Schreiben und Rechnen erlernen wir ab dem sechsten Lebensjahr in der Schule. Unser Lehrer ist dabei der Schul-Lehrer.
Die seelischen Fähigkeiten des Vertrauens, des Geliebtwerdens, des Mutes zur Exploration der Umwelt lernen wir in der Frühphase nach der Geburt.
Unsere Lehrerin ist dabei die Mutter, oder ein gleichwertiger Mutterersatz. Das Kind erhält das Gefühl: „Ich werde geliebt, ich bin etwas wert." Die Verfestigung des Gefühls der Sicherheit durch Verlässlichkeit der Mutterzuwendung nennt man auch „basales Sicherheitsgefühl“ oder „Urvertrauen“.
Inhaltsverzeichnis
1. Persönlichkeitsentwicklung bei früher Störung der Mutterbindung
2. Deutung von Werken Thomas Bernhards und Elfriede Jelineks unter Verwendung der Bindungstheorie von Bowlby
3. Thomas Bernhard: Seine Jugendentwicklung
4. Thomas Bernhard: Sein Werk (in kurzen Auszügen)
5. Elfriede Jelinek: Kindheits-und Jugendentwicklung
6. Elfriede Jelinek: Ihr Werk (In kurzen Auszügen)
6.1 Die Klavierspielerin
7. Zusammenfassende Beurteilung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss früher Mutterbindungsstörungen auf die Persönlichkeitsentwicklung sowie auf das künstlerische Schaffen prominenter Schriftsteller wie Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek, basierend auf der Bindungstheorie nach John Bowlby.
- Grundlagen der Bindungstheorie und ihre Bedeutung für die frühe Kindesentwicklung.
- Analyse der traumatischen Kindheitserfahrungen von Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek.
- Psychiatrische Deutung literarischer Werke als Ausdruck seelischer Fehlentwicklungen.
- Die Auswirkungen symbiotischer versus vermeidender Mutterbindungen auf Autonomie und Sozialverhalten.
- Diskussion über moderne Betreuungsformen in Kindertagesstätten im Kontext der Bindungsforschung.
Auszug aus dem Buch
Die Klavierspielerin
Gleich auf der ersten Seite des Romans, erfahren wir, dass die fast vierzigjährige Klavierlehrerin sich von der Mutter, mit der sie die Wohnung teilt, behandeln lässt, wie ein kleines ungezogenes Kind. Es fehlt ihr völlig die Kraft und das Selbstbewusstsein, sich als erwachsene, berufstätige Person gegen die tyrannische, alte Frau durchzusetzen.
Für Menschen, die das häufige Problem der Dominanz einer Mutter gegenüber der erwachsenen Tochter aus der Psychotherapie nicht kennen, ist das Verhalten der Erika Kohut völlig unverständlich. Dies Verhalten ist durch therapeutischen Zuspruch auch nicht so schnell korrigierbar, da es sich um das Ergebnis einer tiefgreifenden Persönlichkeitsstörung handelt.
Die Klavierlehrerin Erika Kohut stürzt wie ein Wirbelsturm in die Wohnung, die sie mit ihrer Mutter teilt (….) Einem Schwarm herbstlicher Blätter gleich, schiesst sie durch die Wohnungstür und bemüht sich, in ihr Zimmer zu gelangen, ohne gesehen zu werden. Doch da steht steht schon die Mama groß davor und stellt Erika.
Zusammenfassung der Kapitel
Persönlichkeitsentwicklung bei früher Störung der Mutterbindung: Einführung in die Problematik und Vorstellung der Bindungstheorie nach John Bowlby.
Deutung von Werken Thomas Bernhards und Elfriede Jelineks unter Verwendung der Bindungstheorie von Bowlby: Verknüpfung der psychiatrischen Bindungsforschung mit der Analyse autobiografisch geprägter Literatur.
Thomas Bernhard: Seine Jugendentwicklung: Darstellung der traumatischen Kindheit und frühen Lebensjahre von Thomas Bernhard.
Thomas Bernhard: Sein Werk (in kurzen Auszügen): Untersuchung der zentralen Themen Einsamkeit und Verzweiflung im literarischen Werk Bernhards.
Elfriede Jelinek: Kindheits-und Jugendentwicklung: Analyse des familiären Hintergrunds und des Erziehungsterrors im Leben von Elfriede Jelinek.
Elfriede Jelinek: Ihr Werk (In kurzen Auszügen): Analyse der symbiotischen Mutter-Kind-Beziehung und ihrer Folgen, insbesondere am Beispiel des Romans „Die Klavierspielerin“.
Zusammenfassende Beurteilung: Psychiatrische Einordnung der vorgestellten Lebensläufe und Diskussion über die Bedeutung von früher Bindung für die psychische Gesundheit.
Schlüsselwörter
Bindungstheorie, John Bowlby, Mutterbindung, Persönlichkeitsentwicklung, Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek, Kindheitstrauma, Symbiose, Psychotherapie, Kindertagesstätte, Urvertrauen, Neurotisches Verhalten, Früherziehung, Autonomie, Klavierspielerin.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie frühe Störungen in der Mutter-Kind-Beziehung die spätere Persönlichkeitsentwicklung und das psychische Wohlbefinden eines Menschen prägen, illustriert durch die Lebensläufe und Werke bedeutender Schriftsteller.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Bindungstheorie nach Bowlby, die Auswirkungen von Trennung und Liebesentzug in der Kindheit sowie die psychologische Analyse literarischer Texte.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie traumatische Kindheitserfahrungen und gestörte Bindungsmuster in das literarische Schaffen einfließen und wie sich diese aus psychiatrischer Sicht deuten lassen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche und psychiatrische Analyse angewandt, die biographische Fakten mit den psychologischen Denkmodellen der Bindungstheorie verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit den Lebensläufen von Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek sowie der Analyse spezifischer Passagen aus ihren Werken vor dem Hintergrund ihrer Kindheitserfahrungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Bindungstheorie, Mutterbindung, Persönlichkeitsentwicklung, Kindheitstrauma, Symbiose und psychiatrische Deutung.
Wie unterscheidet sich die Bindung bei Thomas Bernhard von der bei Elfriede Jelinek?
Während Bernhard durch frühe Trennung und Weggabe in Anstalten geprägt wurde, litt Jelinek unter einer symbiotischen, tyrannischen Mutter-Tochter-Beziehung, die ihre Autonomieentwicklung massiv behinderte.
Welche Rolle spielt die „Klavierspielerin“ in der Argumentation?
Der Roman dient als konkretes Fallbeispiel, um die verheerenden psychischen Folgen einer symbiotischen Mutterbindung und die daraus resultierende Unfähigkeit zur freien Partnerwahl zu verdeutlichen.
Was sagt die Arbeit über moderne Kindertagesstätten aus?
Sie differenziert zwischen dem traumatischen Weggeben, wie es Bernhard erlebte, und modernen Betreuungsformen, wobei betont wird, dass liebevolle Zuwendung für die Entwicklung des basalen Vertrauens essentiell bleibt.
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- Rüdiger Tessmann (Author), 2016, Persönlichkeitsentwicklung bei früher Störung der Mutterbindung nach der Theorie von Bowlby und in Zeugnissen der Literatur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/420410