Industrie 4.0 und die Flexibilisierung von Produktion und Arbeitszeit

Inwiefern beeinflusst Industrie 4.0 die Flexibilisierung von Arbeitszeit und welche Chancen und Risiken birgt dies für Wirtschaft und Gesellschaft?


Hausarbeit, 2017

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definitionen
2.1 Arbeitszeit
2.2 Flexible Arbeitszeit

3. Arbeitszeitflexibilisierung im historischen Kontext

4. Industrie 4.0
4.1 Merkmale und Prinzipien
4.2 Wandel der Arbeitswelt
4.3 Arbeitszeitflexibilisierung

5. Chancen und Risiken von Arbeitszeitflexibilisierung
5.1. Zeitsouveränität
5.1.1 Work-Life-Balance
5.1.2. Arbeitsentgrenzung
5.2 Gesundheit und Fehlzeiten
5.3 Ausbeutung von Arbeitnehmern
5.4 Wirtschaftlichkeit
5.5 Horizontale und vertikale Aufgabenerweiterung
5.6 Sicherung des Wirtschaftsstandorts Deutschland

6. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Wirtschaftsstandort Deutschland behauptet sich auch in Zeiten der Arbeitsverlagerung in Niedriglohnländer (Outsourcing) aufgrund ökonomischer Standortvorteile wie beispielsweise Flexibilität, Technologie, Qualität und Stabilität (vgl. Spath et al. 2013: S. 2). Seit der Jahrtausendwende gestaltet sich die Produktion in der Bundesrepublik Deutschland nach den Prinzipien der „lean production“ und zeichnet sich durch eine erhöhte Flexibilität sowie eine deutlich gestiegene Produktivität aus. Die Produktion steht derzeit vor einem Paradigmenwechsel, da die physische und virtuelle Welt immer stärker verschmelzen (vgl. Dorst et al. 2015: S. 6). Autonome Objekte, mobile Kommunikation und Echtzeitsensorik werden durch das Internet der Dinge vernetzt, wodurch eine dezentrale Steuerung und Ad-hoc-Gestaltung von Prozessen ermöglicht wird (vgl. Spath et al. 2013: S. 2; Dorst et al. 2015: S. 6). Dadurch ist es möglich, schnell und flexibel auf Kundenwünsche zu reagieren und somit die Wettbewerbsfähigkeit weiterhin zu erhöhen. Dieser Prozess firmiert unter dem Stichwort Industrie 4.0 und bezieht sich damit auf die vierte Industrielle Revolution. Durch öffentliche Fördermittel wird an den technischen Voraussetzungen für Industrie 4.0 geforscht, auf Konferenzen werden mögliche Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft diskutiert und in Technik- und Wirtschaftsmagazinen werden Leser auf eine totale Flexibilisierung der Produktion („Losgröße eins“) eingeschworen (vgl. Scherf/Zander 2015: S. 1). Dass dieser Wunsch nach maximaler Flexibilisierung der Produktion auch eine Flexibilisierung der Arbeitnehmer voraussetzt, wird in der öffentlichen Diskussion nahezu nicht betrachtet (vgl. Scherf/Zander 2015: S. 1 f.). Dabei zeigen zahlreiche Studien der letzten Jahrzehnte, dass eine Flexibilisierung der Arbeit sowohl positive als auch negative Folgen nach sich zieht und damit alle gesellschaftlichen Teilbereiche beeinflusst.

In dieser Arbeit wird untersucht, inwiefern im Kontext von Industrie 4.0 mit einer weiteren Flexibilisierung der Arbeitszeit zu rechnen ist. Im Folgenden stellt sich die Frage nach Chancen und Risiken flexibler Arbeitszeiten für Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Um diese Fragestellung zu beantworten, werden zuerst die definitorischen Grundlagen von Arbeitszeit und Arbeitszeitflexibilisierung festgelegt. Durch eine Betrachtung von Arbeitszeitflexibilisierung im historischen Kontext soll der Flexibilisierungsprozess untersucht werden. Im Folgenden wird auf Industrie 4.0 eingegangen. Nachdem allgemeine Merkmale und Prinzipien vorgestellt wurden, wird ein möglicher Wandel der Arbeitswelt dargestellt. Darauf aufbauend wird herausgestellt, ob und inwiefern eine Flexibilisierung von Arbeitszeit im Kontext von Industrie 4.0 zu erwarten ist. Die Frage nach Chancen und Risiken soll durch eine Betrachtung der Faktoren Zeitsouveränität, Work-Life-Balance, Arbeitsentgrenzung, Gesundheit und Fehlzeiten, Ausbeutung von Arbeitnehmern, Wirtschaftlichkeit, horizontale und vertikale Arbeitserweiterung sowie Sicherung des Wirtschaftsstandort Deutschland beantwortet werden. In der Schlussbetrachtung werden die zentralen Ergebnisse zusammengefasst und ein Ausblick für zukünftige Forschungsvorhaben gegeben.

2. Definitionen

Die Definition des Untersuchungsgegenstandes ist als Grundlage für dessen Erfassung notwendig, weshalb einer präzisen Klärung der Begrifflichkeiten eine äußerst relevante Bedeutung zukommt. Dementsprechend wird im Folgenden zuerst der Begriff der Arbeitszeit betrachtet und dieser anschließend von flexibler Arbeitszeit abgegrenzt.

2.1 Arbeitszeit

Im Sinne des Arbeitszeitgesetzes (ArbZG) wird Arbeitszeit definiert als „die Zeit vom Beginn bis zum Ende der Arbeit ohne die Ruhepausen“ (Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2016: S. 45). In diesem Kontext wird die Arbeitszeit bei mehreren Arbeitgebern oder aus selbstständiger Arbeit kumuliert. In anderen Worten ausgedrückt handelt es sich bei der Arbeitszeit um „die tariflich vereinbarte Regelarbeitszeit“ (Linne 2002: S. 9). Differenziert wird Arbeitszeit nach den drei Faktoren Dauer (Teilzeit/Vollzeit), Lage (Nacht-/Tagarbeit) und Verteilung der Arbeitszeit (Gleitzeit/starre Modelle) (vgl. Seifert 2005: S. 43; vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2016: S. 45–50). Die Normalarbeitszeit in Deutschland umfasst eine 5-Tage-Woche mit bis zu 40 Stunden. Diese verteilen sich auf den Zeitraum zwischen 6 und 17 Uhr und umfassen keine Veränderung der zeitlichen Lage (vgl. Knauth/Hornberger 1997: S. 9).

2.2 Flexible Arbeitszeit

Flexible Arbeitszeiten bzw. Arbeitszeitflexibilisierung liegen vor, wenn mindestens einer der drei Faktoren (Dauer, zeitliche Lage oder Verteilung) kontinuierlich und selbstbestimmt vom Arbeitnehmer verändert werden kann. Dementsprechend sind flexible Arbeitszeiten vom Normalarbeitstag abzugrenzen und umfassen somit alle übrigen Arbeitszeitformen (vgl. Linne 2002: S. 9).

3. Arbeitszeitflexibilisierung im historischen Kontext

Zeit ist kein natürliches Phänomen, sondern wird innerhalb des sozialen Umfeldes als Lernprozess internalisiert. Die durch das Umfeld vorgegebenen Zeitstrukturen werden nach Elias von einem Fremdzwang durch Verinnerlichung gesellschaftlicher Werte und Symbole zu einem Selbstzwang. Dieser „soziale Charakter“ von Zeit hat sich im Laufe der Geschichte deutlich gewandelt und spielt für das Verständnis der Arbeitszeitflexibilisierung im Kontext von Industrie 4.0 eine entscheidende Rolle (vgl. Elias 1988: S. 12–21).

In der Vormoderne richtete sich der Umgang mit Zeit ausschließlich nach objektiven Gegebenheiten wie dem Wetter oder Jahreszeiten. Die Entwicklung zum Handelskapitalismus ab dem 13. Jahrhundert machte eine geregelte Zeitabstimmung unabdingbar. In diesem Kontext sind Kalender und Uhren als wichtige Symbole aufzuführen. Die Bedeutung dieser Symbole ist auch für unser heutiges Verständnis von Zeit als zentraler Faktor zu benennen, da sich aus dieser Form der Kontrolle ein Fremdzwang zu einem Selbstzwang entwickelt hat (vgl. Jürgens 2007: S. 168 f.).

Mit der Entwicklung zum Industriekapitalismus durch eine Technisierung der Produktion ab dem 18 Jahrhundert (1. Industrielle Revolution) verstärkte sich das Streben nach Gewinn und damit einhergehend die Vorstellung, dass Zeit optimal und effizient genutzt werden muss. Diese Ökonomisierung der Zeit wurde beispielsweise im Taylorismus und später im Fordismus durch Bewegungsablauf- und Zeitstudien sowie Fließbandarbeit vorangetrieben (2. Industrielle Revolution). Arbeitszeit wurde einer Effizienz- und Leistungsorientierung unterworfen. Dies zeigt sich unter anderem an der Kontrolle von Arbeitnehmern mithilfe von Stechuhren. Fehlverhalten der Arbeitnehmer wie beispielsweise zu langsames Arbeiten, Verspätungen oder fehlerhafte Arbeit wurden sanktioniert. Die Angst der Arbeitnehmer, den Arbeitsplatz und damit auch die Existenzgrundlage zu verlieren, löste eine weitere Verinnerlichung der vorgegebenen Leistungs- und Zeitstrukturen aus (vgl. Jürgens 2007: S. 168 ff.). Darüber hinaus entstand die Vorstellung einer voneinander getrennten Arbeits- und Privatzeit (vgl. Raehlmann 2004: S. 36). Diese Teilbereiche der individuellen Lebenswelt mussten zeitlich aneinander angepasst und koordiniert werden (vgl. Maurer 1992: S. 145).Eine drastische Verschlechterung der Arbeitsbedingungen mündete in Arbeitskämpfen. Durch das Engagement von Gewerkschaften wurde eine gesetzlich geregelte Regulation der Arbeitszeit in Form des Normalarbeitstages durchgesetzt. Dieses „Zeitgerüst“ weist ein hohes Maß an Stabilität auf und ermöglichte den Arbeitnehmern eine verbindliche Koordinierung von Arbeits- und Privatzeit (vgl. Maurer 1992: S. 142 ff.).

Durch die Nutzung von IT und Elektronik zur Automatisierung der Produktion (3. Industrielle Revolution) und die Zunahme des tertiären Wirtschaftssektors stiegen die Anforderungen an abweichende Arbeitszeitmodelle (vgl. Jürgens 2010: S. 492). So entwickelten sich verschiedenste Arbeitszeitmodelle in Bezug auf Dauer (Teilzeit/Vollzeit), Lage (Nacht-/Tagarbeit) und Verteilung der Arbeitszeit (Gleitzeit/starre Modelle) (vgl. Seifert 2005: S. 43; vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2016: S. 45–50). Für die aufgeführte Entwicklung zur Arbeitszeitflexibilisierung ist das Verhältnis zwischen den Anforderungen an Flexibilität von Betrieben (u. a. Produktionsschwankungen, Auftragslage, vorhandene Ressourcen) und dem Autonomiebedürfnis von Arbeitnehmern der entscheidende Faktor (vgl. Promberg 2005: S. 34).

Auch im Kontext der vierten Industriellen Revolution wird eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeit erwartet (vgl. Scherf/Zander 2015: S. 1 f.; Bauer 2014: S .14). Gründe sind veränderte Anforderungen an volkswirtschaftliche Strukturen, Globalisierungs- und Digitalisierungsprozesse sowie ein steigender Wettbewerbsdruck. Es wird versucht, an Mitarbeitern zu sparen und diese fehlenden Arbeitskräfte durch diverse Arbeitszeitmodelle auszugleichen (vgl. Bellmann 2014: S. 22 ff.).

4. Industrie 4.0

Nachdem die Begriffe Arbeitszeit und flexible Arbeitszeit definiert und abgegrenzt wurden sowie die Entwicklung von Arbeitszeitflexibilisierung als Prozess beleuchtet wurde, soll im Folgenden untersucht werden, ob und inwiefern eine Flexibilisierung der Arbeitszeit im Kontext von Industrie 4.0 zu erwarten ist. Dafür wird zuerst auf Merkmale und Prinzipien von Industrie 4.0 sowie den damit verbundenen Wandel der Arbeitswelt eingegangen. Im Folgenden kann eine mögliche Arbeitszeitflexibilisierung hinsichtlich ihrer Auswirkungen untersucht und damit die oben aufgeführte Frage beantwortet werden.

4.1 Merkmale und Prinzipien

Bei dem Zukunftsprojekt Industrie 4.0 handelt es sich um eine von der Forschungsunion der Bundesregierung erschaffene Hightech-Strategie als Reaktion auf den alle Lebensbereiche durchdringenden digitalen Wandel. Der Prozess der Digitalisierung zeichnet sich insbesondere durch eine stetige Vernetzung der realen und digitalen Welt aus und beeinflusst damit sowohl die Lebenswelt und den Alltag der Bürger als auch Industrie, volkswirtschaftliche Strukturen, Märkte, Unternehmensorganisation und die damit verbundene Wertschöpfungskette (vgl. Roth 2016: S. 3).

Ziel dieser Initiative ist es, die Industrie aktiv in den Veränderungsprozess zu integrieren und damit den Unternehmen eine aktive Mitgestaltung der vierten Industriellen Revolution zu ermöglichen, um beispielsweise durch eine Verbesserung der Kostenstruktur, Ressourcen- und Zeiteffizienz, eine Verbesserung der Produktqualität oder durch Flexibilisierung bzw. Wandlungsfähigkeit die Wettbewerbsfähigkeit des High-Tech-Wirtschaftsstandorts Deutschland zu stärken (vgl. Kagermann 2013: S. 18). Von besonderer Bedeutung ist dabei das Stichwort der digitalen Transformation. Diese ergibt sich aus einer stetig wachsenden Verknüpfung der digitalen Technologie mit Industrie und Produktion; Informations- und Kommunikationstechnik werden dabei immer stärker in die Strukturen von Märkten und Unternehmen integriert und implementiert (vgl. Roth 2016: S. 3). Neben der digitalen Transformation spielt das sogenannte Internet der Dinge, eine Vernetzung von Menschen und intelligenten Gegenständen, eine zentrale Rolle. Konkret ist mit Industrie 4.0 der Prozess einer globalen Computerisierung der Produktion, der Arbeits- und privaten Welt, der Digitalisierung hinsichtlich Information sowie Kommunikation und schließlich der fortschreitenden Automatisierung von Produktionsabläufen gemeint (vgl. Wolter et al. 2015: S. 9). Die Vorstellung, dass Produktionsprozesse auf der Basis von hochkomplexen cyber-physischen Systemen und dem Internet der Dinge weitestgehend automatisiert und autonom ablaufen, firmiert unter dem Begriff der Smart Factory. Bezogen auf das Konzept der Smart Factory ergeben sich durch die Vernetzung von analogen Produktionsmitteln mit dem digitalen Unternehmensumfeld eine Vielzahl an Innovationen für den Produktionsprozess (vgl. ebd. 2015: S. 12). Als Chancen der vierten Industriellen Revolution werden innerhalb des produzierenden Gewerbes insbesondere eine Individualisierung der Produktion in Form von individueller Serienproduktion, eine Flexibilisierung der Produktionsabläufe durch echtzeitnahen Datentausch und zudem eine Produktivitätssteigerung durch Ressourceneffizienz genannt (vgl. Roth 2016: S. 7). Die Vorteile im Personalbereich beziehen sich auf eine verbesserte Einsatzfähigkeit der Mitarbeiter, beispielsweise aufgrund einer Harmonisierung des Arbeits- und Privatlebens, was zumindest partiell auf Arbeitszeitflexibilisierung zurückgeführt werden kann (vgl. ebd. 2016: S. 7). Indem alle beteiligten Bereiche des Produktionsprozesses miteinander vernetzt und die Arbeitsprozesse aufeinander abgestimmt werden, ist generell von einer Steigerung der Effektivität und Effizienz auszugehen, die sich über die gesamte Wertschöpfungskette erstreckt (vgl. Wolter et al. 2015: S. 12). Wenn zudem ebenfalls an der Vergrößerung der Zielgruppe sowie der Kundenzufriedenheit und -bindung gearbeitet und diese gefördert wird, so ergeben sich daraus in letzter Instanz natürlich auch Umsatzsteigerungen (vgl. ebd. 2015: S. 15). Dies bringt wiederum Kostensenkungen und eine gesteigerte Energieeffizienz mit sich, was bspw. durch eine Optimierung im Bereich Koordination der Inbetriebnahme der Produktionsmittel oder durch Minderung der Lagerkosten erreicht werden kann.

4.2 Wandel der Arbeitswelt

Nachdem die Vorstellung von Industrie 4.0 als zukünftiges Konzept vorgestellt wurde, stellt sich die Frage nach einer Veränderung der Arbeitswelt. Aufgrund der großen Chancen sowie der Vielzahl an Möglichkeiten, welche die Produktions- und Automatisierungstechnik für die gesamte Organisation der Wertschöpfungskette bedeutet, erfährt die Arbeitswelt einen bedeutungsvollen Wandel und ganz wesentlichen Umbruch auf allen Ebenen.

Generell wird in der Forschung die Befürchtung einer menschenleeren Fabrik diskutiert. Dabei handelt es sich allerdings keineswegs um ein speziell auf die Veränderungsprozesse im Kontext von Industrie 4.0 bezogenes Thema. Bereits in den späten 50er-Jahren entwickelte Hannah Arendt die These von der Arbeitsgesellschaft, welcher die Arbeit ausgeht (vgl. Arendt 1960: S. 115–123). Aufgrund von Automatisierungsprozessen im Kontext der vierten Industriellen Revolution erscheint insbesondere in der Produktion das Szenario einer menschenleeren Fabrik, wie dies beispielsweise von Hannah Arendt prognostiziert wurde, nicht unrealistisch. Das damit verbundene Risiko von Arbeitsplatzunsicherheit und einer erhöhten Arbeitslosenquote steht dabei paradoxerweise einem qualitativen und quantitativen Zuwachs an Arbeit der wenigen verbliebenen Arbeitnehmer gegenüber (vgl. Sauer 2016: S. 2). Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung geht in einer Szenarioentwicklung allerdings davon aus, dass im Jahr 2020 gesamtwirtschaftlich gesehen keine Arbeitsplätze wegfallen, sondern stattdessen das Beschäftigungsniveau konstant bleibt. Zwar wird in einigen Branchen mit einer Arbeitsplatzreduzierung von bis zu 100 000 Stellen t, aber in anderen Branchen mit der Entstehung neuer Berufsbilder und damit neuer Stellen gerechnet (vgl. Wolter et al. 2015: S. 39). Es wird erwartet, dass zukünftig vor allem die Entwicklungsphasen erhöhten Bedarf an hochqualifiziertem Personal aufweisen werden. Diese Entwicklung wird sich zunächst ungünstig auf den mittleren Fachkräftesektor auswirken, soll jedoch in den Umsetzungsphasen wieder zu einer Balance des Arbeitsmarktes führen (vgl. ebd. 2015: S. 14). Dementsprechend wird von den führenden Experten die Vorstellung einer menschenleeren Fabrik dementiert und lediglich von einer Verschiebung der Arbeitsplätze ausgegangen.

Nicht nur Fragen der Beschäftigungssicherheit rücken nun in den Mittelpunkt, sondern vor allem auch die Rolle der Arbeitnehmer. Diese könnte sich gemessen an dem hohen Grad an Selbstorganisation der Maschinen unter Umständen auf kontrollierende und wartende Tätigkeiten reduzieren. Auch die Smart Factory wird eine Verringerung an Arbeitsplätzen mit sich bringen. Dennoch ist das ganze Vorhaben darauf ausgelegt, nicht etwa lediglich die Mitarbeiter durch miteinander kommunizierende Maschinen und Roboter zu ersetzen; vielmehr sollen die Tätigkeiten und Arbeitsabläufe, sowohl für die weniger qualifizierten Produktionsmitarbeiter als auch für das hochqualifizierte Führungspersonal, geändert und letztlich in allen Abläufen und Vorgängen optimiert werden (vgl. Bochum 2015: S. 35). Durch die vielfachen strukturellen Veränderungen wird voraussichtlich das allgemeine Niveau der Anforderungen an die Mitarbeiter steigen, man rechnet damit, dass die Schwierigkeitsgrade und die Komplexität der jeweiligen Aufgaben ansteigen werden. Abgesehen von fundierten IT-Kenntnissen werden dann vor allem auch non-formale Qualifikationsansprüche große Bedeutsamkeit erlangen. Dazu zählen Fähigkeiten wie selbstständiges Handeln, Selbstorganisation, Abstraktionsfähigkeit und eine Vielzahl an weiteren Soft Skills (vgl. Wolter et al. 2015: S. 14). Constanze Kurz, Leiterin des Ressorts Zukunft der Arbeit beim Vorstand der IG Metall, geht ebenfalls davon aus, dass sich die Industriewirtschaft ambivalent entwickeln wird und einerseits zwar vielfältige Chancen genutzt werden können, andererseits aber auch ernstzunehmende Risiken für die Mitarbeiter in der Vorstellung von Industrie 4.0 inkludiert sind. Am Beispiel der Smart Factory lässt sich verdeutlichen, dass zwar die Produktionsarbeit an Wert gewinnen wird, indem neue Arbeitsfelder und Arbeitsinhalte entstehen – und dies wiederum eröffnet den Beschäftigten die Möglichkeit eigenverantwortlich zu arbeiten –, sich aber trotzdem nicht leugnen lässt, dass die Automatisierung und Digitalisierung des Fertigungsprozesses einfache Tätigkeiten zurückdrängen wird. Arbeitsabläufe werden dezentralisiert, Produktionsprozesse sind zur Selbststeuerung fähig; zudem werden in der Smart Factory Assistenzsysteme eingesetzt (vgl. Kurz 2013: S. 59). Die zunehmende Interaktion und Zusammenarbeit zwischen Mensch und Technik bzw. Mensch und Roboter setzt dabei entsprechende Kenntnisse voraus. Assistenzsysteme sollen den Mitarbeiter unterstützen und stellen beispielsweise benötigte Informationen zur Verfügung oder verringern die körperliche Belastung, wodurch die Arbeitsfähigkeit auch im hohen Alter erhalten werden kann. Dies ist eine Chance, um im Kontext des demographischen Wandels sowohl auf die immer länger werdenden Erwerbsbiografien als auch auf die Personalanforderungen von Unternehmen zu reagieren (vgl. Becker 2015: S. 24).

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Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Industrie 4.0 und die Flexibilisierung von Produktion und Arbeitszeit
Untertitel
Inwiefern beeinflusst Industrie 4.0 die Flexibilisierung von Arbeitszeit und welche Chancen und Risiken birgt dies für Wirtschaft und Gesellschaft?
Hochschule
Technische Universität Kaiserslautern
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
21
Katalognummer
V421191
ISBN (eBook)
9783668687837
ISBN (Buch)
9783668687844
Dateigröße
630 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Industrie 4.0, Arbeitszeitflexibilisierung, Chancen, Risiken, Wandel der Arebitswelt, Digitalisierung, Globalisierung, Arbeitszeit, Zeitsouveränität, Gesundheit, Wirtschaftlichkeit, Work-Life-Balance, Arbeitsentgrenzung, Ausbeutung, Sicherung des Wirtschaftsstandort Deutschland, Implikationen für Arbeitszeitflexibilisierungsmodelle, Aufgabenerweiterung
Arbeit zitieren
Timo Blauth (Autor), 2017, Industrie 4.0 und die Flexibilisierung von Produktion und Arbeitszeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/421191

Kommentare

  • Gast am 2.8.2019

    In der Literatur ist ein Fehler, wahrscheinlich durch einen Tippfehler entstanden, Spath et al. 2013: S. 96 ist nicht korrekt, die Seitenzahl müsste 69 sein.

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Titel: Industrie 4.0 und die Flexibilisierung von Produktion und Arbeitszeit



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