Geographie in Fernsehdokumentationen über Karibik-Staaten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk


Diplomarbeit, 2004
150 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Ziel und Methoden der Arbeit

2. Länderkunde
2.1. Einleitung
2.2. Die Geschichte der Länderkunde in Deutschland
2.3. Die Phase nach dem 2. Weltkrieg und der Kieler Geographentag
2.4. Das Institut für Länderkunde in Leipzig (IfL) und die Zukunft der Länderkunde
2.5. Adressaten/Adressatinnen, Leistung und ethnologische Perspektive der Länderkunde
2.6. Zusammenfassung

3. Film und Geographie
3.1. Stand der Forschung
3.2. Geographie und Dokumentationen– Einige Besonderheiten

4. Fernseh- und Medienforschung
4.1. Ansätze der Medienwirkungsforschung
4.2. Information versus Unterhaltung
4.3. Wissenschaftssendungen im Fernsehen
4.4. Anmerkungen zur Rezeption und Didaktik

5. Die Dokumentationen
5.1. Tourismus in der Karibik
5.2. Dokumentationen zur Reisevorbereitung?
5.3. Dokumentationen im deutschen Fernsehen: Wer bringt was?
5.4. Definition und Abgrenzung

6. Die Analyse der Dokumentationen
6.1. Festlegung der Kriterien
6.2. Vorstellung der Filme

7. Ergebnisse der Film-Auswertung
7.1. Ausführungen zur geographischen Länderkunde
7.2. Thematische Breite der behandelten Aspekte
7.3. Statistische Daten zu Land und Leuten
7.4. Historische Grundlagen
7.5. Natürliche Grundlagen
7.6. Gegenwärtige Wirtschafts- und Sozialstruktur
7.7. Erläuterung von Kultur und Gesellschaft
7.8. Umgang mit Stereotypen und Klischees
7.9. Versuch des Verstehens der Gesellschaft / Respekt vor der anderen Kultur
7.10. Ausführungen zu den praktischen Hinweisen
7.11. Ausführungen zur Gestaltung und Verständlichkeit

8. Zuschauererwartungen
8.1. Die Auswahl der Sendungen und Gründe dafür
8.2. Beeinflussung durch Dokumentationen, beliebteste Themen und Übereinstimmung mit eigenen Erfahrungen

9. Zusammenfassung der Auswertung und Ergebnisse der Untersuchung

10. Schlussbetrachtung

11. Literaturverzeichnis

ANHANG

Anhang 1 Zusammenfassung der Dokumentationen

Anhang 2 Der Fragebogen

Anhang 3 Bewertungsraster der Deutschen Gesellschaft für Geographie (DGfG)

Anhang 4 Modifizierte Kriterien für die Film-Auswertung

Anhang 5 Verteilung der Themen innerhalb der einzelnen Dokumentationen

Abbildungen

1 Hettners „Länderkundliches Schema“

2 Zahl der Touristen auf Kuba

3 Informationsbeschaffung über das Reiseland

4 Interesse an Programmsparten

5 Spartenkompetenz der TV-Sender

6 Dokumentarische Sendungen – Verteilung auf Veranstalter

7 Formate der Dokumentationen

8 Die wichtigsten Themenfelder in Prozent

9 Kriterien zur geographischen Länderkunde

10 Kriterien zur Gestaltung und Verständlichkeit

11 Kriterien zu praktischen Hinweisen in den Dokumentationen

12 Karte der ABC-Inseln

13 Karte von Curaçao

14 Karibik-Karte 1

15 Karte von Hispañola

16 Karte der Dominikanischen Republik 1

17 Karte der Dominikanischen Republik 2

18 Karibik-Karte 2

19 Karte der Dominikanischen Republik 3

20 Karte von Belize

21 Karte von Mittelamerika

22 Karibik-Karte 3

23 Jamaika-Karte

24 Verteilung der Themen

25 Verteilung der Themen

26 Nebelwald 1

27 Nebelwald 2

28 Nebelwald 3

29 Gebirgszüge und Vegetationsstufen

30 Kalksteinkegel in Kuba

31 Mangroven in Belize 1

32 Mangroven in Belize 2

33 Entlegene Schule in Kuba

34 Unterricht in Kuba

35 Strand auf den ABC-Inseln

36 Karibik-Strand 1

37 Karibik-Strand 2

38 Karibik-Strand 3

39 Karibik-Strand 4

40 Touristen beschenken einheimische Kinder

41 Kinderarbeit in der Dominikanischen Republik

42 Hahnenkampf

43 „Wüstenähnliche Trockengebiete“?

44 Einheimische im Interview

45 Maya-Führer im Interview

46 Einheimischer im Interview

47 Einheimischer Restaurantbesitzer

48 Einheimischer Tabakbauer

49 Armut in der Dominikanischen Republik 1

50 Armut in der Dominikanischen Republik 2

51 Auswahl der Sendung

52 Gründe für des Anschauen der Dokumentation

53 Gründe bei „bewusster“ Auswahl der Dokumentation

54 Beeinflussung durch Dokumentationen

55 Welche Themen interessieren?

56 Stimmte die Darstellung mit den eigenen Erfahrungen überein?

Dokumentationen zählen zu den Klassikern der Programmgenres. Mit den Anfängen der deutschen Programmgeschichte geht unmittelbar der Beginn der Geschichte des Fernsehdokumentarismus einher. Der Versuch, einen Ausschnitt der Wirklichkeit abzubilden, ist von einem vielseitigen Themenspektrum insbesondere politischer und kultureller Prägung sowie von individuellen Präsentationsweisen gekennzeichnet. Dem Zuschauer eröffnet das Fernsehen vor allem mit seinen dokumentarischen Formen mit dem notwendigen kritischen Blick ein ‚Fenster zur Welt’.[1]

1. Einleitung

1.1. Ziel und Methoden der Arbeit

In dieser Diplomarbeit wird die Schnittstelle Geographie-Medienwissenschaften in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt. Mit der Arbeit soll grundsätzlich geklärt werden, ob in den Länderdokumentationen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks geographische und im Speziellen länderkundliche Aspekte vertreten sind. Weiterhin soll geprüft werden, inwiefern diese gegebenenfalls verbessert werden und welche Rolle dabei Geographen und Geographinnen zukommen kann. Außerdem stellt sich die Frage, ob das Medium Film/Fernsehen überhaupt für eine (wissenschaftliche) Länderkunde geeignet ist.

Zu Beginn ist es daher sinnvoll zu klären, was unter dem Begriff Länderkunde zu verstehen ist, welche Wandlungen dieser Begriff erfahren hat, welche interdisziplinären Ansätze es gibt und wie der aktuelle Stand innerhalb der Geographie diesbezüglich ist.

Anders als bei der Reiseführerliteratur war die Forschung im Bereich „Geographie/Länderkunde im Film“ lange Zeit zumindest im deutschsprachigen Raum nicht sehr ausgeprägt. Beispielsweise gibt es für Reiseführer seit einigen Jahren umfangreiche Bewertungskataloge der Deutschen Akademie für Landeskunde (DAL) und der Deutschen Gesellschaft für Geographie (DGfG), die ein eigenes Gütesiegel für populärwissenschaftliche Reiseführer entwickelt haben (Bödeker 1998:5). Ähnliches gibt es für das Medium Fernsehen nicht. Doch hat sich auch hier in den vergangenen Jahren einiges getan, und der Stand der Forschung wird in Kapitel 3 vorgestellt.

Es schließt sich eine auf das vorhergegangene Kapitel aufbauende Einführung in die medienwissenschaftliche Forschung mit den zentralen Punkten Medienwirkung, Information versus Unterhaltung und Wissenschaftssendungen an. Hier soll darüber hinaus aufgezeigt werden, dass moderne Prämissen der Länderkunde sich in vielerlei Hinsicht mit den Aufgabenstellungen des (öffentlich-rechtlichen) Rundfunks ähneln und es möglicherweise Anknüpfungspunkte für eine fruchtbare Kooperation gibt.

Danach wird untersucht, ob die verschiedenen Dokumentationen spezielle Eigenschaften aufweisen, inwiefern sie aus geographischer Sicht interpretierbar sind und welche Kritikpunkte daraus resultieren.

Um einen Eindruck davon zu gewinnen, was die Zuschauerinnen und Zuschauer an Länderdokumentationen schätzen, was sie am bisherigen Angebot vermissen, worin sie gegebenenfalls Vor- bzw. Nachteile zum Reiseführer sehen und weshalb sie sich solche Filme im TV anschauen, wurde im Rahmen dieser Diplomarbeit eine Umfrage mittels Fragebogen (siehe Anhang 2) durchgeführt. Die Ergebnisse der rund 150 ausgefüllten Fragebögen fließen in die Auswertung der Dokumentationen mit ein und werden mit den Resultaten der Dokumentationsanalyse verglichen.

Die einzelnen Dokumentationen werden in Kurzform vorgestellt und die in ihnen behandelten strukturiert Themen aufgelistet. So kann sich der Leser/die Leserin einen Eindruck von den Filmen machen und erhält an der Stelle einen guten Überblick über das, was anschließend analysiert wird. Um den Lesefluss nicht zu stören, sind diese Zusammenfassungen in den Anhang gestellt.

Abschließend werden die Ergebnisse diskutiert und die Frage aufgeworfen, ob der Dokumentarfilm- und Länderreportage-Markt eine Nische für Geographen und Geographinnen – mit einem medienwissenschaftlichen Nebenfach – sein kann.

2. Länderkunde

2.1. Einleitung

Bereits seit der Antike gehen Menschen auf Reise und berichten darüber. Am Anfang stehen die antiken Iternarien der Griechen und Römer, heute an deren Stelle vielfach Reise- und Länderdokumentationen. Schon Herodot (485 v. Chr. bis 425 v. Chr.) verfasste Reiseberichte mit beinahe reportagehaften Zügen. Damals wie heute dienten solche Reiseberichte dem Informations- und Unterhaltungswunsch einer Masse an Interessierten. Früher war es der Erzähler, der das Publikum quasi an seinen Erlebnissen teilhaben ließ. Aus einem ähnlichen Interesse heraus schreiben Journalisten und Journalistinnen noch heute Reportagen und machen Dokumentationen. Die Dokumentation dient im Grunde der Befriedigung eines menschlichen Bedürfnisses: Sie stillt die Neugierde am Fremden.

Dass ein Journalist/eine Journalistin, der/die eine Dokumentation fürs Fernsehen produziert, nicht in erster Linie und vor allem allein daran interessiert ist, das Publikum an seinen/ihren Erlebnissen teilhaben zu lassen, sondern in erster Linie damit seinen/ihren Lebensunterhalt verdienen möchte bzw. muss, liegt nahe. Auch der Film ist eine Ware, die nur verkauft werden kann, wenn sie jemand erwerben möchte. Der Autor/die Autorin einer Fernsehdokumentation reist demnach nicht ziel- und zwecklos umher, sondern überlegt sich bereits im Vorfeld, was er/sie dem Publikum mitteilen und darbieten möchte. Denn nur wenn der Film später ein Publikum hat, wird der Film von einer Sendeanstalt überhaupt gekauft und ausgestrahlt. Es steckt demnach hinter jeder Reportage und hinter jeder Dokumentation eine Intention: Es soll etwas vermittelt werden. Bei Länderreportagen stellt sich nun die Frage: Was soll dem Zuschauer und der Zuschauerin vermittelt werden? Und was wird letztendlich vermittelt? Welche oder besser wessen Interessen sind bei der Produktion einer Länderdokumentation ausschlaggebend? Die des Autors/der Autorin? Die des Zuschauers/der Zuschauerin? Die der Verantwortlichen der potentiellen Sendeanstalt? Oder gar alle drei?

In dieser Diplomarbeit wird diesen Fragen nachgegangen. Im Mittelpunkt steht jedoch die Frage, inwiefern Geographie in Fernsehdokumentationen dargestellt wird. Da hier – wie es bei der Reiseführeranalyse der Fall ist – das Hauptaugenmerk auf den geographischen Teilbereich der Länderkunde gelegt werden sollte, beginnt die Arbeit mit einer Einführung in dieses lange umstrittene und gleichzeitig oftmals als der – zumindest bekannteste – Teil der Geographie bezeichnete Gebiet. Darin soll herausgestellt werden, welchen Wandel die Länderkunde innerhalb der Geographie vollzogen hat und weshalb sie bei der Analyse von Fernsehdokumentationen wichtig ist.

2.2. Die Geschichte der Länderkunde in Deutschland

In der Länderkunde des Kaiserreiches gab es eine starke Differenzierung zwischen der Forschung auf der einen Seite und der Popularisierung von Forschungsergebnissen auf der anderen Seite. Seit den 1870er Jahren gab es Anstrengungen, das an den deutschen Hochschulen neu eingeführte Fach als eine in sich einheitliche Wissenschaft zu gründen (vgl. WARDENGA 2001). Es gab bereits zwanzig Jahre zuvor einige Versuche schon bestehender Geographischer Gesellschaften, die Geographie in den Hochschulen zu etablieren, dies gelang jedoch erst nach der Reichsgründung in Preußen. Die Gründe hierfür waren die Anhebung des allgemeinen Bildungsstandards und vor allem nationale Motive: Das Interesse an Regionalstudien im 19. und 20. Jahrhundert wurde durch den Kolonialismus und eine kulturwissenschaftlich ausgerichtete Begeisterung für fremde Länder und Völker gefördert, wodurch Auslandsreisen und -forschungen eine deutlich höhere Wertschätzung erfuhren (vgl. MAYR 1996). Die explorative Reiseforschung entwickelte sich zu einer Hauptquelle des Berufsbildes der Hochschulgeographen und –geographinnen, was immer dringlicher zu der Frage führte, wie das enorme Maß an schnell anwachsenden Einzelbeobachtungen in eine angemessene Form der Datendokumentation und -verarbeitung gebracht werden konnte. Dies war die Zeit einiger Zeitschriftenneugründungen, deren Spektrum sich auf die gesamte Erde bezog. Sie fungierte in der ersten Zeit der Hochschulgeographie als Leitfaden und forderte, die Geographie solle die Analyse von Mensch und Natur beinhalten und gleichzeitig geologische, geophysikalische, meteorologische, biologische, völker- und volkskundliche, historische sowie bevölkerungs- und wirtschaftswissenschaftliche Fragestellungen umfassen (vgl. WARDENGA 2001). Die Länderkunde führte nur ein Schattendasein, die über die systematische Zusammenstellung aller auf die einzelnen Erdräume wirkenden Erscheinungen nicht hinausging. Der Allgemeinen Geographie hingegen war das Erforschen des dynamischen und kausativen Zusammenhangs vorbehalten. Sie war laut RICHTHOFEN der wahre Forschungszweig der Geographie. Diese Umstände führten dazu, dass die Geographie bis in die 80er Jahre des 19. Jahrhunderts stark am naturwissenschaftlichen Ideal ausgerichtet war und die Länderkunde eher vernachlässigt wurde. (Vgl. WARDENGA 2001; Richthofen 1883)

In einer Phase bis zum Zweiten Weltkrieg erfuhr die Länderkunde einen methodologischen Aufschwung. Die neuere Generation von Geographen teilte nicht mehr die Auffassung RICHTHOFENS, es sei unmöglich, die an einem Ort wirkenden Kausalbeziehungen angemessen zu beschreiben. Die Vermischung von analytisch-chorologischer Spezialforschung und chorographischer länderkundlicher Darstellung – verursacht durch das finanziell lukrative Abfassen populärer länderkundlicher Texte und der nach der Rückkehr in die Heimat verarbeiteten Ergebnisse der Spezialforschungen – führte zu der Annahme, dass die Herausarbeitung der komplexen Kausalbeziehungen auf verschiedenen Maßstabsebenen möglich sei

Zwischen den beiden Weltkriegen war die Geographie stark durch die Länderkunde geprägt, seit Beginn der 30er Jahre war sie einer der zentralen Forschungsgegenstände der Hochschulgeographie. Anthropo-geographisch orientierte Länderkunde erlebte einen bis dahin nicht gekannten Aufschwung, insbesondere bei den populären Darstellungen verschoben sich schon in den frühen zwanziger Jahren die Schwerpunkte in diese Richtung (vgl. WARDENGA 2001).

Die bis in die Zwischenkriegszeit vorwiegend mit Forschungskonnotationen belegte Länderkunde, musste mit der Einrichtung von Lehrstühlen wissenschaftstheoretisch begründet werden. Dies geschah seit Ende der zwanziger Jahre und führte dazu, dass die Länderkunde als ein vorwiegend idiographisch ausgerichteter Forschungskomplex begriffen wurde. Die schon im Kaiserreich entwickelte populistische Ausrichtung vieler Schriften auf der Ebene der praktischen länderkundlichen Darstellung blieb – im Gegensatz zu den theoretisch-methodologischen Reflexionen – bestehen. Dies zeigte sich unter anderem an den zahlreichen Beteiligungen von Geographen und Geographinnen an populären Reihen und am starken Wachstum „gut ausgestatteter Handbücher, die von vornherein für ein großes Lesepublikum konzipiert waren und infolgedessen allgemeinverständlich geschrieben sein mussten“ (WARDENGA 2001:16). Zu dieser Zeit kam es bereits zu einer ersten und erbitterten Kontroverse um die Funktion des so genannten „Länderkundlichen Schemas“. Dabei handelte es sich um eine seit dem 18. Jahrhundert angewendete länderkundliche Darstellungsform, die nacheinander Lage, Gestalt und Größe, Oberflächenformen, Klima, Gewässernetz, Pflanzen- und Tierwelt, Menschenwelt in ihren physischen Erscheinungsformen, Siedlungen, Wirtschaft, Verkehr, sprachliche, religiöse und staatliche Verhältnisse behandelte Besonders die jüngeren Geographen und Geographinnen waren der Auffassung, das länderkundliche Schema sei als Beschreibungsmuster nicht länger aktuell, weil es eine unechte innere Kausalität abbilde und dadurch strengen wissenschaftlichen Anforderungen nicht genüge. Es fände eine Überbetonung der physisch-geographischen Verhältnisse statt, problematisiere nicht den Bruch zwischen Natur und Kultur und sei kein Mittel, mit dem Wichtiges von Unwichtigem unterschieden werden könne. Das Länderkundliche Schema leiste der Mitteilung von Banalitäten Vorschub, lasse der plastischen Landschaftsdarstellung zu wenig Raum und sei zu stark auf die historischen Sachverhalte eingestellt. Vorgeschlagen wurde eine länderkundliche Beschreibung, die von einem bestimmten Erdraumbild der Gegenwart ausgehen und die dynamischen Zusammenhänge verschiedener Kräfte interpretieren solle. Genauso wie Politik, Religion und Kultur wurden auch Krisen und Konjunkturen als landschaftsbildende „Kräfte“ angesehen[2]. Hinzu kamen die physio-geographischen Faktoren Klima, Pflanzenwelt und Relief, die jedoch ausgesprochen langsam und flächenhaft wirken. (Vgl. SPETHMANN 1931)

Für die traditionellen Hochschulgeographen und –geographinnen schien es dagegen unmöglich, in der länderkundlichen Beschreibung die Vergangenheit von der Gegenwart aus zu deuten, geschweige denn Klima, Pflanzenwelt und Relief als Kräfte aufzufassen Es handelte sich beim Länderkundlichen Schema nicht um den Versuch, einen kausalen Zusammenhang zwischen den verschiedenen Behandlungsaspekten herzustellen, sondern lediglich um den sprachlichen Versuch, komplexe Sachverhalte räumlich nebeneinander liegender Dinge abzubilden. Es bildete somit keinen direkten Wirklichkeitsbeszug ab, vielmehr war es eine mehr oder weniger zweckmäßige Form der Darstellung. (Vgl. WARDENGA 2001)

In den dreißiger Jahren wurde der Begriff der Darstellung von LAUTENSACH als das in Worte gefasste Endprodukt einer Forschungsleistung definiert. Dieses müsse sich je nach Adressatenkreis und dem zur Verfügung stehenden Druckraum in einem weiten Spektrum von der ursprünglichen Darstellung der Forschungsergebnisse bis hin zu einer weitestgehend auf Nachweise verzichtende, sich an die breite Öffentlichkeit wendende Darstellung bewegen können (vgl. LAUTENSACH 1933). Er sprach hier bereits eine Tendenz an, die erst mehrere Jahrzehnte später, nach den Ereignissen des Kieler Geographentages, ernsthaft diskutiert wurde.

Sicherlich sprach LAUTENSACH zur damaligen Zeit nur vom „Druckraum“ – ein anderer stand nicht zur Verfügung -, für diese Diplomarbeit allerdings stellt sich an dieser Stelle zum ersten Mal die Frage, ob unter diesen Umständen gegebenenfalls auch die filmische Dokumentation als eine Form der Darstellung länderkundlicher Forschungsergebnisse gesehen werden und somit im weitesten Sinne als Länderkunde im Film bezeichnet werden kann.

2.3. Die Phase nach dem 2. Weltkrieg und der Kieler Geographentag

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ging die Veröffentlichung der von Hochschulgeographen und –geographinnen verfassten länderkundlichen Monographien in der BRD stark zurück. Da auch in der Nachkriegszeit notwendige Reformen ausblieben, die die Länderkunde in die Lage versetzen sollten, befriedigende disziplinäre Antworten auf die Modernisierung der Gesellschaft zu geben, gab es schon vor 1969 vereinzelte Krisen, die dann im Kieler Geographentag kulminierten. Die Abschaffung der Länderkunde als gesellschaftsirrelevant und pseudowissenschaftliche Disziplin wurde dort, insbesondere von Studenten und Studentinnen, gefordert (vgl. STEWIG 1980). Die Länderkunde verfüge über keinerlei Problemstellungen und sei deshalb keine Wissenschaft. Vor allem ging die Kritik in Richtung des HETTNERschen länderkundlichen Schemas, dessen Inhalt bereits im vorangegangenen Abschnitt dargestellt wurde.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abb. 1: Hettners „Länderkundliches Schema“. Quelle: ASCHAUER; nach WEIGT, E.: Die Geographie, Braunschweig 1979)

Ein Resultat des Kieler Geographentages und der nach wie vor heftigen Kritik am Holismus[3] war, dass der Umfang traditioneller, den Gesamtzusammenhang von physio- und anthropo-geographischen Faktoren herausstellender Veröffentlichungen stark zurückging. Die Regionalstudien wurden verstärkt problem- und themenorientiert präsentiert, physiogeographische Aspekte oftmals im Rahmen einzelner anthropo-geographischer Themen nur partiell behandelt. Unter dem anschließenden Einfluss methodologischer Diskussionen kristallisierte sich seit den späten siebziger Jahren ein neues Verständnis von Länderkunde heraus, in dem sie ein adressatenorientiertes, wissenschaftlich durchstrukturiertes Informationsangebot für verschiedene Benutzerkreise darstellte. Als Adressaten wurden zum Beispiel Tourismus, Schule, Wirtschaft und Politik benannt. (Vgl. WARDENGA 2001; JÄGER 1976)

2.4. Das Institut für Länderkunde in Leipzig (IfL) und die Zukunft der Länderkunde

Die Länderkunde als Wissenschaft ist heute keineswegs obsolet. Allerdings muss sie als Wissenschaft „einen Beitrag zur kritischen Selbstreflexion der Gesellschaft (…) leisten“ und dabei insbesondere die räumliche Strukturierung und Restrukturierung beachten (BLOTEVOGEL 1996:22).

Das Institut für Länderkunde in Leipzig hat Abschied genommen von einem Länderkundebegriff, der sich primär um abstrakte Forschungsgegenstände kümmert und arbeitet derzeit mit einem, „der die adressatengerechte Popularisierung von Forschungsergebnissen in den Mittelpunkt seiner theoretischen Überlegungen stellt“ (WARDENGA 2001:26). Das IfL trägt damit einer Praxis Rechnung, die dem Fach bereits seit über 100 Jahren als ein durchgehendes, auch und vor allem das äußere Erscheinungsbild prägendes Element, nachzuweisen ist.

2.5. Adressaten/Adressatinnen, Leistung und ethnologische Perspektive der Länderkunde

Es stellt sich nun die Frage: Weshalb, oder besser für wen ist Landeskunde von Interesse? Laut ASCHAUER führt ein über die innerdisziplinäre Selbstbezüglichkeit hinausgehendes Verständnis von Landeskunde zu dem Ergebnis, dass die Qualität von Landeskunde an deren Bezug auf mögliche Adressaten und Adressatinnen zu messen ist. POPP würdigte bereits 1996 populäre landeskundliche Literatur wie Reise- und Exkursionsführer als zielgruppenorientierte geographisch-landeskundliche Informationsvermittlung. Solch eine zielgruppen- oder adressatenorientierte Länderkunde muss nicht zwingend auf die Frage antworten, was an wen, warum und mit welchen Methoden an regionsspezifischen Kenntnissen vermittelt werden soll. Für ihn war Länderkunde unter anderem eine zielgruppenorientierte pädagogische Aufgabe, deren Originalität in der adressatenspezifischen Vermittlung zu sehen sei. Die Ausgestaltung der Landeskunde muss sich also an der Qualität des Adressatenbezugs messen. Wenn es darum geht, eine Entscheidung über Inhalt und Gestaltung der Landeskunde zu fällen, ist eine möglichst genaue Kenntnis der Adressaten und Adressatinnen und vor allem ihrer Informationswünsche notwendig. Je genauer demnach das Wissen über die Informationswünsche der Adressaten ist, desto leichter lässt sich entscheiden, wie Inhalt und Gestaltung der entsprechenden Länderkunde aussehen sollen. (Vgl. ASCHAUER 2001; BAHRENBERG 1996)

Daraus ergibt sich folgendes Problem: Je schwieriger es ist, eine Aussage über die Adressaten und Adressatinnen zu machen, desto unmöglicher ist es, eine stimmige adressatenbezogene Begründung für eine bestimmte Form von Landeskunde zu geben Dem kann begegnet werden, in dem von Anfang an und offen der selektive Charakter einer Landeskunde betont wird. Die Schlagworte "Vorläufigkeit" und "Selektivität" sind in diesem Zusammenhang besonders wichtig. Denn wenn im Vorfeld nicht geklärt ist, wer der Adressat/die Adressatin einer Landeskunde ist, ist auch der Versuch der Vollständigkeit von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Die Länderkunde kann in diesem Fall höchstens eine Annäherung an die Adressaten/Adressatinnen sein und wird zu einem Prozess, zu einer steten Veränderung von Themen und Betrachtungsweisen. Grund dafür ist laut ASCHAUER, dass alle drei an der Ländekunde beteiligten Seiten einem Wandel unterliegen: "Der Raum, über den berichtet wird, die Adressaten in ihrer Zusammensetzung und ihren Wünschen, und nicht zuletzt der Autor selbst, sei es als Person, sei es in Form der Geographie als institutionelle Produzentin von Landeskunde(n). Als Auswahlmöglichkeit muss die Selektivität demzufolge verstanden werden, als Musterschau möglicher Zugangsweisen zur Darstellung eines Gebietes (vgl. ASCHAUER 2001). PATERSON forderte in der Diskussion um die Regionale Geographie bereits 1979: "Um verständlich zu bleiben, muss sie Selektivität als Prinzip anerkennen, und in der Praxis muß sie in verbale oder graphische Darstellung eingebettet sein" (PATERSON 1979:00). Zehn Jahre später gehen die Forderungen in dieselbe Richtung, gleichzeitig wird deutlich ein Schwerpunkt im anthropo-geographischen Bereich postuliert: Die Aufgabe geographischer Landes- und Länderkunde soll nicht sein, dem Anspruch gerecht zu werden, eine umfassende Darstellung eines Erdraumes zu geben. Im Vordergrund steht vielmehr die Behandlung gesellschaftlicher Strukturen, und die Auswahl der Themen unterliegt unter geographischem Grundaspekt dem/der jeweiligen Verfasser/Verfasserin. Dieser müsse seine Auswahl eindeutig bewerten und vor allem auch begründen. Um zu realitätsnahen Aussagen zu kommen, wird diese Beschreibung im Wesentlichen Faktoren im soziodemographischen-historischen, ökonomischen und umweltlichen Bereich mit einbeziehen müssen. Dazu zählen unter anderem die Auseinandersetzung mit den auf die jeweils konkret ausgewählten Räume einwirkenden Prozesse historischer und territorial-geschichtlicher Entwicklung in ihrer sozio-demographische Abläufe steuernden Bedingtheit. Des Weiteren zählt dazu die Erläuterung ökonomischer Strukturen in ihrer regionalen Einbindung in bzw. Abhängigkeit von politischen Entscheidungen und nicht zuletzt die beschreibende Bewertung naturräumlicher Faktoren bzw. der vom Menschen geschaffenen augenblicklichen Situation der natürlichen Umwelt. Nicht die Aneinanderreihung verschiedenster regionaler Daten macht also die moderne Länderkunde aus, sondern vielmehr die bewertende Darstellung der systemischen Zusammenhänge. WOLF formuliert eine weitere wichtige Eigenschaft der Länderkunde: Sie soll eine Beschreibung des aus der Alltagswelt der Menschen entwickelten Lebens- und Handlungsraumes geben, da sich das Verständnis hierfür häufig nur schlecht oder gar nicht aus Zahlen und Fakten erschließen lässt, jedoch ganz besonders die Eigenarten einer bestimmten Region ausmacht. (Vgl. WOLF 1994)

Dieser Ansicht war SCHÖLLER bereits 1978. Regionale Geographie insgesamt beschränkt sich für ihn heute nicht mehr darauf, einzelne Räume (Länder und Landschaften) nur zu beschreiben, sondern Kenntnis von der Eigenart ihrer spezifischen Lebenswirklichkeit zu vermitteln und aus ihren jeweiligen Bedingungen verstehen und achten zu lernen. Regional-geographische Darstellung - problem- und öffentlichkeitsorientiert - sollen sachgerechte und verständliche Analysen über komplizierte Zusammenhänge dieser Räume liefern. Dadurch tragen sie zum Verständnis anderer Völker und Kulturen bei und begünstigen die vorurteilsfreie interkulturelle Kommunikation (vgl. POPP 1996).

Auch laut MAYR habe es seit den 1970er Jahren unter anderem in Deutschland und im englischsprachigen Raum eine Neuorientierung in Richtung "problemorientierte Geographie" gegeben. Dies bedeute den Verzicht auf Berücksichtigung aller oder möglichst vieler Geofaktoren und beschränke sich stattdessen auf Grundzüge unter bewusster Akzentuierung einiger jeweils herausragender oder gezielt ausgewählter Gesichtspunkte. Oftmals treten physio-geographische Aspekte dabei in den Hintergrund und werden höchstens noch als Bezugsrahmen berücksichtigt. Häufig „werden funktions- und/oder problembedingte Teilräume oder Einzelaspekte herausgegriffen und nach dem exemplarischen Prinzip ausführlich behandelt“ (MAYR 1996:21).

Bei der Frage nach der Darstellungsform der Länderkunde tritt der Tatbestand der Selektivität erneut in den Vordergrund. So stellt sich die Frage, ob unterschiedliche Sachverhalte, die in einer Landeskunde behandelt werden, nicht auch unterschiedliche Arten und Stile der Darstellung verlangen. MAYR konstatiert, dass hinsichtlich der Darstellung sowohl die Stoffauswahl und -anordnung als auch die Vernetzung und Veranschaulichung des Inhaltes wichtig sind. Die unterschiedlichen Zielgruppen der Länderkunde seien von großer Bedeutung; an ihnen müssen sich Inhalt und Darstellungsart regionalgeographischer Arbeiten richten. Als Zielgruppen nennt er unter anderem:

- „Politiker sowie Dienststellen von Bund, Ländern, Gemeinden und Verbänden, (…)
- die landeskundlich interessierte Öffentlichkeit von national, regional oder lokal tätigen Gruppierungen aus Wirtschaft und Kultur bis hin zu einzelnen ambitionierten Bürgern und Bürgerinnen
- und als eine spezielle Nachfragegruppe Reisende unterschiedlicher Vorbildung mit ihren speziellen Bedürfnissen nach angemessenen Reise- und Exkursionsführern“

(MAYR 1996:22)

Die Aufzählung von Adressaten/Adressatinnen macht deutlich, dass verschiedene Länderkunden unterschiedliche Zwecke haben. Das bedeutet, dass die Regionale Geographie je nach Zweck unterschiedliche Ansätze und Inhalte haben wird, die sich folglich auch verschiedenartiger Darstellungsmethoden bedient (vgl. MAYR 1996).

Die Interpretation fremder Länder und Völker darf nicht nur mittels der Kriterien des eigenen Kulturkreises geschehen. Das Erkennen und Verstehen muss weg von der eurozentristischen Perspektive hin zu einer Beurteilung gehen, die auch die für eine bestimmte Kultur typische Mentalität, Werte und Normen mit einbezieht (vgl. WARDENGA 2001). SCHÖLLER setzte sich ein für eine multidisziplinär ausgerichtete Regionalforschung. Allgemein gilt die Landeskunde als ein interdisziplinärer Aufgabenbereich. Von jeher wird er nicht allein von der Geographie, sondern auch von anderen Disziplinen behandelt. Dazu gehören unter anderem die Forschungsbereiche Archäologie, Völkerkunde, Kunstgeschichte, Sozialwissenschaften, Geschichte sowie Philologien, so MAYR (1996).

Im Hinblick auf den Titel dieser Diplomarbeit stellt sich die Frage, ob das Medium Fernsehen überhaupt geeignet sein kann, um wissenschaftliche Länderkunde zu transportieren. Als wissenschaftlich gilt laut Wirth die Tätigkeit des Länderkundlers, da sie "kritische Prüfung, Ausgewogenheit der Wertungen, Distanz zu den betrachteten Objekten sowie eine Menge methodischer Fertigkeiten bei der Materialsammlung (Beobachtung, Befragung, Quellenstudium), der Materialauswertung und -sichtung sowie nicht zuletzt auch der Darstellung" erfordere. (WIRTH 1970:448) All diese Kriterien können auch bei der Produktion von Dokumentationen angewandt werden. Schon in den 30er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts schloss LAUTENSACH im Begriff der Darstellung eine auf Nachweis weitestgehend verzichtende, sich an die breite Öffentlichkeit wendende sog. verarbeitende Darstellung mit ein. Somit liefert er quasi die Grundlage dafür, auch Dokumentationen im Fernsehen als Länderkunde, WIRTH zufolge sogar als wissenschaftliche Länderkunde gelten zu lassen. Ebenfalls in den 70er Jahren äußerte sich HARD zum Thema Vermittlungsformen der Länderkunde. Seiner Meinung nach seien die herkömmlichen Inhalte der Länderkunde kaum mehr der richtige Stil, um weltkundliche und umweltkundliche Informationen zu liefern. Andere Informationsquellen wie zum Beispiel die Medien vermittelten - auch wegen ihrer visuellen Möglichkeiten - die von der Geographie reklamierten regionalen und physiognomischen Aspekte. Aus diesem Grund seien dies beispielsweise. für einen durchschnittlichen kritischen Teilnehmer an politischen Entscheidungsprozessen oder auch für einen intelligenten Touristen die modernen Informationsquellen (vgl. HARD 1973; WARDENGA 2001, LAUTENSACH 1970).

Leider gibt es bis heute auch auf internationaler Ebene so gut wie keine empirischen Studien, die zeigen, wie popularisiertes länderkundliches Wissen in der Öffentlichkeit "kontextualisiert, (re-)interpretiert und in bestehende Wissens- und Erfahrenskontexte eingebaut wird." (WARDENGA 2001:27) Und dies trotz der immer wieder geforderten Adressatenorientierung der Länderkunde.

2.6. Zusammenfassung

Der aktuelle Trend in der Länderkunde geht dahin, sich an den Wünschen des Publikums, also an denen der Adressaten/Adressatinnen zu orientieren und gleichzeitig diese zu demokratischen Bürgern auszubilden.

Wie dargestellt sah SCHÖLLER bereits 1978 die Aufgabe der Länderkunde darin, die Kenntnis von der Eigenart spezifischer Lebenswirklichkeiten zu vermitteln und dadurch die Möglichkeit zu geben, das Fremde verstehen und achten zu lernen. Rund 20 Jahre später dominieren Appelle an die Landes- und Länderkunde nach Förderung des Verständnisses anderer Völker und Kulturen sowie nach verständlichen Analysen über komplizierte Zusammenhänge (vgl. POPP 1995).

An dieser Stelle fällt auf, dass die unter anderem von SCHÖLLER und POPP formulierten Ansprüche stark den Forderungen ähneln, die insbesondere an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gestellt werden: „Der WDR soll die internationale Verständigung fördern, zum Frieden und zur sozialen Gerechtigkeit mahnen, die demokratischen Freiheiten verteidigen, zur Verwirklichung der Gleichberechtigung von Männern und Frauen beitragen und der Wahrheit verpflichtet sein.“ (Gesetz über den WESTDEUTSCHEN RUNDFUNK vom 11.1.1988). Auch in Bezug auf die Adressatenorientierung gibt es Ähnlichkeiten im Programmauftrag: „Das vielfältige Programmangebot versteht sich als Service für die Bürger: Mit der umfassenden Berücksichtigung von Interessen und Informationsbedürfnissen des Publikums dient es der freien Meinungsbildung der Bürgerinnen und Bürger.“ (www.wdr.de; 20.10.2003)

Es gibt Schnittpunkte zwischen den Ansprüchen der Geographie – im speziellen der Länderkunde – und den Anforderungen an das Medium Fernsehen. Bestehen hier also Ansatzpunkte für eine sinnvolle Präsentation geographisch-wissenschaftlicher Inhalte im Fernsehen?

Die Diskussion darüber, was als Wissenschaftssendung bezeichnet werden darf, was die Aufgaben solcher Sendungen sind, wie diese gestaltet werden sollen, was die Zuschauer und Zuschauerinnen davon erwarten, welche theoretischen Ansätze es in der Medienforschung gibt und insbesondere die Kontroverse Unterhaltung versus Information sind in der Medienwissenschaft ähnlich strittig debattierte Themen wie die Länderkunde in der Geographie.

Einen detaillierten Einblick in diese Thematik gibt das Kapitel Fernseh- und Medienforschung. Darin wird vertiefend dargestellt, was zunächst im Kapitel 3 dargelegt wird.

3. Film und Geographie

„For us humans there is no such thing as a natural world existing for itself, or at least if there is, our apprehension of it is mediated through consciousness …”

(COSGROVE 1994:388)

3.1. Stand der Forschung

Das Interesse verschiedener Richtungen der Geographie an kulturellen Prozessen und symbolischen Repräsentationen ist in den letzten Jahren gewachsen, jedoch steht die deutschsprachige Geographie hier noch am Anfang. Eine späte oder teilweise gänzlich fehlende Institutionalisierung kulturtheoretischer Fragestellungen und damit eine zögerliche und langsame Erschließung internationaler Forschung in den etablierten Wissenschaftszweigen mag hierfür als Begründung herangezogen werden.

Hinzu kommt, dass lange Zeit der Film und das Fernsehen nicht als wissenschaftlicher Forschungsgegenstand galten und Fragen nach der Herstellung und Wahrnehmung medialer Produkte, nach der Schaffung von Raumbedeutungen und ihre Folgen auf kognitives Raumwissen kritisch mit elitären Kulturbegriffen einhergehen. Kultur kann heute nicht mehr als einheitlicher, sondern muss vielmehr als vielschichtiger sozialer Prozess verstanden werden. Er umfasst die alltäglichen Lebensweisen und auch die unterschiedlichen Vorstellungen, mit denen die Menschen das Leben und die Wirklichkeit wahrnehmen. CRANG formulierte es 1998 so: „[C]ultures are sets of beliefs or values that give meaning to ways of life and produce (and are reproduced through) material and symbolic forms” (CRANG 1998:2). Kultur ist nicht allein bestimmt durch materielle Artefakte und unveränderbare Gesetzmäßigkeiten, sondern entwickelt sich ständig neu und ist ein dynamischer Prozess. „[C]ultural geography is not just a matter of studying exotic other peoples, but thinking about how we define them as ‚exotic’, what is thus going on in our own taken-for-granted worlds“. Hier ist auch der erste Schritt der Geographie zu sehen, der zu einer Beschäftigung mit den Medien führt: „Cultural Geography […] includes the ways in which place, space and environment are perceived and represented, how they are depicted in the arts, folklore and media and how these artistic uses feedback into the practical” (SHURMER-SMITH 2002:3). Das heißt, dass das Ziel einer Kulturgeographie sein muss, neben den physisch-materiellen Gegebenheiten auch deren Repräsentation und die ihnen zugewiesenen Bedeutungen zu untersuchen. Als Teil und Ergebnis kultureller Entwicklungen vermitteln audiovisuelle Medien Informationen und Handlungsanleitungen durch einen Kommunikationsprozess.

Der Grund für das nun wachsende Interesse der Kulturgeographie an diesem Thema mag die Erkenntnis sein, dass die Massenmedien ein wesentlicher Bestandteil der Kultur sind und sowohl individuelle als auch soziale Erfahrungen vermitteln. „Film deals with space and time as well as with the construction of place and meaning. Film represents the world“ (KENNEDY & LUKENBEAL 1997:33). Die wachsende Bedeutung der Massenmedien auf die Wirklichkeit des Zuschauers ist gerade für Geographen/Geographinnen interessant, denn „Räume und unsere Vorstellungen von ihnen sind durch mediale Bilder und Zuschreibungen ebenso geprägt wie durch die physisch-materiellen Gegebenheiten.“ (BOLLHÖFER 2003:55) Sie sind deshalb abhängig von (subjektiven) Deutungen und damit auch von Kommunikation.

Da audiovisuelle Medien neben kulturellen Erfahrungen und Werten auch immer räumliches Wissen widerspiegeln und deuten, bieten sie sich ganz besonders als Feld geographischer Untersuchungen an. Eine Gefahr könnte allerdings darin bestehen, dass mediale Darstellungen Räumen Bedeutungen zu schreiben und diese wiederum die Wahrnehmung der Wirklichkeit des Betrachters/der Betrachterin beeinflussen. Doch diese medialen Raumbilder spiegeln nicht die „wirklichen“ Verhältnisse wider, „sondern sind interpretierte, selektierte und diskursiv beeinflusste Wirklichkeitskonstruktionen“ (BOLLHÖFER 2003:54).

Gerade im audiovisuellen Bereich besteht die Versuchung, dass dargestellte Räume und Gegenstände allein nach Kriterien der Repräsentation und der Sichtbarkeit ausgewählt und wahrgenommen werden. Wird aber die Sichtbarkeit zum Auswahlkriterium von Wirklichkeitsdarstellungen, so bedeutet dies eine radikale Selektion des Darzustellenden. Demnach entspricht die Geographie der Filmwelt nicht automatisch der der realen Welt. Laut FLUSSER sind es drei Momente, die die Autorität der Film-Bilder kritisch werden lassen: Sie werden an einem Ort hergestellt, der für die Zuschauer und Zuschauerinnen im Moment des Betrachtens unerreichbar ist – und damit ist das Gesehene kaum überprüfbar –, die Ansichten aller Empfänger/Empfängerinnen werden gleichgeschaltet und sie wirken realer als alle übrigen Informationen, die durch andere Medien, auch die eigenen Sinne, empfangen werden (vgl. FLUSSER 1997). Medien begründen die soziale Bedeutung von Wirklichkeit durch die wertende Interpretation von Tatsachen. Dadurch werden Vorstellungen davon, „was wichtig und was richtig, was überhaupt ist“, vermittelt (BOLLHÖFER 2003:56) und Ansichten in erheblichem Ausmaße beeinflusst.

Bei der Betrachtung audiovisuellen Materials aus geographischer Perspektive darf allerdings auch die technische Seite des Films mit ihrer wahrnehmungslenkenden Funktion nicht außer Acht gelassen werden, denn die Wirkung eines Raumes wird wesentlich durch den Blickwinkel und die Aufnahmedistanz unterstrichen. „Jede Einstellung gewichtet und betont die Objekte auf unterschiedliche Weise. Außerdem bestimmen Schnitttechniken und Bewegungsaspekte den Rhythmus des Films (…). Daraus resultieren Auswirkungen auf die Raumwahrnehmung: Distanzen und Relationen werden durch Schnitte gelöscht, erzeugt oder verwischt“ (BOLLHÖFER 2003:57).

3.2. Geographie und Dokumentationen– Einige Besonderheiten

Dokumentationen gehören zu den Klassikern des Fernsehprogramms. Kennzeichnend für den Versuch, die Wirklichkeit oder Ausschnitte von ihr abzubilden, ist die meist politische und kulturelle Prägung eines mannigfachen Themenspektrums sowie die individuelle Präsentationsweise. Im Vorwort der Herausgeber einer Expertise der Landeanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) über Dokumentationen im Fernsehen heißt es: „Dem Zuschauer eröffnet das Fernsehen vor allem mit seinen dokumentarischen Formen mit dem notwendigen kritischen Blick ein >Fenster zur Welt<“ (WOLF 2003:4).

Wegen der gesellschaftlichen Bedeutung, die dem Dokumentarischen als einer informierenden und gleichzeitig kritisch reflektierenden Ausdrucksform des Rundfunks zufällt, ist dieses Thema eine genauere Betrachtung aus geographischer Perspektive wert – insbesondere für Geographen und Geographinnen, die sich mit der Rolle der eigenen Wissenschaft in den modernen Massenmedien beschäftigen. Die Frage nach der fiktiven Konstruktion einer Landschaft ist nicht nur Gegenstand der Filmwissenschaft, sondern „auch und gerade der Geographie“ (BOLLHÖFER 2003:54).

Da Dokumentationen eher der Wirklichkeit zugewandt und auf Fakten zu beruhen scheinen, sind Geographen traditionell an diesem Genre mehr interessiert als an anderen. Hier wird – innerhalb des Erzählstranges – eine größere faktische Objektivität vermutet als bei fiktionalen Filmen, ein so genannter „objektiver Realismus“ wird unterstellt. Doch geben KENNEDY und LUKINBEAL zu bedenken, dass, ebenso wie populäre Filme, „documentaries use narrative conventions (e. g., plot, storyline) as well as place and nature to construct realism“ (KENNEDY&LUKINBEAL 1997:40). Denn um eine Geschichte zu erzählen oder im speziellen Fall ein Land vorzustellen, werden zunächst bestimmte Themen ausgesucht – hier hat somit schon ein Selektionsprozess eingesetzt – und anschließend muss das Drehbuch umgesetzt und der Stoff brauchbar für das Medium gemacht werden. Schon 1982 erklärte BURGESS, „that a good documentary should not only capture the sense of place but must also be entertaining.” Sie wies außerdem darauf hin, dass es einen Konflikt zwischen dem Aufwand gebe, der hinter der Erstellung einer Dokumentation stecke, und dem, was in rund 50 Minuten[4] gezeigt werden könne. Schon aus diesen Gründen kann auch bei Dokumentationen nicht davon ausgegangen werden, sie seien in der Lage, eine unvoreingenommene, objektive Präsentation der Wirklichkeit abzuliefern. Generell führt die Verbindung Fernsehen–Geographie zu einer dem Medium inhärenten Problematik: Der Schwerpunkt der Medien liegt auf Unterhaltung, Verkaufen eines Produktes und dem erzählerischen Fluss. Im Gegensatz dazu befindet sich die Geographie mit ihrer Forderung nach Objektivität und dem Bewusstsein, dass Meinungen und Räume durch die Medien konstruiert werden. „The primary purpose is to sell a story and to entertain. The images used in film are created and selected based on their aesthetic qualities, entertainment value and ability to strengthen the story” (KENNEDY&LUKINBEAL 1997:42).

Die filmische Darstellung kann durch mehrere Faktoren beeinflusst werden. Folgende wurden in vorangegangenen Studien unter anderem von Geographen und Geographinnen festgestellt: das soziale Milieu, in dem gedreht wurde (GOLD 1985; LUKINBEAL&KENNEDY 1993), spielt eine Rolle, ebenso die kulturellen Werte des Filmemachers/der Filmemacherin (JENKINS 1990; GODFREY 1993) als auch seine/ihre eigene, persönliche Weltanschauung (ZONN 1984; AITKEN 1991) und die Notwendigkeit zum Entertainment (LIVERMAN&SHERMAN 1985), damit der Film von genügend Zuschauern und Zuschauerinnen angesehen wird. Die geographische Analyse von Filmen muss sowohl den im Film behandelten Raum betrachten als auch den Raum und die Umstände, in bzw. unter dem der Film gedreht wurde (vgl. KENNEDY&LUKINBEAL 1997, HOPKINS 1994).

Eine Schlussfolgerung der bisherigen geographischen Untersuchungen zum Thema Geographie und Film lautet: „Geographic research on film should not seek one unifying theory, but rather move into a multiplicity of scales and combine different theoretical frameworks in creative new ways” (KENNEDY&LUKINBEAL 1997:46).

Eingehender mit der Fragestellung medienwissenschaftlicher Aspekte beschäftigt sich das folgende Kapitel. Nach einer Einführung wird darin insbesondere die Frage nach der Wirkung und dem Einfluss von Filminhalten ausführlicher diskutiert.

4. Fernseh- und Medienforschung

Drei grundlegende Richtungen lassen sich in der Geschichte der Film- und Fernsehforschung erkennen. Dies ist zum ersten die der mediensemiotischen Ansätze, zum zweiten die der Medienwirkungsansätze mit mikroskopischer Perspektive und zum Dritten die der Medienwirkungsansätze mit makroskopischer Perspektive (vgl. SCHULZ 1982).

Bei den mediensemiotischen Ansätzen liegt das Hauptaugenmerk in der Analyse des filmischen Produktes. Die Semiotik – aus dem Strukturalismus hervorgegangen – betrachtet Film und Fernsehen als Sprache. Sie beschäftigt sich mit der Analyse des non-verbalen Verhaltens von Personen, die im Fernsehen auftreten oder mit Symbolsystemen und Ritualen, die sich in den und durch die Massenmedien entwickelt haben. Die Mediensemiotik ist sehr produktorientiert und stellt für die Erforschung von kognitiven und emotiven Verarbeitungsprozessen bei der Fernsehrezeption Analyseverfahren zur Verfügung, mit denen Filmbeiträge genau beschrieben werden können.

Die mikroskopische Medienwirkungsforschung versucht, charakteristische Sprachcodes im Medienbereich zu systematisieren und zu analysieren. In erster Linie untersucht sie die Wirkung der Medien auf das Individuum, auf Einstellungen, Wissen und Verhalten.

In der makroskopischen Perspektive steht die Frage nach der Wirkung der Medien auf die Gesellschaft und ihre Teilsysteme (insbesondere auf den politischen Bereich) im Mittelpunkt der Forschung. Neuere Untersuchungen beschäftigen sich immer mehr mit der Rolle der Medien als Einflussgröße für Sozialisation und Ausbildung, als sozial relevante Vorgaben für Orientierungs- und Verhaltensmuster für Jugendliche (vgl. MEUTSCH et al. 1990).

4.1. Ansätze der Medienwirkungsforschung

So viele Ansätze es in der Erforschung der Wirkung der (Massen-) Medien auch gibt, eines gilt heute als sicher: Eine direkte, einseitige, lineare, Beeinflussung der Zuschauer und Zuschauerinnen gibt es offenbar nicht. Im Prinzip gingen davon noch die makroskopischen Stimulus-Response-[5] oder Transfermodelle aus. Diese „gehen entweder implizit oder explizit von der Vorstellung aus, bei Kommunikationsprozessen richte ein Kommunikator (Sender) eine Information über ein Medium (Kanal) an einen Rezipienten (Empfängerprojekt), dessen Zustand daraufhin in irgendeiner Weise verändert wird (Wirkung). Forschungsschwerpunkt in dieser Zeit war die Frage nach spezifischen, messbaren und kurzfristigen Werbekampagnen kommerzieller und politischer Natur auf Einstellungen und Verhalten (vgl. MEUTSCH et al. 1990). Empirische Untersuchungen führten in der Folgezeit zur Diffusionsforschung mit dem Konzept des opinion-leader. In einer vielzitierten Untersuchung des US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes von 1940 fand LAZARSFELD, dass die Fernseh- und Radiopropaganda im Zusammenhang mit dem Wahlkampf nur wenig direkten Einfluss auf die Einstellung und das Verhalten des/der durchschnittlichen Rezipienten/Rezipientinnen hatte. Daraus folgerte Lazarsfeld eine indirekte Beeinflussung des „man-on-the-street“ über so genannte Meinungsführer und -führerinnen (MEUTSCH et al. 1990) Kritische Nachfolgeuntersuchungen führten zu einem Mehr-Stufen-Modell. Dieses besagt, dass bei der Rezeption von Medieninhalten eine variierende Anzahl von Stationen (zum Beispiel Familienmitglieder, Experten, Nachbarn/Nachbarinnen und Kollegen/Kolleginnen, …) zwischengeschaltet ist, die die Wirkung beim Rezipienten bei der Rezipientin beeinflusst.

Es wirken insgesamt so viele andere Einflüsse auf die Rezipienten ein, dass eine schlichte lineare Kausalitätsbeziehung nicht als Erklärung herangezogen werden kann. „Der Mensch bewegt sich im Kraftfeld etlicher Umweltfaktoren, von Familie, Schule, Spiel- und Berufsgruppen, die Intelligenz und Sozialverhalten beeinflussen. TV-Wirkungen lassen sich nicht isolieren wie im Chemielabor“ (MEYN 1999:309) Vielmehr gilt es als sicher, dass insbesondere die Persönlichkeit sowohl des Kommunikators/der Kommunikatorin[6] als auch die der Rezipienten und Rezipientinnen[7] eine ausschlaggebende Wirkung hat.

Die Aufnahmebereitschaft der Rezipienten hängt nicht unwesentlich vom Prestige und von der Glaubwürdigkeit des vortragenden Menschen und des Senders ab. Ebenso sind Form und Inhalt, Verständlichkeit und Glaubwürdigkeit der Aussagen und die Art der Argumentation entscheidend.

Die Medienwissenschaft unterscheidet im Hinblick auf die Rezipienten und Rezipientinnen zwischen präkommunikativer und kommunikativer Phase. Das heißt, sowohl der Wissensstand als auch die eventuell vorgefasste Meinung und die persönliche Erwartung spielen eine Rolle bei der Wirkung, die eine Botschaft im Fernsehen unter Umständen beim Zuschauer und bei der Zuschauerin hat.

Während des Kommunikationsprozesses hängt der Grad der Wirkung stark von der jeweiligen Aufnahmesituation, der „selektiven Wahrnehmung“[8], der psychischen und physischen Konstitution (z. B. Intelligenz und Alter) und auch davon, welche persönliche Einschätzung der Rezipient vom Kommunikator hat, ab (vgl. Katz / Lazarsfeld 1955).

Auch die Frage, wer wen beeinflusst: Die Medien die Rezipienten oder umgekehrt, ist nicht eindeutig zu beantworten. Ein für diese Arbeit interessanter Ansatz ist der „Uses and gratifications-approach“ von Herta Herzog aus der Lazarsfeld-Schule: „Mit diesem Ansatz legte die Medienwirkungsforschung das Schwergewicht auf die Frage, zu welchen Zweck, für die Befriedigung welcher Bedürfnisse Menschen die Medien gebrauchen.“ (NOELLE-NAUMANN 1996:535) Der Rezipient nimmt in dieser Theorie eine sehr aktive Position ein.

Es geht hier also darum, dass Rezipienten und Rezipientinnen von sich aus entscheiden, was sie wahrnehmen wollen und dementsprechend: was sie sich anschauen und anhören wollen und was nicht. In diesem Fall ist es für den Produzenten/die Produzentin äußerst wichtig zu wissen, was die Menschen sehen wollen, damit auf diese Wünsche und Bedürfnisse bei der Produktion von Dokumentationen eingegangen werden kann. Diese Frage ist somit auch für adressatenorientierte Geographen und Geographinnen, die in Film und Fernsehen arbeiten (wollen), von großer Wichtigkeit.

Dem gegenüber stehen die Ansätze, die davon ausgehen, dass die Zuschauer und Zuschauerinnen eben nicht frei wählen können, was sie sehen möchten, sondern dass durch die Themenstrukturierung bereits eine (Vor-) Auswahl durch die Massenmedien vorgenommen wurde[9]. Die Massenmedien tragen dadurch zur Thematisierung (agenda-setting) und zur politischen Meinungs- und Willensbildung bei und prägen die öffentliche Meinung mit (vgl. SCHENCK 1996). So wird einerseits auf bestimmte Themen aufmerksam gemacht, andererseits wird durch unterschiedliche Hervorhebung von Themen eine unterschiedlich starke Beachtung beim Publikum hervorgerufen. Bei Dokumentationen im Fernsehen ist der Zuschauer / die Zuschauerin in erster Linie auf das Angebot der Fernsehanstalten angewiesen. Er / sie kann wählen zwischen der Dokumentation und einem Alternativangebot auf einem anderen Sender.

Die Medien beeinflussen demnach, worüber die Menschen sprechen, aber die Frage ist, ob sie auch die Meinung zu dem betreffenden Thema beeinflussen. Dazu schreibt NOELLE-NEUMANN (1996:520): „Nach jetzigem Stand der Forschung mischt sich beides, aber ein deutliches Übergewicht liegt beim passiven Medienpublikum und damit starker Medienwirkung.“ Auch Kepplinger kommt zu dem Befund, dass inzwischen eine große Zahl von empirischen Untersuchungen die Einflussmöglichkeiten insbesondere des Fernsehmediums belegen. Zu der Frage, in welcher Form die Medien die Meinungs- und Willensbildung der Rezipienten/Rezipientinnen beeinflussen, gibt es zahlreiche Theorien; vor allem im Forschungsbereich Wirkung von Gewaltdarstellungen in Massenmedien gibt es eine Vielzahl an Studien und Erklärungsansätzen. Auch hier gilt wieder, dass die Wirkung vor allem vom Publikum abhängt – sowohl von dessen konkreter Aufnahmesituation als auch von der jeweiligen Persönlichkeit. Außerdem verlaufen die Prozesse der Meinungsbildung durch Massenmedien häufig sehr langsam. Grund für diese langfristigen Wirkungen ist laut Keppler, dass die verbalen Aussagen und optischen Darstellungen häufig wiederholt werden. Diese erführen dadurch eine gegenseitige Verstärkung. (Vgl. KEPPLINGER 1996)

Inwieweit jedoch eine einzelne Sendung, in diesem speziellen Fall eine einzelne Länderdokumentation, einen konkreten Einfluss auf die Zuschauer und Zuschauerinnen, insbesondere auf eine einzelne Person, hat, lässt sich schwer beantworten. Wird ein Zuschauer oder eine Zuschauerin durch eine Länderdokumentation auf die Idee gebracht, in ein Land zu fahren (oder zu fliegen), oder gab es die Pläne bereits vorher? War das vielleicht sogar der Grund, weshalb die Dokumentation angeschaut wurde!?

4.2. Information versus Unterhaltung

„Die auf der Basis der ‚Fernsehurteile des Bundesverfassungsgerichtes’ entwickelten Senderichtlinien der einzelnen Sendeanstalten sehen Information, Bildung und Unterhaltung als zentrale Ziele des Programms an (…)“ (MEUTSCH et al. 1990:14). Es bleibt jedoch ungeklärt, welcher dieser drei Sparten von Wissenschaftssendung und im Speziellen Länderdokumentationen – so sie als Wissenschaftssendungen bezeichnet werden können – angehören sollen. Die Frage ist, ob es überhaupt sinnvoll ist, sie allein einem dieser Aufgabenbereiche einer Sendeabteilung einzuordnen. Vielfach wird heute die Gültigkeit des ‚Information versus Unterhaltung’-Modells „grundlegend in Frage gestellt“ (KLAUS 1996:402). Die Kategorien „Information“ und „Unterhaltung“ sollten demnach heutzutage „auf allen Ebenen des journalistischen Handlungszusammenhangs“ (ebd.) zusammengedacht werden. In die gleiche Richtung geht auch die Forderung, Unterhaltung und Information „nicht als Gegensätze, sondern als zusammengehörende Elemente“ (RAGER/MÜLLER-GERBES:16f) im Journalismus zu sehen. Wie bereits dargestellt, gibt es in den Landesrundfunkgesetzen, aber auch in den Staatsverträgen und in den verschiedenen Landesmediengesetzen, eine Verankerung der Informationspflicht des Journalismus. Bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass eine Pflicht zur Unterhaltung in den Medien besteht. So heißt es zum Beispiel in den Richtlinien für die Sendungen des Zweiten Deutschen Fernsehens, dass das Programm umfassend informieren, anregend unterhalten und zur Bildung beitragen soll.

Im Allgemeinen werden Wissenschaftssendungen der Programmsparte „Information“ zugeordnet. Laut HINT-Studie[10] allerdings werden Informationssendungen über wissenschaftliche Themen „möglicherweise als besonders unterhaltend rezipiert“ (HINT Projektbericht Nr.1, 1982:7). Einen klaren Gegensatz zwischen Unterhaltung und Information sehen die meisten Zuschauerinnen und Zuschauer nicht. Laut einer von DEHM 1984 erhobenen Studie über die Erwartungshaltung bezüglich ihres Unterhaltungsbegriffs kam es zu folgendem Ergebnis: „Der Gegensatz zu Sendungen, bei denen man sich unterhält, sind Sendungen, die einem nicht gefallen, jedoch nicht Informationssendungen“ (DEHM 1984:642).

In Bezug auf die zu untersuchenden Länderdokumentationen ist eine klare Kategorisierung nicht möglich. Auf der einen Seite tragen sie zur Information und eventuell sogar zur (Weiter)Bildung der Rezipienten/Rezipientinnen bei, auf der anderen Seite fühlt sich der Zuschauer / die Zuschauerin unterhalten. KLAUS erläutert dies folgendermaßen: „So gehören Information und Orientierungswissen für viele Befragte zum Unterhaltungserleben, wenn sie auch nicht im Zentrum stehen wie etwa Spaß, Abwechslung und Entspannung“[11] (Klaus 1993:409). Vor diesem Hintergrund ist es sinnvoll, das Genre „Länderdokumentation“ weder der einen, noch der anderen Kategorie zuzuordnen. Insbesondere diese Art der Fernsehsendung vereinigt beide Elemente miteinander, und gerade das kann und sollte als eine Stärke gesehen werden. So kann durch eine Länderdokumentation sowohl der/die Unterhaltungssuchende als auch der/die Informationsliebhaber/-liebhaberin angesprochen werden.

4.3. Wissenschaftssendungen im Fernsehen

Darüber, was die Aufgabe von Wissenschaftssendungen ist, gibt es mehrere Auffassungen. So soll sie „den Zuschauern eine Vorstellung dessen vermitteln, wonach die Forschenden suchen“ (SCHIEMANN 1978:63). Die Funktion der Wissenschaftsredakteure sieht LECHLEITNER, ehemaliger Leiter der Münchener Redaktion des ARD-Magazins „Bilder aus der Wissenschaft“, darin, „zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit zu vermitteln, die Genesis wissenschaftlicher Erkenntnis zu verdeutlichen und (…) ein Forum abzugeben, auf dem Wissenschaft sich selber darstellen kann“ (LECHLEITNER 1973:316f).

SCHIEMANN und LECHLEITNER stellen demnach die Darstellung von Wissenschaft und ihre Methoden und Ergebnisse sowie deren Entstehung in den Vordergrund.

Im Gegensatz dazu sieht beispielsweise MOHL[12] die Aufgabe seines Gesundheitsmagazins Praxis als „medizinische Lebenshilfe“ (MOHL 1977:33). Auch JENKE geht in seiner Argumentation in diese Richtung. Das Selbstverständnis seiner Berichterstattung aus der Wissenschaft lässt sich als ausdrücklich anwendungsorientiert bezeichnen. Seiner Auffassung nach soll der Wissenszuwachs bei den Zuschauerinnen und Zuschauern in den Handlungen innerhalb ihres Lebensbereiches umgesetzt werden (Vgl. JENKE 1975).

Beide, JENKE und MOHL, stellen die „Notwendigkeit der Anwendungsorientierung, die Vermittlung praktischen Handlungswissens, wobei besonders die Bedürfnisse der Mediennutzer/innen von Bedeutung sind“ (MEUTSCH 1990:15), in den Vordergrund.

Die Medienwissenschaft diskutiert die Aufgaben der Wissenschaftsberichterstattung auf verschiedenen Ebenen. Als besonders wichtige Eigenschaft von Wissenschaftsberichterstattung ist die „explizite Orientierung an den Bedürfnissen und Lebenswelten der Rezipient/inn/en“ (MEUTSCH 1990:16) zu betonen. In diesem Sinne wurde schon Mitte der siebziger Jahre das Informationsangebot des Fernsehens kritisiert. Es aktiviere „zu wenig alternative Gedanken und Handlungen, wie es weitgehend an den wirklichen Bedürfnissen der Konsumenten vorbeigeht und, wo es diese berührt, in undurchschaubarer Weise darstellt“ BUBENIK 1975:8f).

Dies deutet darauf hin, dass das Thema Wissenschaftsberichterstattung zukünftig nicht nur theoretisch erörtert werden muss, sondern auch und vor allem empirische Untersuchungen wichtig sind, die das tatsächliche Interesse und die Bedürfnisse derer, die sich solche Sendungen anschauen wollen, zu erkunden und aus diesen Daten „Konsequenzen für die inhaltliche und formale Programmgestaltung ableiten zu können“ (MEUTSCH 1990:17).

[...]


[1] Zitat aus dem Vorwort der Expertise des Adolf-Grimme-Instituts „Alles Doku – oder was?“ von Fritz Lange

[2] Als „Kraft“ galt im Übrigen auch die Persönlichkeit, genau gesagt die „wagende Führernatur“. (WAGENDA 2001) Allein in dieser Auswahl wird deutlich, dass die Geographie und im Besonderen die Länderkunde im 19. Jahrhundert gut als ideologisches Instrument für staatliche Kolonialismus-Phantasien eingesetzt werden als auch im 20. Jahrhundert im Dritten Reich ihrer Rolle als staatliche Erfüllungsgehilfin bei der NS-Raumplanung ohne weiteres gerecht werden konnte (und beides auch wurde).

[3] Holismus wurde der Anspruch der Geographie genannt, für einen bestimmten Landschaftsabschnitt eine umfassende, das heisst vollständige Darstellung sowohl physio- als auch anthropo-geographischer Einzelaspekte abzugeben.

[4] Das international gängige Format von Dokumentationen ist in der Regel ca. 50 Minuten .

[5] Die so genannte „Lasswell-Formel“ von 1948 – vielzitiertes lineares Kommunikationsmodell in dieser Epoche – lautet: „Who says what in which channel to whom with what effect?“ Das Shannon-Modell (1948) ging ebenfalls von einer einseitig vor sich gehenden Kommunikationssituation aus, hatte allerdings schon so genannte “Störquellen” in das Modell integriert (vgl. Noelle-Neumann 1996). Beides sind so genannte „Stimulus-Response-Theorien“.

[6] Kommunikator bezeichnet diejenige Person, die eine Aussage vermittelt. (Z.B. Nachrichtensprecher und -sprecherinnen, Reporter und Reporterinnen, Redner und Rednerinnen, etc.)

[7] Als Rezipienten/Rezipientinnen werden bezeichnet: Zuschauer und Zuschauerin; Zuhörer und Zuhörerinnen; Publikum; etc.

[8] „Selektive Wahrnehmung“ bedeutet, dass nur meinungskonforme Inhalte wahrgenommen werden, dissonante Aussagen jedoch „überhört“ werden. „Der Effekt dieser Schutzmechanismen zur Aufrechterhaltung bestehender Einstellungen und Abwehr von Zweifeln ist in vielen Studien der Kommunikationsforschung nachgewiesen.“ (Zillmann/Bryant 1985; zitiert aus: NOELLE-NAUMANN 1996:539)

[9] Es handelt sich um den so genannten „Agenda-setting approach“.

[10] Um Wissenschaftssendungen besser untersuchen zu können, führte die Hamburger Projektgruppe Informationstransfer, gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, eine Pilotstudie durch, deren Ziel es war, Methoden und Kategorien zur Analyse von Wissenschaftssendungen zu entwickeln.

[11] KLAUS nimmt hier Bezug auf eine Studie von Ursula DEHM. Diese hat gezeigt, „dass Unterhaltung ein wichtiges Qualitäts- und Beurteilungskriterium für Fernsehsendungen darstellt. (…) Was in der Medienpraxis als ‚Unterhaltungssendung’ gehandelt wird, überschneidet sich nur teilweise mit den Sendungen, bei denen sich Zuschauer und Zuschauerinnen unterhalten“ (KLAUS 1993:409).

[12] Hans MOHL, ehemaliger Leiter der Redaktion „Gesundheit und Natur“ beim ZDF

Ende der Leseprobe aus 150 Seiten

Details

Titel
Geographie in Fernsehdokumentationen über Karibik-Staaten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Institut für Geowissenschaften)
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
150
Katalognummer
V42283
ISBN (eBook)
9783638403559
ISBN (Buch)
9783638706742
Dateigröße
48675 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geographie, Fernsehdokumentationen, Karibik-Staaten, Rundfunk, Kuba, Dominikanische Republik, Länderkunde, Reiseführer
Arbeit zitieren
Thorsten Weber (Autor), 2004, Geographie in Fernsehdokumentationen über Karibik-Staaten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42283

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