"Working poor". Ein Bestandteil gesellschaftlicher Prekarisierung


Hausarbeit, 2018

15 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

1. Armut und prekäre Lebensverhältnisse

2. Working Poor

3. Ursachen von Erwerbsarmut
3.1. Prekäre Beschäftigung
3.1.1. Niedriglohnsektor
3.1.2. Geringfügige Beschäftigung
3.1.3. Teilzeitarbeit
3.2. Risikogruppen

4. Sozialgesellschaftliche Folgen

5. Lösungsansätze zur Bekämpfung von Erwerbsarmut
5.1. Gerechte bildungspolitische Arbeitsmarktpolitik
5.2. Investive aktive Arbeitsmarktpolitik

6. Fazit und Beantwortung der Untersuchungsfrage

Literaturverzeichnis

Einführung

„Working Poor“- Ein Phänomen, das immer mehr in den Fokus von Forschung und Politik rückt und das Wesen und die sozialpolitischen Rahmenbedingungen der Erwerbstätigkeit in Frage stellt. Einst sollte die Erwerbstätigkeit vor Armut schützen, heute ist die Erwerbsarbeit insbesondere im Niedriglohnsektor zum neuen Bestandteil gesellschaftlicher Prekarisierung geworden.

Das Statistische Bundesamt der Länder verkündete 2015 einen Höchststand der Armutsquote in Deutschland. Die Armutsquote lag bei 15,7 Prozent. Umgerechnet waren das rund 12,9 Mio. Menschen, die 2015 unter der Armutsgrenze lebten. Während sich die Armutsquote auf dem Rekordhoch befand, ist die Arbeitslosen und Hartz IV- Quote gleichzeitig gesunken und war so niedrig wie noch nie. Weiterhin verzeichnet das Statistischen Bundesamt, dass die Quote der Erwerbsarmen seit 2005 von 7,3 auf 7,8 Prozent gestiegen ist. Diese Dynamik zeigt, dass Erwerbstätigkeit nicht vor Armut schützt und es zeichnet sich eine neue Tendenz und Form der Armut ab, die Erwerbsarmut. Der Trend zu Niedriglöhnen zeigt, dass die Politik in ihren Bestrebungen die Arbeitslosenquote zu senken, eine Zunahme der Einkommensarmut in Kauf genommen und vorangetrieben hat. (Paritätische Gesamtverband, 2017, S. 9).

Erwerbsarme sind erwerbstätige Erwachsene, die trotz Arbeit nicht über die Runden kommen und bereits arm oder von Armut gefährdet sind. In der deutschsprachigen Literatur findet sich in diesem Zusammenhang immer häufiger der amerikanische Begriff „Working Poor“. Insbesondere sind Alleinerziehende, kinderreiche Familien und Familien mit Migrationshintergrund von der Erwerbsarmut betroffen (Müller & Lien, 2017, S. 42).

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der zentralen Frage wie sich Erwerbsarmut wirksam und nachhaltig bekämpfen lässt und ob die Aktivierungsstrategien der Arbeitsmarktpolitik die richtigen Lösungsansätze in der Bekämpfung der Erwerbsarmut sind. Dazu werden im ersten Kapitel zunächst Armut und prekäre Lebensverhältnisse thematisiert. Angelehnt daran wird im zweiten Kapitel näher auf das Phänomen „Working Poor“ eigegangen und im dritten Kapitel dessen Ursachen wie prekäre Beschäftigung in Form von Niedriglohn, geringfügige Beschäftigung und Teilzeitbeschäftigung aufgezeigt. In Kapitel 3.2. werden die Risikogruppen für Erwerbsarmut ausführlicher beschrieben. Gegenstand des vierten Kapitels sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Erwerbsarmut und die daraus resultierenden sozialgesellschaftlichen Folgen für die Betroffenen. Auf Grundlage der vorangegangenen Kapitel werden im vierten Kapitel die bestehenden und praktizierten Lösungsansätze mit besonderem Augenmerk auf eine gerechte bildungspolitische und investive aktive Arbeitsmarktpolitik beleuchtet. Abschließend folgen ein Fazit und die Beantwortung der der untersuchungsleitenden Frage.

1. Armut und prekäre Lebensverhältnisse

In der Bundesrepublik existiert keine absolute, sondern eine relative Armut. Demzufolge gelten diejenigen Menschen als arm, die an oder unterhalb der Armutsgrenze leben. Haushalte, die unter der Armutsgrenze leben verfügen über weniger als 60% des Durchschnittseinkommens. Armut ist ein mehrdimensionales Phänomen, welches nicht nur das Fehlen von finanziellen oder ökonomischen Ressourcen bedeutet, sondern welches auch mit gravierenden Einschränkungen in der Lebensgestaltung und Ausgrenzung vom gesellschaftlichen Leben verbunden ist (Geißler, 2014, S. 229f.).

Prekäre Lebensverhältnisse sind jene Lebenslagen, in denen die Betroffenen anhaltend finanziell, sozial und beruflich benachteiligt sind und dadurch gesellschaftlich ausgegrenzt werden. Prekarität zeichnet sich durch soziale Unsicherheiten aus, die von mehreren Faktoren abhängig ist und meint Unsicherheiten auf beruflicher, finanzieller und sozialer Ebene sowie eine Gefährdung der Netzwerke, der Ortsbindung, der Mobilität und der Ernährungssicherheit (Riesinger, 2016, S. 235). Prekarisierung hingegen meint eine Verkettung dieser unsicheren Faktoren, die im mittel- oder langfristigen Prozess ablaufen. Riesinger (2016) unterteilt Prekarität und Prekarisierung in drei Typen.

Typ 1 bezeichnet die primäre Prekarisierung als einen sozialen Prozess, in dem eine erwerbsfähige Person aufgrund von finanziellen Unsicherheiten am Arbeitsplatz in eine existentielle Notlage (Armut, Verschuldung, berufliche Perspektivlosigkeit) und damit in aktuelle Prekarität gerät. Die sekundäre Prekarisierung bezeichnet den sozialen Prozess, in dem eine Person durch die beruflichen und privaten Anforderungen und dem daraus resultierenden Stress in „oszillierende Prekarität“ gerät. Die tertiäre Prekarisierung hingegen wird als ein sozialer Prozess bezeichnet, der unabhängig von aktuellen Arbeitsunsicherheiten und temporären persönlichen Lebenslagen verläuft und Personen aufgrund von Altersprekarität abhängig vom Einkommen und belastenden Lebensumständen langfristig in die Situation der potentiellen Prekarität bringt (Riesinger, 2016, S. 236).

Der bekannteste Verfechter der Prekarisierungsthese Bourdieu definierte Prekarität folgenderweise:

„Prekarität hat bei dem, der sie erleidet, tiefgreifende Auswirkungen. Indem sie die Zukunft überhaupt in Ungewissem lässt, verwehrt sie den Betroffenen gleichzeitig jede rationale Vorwegnahme der Zukunft und vor allen Dingen jenes Mindestmaß an Hoffnung und Glauben an die Zukunft, das für eine vor allem kollektive Auflehnung gegen eine noch so unerträgliche Gegenwart notwendig ist (…). Zu diesen Folgen der Prekarität für die direkt Betroffenen gesellen sich die Auswirkungen auf die von ihr den Augenschein nach Verschonten. Doch sie lässt sich nicht vergessen. Sie ist zu jedem Augenblick in allen Köpfen präsent“ (Bourdieu 1998a, S. 97).

Ausgehend von diesem Kapitel wird im zweiten Kapitel das weit verbreitete Phänomen „Working Poor“ genauer erläutert.

2. Working Poor

Erwerbsarme sind erwerbstätige Erwachsene, die trotz Arbeit, nicht über die Runden kommen und bereits arm oder von Armut gefährdet sind. In der deutschsprachigen Literatur findet sich in diesem Zusammenhang der englische Begriff „Working Poor“. Laut Definition der Europäischen Union ist eine Person erwerbsarm, wenn sie länger als sechs Monate berufstätig ist und im Haushaltskontext über weniger als 60% des Medians (mittleres Einkommen) des Nettoäquivalenzeinkommen verfügt, welches auf Basis der 1994 entwickelten OECD-Skala berechnet wird. Laut Berechnung der OECD-Skala 2012 galten Einpersonenhaushalten, die weniger als 869 Euro Einkommen zur Verfügung hatten als armutsgefährdet. Bei Familien mit zwei Kindern lag die Armutsgrenze bei 1826 Euro im Monat (Spannagel, Seikel, Schulze Buschoff & Baumann, 2017, S. 8).

3. Ursachen von Erwerbsarmut

Wie schon eingangs erwähnt, stellen Arbeitsverhältnisse durch den Trend zum Niedriglohn keinen absoluten Schutz gegen Armut dar. In der Konsequenz daraus, sind „Working Poor“ zum wachsenden Bestandteil der Armutsbevölkerung in Deutschland geworden. Insbesondere die Etablierung des Niedriglohnsektors stehe laut Gebauer (2007) in enger Korrelation mit steigender Erwerbsarmut (S. 151). Nicht nur das, empirische Untersuchungen der Forschungsgruppe Bäcker/Hanesch (vgl. Bäcker/Hanesch 1998; Bäcker 1999) belegen, dass selbst Normalarbeitsverhältnisse nicht vor Armut schützen und in der Folge 7,8 % (3 Mio.) aller Haushalte von Normalarbeitsbeschäftigten 1995 in der Bundesrepublik Deutschland von Erwerbsarmut betroffen waren. Die These, dass Arbeit gegen Armut schütze, gilt damit als empirisch wiederlegt (Gebauer, 2007, S. 151ff.). Auch wenn Armut nach wie vor stark von Bildungsniveau abhängig ist, lässt sich aus den Untersuchungen ableiten, dass ein Schulabschluss, eine Ausbildung oder ein Studium keine vollkommen armutsschützenden Faktoren mehr darstellen (Paritätischer Gesamtverband, 2017, S. 35).

Eine weitere Ursache sind Kürzungen der Höhe und Bezugsdauer von Transferleistungen und die Verschärfung der Voraussetzungen für den Leistungsbezug, die den Druck auf Arbeitslose erhöhen, schnell eine Arbeit zu finden erhöht. In der Folge zwingen die Maßnahmen der sogenannten Aktivierungspolitik unter dem Stichwort „Fördern und Fordern“ immer mehr Arbeitslose schlecht bezahlte und befristete Arbeitsverhältnisse einzugehen. Hinzukommt, dass die arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Instrumente, die ganz im Sinne des aktivierungspolitischen Leitbildes, auf der Annahme basieren, dass Arbeit vor Armut schütze und die Integration in die Gesellschaft fördere, weitreichende Auswirkungen auf die Erwerbsarbeit haben. Denn sie berücksichtigt die Ausgestaltung der Arbeitsbedingungen (Löhne, Erwerbsbeteiligung) neuer Beschäftigungsverhältnisse insbesondere im Niedriglohnsektor nicht (Spannagel, Seikel, Schulze Buschoff & Baumann, 2017, S. 2).

Das Risiko von Erwerbsarmut hängt aber nicht allein vom Lohn der Erwerbstätigen, sondern auch von ihrem Haushaltskontext ab. Mehr als 50 % der Erwerbstätigen mit einem Niedriglohn, liegen im Kontext des Haushaltseinkommens über der Armutsgrenze und gelten nicht mehr als arm, weil die Bedarfe durch die höheren Löhne anderer Familienmitglieder gedeckt werden können. Umgekehrt existiert ein Anteil von Erwerbstätigen, der aufgrund des Haushaltskontextes arm wird, obwohl er über ein höheres Einkommen verfügen (Strengemann-Kuhn, 2003, S. 42). Darum soll es im nächsten Kapitel gehen, welches einen Einblick in die Beschaffenheit und Charakteristik prekärer Beschäftigungsverhältnisse gibt.

3.1. Prekäre Beschäftigung

Meistens stehen prekäre Beschäftigungen in enger Verbindung zur Erwerbsarmut. Die Zahl der unbefristeten und existenzsichernden Beschäftigungsverhältnisse ist am Schwinden. An ihre Stelle treten zunehmend atypische und prekäre Beschäftigungsformen. Die Ursachen hierfür sind von unterschiedlicher Natur und reichen von Globalisierungsprozessen bis hin zum Konkurrenzdruck in Wirtschaft und Betrieben und Wettbewerbsfähigkeit. Prekäre Beschäftigung ist dadurch gekennzeichnet, dass der Lohn für sie unter dem Durchschnittseinkommen und somit unter der Armutsgrenze liegt (Mehrländer & Schultze, 2006, S. 6). Niedriglohn, geringfügige Beschäftigung und Teilzeitbeschäftigung stellen Arbeitsverhältnisse der modernen Arbeitspolitik dar, jedoch bergen diese Beschäftigungsformen für ihre ArbeitnehmerInnen ein prekäres Potential. Laut der Definition sind diejenigen prekär beschäftigt, „die aufgrund ihres Erwerbsstatuses nur geringe Arbeitsplatzsicherheit genießen, die wenig Einfluss auf die konkrete Ausgestaltung ihrer Arbeitssituation haben, die nur partiell im arbeitsrechtlichen Schutzkreis stehen und deren Chancen auf materielle Existenzsicherung durch Arbeit in der Regel schlecht sind“ (Vogel, 2008, S. 13). In den folgenden Kapiteln sollen diese Formen der Beschäftigung ausführlicher beschrieben und in Beziehung zur Erwerbsarmut gesetzt werden.

3.1.1. Niedriglohnsektor

Niedriglohnbezieher sind nach Definition Beschäftigte, deren Lohn weniger als 2/3 des Durchschnittseinkommens beträgt. Der Ausbau des Niedriglohnsektors spielt für die Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse eine bedeutende Rolle. Gründe für wachsende Niedriglöhne sind einerseits der Rückgang der tarifvertraglichen Deckungsrate und anderseits die Festlegung von Niedriglohngruppen in Tarifverträgen ursächlich (Friedrich-Ebert- Stiftung, 2006, S. 37). Dieser Umstand hat dazu geführt, dass 2010 4% von den Vollzeitbeschäftigten unter der Armutsgrenze gelebt haben. Auch gab es 2011 ca. 1,4 Mio. sogenannter arbeitender „Aufstocker“ unter den Hartz IV-Empfängern, weil ihr Lohn nicht existenzsichernd war und den Mindestbedarf nicht deckte. Aufgestockt wurde der Lohn dann durch das Arbeitslosengeld II. Darunter hatten 300.000 eine Vollzeitstelle (Geißler, 2014, S. 238). Gruppen, die überwiegend im Niedriglohnsektor beschäftigt sind, sind junge Erwachsene, Frauen, Niedrigqualifizierte und MigrantInnen (Friedrich-Ebert-Stiftung, 2006, S. 38).

Teilzeitarbeit und geringfügige Beschäftigungen werden als atypische Beschäftigungsformen bezeichnet. Es sind Beschäftigte, die kein in vollem Umfang und unbefristetes Arbeitsverhältnis so wie die NormalarbeitnehmerInnen haben. In den beiden folgenden Kapiteln werden die geringfügige Beschäftigung und Teilzeitarbeit in Hinblick auf die Armutsgefährdung beschrieben.

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Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
"Working poor". Ein Bestandteil gesellschaftlicher Prekarisierung
Hochschule
Fachhochschule Düsseldorf
Veranstaltung
Soziologie- Armut als Alltagsphänomen und politische Herausforderung
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
15
Katalognummer
V423521
ISBN (eBook)
9783668692862
ISBN (Buch)
9783668692879
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Bewertung  sehr schlüssige Arbeit  Präziser Argumentationsaufbau  Darstellung der Kernpunkte Definitionen häufig textimmanent  der Aspekt der Ausgrenzung und sozialen Unsicherheit findet wenig Erwähnung  ein geografischer Kontextbezug der Arbeitswelt wird nicht hergestellt  Klares zusammenfassendes und richtungsweisendes Fazit Note: 1,7 (gut)
Schlagworte
Armut, working poor, Aktivierender Staat, Aktivierende Arbeitsmarktpolitik, Prekarisierung, Niedriglohnsektor, Erwerbsarmut, Geringfügige Beschäftigung, Armutsgrenze, prekäre Arbeits- und Lebensbedingungen, prekäre Beschäftigung
Arbeit zitieren
Natalie Alber (Autor), 2018, "Working poor". Ein Bestandteil gesellschaftlicher Prekarisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/423521

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