Soziologie des Selbstmordes in Deutschland. Wie lassen sich die unterschiedlichen Selbstmordraten in den verschiedenen Gesellschaften erklären?


Bachelorarbeit, 2017

39 Seiten, Note: 2,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der Selbstmord in Deutschland

2. Die Soziologie des Suizids
2.1. Emile Durkheim
2.2. Gibbs und Martin: Statusintegrationstheorie
2.3. Kategorisierung der empirischen Studien

3. Kritik an Dürkheims Geschlechterbild und Theorien

4. Hypothesen und operationalisierte Variablen
4.1. Variablen und Hypothesen zur sozialen Integration
4.2. Variable und Hypothese zur Ökonomie
4.3. Operationalisierung der Variablen

5. Empirie und Überprüfung der Hypothesen

Zusammenfassung

Anhang

Variablentabelle

Do-File

Literaturverzeichnis

Literaturverzeichnis der verwendeten Statistiken

Einleitung

Der Selbstmord ist ein Phänomen, dass in allen Gesellschaften auftritt. Fast jeder Mensch hat im Laufe seines Lebens Selbstmordgedanken oder ist von Selbstmordphantasien betroffen (Schramm/Schramm 2007: 3f.).

In Deutschland werden ca. 10000 Selbstmorde pro Jahr gezählt, die Selbstmordversuchsrate wird jedoch mit einer Dunkelziffer von ungefähr 200000 Personen bemessen (Schramm/Schramm 2007: 1). Doch die interessantesten Fakten sind nicht die Zahlen an sich, sondern welche sozialen Einflüsse diese Menschen erfuhren, sodass sie Selbstmord begingen oder parasuizidale Handlungen aufwiesen. Die sozialwissenschaftliche Betrachtung der unterschiedlichen nationalen aber auch internationalen Selbstmordhäufigkeiten lässt die Frage zu, welche gesellschaftlichen Hintergründe sich auf das Suizidverhalten auswirken und ob die analysierten Zusammenhänge bestimmten Gesetzmäßigkeiten unterliegen. Die differenzierte Selbstmordgewichtung zwischen den zwei Genus-Gruppen1 wird in der Wissenschaft immer noch als besonderes Phänomen betrachtet und bildet das Kernthema dieser Arbeit.

Der erste Sozialwissenschaftler, der sich mit dem Phänomen des Selbstmordes in statistischer, gesellschaftlicher Hinsicht beschäftigte, war Emile Durkheim. Sein Buch Le Suicide, welches 1897 erschien, hatte großen Einfluss auf die soziologische Untersuchung von Selbstmord und kreiert auch noch bis in die Moderne den Anreiz sich mit diesen Problemen und den Theorien kritisch auseinanderzusetzen. Die Leittheorie von Durkheim, die von einer makrosoziologischen Betrachtungsweise ausgeht, welche aber auch funktionalistische oder systemtheoretische Elemente inkorporiert, wird als der etablierteste Typ der soziologischen Suizidtheorie betrachtet2 (Feldmann 2010: 181). Die moderneren Ansätze von Z.B. Douglas und Baechler (1967 und 1980) versuchen das Phänomen des Selbstmordes durch einen symbolisch-interaktionistischen Standpunkt zu analysieren. Der dritte Typ der soziologischen Erklärungstheorien ist die ideologiekritische und wissenssoziologische Betrachtungsweise (Feldmann 2010: 181).

Diese Arbeit fokussiert sich jedoch auf die Theorien des ersten Typs der soziologischen Erklärungsmodelle für Selbstmord. Die Arbeit wird sich mit der klassischen Frage befassen: ״Wie lassen sich die unterschiedlichen Selbstmordraten in den verschiedenen Gesellschaften erklären?“. Fokussiert wird diese Fragestellung noch dadurch, dass die Gesellschaft in die zwei Geschlechter-Gruppen ausgeteilt und vergleichend untersucht wird. Sie soll im Folgenden jedoch nicht durch internationale Kontextualisierung, sondern am Beispiel der deutschen Bundesländer untersucht werden.

Die vorgelegte Arbeit soll wie folgend aufgebaut werden: Das erste Kapitel wird die Entwicklung des Suizids im gesamtdeutschen Raum darstellen. Dabei werden erste Einblicke zu den unabhängigen Variablen (Geschlecht, Erwerbsquote, Alter, Scheidung und Religiosität), die auf die Selbstmordquoten einen Einfluss zu scheinen haben, dargestellt.

Im zweiten Kapitel werden die wichtigsten Beiträge zur Soziologie des Suizids, sowie einzelne empirische Forschungen diskutiert. Dabei dienen die Theorien von Durkheim, Martin/Gibbs und u.a. Stack als Begründung für die Auswahl der oben genannten Variablen und fundamentieren die spätere Argumentation der Zusammenhänge zwischen Selbstmord, soziokulturellen Faktoren und Ökonomie.

Das dritte Kapitel wird eine Kritik an der Leittheorie dieser Arbeitäußern, das Bild der Geschlechterrollen von Durkheim relativieren und es mit dem heutigen vergleichen.

Kapitel vier stellt die Hypothesen, Definitionen und operationalisierten Variablen vor. Da die Fragestellung der Bachelorarbeit speziell auf die unterschiedliche Selbstmordhäufigkeit zwischen den Genus-Gruppen abzielt, werden die Hypothesen auch explizit auf die Untersuchung dieser Differenzen aufgestellt.

In Kapitel fünf wird die Forschungsmethode dargelegt, worauf die empirische Verifizierung oder Falsifizierung der Hypothesen folgen wird. Dabei werden die verschiedenen Variablen via Korrelationskoeffizienten miteinander verglichen, um die Stärke der Zusammenhänge zwischen den unabhängigen und abhängigen Variablen zu messen.

Abschließend werden die theoretischen Argumente und die empirischen Ergebnisse referiert und schlussfolgernd zusammengefasst.

1. Der Selbstmord in Deutschland

Der Selbstmord in Deutschland ist seit 35 Jahren als rückläufig zu bezeichnen. So begangen von 1980 bis 2000 ca. 15.000 Personen pro Jahr Selbstmord, wobei die Selbstmordrate mit jedem Jahr geringer wurde (Statistisches Bundesamt 2017: 8). Nach der Jahrtausendwende waren es dann lediglich noch 10.000 Personen im Durchschnitt.

Im internationalen Vergleich ist Deutschland im Mittelfeld einzuordnen. Pro 100.000 Einwohner beträgt die jährliche Selbstmordrate 11,8 Personen. Angrenzende Länder wie Z.B. Belgien, Polen, Österreich und Schweiz weisen die höchsten Selbstmordraten der Welt auf und Stehen somitüber der gesamtdeutschen Suizidmortalität (Eurostat 2016: 69).

In Deutschland wird die unterschiedliche Suizidletalität im Vergleich der zwei Geschlechtsgruppen mit einem Faktor von drei versehen. Das Phänomen, dass die Männer eine höhere Suizidmortalität als Frauen aufweisen, findet sich aber auch im weltweiten Vergleich wieder3. Die Anzahl der Selbstmordversuche ist jedoch - auch international - um ein vielfaches höher als die Anzahl der vollendeten Suizide. Dabei ist faszinierend, dass den Frauen eine deutlich höhere Suizidversuchsrate zugeschrieben wird (Albrecht 2012: 1013).

Ein theoretischer Ansatz, der versucht diese unterschiedliche parasuizidale Tendenz zu klären, ist der, dass die verwendeten Selbstmordmethoden betrachtet werden (Schmidke 2005: 87). Die sogenannten ״harten Methoden“ (wie Z.B. Erhängen) werden von 54% der Männer und lediglich 37% der Frauen verwendet. ״Weiche Selbstmordmethoden“ (z.B. Vergiftung durch Überdosierung) finden bei Frauen eine deutlich stärkere Präferenz (Schramm 2007: 3f.). Den harten Selbstmordmethoden wird eine erhöhte Erfolgsquote zugewiesen, was sich somit positiv auf die Suizidletalität auswirken soll (Albrecht 2012: 1030) (Wiesner 2004: 1105). Albrecht stellt hierzu die Frage, ob dieses parasuizidale Handeln von Frauen einen verstärkt appellativen Charakter zugeordnet werden kann und ob dieser Appell mit der Wahl der Selbstmordmethode zusammenhängt. Gegen diese These sprechen eindeutig die Ergebnisse von Denning et al.. Die von ihm durchgeführten psychologischen Autopsien zeigten, dass Frauen, die weiche Selbstmordmethoden wählten, keinen geringeren Todeswunsch hegten, als Frauen die harte Methoden anwandten (Denning et al. 2000: 282ff.). Die Wahl der Methoden ist grundsätzlich auf die geschlechtsrollenspezifische Sozialisation in den modernen Gesellschaften zurückzuführen. Die Anwendung von roher Gewalt wird einen maskulinen Charakter zugeschrieben, sodass diese Handlungen den Frauen nicht vertraut und von ihnen weniger akzeptiert sind. So wird die Entstellung des eigenen Körpers und die Antipathie zu Gewalt mit solcher Ehrfurcht betrachtet, dass sie selbst in der Vorstellungüber die Selbsttötung noch untragbar scheint (Stack/Wasserman 2009: 13ff).

Der Vergleich der Altersgruppen zeigt, dass die höchsten, absoluten Suizidwerte den Personen mittleren Alters zugeschrieben werden können. So bildet die Altersspanne von 50-54 Jahren das Epizentrum des Selbstmordes. In dieser Gruppe töteten sich insgesamt im Jahr 2015 1.082 Einwohner selbst. Ober- und unterhalb dieser Gruppe sind verhältnismäßig abnehmende Zahlen zu verzeichnen4 (Statistisches Bundesamt 2017: 8). Wenn man die Altersgruppen unter der dichotomen Geschlechterverteilung betrachtet, findet man die höchste Selbstmordrate, sowohl für Männer als auch für Frauen, ebenfalls in der Altersgruppe von 50-54 Jahren. Die männliche Selbstmordrate ist, egal in welcher Altersgruppe, immer höher als die weibliche Mortalität, wobei der geringste Abstand an den Enden der statistischen Altersgruppen zu finden ist. Im Alter von 15 bis 19 Jahren ist ein Unterschied von 70 Sterbefällen vorhanden, was die geringste Differenz in der ganzen Bevölkerung darstellt.

Betrachtet man die unterschiedlichen Konfessionen in den verschiedenen Bundesländern und vergleicht diese mit den Selbstmordraten kann eine Parallelität zwischen Religionen und Suizidhäufigkeit gezogen werden. Bundesländer in denen die katholischen Gemeinden gering vertreten sind, (Sachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein) weisen eine hohe Suizidrate auf. In Sachsen und Sachsen-Anhalt ist zusätzlich eine vermehrte Anzahl der konfessionslosen Bevölkerung Deutschlands wiederzufmden. Jedoch ist es wichtig zu erwähnen, dass die Länder mit einer hohen, katholischen Religiosität wie Bayern, Saarland und Rheinland-Pfalz nicht am unteren Ende der Selbstmordraten zu finden sind. Bayern und Saarland sind im oberen Mittelfeld positioniert, wobei Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Baden-Württemberg die geringste, relative Selbstmordhäufigkeit aufweisen. In den Ländern, in denen eine hohe prote stanti sch-geprägte Bevölkerung vorhanden ist, (Niedersachsen, Hessen und Baden­Württemberg) sind im Bundesländervergleich ebenfalls mittig einzuordnen.

Durkheim zeigte bereits in seinem Werk Le Suicide, dass in Europa die Selbstmordrate mit der Zahl der Ehescheidungen steigt oder fällt. Eine relative Resistenz gegen den Selbstmord wird durch den Ehestand ausgelöst. Denn der Mann, sollte er im Laufe seines Lebens eine Ehe eingehen, gewinnt im Zuge dieser Partnerschaft gewisse Vorteile, die Einfluss auf die Selbstmordrate zu haben scheinen. Sollte diese Partnerschaft aufgelöst werden, verliert der Mann diese Vorteile wieder. Dieser Vorteilsverlust resultiert in einer erhöhten Selbstmordrate für geschiedene Männer (Durkheim 2014: 21 If). Folglich begehen geschiedene Männer ungefähr fünfmal häufiger Selbstmord als Verheiratete. Die relative Immunität, die die Ehe mit sich zieht, betrifft in der Moderne auch die Frauen.

Diese von Durkheim festgestellten Zusammenhänge werden im Folgenden dargestellt, kritisiert und im empirischen Teil für die Erklärung der unterschiedlichen Suizidmortalitäten in den Genus-Gruppen angewandt.

2. Die Soziologie des Suizids

Die Soziologie des Suizids wurde von keinem mehr geprägt als von Emile Durkheim und seinem Werk Le Suicide (1897). Jeder Wissenschaftler derüber dieses Thema recherchiert, wird früher oder später Theorien dieser Literatur entdecken. Die soziale Integration, die soziale Regulation und die vier Typen des Selbstmordes sind die bedeutendsten Ergebnisse seiner Forschung. Gibbs und Martin griffen die soziale Integrationstheorie auf und formten aus ihr die Statusintegrationstheorie (1964). Sozialforscher des 21. Jahrhunderts zogen verstärkt sozioökonomische Faktoren in Anbetracht einen Einfluss auf die Selbstmordraten zu haben und untersuchten folglich diese Variablen genauer als Durkheim es tat (Stack 1982: 42ff) (Cutright/Fernsquiest 2000: 148ff).

2.1. Emile Durkheim

Die oben genannten Wissenschaftler und die Tatsache, dass sie ihre Theorie und Erkenntnisse auf die von Durkheim stützen oder sie mit diesen vergleichen, zeigt, wie einflussreich dieses Werk für die Soziologie ist. Le Suicide wird als erstes empirisches Beispiel der soziologischen Forschung betrachtet und inkorporiert die zentralen Merkmale der empirischen, soziologischen Methodenlehre.

Die Definition des Wortes ״Selbstmord“ ist entscheidend für die empirische Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Phänomen und bietet eine Abgrenzung zu suizidähnlichen beziehungsweise parasuizidalen Handlungen (Durkheim 2014: 29).

״Man nennt Selbstmord jeden Todesfall, der direkt oder indirekt auf eine Handlung oder Unterlassung zurückzuführen ist, die vom Opfer selbst begangen wurde, wobei es das Ergebnis seines Verhaltens im voraus kannte(Durkheim 2014: 27)

Des Weiteren werden die individuell-psychologischen Einflüsse und die Selbstmordmotive mit dieser Definition exkludiert. Inkludiert wird, dass ein Selbstmord nur dann ein Selbstmord ist, wenn der Handelnde seine Tat mit vollem Wissenüber seinen eigenen Tod vollführt. Da Selbstmord per Definition eine Handlung ist, deren Resultat von Selbstbestimmtheit geprägt ist, wird angeführt, dass diese Bestimmtheit mehr oder weniger ausgeprägt sein kann. Dabei ist wichtig anzumerken, dass Durkheim diese Definition in seinem Werk noch etwas einschränkt.

״ Jemand, der sich wissentlich für jemand anderen exponiert, ohne daßein tödlicher Ausgang gewißwäre, ist zweifellos kein Selbstmörder, auch wenn er dabei umkommt, ebensowenig wie der Leichtsinnige, der mit dem Tode spielt [...]. “ (Durkheim 2014: 29)

Durch diese Einschränkung wird klar, dass das Eingehen von Todesrisiken und der daraus resultierende Tod nicht mit dem Selbstmord als gesellschaftliches Handelnübereinstimmen kann. Denn Durkheim untersucht Selbstmord nicht als individuelle Handlung, sondern fokussiert sich auf die makrosoziologische Sicht, innerhalb der Gesellschaft als Ganzes (Durkheim 2014: 30). Durch den Ansatz und der darauffolgende Vergleich der Daten innerhalb der Gesellschaft Frankreichs zeigte, dass sich die Summe der Selbstmörder jährlich nur geringändert. Große Unterschiede in einem Land entstanden nur, wenn diese Gesellschaft unter einer bestimmten wirtschaftlichen Krise oder Ausnahmeerscheinung leidet (Durkheim 2014: 30).

Jedoch gab es im Ländervergleich Europas einen großen Unterschied in den Selbstmordraten. Daraus folgte der Schluss, dass jede Gesellschaft in jedem Augenblick ihrer Historie eine bestimmte Tendenz zum Selbstmord hat (Durkheim 2014: 32). Die Unterschiede zwischen den Ländern in Kombination mit den geringen Veränderungen der Selbstmordraten im Land selbst -über einen bestimmten Zeitraum - zeigten dass die Selbstmordquote in jedem Land verschiedene wellenförmige Schwankungen unterworfen ist. Folglich wird die Selbstmordrate als ein Indikator für Kollektivzustände und als Phänomen sui generis betrachtet (Durkheim 2014: 35). Selbstmord wird somit als Variable, in Abhängigkeit vom gesellschaftlichen Kontext, untersucht.

Im ersten Teil des Buches Le Suicide untersuchte Durkheim den Einfluss von außergesellschaftlichen Faktoren wie Z.B. Rasse, Klima und Nachahmung (Durkheim 2014: 72ff, lOOff, 124ff). Doch die Zusammenhänge stellten sich als nicht signifikant heraus und führten zu derätiologischen Typologie der Selbstmordarten im zweiten Teil von Le Suicido,. Egoistischer, altruistischer, anomischer und fatalistischer Selbstmord sind die vier Typen des Selbstmordes, die Durkheim als Gegensatzpaare konzipiert hat, um den Zusammenhang zwischen den Inhalt von Regeln und den Regelzuständen in einer Gesellschaft zu kategorisieren. Durch diese Kategori si erung stellte Durkheim den Einfluss der Gesellschaft auf das Individuum heraus und kreierte Indikatoren für die anomischen Zustände von Gesellschaften.

Der egoistische Selbstmord wird unter Anbetracht von Ehe, Religion, Familie und politischen Ausnahmezuständen verargumentiert. Durkheim fällt auf, dass ein besonders starker Zusammenhang zwischen Religionszugehörigkeit und Selbstmordrate vorhanden ist. Dieser Zusammenhang kristallisierte sich als eine Art Protektionsfunktion heraus. ״Gemeinsame Werte, intensive positive Interaktion und starke Bindungen“ (Feldmann 2013: 4) wurden als drei Faktoren bestimmt, die den Religionen mehr oder weniger stark zugeschrieben werden konnten und als Hilfsmittel für die Erklärung der unterschiedlichen Suizidmortalitäten zwischen den Religionen dienen. Durkheim bewies, dass die Suizidraten von Katholiken und Juden geringer als die der protestantischen Glaubensrichtung waren (Feldmann 2013: 4). Die Ursache für den Unterschied zwischen Protestantismus und Katholizismus findet Durkheim nicht im Dogma, dass beide Religionen den Selbstmord als eine Sünde klassifizieren, sondern in dem unterschiedlichen Anspruch der Lehre und der sozialen Organisation des religiösen Gemeinschaftslebens. So werden im Katholizismus die gemeinsamen Werte und Bindungen stärker als im Protestantismus gepflegt und aufrechterhalten. Dies resultiert in ein intensiveres Gruppenleben und in eine stärkere Anbindung an die Religionsgemeinschaft an sich. Des Weiteren findet im Katholizismus eine strengere Reglementierung von Werten und Glaubensvorstellungen statt, die den religiösen Anhängern eindeutig präsentiert und als festen Lehrsatz vermittelt werden. Daraus folgt, dass umso größer und detaillierter der allgemeine Verhaltenskodex einer Religion ist, die Schutzfunktion dieser Religion gegenüber Selbstmord ansteigt (Durkheim 2014: 171). Im Gegensatz hierzu ist im Protestantismus die religiöse Gemeinschaft nicht so fest zusammenhängend und einer geringeren religiösen Autorität untergeordnet (Durkheim 2014: 170). Die Protestanten werden als soziale Akteure mit geringerer institutioneilen Integration bezeichnet, die durch ihre Religion nur schwache soziale Kontrolle erfahren (Feldmann 2013: 4). Der Individualismus im protestantischen Glaubenäußert sich durch die Eigenverantwortung und den Entscheidungsspielraum der Glaubensanhänger. Diese Eigenverantwortung kann nun in zwei Richtungen interpretiert werden. Erstens: Die Gläubigen unterlassen oder vernachlässigen die Teilnahme an bestimmten religiösen Riten und widmen sich eher den weltlichen Dingen, was dem Zusammengehörigkeitsgefühl schadet. Zweitens: Die freie Forschung der Glaubensschriften sorgt für eine kritische Auseinandersetzung mit der Religion und der Religionsgemeinschaft. Daraus resultiert laut Durkheim ein moralisches und später ein gemeinschaftliches Defizit (Durkheim 2014: 169). Folglich ist der Einfluss der sozialen Integration im Protestantismus geringer und weist nicht den selben Grad an Konsistenz und Kohärenz wie die der katholische Kirche auf. Religion wirkt somit unterschiedlich ״schützend“ auf die Gläubigen ein (Durkheim 2014: 185). Dieser Einfluss kann auch analog auf die Familieübertragen werden. Steigt die Kohäsion, so steigt die moralische Dichte proportional mit an. Verheiratete weisen eine geringere Selbstmordmortalität als Unverheiratete, Verwitwete und Geschiedene auf. Die kinderlosen Familienstände sind selbstmordanfälliger als Familien mit Kindern (Durkheim 2014: 197ff).

Zum egoistischen Selbstmord kann zusammenfassend gesagt werden, dass im Zuge des verstärkten Individualismus fehlende Kollektivbindungen und zu ״geringe normative Integrationen“ zum Ausdruck kommen. Dies resultiert folglich in Suizid (Endreß2013: 31). Durch die mangelhafte soziale Interaktion und Integration verlieren die Autorität der Gruppe und die damit verbundenen Verpflichtungen an Kraft und ein exzessiver Individualismus tritt in den Vordergrund. Dies kann den sozialen Akteur dazu verleiten, das menschliche Dasein komplett in Frage zu stellen und den Lebenswillen stark zu senken (Feldmann 2013: 4) (Endreß2013: 31).

Die modernen Gesellschaften sind vom altruistischen Selbstmord kaum noch betroffen. Deshalb wird diesem Typus eine geringere Bedeutung in der vorgelegten Arbeit zugeschrieben. Dieser Selbstmordtyp ist dann vorhanden, wenn in der Gesellschaft eine zu starke Kohäsion vorliegt. Die Gegensätzlichkeit von egoistischen und altruistischen Selbstmord wird hierdurch eindeutig. Der Kern des altruistischen Selbstmordes ist der exzessive Kollektivismus und die ״objektivistische“ Überregulierung (Endreß2013: 31). Die Gesellschaft ist alles und der Einzelne ist nichts. Diese Form der Unterordnung und der Pflichterfüllung kann das Individuum bis zum Selbstmord führen.

Die Anführung des anomischen Selbstmordes in dieser Arbeit wird anhand des von Durkheim aufgestellten Faktes, dass erhöhte Selbstmordraten nicht nur bei wirtschaftlichen Krisen, sondern auch bei plötzlichem Wohlstand auftreten, begründet (Müller 1999: 150f). Durkheim argumentiert, dass nicht die wachsende Armut die Selbstmordraten ansteigen lässt, sondern die Krise der kollektiven Ordnung dafür verantwortlich ist (Welz 1979: 1095ff.). Der Typ des anomischen Selbstmordes zeigt, dass die sozialen Normen geschwächt sind und eine soziale Desorganisation stattflndet. Dies resultiert in Regellosigkeit, Normenverfall und Normeninkonsistenz. Die sozialen Regeln, die die menschlichen Ambitionen kontrollieren und das Gleichgewicht zwischen verfügbaren Mitteln und Wünschen herstellen, sind in eine Imbalance geraten (Feldmann 2013: 4). Dieser beschriebene Zustand aus fehlenden normativen Integrationen, regulierenden Kräften und gesellschaftlich ״objektivistischen“ Unterregulierungen führten dazu, dass ein Selbstmord eine Folge der mangelnden sozialen Kontrolle sein und dadurch begründet werden kann (Endreß2013: 32).

[...]


1 Der Unterschied zwischen der männlichen und weiblichen Suizidmortalität wird einen Faktor von mal drei, zugunsten der maskulinen Bevölkerungsgruppe, zugeschrieben (Schramm und Schramm 2007: 1). Dieser Fakt findet sich im Kapitel 1. ״Der Selbstmord in Deutschland“ wieder und wird dort ausführlicher beschrieben.

2 Theoretiker, die des Weiteren die strukturellen Ursachen von Selbstmord betrachten, sind u.a. Gibbs/Martin und Stack.

3 In Litauen ist die unterschiedliche Suizidmortalität sogar noch viel stärker ausgeprägt. Die dortige Geschlechterdifferenz ist mit einem Faktor von 5,67 zu benennen.

4 Setzt man jedoch die demographische Verteilung der Bevölkerung Deutschlands gleich und betrachtet Suizide je 100.000 Einwohner, so kann festgestellt werden, dass die Suizidhöchstwerte ab 80 Jahren aufwärts vorzufinden sind. Im Jahr 2015 töteten sich rund 37 Einwohner im Alter von 90 selbst, was den Höchstwert, im Verhältnis, wiederspiegelt (Statistisches Bundesamt 2017: 14).

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Soziologie des Selbstmordes in Deutschland. Wie lassen sich die unterschiedlichen Selbstmordraten in den verschiedenen Gesellschaften erklären?
Hochschule
Universität Potsdam  (Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut)
Note
2,5
Autor
Jahr
2017
Seiten
39
Katalognummer
V426294
ISBN (eBook)
9783668731004
ISBN (Buch)
9783668731011
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Selbstmord, Suizid, Durkheim, Gibbs, Marti, Deutschland, Vergleich, empirisch
Arbeit zitieren
Philipp Nern (Autor), 2017, Soziologie des Selbstmordes in Deutschland. Wie lassen sich die unterschiedlichen Selbstmordraten in den verschiedenen Gesellschaften erklären?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/426294

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