Der Parzival Prolog. Die Ambivalenz des Elsterngleichnisses mit Bezügen auf verschiedene Schlüsselfiguren des Romans


Hausarbeit, 2018

21 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Parzival-Prolog. Eine Ausnahme?
2.1. Ein kurzer Aufriss zur Struktur der mittelalterlichen Prologe
2.2. Der Eingang des Parzivals als Bruch in der Tradition

3. Das Symbol der Elster in der Gesellschaft

4. Die Bedeutung von Schwarz und Weiß

5. Die Deutung des Elsterngleichnis im Eingang des Parzivals (1,1-1,14)

6. „diz vliegende bîspel“ – Die tumben und die wîsen als Kontrastveranschaulichung (1,15-1,25)

7. Schwarz und weiß in Bezug auf die Schlüsselfiguren des Parzivals
7.1. Gahmurt und Belakane – Der unstaete Christ und die staete Heidin
7.2. Feirefiz – „ein geschriben permint, swarz und blanc here unde dâ“ (Pz,747,26)
7.3. Parzival – der tumbe und zwivelnde geselle

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Eingang des Parzivals gehört zu den umstrittensten und meist erforschten Prologen des Hochmittelalters. Der Roman ist gefüllt mit sprachlichen Bildern und Metaphern, die alle kontrovers und disputabel ausgelegt sind. So wurde besonders das metaphorische Beispiel des Elsterngleichnisses vielfach diskutiert und analysiert.

Ziel dieser Arbeit ist es zu analysieren, wie sich die angesprochene Ambivalenz des Elsterngleichnisses im weiteren Verlauf des Prologs und der Geschichte, mit Berücksichtigung auf die Figuren des Feirefiz, des Parzivals und deren Eltern, vollzieht. Dazu wird der Haupttext von Karl Lachmann, mit der Übersetzung von Dieter Kühn für eine textnahe Interpretation primär herangezogen. Überdies werden mehrere Aufsätze über den Eingang des Parzivals zurate gezogen, die dann zusammenfassend analysiert werden sollen, um zu einem homogenen Ergebnis zu kommen.

Die vorliegende Arbeit skizziert zuerst einen kurzen Aufriss zur Tradition der mittelalterlichen Dichtung, insbesondere der Prologe. Dann soll ein Vergleich zu Wolframs Prolog stattfinden und gezeigt werden, inwiefern sich der Eingang von der damaligen Norm unterscheidet. Anschließend soll kurz auf das Symbol der Elster in der Kultur und auf die Bedeutung der Farben schwarz und weiß eingegangen werden, um einen Kontext zur Elsternmotivik herzustellen. Hiernach soll dann die eigentliche Analyse und Interpretation des Elsterngleichnisses folgen. Danach soll an den einzelnen Schlüsselfiguren (Feirefiz, Parzival, Gahmuret und Belakane) gezeigt werden, inwiefern die Schwarz-Weiß-Motivik auf ebendiese bezogen werden kann.

2. Der Parzival-Prolog. Eine Ausnahme?

2.1. Ein kurzer Aufriss zur Struktur der mittelalterlichen Prologe

Prologe gehören im Mittelalter zur Konvention der Erzählliteratur der damaligen Zeit. Zur Zeit Wolframs gab es jedoch noch keine feststehende Tradition, die angibt, wie die Gestaltung eines Prologs aussehen soll. Daher wird angenommen, dass Wolfram den Prolog gänzlich frei entworfen habe.[1] Bei näherer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass es bestimmte Strukturen und Abläufe gab, die in vielen Prologen befolgt wurden. So findet man diese Strukturen auch im Parzivalprolog wieder. Es ist verständlich, dass die Funktion eines Prologs eine tragende Rolle als Einleitung in die bevorstehende Geschichte spielt. Er funktioniert in einer „sprachlich sehr spezifischen Weise, um den Empfänger zuerst in den Text einzuführen und dann als Hilfsmittel bei Verständnis und Interpretationsproblemen zu dienen.“[2]

Henning Brinkmann merkt an, dass die Tradition der Prologe im Mittelalter im festen Zusammenhang mit der antiken Rhetorik, insbesondere der Gerichtsrede in Verbindung steht.[3] Der Prolog eröffnet eine “Gesprächssituation zwischen Autor und dem Empfänger“.[4] Das Besondere dieser Gesprächssituation bei der Gerichtsrede ist dass, „der Sprecher Einfluss auf das Urteil über eine Handlung nehmen will.“[5] Die Kommunikationssituation wird also als eine Art Prozess aufgefasst, in dem der Sprecher ein Urteil fällt. Somit wird die Beziehung zwischen Zuhörer und Erzähler präzisiert. Diese wird nicht als einfache Beziehung zwischen den beiden Parteien beschrieben, sondern hinzukommt noch eine dritte Instanz, das honestum, also die Erwartungen des Verfassers gegenüber seinem Publikum.[6]

Brinkmann unterscheidet zudem in seiner Analyse der Prologe in der Dichtung des Mittelalters zwischen zwei Hauptteilen.[7] In dem ersten Teil liegt der Fokus darauf, die Gunst des Publikums zu gewinnen. Um das zu erreichen, versucht der Prolog Kontakt zum Publikum herzustellen. Traditionell fängt diese erste Kontaktaufnahme mit einer generalis sententia oder einem proverbium an[8]. Ebendiese sind oft eine Art Lebenswahrheit, die dem Dichter und dem Publikum im Allgemeinen bekannt sind. Auf diesen Sinnspruch kann dann die weitere Argumentation aufgebaut werden.[9]

Der zweite Teil (prologus ante rem[10] ) übernimmt die Aufgabe der Einführung in das Werk selbst. Hier werden Lehren vermittelt, die wichtig sind für das weitere Verständnis der Geschichte. Heinz Rupp beschreibt in seinem Essay zwei Sorten von Prologen, die sich in ihrem ersten Eindruck unterscheiden. Er beschreibt solche die „sozusagen piano und solche die forte einsetzen.“[11] Die ersten führen den Hörer langsam in das Geschehen ein, die zweiten behandeln schon in der ersten Zeile das Thema der Dichtung. So folgen auch die ersten zwei Zeilen des Parzivals dieser Tradition. Wolfram bricht jedoch danach mit diesem Brauch und bildet sein eigenes poetologisches Programm.

2.2. Der Eingang des Parzivals als Bruch in der Tradition

Der Prolog in Wolfram von Eschenbachs Werk bildet wie bereits erwähnt eine Ausnahme in der oben angesprochenen Tradition des Mittelalters, die auch heute immer noch auf Verwirrung stößt. Nach außen hin scheint der Prolog den von Brinkmann angeführten zwei Punkten zu folgen. Bei genauerer Analyse hingegen fällt auf, dass Wolfram mit seiner Erzähltechnik mit der Tradition bricht.

Joachim Bumke bezeichnet so zutreffenderweise:

Der Prolog gehört zu den schwierigsten und dunkelsten Textpartien der Dichtung. Jede einzelne Aussage ist umstritten und über den Argumentationsgang und die Intention des Ganzen gehen die Ansichten weit auseinander. Auffällig ist, daß wichtige Informationen ausgespart sind, die man sonst in einem Prolog findet [...].[12]

Der Prolog wird als schwer interpretierbar beschrieben. Auch Rupp hat ihn beschrieben als „einer des am schwersten verständlichen Stücke mittelhochdeutscher Dichtung“[13].. Zudem fällt der Parzivalprolog insbesondere auf, dass er keinesfalls der sonst typischen Struktur folgt. Weder Name des Dichters, die Person hinter Gönner - und Auftraggeberschaft oder Quellenverweise werden erwähnt[14]. Stattdessen werden diese Faktoren erst in der sogenannten „Selbstverteidigung“ Wolframs erläutert. Bei näherer Betrachtung des Eingangs wird klar, was Bumke und Rupp mit den Adjektiven ‘schwierig’, ‘dunkel‘ und ‘schwer verständlich‘ zu vermitteln versuchen. Der Erzähler spricht von schwer verständlichen Lehren und vermittelt keine “deutliche, hilfreiche Erklärungen“[15]. Jede Aussage ist disputabel ausgelegt, Wolfram versucht das Publikum zuerst zu verwirren, um dann einen Zugang zu einem neuen Thema zu liefern.

3. Das Symbol der Elster in der Gesellschaft

Das Symbol der Elster hat sowohl in der Kultur des Mittelalters als auch in Bezug auf den Eingang des Prologs eine starke Bedeutung. Neben der Rabenkrähe hat sonst kein anderer Vogel (vor allem in Deutschland) einen verderblicheren Ruf als die Elster.[16] „Sie gilt als Nestplünderer und Vogelmörder. Auch soll sie ,diebisch‘ sein und geschwätzig. Gleichzeitig sagt man ihr aber auch nach, klug zu sein.“[17]. Bis heute noch wird der Vogel mit Adjektiven wie „diebisch“ oder zänkisch“ belegt, welches auf das mehrfach erkundete biologische Verhalten zurückzuführen ist. Trotzdem wird sie oft in vielen Gedichten oder Fabeln als der äußerst kluge Part der Geschichte dargestellt.

„Das Symbol der Elster ist allerdings vielfältiger konnotiert, als man im ersten Augenblick annehmen dürfte“, beschreibt Buchholz in ihrer Arbeit.[18] Auf der einen Seite steht eine negative Konnotation im Raum, die das schwarz-weiße Farbspektrum des Federfells radikalisiert. So zum Beispiel im Mittelalter, wo die Elster als „verwurzelte Koppelung mit dem Bösen, dem frühen Tod und dem Zustand der Verfolgung“[19] definiert wurde. Diese negative Anschauung des Vogels trifft jedoch nicht auf alle Kulturen oder Epochen zu. In China wird der Elster als „Glücksbringer und Verkünder guter Nachrichten“[20] eine durchaus positive Konnotation zugeschrieben. Daneben gilt die Elster auch als Überbringer guter und vor allem wahrer Informationen. Diese spezifische Rollenzuschreibung findet sich insbesondere in dem elsternfarbigen Menschen Feirefiz vor.[21]

4. Die Bedeutung von Schwarz und Weiß

Das Markanteste an der Elster ist jedoch ihre kontrastierte, zweifarbige Färbung, welche oft als metaphorisches Beispiel für eine zweideutige Darstellung eines Sachverhaltes genutzt wird. Sie wird vor allem bei Wolfram von Eschenbach genutzt, da er sie dazu verwendet, um extreme Vergleiche anschaulicher zu machen.

Die Farbe Schwarz wird oft mit Tod, Trauer und Leid, Angst und Schrecken, aber auch hauptsächlich mit Sünde in Verbindung gebracht. Ein weiterer wichtiger Aspekt in Bezug auf den Parzival-Roman ist die Assoziation des Schwarzen mit dem Rassismus.[22] Schon in dieser frühen Zeit „wurden schwarze Menschen [...] mit viel Argwohn betrachtet.“[23] Eine Art Skepsis findet man auch schon in der Szene vor, in denen Gahmuret den Heiden begegnet. So heißt es:

„die nâch der helle wârn gevar,

die kômen, swaz dâ fürsten was,

durch die stat ûf den palas. (Pz 51,24-51,25)

Die weiße Farbe, im Gegensatz zum Schwarz steht für den Frieden, Unschuld und Reinheit. Zudem steht sie für das Licht, die Helle[24]. So wird dieser Farbe auch in den oben genannten Kulturen positiven Konnotationen zugeschrieben, denn sie steht im Kontrast zur Dunkelheit, der Nacht und der Sünde, oder auch (bezogen auf den Parzival) der Beständigkeit.

Die Ambivalenz dieser zwei Farben lässt sich, auf das Bild der Elster übertragend, schlussfolgernd zusammenfassen, als Metapher für eine Zwiespältigkeit zwischen Sünde und Unschuld, Zweifel und Treue, Leid und Freude.

5. Die Deutung des Elsterngleichnis im Eingang des Parzivals (1,1-1,14)

Wie bereits oben erwähnt zählt der Parzival-Prolog sowohl inhaltlich als auch formal als eine der umstrittensten Werke der mittelhochdeutschen Dichtung. Seit Lachmann wurde versucht ihn auf zwei Wege zu analysieren[25]: Zuerst wird „die Deutung des Prologs mit Hilfe der mittelalterlichen Philosophie und Theologie“[26] als Ziel gesetzt und zweitens gibt Rupp an dass, „ein großer Teil des Prologs aus einer Polemik gegen Gottfried von Straßburg bestehe.“[27] Sich hauptsächlich auf die erste der beiden genannten Thesen beziehend soll versucht werden den Eingang des Parzivals, insbesondere das Elsterngleichnis zu deuten.

Der Eingang des Parzivals beginnt mit einer traditionellen zweizeiligen Sentenz:

Ist zwîvel herzen nâchgebûr

daz muoz der sêle werden sûr.(Pz 1,1-1,2)

[...]


[1] Vgl. Wolfram von Eschenbach: Parzival: Band 2. Nach der Ausgabe von Karl Lachmanns revidiert und kommentiert von Eberhard Nellmann. Übertragen von Dieter Kühn. Frankfurt a.M: Deutscher Klassiker Verlag 1994, S.445.

[2] Dyer, Melissa: Der Parzival-Prolog als literarische Ausnahme. The University of Georgia. Athens, Georgia 2004, S.1.

[3] Brinkmann, Hennig: Der Prolog im Mittelalter als literarische Erscheinung. Bau und Aussage. In: Brinkmann Hennig (Hg.): Studien zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur. Band II: Literatur. Düsseldorf: Pädagogischer Verlag Schwann 1966, S.80.

[4] Nellmann, Eberhard: Wolframs Erzähltechnik. Untersuchungen zur Funktion des Erzählers. Wiesbaden: Franz Steiner Verlag GmbH 1973, S.9.

[5] Vgl. BRINKMANN (Wie Anm.3), S.82.

[6] Vgl. BRINKMANN (wie Anm.3), S.82.

[7] Vgl. ebd., S.88.

[8] Vgl. NELLMANN (wie Anm.4), S.9.

[9] Zu beachten ist jedoch, dass in diesem ersten Teil noch keinerlei Spuren auf den Inhalt des Romans zu finden sind.

[10] Vgl. BRINKMANN (wie Anm.3), S.90.

[11] Rupp, Heinz: Wolframs Parzival-Prolog. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 82(1) (1961), S.32.

[12] Bumke, Joachim: Wolfram von Eschenbach. Stuttgart: J.B Carl Ernst Poeschel 1911, S.48. (Sammlung Metzler. 36)

[13] RUPP (wie Anm.11), S.29.

[14] Vgl. BUMKE (wie Anm.12) S.48.

[15] DYER (wie Anm.2), S.5.

[16] Vgl. http://www.ijon.de/elster/index.html

[17] http://www.ijon.de/elster/index.html

[18] Buchholz, Sabine: Tiersymbolik im „Parzival“ Wolframs von Eschenbach. Das Beispiel der Elster. GRIN 2006, S.5.

[19] Ebd., S.5.

[20] Ebd., S.6.

[21] Vgl. ebd., S.6.

[22] Passend dazu ist zu wissen, dass der Ursprung aller rassistischen Vorurteile ins Mittelalter zurückzuführen ist.

[23] Biedermann, Hans: Knaurs Lexikon der Symbole. München: Knaur 1998, S.393.

[24] Nöth, Stefan: Ágelstern mâl: Die Verwendung von Weiß und Schwarz durch Wolfram von Eschenbach. In: Zentralinstitut für Regionenforschung an der Universität Erlangen-Nürnberg, Sektion Franken (Hg.): Jahrbuch für Fränkische Landesforschung, S.3.

[25] RUPP (wie Anm.11), S.29.

[26] Ebd., S.29.

[27] Ebd., S.29-30.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Der Parzival Prolog. Die Ambivalenz des Elsterngleichnisses mit Bezügen auf verschiedene Schlüsselfiguren des Romans
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Pro-Seminar "Ältere deutsche Literatur: Parzival"
Note
1,5
Autor
Jahr
2018
Seiten
21
Katalognummer
V426970
ISBN (eBook)
9783668713970
ISBN (Buch)
9783668713987
Dateigröße
609 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Parzival, Prolog, Elsterngleichnis, Feirefiz, Belakane, Gahmuret, ÄDL, Ambivalenz
Arbeit zitieren
Jasmine R. (Autor:in), 2018, Der Parzival Prolog. Die Ambivalenz des Elsterngleichnisses mit Bezügen auf verschiedene Schlüsselfiguren des Romans, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/426970

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