Exotismus und Milieu. "Der rasende Reporter" (1925)

Egon Erwin Kisch und seine Perspektive auf "das Fremde" in ausgewählten literarischen Reportagen


Bachelorarbeit, 2018

33 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Hinwendung vom räumlichen zum sozioökonomisch Fremden
2.2. Zwischen Ent- und Verschleierung des Fremden
2.3. Das Fremde als Spiegelbild in der Kunst der Reportage
2.4. Überzeitlichkeit des Fremden

3. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Nichts ist verblüffender als die einfache Wahrheit, nichts exotischer als unsere Umwelt, nichts ist phantasievoller als die Sachlichkeit. Und nichts Sensationelleres gibt es in der Welt, als die Zeit, in der man lebt![1]

So schreibt Egon Erwin Kisch im Vorwort seiner 1925 erschienenen Reportagensammlung Der rasende Reporter. Bemerkenswert ist hier der Gebrauch des Begriffs des Exotischen, der sich nicht vom Begriff des Fremden trennen lässt, in Verbindung mit der ihm nahen eigenen Umwelt. Was aber lässt diese unmittelbare Umwelt fremd erscheinen? Im Folgenden wird die These untermauert, dass Kischs Gefühl der Fremde nicht auf einer interkulturellen oder geographischen Distanz basiert, sondern auf sozioökonomischer. Dies zeigt sich in der Schilderung verschiedener Milieus in seinen literarischen Reportagen. Auf unterschiedliche Weisen schafft Kisch Abgrenzung zum beobachteten Andersartigen, um auf der einen Seite einen ästhetischen und auf der anderen Seite den Erkenntniswert der Reportagen zu steigern. Hierzu werden aus den 53 Werken einige ausgewählt (Stahlwerk in Bochum, vom Hochofen aus gesehen, Der Flohmarkt von Clignancourt, Unter den Obdachlosen von Whitechapel, Streifzug durch das dunkle London, Versteigerung von Castans Panoptikum am 24. Februar 1922, Das Nest der Kanonenkönige: Essen, Meine Tätowierungen und Erkundungsflug über Venedig), um zu untersuchen, wie sich der aus dem Bürgertum stammende Autor zu ihm fremden sozialen Milieus distanziert. Daraufhin wird bezugnehmend auf den Begriff des Exotischen diskutiert, wie die Technik der poetischen Unschärfe das Spannungsfeld zwischen dem Anspruch auf Realitätsabbildung und künstlerischer Freiheit vergrößert. Abschließend wird die Diskrepanz analysiert, die zwischen dem in überzeitlichen Parallelwelten koexistierenden Fremden und dem sich im Gegensatz dazu selbst zeithistorisch verortenden Reporter erzeugt wird.

Egon Erwin Kisch, welcher 1885 in Prag als Sohn eines wohlhabenden jüdischen Tuchhändlers geboren wurde, gilt in Deutschland, mehr noch in Teilen der ehemaligen DDR, als einer der prominentesten Vertreter der sozialen Reportage. Nach seinem Besuch auf der Journalistenschule in Berlin, bis hin zu seinem Tod 1948 in Prag veröffentlichte er bei der Tageszeitung Bohemia Berichte über die Armenmilieus, bis der Erste Weltkrieg anbrach.[2] 1918 beteiligte er sich am Wiener Januarstreik, durch welchen Friedensverhandlungen erzwungen werden sollten. Mit Kriegsende endete auch seine Zeit als Rotgardist in Wien. 1921 siedelte er

nach Berlin über und entschied sich, von da an als freier Autor zu schreiben. Der rasende Reporter ist somit seine erste Sammlung, die nicht etwa Auftragsarbeiten enthielt, sondern größtenteils Reportagen, die er speziell für diese schrieb.[3] In der Welt, des deutschsprachigen Bildungsbürgertums in welcher sich Kisch bewegte, wurde er selbst als der rasende Reporter betitelt.[4] Dieses Milieu gehörte zu seiner Lebenswirklichkeit, genau wie das der Kaffeehausliteraten, wo er unter anderem Bekanntschaft mit Größen wie Rainer Maria Rilke oder Franz Kafka machte.[5] Mit seinen Reportagen traf er den Zeitgeist. „Seit mehreren Jahren genießt in Deutschland die Reportage die Meistbegünstigung unter allen Darstellungsarten“, schrieb Siegfried Kracauer im Jahr 1929. „Die Dichter kennen kaum einen höheren Ehrgeiz, als zu berichten, die Reproduktion des Beobachteten ist Trumpf.“[6] Walter Benjamin sah die Popularität der Reportage in der Expansion der neuen Publikationstechniken begründet, dem Rundfunk und der illustrierten Presse.[7] Die Mannigfaltigkeit des Stoffes war zwar schon zuvor vorhanden, doch nach dem Ersten Weltkrieg trat als weiterer Aspekt der Veränderung der Wahrnehmung hinzu, dass „Deutschland im kaiserlichen Imperialismus blind“ war, für seine Umwelt und es dann nach dem verlorenen Krieg „auf allen Gebieten zur Rezeption, zur Übernahme gezwungen“ war.[8]

2. Hauptteil

2.1. Hinwendung vom räumlichen zum sozioökonomisch Fremden

In Egon Erwin Kischs Reportage Stahlwerk in Bochum, vom Hochofen aus gesehen beschreibt er die malochenden Arbeiter wie Angehörige eines fremden Naturvolks. Durchgängig wird ein Synkretismus der beiden Wortfelder Kultur und Natur deutlich. Während der Herd des Stahlwerks mit dem Vesuv verglichen wird, erhält der „neugeborene Stahl“, welcher da „speit und raucht in seinem Gefäß“ auch dadurch eine Personifikation, dass er die Welt „verschütten zu wollen“ scheint (S. 205). Besonders reich ist die Reportage an aquatischen Bildern, so strömt ein „lichterlohe[r] Bach von Roheisen“ (S. 206) aus einem Loch. Weitere Metaphern werden als Klimax nach wachsendem Umfang der Wassermenge aufgezählt:

ausrangiertes eisernes Hausgerät, das einst in der Küche oder in der Rumpelkammer wie eine Pfütze war, dann im Magazin des Hausierers zum Tümpel ward in Bächen zum Alteisenhändler floß, in Strömen in die Schrottzerkleinerungswerke hierher, wo es ein Meer ist, der Verdunstung harrend (S. 205).

Bei dem wie von Mutter Natur persönlich „neugeborene[n] Stahl“, der als „Masse“ beginnt „herauszuströmen nach allen Richtungen“ wird eine binäre Opposition zwischen dem Individuum und der Masse sichtbar, die, wie im Folgenden gezeigt werden soll, symptomatisch ist, für Kischs Perspektive auf die Arbeiterklasse und ihre Darstellung in seinen Reportagen. Die Masse, welche, um in der Metaphorik zu bleiben, aus dem „großen einheitlichen Höllenkessel“ heraus geboren wird, ist in ihrer Schöpfung äußerst individuell. Sie hat „hundert Formen von verschiedener Größe und verschiedener Gestalt“ (ebd.). Dennoch ist sie nicht mehr als eine verschmolzene, anonyme Masse und erfüllt in Kischs Reportage lediglich eine Symbolfunktion auf der Darstellungsebene: „In den ,Kokillen‘ strahlt der Stahl noch immer wie ein Symbol, noch immer ist er im Fluße der Bewegung, und noch immer ist er von vernichtender Hitze“ (ebd.). Nur wenn die Arbeiter als Kollektiv, als Masse zusammenhalten, so Kischs Ansicht, kann ihre revolutionäre Bewegung gelingen. Nach dem Kapp-Putsch im März 1920 und dem Kampf des Proletariats gegen die französische Besatzung war das Ruhrgebiet mit seiner dort ansässigen Industrie ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt.[9] Die Eindrücke, die Kisch in dem Bochumer Stahlwerk gewinnt, sind abschreckend, aber dennoch sind sie ein Faszinosum: „Verstört ist man von den vielen Wundern und tut gut daran, nicht gleich in den Alltag hinauszugehen, der das alles verwischt.“ (S. 209). Aufgrund der oben beschriebenen Anthropomorphisierungen der Materialien und der Maschinen sind die Wunder so verstorend.

Wenn man das Erz auf seinem Entwicklungsgang begleitet bis zu den Leidensstationen des Stahls in den mechanischen Werkstätten, wo er gedreht wird, gehobelt, durchstoßen (S. 208), dann gruselt es einem, aufgrund der Assoziation, die Kisch mit den Rohstoffen und den menschlichen Arbeitern hergestellt hat: „Armer gequälter Stahl“ (ebd.).

Die Hybridität zwischen Natur und Industrie setzt sich fort durch eine Metamorphose: „Ins Schienenhaus kommt ein kurzer Stahlblock, und schon huscht er, windet sich, in eine Schlange verwandelt, aus der Maschine!“ (ebd.). Dieses Bild ist exemplarisch für andere sozialistische Rezeptionen dieser Zeit. Zum Beispiel erinnert es an die nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten erschienene, gleichnamige Fotomontage John Heartfields aus dem Jahr 1934. Diese zeigt, wie sich eine Raupe auf einem Zweig sitzend als Friedrich Ebert zu Paul von Hindenburg entpuppt und dann anschließend Adolf Hitler als Totenkopfschmetterling daraus entsteht. Dabei trägt die Fotomontage die Überschrift „Deutsche Naturgeschichte“.[10] Dies suggeriert, die kapitalistischen Verhältnisse und das, was aus ihnen folgt, seien schicksalhaft in der Natur angelegt, in einer „All-Einheit des Kosmos, ewig und von Anbeginn und immer weiter so.“[11] Das spiegelt sich auch in Kischs Reportage durch den Kreislauf wieder, den der Stahlblock durchlebt. Kaum ist er als Schlange zum Leben erwacht, „wird sie von einer Säge zerschnitten, in Stücke von zehn Meter Länge“ (S. 209). Diese Hybridität einer Naturkultur[12] stellt die durch den Kapitalismus erzeugten Zustände als Automatismen dar und stilisiert diejenigen Betroffenen des eigentlich zu kritisierenden Systems als passive, in einen naturgegebenen Kreislauf gezwungene Opfer.

Verschärft wird der Eindruck der Passivität der Rolle der Arbeitenden dadurch, dass Passagen der wörtlichen Rede ausschließlich dem Betriebsleiter („‘Tausend Mark Schaden‘, brummt der Betriebsleiter“ [S. 208]) und dem „blutjungen Ingenieur, der Stulpenstiefel und Schmisse hat und die Arbeit beaufsichtigt“, zugestanden wird: „‘Na, zweiundfünfzig bis fünfundfünfzig Pfennig pro Stunde [...]‘“ (S. 206). Durch seine ihn charakterisierenden Attribute gewinnt der Ingenieur darüber hinaus an Plastizität, während auf die Arbeiter nicht weiter detailliert beschreibend eingegangen wird. Lediglich mengenmäßige Aussagen werden über sie getätigt: „Eben kamen wir an zwei Arbeitern vorbei“, „einige Arbeiter sammeln sich aufgeregt“ (S. 208).

Bei der genaueren Betrachtung der Personendeixis[13] ist zudem auffällig, dass die Fabrikbesitzer in der zweiten Person Plural in der direkten Rede angesprochen werden: „Habt ihr nicht Angst, ihr Herren der Fabrik, daß diese aufgeregte, kochende Masse doch einmal ihren Kerker sprengt?“ (S. 207), während der Arbeiter ausschließlich in der dritten Person genannt wird: „Stört es ihn nicht, wenn er aus dieser tödlichen Hitze unmittelbar ins Freie muß, um für das überschüssige Roheisen im Gießbett Rinnen zu graben?“ (S. 206). Es wird über die Arbeiter gesprochen und nicht mit ihnen. Wenn man liest, wie die Arbeiter „sich aufgeregt sammeln“, den Kran untersuchen „und murren“ (S. 208), dann kann man sich nicht ganz davon freimachen, dass den Arbeitern ebenfalls etwas Animalisches anhaftet. Dies kommt daher, dass, wie zuvor ausgeführt, das Paradigma Natur aufgemacht wurde und dieses Assoziationsfeld sich nun auf die Arbeiter überträgt. Die heiße Masse des Industriematerials Stahl symbolisiert die Arbeiterbewegung. Der Stahl wird zur Schlange, also animalisiert, bevor er erkaltet und sich wieder in seine Dinglichkeit verwandelt. „Zerschnitten“ wird die Schlange, geteilt, von einer Säge, „in Stücke von zehn Meter Länge“ (S. 209), ganz nach der Maxime der Herrschenden, der „Herren der Fabrik“, welche da lautet: „Divide et impera“ (S. 207). Um die Kapitalwerdung von Menschen anzuprangern und um zum Zusammenhalt der Arbeiter in ihrem Kampf aufzurufen, benutzt Kisch dieses plakative Verfahren, um der Leserin oder dem Leser einen Verständnisrahmen zu eröffnen, nimmt aber damit die Stereotypisierung der Arbeiterklasse in Kauf. Da sich Kisch stets als Person in seine Reportagen einbringt, ist er somit in der uns dargestellten Szenerie die Instanz des versprachlichenden Subjekts, also das deiktische Zentrum. Es scheint, als würde Kisch uns mitnehmen auf den „Gipfel des Hochofens“, von wo aus wir mit ihm zusammen „von höherer Warte“ aus die Plätze umfassen (S. 205). „Wir können auf diesem Prospekt den Weg voll verwirrender Schönheit und bitterer Reflexion rekapitulieren, den wir heute gingen und den alltäglich und allnächtlich das Erz geht und die Arbeit in allen Stadien“ (ebd.). Im krassen Gegensatz befindet sich unsere wir-Gemeinschaft, die da durch die Fabrik geführt wird, wie durch einen Zoo, zu einem in der dritten Person beschriebenen Arbeiter: „Ist er [der Arbeiter] unempfindlich gegen den Schwefeldampf, den uns eben ein Windstoß in die Nase geblasen hat, daß wir tränen und husten müssen?!“ (S. 206). Zwar ist die Frage rhetorisch und will verneint werden, um bei der Leserin oder bei dem Leser Empathie zu erzeugen. Es bleibt allerdings implizit ein Restverdacht zurück, dass es sich bei den Arbeitern, im Gegensatz zu uns, um eine gegen Schwefeldampf resistentere Spezies handeln könnte.

Der Eindruck von Naturwüchsigkeit eines sozialen Milieus wird auch in der Reportage Der Flohmarkt von Clignancourt durch Tiervergleiche generiert. So weisen „Der ,lausige Markt‘ von Bicetre und der ,Flohmarkt‘ von Saint-Ouen [...] nicht so viele Unterschiede auf wie ihre beiden Paten aus dem Insektenreich“ (S. 60). Neben des Wörtlichnehmens des Kompositums „Flohmarkt“, werden Fragen aufgeworfen und unmittelbar darauf verneint:

Der Flohmarkt? Also sozusagen: Schauspielerbörse der Flohtheater? Suchen hier Flöhe ein Engagement, Dompteure ihr Personal, Bühnenagenten Gelegenheit zur Vermittlung? Nein! Niemals kam Fernando Mésteque de Podsqualle, der große Flohtheatermanager, zeit seines Lebens her, seine Protagonisten und Primadonnen anzuwerben, niemals einer seiner Kollegen (S. 57).

Die Personifikation der ein Engagement suchenden Flöhe, die in einem Flohtheater ihrem Dompteur unterstehen, dient auch an dieser Stelle dem Zweck, die kapitalistischen Herrschaftsbedingungen zu illustrieren. Die Verneinung der den Text literarisierenden Fragen folgt auf den Fuß, um die Leserin oder die Leserin von der fiktionalen in die aktuale Welt zu katapultieren:

Kämest du, veranlaßt vom Namen ,marché auxpuces‘, am Sonntagmorgen zum Festungstore Clignancourt, nur um Flöhe zu erstehen, du müßtest unvollzogenen Kaufes wieder heimkehren (ebd.).

Erneut strukturiert die Binarität zwischen Individualität und Masse auch diese Reportage, wenn „Hunderte von Chiffonniers ihr Vielerlei“ ausbreiten und sich da diverses findet:

Hosenträger neben einem Damenhöschen, eine Grammophonplatte neben einem Kissen, ein Portrait Gambettas in Farbendruck neben einem Zahnbürstchen, einen Schlüssel neben einem Suspensorium, eine Kohleschaufel neben einem Gummilutscher für Säuglinge, eine Kasserrolle neben einem Katzenfell, einen zerbrochenen Spiegel neben einer Fußprothese, schweinische Ansichtskarten neben einem Stemmeisen (S. 60).

Die wie eine Inventur anmutende Auflistung von Gegenständen aus anonymen Haushalten projiziert in ihrer Nüchternheit auf der sprachlichen Ebene die Reduzierung der menschlichen Handlungen auf rein ökonomische Motive. Man kann sagen, Kisch liefert mit seinem sachlichen Schreibduktus eine „Kopie jener Herrschaftstechnik“, deren Leidenden die Menschen der Arbeiterklasse waren, in eben jener Sachlichkeit, die die Opfer „in der Bewegungsform des Kapitalismus als Leid erfuhren“[14]. Wie auf einer Fotografie abgebildet sieht man die Gegenstände vor dem geistigen Auge nebeneinanderliegen und man kann nicht umhin, eine gedankliche Verbindung zu ihren gesichtslosen Besitzerinnen und Besitzer herzustellen, deren Hintergrundgeschichte nicht weiter erläutert wird. Während die Opposition zwischen den Paradigmen Individualität und Masse in vielen von Kischs Reportagen immer wieder ein den Text strukturierendes Syntagma aufspannt, ordnet auch der Chiffonnier seine Beute nach Kategorien der wirtschaftlichen Verwertbarkeit ein:

All das, was von der Beute eine noch so geringe Chance für individuellen Verkauf, die Möglichkeit der unmittelbaren Verwertbarkeit an sich trägt, all das was sich irgendwie unter dem Sammelbegriff ‘Trödel‘ subsumieren läßt, das taucht auf einem der Pariser Tandelmärkte auf, die Tabakreste und Zigarrenstummel auf dem nächtlichen Mégomarkt, die Bücherfragmente auf den Karren der Bouquinistes und alles andere noch Schlimmere auf dem Marché pouilleux, dem, „lausigen Markt“ von Bicetre, oder auf dem Marché aux puces (S. 60).

Unterste Kategorie, mit der geringsten Wertigkeit sind zum einen der, wie betont wird, wörtlich zu nehmende lausige Markt und zum anderen der Maché aux puces. Hiermit wird eine Brücke geschlagen zur Personifikation der Flöhe zu Beginn der Reportage. Die profitorientierte Kategorisierung der Gegenstände lässt sich also auf eine Klassifizierung von Menschen, auf eine Bildung von sozialen Milieus übertragen.

Die Reportage Der Flohmarkt von Clignancourt erörtert eben dieses Thema, ähnlich wie die Reportage Unter den Obdachlosen von Whitechapel, in der es bei der Beschreibung von Obdachlosen noch expliziter ausgesprochen wird: „Und diese Allerelendsten der Elenden sind noch in Gesellschaftsschichten geteilt, noch unter diesen Obdachlosen bestehen Vermögensunterschiede“ (S. 7). 1893 stellte sich Émile Durkheim in seinem Werk De la division du travail social die Frage, wie es sein könne, „daß das Individuum, obgleich es immer autonomer wird, immer mehr von der Gesellschaft abhängt?“.[15] Für Durkheim ist das äußere soziale Milieu, welches er vom inneren abgrenzt, ein gesellschaftliches Subsystem.[16] Auch in der Reportage über den Flohmarkt lässt sich das vielfach Einzelne „unter dem Sammelbegriff ‘Trödel‘ subsumieren“ (S. 60). Es wird eine soziologische Übersicht über die verschiedenen sozialen Organisationsformen gegeben, wenn auch auf einer rein metaphorischen Ebene. Kisch versucht damit den Anspruch zu erfüllen, den er in seinem Vorwort an einen Reporter stellt, nämlich zu versuchen, die „Gegenwart festzustellen, die Zeit zu zeigen, die wir leben.“[17] Dabei müssen seiner Meinung nach die Orte und Erscheinungen, die er beschreibt, die Versuche, die er anstellt, die Geschichte, deren Zeuge er ist, und die Quellen, die er aufsucht, [...] gar nicht so fern, gar nicht so mühselig erreichbar sein, [...] nichts [ist] exotischer als unsere Umwelt, nichts ist phantasievoller als die Sachlichkeit.[18]

Es stellt sich die Frage, worin die Notwendigkeit besteht, durch den Parallelismus „gar nicht so fern, gar nicht so mühselig“[19] betonen zu müssen, dass der Reporter zumindest in einer örtlichen Dimension nicht in die Ferne zu schweifen braucht. Da sich Anfang des 20. Jahrhunderts unter deutschen Schriftstellern eine Reisekultur ausprägte, die durch technische Fortschritte wie beispielsweise die zwischenkontinentale Dampfschifffahrt ermöglicht wurde, erlebte die Gattung der Reiseliteratur ihre Konjunktur, genauso wie die Produktion zahlreicher Exotismen.[20] Kisch formuliert nun sein Anliegen, dass man die Bezeichnung exotisch auch auf die eigene, räumlich gesehen unmittelbar gelegene Umwelt anwenden könne.

Das auf das Griechische und Lateinische zurückgehende Wort exotisch (εξωτικός exötikös, bzw. exoticus) welches in seiner ursprünglichen Etymologie so viel wie fremdländisch oder auswärtig bedeutet, lässt sich „nie vom fremden, anderen“[21] klar scheiden. So unbefriedigend eine Definition des Exotischen als „besonders farbige Spielart des Fremden, als gewissermaßen von selbst evident“[22] auch sein mag - all das, was der Begriff beschreiben will, war auch schon in der Zeit bevor er im 19. Jahrhundert in Gebrauch kam „in jedem Falle objektiv und klar umrissen, und es [das Exotische] lag jenseits der Grenzen der eigenen Kulturgemeinschaft.“[23] Mit Kischs Appell, man solle als Reporter den Stoff verwenden, den die eigene Umwelt für einen bereit hält, da diese im höchstem Maße exotisch sei, verschiebt er die Grenzen zwischen Bekanntem und Fremden von einer interkulturellen Ebene der Betrachtung auf eine sozialwissenschaftliche.

Ihn bewegt in seiner Reportagensammlung nicht ein Interesse am außereuropäisch Fremden, sondern vielmehr eine Neugierde auf das Fremde im Sinne des ihm in sozioökonomischer Hinsicht Unbekannten, wie auch die Reportage Streifzug durch das dunkle London (S. 220) illustriert. Die ersten drei Worte der Reportage betonen es kurz und knapp: „London ist anders“ (ebd.) und nochmal einen Absatz weiter wird hervorgehoben: „Bereits bei der Ankunft merkt man, daß es in London ganz anders ist als anderswo“ (S. 221). Maßstab der Referenz des Normalen, von dem sich London in seiner Andersartigkeit abgrenzt, ist der europäische Kontinent: „Nirgends sind Sitten und Lebensweise so verschieden von denen des übrigen Europa wie in London“ (S. 220). Aus dieser Perspektive heraus wird kontrastiert, dass man selbst in „Städten, deren Sprache man nicht versteht“, zum Beispiel „drüben im wildesten Kleinasien, wo keine Menschenseele eine Kultursprache versteht“ schnell heimisch sei (S. 220), nicht aber in London. Daraufhin werden Essgewohnheiten der Londoner beschrieben die vielleicht den Geschmack von Menschen eines anderen Kontinents träfen, auf keinen Fall aber der breiten Masse der Gesamteuropäer:

Es ist nicht jedes Kontinentbewohners Sache, in den Topf mit ,snacks und shrimps‘, der am Bareingang hängt, zu greifen und eine Handvoll von Krabben und Schnecken zum Munde zu führen (ebd.).

Eine Dichotomie besteht zwischen dem Nebeneinander des reichen Londoner Westend mit seinem „königlichen Buckinghampalast und der feudalen Piccadillystraße“ (S. 221) und den armen Vierteln des Eastend, wo man als Fremder Angst haben muss, sich hinzuverirren, „in Hendon oder in Black Heath oder in Walham Green, [...] wo die Fragen nach den Straßen des Westend mit verständnislosem Achselzucken beantwortet werden“ (S. 220).

[...]


[1] Kisch, Egon Erwin. Der rasende Reporter, S. 6.

[2] Schütz, Erhard/ Vogt, Jochen u.a,. Reportage: Reger, Hauser, Kisch, S. 207.

[3] Vgl. Schulz, Michael. Der „rasende Reporter “ Egon Erwin Kisch. Entwicklung vom neusachlichen Flaneur zum politisch agitierenden Berichterstatter. S. 2.

[4] Vgl. Schütz, Erhard/ Vogt, Jochen u.a,. Reportage: Reger, Hauser, Kisch, S. 205.

[5] Vgl. Schütz, Erhard/ Vogt, Jochen u.a,. Reportage: Reger, Hauser, Kisch, S. 207.

[6] Kracauer, Siegfried. Die Angestellten. Aus dem neusten Deutschland, S. 216.

[7] Vgl. Benjamin, Walter. Der Autor als Produzent, S. 106.

[8] Schütz, Erhard/ Vogt, Jochen u.a,. Reportage: Reger, Hauser, Kisch, S. 200.

[9] Vgl. Schütz, Erhard/ Vogt, Jochen u.a,. Reportage: Reger, Hauser, Kisch, S. 202.

[10] Siepmann, Eckhard. Montage: John Heartfield. Vom Dada zur Arbeiterillustrierten Zeitung. Dokumente - Analysen - Berichte, S. 235.

[11] Schütz, Erhard/ Vogt, Jochen u.a,. Reportage: Reger, Hauser, Kisch, S. 203-204.

[12] Vgl. Grübel, Rainer. Der heiße Tod der Revolution und der das kalte Ende der sowjetischen Kommune. Mythopoetik und Neue Sachlichkeit in Andreij Platonovs negativer Utopie, S. 46.

[13] Eine deiktische Betrachtung ist hier zulässig, da der Autor Teil der beschriebenen Kommunikationssituation ist.

[14] Helumut. Lethen. Neue Sachlichkeit 1924-1932. Studien zur Literatur des „ Weißen Sozialismus“, S. 5.

[15] Durkheim, Emile. Über soziale Arbeitsteilung. Studie über die Organisation höherer Gesellschaften, S. 82.

[16] Vgl. Durkheim, Emile. Über soziale Arbeitsteilung. Studie über die Organisation höherer Gesellschaften, S. 12.

[17] Kisch, Egon Erwin. Der rasende Reporter, S. 5.

[18] Ebenda.

[19] Ebenda.

[20] Vgl. Brenner, Peter J. Der Reisebericht in der deutschen Literatur. Ein Forschungsüberblick als Vorstudie zu einer Gattungsgeschichte, S. 589.

[21] Trauzettel, Rolf. Exotismus als intellektuelle Haltung, S. 1.

[22] Ebenda.

[23] Trauzettel, Rolf. Exotismus als intellektuelle Haltung, S. 1.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Exotismus und Milieu. "Der rasende Reporter" (1925)
Untertitel
Egon Erwin Kisch und seine Perspektive auf "das Fremde" in ausgewählten literarischen Reportagen
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,0
Jahr
2018
Seiten
33
Katalognummer
V427792
ISBN (eBook)
9783668720879
ISBN (Buch)
9783668720886
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
literarischer Journalismus, Egon Erwin Kisch, soziale Reportage, der rasende Reporter, neue Sachlichkeit, 20er Jahre, Exotismus, Milieu, das Fremde
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Anonym, 2018, Exotismus und Milieu. "Der rasende Reporter" (1925), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/427792

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