Instrumentalisierung von Angst in der deutschen Bevölkerung durch die AfD

Eine Anwendung der Theorie Martha Nussbaums auf das AfD-Wahlprogramm der Bundestagswahl 2017


Hausarbeit, 2018

34 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Gefühl der Angst in der Theorie Martha Nussbaums
2.1 Angst als politische Emotion
2.2 Grundlage der Angst
2.3 Rhetorik und Heuristik der Angst

3 Die Alternative für Deutschland
3.1 Die Entstehung der Alternative für Deutschland
3.2 Das Wahlprogramm der AfD zur Bundestagswahl 2017
3.3 Alternative für Deutschland - eine rechtspopulistische Partei?

4 Anwendung der Angsttheorie Nussbaums auf das AfD-Wahlprogramm
4.1 Angst als politische Emotion im AfD Wahlprogramm
4.2 Rhetorik und Heuristik der Angst im AfD Wahlprogramm

5 Fazit

1 Einleitung

Die Gründung der Partei Alternative für Deutschland (AfD) führte zu großer Aufmerksamkeit und entfachte eine politische Debatte. Die Angst ist in ihrer ungesunden und pathologischen Form das Grundgerüst der AfD.[1] Zu Gründungszeiten der Partei speiste sie von Ängsten, die durch die Eurokrise entstanden. Mit dem Beginn der sogenannten „Flüchtlingskrise“ wurden im gesellschaftlichen Diskurs oftmals existentielle Ängste von Bürgerinnen laut.[2] Durch das Türkeiabkommen im Jahr 2016 wurde die Migration - auf Kosten der Geflüchteten - erheblich beschränkt.[3] Die Unzufriedenheit in Hinblick auf die Migration hunderttausender Menschen in die Bundesrepublik nahm in der Bevölkerung trotzdem zu.[4] Aus der anfänglichen Kritik der Partei an der Eurokrise sind fragwürdige politische Ziele entstanden.[5]

Grundlegendes Anliegen der Partei ist es, politische und moralische Traditionen, wie das Grundgesetz und den Rechtsstaat, in Frage zu stellen. Bei der Bundestagswahl 2017 konnte die AfD einen großen und zugleich erschreckenden Wahlerfolg verbuchen.[6] Die Partei erlangte 12,6 % und zog damit als drittstärkste Partei mit 94 Sitzen in den Bundestag.[7] Die Angst vor einem Kontrollverlust veranlasste viele Wählerinnen, für die AfD zu stimmen.[8] Die AfD greift in ihrem Wahlprogramm für die Bundestagswahl 2017 die Verunsicherung vieler Wählerin­nen gekonnt auf. Mit Aussagen wie „Wir wollen den souveränen, demokratischen Nationalstaat erhalten“ oder „Ziel der AfD ist Selbsterhaltung, nicht Selbstzerstörung unseres Staates und Volkes“ warnt die Partei vor einer angeblichen Zerstörung des deutschen Volkes durch Migra- tion.[9] Der dahinterstehende völkische Nationalismus eines homogenen deutschen Volkes schimmert an diesen Stellen bereits eindringlich durch.

Eine philosophische Annäherung an den Angstbegriff liefert das Buch „Die neue religiöse In­toleranz. Ein Ausweg aus der Politik der Angst“ von Martha Nussbaum.[10] Vor allem in dem Kapitel „Angst: Ein narzisstisches Gefühl“ widmet sie sich der Instrumentalisierung von Angst durch Politik. Evident ist, dass Politikerinnen Emotionen für sich nutzbar machen. Nussbaum lehnt eine solche Einflussnahme auf Emotionen nicht ab, wie es viele andere Theoretikerinnen im Zeitalter des Populismus fordern. Sie plädiert vielmehr dafür, dass Angst kein Leitgefühl der Politik sein dürfe. Stattdessen sollten positive Emotionen wie Liebe als Grundlage der Ge­sellschaft betrachtet werden. Ausgehend von der Theorie Nussbaums soll in der vorliegenden Arbeit die Frage untersucht werden, inwieweit die AfD das Gefühl der Angst in ihrem Wahl­programm der Bundestagswahl von 2017 instrumentalisiert.

Im zweiten Kapitel der Arbeit findet die Theorie Martha Nussbaums in Bezug auf das Gefühl der Angst Erläuterung. Hierzu wird im ersten Abschnitt Angst als politische Emotion beschrie­ben, um im zweiten Abschnitt die Grundlage der Angst herauszustellen. Im dritten Abschnitt des zweiten Kapitels wird durch die Darstellung der Heuristik und Rhetorik der Angst das Fun­dament für die weitere Untersuchung geschaffen. Das dritte Kapitel widmet sich der Alternative für Deutschland. Hierzu wird die Entstehung der Partei erläutert und dessen Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2017 dargestellt. Im darauffolgenden Abschnitt wird sich der Frage ge­widmet, inwiefern die AfD eine rechtspopulistische Partei ist. Dies ist von Bedeutung, um zu erkennen, wie rechtspopulistische Parteien Angst instrumentalisieren. Im vierten Kapitel findet die Theorie Martha Nussbaums Anwendung auf das Wahlprogramm der AfD, um die Instru­mentalisierung von Ängsten durch die AfD zu untersuchen. Zum Schluss folgt das Fazit und beendet damit in Kapitel 5 die Arbeit.

2. Das Gefühl der Angst in der Theorie Martha Nussbaums

2.1 Angst als politische Emotion

Emotionen spielen in allen Gesellschaften eine große Rolle.[11] In liberalen Demokratien findet man viele Emotionen wie Wut, Angst, Mitgefühl, Abscheu, Neid, Schuldgefühle, Trauer und Liebe.[12] Dabei lassen sich nicht alle Emotionen einem politischen Prinzip zuordnen.[13] Einige dieser Emotionen gelten jedoch „der Nation, den Zielen der Nation, ihrer Institutionen, ihrer Führungselite, ihrer Geographie und den eigenen Mitbürgern, mit denen man sich in einem gemeinsamen öffentlichen Raum bewegt.“[14] Gerade antiliberale Parteien bedienen sich der Ge­fühle der Bürger*innen und instrumentalisieren Emotionen wie Wut, Angst und Abscheu für sich. „Mitunter gibt es die Auffassung, nur faschistische oder aggressive Gesellschaften seien von starken Gefühlen beherrscht und nur solche Gesellschaften hätten es nötig, sich auf die Förderung und Pflege von Gefühlen zu konzentrieren.“[15] Doch eine solche Auffassung lehnt Nussbaum ab.

Da meist populistische und antiliberale Parteien Emotionen instrumentalisieren, gibt es Auffas­sungen über die Problematik des Einbezugs von Emotionen in den politischen Kontext. Nuss­baum geht jedoch davon aus, dass alle Gesellschaften über ihre politische Kultur sowie die Stabilität und Sicherheit der eigenen Werte nachdenken müssen und dabei Emotionen leitend sind.[16] Sie beschreibt zudem, dass die Vernachlässigung von Emotionen liberaler Parteien im politischen Kontext die Gefahr birgt, dass nur antiliberale Parteien Emotionen für sich nutzen und instrumentalisieren würden.[17] Liberale Parteien könnten dadurch samt ihrer Werte abge­hängt werden.[18] Nussbaum meint, dass es notwendig ist, die Gefühle der Bürgerinnen für eine gemeinsame Aufgabe zu wecken sowie die politischen Prinzipien emotional zu unterfüttern.[19] In liberalen Gesellschaften muss eine politische Förderung der Emotionen erfolgen, indem Mit­gefühl und Zuneigung eine Schutzmauer gegen Spaltungen und Hierarchien der Gesellschaften errichten.[20]

Ein zentrales Gefühl antiliberaler Parteien ist die Angst.[21] Angst ist ein notwendiges und be­schützendes Gefühl, jedoch kann es auch die Ursache für unzuverlässiges und unstetes Verhal­ten sein.[22] Die Geschichte zeigt unzählige Fälle, in denen Minderheiten durch angstgeleitete und destruktive Handlungen unterdrückt wurden.[23] Dabei sei es nach Nussbaum mitunter vor­gekommen, dass vorhandene Probleme wie die „nationale Sicherheit, Freiheit von Herrschaft, wirtschaftliche Sicherheit, politische Stabilität“, welche Angst betrafen, tatsächlich vorhanden waren.[24] Diese Probleme wurden dabei stets mit der Bedrohung durch religiöse Minderheiten in Verbindung gebracht.[25] Diese Verbindungen waren natürlich immer fiktiv sowie ein Produkt der Phantasie und der vorhandenen politischen Rhetorik.[26]

Nussbaum bestimmt drei zentrale Aspekte von Angst in Bezug auf Politik, die Grundlage ihrer Angsttheorie sind. So gehe Angst in der Politik erstens oft von einer tatsächlichen Problematik aus. Dies kann beispielsweise „wirtschaftliche Unsicherheit, Spannungen zwischen den sozia­len Schichten, die Möglichkeit einer Revolution, unvorhersehbare Umwälzungen durch politi­sche und wirtschaftliche Veränderungen“ betreffen.[27] Zweitens wird die Angst einer Sache zu­geordnet, die wenig mit der ursprünglichen Problematik zusammenhängt.[28] Hierzu dienen meistens Minderheitengruppen als Ersatz, um nicht nach der tatsächlichen Ursache der Proble­matik zu forschen.[29] „Drittens wird Angst von der Idee eines unerkannten Feindes genährt.“[30] Es wird von etwas Verborgenem ausgegangen, was sich versteckt hält und jederzeit aus dem Hinterhalt angreifen kann.[31]

2.2 Grundlage der Angst

Die Angst ist ein Urgefühl des menschlichen Daseins.[32] Dieses Gefühl kann ein bedrohliches, quälendes und beunruhigendes sein.[33] Das Mitgefühl bedarf im Gegensatz zur Angst perspek­tivisches Denken, was nur dem Menschen möglich ist.[34] Die Angst jedoch bedarf keines ent­wickelten Denkens. Die Urangst des Menschen entstammt der Todesangst.[35] Doch nicht die Tatsache des Angsterlebens unterscheidet den Menschen vom Tier, sondern Ausdruck und Umgang mit diesem.[36] Das Angstgefühl ist evolutionär gegründet und damit ein nützlicher Me­chanismus, da es eine Abwehrreaktion bei einer Bedrohung oder Gefahr gewährleistet und un­ser Wohlergehen sichert.[37] Die Schreckhaftigkeit ist mit der Angst eng verwandt und äußert sich in angstbeladenen Überraschungen, sie lässt sich ebenso evolutionär begründen und benö­tigt wie Angst kein weiter entwickeltes Denken.[38] Was in der Urzeit das Überleben sicherte und einen Weg vorgab, ist heute jedoch kein guter Wegweiser mehr.[39] Als die Menschheit noch von wilden Tieren und anderen Gefahren bedroht war, sicherte Angst sie vor Bedrohungen. Diesen Gefahren sind wir heute nicht mehr ausgesetzt, doch aufgrund der archaischen Grundlagen der Angst reagieren wir auf wahrgenommene Gefahren, die nicht immer einer tatsächlichen Gefahr entsprechen.[40] „Wenn eine Gesellschaft komplexer wird, dann werden auch mögliche Diver­genzen zwischen Anschein und Wirklichkeit häufiger.“[41] Dies betrifft die Moderne in beson­derer Weise.

Im Zuge der säkularen bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft und dem damit einhergehenden technischen Fortschritt ist eine komplexere und differenziertere Gesellschaft im Gegensatz zur feudalistischen entstanden. Dies könnte - folgt man Nussbaums Ausführungen - zunehmend dazu geführt haben, dass die Urängste der einzelnen Subjekte auf bestimmte Menschengruppen projiziert wurden - dabei handelte es sich meist um Minderheiten. Durch plötzliches Auftreten von Unbekanntem bzw. Überraschungen ist es möglich, dass ein Individuum von einer Bedro­hung ausgeht. Ein unerwartetes Ereignis, z.B. eine Wirtschafts- oder Flüchtlingskrise, fordert evolutionär bedingt eine erhöhte Aufmerksamkeit. Die daraus resultierende erhöht erforderte Reaktionsfähigkeit lässt keine Zeit zur Prüfung der faktischen Zusammenhänge zu. Es folgt eine heuristische Beurteilung des Ereignisses. Durch die vorschnelle Beurteilung kann es zur Personifizierung der Urängste auf eine Minderheitengruppe kommen, da Anschein und Wirk­lichkeit aufgrund der Komplexität der Zusammenhänge verwechselt werden. Angst trifft das wirkliche Objekt der Angst nicht richtig bzw. das Angstgefühl wird auf ein Objekt projiziert, das keine Bedrohung darstellt. Einem komplexen Ereignis wie einer Flüchtlingskrise mangelt es der Sache nach an konkreten Objekten, da es sich um einen komplexen und abstrakten Zu­sammenhang handelt. Der Ängstliche muss seine Angst aber an einem Objekt weiderfinden, weshalb er es an einem konkreten Objekt objektiviert. Dies sind im Falle einer Flüchtlingskrise dann Flüchtlinge, an denen die Angst festgemacht werden kann. Durch solcherlei Angstprojektionen ist es für Politikerinnen einfacher, scheinbare und wirkliche Angstobjekte zu vertauschen bzw. Ängste für antidemokratische Ziele zu instrumentalisieren.

Weiterhin führt Nussbaum die Position John Stuart Mills an. Mill meint, dass Angst ein legiti­mer Selbstschutzmechanismus ist und damit eine zentrale Rolle bei der Gesetzgebung spielen müsse.[42] Mill zufolge ist der „Impuls der Selbstverteidigung“ mit einem Instinkt gleichzuset­zen, welcher allen Menschen zugrunde liegt.[43] Aufgrund dessen sei Angst für das Strafrecht ein legitimer Wegweiser.[44] Das Fundament des Strafrechts auf evolutionär bedingte Ängste zu bauen ist durch die heutige komplexe Gesellschaft eine beschränkte Ausgangslage. Da es Ängs­ten in ihrer triebhaften Form an Reflexionsfähigkeit fehlt. „Um ein guter Führer für Gesetz und Politik zu sein, müsse die Angst durch Sympathie moralisiert werden, also durch den Gedanken an das Wohlergehen aller innerhalb der Gesellschaft.“[45] Mill weicht damit von seiner be­schränkten Legitimierung des Gesetzes durch Angst ab. Die Angst in ihrer primitiven Form müsse moralisiert werden, damit das Allgemeinwohl profitiert und dadurch Angst in ihrer ego­istischen Form überwunden werden kann. Denn die Angst bezieht sich auf das Individuum und lehnt alles ab, „was jemand tut und was unangenehm ist.“[46] „Mill meint, dass Angst an sich einer umfassenden Sicht auf das Gute entgegensteht. Diese Sicht muss vielmehr durch äußere Einflüsse gestützt werden, durch andere Gefühle und Gedanken.“[47] Angst soll also moralisiert werden, indem positive Emotionen hinzugefügt werden und die Angst in ihrer Grundform über­wunden werden kann. Dadurch kann Angst nach Mill sozialisiert werden. „Doch die Angst schränkt uns ein auf die Wahrnehmung des eignen Körpers und vielleicht, im besten Fall, eines engeren Kreises von Menschen und Dingen, die dem Körper verbunden sind.“[48] Angst kann nicht als Leitgefühl für Gesellschaft und Gesetzgebung dienen. Durch die Beschränkung auf das eigene Wohlergehen bzw. den eignen Wirkungskreis kann ein Wohlergehen der gesamten Gesellschaft nicht erlangt werden.

Es muss sich anderer Gefühle bedient werden, um das Wohlergehen aller zu gewährleisten, da Angst, im Gegensatz zu Trauer und Mitgefühl, die vollständige Realität anderer Menschen nicht erfassen kann. Die Politik darf Emotionen also auch nicht ausschließen. Die Grundlage darf nicht Angst sein, da der damit einhergehende Selbstbezug dem Allgemeinwohl schadet. Angst steht dadurch dem Wohlergehen der gesamten Gesellschaft entgegen, weshalb als Grundlage der Politik Nussbaum zufolge positive Emotionen wie Liebe und Mitgefühl stehen sollten. Die Politikerinnen sollten die Gesellschaft nicht in ihrer Angst vor dem Unbekannten stützen, sondern durch positive Emotionen eine Prüfung der faktischen Zusammenhänge be­wirken. Doch nicht nur Angst, sondern alle Gefühle sind begrenzt, da alle Gefühle die Welt aus der Sicht des Individuums betrachten.[49] Diese Begrenztheit stellt wiederum eine Bedrohung der Unparteilichkeit dar.[50] Nussbaum meint jedoch, dass Angst noch weiter geht, „denn sie bedroht oder verhindert die Liebe.“[51] In Nussbaums Theorie der Angst ist die Angst primär auf sich selbst bezogen und lässt somit andere Menschen in der Dunkelheit. Angst schütze den Men­schen zwar vor Gefahren, jedoch ist sie stets selbst eine Gefahr des Lebens.

Heute ist die Menschheit in einem geringeren Maße von Krankheiten und Natur bedroht. Statt- dessen sind neue Gefahren, die die Gesellschaft „durch Krieg, Armut und abstrakte Gefahren (Wirtschaftskatastrophen, Gruppen-Diskriminierung, politische und religiöse Unfreiheit, ge­sellschaftliche Revolutionen)“ bedrohen, hinzugekommen.[52] Dadurch sind die Ängste in der Moderne andere als diejenigen, auf die die Evolution den Menschen vorbereitet hat.[53] Im fol­genden Abschnitt werden die Ängste, welche der Evolution entstammen, in Bezug auf die heu­tigen Bedrohungen und Herausforderungen dargestellt. Im Zuge dessen wird die Rhetorik und Heuristik der Angst dargestellt, welche einen großen Einfluss auf die Instrumentalisierung von Ängsten hat.

2.3 Rhetorik und Heuristik der Angst

Durch neue Bedrohungen wie Krieg, Armut, Wirtschaftskatastrophen, politische und religiöse Unfreiheit, Gruppen-Diskriminierungen und gesellschaftliche Revolutionen fürchtet die mo­derne Gesellschaften Bedrohungen wie den Untergang traditioneller Strukturen, schnelle Ver­änderungen der Technologie und identitätsbezogene Unsicherheiten.[54]

Die Angst äußert sich heute nicht mehr individuell, sondern im Kollektiv, d.i. in der Gesell­schaft. Die vor Jahrhunderten noch unhinterfragt geltenden und das Individuum auffangenden Sicherheiten, wie z.B. der christliche Glaube, der zudem gemeinschaftsstiftend war und Angst linderte, säkularisierte sich zunehmend und büßte seine Funktion ein.[55] Der Mensch lebt heute anonymer, einsamer und bleibt mit seinen Ängsten oftmals allein.[56] Medial werden die Indivi­duen von einer Krise nach der anderen heimgesucht.[57]

„Wenn Angst ein hilfreicher Motivator in dieser Welt sein soll, dann werden die Menschen eine Konzeption für ihre eigene Sicherheit und ihr Wohlergehen ausbilden müssen wie auch für ihre Gesellschaft - das ist weit komplizierter als der enge evolutionäre Fokus auf kurzzeitige kör­perliche Sicherheit.“[58]

Durch die neuen Bedrohungen können Menschen sich nicht mehr auf ihre evolutionären Ins­tinkte verlassen und müssen sich an die moderne Welt anpassen. Die Bedrohungen der moder­nen Welt sind komplexer geworden, wodurch Menschen erstmal die Gefahr richtig identifizie­ren müssen. Es muss also zuerst festgestellt werden, was das Wohlergehen bedroht.[59] „In jeder Gesellschaft ist dieser Prozess der Ausdehnung und Ausformung der Angst den Einflüssen von Kultur, Politik und Rhetorik unterworfen.“[60] Die Beurteilung neuer Bedrohungen ist äußeren Einflüssen besonders ausgesetzt, wodurch die Entwicklung von Ängsten geleitet werden kann. Gerade in der Politik werden vermeintliche Bedrohungen genutzt, indem Ängste bestärkt oder sogar erzeugt werden. Bereits Aristoteles hat sich damit befasst, wie Redner*innen, z. B. in der Politik, ein Publikum mit Hilfe von Angst überzeugen können.[61] Aristoteles spricht Angst eine Kraft zu, welche in der Lage ist zu vernichten oder Schäden mit großen Schmerz zuzufügen.[62]

Durch Angst handeln Menschen irrational. Durch eine scheinbare Bedrohung und dem Bedürf­nis nach Selbstschutz kann es zu negativen Auswirkungen kommen. Dies hat die Geschichte des 20. Jahrhunderts katastrophal gezeigt. Dies kann u.a. die Ausgrenzung von Minderheiten­gruppen bedeuten, von denen eine vermeintliche Bedrohung ausgeht. Durch ihre Ängste gelei­tet gehen Menschen nicht davon aus, dass sie ungerecht oder unvernünftig handeln, da sie sich schließlich auf ihre Selbsterhaltung stützen.[63] „Menschen haben keine Angst, wenn sie glauben, sie kontrollieren alles Wichtige und könnten daher nicht geschädigt werden.“[64] Im Laufe der Zeit erlangten die Menschen immer mehr Kontrolle über die Natur, dadurch sind sie den evo­lutionär bedingten Ängsten größtenteils nicht mehr ausgesetzt. Menschen streben danach die absolute Kontrolle zu erlangen, nur so kann das Gefühl der Sicherheit erlangt werden und kein Angstempfinden entstehen. Eine absolute Kontrolle ist jedoch nicht möglich - weder in Bezug auf die Natur noch im Zusammenleben mit anderen Menschen. „Angst ist also mit einem wahr­genommenen Kontrollverlust und, zumindest im Kern, mit dem Körper, unserer Wahrnehmung seines Überlebens und seiner Gesundheit verbunden.“[65] Menschen sind stetig dem Tod ausgesetzt, jedoch blenden sie dies aus und gehen von Unverwundbarkeit aus.[66] Doch im Zu­sammenleben ist der Mensch durch seine Verletzbarkeit dem anderen ausgesetzt. Gerade Men­schen, die das Sicherheitsgefühl bedrohen und die Verletzbarkeit eines jeden einzelnen offen­baren, werden besonders gefürchtet.[67]

Aristoteles beschreibt in seinem Werk „Rhetorik“, wie Politik Angst für sich nutzen kann.[68] Zum einen muss das bevorstehende Ereignis als bedeutsam für das Überleben und das körper­liche Wohlergehen dargestellt werden.[69] Außerdem muss deutlich gemacht werden, dass es un­mittelbar bevorsteht.[70] Zudem müssen Menschen durch die Bedrohung das Gefühl der Verletz­barkeit und des Kontrollverlusts bekommen.[71] Ist die vermeintliche Bedrohung mit anderen Menschen verbunden, so müssen diese schlechte Absichten und genügend Macht für eine mög­liche Schädigung zugesprochen bekommen.[72] Der/die Redner*in sollte sich als besonders ver­trauenswürdig darstellen.[73] Dabei ist nicht der Wahrheitsgehalt von Relevanz, sondern die Fä­higkeit des/ der Redners*in phantasierte Bedrohungen zu schaffen und zu beeinflussen.[74] „Rhe­torik wirkt auf die Leidenschaft ein, wie Aristoteles sagt, und bewirkt angemessene wie auch unangemessene Reaktion.“[75]

Durch eine/n charismatische/n Redner* in können Menschen emotional beeinflusst werden. Dies kann dazu führen, dass sie durch ihre Ängste unangemessene Reaktionen auf ein Ereignis zeigen. In der Politik können durch die Beeinflussung von Emotionen mit Hilfe von Leiden­schaften negative Emotionen wie Angst angesprochen und instrumentalisiert werden. Dies kann zu fatalen Folgen führen - etwa zu Ausgrenzung oder Verfolgung von Minderheitengrup­pen. Um der ungerechtfertigten Angst im Zuge eines Irrtums vorzubeugen, muss die Gesell­schaft sich bewusst darüber sein, worin ihr Wohlergehen liegt.[76] Laut Aristoteles ist die Bewer­tung des eigenen Wohlergehens oftmals mit den falschen Dingen verbunden.[77] Die Bewertung von Geld, Ehre und Vergnügen überwiegt oft gegenüber tugendhaftem Verhalten, Freundschaft und politischem Engagement.[78]

[...]


[1] Vgl. Amann, M. (2017). Angst für Deutschland. Die Wahrheit über die AfD: wo sie herkommt, wer sie führt, wohin steuert. München: Droemer Verlag. S. 38

[2] Vgl. ebd

[3] Vgl. ebd.

[4] Vgl. Erk, D. (2017). Das Ende der Bundesrepublik. URL: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2017-09/afd- bundestagswahl-alexander-gauland-aydan-oezoguz-rassismus-fluechtlinge [14.03.2018].

[5] Vgl. ebd.

[6] Vgl. Der Bundeswahlleiter (2017). Bundestagswahl 2017: Endgültiges Ergebnis. URL: https://www.bun- deswahlleiter.de/info/presse/mitteilungen/bundestagswahl-2017/34_17_endgueltiges_ergebnis.html [12.03.2018].

[7] Vgl. ebd.

[8] Vgl. Doerfler, K. (2017). Angst nutzt der AfD. URL: http://www.fr.de/politik/studie-der-hans-boeckler-stiftung- angst-nutzt-der-afd-a-1454155 [14.03.2018].

[9] AfD (2017). Programm für Deutschland. Wahlprogramm der Alternative für Deutschland für die Wahl zum Deutschen Bundestag am 24. September 2017. URL: https://www.afd.de/grundsatzprogramm/ [07.03.2018]. S. 6

[10] Nussbaum, M. (2014) a. Die neue religiöse Intoleranz. Ein Ausweg aus der Politik der Angst. Darmstadt: WBG.

[11] Vgl. Nussbaum, M (2014) b. Politische Emotionen: warum Liebe für Gerechtigkeit wichtig ist. Berlin: Suhr- kamp. S. 11

[12] Vgl. ebd.

[13] Vgl. ebd.

[14] Ebd.

[15] Ebd. S. 12

[16] Vgl. ebd.

[17] Vgl. ebd.

[18] Vgl. ebd.

[19] Vgl. ebd.

[20] Vgl. ebd.

[21] Vgl. ebd.

[22] Vgl. Nussbaum 2014 a, S. 27

[23] Vgl. ebd.

[24] Ebd.

[25] Vgl. ebd.

[26] Vgl. ebd.

[27] Ebd. S. 29

[28] Vgl. ebd.

[29] Vgl. ebd.

[30] Ebd.

[31] Vgl. ebd.

[32] Vgl. Fabian, E. (2010). Anatomie der Angst. Stuttgart: Klett-Cotta., S. 21 ff.

[33] Ebd.

[34] Vgl. Nussbaum 2014 a, S. 31

[35] Vgl. Fabian 2010, S. 28

[36] Vgl. ebd. S. 21

[37] Vgl. Nussbaum 2014 a, S. 32

[38] Ebd.

[39] Ebd.

[40] Vgl. Nussbaum 2014 a, S. 33

[41] Nussbaum 2014 a, S. 33

[42] Vgl. Nussbaum 2014 a, S. 32

[43] Ebd.

[44] Vgl. ebd.

[45] Ebd. S. 33

[46] Ebd.

[47] Ebd.

[48] Nussbaum 2014 a, S. 34

[49] Vgl. ebd. S. 56

[50] Vgl. ebd.

[51] Ebd.

[52] Ebd. S. 34

[53] Vgl. ebd.

[54] Vgl. Fabian 2010, S. 17 f.

[55] Vgl. ebd.

[56] Vgl. ebd.

[57] Vgl. ebd.

[58] Nussbaum 2014 a, S. 34

[59] Vgl. ebd.

[60] Ebd.

[61] Vgl. ebd.

[62] Vgl. Aristoteles (1980) Rhetorik. Übersetzt, mit einer Bibliographie, Erläuterungen und einem Nachwort von Franz G. Sievke. München: Wilhelm Fink Verlag. S. 98

[63] Vgl. Nussbaum 2014 a, S. 35

[64] Ebd.

[65] Ebd.

[66] Vgl. ebd.

[67] Vgl. ebd.

[68] Vgl. Nussbaum 2014 a, S. 36

[69] Vgl. ebd.

[70] Vgl. ebd

[71] Vgl. ebd.

[72] Vgl. ebd.

[73] Vgl. ebd.

[74] Vgl. ebd.

[75] Ebd.

[76] Vgl. ebd.

[77] Vgl. ebd. S. 37

[78] Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Instrumentalisierung von Angst in der deutschen Bevölkerung durch die AfD
Untertitel
Eine Anwendung der Theorie Martha Nussbaums auf das AfD-Wahlprogramm der Bundestagswahl 2017
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,0
Jahr
2018
Seiten
34
Katalognummer
V428071
ISBN (eBook)
9783668721678
ISBN (Buch)
9783668721685
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
instrumentalisierung, angst, bevölkerung, eine, anwendung, theorie, martha, nussbaums, afd-wahlprogramm, bundestagswahl
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Instrumentalisierung von Angst in der deutschen Bevölkerung durch die AfD, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/428071

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