Das Private ist Politisch. Anna Seghers politische Konzeption in 'das wirkliche Blau"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
19 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Figurenkonzeption nach Manfred Pfister

III. Anna Seghers politische Ästhetik des Realismus
III.a.) Die kommunistische Literaturkritik als Basis des ästhetischen Selbstverständnis der jungen Anna Seghers
III.b.) Seghers ästhetisches Selbstverständnis in der Weimarer Republik
III.c.) Anna Seghers ästhetisches Verständnis in der DDR der 60er/70er Jahre

IV. Benito – die Entwicklung der sozialistischen Gesinnung

V. Fazit

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

In literaturwissenschaftlichen Interpretationen ist Anna Seghers’ schriftstellerische Tätigkeit innerhalb der DDR bisher oft vor allem als Bekenntnis zum Sozialismus gewertet worden, welches vor allem ihre jeweiligen Figuren vermittelten. Eine solche Interpretation vernachlässigt Erzählungen, die vermehrt romantische Elemente aufweisen.

Ohnehin sollte man sich vor dem eingeschränkten Blickwinkel einer Suche nach sozialistischer „political correctness“ hüten, weil er der ästhetischen Dimension im Werk der Autorin nicht gerecht würde, wie er sich von den literarischen Anfängen über die Mitgliedschaft im BPRS bis hin zu ihrem Tode entwickelt hat.

Das Spätwerk der Seghers ist meiner Ansicht nach mit den politisch-ästhetischen Direktiven ihrer Anfänge nicht vergleichbar, bei denen sie insbesondere sowjetische Kulturpolitik in ihre Werke einzubinden versuchte, aber auch nicht mit einzelnen Romanen wie „Die Ermittlung“ oder „Das Vertrauen“, die auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges in der DDR entstanden und in der westdeutschen Literaturkritik zumeist negativ besprochen worden sind..

In der vorliegenden Arbeit soll der Versuch unternommen werden, die Erzählung „Das wirkliche Blau“ in den Kontext politischer wie ästhetischer Vorstellungen einer „späten“ Anna Seghers zu stellen. Ich gehe dabei von der These aus, daß sich ihre Grundgedanken zum Ästhetischen - wie in ihrer expressionistischen Phase! - nicht in der Darstellung politischer Gesamtverhältnisse erschöpfen, sondern individuelles Erleben eben jener Verhältnisse beleuchten. -

Der Forschungsstand um die Erzählung „Das wirkliche Blau“ ist weit gefächert. Andreas Schrade bewertet die Erzählung als eine Beschreibung der Identitätsgewinnung[1], nach welcher der Protagonist Benito seinen Erfahrungshorizont nicht vergrößere, aber vertiefe. Der Interpret beobachtet, daß sich im Laufe der Geschichte Benitos Identität, die aus der ökonomischen und künstlerischen Bedeutung des Blaus besteht, festigte. Sonja Hilzinger liest andererseits die mexikanische Erzählung als einen Erwerb von Klassenbewußtsein - dargestellt mit romantischen Elementen, deren Formgebung eine Opposition zur DDR Literaturdirektive darstelle[2].

Wenn aber Hilzinger davon ausgeht, in den romantischen Elementen jener Erzählung eine Opposition zur DDR-Auftragsliteratur zu sehen, darüber hinaus Benito am Ende der Erzählung doch wieder ein erworbenes Klassenbewußtsein zuspricht, so geht mir die Argumentation nicht weit genug. Vielmehr interpretiere ich die Figur des Benito als eine, die keine Entwicklung auf ein historisch-materialistisches Bewußtsein hin entwickelt.

Mittels der Figurenanalyse nach Manfred Pfister werde ich untersuchen, ob Benito am Ende der Erzählung wirklich etwas gelernt hat. Von der Beantwortung der Frage hängt es meiner Meinung nach ab, ob Seghers die Figur des Benito genutzt hat, um gesamtgesellschaftliche Verhältnisse zu verdeutlichen, in denen sich der Protagonist am Ende zu einem sozialistischen Bewußtsein aufschwingt um im historisch materialistischen Sinne innerhalb der Arbeiterklasse eine neue Gesellschaftsordnung anzustreben.

II. Die Figurenkonzeption nach Manfred Pfister.

Manfred Pfister beendet in seiner Untersuchung der Figurenkonzeption im Drama die bis dahin bestehende wertende Unterscheidung von Handlung und Figur und stellt bei ihnen eine gegenseitige Abhängigkeit voneinander fest. Seiner Untersuchung nach definiert sich die Figur aus dem Kontext der Handlung des Stückes. Ihre Definition ist über die Handlung des Textes hinaus nicht möglich. Daraus ergibt sich für den/die RezipientIn, daß eine Charakterisierung nur über den dramatischen Text und seine Details möglich ist und nicht vom Handlungsverlauf losgelöst werden kann.

Im Gegensatz zum Drama, in dem sich die Figur selbst oder durch andere Figuren erklärt, wird in Erzählungen und Romanen das Bewußtsein und das Sein der Figur überwiegend vom Erzähler dargelegt. Deshalb kommt dem Erzähler bei der Charakterisierung der Figur eine große Rolle zu. Er ist das „vermittelnde Kommunikationssystem„.[3] Der/die ErzählerIn ist es auch, die das Bewußtsein der Figur darstellt.

Pfister setzt bestimmte Kriterien an um die Figuren zu charakterisieren.

Zuerst erklärt er, daß sich der Charakter einer Figur aus seiner Abhängigkeit bzw. Abgrenzung oder Ähnlichkeit zu anderen Figuren der Handlung definiert. Dabei müssen die typischen Eigenschaften einer Figur nicht über den Text hinweg konstant bleiben, sie können sich auch während des Handlungsverlaufes entwickeln. Je komplexer dabei eine Figur ist, desto stärker entwickeln sich ihre Eigenschaften entweder konsequent aus ihrer Erstbeschreibung hinaus, oder widersprüchlich zu einem neuen Bewußtsein hin. Als Methode der Merkmalserkennung stellt er eine Matrix von Merkmalsoppositionen auf in der die „einzelne Figur als Bündel von Differenzmerkmalen“ erkennbar wird. Dabei spielen zunächst erst einmal statische Merkmale wie Sprache, Gender, Historizität, Intelligenz eine Rolle. Für die Erschließung der dynamischen Merkmale bedient sich Pfister der Methoden der Soziometrie, die der Untersuchung sozialer Gruppenstrukturen dient. Diese ermittelt die positiven, neutralen und negativen Beziehungen der einzelnen Figuren auf die anderen im Drama oder in narrativen Texten. Die einzelnen Funktionen, die auf Figuren zugeschrieben werden (Held, Gegenspieler, Helfer) lassen sich auch dynamisch analysieren. Eine Funktion kann auch innerhalb des Dramas von verschiedenen, gar von konkurrierenden Figuren besetzt sein. So kann der Gegenspieler in der nächsten Etappe des Handlungsverlaufes beispielsweise der Held sein.

Zur Analyse der Figurenkonzeption bezieht sich Pfister auf B. Beckermann, der drei Dimensionen der Figurenkonzeption benennt: Die Tiefe, die Weite und die Länge einer Figur. Dabei bezeichnet die Weite die Spannbreite der Entwicklungen, die eine Figur im Laufe der Handlung zurücklegen kann, also ob sie von vornherein offen für Entwicklungen ist oder mit starren Konturen nur auf eine bestimmte Form der Entwicklung angelegt ist. Die Länge bezeichnet die zurückgelegte Entwicklung der Figur, ihre Veränderungen, Verstärkungen, Enthüllungen. Die Tiefe letztendlich kennzeichnet „die Beziehung zwischen dem äußeren Verhalten und dem inneren Leben“[4] einer Figur. Auch Anna Seghers konzipiert ihren Protagonisten auf der Basis bestimmter Eigenschaften, die eine Entwicklung hin zum Klassenbewußtsein von vornherein unmöglich machen. Seine Selbstdefinition als Töpfer, welche die Autorin mit Attributen wie Wortkargheit und starker Fixierung auf die eigen Familie und das eigene seelische Wohlbefinden durch die Nutzung des blauen Farbstoffes vertieft, erklärt, daß eine Entwicklung hin zum klassenbewußten Denken nach Marxscher Definition nicht möglich werden kann.

Jene Dreiteilung bietet Pfister allerdings nur erst den Rahmen um mit ihr eine differenzierte Analyse von Figurenmodellen zu entwickeln, die sich aus der Polarität statischer und dynamischer Figuren ergeben. Aus der Dreiteilung Beckermanns bedient er sich der Unterscheidung zwischen statischen und dynamischen Figuren. Statische Figuren bleiben in ihrer Entwicklung während des gesamten Stückes oder der Erzählung konstant, wenn sich auch das Bild des Rezipienten von der Figur im Laufe des Stückes verändern oder vertiefen kann. Dynamische Figuren hingegen verändern sich, ihr „Satz von Differenzmerkmalen (bleibt) nicht konstant“[5], sie können sich ihren Merkmalen nach kontinuierlich oder auch diskontinuierlich entwickeln. Mit dieser Merkmalsunterscheidung wird in erster Linie auf die veränderte Figurenkonzeption in neuerer Literatur im Gegensatz zu mediävistischer Literatur hingewiesen, in welcher die einzelnen Figuren stets Abbilder einer bestimmten (eschatologisch ausgerichteten) Lebensweise waren. Aber auch die Literatur der historischen Epoche Anna Seghers war nicht unfrei von solchen Figurenkonzeption. Die ästhetische Auseinandersetzung zwischen Seghers und Lukács war begleitet von einem Literaturbild, in dem die Protagonisten eine starre Konzeption ihrer Eigenschaften vorgelegt bekamen, aus welcher sie heraus nur eine Entwicklung im Sinne eines Bekenntnis zur Partei und deren sozialistischer Wirklichkeitsempfindung einnehmen konnten. Nicht umsonst betont Pfister, wie beachtenswert es für den/die RezipientIn ist, daß die Figurenkonzeption abhängig von der Historizität des Menschenbildes des/der AutorIn ist.

Eine weitere Differenzierung erkennt Pfister in der Dichotomie von ein- und mehrdimensionalen Figuren. Bei ersteren konstatiert er einen geringen „Satz von Merkmalen“[6], der darüber hinaus während des gesamten Handlungsverlaufes stets homogen ist. Mehrdimensionale Figuren basieren im Gegensatz auf einem komplexen Satz von biographischen, psychologischen, ideologischen, soziologischen Informationen, die wir über die Figur erhalten. Das Bild des Rezipienten/der Rezipientin von der Figur muß sich in jeder Situation verändern und erschließt ihm/ihr immer neue Facetten des Wesens der Figur. Diese Differenzierung ist der Analyse der Entwicklung Benitos insofern nützlich, als sich mittels einer Matrix der Merkmale des Protagonisten feststellen läßt, ob Benito überhaupt als eine lernende Figur konzipiert ist oder nicht. Die genaue Analyse von der ART der Merkmale wird erkennen lassen, insofern Benito eine mehrdimensionale Figur ist, welche gesellschaftspolitischen Erfahrungen den mexikanischen Töpfer ausmachen und zu welchen neuen Erfahrungen die Autorin ihn kommen läßt.

[...]


[1] Schrade, Andreas: Anna Seghers, Metzler Verlag Stuttgart/Weimar 1993.

[2] Hilzinger, Sonja: Die „Blaue Blume“ und das „wirkliche Blau“. Zur Romantik-Rezeption in den Erzählungen „Das wirkliche Blau“ und „Die Reisebegegnung“ von Anna Seghers. In: Literatur für Leser, Bd. 11; Frankfurt/Main 1988.

[3] Pfister, Manfred: „Das Drama. Theorie und Analyse„ 11. Auflage, Deutsche Bibliothek Wilhelm Fink Verlag München, 2001, S.223.

[4] Ebda. S. 241.

[5] Ebda. S.242.

[6] Ebda. S.243.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das Private ist Politisch. Anna Seghers politische Konzeption in 'das wirkliche Blau"
Hochschule
Universität Hamburg  (Germanistik II)
Veranstaltung
Hauptseminar "Kurzgeschichten Anna Seghers"
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
19
Katalognummer
V42847
ISBN (eBook)
9783638407830
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Hauptseminar an der Universität Hamburg, Methodische Grundlage: Figurenkonzeption nach M. Pfister.
Schlagworte
Private, Politisch, Anna, Seghers, Konzeption, Blau, Hauptseminar, Kurzgeschichten
Arbeit zitieren
Astrid Henning (Autor), 2002, Das Private ist Politisch. Anna Seghers politische Konzeption in 'das wirkliche Blau", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42847

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