Die Sage als Jugendbuch. Der Krabat - das Aufleben einer alten sorbischen Sage


Examensarbeit, 2003
115 Seiten, Note: sehr gut - 14

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort und Danksagung

1. Einleitung

2. Kinder- und Jugendliteratur
2.1 Definitionen von Kinder- und Jugendliteratur
2.2 Der Kinder- und Jugendbuchautor
2.3 Volksüberlieferung und Jugendliteratur
2.4 Phantastische Kinder- und Jugendliteratur
2.4.1 Phantastische Literatur
2.4.2 Abgrenzung verwandter Gattungen
2.4.3 Motive im phantastischen Kinder- und Jugendbuch

3. Die Literaturgattung der Sage
3.1 Sagengattungen
3.2 Sorbische Volkssagen
3.3 Die Krabat-Sage
3.3.1 Frühe Fassungen der Sage
3.3.2 Vergleich der frühen Fassungen
3.3.3 Die Entwicklung des Stoffes unter dem Einfluss der Volkskunde
3.3.4 Die literarischen Fassungen und das Fortleben der Sage
3.3.4.1 Martin Nowak-Neumann „Meister Krabat“ (1954)
3.3.4.2 Jurij Brežan „Die Schwarze Mühle“ (1968)
3.3.4.3 Otfried Preußler „Krabat“ (1971)

4. Die Krabat-Sage als phantastisches Jugendbuch
4.1 Inhaltsangabe
4.2 Personen im „Krabat“
4.2.1 Krabat
4.2.2 Kantorka
4.2.3 Die Müllerburschen
4.2.4 Tonda
4.2.5 Juro
4.2.6 Pumphutt oder die Sagengestalt in der Sage
4.2.7 Der Meister
4.2.8 Der Teufel
4.3 Magische Welten
4.3.1 Der Ring aus Haar
4.3.2 Die Wurzel
4.3.3 Die Salbe
4.3.4 Das Messer
4.3.5 Die Mühle als unheimlicher Ort
4.3.6 Die Schwarze Kammer
4.3.7 Freitagsgeschehen
4.3.8 Der magische Kreis
4.3.9 Das Ritual der „Geheimen Bruderschaft“
4.3.10 Ochsenhandel
4.3.11 Pferdehandel
4.3.12 Die Kutschfahrt
4.3.13 Die Werberepisode
4.3.14 Die Erlösung
4.3.15 Parapsychologische Fähigkeiten
4.3.15.1 Handauflegen
4.3.15.2 Aus-sich-Hinausgehen
4.3.15.3 In-Gedanken-sprechen
4.3.16 Die Träume und ihre Bedeutung
4.4 Der geographische und geschichtliche Hintergrund
4.5 Brauchtum und Volkstum

5 Schluss und Ausblick
5.1 Die reale und die phantastische Ebene im „Krabat“
5.2 Projekte rund um die Sagengestalt „Krabat“

Literaturverzeichnis

Erklärung

Vorwort und Danksagung

In der vorliegenden Examensarbeit „Die Sage als Jugendbuch. Der Krabat – das Aufleben einer alten sorbischen Sage“ geht es darum aufzuzeigen, wie aus einem alten sorbischen Sagenstoff eines der wohl bekanntesten und erfolgreichsten Jugendbücher des 20. Jahrhunderts, nämlich Otfried Preußlers „Krabat“, entstand und wie Preußler den Stoff überarbeitete, was er übernahm, um- und zudichtete.

In meiner Jugend habe ich Preußlers „Krabat“ regelrecht verschlungen und sogar mehrmals gelesen. Dass er mir als Erwachsener nochmals in die Hände fallen und sogar Hauptbestandteil meiner Examensarbeit werden sollte, ahnte ich damals allerdings noch nicht. Umso mehr war mir jetzt daran gelegen, die Thematik wissenschaftlich zu durchdringen und inhaltlich-strukturell aufzu-arbeiten. Dabei wurde, außer bei wörtlichen Zitaten, in der Regel die neue deutsche Rechtschreibung verwendet. Jurij Brežans Werk „Die Schwarze Mühle“ habe ich zwar gelesen, aber in meiner Arbeit nur die Materialien im Anhang des Buches verwendet. Da es sich bei Brežans Buch um Primärliteratur handelt, wurde es von mir auch unter solcher aufgeführt.

Ich danke recht herzlich Herrn Priv. Doz. Dr. Rainer Marx für die Betreuung meiner Examensarbeit. Desweiteren danke ich auch Frau Dr. Marion Franz sowie meinen Eltern und meinem Bruder, die sich die Zeit nahmen, meine Arbeit Korrektur zu lesen.

1. Einleitung

Die Figur des Krabat hat ihren Ursprung im 17. Jahrhundert in der Lausitz. Im Laufe der Zeit rankten sich immer mehr Motive um diese Sagengestalt. Für die in der Lausitz lebende Volksgemeinschaft der Sorben avancierte Krabat sogar zum Volkshelden. Unter den Autoren, die den Krabat-Stoff zum Gegenstand einer eigenständigen Erzählung machten, ragt Otfried Preußler heraus, der heuer seinen 80. Geburtstag feiern konnte und als einer der bekanntesten Kinder- und Jugendbuchautoren deutscher Sprache gilt. Seiner Erzählung „Krabat“ gebührt in der vorliegenden Examensarbeit besondere Aufmerksamkeit.

In meiner Arbeit gehe ich zunächst auf die literarische Gattung der Kinder- und Jugendliteratur ein. Hierbei liegt das Augenmerk besonders auf der Untergattung der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur. Dies geschieht deshalb, weil es sich bei Preußlers Sagenbearbeitung des Krabatstoffes um ein Jugendbuch, speziell um ein phantastisches Jugendbuch handelt. Danach steht die literarische Gattung der Sage im Blickpunkt meiner Untersuchungen. Dabei ist unter anderem von Volkssagen die Rede, zu denen auch diejenige über den sorbischen Zaubermeister Krabat gehört. Hiernach komme ich im besonderen auf sorbische Volkssagen und im Anschluss daran auf die Krabat-Sage zu sprechen. Hierbei war mir das Buch „Die Krabat-Sage. Quellenkundliche Untersuchung zu Überlieferung und Wirkung eines literarischen Stoffes aus der Lausitz“ (Marburg 1982) von Marie-Luise Erhardt eine sehr große Hilfe. Anhand der von ihr erarbeiteten Quellenlage lassen sich sehr gut der ursprüngliche Charakter sowie der ursprüngliche Inhalt der Sage um Krabat bestimmen und auch die Wandlung, die der Stoff im Laufe der Zeit bei verschiedenen Autoren erfahren hat. Der Bereich, wie der Stoff in der Literatur des 20. Jahrhunderts behandelt wurde, fällt bei ihr jedoch etwas dürftig aus. Dies erfordert tiefgreifendere Untersuchungen jener Problematik. So betrachtet sie zunächst Martin Nowak-Neumann‘s mit Bildern illustrierte Nacherzählung der sorbischen Sage, welche den Titel „Meister Krabat“ trägt. Darauf folgt eine Untersuchung des Werkes des sorbischen Schriftstellers Jurij Brežan „Die Schwarze Mühle“. Dieser verleiht dem alten Sagenstoff bereits Jugendbuchcharakter. Hiernach steht bei ihr die Erzählung des renommierten Kinder- und Jugendbuchautors Otfried Preußlers „Krabat“ im Mittelpunkt der Betrachtung, welche den Kernpunkt meines Hauptteils bildet.

Diese Bearbeitung des Sagenstoffes bietet eine Vielzahl von Untersuchungsansätzen, wie beispielsweise die magische Welt im Jugendbuch und ihre Erscheinungsformen in Preußlers „Krabat“, oder Brauch und Volkstum der Sorben, oder auch das Auftauchen von „Pumphut“, dem wandernden Müllerburschen, als Sagengestalt in der Geschichte um Krabat. Wenn ich Otfried Preußlers Sagenbearbeitung „Krabat“ näher beleuchte, stelle ich zunächst den Autor vor und stelle dar, wie er dazu kam, sich mit der Krabat-Sage zu beschäftigen und schließlich den Entschluss fasste, den Stoff selbst zu bearbeiten. Hierauf folgt ein Abschnitt über den Inhalt des Geschehens im „Krabat“. Im Anschluss werden die Protagonisten in Preußlers Werk näher in Augenschein genommen, an deren Gestaltung sich Übernahmen und eigenwillige Kompositionen Preußlers erkennen lassen. In einem weiteren Kapitel über „Magische Welten“ soll von der magischen Welt die Rede sein, die mit Krabats Ankunft auf der Zaubermühle über den Jungen hereinbricht. Dabei fällt das Augenmerk auf magische Gegenstände, Zauberpraktiken sowie Sagenmotive. Als ein Gestaltungselement Preußlers verdienen hier die Träume besondere Beachtung. Im darauf folgenden Kapitel soll auch vom geographischen und geschichtlichen Rahmen die Rede sein, in die Preußler seine Geschichte einbettete. Einen weiteren Untersuchungspunkt bilden Mühlenbrauchtum sowie Brauch- und Volkstum der Sorben, denn mit beiden Bereichen beschäftigte sich Preußler intensiv, als er am „Krabat“ arbeitete. Im Schlussteil erfolgt zunächst eine Reflexion über den allgemeinen Wert des „Krabat“ als Jugendbuch. Hiernach werden die reale und die phantastische Ebene im „Krabat“ nochmals näher in Augenschein genommen, woran deutlich wird, dass Preußlers „Krabat“ geradezu ein Paradebeispiel für die Gattung des phantastischen Jugendbuches ist. Als Ausblick wird am Ende der Arbeit ein Überblick über Projekte rund um die Sagengestalt Krabat vermittelt.

2. Kinder- und Jugendliteratur

Gerhard Haas schreibt in der Einleitung seiner 1974 herausgegebenen „Kinder- und Jugendliteratur“ davon, dass diese strenggenommen eigentlich erst seit Beginn des 18. Jahrhunderts existiere. Im Zeitalter der Aufklärung und der Romantik hätte zwar eine germanistische Sprach- und Literaturwissenschaft ihren Anfang genommen, sich aber ausschließlich mit Erwachsenenliteratur beschäftigt.[1]

Im Versuch eine Antwort darauf zu finden, warum die Entstehung einer typischen Kinder- und Jugendliteratur erst so spät einsetzte, prangert Haas im Verlauf der Menschheitsgeschichte das Fehlen von kinderspezifischen Lebensformen vor 1700 an und sieht somit den Zusammenhang des Fehlens einer kindgerechten Literatur vor dieser Zeit.[2] Er stellt weiter die Vermutung an, dass die geistige Wertehierarchie Schuld daran trage, dass kein Schriftsteller, der im 18. und 19. Jahrhundert etwas auf sich hielt, Kinderliteratur verfasste. So war Daniel Defoes „Robinson Crusoe“ eigentlich für ein Erwachsenenpublikum gedacht, und erst Bearbeitungen machten ihn zum Jugendbuch. Auch ist Theodor Storms „Pole Poppenspäler“ mehr eine Geschichte von Kindern, als eine für Kinder.[3]

Im Laufe der letzten Jahre hat nun die Kinder- und Jugendliteratur in der Kultur- und Literaturwissenschaft eine zunehmendere Bedeutung erfahren. So ist sie voll und ganz in den Kreis der wissenschaftlichen Forschung und akademischen Lehre aufgenommen worden und zwar auf allen Ebenen des Hochschulwesens.[4]

Auch ein so bekannter Kinderbuchautor wie Otfried Preußler, von dem noch ausführlicher die Rede sein wird, weiß, dass die literarische Qualität von Kinder- und Jugendbüchern lange Zeit ignoriert worden ist. Kinder- und Jugendliteratur wurde als Spielwiese für Möchtegernschriftsteller betrachtet, als „literarischer Idiotenhügel“ für schreibende Laien. Die Entwicklung, dass auch mittlerweile hierzulande Kinder- und Jugendbücher nach literarischen Maßstäben beurteilt werden, hat Preußler mit großer Freude begrüßt.Er ist auch der Meinung, dass jedes literarisch ernstzunehmende Kinder- und Jugendbuch nicht nur den Kindern und Jugendlichen etwas zu bieten haben muss, sondern auch ältere Leser sollten es mit Gewinn und Vergnügen lesen können.[5]

2.1 Definitionen von Kinder- und Jugendliteratur

Hans-Heino Ewers grenzt den Begriff der allgemeinen „Kinder- und Jugendlektüre“ ein, indem er andeutet, dass darunter die Gesamtheit der von Kindern und Jugendlichen tatsächlich gelesenen Literatur verstanden wird. Um diese zu ermitteln hat es immer wieder Versuche gegeben, mit Hilfe empirischer Erhebungen herauszubekommen, um welche Titel es sich nun eigentlich handelt. Gleichzeitig hat sich in der Forschung eingebürgert, zur Kinder- und Jugendlektüre nicht die Schulunterrichts- und unterrichtsbegleitende Lektüre zu zählen. Somit lässt sich der Terminus „Kinder- und Jugendlektüre“ wie folgt definieren: „Unter Kinder- und Jugendlektüre ist die von Kindern und Jugendlichen freiwillig außerhalb des Unterrichts und auch nicht in Begleitung zu diesem tatsächlich konsumierte Literatur zu verstehen.“[6] Demnach wäre also auch Erwachsenenliteratur, welche Kinder ebenfalls konsumieren, als Kinderliteratur zu bezeichnen, was aber wohl nicht ganz richtig ist.

Ein weiterer Textkorpus stellt die Literatur dar, die Kinder und Jugendliche nach Vorstellung der Erwachsenen lesen sollen. Danach wäre Kinder- und Jugendliteratur das, was Kindern und Jugendlichen von den Erwachsenen, wie zum Beispiel Eltern, Lehrern, Erziehern und Autoren als Lektüre zugedacht wird. Das bedeutet, von diesen Erwachsenen wird einem Text die Eigenschaft zugesprochen, als eine geeignete Kinder- und Jugendlektüre zu gelten. Für die Gesamtheit der mit dieser Eigenschaft versehenen Texte hat sich in der Forschung der Terminus „intentionale Kinder- und Jugendliteratur“ herausgebildet. So lässt sich wieder folgende Definition formulieren: „Unter intentionaler Kinder- und Jugendliteratur ist die Gesamtheit der Texte zu verstehen, die von welchen Erwachsenen auch immer als geeignete potentielle Kinder- und Jugendlektüre angesehen werden. Es handelt sich teils um zur Lektüre bloß empfohlene, teils um für Kinder und Jugendliche eigens publizierte Literatur.“[7]

Des weiteren existiert auch eine von vornherein für Kinder und Jugendliche geschaffene Literatur, die sich als „spezifische Kinder- und Jugendliteratur“ versteht. Sie wird von Ewers ebenfalls definiert: „Unter spezifischer Kinder- und Jugendliteratur ist die für Kinder und Jugendliche eigens hervorgebrachte Literatur zu verstehen; sie umfaßt all die Texte, die seitens ihrer Urheber von vornherein als potentielle Kinder- und Jugendlektüre gedacht waren.“[8]

Zur Gestaltung spezifischer Kinder- und Jugendmedien ist hinzuweisen, dass hier Material, Drucktechnik, Aufmachung, Format, Innengestaltung, Schriftsatz und Illustrierungen ein besonderes Gepräge aufweisen. Zu den auffälligsten Kennzeichen der Kinder- und Jugendbücher gehören die teils dichte Illustrierung und seit dem 19. Jahrhundert die anziehende Gestaltung von Außentitel und Buchumschlag.[9]

Die Probleme bei der altersspezifisch orientierten Definition von Kinderliteratur und Jugendliteratur werden in der fachwissenschaftlichen Diskussion unterschiedlich gewichtet. So wird die Definition von Kinderliteratur teilweise als einfacher angesehen als diejenige von Jugendliteratur. Eindeutig scheint nur der Begriff Kinderbuch zu sein, diffus hingegen jedoch der Begriff des Jugendbuches. Eckhardt kommt zum Ergebnis, dass eine Abgrenzung der Jugendliteratur einerseits und der Erwachsenenliteratur andererseits nicht exakt vorgenommen werden kann. Für sie trägt die heute allgemein verbreitete Kopplung von Kinderliteratur und Jugendliteratur im Begriff Kinder- und Jugendliteratur der nicht eindeutig definierbaren Grenze zwischen beiden Rechnung und ermöglicht zugleich die Beibehaltung einer altersspezifischen Differenzierung.[10]

Da schon der Begriff „Jugend“ sich einer eindeutigen Bestimmung entzieht, ist es nicht verwunderlich, dass es bei der Abgrenzung von Kinder- und Jugendbuch zu Problemen kommt. Sozialwissenschaftler setzen den Beginn der Jugendphase etwa mit dem 12. Lebensjahr, also mit dem Einsetzen der Pubertät, an. Wann diese Phase aber endet ist offensichtlich umstrittener. So kommen teilweise sogar Angaben wie bis zum 20. Lebensjahr und länger zustande.[11]

Meißner merkt dazu an, dass dies durchaus verständlich sei, wenn „man beobachtet, daß Bücher, die von Zwölfjährigen gelesen werden, auch manchen Zwanzigjährigen offensichtlich noch zu faszinieren vermögen.“[12]

2.2 Der Kinder- und Jugendbuchautor

Die primären Absichten des Autortypus des kinder- und jugendliterarischen Erzählers sind nicht die Belehrung und Zurechtweisung von Kindern und Jugendlichen, sondern deren Unterhaltung, sprich das Bereiten von Vergnügen. Ewers nennt dabei zwei bekannte Persönlichkeiten, die diesen Typus verkörpern. Da wäre zum einen die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren, welche die Figur der Pippi Langstrumpf nicht selbst erfunden hat, sondern der Einbildung ihrer damals siebenjährigen Tochter verdankt, der sie abends am Bettrand von dieser Pippi erzählte. Otfried Preußler erzählte seinen Kindern einst von einem kleinen Wassermann. Davon konnten diese gar nicht genug bekommen, so dass der Vater immer neue Geschichten rund um den kleinen Wassermann erfinden musste, bis er sie schließlich eines Tages auch aufzuschreiben begann. Nicht immer hat der kinder- und jugendliterarische Erzähler auch die Gabe des Erfindens. Dann versucht er den Kindern und Jugendlichen altbekannte Märchen, Sagen und Schwänke auf neue Weise nahezubringen.[13]

2.3 Volksüberlieferung und Jugendliteratur

Volkstümliche Gattungen wie die Sage zählen in der Gegenwart zum Standardrepertoire der Lesebücher und der Kinder- und Jugendliteratur. Werden jedoch die einzelnen Lesestücke einer textkritischen Analyse unterzogen, so lässt sich feststellen, dass die unter der Bezeichnung „Volksgut“ angebotenen Texte kaum etwas mit im exakten Sinne volkstümlicher Überlieferung gemeinsam haben. Die volkstümlichen Texte, die einer ursprünglichen oralen Tradition entstammen, sind natürlich einem fortschreitenden Prozess der Literarisierung ausgesetzt. Petzoldt prangert dabei an, dass jene Texte zu einer bestimmten stilisierten Form erstarrt seien. Volkssagen würden zum Sprachkunstwerk stilisiert und als Nacherzählungen angeboten. Von der Gattung bliebe lediglich die Thematik erhalten, wohingegen Form und Struktur und teilweise sogar die Motivfolge je nach Autor einer beliebigen Erzählhaltung zum Opfer fallen würden.[14]

Was Petzoldt hier als Kritik äußert, lässt sich im Folgenden an Preußlers Bearbeitung der sorbischen Krabat-Sage sehr gut nachvollziehen. Allerdings wird man dabei auch feststellen können, dass die Umformung Otfried Preußlers nur zum Ansehen der Sage beigetragen hat.

2.4 Phantastische Kinder- und Jugendliteratur

Mit Ausklingen der 70- er Jahre des 20. Jahrhunderts fand die Blütezeit des realistischen Kinder- und Jugendbuches ein Ende und die 80- er Jahre sehen sich geprägt durch eine wahre Hochkonjunktur des Phantastischen und der Fantasy.[15] Gerhard Haas sieht hierfür vor allem R. R. Tolkien und Michael Ende als zwei Autoren an, die für diesen Vorgang von Bedeutung waren. Ein weiter Grund für die Hochkonjunktur bestünde darin, dass die Didaktisierung der Kinder- und Jugendliteratur in den 70- er Jahren einen Überdruss erzeugt habe und viele Leser im Bereich der Phantastik einen Nachholbedarf entdeckten.[16]

2.4.1 Phantastische Literatur

1828 verwandte der Literaturhistoriker Ampère in einer Besprechung von E. T. A. Hoffmanns „Fantasiestücke in Callots Manier“ für den düsteren Charakter der Erzählungen das Wort „fantastique“. Seither nennt man Werke nach Stil und Inhalt der Erzählungen Hoffmanns in Frankreich „contes fantastiques“. Der Begriff der phantastischen Literatur, der hier seinen Anfang nahm, orientierte sich also an Werken, die den Aspekt des Unheimlichen betonen und bei denen es um die Darstellung der menschlichen Psyche in der Auseinandersetzungen mit dunklen Mächten geht.[17]

Die Phantastik gilt im allgemeinen als die Literatur der zwei Handlungskreise. Nichtphantastische Literatur ist geprägt vom Merkmal der Eindimensionalität eines Handlungskreises, dessen Gesetze mit der empirisch erfahrbaren Welt übereinstimmen. Die phantastische Literatur benötigt hingegen einen zweiten Handlungskreis, dessen Phänomene im Widerspruch zur empirisch-rational geprägten Welterfahrung stehen. Solange aber die beiden Handlungskreise voneinander getrennt sind, ist nicht von phantastischer Literatur zu sprechen; erst wenn die beiden Handlungskreise ineinandergreifen liegt phantastische Literatur vor.[18]

Haas und Klingberg geben die wohl einfachste Definition phantastischer Texte wieder, wenn sie angeben: „[In solchen Texten] steht einer realistisch gekennzeichneten, empirisch-alltäglich bestimmbaren Welt eine Welt des Irrational-Unerklärbaren gegenüber, in der das Außergewöhnliche geschieht."[19]

Klingberg macht die Zuordnung eines Textes zur Phantastischen Literatur davon abhängig, ob die Handlung in einem Wirklichkeitsbereich oder in zwei aufeinanderstoßenden Welten spielt. Für ihn ist phantastisch eigentlich nur jener Text, in dem „eine realistische und eine fremde Wirklichkeit aufeinanderstoßen, nebeneinanderstehen oder ineinander übergehen.“[20]

Der Übergang des Helden in eine andere Welt vollzieht sich im phantastischen Kinder- und Jugendbuch nicht aus dem freien Entschluss des Protagonisten heraus. Wenn auch keine direkte Gewalt angewendet wird, ist dieser jedoch machtlos gegen den Ruf, der ihn magisch anzieht.[21]

Im Kinderbuch wirken die imaginären Wesen auf die realistische Welt ein; der Held im Jugendbuch verlässt hingegen die realistische Ebene und tritt in eine andere Welt ein.[22]

2.4.2 Abgrenzung verwandter Gattungen

Phantastische Geschichten lassen sich strikt von Märchen unterscheiden: „Im Märchen wundert sich niemand über das Wunder, weil alle Personen die Welt magisch erleben. In der phantastischen Abenteuergeschichte widerfährt das Wunder gewöhnlich nur einem, höchstens einigen Menschen, die über ihre seltsamen Erlebnisse zunächst sehr erstaunt sind. [...] Im Märchen kennen wir den Gegensatz der aus verschiedenen Welten kommenden Wesen nicht. In ihm gehören sie alle dem Wunderland an, denn im Märchen ist das Unwirkliche selbstverständlich. Hier aber wird es zum Besonderen, zum Außergewöhnlichen und fällt als phantastisch im Vergleich zu dem gewöhnlichen Geschehen auf.“[23] Im Märchen bedarf es keiner Legitimierung von unerklärlichen Phänomenen, sie werden vielmehr einfach akzeptiert. Diese Phänomene erzeugen im eindimensionalen Raum des Märchens kaum Zweifel und Überraschung. Diese Eindimensionalität ist es auch, die im Märchen eine Konfrontation zweier verschiedener Ebenen vermeidet.[24] Im Märchen findet sich zwar sowohl Realistisches wie Übernatürliches. Beides geht jedoch bruchlos ineinander über.[25]

Oft findet eine Gleichsetzung von Phantastik und Science Fiction statt. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass die Science-Fiction-Autoren darum bemüht sind, eine wissenschaftlich glaubwürdige Atmosphäre zu entfalten. Das heißt also, dass der Science-Fiction-Autor auch irrsinnigsten phantastischen Erfindungen in seinem Werk den Schein der Normalität verleihen will.[26]

Meißner unterscheidet auch noch imaginäre Literatur von literarischer Phantastik. Bei der Literatur des Imaginären ist entscheidend, dass die geschaffene imaginäre Ebene eine mit der Realität nicht zu vereinbarende Welt entstehen lässt.[27] Solche Erzählungen verbleiben also in einer eindimensionalen, wunderbaren Welt.

Klingberg grenzt von der phantastischen Erzählung klar die mythische und die surreal-komische Erzählung ab, denn das Geschehen der surreal-komischen Kinder- und Jugenderzählung spiele sich grundsätzlich in einer, meist der realen Welt ab. Jedoch handelt es sich um eine verdrehte und verkehrte Welt. Eine mystische Erzählung ist für Klingberg jene, die in einer mythischen Welt und ausschließlich in dieser spielt. Solche Erzählungen seien im Gegensatz zur surreal-komischen logisch aufgebaut.[28]

Meißner sieht selbstverständlich nicht davon ab, dass in der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur auch märchenhafte Elemente enthalten sind. Ebenso hätten sich auch andere Erzählformen mit dem Phantastischen vermischt. So haben auch Elemente der Sage in dieser Gattung Eingang gefunden. Hier führt Meißner „Krabat“ und „Die Brüder Löwenherz“ von Astrid Lindgren an und nennt sie „moderne Sagen.“[29]

Dass Volkssagen geradezu prädestinierte Vorlagen für phantastische Literatur sein können, legt auch Schaufelberger dar. So handelt es sich bei Volkssagen häufig um sogenannte „Zweiweltengeschichten“, das heißt eine andersgeartete Welt bricht unvermutet in die reale Welt ein und erzeugt dadurch nicht notwendigerweise Angst, aber mit Sicherheit Spannung.[30]

2.4.3 Motive im phantastischen Kinder- und Jugendbuch

Der Kampf zwischen Gut und Böse kann als Kernproblem des phantastischen Jugendbuches gelten. Andere Gattungen der Jugendliteratur, in denen sich Gut und Böse gegenüberstehen, sind kaum in der Lage, bereits die Landschaft mit in die Konfrontation einzubeziehen. Die Orte des Bösen werden durch Begriffe aus ähnlichen Bedeutungsfeldern charakterisiert. Auch Farbbezeichnungen bieten sich als Charakteristikmerkmale an. Neben der Farbe Schwarz, die häufig eine Rolle spielt, taucht ebenfalls die Farbe Rot auf, wobei die Vorstellung von Blut intendiert ist.[31]

„Die Macht des Bösen ist ständig gegenwärtig; stets gilt es, wachsam zu sein.“[32] Oft kommt es vor, dass Menschen sich dazu verführen lassen, Wissen und Macht mehr zu lieben, als Ehre und Rechtschaffenheit.[33] Hier wird der Zauberer als untaugliches Mittel entlarvt und der imaginären Ebene die Legitimation entzogen. Das Ziel der Phantastik ist somit der Nachweis ihrer eigenen Vergeblichkeit und die Rückführung des Helden in eine reale Ausgangslage.[34]

Haas und Klingberg nennen noch einige weitere Motive, die in der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur Eingang gefunden haben, wie etwa das Teufelspakt-Motiv oder das Motiv der „Seele in Not“, welche verlangt, dass eine gewisse Handlung vollbracht wird, damit sie zur Ruhe kommen kann. Sie erwähnen auch das Motiv der Statue, Puppe bzw. des Automaten, die plötzlich lebendig werden und eine gefährliche Selbständigkeit erlangen. Beliebt ist auch das Vampier-Motiv, bei welchem Tote ewige Jugend erlangen, indem sie das Blut von Lebenden aussaugen.[35]

Eine feste Grenze zwischen Themen der Phantastik für Erwachsene und junge Leser lässt sich zwar nicht eindeutig ausmachen, doch ist es offensichtlich, dass gewisse Themen in der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur akzentuiert werden. Ein solcher Themenkomplex stellen etwa die phantastischen Reisen dar. Dabei gilt es zwei Arten zu unterscheiden: zum einen die Erzählungen, welche die Reise selbst, sprich Art und Ziel der Reise betonen und solche, die das reisende Ich in den Mittelpunkt stellen. Beliebt sind hierbei phantastische Reisen in andere Zeiten und an andere Orte, oder auch phantastische Reisen zu sich selbst, das heißt der Held durchwandert eine Welt von Abenteuern, Erfahrungen, Widerständen und Verlockungen und sieht sich der Gefahr gegenüber, sich in der Reise zu verlieren, aus der er schließlich doch als ein Verwandelter zurückkehrt.[36]

Ein weitere Themenkomplex korrespondiert mit dem der phantastischen Reisen. Haas und Klingberg nennen ihn „Gäste aus dem Unbekannten“. Es handelt sich dabei quasi um eine Umkehrung der phantastischen Reise, das heißt um die Ankunft von Wesen aus dem phantastischen Bereich in die Alltagswelt.[37] Alle diese Motive kann natürlich auch Otfried Preußlers „Krabat“ nicht in sich vereinigen, jedoch taucht bei ihm das ein oder andere genannte Motiv wieder auf, wie sich im Folgenden noch zeigen wird.

3. Die Literaturgattung der Sage

Bis ins 18. Jahrhundert wird das bereits im Althochdeutschen belegte Wort „saga“ als Kunde von Ereignissen der Vergangenheit verstanden, welche jedoch einer historischen Beglaubigung entbehren. Durch die „Deutschen Sagen“ der Brüder Grimm wurde dann der mittelhochdeutsche Begriff „sage“ in seiner heutigen Bedeutung als mündliche Erzählung, deren Realitätsanspruch über dem des Märchens liegt festgemacht.[38]

Sagen gehören wie Märchen, Legenden und Fabeln zum ältesten literarischen Kulturgut, das uns überliefert ist. Schon im Alten Testament finden sich Sagen-, Märchen-, Schwank-, Legenden- und Fabelstoffe.[39] Obwohl jene Gattungen sehr lange eindeutig Texte für Erwachsene gewesen waren, setzte dennoch früh ein Prozess ein, der dieses Erzählgut für Kinder verständlicher machen sollte. Mit dem Beginn der Germanistik im 19. Jahrhundert, im Zusammenhang mit der Untersuchung von althochdeutscher und mittelhochdeutscher Epik, fand vor allem mit den beiden Gattungen Sage und Märchen eine intensive Beschäftigung ihren Anfang.[40]

Dabei hat die Sage allerdings nicht nur in literarischer, sondern auch in pädagogischer Hinsicht immer im Schatten des Märchens gestanden. Das mag wohl daran liegen, dass sie im Gegensatz zum Märchen eine kunstlosere, gelegentlich simple Form besitzt. Hauptgrund scheint jedoch ihre ohne Stilisierung auftretende Direktheit und die Übertreibung des Geschehens zu sein, die dem jungen Leser bereits eine gewisse seelische Festigkeit und Widerstandskraft abverlangen.[41] Heftige Kritik an dieser Tatsache der Ablehnung der Sage als Kinderlektüre im allgemeinen üben Werner Psaar und Manfred Klein, denn ihrer Meinung nach dürfte der Hinweis ihrer erschreckenden Wirkung auf Kinder aufgrund der massenhaften Unterschiedlichkeit der Sagenstoffe kaum haltbar sein.[42]

Will man eine Kurzdefinition darüber geben, was eine Sage eigentlich ist, so lässt sich ohne weiteres auf Friedrich Ranke zurückgreifen, der die Sage einst als „eine Erzählung von einem sonderbaren Erlebnis, das geglaubt und für wahr gehalten wird“[43] charakterisierte. Schon die Brüder Grimm hatten sich über den Unterschied zwischen Sage und Märchen geäußert und machten deutlich, dass das Märchen im Gegensatz zur Sage poetischer sei und letzteres historischer. Die Sage hafte im Kontrast zum Märchen an etwas Bekanntem und Bewusstem, also an einem Ort oder durch die Geschichte gesicherten Namen. Die Sage lässt sich sogar gegenüber der Geschichte abgrenzen. So sei es Tatsache, dass, wenn ein Sachverhalt bzw. Geschehen von allen Hörern oder Lesern als mögliche Realität verstanden wird, eine Geschichte vorläge. Seien aber in das Geschehen nicht mehr verstandesmäßig nachvollziehbare Erzählelemente eingebracht, dann werde von einer Sage gesprochen. Wenn Erzählelemente vorkommen, welche nicht nur nicht nachvollziehbar sind, sondern der Wirklichkeit total widersprechen, dann sei das Gehörte oder der gelesene Text ein Märchen.[44]

Bis zu den Brüdern Grimm waren jedoch Märchen, Sagen und Schwänke im Bewusstsein von Erzählern und Hörern bzw. Lesern weitestgehend ununterschieden nebeneinander erzählt bzw. aufgenommen worden.[45] Ein Grund für diesen Wandel mag wohl der sein, dass Kindern als Leser mit geringer Leseerfahrung die volkstümlichen Erzählformen in besonderer Weise entsprechen, da sie der spezifischen Lesesituation und Leseerwartung des Kindes entgegenkommen. Die ursprünglich für Erwachsene vorgesehenen Gattungen Märchen, Sagen, Legenden und Schwänke stellen heute Texte für Erwachsene und Kinder dar, zu denen sich die Erwachsenen jedoch nur noch zögernd bekennen. Kritikern, die Märchen und Sage als Kinder- und Jugendliteratur ablehnen, hält Haas vor, dass jene Gattungen erzählerisch vermittelte Modelle sind, an denen sich das historische Bewusstsein von Kindern und Jugendlichen ausbilden kann. Ziel der Beschäftigung mit beiden Gattungen muss es demnach sein, den in der Rezeptionsgeschichte verschütteten Protest der Märchen freizulegen bzw. die ideologische Wirkung der Sage erkennen zu lassen.[46]

Um die Gattung der Sage noch genauer zu definieren, seien hier jedoch noch zwei zusätzliche Definitionsansätze angeführt. Eine sehr umfassende und differenzierte Definition gibt zum einen Lauri Simonsuuri: „Die Sage ist ein gedächtnismäßiger überlieferter Bericht von einer Person, einem Ort, einer Erscheinung oder einem Ereignis. Sie enthält klares, genaues, komprimiertes Wissen, das für wahr gehalten wurde. Sie erklärt, belehrt und beweist. Sie ist mit einem bestimmten Ort, Person, einem gewissen Zeitpunkt, einem bekannten Ereignis verknüpft, gewöhnlich mit einem besonderen, die Aufmerksamkeit und das Interesse erweckenden Punkt in einem Gelände, Menschen oder Ereignissen verbunden. Trotz einheimischer Züge ist sie oft allgemeines, ja internationales Kulturgut.“[47] Eine Definition der Sage , die sich von der psychologischen Seite her nähert und ihren individuellen Erlebnischarakter herausstellt liefert Heinrich Burkhardt: „Sagen sind volkläufige Erzählungen ungewöhnlichen Inhaltes, die oft vom Einbruch einer supranormalen Welt in die Welt der realen Alltäglichkeit als tatsächlichem Geschehnis zeugen und die in der Form eines einfachen Ereignisberichtes erzählt werden.“[48] Abschließend ist zur Definitionsproblematik zu sagen, dass allein die Fülle des Sagenmaterials eine alle Aspekte umfassende Gattungsdefinition schwierig macht. Das wird allein schon daran deutlich, dass neben der inhaltlichen Bestimmung von Sagen sich diese Gattung auch nach ihrer Funktion definieren lässt.[49] Petzoldt macht sich jedoch die Mühe, eine komplexe Definition der Sage zu geben, welche die wesentlichen konstituierenden Merkmale herausstellt: „Die Sage ist zunächst eine mündliche Erzählung, die in einem Erzähltext fixiert wird. Damit ist sie sowohl eine orale als auch literale Sprachform. Sie ist eine mimetische Form des Erzählens, die den Anschein erweckt, die erzählten Vorgänge seien wirklich geschehen und die dies durch zeitliche, räumliche und personale Angaben zu belegen sucht. Auch übernatürliche und phantastische Begebnisse werden in der Realität festgemacht und durch Bezugspersonen beglaubigt. Morphologisch betrachtet ist sie eine Form, die durch die Simplizität ihrer Struktur einen leichten Zugang zu ermöglichen scheint. Inhaltlich umfasst sie das breite Spektrum menschlicher Auseinandersetzung mit seiner eigenen und der ihn umgebenden Natur, mit der historischen Realität und der transzendenten Welt.“[50]

Als Verwendungszweck für die Sage im Literaturunterricht wurde für die Primarstufe bereits die Möglichkeit herausgefunden, durch sie einen ersten Zugang für die Schüler und die Einsicht in Geschichtlichkeit von Literatur zu öffnen.[51] In Lesebüchern werden nordische Heldensagen, griechische Göttersagen und Volkssagen pauschal als Volksüberlieferungen gesehen. Die Sagen des klassischen Altertums genießen dabei nicht ohne Grund eine hohe Wertschätzung, denn abgesehen von der Hinführung zur Kultur des Abendlandes lassen sich ihre allgemeingültigen Aussagegehalte in erzieherische Werte umsetzen. Bei den Volkssagen handelt es sich jedoch um ein gänzlich anderes Material. Die klassische Sage ist geformte Dichtung, die im Gegensatz zur Volkssage meist eine mehrepisodige Struktur aufweist, was auch ihre Bevorzugung in der Schule begreiflich macht. Petzoldt bezeichnet das, was unter der Rubrik „Volkssage“ in den Lesebüchern erscheint als eine unqualifizierte Textauswahl. Diese sei dadurch gekennzeichnet, dass durch Bearbeitungen, welche der aus der mündlichen Überlieferung entnommenen Erzählung eine literarische Qualität verleihen wollen, ihr Inhalt und ihre Gestalt in einem solchen Maße verfälscht werde, dass von der Bezeichnung „Volksgut“ besser abgesehen werden sollte.[52]

Zwar gibt Petzoldt zu, dass es unangebracht sei, einen puritistischen Begriff von Volksliteratur zu vertreten, welcher nur das gelten lasse, was absolut rein und unverfälscht aus dem Volksmund stamme, doch sollte sich mehr um einen Grad von Authentizität in der Darbietung volkstümlicher Prosa bemüht werden, was Schülern wiederum ermöglicht, Einblick in die sagenrelevanten Gestaltungsmittel zu erhalten. Solche Gestaltungsmittel oder morphologischen Merkmale, wie Petzoldt sie nennt, sind zum einen die Einfachheit ihrer Struktur und die relative Formlosigkeit sowie die typische Einepisodigkeit. Der Einbruch des Übernatürlichen wird, im Gegensatz zum Märchen, als etwas Schreckhaftes erlebt, ja es bildet gewissermaßen die Sage selbst. Den Charakter authentischer Berichterstattung gewinnt die Sage keinesfalls durch sprachliche Formung, sondern durch umgangssprachliche Lautung, Kargheit der Ausdrucksmittel sowie die parataktische Aneinanderreihung der einzelnen Glieder und landschaftlich bestimmte Ausdrücke.[53]

Röhrich bezeichnet die Sage als eine wichtige kulturgeschichtliche Quelle, und zwar vor allem dort, wo keine anderen entsprechenden Quellen existieren. Dabei muss der Forscher auch beachten, was Zeitgeist einer Sage ist und was die Eigenart eines Erzählers. Was ist Zutat des Sammlers, Bearbeiters oder Herausgebers?[54] Diese Schichten sehr behutsam gegeneinander abzugrenzen versucht auch Marie-Luise Eckhardt in ihrer Untersuchung zur Krabat-Sage. Allerdings besteht kulturhistorische Sagenforschung nicht nur aus Entstehungsforschung, Rezeptions- und Traditionsforschung. Noch wichtiger als Kontinuitäten festzustellen ist es, dabei den Wandel von Sagen und seine Ursachen zu erkunden.[55]

Jeder Sage kommt natürlich auch eine Funktion zu oder auch mehrere gleichzeitig. Sie kann beispielsweise eine unterhaltende, eine didaktisch- moralisierende, eine erklärende, eine die Angst bezwingende oder eine sozialkritsche Funktion besitzen. Sagen sind ebenfalls sozialgeschichtliche Zeugnisse, deren sozio- kulturellen Hintergrund es zu erkennen gilt. Das heißt, jede Sage steht mit einem sozialgeschichtlichen Kontext in Zusammenhang.[56]

Sehr aussagekräftig ist in diesem Zusammenhang wohl der Ausspruch von Leander Petzoldt, der dazu meint: „Sagen entstehen primär aus dem Bedürfnis, die Welt zu erklären.“[57] Doch führt er zusätzlich an, dass es neben dem bereits erwähnten Bedürfnis die Welt zu erklären, in der Sage eine bedeutende Rolle spiele, die Welt zu mythisieren und zu dämonisieren. Des weiteren soll allgemeines Geschehen im einzelnen erhöht werden. Es kann auch ein Heldenbild geprägt werden, das zur Heldenverehrung führen kann. Hinzu kommt noch das Bedürfnis nach einer höheren Ordnung und nach Negieren der Ordnung.[58]

3.1 Sagengattungen

Grundsätzlich lassen sich zwei Großgruppen von Sagen unterscheiden. Die eine Gruppe bilden die mythischen oder auch dämonologischen Sagen, die durch magische, numinose und mythische Elemente gekennzeichnet sind. Die andere Gruppe lässt sich als geschichtliche bzw. historische Sagen bezeichnen. Jede dieser beiden Großgruppen kann zudem in zahlreiche Untergruppen gegliedert werden. So zählen zu den dämonologischen Sagen etwa die Zwergensagen und Teufelssagen, das heißt also alle Erzählungen von übernatürlichen Wesen, weiter die Totensagen, sprich Sagen, welche von einer Begegnung oder einem Erlebnis mit dem Übernatürlichen berichten. Zu historischen Sagen werden solche Erzählungen gerechnet, in deren Mittelpunkt ein historisches Ereignis oder eine historische Persönlichkeit steht.[59]

Im Mittelpunkt der dämonologischen Sage steht ein dämonisches Wesen, welchem übernatürliches Wissen oder Kräfte nachgesagt werden. Es kann sich aber auch um einen Menschen handeln, welcher sich übernatürlicher Kräfte bedient. Solche dämonisierten Menschen, die nach altem Volksglauben im Besitz übernatürlicher Kräfte sind, stellen beispielsweise Hexen, Zauberkundige, Teufelsbündner, Freimaurer, Zigeuner, Schäfer und Jäger dar.[60]

In historischen Sagen steht im Gegensatz zur dämonologischen das historische Ereignis oder die historische Persönlichkeit im Mittelpunkt. Im Unterschied zum historischen Bericht dokumentiert sie jedoch nicht die Fakten des Geschehens. Vielmehr wählt sie aus, subjektiviert und relativiert das Geschehen.[61] Die Gestalten der historischen Sage werden als außergewöhnlich geschildert, seien es nun im positiven wie im negativen Sinne herausragende Persönlichkeiten. Oder die Personen können sich auch, wenn sie schon selbst nicht außergewöhnlich sind, in außergewöhnlichen Situationen befinden. Auch zu beobachten ist der Vorgang der Mythisierung historischer Persönlichkeiten, deren Wirken dem Volk unverständlich blieb und deren Lebensweise ihrer Stellung wegen sich dem Einblick der Masse entzog.[62] Psaar und Klein geben an, dass Sagen immer Geschichten und Vergangenes erzählen und sich somit gewissermaßen zwangsläufig mit Geschichte befassen. Zum großen Teil sei es dort Individualgeschichte, wo die Sage einmalige Erlebnisse ansonsten nicht weiter relevanter Personen berichtet.[63]

Über die Darstellung sozialer Verhältnisse in der historischen Sage ist zu sagen, dass sich diese nicht in allzu großem Maße widerspiegeln. Sie werden zumeist nur indirekt angedeutet und sind zwischen den Zeilen herauszulesen. Das Verhältnis zwischen Gutsherr und der bäuerlichen Unterschicht wird dabei häufig angesprochen, wobei es meistens um Geiz, Hartherzigkeit, Arroganz und Willkür geht. Unter diesem Aspekt wird zum Beispiel über Frondienste und Leibeigenschaft berichtet. Die Feudalverfassung wird aber in keinster Weise in Frage gestellt, d. h. in den Sagen wird allenfalls der harte Herr angegriffen und nicht die herrschaftlichen Strukturen.[64]

Sagentexte lassen zwar zum Teil deutlich die Anteilnahme des Erzählers am schweren Los der armen Leute erkennen, liefern aber oft keine darüber hinausgehenden Bemerkungen über Widerstand der Betroffenen oder zu den bestehenden Herrschaftsverhältnissen an sich. Die Unterdrückung durch einen Feudalherrn wird zwar im Tonfall deutlicher Empörung dargestellt, jedoch werden Herrschafts- und Machtverhältnisse, die solche Ungerechtigkeiten erst ermöglichen, mit keinem Wort angesprochen. Aber gleichzeitig hieraus zu folgern, die Sagen hätten somit eine die Verhältnisse zu stabilisierende Funktion ist völlig ungerechtfertigt. Hält man sich nämlich die Kontinuität des Erzählens von brutalen Feudalherren vor Augen, so lässt sich auf ein ziemlich langes Gedächtnis des Volkes jene Vorgänge betreffend schließen. Vielmehr liegt die Behauptung nahe, dass gerade jener Sagentypus die negativen Erfahrungen vieler Generationen auf‘s Wesentliche verdichtet und immer wieder in Erinnerung des Hörers bzw. Lesers ruft. Insofern ist also eher eine Funktion solcher Sagen, zur Bewusstseinsbildung der vom Feudalsystem ausgebeuteten Leute beizutragen. Jener Sagentyp vom „ungerechten Zwingherrn“ verzichtet aber nicht immer darauf den Akt des Aufbegehrens eigens darzustellen. In einzelnen Sagen, in denen von Revolten, die teilweise bis zur Vernichtung des feudalherrlichen Besitzes führten, sind offensichtlich bruchstückhafte Erinnerungen aus Bauernerhebungen eingeflossen. Die Sage kennt sogar so etwas wie einen Publikumsliebling und zwar die Gestalt des volkstümlichen Helden. Häufig ist jener Held auch gleichzeitig ein gesellschaftlicher Außenseiter, der sich nicht nur jeglicher herrschaftlichen Autorität entzogen hat, nein vielmehr sogar mit den Reichen und Mächtigen in einer erbarmungslosen Fehde lebt.[65]

Lutz Röhrich spricht ebenfalls von mehreren Untergattungen der Sage, die man

nach inhaltlichen, formalen und funktionellen Begriffen unterscheiden kann. So führt er neben den bereits erwähnten „historischen Sagen“ und „dämonologischen Sagen“ Gattungsbegriffe wie „Erlebnissagen“, „mythische Sagen“ und „phantastische Sagen“ an. Er macht deutlich, dass es zwischen historischen und Ortssagen keine klare Trennung gibt, wie sie noch von den Brüdern Grimm vertreten wurde. Vielmehr würden sich diese Gattungen überlappen.[66]

Eine weitere erwähnenswerte Untergattung ist die zahlreiche Erscheinung der sogenannten Wandersagen, deren zentralen Motive sich teilweise weiträumig und über Jahrhunderte hin verbreitet haben. An dieser Untergattung der Sage wird deutlich, dass immer wieder Motive, ja zum Teil sogar ganze Erzählzüge lokalen Ereignissen und Gegebenheiten als authentisch angedichtet wurden.[67]

Unter einer Volkssage wird im allgemeinen ein Bericht verstanden, der über das Wirken übernatürlicher, mythischer oder dämonischer Gestalten und über das Zusammentreffen der Menschen mit diesen Mächten Auskunft gibt. Mit solchen Berichten versuchten die Menschen die ihnen unverständlichen Erscheinungen der Natur zu erklären. Um die Glaubwürdigkeit solcher berichteten Vorgänge zu verstärken, benützt die Sage präzise örtliche und zeitliche Angaben, und auch Zeugen werden aufgeboten. Der Glaubensanspruch der Volkssagen ist allerdings am Schwinden, denn mit der Entdeckung immer neuerer Naturgesetzmäßigkeiten verringerte sich der Wirkungsbereich übernatürlicher Kräfte mehr und mehr.[68]

Fast alle Volkssagen, die sich heute in Sammlungen wiederfinden, wurden im 19. Jahrhundert aus der mündlichen Überlieferung heraus aufgezeichnet. In ihnen spiegelt sich die Welt des ausgehenden Feudalismus und einer streng traditionsgebundenen Lebensform. Dabei ist die Welt des bäuerlichen Sagenerzählers bestimmt durch die Abhängigkeit von Natur und Herrschaftsverhältnissen. Die Kritik richtet sich dabei immer nur gegen einzelne Individuen und deren Normübertretung, nicht gegen das Feudalsystem selbst.[69]

3.2 Sorbische Volkssagen

1862 veröffentlichte Karl Haupt sein zweibändiges Sagenbuch der Lausitz, das auch umfangreiches sorbisches Material beinhaltet. Die sorbischen Sammler jener Zeit, die sich für die Volkskultur interessierten, sammelten und publizierten vor allem Volkssagen. Ihre Sammelergebnisse füllen die Jahrgänge der Zeitschriften „Lužičan“ und der „Lužiča“. Unter ihnen ragt G. Pilk hervor. In der Niederlausitz wurden neben H. Jordan vor allem deutsche Volkskundler fündig. Den Höhepunkt und vorläufigen Abschluss der Sammelperiode in der Volkssage bildete die monographische Arbeit des tschechischen Folkloristen A. Cerný. Sein Werk „Die mythischen Gestalten der Lausitzer Sorben“ wurde in den Jahren 1890-1897 zunächst in Fortsetzungen gedruckt und erschien dann auch in Buchform. Cerný sammelte auf seinen vielen Wanderungen durch die Ober- und Niederlausitz neben Volksliedern vor allem Volkssagen. Nur wenige Jahre nach Cerný erschien A. Meiches umfangreiches Sagenbuch von Sachsen, in dem auch die Lausitz Berücksichtigung fand. Das sorbische Material für dieses Buch wurde von G. Pilk beigebracht. Nach dem ersten Weltkrieg arbeitete in der Oberlausitz vor allem F. Sieber auf dem Gebiet der Volkssage. Ihm verdankt die sorbische Folkloristik eine wenn auch schmale, so doch zuverlässige Auswahl sorbischer Sagen in deutscher Sprache. Sieber war der erste, der versuchte, den deutsch-sorbischen Wechselbeziehungen in der Sage nachzugehen. Nach 1945 war es E. Krawc, der für die Bedürfnisse der pädagogischen Praxis eine kleine Sammlung in sorbischer und deutscher Sprache herausgab.[70]

Der kleine Überblick zeigt, dass nach Erscheinen der monographischen Zusammenfassung von Cerný die Sammeltätigkeit nachließ. Eine ganze Reihe wissenschaftlicher Probleme harrt immer noch der Bearbeitung. Dennoch gibt es eine Sagengestalt, die weit über den sorbischen Raum einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht hat. Dies ist die Sage um „Krabat“, den sorbischen Nationalhelden. Die Volkssage über Krabat ist eine der beliebtesten Prosaerzählungen sorbischer Volksdichtung und enthält alle Eigentümlichkeiten spätfeudalistischer Sagendichtung.

Sie zeigt sehr deutlich, wie solche Volkserzählungen entstehen und sich entwickeln, bis sie vollkommen ins geistige Gut eines Volkes integriert werden.

3.3 Die Krabat-Sage

Bei der Krabat-Sage handelt es sich ursprünglich um sogenannte freischwebende Motive, die sich in der Umgebung der Gemeinde Groß- Särchen, im Kreis Hoyerswerda, um eine historische Persönlichkeit, einen kroatischen Reiterobristen namens Johann Schadowitz ranken. Der sächsische Kurfürst August der Starke hatte diesem für Verdienste in den Kriegen gegen die Türken das Vorwerk Groß-Särchen geschenkt. Um diesen gewiss ungewöhnlichen Ausländer, der 1704 im Alter von 80 Jahren in Groß Särchen verstarb, reihten sich die verschiedensten Sagen-, Märchen-, und Gauklermotive. Die allesamt aus dem im deutschen und slawischen traditionellen Volksgut bekannten Hexenmeister-, Schwarzkünstler- und Gauklergeschichten stammen teilweise sogar aus dem serbischen und kroatischen Märchengut. Die schöpferische Kraft des Volkes gestaltete aus all den Motiven um die Figur des Kroaten eine eigenständige und geschlossene sorbische Volkserzählung von deren Entwicklungsweg verschiedene Varianten zeugen.[71]

Auf der Suche nach neueren Sagensammlungen, in denen die Krabat-Sage enthalten ist, fällt das Augenmerk auf den von Dietrich Kühn herausgegebenen Band „Sagen und Legenden aus Sachsen“ (Jena 1994). Hierin wird über die verschiedenen Motive der Sage um Krabat ausführlich berichtet, so dass es sich anbot, diesen Band heranzuziehen, wenn bei Otfried Preußlers Sagenbearbeitung von Übernahmen bzw. Umformungen der ursprünglichen Motive die Rede ist.

Marie-Luise Erhardt hat versucht, die Entwicklung der Krabat-Sage von den frühen Stufen ihrer Überlieferung über ihre volkskundliche Bearbeitung bis hin zu den literarischen Veränderungen in der Gegenwart zu verfolgen. So war ihr Buch eine große Hilfe bei den folgenden Ausführungen.

3.3.1 Frühe Fassungen der Sage

1837 veröffentlichte Joachim Leopold Haupt die Sage „Von einem bösen Herrn in Groß- Särchen“ im „Neuen Lausitzischen Magazin“. Seine Quelle hat Joachim Leopold Haupt, der als Görlitzer Pastor und Sekretär der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften tätig war, allerdings nicht angegeben. Klar ist jedenfalls, dass er zusammen mit Johann Ernst Schmaler, dem späteren in Bautzen lebenden Verleger und Herausgeber der „Serbske Nowiny“, die Volksüberlieferung der Lausitzer Sorben sammelte. Ungewiss ist dabei jedoch, ob er den Stoff der Krabat-Sage auf gemeinsamen Streifzügen mit Schmaler kennengelernt hat.[72]

Der Gründer und Redakteur der Beilage „Měsačny Přidawk“ zu der in Bautzen herausgegebenen Zeitung „Serbske Nowiny“, der Bautzener Kaplan Michael Hornig ist der Verfasser der 1858 in dieser Beilage erschienenen Fassung der Sage mit dem Titel „Krabat. Powjestka z ludu“. Die Zeitschrift „Lužica“ brachte 1896 einen Abdruck dieser Fassung mit Quellenangabe heraus.[73] Der Ralbitzer Kaplan und Mitherausgeber der „Lužica“ Nikolaus Andricki fügte hier zum Abdruck einen Auszug der „Khrónika Kulowa“ des Pfarrers von Wittichenau namens Franz Schneider aus dem Jahr 1848 an, welche 1878 im Druck erschien. Dieser Chronikabschnitt enthält historische Nachrichten und Erwähnungen der Volksüberlieferung über Krabat. Hier findet sich dann auch erstmals die Auflösung des Namens „Krabat“ mit dem Hinweis auf dessen Todesjahr 1704[74]:

„Am 29.5.1704 starb in Groß-Särchen der ausgediente Oberst Johann Schadowitz, 80 Jahre alt, in Agram in Kroatien geboren und wurde in der Pfarrkirche in Wittichenau begraben. Der sächsische Kurfürst August der Starke, der 1695 als Oberbefehlshaber die kaiserlichen Truppen gegen die Türken führte, hatte dem kroatischen Obersten auf Lebenszeit das Gut Groß-Särchen geschenkt, aus Dankbarkeit dafür, daß er einst mit seinen Reitern den Kurfürsten aus den feindlichen türkischen Händen befreite. Der Volksmund nennt diesen kroatischen Obersten „Krabat“ und hält ihn für einen Zauberer. Es wird erzählt: Krabat hat in Wittichenau eine Hand voll Hafer in den Kacheltopf geworfen, und ein Regiment Soldaten marschierte darauf auf dem Pfarrhofe auf. Krabat ist von Särchen nach Dresden zum Mittagessen beim Kurfürsten in der Luft gefahren und hat dabei in Kamenz die oberste Spitze des Turmes verbogen. Nach Krabats Tode wurden seine Zauberbücher in den Bach geworfen, und das Wasser schäumte und brauste, als ob es aus dem Flußbett herausspringen wollte. Von diesen Sagen steht natürlich im Begräbnisbuch von Wittichenau nichts.“[75]

[...]


[1] Vgl. Haas, Gerhard: Kinder- und Jugendliteratur. Zur Typologie und Funktion einer literarischen Gattung. Hrsg. v. Gerhard Haas. Stuttgart 1974, S. 1.

[2] Vgl. ebd., S. 11.

[3] Vgl. ebd., S. 13.

[4] Vgl. Ewers, Hans-Heino: Literatur für Kinder und Jugendliche. Eine Einführung. München 2000, S. 9.

[5] Vgl. Preußler, Otfried: Sagen Sie mal Herr Preußler...Festschrift für Otfried Preußler zum 75. Geburtstag. Hrsg. v. Heinrich Pleticha. Stuttgart; Wien; Bern 1998, S. 110/111.

[6] Ewers, S. 16.

[7] Ebd., S. 18.

[8] Ebd., S. 23.

[9] Vgl. ebd., S. 27.

[10] Vgl. Eckhardt, Juliane: Kinder- und Jugendliteratur. Darmstadt 1987, S. 35 ff.

[11] Vgl. Meißner, Wolfgang: Phantastik in der Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart. Würzburg 1989, S. 164.

[12] Ebd., S. 165.

[13] Vgl. Ewers, S. 157/158.

[14] Vgl. Petzoldt, Leander: Traditionelle Formen der Volksdichtung und ihre Bedeutung für die Lektüre von Kindern und Jugendlichen. In: Volksüberlieferung und Jugendliteratur. Hrsg. v. Alfred Clemens Baumgärtner. Würzburg 1983, S.15-36, S. 17.

[15] Vgl. Meißner, S. 7.

[16] Vgl. Haas, Gerhard; Klingberg, Göte; Tabbert, Reinbert: Phantastische Kinder- und Jugendliteratur. In: Kinder- und Jugendliteratur. Ein Handbuch. Hrsg. v. Gerhard Haas. Stuttgart 31984, S. 267-295, S. 267.

[17] Vgl. Meißner, S. 9/10.

[18] Vgl. ebd., S. 14/15.

[19] Haas; Klingberg; Tabbert, S. 269.

[20] Vgl. ebd., S. 272.

[21] Vgl. Meißner, S. 127.

[22] Vgl. ebd., S. 156.

[23] Ebd., S. 18/19.

[24] Vgl. ebd., S. 68.

[25] Vgl. ebd., S. 82.

[26] Vgl. ebd., S. 66.

[27] Vgl. ebd., S. 83.

[28] Vgl. Haas; Klingberg; Tabbert, S. 272.

[29] Vgl. Meißner, S. 28.

[30] Vgl. Schaufelberger, Hildegard: Kinder- und Jugendliteratur heute. Themen, Trends und Perspektiven. Freiburg im Breisgau 1990, S. 127.

[31] Vgl. Meißner, S. 132/133.

[32] Ebd., S. 137.

[33] Vgl. ebd., S. 139.

[34] Vgl. ebd., S. 145.

[35] Vgl. Haas; Klingberg; Tabbert, S. 269.

[36] Vgl. ebd., S. 275/276.

[37] Vgl. ebd., S. 280.

[38] Vgl. Petzoldt, Leander: Einführung in die Sagenforschung. Konstanz 22001, S. 43.

[39] Vgl. Haas, Gerhard: Märchen, Sage, Schwank, Legende, Fabel und Volksbuch als Kinder- und Jugendliteratur. In: Kinder- und Jugendliteratur. Hrsg. v. Gerhard Haas. Stuttgart 1974, S. 144-177, S. 144.

[40] Vgl. ebd., S. 148.

[41] Vgl. ebd., S. 164.

[42] Vgl. Psaar, Werner; Klein, Manfred: Sage als Sachbuch. Paderborn; München; Wien; Zürich 1980, S. 14.

[43] Ranke, Friedrich: Volkssagenforschung. Breslau 1935, S. 18. Zitiert nach: Haas, 1974, S. 164.

[44] Vgl. Haas, 1974, S. 164/165.

[45] Vgl. Haas, Gerhard: Märchen und Sage. In: Kinder- und Jugendliteratur. Hrsg. v. Gerhard Haas. Stuttgart 31984, S. 296-323, S. 297.

[46] Vgl. ebd., S. 305.

[47] Simonsuuri, Lauri: Über die Klassifizierung der finnischen Sagentradition. In: Acta Ethnographica Acad. Scient. Hungar. XIII. Budapest 1964, S. 19. Zitiert nach: Petzoldt, Leander: Einführung in die Sagenforschung. Konstanz 22001, S. 47.

[48] Burkhardt, Heinrich: Zur Psychologie der Erlebnissage. Zürich 1951, S. 14. Zitiert nach: Petzoldt, Leander: Einführung in die Sagenforschung. Konstanz 22001, S. 49.

[49] Vgl. Petzoldt, 2001, S. 54.

[50] Ebd., S. 58.

[51] Vgl. Psaar; Klein, S. 7.

[52] Vgl. Petzoldt, 1983, S. 21/22.

[53] Vgl. ebd., S. 29.

[54] Vgl. Röhrich, Lutz: Sage und Märchen. Erzählforschung heute. Freiburg im Breisgau 1976, S. 33.

[55] Vgl. ebd., S. 34.

[56] Vgl. ebd., S. 39/40.

[57] Petzoldt, 2001, S. 182.

[58] Vgl. ebd., S. 198/199.

[59] Vgl. ebd., S. 123.

[60] Vgl. ebd., S. 123/124.

[61] Vgl. ebd., S. 136.

[62] Vgl. ebd., S. 140.

[63] Vgl. Psaar; Klein, S. 65.

[64] Vgl. Petzoldt, 2001, S. 142/143.

[65] Vgl. Psaar; Klein, S. 69ff.

[66] Vgl. Röhrich, S. 31/32.

[67] Vgl. Psaar; Klein, S.33.

[68] Vgl. Nedo, Paul: Grundriß der sorbischen Volksdichtung. Bautzen 1966, S. 114.

[69] Vgl. Petzoldt, 1983, S. 34.

[70] Vgl. Nedo, 1966, S. 115ff.

[71] Vgl. Krause, Georg: Die Adaption der sorbischen Krabat-Sage in der künstlerischen Literatur. In: Letopis.

Zeitschrift für sorbische Volksforschung. Nr. 25/2, Jahrgang 1978. Hrsg. v. der Akademie der Wissenschaften

der DDR, Institut für sorbische Volksforschung. Berlin (Ost); Bautzen 1978, S. 183-202, S. 186.

[72] Vgl. Erhardt, Marie-Luise: Die Krabat-Sage. Quellenkundliche Untersuchung zu Überlieferung und Wirkung eines literarischen Stoffes aus der Lausitz. Marburg 1982, S. 9.

[73] Vgl. ebd.

[74] Vgl. ebd., S. 10.

[75] Chronik von Wittichenau und Umgegend. Angelegt von Franz Schneider im Jahre 1848, S. 145f. In: Nedo, Paul: Sorbische Volksmärchen. Systematische Quellenausgabe mit Einführung und Anmerkungen. Bautzen 1956, S. 379.

Ende der Leseprobe aus 115 Seiten

Details

Titel
Die Sage als Jugendbuch. Der Krabat - das Aufleben einer alten sorbischen Sage
Hochschule
Universität des Saarlandes  (Germanistik)
Note
sehr gut - 14
Autor
Jahr
2003
Seiten
115
Katalognummer
V42878
ISBN (eBook)
9783638408042
Dateigröße
847 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sage, Jugendbuch, Krabat, Aufleben
Arbeit zitieren
Martin Lang (Autor), 2003, Die Sage als Jugendbuch. Der Krabat - das Aufleben einer alten sorbischen Sage, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42878

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