Ethik in der Forschung. Tierversuche in Deutschland

Eine ethische Betrachtung


Seminararbeit, 2018

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Das deutsche Tierschutzgesetz
2.2 Grundtypen der Ökologischen Ethik
2.2.1 Anthropozentrik
2.2.2 Pathozentrik
2.2.3 Biozentrik
2.2.4 Physozentrik/Holismus

3 Untersuchungsdesign
3.1 Methodenentscheidung: Dokumentenanalyse
3.2 Materialauswahl
3.3 Auswertung

4 Die Problematik bei der Reduzierung von Tierversuchen
4.1 Das 3R-Prinzip
4.1.1 Reduction
4.1.2 Refinement
4.1.3 Replacement
4.2 Grenzen der Alternativmethoden

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Gesamtzahl der für wissenschaftliche Zwecke verwendeten und getöteten Tiere

Abbildung 2: Grundtypen der Ökologischen Ethik und die Bereiche direkter menschlicher Verantwortung

Abbildung 3: Ablauf einer Dokumentenanalyse in vier Stufen

Abbildung 4: Ablaufmodell induktiver Kategorienbildung

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Im Jahr 2016 wurden in Deutschland 2.187.261 Tiere zu wissenschaftlichen Zwecken in Tierversuchen eingesetzt.

„Ein Tierversuch liegt vor, wenn Eingriffe und Behandlungen zu den ausdrücklich genannten Versuchs- und Nicht-Versuchszwecken am Tier vorgenommen werden(Pröbstl, 2017, S. 84)

Weitere 665.325 Tiere wurden für wissenschaftliche Zwecke getötet, ohne dass an ihnen zuvor Eingriffe oder Behandlungen vorgenommen wurden (vgl. Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, 2017).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Gesamtzahl der für wissenschaftliche Zwecke verwendeten und getöteten Tiere (eigene Darstellung nach Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, 2017)

„Wie die Hausfrau, die die Stube gescheuert hat, Sorge trägt, dass die Türe zu ist, damit ja der Hund nicht hereinkomme und das getane Werk durch die Spuren seiner Pfoten entstelle, also wachen die europäischen Denker darüber, dass Ihnen keine Tiere in der Ethik herumlaufen.“ (Schweizer, 2006, S. 75)

Dieses Zitat zeigt den Status von Tieren in der Ethik zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Einstellung in der Ethik gegenüber der Tierwelt und auch der Natur hat sich in den vergangenen Jahrzehnten jedoch grundlegend verändert. Die Frage, ob auch Tiere, die Natur oder sogar unbelebte Entitäten in der Ethik als moralisches Objekt betrachtet werden sollten, ist aufgekommen. Diese Debatte wird unter anderem mit den Worten „Umweltethik“, „Naturethik“ oder auch „Ökologische Ethik" beschrieben.

Ziel der Arbeit ist es, dem Leser einen umfassenden Überblick über die ethischen Aspekte in Bezug auf Tierversuche und deren Alternativen zu verschaffen. Dabei geht Sie insbesondere auf die unterschiedlichen moralischen Standpunkte und Alternativen zu Tierversuchen ein. Sie zeigt den Versuch der Reduktion von Tierversuchen, aber auch die Grenzen der Alternativmethoden auf und soll die Frage, ob der Nutzen für den Menschen größer ist als das den Tieren zugefügte Leid, beantworten.

2 Theoretischer Hintergrund

Für das Lesen der Seminararbeit werden einige Hintergrundinformationen benötigt, deshalb werden im Folgenden zunächst der Begriff Tierversuch und die unterschiedlichen vorherrschenden ethischen Grundpositionen genauer definiert.

2.1 Das deutsche Tierschutzgesetz

Der Grundgedanke des Tierschutzgesetzes (TierSchG) ist es, das Leben und Wohlbefinden der Tiere zu schützen. Niemand darf ohne vernünftigen Grund, einem Tier Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen (vgl. § 1 TierSchG). Das deutsche Tierschutzgesetz in der aktuellen Fassung (letzte Änderung am 29.03.2017) definiert den Tierversuch als Eingriff oder Behandlung zu Versuchszwecken oder nicht Versuchszwecken an Tieren oder am Erbgut von Tieren (vgl. § 7 Abs. 2 TierSchG).

Ein Tierversuch ist in Deutschland grundsätzlich nur für die Grundlagenforschung, für die Vorbeugung, Erkennung oder Behandlung von Krankheiten, Leiden, Körperschäden oder körperlichen Beschwerden bei Menschen oder Tieren, die Erkennung oder Beeinflussung physiologischer Zustände oder Funktionen bei Menschen oder Tieren, die Förderung des Wohlergehens von Tieren oder die Verbesserung der Haltungsbedingungen von landwirtschaftlichen Nutztieren, der Schutz der Umwelt im Interesse der Gesundheit oder Wohlbefinden von Menschen oder Tieren, die Entwicklung und Herstellung sowie Prüfung der Qualität, Wirksamkeit oder Unbedenklichkeit von Arzneimitteln, Lebensmitteln, Futtermitteln, der Prüfung von Stoffen oder Produkten auf ihre Wirksamkeit gegen tierische Schädlinge, die Forschung in Hinblick auf Erhaltung der Arten, zur Aus,- Fort- und Weiterbildung oder zu gerichtsmedizinischen Untersuchungen zulässig (vgl. § 7a Abs. 1 TierSchG).

Ein Forscher, der einen Tierversuch durchführen will, wird durch das Tierschutzgesetz aufgefordert eine ethische Überlegung vorzunehmen. Er muss abwägen, ob sein Ziel die Belastung des Versuchstieres rechtfertigt. Hierzu muss der Forscher im Versuchsantrag die ethische Vertretbarkeit des Vorhabens wissenschaftlich begründen. Dieser Versuchsantrag wird von mehreren Institutionen einer strengen Prüfung unterzogen. Der Antrag muss von dem lokalen Tierschutzbeauftragen kommentiert werden. Der eingereichte Versuchsantrag, samt dem vom Tierschutzbeauftragten erstellten Kommentar, wird an die Genehmigungsbehörde zur Begutachtung weitergeleitet. Die Gehnehmigungsbehörde beruft zur Unterstützung Ihrer Arbeit eine Ethikkommission, die aus Fachleuten der Veterinärmedizin, Medizin oder anderen naturwissenschaftlichen Bereichen und aus Tierschutzorganisation besteht. Die primären Aufgaben der Ethikkommission ist es eine Plausibilitätsprüfung und eine ethische Kosten-Nutzen Abwägung des Tierleids gegenüber dem menschlichen Nutzen zu erstellen. Diese Einschätzung wird der Genehmigungsbehörde zur Verfügung gestellt, da die Entscheidungsgewalt bei ihr liegt. Fällt die Kosten-Nutzen-Analyse, die Plausibilitätsprüfung und das Votum der Genehmigungsbehörde positiv aus, wird der Tierversuch zugelassen. Sollten die Argumente für eine Genehmigung des Tierversuches nicht ausreichen, muss auf den Tierversuch verzichtet werden (vgl. Deutsche Forschungsgemeinschaft, 2016, S. 9).

2.2 Grundtypen der Ökologischen Ethik

Martin Gorke teilt die ethischen Argumentationstypen nach dem Umfang der Rücksichtnahme ein, die der natürlichen Mitwelt entgegengebracht werden soll (vgl. Gorke, 2000, S. 84). In seinem „moralischen Zirkel" (vgl. Abb. 2 S. 4) unterscheidet er zwischen vier unterschiedlichen Positionen. Der Anthopozentrik, der Pathozentrik, der Biozentrik und dem Holismus, auch Physiozentrik genannt. Dieser „moralische Zirkel" ist hierarchisch aufgebaut d.h. die nächsthöhere Stufe beinhaltet auch die vorausgehende/n Stufe/n (vgl. Alzmann, 2010, S. 20). Es gibt noch einen fünften Grundtypus, die Egozentrische Umweltethik. Hierbei steht jedoch ausschließlich das Eigeninteresse des Einzelnen oder auch das Eigeninteresse von Gruppen im Vordergrund (vgl. Teutsch, 1985, S.22). Weil dieser Ansatz nicht mit Tierversuchen in Verbindung steht, wird dieser Grundtypus im weiteren Verlauf nicht genauer definiert und aufgegriffen.

Grundsätzlich unterscheiden sich die unterschiedlichen Grundtypen dadurch, wer oder was als „Gegenstand" einer direkten moralischen Berücksichtigung anerkannt wird. Alle „Gegenstände“, die diese direkte moralische Berücksichtigung finden, sind um ihrer selbst willen schützenswert und dienen somit nicht nur als Mittel zum Zweck für andere. In der Anthropozentrik findet nur der Mensch diese moralische Berücksichtigung, in der Pathozentrik sind es alle empfindungsfähigen Lebewesen, in der Biozentrik ist es die gesamte belebte Natur und im Holismus bzw. Physiozentrismus ist auch die unbelebte Natur in die direkte moralische Berücksichtigung eingeschlossen (vgl. Gorke, 2000, S. 85).

Zu diesen vier Grundtypen, die im nachfolgenden genauer definierten, lassen sich die meisten Teilnehmer der Tierethikdebatte zuordnen. Eine Erweiterung dieses moralischen Zirkels ist nicht denkbar, da im Holismus bereits alle Entitäten berücksichtigt werden sind. Eine weitere Einschränkung des Zirkels hingegen wäre möglich, hierfür gibt es in der Geschichte der Menschheit einige Beispiele (z.B. Rassismus oder Sklaverei). Eine Analyse dieser Position ist aus Sicht der Tierethik jedoch irrelevant und wird deshalb nicht vorgenommen (vgl. Alzmann, 2010, S. 20).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Grundtypen der Ökologischen Ethik und die Bereiche direkter menschlicher Verantwortung (eigene Darstellung nach M. Gorke 2000, S. 86)

2.2.1 Anthropozentrik

Der Begriff „anthopozentrisch“ setzt sich aus den griechischen Wörtern „anthröpos“, der Mensch und „kentron“, der Mittelpunkt zusammen. Die wörtliche Übersetzung des Begriffs stellt somit gleichzeitig die vom Menschen eingenommene ethische Position gegenüber den weiteren Lebewesen und der Umwelt dar. Diesen Standpunkt untermauert Alzmann mit seinen folgenden Worten:

„Kriterien für die moralische Relevanz und die Schutzwürdigkeit sind bei anthropozentrischen Positionen das Menschsein, die Personalität, die Vernunftfähigkeit und damit die Moralfähigkeit, über die nur der Mensch verfüge“ (Alzmann, 2010, S. 21).

Das moralische Verhältnis der Menschen zur außermenschlichen Natur ist deshalb stets ein indirektes. Aus moralischer Sicht wird ein Eingriff in die Natur danach geprüft, ob der Eingriff den Menschen beeinträchtigt und wenn ja, in wie weit der Eingriff den Menschen beeinträchtigt. Ein Beispiel für den anthropologischen Standpunkt ist die Begründung des Tierschutzes durch Immanuel Kant. In seinem Buch „Tugendlehre“ (Methaphysik der Sitten, Zweiter Teil) aus dem Jahr 1797 wird die Tierquälerei auf Grund des nicht vorhandenen Mitgefühls abgestumpft und nicht wegen der damit verbunden Folgen für die betroffenen Tiere (vgl. Gorke, 2000, S. 111). Das bedeutet nicht, dass alle anderen Wesen ohne Konsequenzen frei verfügbar sind, ihnen wird lediglich indirekt eine moralische Relevanz zugestanden. Der Naturschutz und der Schutz der Tiere werden nur in dem Maße verlangt, in dem sie auch dem menschlichen Interesse dienen (vgl. Alzmann, 2010, S. 21 und 22).

2.2.2 Pathozentrik

Die Argumentation der pathozentrischen Umweltethik unterscheidet sich von der anthopozentrischen Umweltethik grundsätzlich dadurch, dass das Verbot der Tierquälerei als Pflicht gegenüber den Tieren selbst verstanden wird. Entgegen dem Argument der anthopozentrik, dass nur dem Menschen ein Eigenwert zugeschrieben wird, wird bei dem pathozentrischen Ansatz auch allen leidensfähigen Tieren ein Eigenwert zugeschrieben (vgl. Gorke, 2000, S. 111). Dem geht voraus, dass Leiden immer etwas Negatives ist. Deshalb gilt es als moralisch verwerflich Leiden zu Verursachen. Wohingegen die Verhinderung von Leiden grundsätzlich moralische Anerkennung verdient (vgl. Alzmann, 2017, S. 22). All diejenigen Lebewesen, die Leid und Schmerz verspüren können, sind Subjekte bewusster Zwecke und somit auch Interessenträger. Unabhängig davon mit welchen sonstigen Eigenschaften und Fähigkeiten (Rationalität, Artenzugehörigkeit etc.) diese Lebewesen einhergehen, sind ihre Interessen nach dem konsekutiven Gleichheitsprinzip zu berücksichtigen (vgl. Singer, 1984, S. 32). Als Lebewesen, die Schmerz und Leid empfinden können, werden „höhere“ Tiere (im wesentlichen Wirbeltiere) angesehen. „Niedere“ Tiere, Pflanzen und unbelebte Materie werden jedoch weiterhin aus der direkten menschlichen Verantwortung ausgeschlossen. Diesen wird, wie der außermenschlichen Natur bei der anthopozentrik, nur eine moralische Relevanz zugewiesen, falls die „schätzenswerten“ Lebewesen der Pathozentrik direkt betroffen sind. Bekannte Vertreter dieser Argumentation sind unter anderem Ursula Wolf und Peter Singer (vgl. Gorke, 2000, S. 112).

2.2.3 Biozentrik

In der biozentrischen Umweltethik wird allen Lebewesen, unabhängig ihrer Organisationshöhe, ein moralischer Status eingeräumt. Es ist jedoch umstritten, ob es aus ethischen Gründen eine Wertabstufung zwischen den verschiedenen Arten des Lebendigen geben sollte. Die Vertreter der „gemäßigten“ Biozentrik gehen von einer Interessenrangordnung aller Lebewesen aus, wohingegen die Vertreter der „radikalen“ Biozentrik von der prinzipiellen Gleichwertigkeit aller Lebewesen ausgehen. Von beiden Lagern der Biozentrik wird ein erweiterter Interessenbegriff begründet, der auch den unbewussten Lebensdrang von Pflanzen und niederen Organismen einschließt (vgl. Gorke, 2000, S. 112). Dieser eingeräumte moralische Status erkennt den inneren Drang nach Leben an und setzt deshalb voraus, dass das Leben etwas Wertvolles ist und geschützt werden muss. Deshalb lehnt die Biozentrik grundsätzlich das Töten von Lebewesen, unabhängig Ihrer Organisationshöhe und Leidensfähigkeit, aus ethischen Gründen ab. Einer der bekanntesten Vertreter der Biozentrik ist Altert Schweizer (vgl. Alzmann, 2010, S. 22)

2.2.4 Physozentrik/Holismus

Unter den vier Ethiktypen nimmt die physiozentrische oder holistische Umweltethik den umfassendsten Standpunkt ein. Es wird nicht nur alles Lebendige, sondern auch die unbelebte Materie und Systemganzheit in den Bereich der direkten menschlichen Verantwortung einbezogen. Die für die bereits erläuterten Ethiktypen charakteristische Zweiteilung in Zweck und Mittel wird dadurch aufgehoben, dass allem Natürlichen ein Eigenwert zugestanden wird. Nichts Natürliches existiert nur als Mittel für andere oder anderes, sondern es existiert auch um seiner selbst Willen und ist dadurch zumindest ein potentielles moralisches Objekt (vgl. Gorke, 2000, S. 112). Dieses große Ganze kann entweder überwiegend distributiv oder mehr kollektiv verstanden werden. Im distributiven Sinne wird die Gesamtheit aller natürliche „Gegenstände“, wie z.B. Menschen, Tiere, Pflanzen, Berge oder auch Wasser, gesehen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Ethik in der Forschung. Tierversuche in Deutschland
Untertitel
Eine ethische Betrachtung
Hochschule
FOM Essen, Hochschule für Oekonomie & Management gemeinnützige GmbH, Hochschulleitung Essen früher Fachhochschule
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
21
Katalognummer
V428929
ISBN (eBook)
9783668724327
ISBN (Buch)
9783668724334
Dateigröße
633 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ethik, Forschung, Tierversuche
Arbeit zitieren
Florian Hemauer (Autor), 2018, Ethik in der Forschung. Tierversuche in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/428929

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