Das erschöpfte Selbst. Ein Erklärungsmodell für die Zunahme depressiver Erkrankungen?


Seminararbeit, 2016

15 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Depressionen- Epidemiologie, Historie und Zunahme
2.1 Das erschöpfte Selbst bei Alain Ehrenberg
2.2 Das sich erschöpfende Selbst bei Heiner Keupp
2.3 Bezüge bei Senett und Bauman

3. Diskussion: Das erschöpfte Selbst in der soziologischen Theorie

4. Fazit

5. Literaturverzei chnis

1. Einleitung

Das Individuum des 21. Jahrhunderts zeichnet sich durch das Scheitern an Normen aus, die es nicht zu erfüllen mag. Harter Wettbewerb und Konkurrenzdenken in allen Lebensbereichen führen zu einer Zunahme an erschöpften Individuen, die dem Druck der Gesellschaft nicht mehr standhalten und in einen Zustand abdriften, der bei Alain Ehrenberg (Vgl. 2004: 10) (französischer Soziologe) das ״Erschöpfte Selbst“1 genannt wird. Der Depressive ist beim ״Erschöpften Selbst“ das erkrankte Subjekt, welches in seiner Verantwortlichkeit den gegen­wärtigen sozialen Normen gescheitert ist (Vgl. Ehrenberg 2008: 15). In folgender Hausarbeit wird der Fokus auf die gesellschaftlichen Veränderungen gelegt, die zu einem ״erschöpften Selbst“ führen. Hier sind die von jedem Einzelnen geforderte Flexibilisierung, der steigende Druck in der Arbeitswelt und die Individualisierung zu erörtern. Ich möchte der Frage nach­gehen, inwiefern sich das soziologische Konzept von Ehrenberg (Vgl. 2004) eignet, um die Zunahme depressiver Erkrankungen zu erklären (Vgl. Desemo et. al. 2005). Zunächst wird eine Einführung zum Thema Depression gegeben. Es geht in dieser Einführung um den Stand der Wissenschaft, eine Einordnung der geschichtlichen Entwicklung und Meilensteinen der Psychiatriegeschichte (Vgl. Jurk 2005, besonders 2-5). Die Einführung in die Thematik stellt des Weiteren in aller Kürze einen Bezug zum herrschenden Neoliberalismus und seiner Dok­trin her (Vgl. Han 2015).

Die Unterkapitel zu Alain Ehrenbergs Theorie (2.1), den Erkenntnissen von Heiner Keupp (2.2) sowie den Soziologen Sennett und Bauman (2.3) bieten ein theoretisches Fundament für die anschließende Diskussion (3.), ob sich das Konzept des ״Erschöpften Selbst“ als Erklä­rungsmodell für die soziologische Theorie und die Frage der Zunahme von Depressionen eig­net. Es geht um den Werdegang, wie esüberhaupt zu einem ״Erschöpften Selbst“ kommen konnte und welche neuen Normen gesellschaftsrelevant geworden sind.

Wie eben bereits geschrieben wird neben Alain Ehrenberg auf Prof. Heiner Keupp, ein deut­scher Sozialpsychologe, der an der Ludwig-Maximilian Universität München forschte und viele Publikationen zu Identität und sozialem Wandel herausbrachte, Bezug genommen. Als weitere Referenzautoren begleiten Zygmund Bauman (Vgl. 1999, 2005) mit seinen Erkennt­nissen zur Postmoderne2 und Richard Sennett (Vgl. 1998) mit seinem Werk ״Der flexible

Mensch“ diese Hausarbeit, da auch sie wichtige Erkenntnisse aufzeigen, die die Zunahme de- pressiver Erkrankungen unterstützen. Ziel der Hausarbeit ist es, aufzuzeigen, welche neuen Normen die Gesellschaft auszeichnen (Vgl. Ehrenberg 2004, 2015) und welcheäußeren (we­nig beeinflussbaren) Faktoren einer sich globalisierenden Elmwelt das ״Erschöpften Selbst“ beeinflussen.

2. Depressionen: Epidemiologie, historische Perspektive und Zunahme depressiver Erkrankungen

Jeder 7. Bürger ist im Laufe seines Lebens einmal von einer behandlungsbedürftigen Depreş- sión betroffen (Vgl. Wittchen/Jacobi 2006: 18). Die Datenüber die Prävalenz der Depression schwanken stark, da depressive Symptome auch bei anderen psychischen Erkrankungen vor­herrschen können (Vgl. Wittchen/Jacobi 2006: 17). Wissenschaftler und Psychiater sind sich nicht einig, ob es in den vergangenen Jahrzehnten einen Anstieg depressiver Erkrankungen gegeben hat oder nicht.

Klerman et al. wiesen Ende der 1980er Jahre zum ersten Mal daraufhin, dass das Erkran­kungsrisiko seit 1935 offenbar angestiegen ist. Ihre Erkenntnisse haben sie anhand genauer Geburtenkohortenanalysen gewonnen. (Vgl. Wittchen/Jacobi 2006: 27). Jedoch konstatiert Martin Domes in einem Zeitungsbeitrag der ״Zeit“, dass es laut wissenschaftlicher Untersu­chungen zwischen 1947 und 2012 keinen Anstieg von psychischen Störungen gegeben habe und es ״keine konsistenten Belege“ (Domes/Altmeyer 2015) dafür gebe, dass Depressionen zunehmen. Domes führt die zunehmende Diagnostik darauf zurück, dass eine wünschenswer­te Aufhellung der Dunkelziffer erfolgt sei und psychische Erkrankungen früher nicht erkannt worden seien, als Schicksals schlage vemnglimpft oder als körperliche Erkrankungen fehlge­deutet wurden (Vgl. Domes/Altmeyer 2015). Zuletzt hat sich auch die medizinisch-psychiatri- sehe Erhebungsmethodik verändert, es gibt mehr Befunde mit Erkrankungswert und die Zeit bis zur Diagnosestellung hat sich erheblich verkürzt. So reichen heute schon zwei Monate, um die Diagnose ״Major Depression“ stellen zu können, außerdem gibt es weitere psychische Er­krankungen wie die Dysthymie als Untergruppierungen von Depression, die gesondert dia­gnostiziert werden (Vgl. Wittchen/Jacobi 2006: 18).

Deutlich andere Töne sind in den Sozialwissenschaften zu hören, was die Zunahme psychi­scher Erkrankungen betrifft. Wie in der Einleitung zu Alain Ehrenbergs Werk (2004: 9) ״Das erschöpfte Selbst“ zu lesen, verzeichnen Psychiater seit den 1970er Jahren eine Zunahme de­pressiver Patienten. Die Depression habe sich als die am meisten verbreitete psychische Er­krankung durchgesetzt und 2020 werde sie die zweithäufigste Krankheitsursache sein (Vgl. Desemo 2005: 188). Weniger die Mediziner, mehr die Sozialwissenschaftler sehen die Ursa­che der Zunahme in den Anforderungen und paradoxen Zumutungen des sozialen Wandels.

Auch bei soziologischer Betrachtung der gesellschaftlichen Veränderungen des 20. Jahrhun­derts lässt sich feststellen, dass es einen Fundus an Entstehungsfaktoren gibt, die eine Zunah­me depressiver Symptomatik der Bevölkerung begünstigen. Aus historischer Perspektive war die Melancholie schon in der griechischen Antike bekannt. Die berühmtesten Politiker und Philosophen waren Melancholiker, weil höhere geistige Fähigkeiten oftmals mit melancholi- sehen Erkrankungsbildern in Verbindung standen. Auch im frühen Christentum kannte man melancholische Zustände, die abwertend als ״Acedia“ (dt: Trägheit, Faulheit) stigmatisiert wurden und von Papst Gregor dem 1. als eine der sieben Todsünden zugerechnet wurde (Vgl. Keupp 2010: 25).

Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit geht es bei einem Kupferstich von Albrecht Dürer (Melancholia) um die Grenzen der Erkenntnis - unser Wissen ist begrenzt und der Mensch kann niemals alles wissen können und dies führt zur Melancholie.3

In Ihrer Dissertation ״Der niedergeschlagene Mensch“ führt Charlotte Jurk (Vgl. 2005) vier weitere wichtige Aspekte in der Depressionsgeschichte auf, die auch für diese Hausarbeit von großer Bedeutung sind und den verschiedenen soziologischen Theoretikern zuarbeiten:

1. ״Die Depression wird von den Ärzten mit einem neuen Seelenkonzept naturwissenschaft­lieh greifbar gemacht. Die traurige Verstimmung wird zur Stoffwechsel Störung“ (Jurk 2005: 2).
2. Mit der Entdeckung der Neuroleptika (Chlorpromazin) tauscht die Psychiatrie ihren Außen­seiter-Status Richtung Allgemeinmedizin ein und die Vertreter der biochemisch orientierten Psychiatrie setzen sich durch. Durch das Ansprechen auf Psychopharmaka erhält die Sympto­matik ihren zentralen Status in der Gesellschaft und wird zum Referenzpunkt der modernen Leistungsgesellschaft (Vgl. Jurk 2005: 2).
3. ״Die Psyche wird zur Ware. Sie ist ein Produktionsfaktor geworden, der bei der Vermitt­lung in Arbeit vorzuweisen ist. Die Depression gewinnt anökonomischer Stärke und wird zur (gut behandelbaren) Massenerkrankung erklärt“ (Jurk 2005: 3).

Besonders der letzte Punkt arbeitet Richard Sennett (Vgl. Kahlbach 2014: 14) und Zygmund Bauman zu sowie auch Alain Ehrenberg (Vgl. 2004: 21), denn die Psyche wird zum Aus­gangspunkt und Werkzeug, den gesellschaftlichen Dynamiken und dem sozialen Wandel zu bewerkstelligen. Für den südkoreanischen Philosophen Bjung-Chul Han (Vgl. 2015) steht der Faktor Psyche ganz im Zeichen neoliberaler Tendenzen, denn die Psyche wird zur Produktiv­kraft und zum Maßstab der Selbstausbeutung.

Es lassen sich drei einschneidende Entwicklungen beobachten:

Der Anteil der Ausfalltage durch psychische Erkrankungen nimmt deutlich zu und psychische Erkrankungen gehören zu den längsten Ausfallzeiten und Krankschreibungen (Vgl. Kalten- häuser 2015). Des Weiteren ist der Anstieg der Ausfalltage bei psychischen Erkrankungen be­sonders ausgeprägt.

Dazu die entsprechenden Grafiken bereitgestellt durch die Bundespsychotherapeutenkammer (Vgl. 2010: 4):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Anteil der AU-Tage durch psychische Erkrankungen

So lässt sich auch empirisch beobachten, dass es zu einer Zunahme an Diagnosestellungen im Spektrum depressiver Erkrankungen (F32) gekommen ist und zwar durch alle Krankenkassen hinweg.

2.1. Das ״Erschöpfte Selbst“ bei Alain Ehrenberg

Das ״Erschöpfte Selbst“ ist bei Ehrenberg nicht nur Ausdruck einer individuellen psychopa- thologischen Diagnostik, sondern Teil einer Gesellschaftsdiagnostik, die die Dynamiken der Gesellschaft in ihrer Entwicklung für das Individuum aufgreift. Dabei fungiert der Begriff des “Erschöpften Selbst“ alsüberbegriff und Ausdruck einer Gesellschaft, die am Limit lebt, han­delt und arbeitet. Die Depression ist am Rande und doch zentral als ein Extrem des ״Er- schöpften Selbst“. Viele Menschen sind erschöpft vom Prozess der Selbstwerdung, sie sind ausgebrannt von der Dressur auf Lebenskompetenzen und Selbstoptimierung und erleiden einen psychischen Defekt (Vgl. Ehrenberg 2004).

Für Ehrenberg ist die Depression ein Sammelbegriff, um reales Leiden allgemein erklärbar zu machen und dem Leiden einen Namen zu geben. Die Depression ist ein Begriff gesellschaftli­chen Leidens geworden: ״Die Depression wurde zu einem praktischen Mittel, um vielen Aspekten unseres Unglücks einen Namen zu geben und Sie gleichzeitig mit Hilfe verschiede­ner Mittel zu erleichtern“ (Ehrenberg 2006: 123). Die Depression hat die Neurose abgelöst. Wo früher der Konflikt aus den im Ideal-Ich installierten Autoritätsinstanzen und den Trieben des Es stand, ist die Depression getreten als Ausdruck eines nicht mehr ertragbarenäußeren Drucks.

Ehrenberg (Vgl. 2004: 12) stellt fest: ״Wenn die Neurose das Drama der Schuld ist, so ist die Depression die Tragödie der Unzulänglichkeit.“ Die Veränderungen der sozialen Normen in der französischen Gesellschaft des 20. Jahrhunderts. Wie eben schon im Zitat genannt ist nicht mehr die Schuld Ausgangspunkt psychischer Konflikte, sondern die Unzulänglichkeit, die Schwäche des Menschen. Die Unfähigkeit, immer das Höchste und Beste nicht leisten zu können, die Einsichtüber die Grenzen der eigenen Kapazitäten, dies macht die Individuen an­fällig für die Depression.

״Depression ist die Krankheit einer Gesellschaft, die nicht mehr auf Disziplin gründet, son­dern auf Verantwortung und Initiative“ (Ehrenberg 2015: 31). Die neuen Normen der Gesell­schaft basieren nicht auf Gefügigkeit und Gehorsam wie im Fordismus der Moderne, sondern auf den Normen Motivation, Projekt und Kommunikation. ״Es geht nicht mehr um Gehorsam, Disziplin und Konformität mit der Moral, sondern um Flexibilität, Veränderung, schnelle Re­aktion und dergleichen. Selbstbeherrschung, psychische und affektive Flexibilität [und] Hand­lungsfähigkeit“ (Ehrenberg 2015 :249) sind die neuen Handlungsmaximen in einer instabil gewordenen Welt.

Die Verwirklichung des Individuums wird an seiner Eigeninitiative bemessen. ״Das Erdbeben der Emanzipation führt zu einer Erschöpfung des Selbst“ (Ehrenberg 2015: 30). Des Weiteren sind Angst und Unsicherheit bestimmend für den Alltag des Individuums.

Die Unzulänglichkeit des Menschen zeigt sich in einem schnellen Wechsel aus Hemmung und Impulsivität. Dies schränkt die Handlungsfähigkeit ein, welche wiederum die Funktiona­lität der Antidepressiva erklärt: Reduktion von Unsicherheit und sich-besser-fühlen.

Die Veränderung in den Normen ist auch eine Folge davon, dass die Grenzen zwischen Er­laubtem und Verbotenen schwinden ״zugunsten einer Spannung aus Möglichem und Unmög- liehen“ (Ehrenberg 2015: 34). Der Spagat aus Weltoffenheit und Versagen prägt das Individu­um des 21. Jahrhunderts. Der Mensch wird nicht mehr durch eineäußere Ordnung (Moderne) bestimmt, sondern er muss selbstbestimmt sich auf die eigenen Antriebe und Kompetenzen verlassen.

[...]


1 Das ״Erschöpfte Selbst“ ist der Fachterminus von Alain Ehrenberg, auf den sich in der gesamten Hausarbeit fort rührend bezogen wird. Es ist ein Begriff, der ״psychisches Leiden und geistige Pathologien zum Gegenstand radikaler Gesellschaftskritik macht“ (Ehrenberg 2004: 10). Er ist nicht gleichzusetzen mit der Erkrankung Depression, sondem fungiert alsüberbegriff depressiver Identitäten.

2 Der Begriff der ״Postmoderne“ wird in der Wissenschaft unterschiedlich verwendet. In der vorliegenden Hausarbeit liegt İner die Definition des Begriffs von Zygmund Bauman (Vgl. Vahsen/Mane 2010: 69-70) zugrunde.

3 Eine ausführliche Beschreibung und Deutung des Kupferstichs von Albrecht Dürer ist nachzulesen in: Klibansky, Raymond/Panofsky, Erwin/Saxl, Fritz (1992): Satum und Melancholie. Studien zur Geschichte der Naturphilosophie und Medizin, der Religion und Kunst, Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das erschöpfte Selbst. Ein Erklärungsmodell für die Zunahme depressiver Erkrankungen?
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Autor
Jahr
2016
Seiten
15
Katalognummer
V428990
ISBN (eBook)
9783668731448
ISBN (Buch)
9783668731455
Dateigröße
601 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
selbst, erklärungsmodell, zunahme, erkrankungen
Arbeit zitieren
Janos Pletka (Autor:in), 2016, Das erschöpfte Selbst. Ein Erklärungsmodell für die Zunahme depressiver Erkrankungen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/428990

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