Ausgehend von einer raumzeitlichen Kartographie des fiktiven Windens und einer Betrachtung des Zeitreise-Modells, welches in "Dark" zum Einsatz kommt, soll in dieser Arbeit Marc Augés Gedankenkonstrukt mit den räumlichen Konfigurationen der Kleinstadt abgeglichen werden.
Bereits in den ersten Einstellungen der deutschen Serie "Dark" (2017), erschaffen von den Filmemachern Baran Bo Odar und Jantje Friese und produziert vom US-Amerikanischen Streaming-Anbieter Netflix, wird dem Zuschauenden ein höchst komplexes, narratives Konstrukt eröffnet, in dem sich die räumlichen und zeitlichen Konfigurationen nicht entlang der gewöhnlichen Achsen entfalten.
Die fiktive Kleinstadt Winden beherbergt ein gut gehütetes Geheimnis, dem sich nur die wenigsten Bewohner des Ortes bewusst sind: In den Windener Höhlen, gänzlich umgeben von Wald und teilweise unterhalb des Geländes eines Atomkraftwerks liegend, befindet sich ein Wurmloch, durch welches man im 33-Jahre-Zyklus in die Vergangenheit oder in die Zukunft reisen kann. In der ersten Staffel der Serie werden drei Zeitebenen miteinander verbunden (die Jahre 1953, 1986 und 2019), während Winden dabei immer den Handlungsort darstellt und eine zentrale Rolle in der Narration einnimmt.
Der französische Anthropologe und Ethnologe Marc Augé hat in seinem im Jahre 1992 erschienenen Werk "Non-lieux" eine Theorie der "Nicht-Orte" entworfen, die sich der Erscheinung von identitätslosen und historisch nicht verwurzelten urbanen Räume annimmt. Um das Sonderbare der Kleinstadt Winden, erschaffen durch ein aufgebrochenes Raum-Zeit- Kontinuum und eine non-lineare, netzwerkartige Narration, herauszuarbeiten, erscheint Augés Ansatz fruchtbar, da sich in Winden die Polaritäten von Orten zu Nicht-Orten erkennen lassen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Winden und seine Bewohner
2.1. Narratives Grundgerüst
2.2. Eine Kartographie Windens
3. Eine Reise durch die Zeit
4. Orte und Nicht-Orte
4.1. Marc Augés Orte und Nicht-Orte
4.2 Windens Nicht-Orte
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert die fiktive Kleinstadt Winden aus der Netflix-Serie DARK als einen sogenannten "Nicht-Ort" nach der Theorie von Marc Augé. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie durch Zeitreise-Narrative, nicht-lineare Montage und die Auflösung des Raum-Zeit-Kontinuums eine Identitätslosigkeit und Orientierungslosigkeit erzeugt wird, die Winden als Transitraum erscheinen lässt.
- Analyse des narrativen Grundgerüsts und der Zeitreise-Modelle in DARK
- Kartographie der zentralen Handlungsorte wie der Windener Höhlen und des Atomkraftwerks
- Theoretische Fundierung der Begriffe "Ort" und "Nicht-Ort" nach Marc Augé
- Untersuchung der räumlichen Konfigurationen als Spiegel für die psychologische Isolation der Charaktere
- Deutung der fragmentierten filmischen Montage als Mittel der Entortung
Auszug aus dem Buch
4.2. Windens Nicht-Orte
In Winden aus DARK scheint räumlicher Tourismus nicht besonders verbreitet zu sein - die Bewohner vermögen den Ort ihr Leben lang nicht wirklich zu verlassen und im örtlichen Hotel sind fast alle Zimmer frei. »Zeitlicher« Tourismus spielt in DARK dagegen eine elementare Rolle, da mehrere Figuren im Laufe der ersten Staffel der Serie durch ein Wurmloch in den Windener Höhlen in die Vergangenheit oder Zukunft reisen.
Marc Augés Konzept der Nicht-Orte in der Postmoderne gründet auf Erfahrungen von Reisenden und den Orten des Transits (der Durchquerung), wobei er damit natürlich räumliche Reisen beschreibt, nicht Zeitreisen. Dennoch lassen sich Parallelen zwischen Augés Nicht-Orten und den räumlichen Konfigurationen in DARK erkennen. So stellt sich die Frage, ob Nicht-Orte innerhalb Windens existieren und ob gar Winden ein Nicht-Ort ist.
Die Windener Höhlen und das darin befindliche Wurmloch stellen einen Durchgang zwischen drei Zeiten dar und sind somit als zeitlicher Transitraum zu bezeichnen. Der Ursprung und die Geschichte der Höhlen bleiben ungeklärt, die Beziehungen der meisten Bewohner Windens zu den Höhlen ebenso. Wenn der junge Jonas Kahnwald oder der erwachsene Ulrich Nielsen die Höhlen zum ersten Mal durchqueren, sind sie orientierungslos, überfordert und ziemlich einsam. Sie können sich selber kaum in diesem mysteriösen Ort wiederfinden, sondern streben allein die Durchquerung an. Somit können die Windener Höhlen als Nicht-Ort charakterisiert werden, da die Identität und Geschichte der Höhlen nicht gegeben ist und ihre einzige Funktion die Durchquerung ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Serie DARK vor und erläutert, wie das Zeitreise-Thema und die Montage das klassische Raum-Zeit-Kontinuum auflösen.
2. Winden und seine Bewohner: Dieses Kapitel bietet eine Übersicht des narrativen Grundgerüsts, der zentralen Akteure und eine räumliche Kartographie der wichtigsten Handlungsorte.
3. Eine Reise durch die Zeit: Hier werden wissenschaftliche Zeitreise-Modelle, insbesondere das selbstkonsistente Universum, in Bezug auf die Serie und das Großvaterparadoxon diskutiert.
4. Orte und Nicht-Orte: Dieses Kapitel führt in die Theorie von Marc Augé ein und wendet diese Analyse auf die räumlichen Konfigurationen und die Ortlosigkeit in Winden an.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Winden durch seine fragmentierte filmische Darstellung und die Zeitreise-Logik als ein "Nicht-Ort" definiert werden kann.
Schlüsselwörter
Winden, DARK, Nicht-Ort, Marc Augé, Zeitreise, Raum-Zeit-Kontinuum, Montage, Transitraum, Identität, Anthropologischer Ort, Narrativ, Selbstkonsistentes Universum, Postmoderne, Filmwissenschaft, Narration
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Netflix-Serie DARK unter einem filmwissenschaftlichen Blickwinkel und analysiert, wie der zentrale Handlungsort Winden konzeptionell als "Nicht-Ort" nach Marc Augé verstanden werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der Filmtheorie (Montage, Cadrage), der Ethnologie (Theorie der Nicht-Orte) sowie der Analyse von Zeitreise-Narrativen in fiktionalen Medien.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Es soll nachgewiesen werden, dass die räumliche Darstellung der Kleinstadt Winden durch die spezifische Montage und Zeitreise-Struktur nicht mehr als klassischer Ort, sondern als identitätsloser Transitraum fungiert.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Die Arbeit nutzt die Theorie der "Nicht-Orte" des Anthropologen Marc Augé und gleicht diese mit den räumlichen und narrativen Strukturen der Serie ab.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Vorstellung der Handlungsorte, eine theoretische Einordnung von Zeitreise-Modellen und eine tiefgehende Anwendung des Konzepts der Nicht-Orte auf die spezifischen Räume von Winden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben dem "Nicht-Ort" und "Winden" vor allem das "selbstkonsistente Universum", "Intertemporalität" und der "Transitraum".
Wie unterscheidet sich die Serie DARK laut dieser Arbeit von klassischen Zeitreise-Filmen?
Während viele Filme Zeitreisen als linearen Bruch inszenieren, integriert DARK diese als festen Bestandteil eines selbstkonsistenten Universums, was Winden zu einem verwirrenden, fragmentierten Konstrukt macht.
Warum spielt das Atomkraftwerk eine besondere Rolle bei der Definition als "Nicht-Ort"?
Das Atomkraftwerk stellt eine neutrale, technisch geprägte Instanz dar, die in verschiedenen Zeitebenen existiert und deren Identität durch die ständigen zeitlichen Sprünge für die Bewohner und den Zuschauer gleichermaßen instabil wird.
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- Jasper Graeve (Author), 2018, Die fiktive Kleinstadt Winden in der Netflix-Serie "Dark" als "Nicht-Ort", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429193