Sucht und die Frage nach dem Sinn. Über den Einsatz logotherapeutischer Ansätze in der Sozialen Arbeit mit suchtkranken Menschen


Bachelorarbeit, 2018

109 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Theoretischer Hintergrund
1. Suchterkrankungen im Überblick
1.1 Erläuterung des Suchtbegriffs
1.2 Erklärungsansätze zur Entstehung von Abhängigkeitserkrankungen
1.2.1 Biologische Ansätze
1.2.2 Gesellschaftliche und soziale Aspekte
1.2.3 Psychologische Theorien
1.3 Komorbide Störungen
1.4 Grundlagen in der Behandlung suchtkranker Menschen
1.4.1 Versorgungssystem in der Suchtkrankenhilfe
1.4.2 Phasen der Behandlung einer Abhängigkeitserkrankung
1.4.3 Prinzipien in der Behandlung suchtkranker Menschen
1.5 Die Wirksamkeit der Beziehungsgestaltung
2. Logotherapie nach Viktor Frankl
2.1 Noogene Neurose
2.2 Logotherapie und Existenzanalyse
2.3 Methoden der Logotherapie
3. Sinn und Abhängigkeit
3.1 Erklärungsansätze zur Entstehung von Sinnkrisen
3.2 Sinnkrisen im Jugendalter
3.3 Suchterkrankungen aus existenzanalytischer Sicht
4. Zwischenfazit

III. Methode
5. Methodische Vorgehensweise und Ziele
5.1 Fragestellungen, Hypothesen und Ziele
5.2 Stichprobe und Design
5.3 Leitfadengestützte Experteninterviews
5.4 Datenerhebung und Datenauswertung nach Mayring

IV. Ergebnisse
6. Ergebnisdarstellung
6.1 Aktueller Stand in Einrichtungen der Suchtkrankenhilfe
6.2 Allgemeines zum Thema Sucht
6.3 Suchterkrankungen im Zusammenhang mit Sinnfragen
6.4 Sinnverlust als Ursache für die Entstehung einer Abhängigkeitserkrankung
6.5 Die Integration logotherapeutischer Ansätze
6.6 Die Rolle der Beziehung zwischen Therapeut und Klient

V. Diskussion
7. Ergebnisdiskussion
7.1 Aktueller Stand in Einrichtungen der Suchtkrankenhilfe
7.2 Allgemeines zum Thema Sucht
7.3 Suchterkrankungen im Zusammenhang mit Sinnfragen
7.4 Sinnverlust als Ursache für die Entstehung einer Abhängigkeitserkrankung
7.5 Die Integration logotherapeutischer Ansätze
7.6 Die Rolle der Beziehung zwischen Therapeut und Klient
8. Kritische Reflexion der Methoden

VI. Schlussbetrachtung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang
Interviewleitfaden
Kategorienbildung
Auswertungstabellen

Abstract

Logotherapeutische Ansätze sind in der Sozialen Arbeit nicht weit verbreitet. Dennoch kön-nen Kenntnisse über diese Form der sinnorientierten Therapie zur positiven Erweiterungbzw. Ergänzung des bisherigen multiprofessionellen Fachwissens in der Sozialen Arbeit mitsuchtkranken Menschen beitragen. Da es immer wieder notwendig ist, die Wirksamkeit derBehandlung und Therapie suchtkranker Menschen zu evaluieren und neue Ansätze sowieInterventionsformen zu entwickeln, geht diese Arbeit der Frage nach, ob die Integration lo-gotherapeutischer Ansätze die Wirksamkeit der Sozialen Arbeit mit suchtkranken Menschenverbessern kann. Zunächst werden daher bisherige theoretische Erkenntnisse bezüglichSuchterkrankungen im Allgemeinen sowie der Existenzanalyse und Logotherapie nach ViktorFrankl herangezogen, um im Anschluss daran eine Verbindung zwischen Sucht und der Fragenach dem Sinn herstellen zu können. Bereits der theoretische Hintergrund lässt die Vermu-tung zu, dass das Scheitern an der Frage nach dem Sinn die Entstehung einer Suchterkran-kung begünstigen kann. Somit könnte die Integration logotherapeutischer Ansätze in derSozialen Arbeit mit suchtkranken Menschen die Wirksamkeit der Behandlung verbessern,wodurch eine entsprechende Indikation vorhanden wäre. Diese Vermutung lässt sich aufGrundlage der Ergebnisse der empirischen Studie, die durch Befragungen verschiedener Ex-perten aus Einrichtungen der Suchtkrankenhilfe erhoben wurden, bestätigen. Anhand die-ser Befunde kann auch gezeigt werden, zu welchem Zeitpunkt und in welcher Form Sinnfra-gen in der Arbeit mit suchtkranken Menschen auftauchen, inwiefern eine Integration logo-therapeutischer Ansätze gelingen kann und welche Rolle dabei die Beziehung zwischenTherapeut und Klient spielt. Grundsätzlich kann durchaus von einem Zusammenhang zwi-schen Sucht und der Frage nach dem Sinn gesprochen werden, welcher in der Beratung undBehandlung in unterschiedlicher Form vorkommen kann. Anzumerken ist jedoch, dass Sinnscheinbar mit Zielen und Werten assoziiert werden kann und die Arbeit an Ressourcen undZielen bereits eine geeignete Möglichkeit darstellt, sinnorientiert zu arbeiten.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde in dieser Arbeit ausschließlich die männliche Form von Personen- und Berufsbezeichnungen verwendet. Daher sind sämtliche Adressierungen geschlechtsneutral zu verstehen.

I. Einleitung

„ Wer ein WARUM zum Leben hat,ertr ä gt fast jedes WIE “ (Friedrich Nietzsche)

Die Aussage Friedrich Nietzsches spiegelt im wesentlichen Sinne das wider, was die Existenz-analyse vermitteln und die Logotherapie Viktor Frankls erreichen will. Jeder Mensch be-schäftigt sich im Laufe seines Lebens mit der Frage nach dem Sinn bzw. der Frage nach demWARUM. Warum bin ich hier? Wofür lohnt es sich zu leben? Die Auseinandersetzung mitder Frage nach dem Sinn ist daher etwas zutiefst Menschliches, das nicht zwingend in Ver-bindung mit einer Erkrankung stehen muss (vgl. Frankl 2014: 66ff.). Dennoch geht Frankldavon aus, dass ein Sinnverlust bzw. das Scheitern an der Frage nach dem Sinn eine krank-heitsbildende bzw. krankheitserzeugende Wirkung haben kann, da die Bewältigung krisen-hafter Lebensumstände durch die Frustration bezüglich existenzieller Fragen auf konstruk-tive Art und Weise nicht mehr möglich erscheint (vgl. Ploetz 2008: 54ff.). Vor allem der ge-sellschaftliche Wandel, die hohen Herausforderungen der Gesellschaft an das Individuum,die hohe Eigenverantwortung sowie der Verlust von Traditionen, Werten, usw. bringen dieMenschen dazu, sich mehr denn je mit existentiellen Fragen auseinanderzusetzen.

Wie aber werden Lebenssituationen bewältigt, denen kein subjektiver Sinn zugesprochenwerden kann? Eine scheinbar schnelle, aber destruktive und nur kurzfristige Möglichkeit derBewältigung sehen manche Menschen im Konsum von Substanzmitteln, was folglich in einerAbhängigkeit bzw. Suchterkrankung enden kann. Der Konsum von Suchtmitteln ist seit jeherfester Bestandteil unserer Gesellschaft und unserer Kultur. Dieser kann mit der Entstehungeiner Abhängigkeit einhergehen, in der es dem Menschen nicht mehr gelingt, den Konsumeinzustellen oder alternative Bewältigungsmöglichkeiten zu entwickeln. Ca. 5-7% der Bevöl-kerung sind von einer Abhängigkeitserkrankung betroffen, wobei es sich hier um ein sehrkomplexes Krankheitsbild mit unterschiedlichsten Ursachen handelt (vgl. Ploetz 2008: 45).

Die Soziale Arbeit stellt verschiedenste Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung, die in un- terschiedlichen Einrichtungen durchgeführt werden. Die Wirksamkeit der Therapie ist je-doch immer noch stark begrenzt, da lediglich 50% der Menschen den Weg aus der Suchterfolgreich meistern und ihr Leben abstinent gestalten können (vgl. Ploetz 2008: 45). DieSoziale Arbeit ist also immer wieder dazu angehalten, sich mit der Wirksamkeit der Behand-lung und Therapie suchtkranker Menschen zu beschäftigen, um diese verbessern zu können.Die Logotherapie Viktor Frankls ist in der Sozialen Arbeit bisher wenig integriert und wei-testgehend unbekannt, weshalb in dieser Arbeit darauf aufmerksam gemacht werden soll.Vor dem Hintergrund eines möglichen Zusammenhangs zwischen Suchterkrankungen unddem Scheitern an der Frage nach dem Sinn beschäftigt sich diese Arbeit damit, ob die In-tegration logotherapeutischer Ansätze die Soziale Arbeit mit suchtkranken Menschen in ih-rer Wirksamkeit verbessern kann und inwiefern überhaupt das Scheitern an der Sinnfragemit der Entstehung von Abhängigkeitserkrankungen assoziiert ist. Zudem sollen konkreteMöglichkeiten zur Integration logotherapeutischer Ansätze in der Beratung und Behandlungsuchtkranker Menschen aufgezeigt werden.

Der theoretische Hintergrund dieser Arbeit soll zunächst das Thema Sucht skizzieren und aufdessen Komplexität hinweisen. Danach wird die Logotherapie Viktor Frankls operationali-siert, um im Anschluss eine Verbindung zwischen Sinnfragen und Suchterkrankungen her-stellen zu können. Auf Grundlage der theoretischen Erkenntnisse werden im Rahmen dieserArbeit Interviews mit Experten aus verschiedensten Einrichtungen der Suchtkrankenhilfe ge-führt, deren Ergebnisse zur Beantwortung der übergeordneten Forschungsfrage beitragensollen. Dabei werden die Ergebnisse vor dem Hintergrund der Theorie diskutiert, wodurchGemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet sowie neue Erkenntnisse aufgezeigtwerden sollen, die tiefergehende Überlegungen zum Einsatz logotherapeutischer Ansätzeermöglichen.

II. Theoretischer Hintergrund

1. Suchterkrankungen im Überblick

Um die Vielzahl an existierenden Suchterkrankungen einzuschränken, werden in dieser Ar-beit vor allem Abhängigkeitserkrankungen im Hinblick auf psychoaktive Substanzen, wieDrogen und Alkohol betrachtet. Im Folgenden wird der Suchtbegriff definiert und bezüglichder Bearbeitung der Forschungsfrage erläutert. Des Weiteren werden Erklärungsansätze zurEntstehung einer Abhängigkeitserkrankung sowie komorbide Störungen und die Grundlagenin der Behandlung suchtkranker Menschen dargestellt, um einen Überblick zu verschaffen.Die Grundlagen werden kurz in Bezug auf die Phasen der Behandlung sowie auf grundsätz-liche Prinzipien beleuchtet, wobei erkenntlich werden soll, dass in der Arbeit mit suchtkran-ken Menschen vor allem ein integrativer Ansatz sowie eine mehrperspektivische Betrach-tungsweise eine wesentliche Rolle spielen. Im Anschluss wird auf die Wirksamkeit der Bezie-hungsgestaltung in der Arbeit mit suchtkranken Menschen verwiesen.

1.1 Erläuterung des Suchtbegriffs

Es existieren verschiedenste Definitionen von Sucht, die in unterschiedlichen wissenschaft-lichen Klassifikationssystemen auftauchen, z.B. im ICD-10 oder im DSM-5. Es wird nun imweiteren Verlauf versucht, den Suchtbegriff zu operationalisieren und zu verallgemeinern.

„Der Begriff ‚Sucht’ ist eine verbreitete umgangssprachliche Bezeichnung für die Abhängig-keit von einem bestimmten Stoff oder von bestimmten Verhaltensweisen“ (Gross 2016: 6).Grundsätzlich beschreibt der Begriff Sucht eine Abhängigkeit und damit eine enorme Bin-dung der Person an das süchtige Verhalten, wobei diese dazu führt, dass eine Veränderungdes Verhaltens nicht mehr möglich erscheint, da sie in der Regel mit Entzugssymptomenunterschiedlicher Ausprägung einhergeht (vgl. Tretter 2008: 3ff.). Mit dem Begriff Suchtwird zumeist „der Konsum psychoaktiver Substanzen in Verbindung gebracht“ (Sting 2015:1705). Es handelt sich dabei um legale Substanzen, wie z.B. Tabak, Alkohol und Medika-mente sowie illegale Substanzen, wie z.B. Cannabis, Amphetamine, Kokain, Heroin, usw. (vgl. Sting 2015: 1705). Dabei geht es vor allem um das Herbeiführen eines bestimmten Zustan- des im Hinblick auf Gefühle, das Erleben oder das Bewusstsein, der durch den Gebrauch vonSuchtmitteln oder bestimmten Verhaltensweisen erlangt wird (vgl. Gross 2016: 6). Eine we-sentliche Rolle spielt die Unterscheidung von Konsum und Sucht, da der Konsum nicht auto-matisch mit einer Abhängigkeit oder Suchterkrankung einhergeht (vgl. Sting 2015: 1705),wobei hier „die Eigenmächtigkeit und das Suchtpotenzial vieler Stoffe [...] regelmäßig unter-schätzt [werden]“ (Kuntz 2011: 27). Dies wird auch durch die unterschiedlichen Stadien derSuchtentwicklung ersichtlich. Hierbei „zeigt sich [oftmals] ein fließender Übergang vom ge-legentlichen über das gewohnheitsmäßige Verhalten als Vorstadium zur Sucht über einen,den bestimmungsgemäßen Gebrauch überschreitenden Missbrauch [...] bzw. den schädli-chen Gebrauch (Folgeschäden) bis hin zur Abhängigkeit, bei der man sich nicht mehr andersverhalten kann“ (Tretter 2008: 3). Sucht kann dabei „zugleich ein Bedürfnis mit lebenserhal-tender Funktion in einem als belastend empfundenen Leben und eine schwere behand-lungsbedürftige Krankheit sein [...]“ (Loviscach 1996: 32). Um Sucht bzw. Abhängigkeit bes-ser definieren zu können, gibt es gewisse Kriterien, welche den Begriff allgemein verständli-cher machen. Dazu gehört vor allem die Toleranzentwicklung, die mit einer Steigerung derDosis sowie der Häufigkeit des Konsums einhergeht. Entsprechend dieser Dosis - bzw. Häu-figkeitserhöhung nehmen auch die Entzugserscheinungen zu, wodurch es zu einem Kontroll-verlust kommt, was folglich dazu führt, dass auch bei negativ behafteten Auswirkungen undFolgen der Konsum nicht eingestellt wird (vgl. Gross 2016: 6).

Allein der Konsum psychoaktiver Substanzen bzw. süchtige Verhaltensweisen beschreibenalso noch keine Abhängigkeit. Erst, wenn die oben erwähnten Kriterien auftreten und diePhase erreicht wird, in der eine Veränderung der Verhaltensweise nicht mehr möglich ist,kann von Sucht bzw. Abhängigkeit gesprochen werden. Im Zusammenhang mit der For-schungsfrage wird der Begriff Sucht als eine Form von Abhängigkeit bezüglich der genanntenpsychoaktiven Substanzen - also als stoffgebundene Sucht - verstanden, da diese mit verän-derten Bewusstseins- bzw. Erlebniszuständen einhergehen (vgl. Renn 2002: 10). Die Abhän-gigkeit nach bestimmten Verhaltensweisen wie beispielsweise Magersucht, Kaufsucht,Spielsucht usw. wird nicht berücksichtigt, da dies den Rahmen der Arbeit sprengen würde.

1.2 Erklärungsansätze zur Entstehung von Abhängigkeitserkrankungen

Für die Entstehung von Abhängigkeitserkrankungen gibt es unterschiedlichste Erklärungsan-sätze. Es gilt allerdings anzuerkennen, dass keiner dieser Ansätze absolut wahr ist und eineAbhängigkeitserkrankung niemals nur auf Grundlage eines theoretischen Modells begrün-det werden kann, da sich die verschiedenen Ansätze gegenseitig beeinflussen bzw. begüns-tigen können. Dies wird auch im Ursachendreieck der Sucht von W. Feuerlein deutlich (Ab-bildung 1). Hierbei „bewirken [grundsätzlich] Merkmale der Droge, der Person und der Um-welt in ihrem Zusammentreffen die Suchtentwicklung“ (Tretter 2008: 11). Die Aspekte, wel-che als ursächlich für die Entstehung einer Abhängigkeit anzusehen sind, sind geprägt durchHeterogenität und Komplexität im Hinblick auf unterschiedlichste Zusammenhänge unterei-nander (vgl. Tretter 2001: 68). Im Folgenden wird das Ursachendreieck in Bezug zu biologi-schen Ansätzen, gesellschaftlichen und sozialen Faktoren sowie psychologischen Theoriengesetzt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Modell für die Entstehung der Drogenabhängigkeit (Feuerlein 2008: 19)

1.2.1 Biologische Ansätze

Die Droge beeinflusst süchtiges Verhalten sowie die Ausprägung der Abhängigkeit durch ihreeigenen besonderen Merkmale, beispielsweise die Art und Weise der Einnahme oder dasSuchtpotenzial, aber auch durch ihre spezifische Wirkungsweise (vgl. Knoll 2014: 23; vgl.Tretter 2008: 12; vgl. Feuerlein 2008: 18). Diese Annahme lässt sich durch die bestehendenbiologischen Ansätze zur Entstehung von Abhängigkeitserkrankungen untermauern.

Versteht man süchtiges Verhalten als erlerntes Verhalten, so ist zu beachten, dass das „Ge- hirn [...] ein nach allen Seiten hin offenes biologisches Lernsystem [ist], das seine Neuronen-vernetzungen durch Erfahrungen der wahrgenommenen Umwelt mit seiner eigenen Befind-lichkeit erlebt“ (Böning 2002: 31). Dabei geht es vordergründig um Verstärkung bzw. Ver-meidung von bestimmten Verhaltensweisen, wobei vor allem auch die „Beibehaltung vonstabilisierenden Gewohnheitshierarchien und [die] mögliche[ ] Empfindlichkeitsverstär-kung“ (Böning 2002: 33) eine wesentliche Rolle spielen. Durch das Auslösen positiver Ge-fühlszustände durch die Zufuhr zumeist psychoaktiver Substanzen wird das oben genanntebiologische Lernsystem, welches verantwortlich für bestimmte Vorgänge der Neuronenver-netzung des Gehirns ist, beeinträchtigt. Die positiven Gefühle können dadurch nicht mehrauf natürliche Art und Weise, wie beispielsweise durch Sport, produziert werden (vgl. Lovis-cach 1996: 38f.) und können daher für den suchtkranken Menschen nur durch den Konsumvon Suchtmitteln erreicht werden. In diesem Belohnungszentrum „werden alle Erfahrungenals positiv bewertet, die eine Aktivierung des Zentrums bewirken - gutes Essen, [...] Musik-hören, Sex“ (Ploetz 2008: 49). Dazu zählt auch der Gebrauch psychoaktiver Substanzen, wasjedoch dazu führt, dass die natürliche Produktion der Botenstoffe, z.B. Dopamin, abge-schwächt wird und Glücksgefühle nur noch durch Substanzmittelkonsum erreicht werdenkönnen (vgl. Ploetz 2008: 50). Dabei kann auch ein Zusammenhang mit Erwartungstheorienfestgestellt werden, worin beschrieben wird, dass süchtiges Verhalten zu gewissen Erwar-tungen führt, die wiederum einen erneuten Konsum begünstigen, wie beispielsweise die Er-wartung bezüglich Bewusstseinserweiterung oder Stressabbau durch psychoaktive Substan-zen (vgl. Lesch, u.a. 2009: 14).

Sucht als erlerntes Verhalten kann daher durch klassische Konditionierung und Belohnungs-systeme im Gehirn erläutert werden, die das süchtige Verhalten verstärken können (vgl.Rommelspacher 1999: 29f.; vgl. Heinz, u.a. 2012: 22f.). Die Droge an sich beeinflusst alsodurch ihre Wirkungsmechanismen das süchtige Verhalten sowie die Ausprägung einer Ab-hängigkeitserkrankung.

1.2.2 Gesellschaftliche und soziale Aspekte

Nicht „nur die Droge selbst [führt] zur Abhängigkeit, sondern der Umgang mit ihr“ (Gross2016: 7). Daher sind neben dem oben genannten biologischen bzw. biochemischen Ansatz des Weiteren auch gesellschaftliche und soziale Faktoren zu nennen, welche in der Entste- hung einer Abhängigkeitserkrankung eine wichtige Rolle spielen.

Das Sozialfeld des Ursachendreiecks beschreibt vor allem Besonderheiten im sozialen Um-feld der betroffenen Person, aber auch gesellschaftliche Faktoren, wie z.B. Einstellungenbzw. Haltungen der Gesellschaft gegenüber Drogen und süchtigem Verhalten. Zudem spie-len Konflikte, die durch bestimmte Bedingungen in der Umwelt des Betroffenen entstehenund somit als Auslöser fungieren, z.B. Verlust des Arbeitsplatzes, eine wesentliche Rolle beider Entwicklung einer Abhängigkeit (vgl. Knoll 2014: 23). Vor allem was den Konsum vonAlkohol betrifft, pflegt die Gesellschaft weitestgehend ein positives Bild bzw. eine positiveEinstellung, z.B. wenn es um gelegentliches Trinken zu besonderen Anlässen geht, was aller-dings die Gefahr bzw. die Rechtfertigung einer Alkoholabhängigkeit fördert (vgl. Schneider2010: 169f). Gesellschaftliche Faktoren beziehen sich immer auf verschiedene Gegebenhei-ten im sozialen Umfeld des Einzelnen. „Sie reichen von Gegebenheiten im sozialen Nahr-aum, wie den Interaktionen in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Freizeit, über institutio-nelle Gegebenheiten rechtlicher Regelungen und sozioökonomischer Verhältnisse bis hin zugesellschaftlichen Werten, Normen und Traditionen“ (Renn 2002: 9). Dabei kann von sozia-ler Herkunft, aktueller Lebens- und Wohnsituation, Werbung und Medien, aber auch vonVerfügbarkeit und Zugang zu Suchtmitteln gesprochen werden (vgl. Laucht 2009: 156ff.).Betrachtet man die hohe Zahl an komorbiden Störungen, wie beispielweise Persönlichkeits-störungen, Posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen, dissoziale und affektiveStörungen usw., die oftmals in Verbindung mit einer Suchterkrankung stehen, so lässt sicherkennen, dass vor allem Bindungs- und Beziehungserfahrungen wesentliche Faktoren fürdie Entwicklung einer Abhängigkeit darstellen (vgl. Müller 2001a: 270ff.). Auch die zuneh-menden Herausforderungen und Aufgaben, welche durch gesellschaftliche Erwartungshal-tungen an das Individuum herantreten, haben Auswirkungen auf die Suchtentwicklung(siehe 1.2.3 systemtheoretische Perspektive). In der Regensburger Katamnesestudie wurdedie Behandlung bzw. Therapie bei ca. der Hälfte der ehemaligen Patienten der forensischenPsychiatrie bzw. des Maßregelvollzugs nach §64 StGB als erfolglos eingeschätzt, was auchdort beispielsweise mit negativen Bindungserfahrungen, Isoliertheit sowie schlechtem Bil-dungsstand in Verbindung gebracht wurde (vgl. Hartl 2012: 65ff.).

Das soziale Umfeld eines Menschen kann süchtiges Verhalten sowohl positiv als auch nega- tiv beeinflussen. Eine bedeutende Rolle bei der Suchtentwicklung spielt daher „das individuelle Zusammentreffen von Risiko- und Schutzfaktoren (z.B. stabiles soziales Umfeld) [...]“ (Tretter 2008: 12) eines Menschen. Diese haben Auswirkungen auf den Umgang mit gesellschaftlichen Herausforderungen und Anforderungen sowie auf die Herausbildung individueller Bewältigungsstrategien.

1.2.3 Psychologische Theorien

Letztlich ist vor allem auch die Persönlichkeit, die dritte Seite des Dreiecks, zu nennen. DieStruktur der Persönlichkeit eines Menschen bildet die Grundlage für die Suchtentwicklung(vgl. Knoll 2014: 22). Dabei gilt zu beachten, dass die Persönlichkeitsstruktur von suchtkran-ken Menschen meist schon vor der Entstehung des Suchtverhaltens negativ geprägt ist.„Manche Menschen haben ein persönliches hohes Suchtrisiko [z.B.] depressive u. ängstlicheMenschen [...]“ (Tretter 2008: 12). Ist die Persönlichkeit eines Menschen bereits vor einerAbhängigkeitserkrankung negativ belastet, so wird aus wissenschaftlicher Sicht von einer„prämorbiden Persönlichkeitsstruktur“ (Knoll 2014: 23) gesprochen. Es gibt eine Vielzahl anPersönlichkeitsstrukturen, die sich auf süchtiges Verhalten auswirken bzw. dieses verstärkenkönnen, wie z.B. die abhängige, narzisstische, hysterische, zwanghafte, schizoide als auchdie Borderline- Persönlichkeitsstruktur (vgl. Röhr 2017: 76ff.). Im weiteren Verlauf werdenpsychologische Theorien beschrieben, welche auf Grundlage der Persönlichkeit eines Indivi-duums versuchen, die Entstehung einer Suchterkrankung zu erläutern. Die zentralen Grund-lagen bieten neben der verhaltenstherapeutischen Perspektive auch die psychoanalytischesowie die systemtheoretische Betrachtungsweise, welche daher im weiteren Verlauf darge-stellt werden.

Die verhaltenstherapeutische Perspektive als psychologische Theorie zur Entstehung vonSuchterkrankungen stützt sich auf Sucht als gelerntes Verhalten und kann daher mit demzuvor genannten biologischen Ansatz (siehe 1.2.1) in Verbindung gebracht werden. „Grund-lage dafür sind die Lerntheorien im engeren Sinne (klassisches und operantes Konditionie-ren)“ (Feuerlein 2008: 36). Neuere Ansätze der verhaltenstherapeutischen Perspektive ge-hen allerdings auch davon aus, dass der Mensch in seinem Verhalten Umwelteinflüssen aus-gesetzt ist und von diesen beeinflusst wird. Dies hat auch Auswirkungen auf Einstellungen bezüglich des Konsums psychoaktiver Substanzen. Der Hintergrund der Entstehung einer Suchterkrankung soll auch hier unter Betrachtung und Erforschung von „Wechselwirkungen zwischen biologischen, sozialen, kognitiven und behavioralen Faktoren“ (Feuerlein 2008: 36) verständlich gemacht werden.

Die psychoanalytische Perspektive kann vor allem bezüglich des Ich-psychologischen Ansat-zes betrachtet werden. Dabei kann auf die psychischen Instanzen Es, Ich und Ü ber-Ich zu-rückgegriffen werden. Das Ich fungiert als rationaler Organisator und versucht, das trieb-hafte Es mit seinem Antrieb bzw. seiner Motivation und das auf Vernunft bedachte und ge-wissenhafte Ü ber-Ich miteinander in Einklang zu bringen, was im Falle einer Suchterkran-kung weniger effektiv gelingt (vgl. Tretter 2008: 39f.; Tretter, u.a. 2001: 56f.). Ist das Ich alsOrganisator in seiner Funktionalität beeinträchtigt, führt dies zu Störungen der Affektregu-lation, Urteilsbildung usw., mit der Folge, dass die Vernunft (Ü ber-Ich) abgeschwächt wirdund somit die Motivation (Es) zu erneutem, süchtigen Verhalten steigt (vgl. Lesch, u.a. 2009:16; Tretter 2008: 39f.). Für Menschen, die im ständigen Konflikt mit ihren psychischen In-stanzen leben, kann der Konsum psychoaktiver Substanzen eine entspannende Wirkung ha-ben, da dies die Spannungen zwischen dem Es und dem Ü ber-Ich auflösen kann (vgl. Tretter2008: 39f.). „In dieser Sicht ist die Droge ein Hilfsmittel für das Ich, die (verdrängten) Bedürf-nisse des Es gegenüber dem Ü ber-Ich durchzusetzen“ (Tretter, u.a. 2001: 56).

Die systemtheoretische Perspektive geht davon aus, dass „Abhängigkeiten nicht nur dem In-dividuum zuzuordnen [sind], sondern [...] eine Störung des gesamten Ökosystems auf[zei-gen], in dem ein Mensch lebt“ (Lesch, u.a. 2009: 17). Die systemtheoretische Perspektivebezieht sich dabei auf das Sozialfeld des Ursachendreiecks und beinhaltet daher gesell-schaftliche und soziale Aspekte (siehe 1.2.2). Dabei ist es wichtig anzuerkennen, dass esnicht nur die einseitigen Einflüsse der Umwelt auf das Individuum sind, die zu einer Sucht-entwicklung führen können, sondern dass es vor allem die wechselseitigen Einflüsse bzw.Interaktionsprozesse zwischen dem Individuum und seiner Umwelt sind, welche sich auf dasVerhalten der Person auswirken (vgl. Tretter, u.a. 2001: 61f.). Wie ein Mensch mit den Her-ausforderungen und Aufgaben umgeht, die sich durch das Sozialfeld ergeben, kann mit demBegriff des Coping erläutert werden, der „beschreibt, wie Menschen in bestimmten Situati-onen Möglichkeiten der Bewältigung finden“ (Ploetz 2008: 54). Das Bewusstsein eines Indi-viduums bildet die Grundlage dafür, in Relation mit der sozialen Umwelt zu treten und den darin enthaltenen Interaktionsprozessen durch geeignetes Verhalten gerecht zu werden, wobei der Substanzkonsum die Gestaltung der Relation von Individuum und Umwelt erleichtern kann (vgl. Schiermayr 2015: 12f.). „Das soziale Erleben kann mithilfe von psychoaktiven Substanzen modelliert werden, ohne sich den darstellenden Herausforderungen [des Sozialfeldes] in anderer Art und Weise zu nähern“ (Schiermayr 2015: 13).

Eine Abhängigkeitserkrankung ist zumeist ein Indikator für Konflikte im Inneren des Men-schen, die auch auf seine Persönlichkeitsstrukturen zurückzuführen sind (vgl. Röhr 2017:75f.). Dies wird unter anderem durch die genannten psychologischen Theorien verdeutlicht,wodurch erkenntlich wird, dass Suchterkrankungen auf intra- und interpersonelle Konfliktedes Individuums zurückzuführen sind, die sich sowohl im eigenen Spannungsfeld (psycho-analytische Perspektive) sowie aufgrund der sozialen Umwelt (systemtheoretische Perspek-tive) als auch auf Grundlage von Lernprozessen (verhaltenstherapeutische Perspektive) her-ausbilden und entwickeln können.

1.3 Komorbide Störungen

Auch komorbide Störungen im Sinne von psychischen Erkrankungen spielen im Leben suchtkranker Menschen eine Rolle, wobei oft nicht klar ist, ob die psychische Erkrankung die Entwicklung der Suchterkrankung begünstigt oder ob die Abhängigkeit die psychische Störung ausgelöst hat (vgl. Tretter 2008: 45). Im Folgenden werden komorbide Störungen beschrieben, die mit Suchterkrankungen assoziiert sein können.

Komorbidität meint „die Koexistenz von zwei oder mehr Störungen“ (Maier, u.a. 1999: 83).Neben einer komorbiden Abhängigkeitserkrankung anderer Stoffe oder Substanzen, wiebeispielsweise die gleichzeitige Abhängigkeit von Alkohol und Cannabis oder Tabak, usw.spielt vor allem auch die Komorbidität hinsichtlich der bereits genannten psychischen Er-krankungen eine große Rolle, da diese in etwa der Hälfte der Fälle vorzufinden ist (vgl.Gerhardinger 2017:1). Es wird davon ausgegangen, dass eine solche komorbide Störung beica. 40-60% der Menschen mit einer Abhängigkeitsproblematik vorliegt (vgl. Constantinescu-Fomino, u.a. 2008: 60). Häufig auftretende Störungen im Zusammenhang mit einer Suchter-krankung sind vor allem Persönlichkeitsstörungen (z.B. antisoziale Persönlichkeitsstörun-gen), affektive Störungen (z.B. Depression), Angststörungen (z.B. Phobien) und psychotische Störungen (z.B. Schizophrenie), wobei diese sowohl als Folge einer Suchterkrankung als auch als Ursache auftreten können (vgl. Müller 2001a: 270f.; vgl. Maier, u.a. 1999: 83ff.). Betrachtet man dies beispielsweise auf Grundlage einer Alkoholabhängigkeit, so „kann [diese] depressive Störungen, Angst und psychotische Störungen begünstigen [...] aber auch verdecken oder gar zur ‚Eigentherapie’ eingesetzt werden“ (Gerhardinger 2017:1).

Die Entstehung einer Suchterkrankung kann also auch auf die Koexistenz einer weiteren Stö-rung hinweisen, welche als Ursache für die Abhängigkeitsentwicklung fungieren kann. Isteine psychische Erkrankung der Auslöser für die Entwicklung einer Suchtproblematik, kanndie Selbstmedikation als für den Menschen geeignete Bewältigungsstrategie angesehenwerden. Die Kenntnis über das Vorhandensein komorbider Störungen und die Betrachtungursächlicher Faktoren in der Suchtentwicklung ist daher in der Behandlung suchtkrankerMenschen von wesentlicher Bedeutung, damit eine an das Individuum angepasste Therapieerfolgen kann. „Wo die Störung komplex ist, da bedarf es auch eines multimodalen Vorge-hens“ (Gerhardinger 2017: 1).

1.4 Grundlagen in der Behandlung suchtkranker Menschen

Auf Grundlage der Erklärungsansätze werden im weiteren Verlauf Grundlagen in der Behandlung suchtkranker Menschen dargestellt. Dabei ist es notwendig, sich mit dem Versorgungssystem in der Suchtkrankenhilfe sowie den Phasen einer erfolgreichen Behandlung auseinanderzusetzen, welche jedoch nur kurz beschrieben werden. Im Hinblick darauf werden zusätzlich bestimmte Prinzipien herangezogen, die es innerhalb der Beratung und Behandlung zu beachten gilt, um einen größtmöglichen Erfolg zu erzielen.

1.4.1 Versorgungssystem in der Suchtkrankenhilfe

Im Versorgungssystem suchtkranker Menschen existieren eine Vielzahl an verschiedenenAngeboten und Einrichtungen, wobei die Beratung und Behandlung sowohl ambulant, alsauch teilstationär oder stationär, durch betreutes Wohnen oder Selbsthilfegruppen gewähr-leistet werden kann (vgl. Zeitler 2001: 311ff.). In der professionellen Suchtkrankenhilfe gibtes zudem verschiedene Behandlungsverfahren, wie beispielsweise die sozialen Interventio-nen, Psychotherapie, Pharmakotherapie usw. (vgl. Täschner, u.a. 2010: 117ff.). Um dieser Arbeit gerecht zu werden, wird im weiteren Verlauf nicht ausführlich auf die unterschiedli- chen Settings eingegangen. Anzumerken ist jedoch, dass aufgrund der Heterogenität derZielgruppe ein breites Spektrum an Interventionen innerhalb der Suchtkrankenhilfe angebo-ten wird und diese daher „präventiver, motivationaler, therapeutischer, rehabilitativer,rückfallpräventiver u.a. Art [sind]“ (Sonntag/Tretter 2001: 330). Neben psychosozialen Be-ratungsstellen existieren auch Substitutionseinrichtungen, Entzugsstationen, Rehabilitati-onseinrichtungen im stationären Setting und Nachsorgeeinrichtungen (vgl. Täschner, u.a.2010: 81ff.). Im Folgenden werden die Phasen der Behandlung einer Suchterkrankung dar-gestellt, welche sich oftmals in mehreren verschiedenen Einrichtungen abspielen. Die zuvorgenannten unterschiedlichen psychologischen Theorien zur Entstehung einer Abhängig-keitserkrankung spiegeln sich oftmals in Form eines gewissen Therapieansatzes und somitauch in der Art der Intervention oder des Behandlungsverlaufs wider, wodurch sich Inter-ventionsmaßnahmen in Einrichtungen der Suchtkrankenhilfe unterscheiden können.

1.4.2 Phasen der Behandlung einer Abhängigkeitserkrankung

Der Ablauf einer Behandlung lässt sich, wie auch die Entstehung der Suchterkrankung inPhasen unterteilen, die nacheinander durchlaufen werden. Dabei handelt es sich um dieKontaktphase, die Entgiftungs- bzw. Entzugsphase, die Entwöhnungsphase sowie die Reha-bilitations- bzw. Nachsorgephase (vgl. Schneider 2010: 305ff.; vgl. Constantinescu-Fomino,u.a. 2008: 64ff.). Nach Schneider (2010) geht es in der Kontaktphase vor allem um Motiva-tionsförderung im Hinblick auf Kontaktaufbau, um Diagnose und um Förderung der Verän-derungsmotivation. Erst dann kann die Behandlung beginnen und ein Eintritt in die Entgif-tungsphase stattfinden, die zumeist stationär durchgeführt wird. Die Entwöhnungsphase imAnschluss an die Entgiftung zielt auf die Beendigung der psychischen Abhängigkeit einesMenschen ab, die in der Rehabilitationsphase durch soziale Rehabilitation aufrechterhaltenwerden soll (vgl. Schneider 2010: 305ff.; Sonntag/Tretter 2001: 330ff.).

1.4.3 Prinzipien in der Behandlung suchtkranker Menschen

Um eine erfolgreiche und wirksame Behandlung annähernd erreichen zu können, gilt es,gewisse Prinzipien zu beachten und in den Behandlungsverlauf mit einzubeziehen. Nebendem Wissen über die unterschiedlichen Therapie- und Diagnostikformen, wie beispielsweise die psychoanalytisch orientierte Therapie, die Verhaltenstherapie oder die systemische The- rapie, die verschiedene Ansätze aufweisen, ist es ebenso wichtig, Grundhaltungen und Prin-zipien der Behandlung zu beachten. Da sich eine Abhängigkeit auf Grundlage und im Zusam-menspiel verschiedenster Faktoren entwickelt, wird im Folgenden auf die Notwendigkeit ei-nes integrativen Ansatzes sowie einer mehrperspektivischen Betrachtungsweise aufmerk-sam gemacht.

„Grundsätzlich kann von zwei psychischen Ebenen der therapeutischen Arbeit ausgegangenwerden: [1.] die Ebene des Verhaltens und der Einstellungen (Instruktionsebene; Verhal-tenstherapie) und [2.] die latente Ebene unbewusster Programmierungen (Beziehungs-ebene; Psychoanalyse)“ (Sonntag/Tretter 2001: 340). Durch die bereits genannte Heteroge-nität der Suchterkrankungen gilt es jedoch zu berücksichtigen, dass sich in Behandlung bzw.Therapie von Sucht alle verschiedenen Therapieschulen überschneiden können und aufGrundlage eines jeden Individuums eine gewisse Richtung eingeschlagen werden kann (vgl.Sonntag/Tretter 2001: 340). Dadurch wird auch ersichtlich, dass der integrative Ansatz einewichtige Rolle spielt, um eine individuelle Beratung und Therapie im Hinblick auf „metho-denübergreifende, systematische Verfahren“ (Ebert/Könnecke-Ebert 2007: 161) zu gewähr-leisten. Individuelle Beratung und Therapie bedeutet hier „eine für den jeweiligen Patientenzugeschnittene Kombination psychotherapeutischer, pharmakotherapeutischer und sozial-pädagogischer bzw. -rehabilitativer Maßnahmen“ (Scherbaum 1999: 94).

Grundlegende Prinzipien der Suchttherapie bestehen sowohl aus „Phasenspezifität von The-rapiezielen und -maßnahmen, Berücksichtigung psychiatrischer und somatischer Komorbi-dität sowie sozialrehabilitativer Bedürfnisse in einem multidimensionalen Behandlungsplan[als auch aus] Koordination unterschiedlicher Behandlungsangebote in einem Versorgungs-netzwerk“ (Scherbaum 1999: 94). Es geht jedoch nicht allein um die therapeutische Ausrich-tung, welche in der Suchttherapie Anwendung findet, sondern darum, auf die betroffenePerson abgestimmte Interventionen und Maßnahmen auf Grundlage einer intakten Bezie-hung zwischen Therapeut und Klient durchzuführen (vgl. Sonntag/Tretter 2001: 333).

Vor allem in Bezug auf die Komplexität einer Suchterkrankung ist es notwendig, den „Be-handlungsansatz [...] nach der multidimensionalen Kausalität auszurichten und nicht vorran- gig nach dem Symptom“ (Pauls 2013a: 110). Vordergründig soll es darum gehen, allen Fak- toren, die die Entstehung einer Erkrankung begünstigt haben, Beachtung zu schenken, wobei sich diese sowohl auf sozialer, psychologischer als auch auf biologischer Ebene abspielen können (vgl. Pauls 2013a: 32ff.). Dabei wird davon ausgegangen, dass sich die drei Ebenen wechselseitig beeinflussen und dabei jede Ebene „grundsätzlich auch kausal für die Entstehung von Krankheiten in Betracht kommen“ (Pauls 2013b: 18).

Diese Prinzipien gilt es - sowohl vor dem Hintergrund organischer, psychischer, somatischerund sozialer Folgen, wie z.B. Verlust sozialer Integration und der Anerkennung der Abhän-gigkeit als eine Erkrankung als auch im Hinblick auf komorbide Störungen - zu beachten (vgl.Scherbaum 1999: 68; vgl. Tretter 2008: 45). Auch das Ursachendreieck (siehe 1.2) zeigt auf,wie bedeutend sowohl ein integrativer Ansatz als auch eine mehrperspektivische Betrach-tungsweise bzw. eine bio-psycho-soziale Perspektive ist, um die Suchtentwicklung einesMenschen in seiner Komplexität begreifen (vgl. Petzold 2007: 467f.) und eine individuelleBehandlung gewährleisten zu können. Wird der Inhalt der Behandlung auf mehrperspekti-vischer Ebene betrachtet und kann in Folge dessen in der Beratung und Behandlung festge-stellt werden, dass sich die betroffene Person vermehrt mit Sinnfragen beschäftigt, kanndies ein Indikator dafür sein, die Beratung und Therapie um logotherapeutische Ansätze zuerweitern.

1.5 Die Wirksamkeit der Beziehungsgestaltung

Neben der hohen Bedeutung der mehrperspektivischen Betrachtungsweise sowie eines in-tegrativen Ansatzes in der Behandlung von Menschen mit einer Suchterkrankung spielt vorallem auch die Beziehungsgestaltung zwischen Therapeut und Klient eine wichtige Rolle. DieBeziehung kann hier sowohl dabei helfen - durch Deutung und Interpretation von Interakti-onsgeschehen innerhalb der Behandlung - Ursachen und Hintergründe aufzudecken, alsauch als positive Ressource für den Klienten dienen (vgl. Grawe 2000: 130ff.).

Vor allem vor dem Hintergrund komorbider Störungen sowie der Erklärungsansätze für dieEntstehung einer Suchterkrankung (siehe 1.2), wie beispielsweise negative Bindungs- undBeziehungserfahrungen, wird ersichtlich, dass „der Erfolg der therapeutischen Behandlungvon der Qualität der Beziehung ganz entscheidend abhängt“ (Müller 2001b: 290). Dabei kann es sinnvoll sein, sich zunächst auf die Ursachen der Abhängigkeitsentwicklung zu be- ziehen und diese bewusst zu machen, um im Anschluss gezielt an Möglichkeiten der Bewäl-tigung zu arbeiten. Mit Hilfe einer positiven Beziehung kann es gelingen, den Blick weg vomSymptom der Sucht und hin zum Verstehen der eigenen (unbewussten) Konflikte zu lenkenund somit die Motivation zur Suche nach konstruktiveren Bewältigungsstrategien für daseigentliche Problem zu stärken (vgl. Voigtel 2017: 98ff.). Die Bereitschaft zu einer Verände-rung der Verhaltensweisen bzw. der Bewältigungsstrategien gelingt „in einer Psychothera-pie nur auf dem Boden des Vertrauens, des Angenommen- und Verstandenwerdens“(Täschner, u.a. 2010: 121). Da frühere Bindungs- und Beziehungserfahrungen einen wesent-lichen Beitrag zur Entstehung einer Suchterkrankung leisten können, ist es gerade deshalbessentiell, eine stabile Beziehung zwischen dem Therapeuten und dem Klienten zu gestal-ten. „Der Therapeut sollte auch und gerade bei Suchtkranken alle Regeln der Höflichkeitbeachten, moralisierendes Denken vermeiden und sich bemühen, seine empathischeGrundhaltung auch nach außen hin sichtbar zu machen“ (Müller 2001b: 290). Vor allem vor-herige negative Beziehungserfahrungen machen es dem suchtkranken Menschen schwer,sich auf den Therapeuten einzulassen. Gewisse Grundhaltungen, wie beispielsweise Empa-thie und Wertschätzung spielen daher eine wichtige Rolle in der Beziehungsgestaltung undsind Voraussetzungen für eine Veränderungsbereitschaft.

Eine positive Beziehung zwischen Therapeut und Klient stellt also eine Voraussetzung für dieWirksamkeit der Behandlung dar. Dies lässt sich im Grunde genommen auf alle Behand-lungsformen und Interventionsmaßnahmen übertragen. Wirksam wird die Behandlungdurch die Veränderungsbereitschaft bzw. -motivation eines Klienten, die durch eine gelin-gende therapeutische Beziehung erlangt werden kann. Aufgrund häufigen Auftretenskomorbider Störungen bei Menschen mit Suchterkrankungen, die oftmals durch negativ be-haftete Beziehungserfahrungen auftreten, ist eine gelingende Beziehungsgestaltung vongroßer Bedeutung für den Therapieerfolg. Auch das Ziel der Logotherapie, das Wiederher-stellen des Willens zum Sinn (siehe 2.2), kann auf die Stärkung der Veränderungsbereitschafteines Menschen übertragen und auf Grundlage einer vertrauensvollen Beziehung erreichtwerden.

2. Logotherapie nach Viktor Frankl

Jeder Mensch beschäftigt sich in seinem Leben mit der Frage nach dem Sinn, wodurch dieseein grundsätzliches Lebensthema darstellt, welches mit Suchtmittelerkrankungen in Verbin-dung gebracht werden kann (vgl. Röhr 2017: 49ff). Viktor Frankl hat auf Grundlage noogenerNeurosen die Logotherapie entwickelt, die sich gezielt mit Sinnfragen beschäftigt.Im Folgenden wird daher zunächst der Begriff der noogenen Neurose erläutert, um im wei-teren Verlauf konkret zur Existenzanalyse und Logotherapie überzuleiten und so einen Zu-sammenhang zwischen Sucht und der Frage nach dem Sinn herzustellen. Im Anschluss daranwerden konkrete Techniken der Logotherapie skizziert, um einen Einblick in die Integrationder sinnorientierten Therapie zu erlangen.

2.1 Noogene Neurose

Im Ursachendreieck wurde bereits ersichtlich, dass die Persönlichkeit eines Menschen einen wesentlichen Einfluss auf die Suchtentwicklung und die Ausprägung einer Abhängigkeitserkrankung hat. Auf Grundlage „seiner klinischen Erfahrungen und auf der Basis von statistischen Untersuchungen [geht Frankl] davon aus, dass 20% aller Neurosen noogenen Ursprungs sind“ (Riemeyer 2007: 249). Hier kann auch auf das häufige Auftreten der oben beschriebenen komorbiden Störungen verwiesen werden, da es sich bei der noogenen Neurose um eine solche komorbide Störung handeln kann.

Die sogenannte noogene Neurose entsteht aufgrund eines Gefühls der Sinnlosigkeit im Le-ben eines Menschen, welches Viktor Frankl als „existentielles Vakuum“ beschreibt (vgl.Frankl 2014: 37f.). Kommt es zu einer Frustration bezüglich existentieller Fragen und wirddieser geistige Konflikt krankhaft, so spricht man von eben dieser noogenen Neurose (vgl.Riemeyer 2007: 247f.). „Die ‚noogene Neurose’ (griech. nous = der Geist) ist [dabei] keinklinisches Phänomen, [sondern] sie entsteht durch eine geistige bzw. Sinnproblematik“ (Rie-meyer 2007: 247). Noogene Neurosen „haben ihren Ursprung nicht in der psychologischen,sondern in der ‚noetischen’ [...] Dimension der menschlichen Existenz“ (Frankl 2015: 16). Beider Sinnfrage geht es nach Frankl jedoch nicht um den allgemeinen Sinn des Lebens, son-dern um den Sinn des Lebens eines Individuums, welcher von den Menschen auf ganz un-terschiedliche Art und Weise aufgefasst und wahrgenommen wird (vgl. Frankl 2015: 26).

Wichtig ist es, zwischen dem existentiellen Vakuum und der existentiellen Frustration zu unterscheiden. Das existentielle Vakuum beschreibt den Verlust von Sinn und Werten, der einen Verlust an Motivation mit sich bringt und das subjektive Erleben eines Menschen beschreibt, wobei die existentielle Frustration eher mit einer Sinnkrise vergleichbar ist, bei der es der Person nicht mehr gelingt, den Sinn seiner aktuellen Lebenslage zu erfassen, die Kenntnis über die Existenz von Sinn im Allgemeinen aber noch vorhanden ist. Eine solche Sinnkrise geht oftmals mit Gefühlen der Leere und Langeweile einher (vgl. Riemeyer 2007: 251ff). Betrachtet man beispielsweise die Gründe für rückfälliges Verhalten suchtkranker Menschen, so kommt es immer wieder zu einem Erleben von eben dieser Leere und Langeweile, da das sinnvolle Ziel, abstinent zu leben, bereits erreicht wurde und nun kein neues sinnhaftes Ziel mehr vorhanden ist (vgl. Röhr 2017: 49).

Zu erwähnen ist jedoch, dass eine Sinnkrise nicht zwingend pathologisch ist, sondern einmenschliches Phänomen darstellt (vgl. Frankl 2007: 167ff.). Man spricht erst von einernoogenen Neurose, wenn diese Sinnkrise „faktisch pathogen (pathogen = Krankheit erzeu-gend) [ist], also tatsächlich zu neurotischer Erkrankung führt“ (Frankl 2007: 168) und derZustand das zuvor beschriebene existentielle Vakuum hervorruft (vgl. Riemeyer 2007:252ff.). Dabei sieht sich das Individuum nicht mehr dazu in der Lage, sein Leben autonom zugestalten und Verantwortung für sich selbst zu übernehmen (vgl. Bell 2015: 180f). Betrach-tet man dies aus anthropologischer Sicht, so wird deutlich, dass ein Mensch ein Individuummit Körper, Seele und Geist ist, das sich in seinem sozialen Umfeld bewegt und das sich durchseine Persönlichkeit auszeichnet (vgl. Petzold 2007: 468f.). Die Dreidimensionalität des Men-schen soll es laut Frankl ermöglichen, das Individuum in seiner Gesamtheit zu betrachten(vgl. Riemeyer 2007: 91f.). Diese Persönlichkeit als das, was den Menschen in seiner Existenzausmacht, kann auch als „ Ich-Sein “ bezeichnet werden, das sich durch „ Bewusst-Sein und Verantwortlich-Sein “ (Frankl 2015: 60) auszeichnet. Auch während der Suchtentwicklungund der krankhaften Abhängigkeit entwickelt sich zunehmend ein Gefühl von Leere undSinnlosigkeit des Lebens, wobei diese „Symptome [...] nicht selten überdeutlich das eigent-liche Problem [spiegeln], denn Suchtkrankheit ist eine typische Sinnkrankheit [, deren] Man-gel an Sinn [...] es in der Regel schon vor dem Ausbruch der Sucht [gab]“ (Röhr 2017: 49).

Wird der Blick auf die Entwicklung einer Suchterkrankung im Hinblick auf die Persönlichkeit eines Menschen (Ursachendreieck) gelegt und die Abhängigkeitserkrankung unter Berück- sichtigung der Komorbidität mit psychischen Störungen bzw. seelischen Problemen eines Menschen betrachtet, so kann davon ausgegangen werden, dass noogene Neurosen durchaus einen Faktor in der Suchtentwicklung darstellen können und ihnen daher Beachtung geschenkt werden sollte.

2.2 Logotherapie und Existenzanalyse

Vor dem Hintergrund der noogenen Neurose entwickelte Viktor Frankl in den 1920er und1930er Jahren die sogenannte Logotherapie (vgl. Längle 1997: 13). Die Existenzanalyse stelltdabei eine anthropologische Theorie dar, die sich damit beschäftigt, was die Existenz einesMenschen ausmacht und wann diese als erfüllend oder sinnvoll wahrgenommen wird, wo-bei die Logotherapie als praktische Methode zur Auseinandersetzung mit dem Sinn einge-setzt wird (vgl. Längle 1997: 13). „ ‚Logos’ bedeutet im Griechischen soviel wie ‚Geist’, ‚Sinn’,‚Vernunft’, [usw., wobei] Frankl [...] den Logos das ‚objektiv Geistige’ [nennt] und [...] diesesvom ‚subjektiv Geistigen’ des Menschen - der Existenz“ (Riemeyer 2007: 130) abgrenzt.

Die oben genannte Dreidimensionalität des Menschen (Körper, Seele, Geist) erweitert diepsychoanalytische Perspektive, welche sich mit biologischen und psychologischen Aspektenbeschäftigt, um eine weitere Komponente, die geistige (vgl. Riemeyer 2007: 93). Währendsich die Psychoanalyse damit beschäftigt, Vorgänge innerhalb der Seele bzw. Psyche einesMenschen bewusst zu machen, so ist die „Existenzanalyse darum bemüht [...], im besonde-ren [Maße] das Verantwortlichsein - als Wesensgrund der menschlichen Existenz - demMenschen zum Bewußtsein zu bringen“ (Frankl 2014: 66). Bezieht man alle psychogenenNeurosen in die existenzanalytische Sichtweise mit ein, so kann die Logotherapie als Erwei-terung bzw. Vervollständigung psychotherapeutischer Maßnahmen als auch somatothera-peutischer Interventionen angesehen werden (vgl. Frankl 2007: 174). Die Logotherapie ver-sucht, den Menschen dabei zu unterstützen, sein Leben auf eine für ihn sinnvolle Art undWeise zu gestalten, wobei es bei Sinnsuche und Sinnerfüllung vordergründig um die Ver-wirklichung von Werten geht, indem der Mensch diese lebt (vgl. Riemeyer 2007: 288f.). „Lo-gotherapie bedeutet soviel wie ‚Sinntherapie’ bzw. sinnorientierte Therapie’“ (Riemeyer2007: 130). Sie bezieht sich in ihrer ganzheitlichen Betrachtungsweise des Menschen aufanthropologische, psychotherapeutische, und philosophische Grundlagen und zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie auf Gegenwart und Zukunft bedacht ist und sich weniger mit der Vergangenheit eines Menschen beschäftigt, wie vergleichsweise die Psychoanalyse (Fallverstehen), was jedoch nicht bedeutet, dass das Verständnis für das Gewordensein einer Person keine Rolle spielt (vgl. Riemeyer 2007: 140f.). „Die Logotherapie betont [lediglich] stärker [...], dass niemand ein Gefangener seiner eigenen Vergangenheit bleiben müsse [und diese] für Frankl [...] nur das Sprungbrett für den Sprung in die gegenwärtige Sinnerfassung dar[stellt]“ (Riemeyer 2007: 141).

Betrachtet man die Existenzanalyse und Logotherapie im Zusammenhang mit Suchterkran-kungen, so lässt sich erkennen, dass der integrative Ansatz und die mehrperspektivische Be-trachtungsweise, welche Grundlagen in der Behandlung suchtkranker Menschen darstellen,durch den Einbezug existenzanalytischer Sichtweisen und logotherapeutischer Maßnahmendurchaus erlangt werden können. Spielen noogene Neurosen oder Sinnfragen im Lebensuchtkranker Menschen eine entscheidende Rolle, so kann es sinnvoll sein, logotherapeuti-sche Angebote in den Behandlungsplan zu integrieren, beispielsweise in Form einer Sinn-gruppe. Der Wille zum Sinn ist es letztlich, der in der Behandlung wieder hervorgehobenwerden soll und somit den Willen zur Lust in den Hintergrund rückt (vgl. Frankl 2017: 101),welcher sich im Falle einer Suchterkrankung in Substanzkonsum äußern würde.

2.3 Methoden der Logotherapie

Die Logotherapie zielt, wie bereits genannt, auf das Wiederherstellen des Willens zum Sinnab. Es wird versucht, die beiden menschlichen Phänomene bzw. Fähigkeiten des Menschenzur „Selbsttranszendenz“ und „Selbstdistanzierungsfähigkeit“ zu stärken (vgl. Riemeyer2007: 156ff.; vgl. Frankl 2017: 118ff.). Dadurch soll vordergründig eine veränderte Sicht-weise auf das eigentliche Problem bzw. die Symptomatik erlangt werden, indem sie sich vomSymptom ab- und sich stattdessen dem Menschen an sich zuwendet (vgl. Kroll 1990: 19ff.).Die Logotherapie bietet zwei Techniken, die zur Stärkung der beiden Phänomene beitragenkönnen. Dabei handelt es sich um die paradoxe Intention und die Dereflexion, die im Fol-genden kurz erläutert werden.

Bei der paradoxen Intention soll das Klientel dazu angehalten werden, sich in humorvollerWeise mit seinen Ängsten und Problemen auseinanderzusetzen. Dabei soll versucht werden, sich genau das zu wünschen, was man eigentlich vermeiden will, wodurch negativ behaftete Gedanken und Einstellungen neutralisiert werden sollen (vgl. Kroll 1990: 19; vgl. Riemeyer 2007: 160f.). „Diese Technik wird überall dort angewandt, wo eine Störung in einer Erwartungsangst [...] gründet und diese Angst zu einer Flucht vor dem Befürchteten [...] führt (Riemeyer 2007: 160). Humor ist dabei ein wesentliches Element der Technik und hilft dabei, das Problem bzw. Symptom zum Objekt zu machen und von sich selbst zu distanzieren (vgl. Frankl 2007: 177ff.) Überträgt man dies auf die Entwicklung einer Sucht, so kann man davon ausgehen, dass diese Flucht eine Bewältigungsstrategie darstellt, um Problemen bzw. erwarteten Problemen zu entfliehen. Die paradoxe Intention eignet sich in der Praxis gut in Zusammenhang mit Entspannungsverfahren (vgl. Kroll 1990: 19).

Bei der Methode der Dereflexion „geht es darum, den Patienten von seiner krankhaftenSelbstbeobachtung zu befreien, indem er sein Augenmerk auf andere Dinge des Lebens“(Kroll 1990: 22) legt. Sich selbst zu ignorieren bzw. sich von dieser Selbstbeobachtung zubefreien, gelingt nur durch die Ausrichtung und Hingabe auf den eigentlichen Sinn seinerExistenz (vgl. Frankl 2007: 194ff.). Dabei geht es um die konkrete und gezielte Ausrichtungauf bzw. Zuwendung zu etwas, das für den Einzelnen sinnerfüllend erscheint, mit dem Ziel,das eigentliche Problem bzw. Symptom auszublenden bzw. zu schwächen (vgl. Kroll 1990:22f.; vgl. Frankl 2007: 194ff.). „Der Patient soll [dabei die] Aufmerksamkeit auf die in seinerSituation enthaltenen Werte und Sinnverwirklichungsmöglichkeiten lenken“ (Riemeyer2007: 157).

Die beiden Techniken der Logotherapie versuchen, den Menschen dabei zu unterstützen, den Fokus auf Werte und sinnerfüllende Möglichkeiten im Leben zu legen und sich diesen hinzugeben bzw. über sich selbst hinauszuschauen und dadurch das Problem von sich zu distanzieren. Dies erhöht die Möglichkeit zur Wiederherstellung des Willens zum Sinn und zeigt Sinnmöglichkeiten in bestimmten Lebenssituationen auf. Im Falle einer Suchterkrankung kann es durch diese Techniken gelingen, den Blick weg von den Gründen der Suchterkrankung, z.B. Affektregulation, Bewusstseinserweiterung usw. und hin zu sinnerfüllenden Möglichkeiten zu richten. Auch im Falle von Entzugserscheinungen könnten diese Techniken Anwendung finden und somit eventuell einen Rückfall verhindern.

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Ende der Leseprobe aus 109 Seiten

Details

Titel
Sucht und die Frage nach dem Sinn. Über den Einsatz logotherapeutischer Ansätze in der Sozialen Arbeit mit suchtkranken Menschen
Hochschule
Hochschule für angewandte Wissenschaften Landshut, ehem. Fachhochschule Landshut
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
109
Katalognummer
V429573
ISBN (eBook)
9783668734722
ISBN (Buch)
9783668734739
Dateigröße
766 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziale Arbeit, Sucht, Sinn, Logotherapie
Arbeit zitieren
Rebecca Rederer (Autor), 2018, Sucht und die Frage nach dem Sinn. Über den Einsatz logotherapeutischer Ansätze in der Sozialen Arbeit mit suchtkranken Menschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429573

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