Bodo Wartkes "König Ödipus" unter Betrachtung der Komik-Theorie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

27 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Einführung
1. Komik und Humor
2. Komik-Theorie

3. Analyse
1. Komische Inszenierung
2. Komische Wirkung

4. Zusammenfassung der Ergebnisse

Literaturverzeichnis

1. EINLEITUNG

Komik ist die der Tragik entgegengesetzte Weise des Weiterlebens.1

Ein entscheidendes Merkmal der Komik, sowie der Komödie, ist der positive Ausgang. Eine Komödie, wie beispielsweise Heinrich von Kleists Der zerbrochene Krug (1808), muss unweigerlich mit der Begnadigung des schuldigen Richters und der Aussöhnung des Liebespaares enden. Ein Witz oder eine Situation wird nur als komisch empfunden, wenn dabei niemand ernsthaft zu Schaden kommt. Dieser Aspekt der ‚Harmlosigkeit der Komik‘ dient laut dem Metzler Lexikon Literatur „wie in der späteren Komödientheorie zur Abgrenzung von der Tragik“, da sie „in jedem Fall die Distanziertheit des wahrnehmbaren Subjekts von schändlichen Folgen“ voraussetzt.2

Unter dieser Prämisse scheint es zunächst unmöglich, ein antikes Drama wie Sophokles König Ö dipus (436-433 v.Chr.) als Untersuchungsgegenstand für eine Analyse der Komik-Theorie verwenden zu können. Auch wenn Ödipus sich seiner Schuld nicht bewusst ist und somit für einen Teil der Handlung nach Sophokles in Distanz zu der Bestrafung steht, die seinen gesuchten Mörder erwartet, muss er letztlich die Folgen seiner Taten unweigerlich tragen. Trotzdem wird auf der DVD-Hülle zu der Aufnahme von Bodo Wartkes Solo-Theater König Ö dipus (2010)3 mit den Worten „Ein rappender Monarch und ein Plüschlöwe in einer Tragödie - geht das? Und wie!“4 geworben.

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der komischen Inszenierung und Wirkung von Bodo Wartkes Inszenierung des griechischen Stoffes. Der Live-Mitschnitt der Aufführung wurde unter der Bild- und Bühnenregie von Sven Schütze im Schmidt Theater in Hamburg am 24. und 25. August 2009 abgefilmt.5 Sie zeichnet sich besonders dadurch aus, dass Bodo Wartke selbst als einziger Darsteller insgesamt 14 verschiedene Rollen spielt. Unterstützt wird der Kabarettkünstler in diesem Vorhaben bei der filmischen Variante durch besondere Entscheidungen hinsichtlich der Kameraführung und Schnitt. In einen Vorwort spricht der Regisseur Sven Schützeüber die Entstehung der Aufzeichnung und dem Versuch, die ursprüngliche Theatervorstellung von Wartke für die DVD nicht zu dokumentieren, sondern zuübersetzen.6 Sie entschieden sich, „alle Register zu ziehen, die [ihnen] das Medium Film bietet“.7 Es wurde in verschiedenen Winkeln gefilmt, in Nahaufnahmen und von der Decke aus. Die Aufnahmen wurden nicht nur zusammengeschnitten, sondern auch ausgeschnitten, um beispielsweise die Rollenwechsel fließend ineinanderübergehen zu lassen, „wenn die Interaktion zwischen den Figuren verstärkt wird, in dem Moment wo man den Wechsel nicht sieht“.8 In Form der im Jahr 2010 auf DVD erschienenen Aufnahme, wurde diese Inszenierung des antiken Dramas wegen ihrer kontrastierenden Herangehensweise an den tragischen Stoff als Analysegegenstand für diese Hausarbeit ausgewählt.

Die Untersuchung soll aufzeigen, welche Mittel der Kabarettist zur Erzeugung von Komik verwendet. Ein bedeutender Aspekt der Betrachtung wird dabei auf die Zuordnung von komischen Momenten der Aufführung in die theoretischen Kategorien von Sprach-, Figurenund Handlungskomik, sowie Überlegenheits-, Entlastungs- und Inkongruenzkomik gelegt. In Bezug auf die Ergebnisse der Analyse soll dann außerdem eine Antwort auf die Frage gegeben werden, ob die Entscheidung zu einer speziellen Inszenierungsart sich bei der Genrebestimmung eines Theaterstücks, insbesondere von Tragik zu Komik,über den Text hinwegsetzen kann. Abschließend soll eine Überlegung dahingehend erfolgen, welche Gründe Bodo Wartke und Sven Schütz für die Auswahl und den differenzierten Umgang mit dem griechischen Material für ihre Version gehabt haben könnten.

Aus dieser Fragestellung ergibt sich folgende Gliederung: In einem ersten Schritt soll in knapper Form der Versuch unternommen werden, die Begriffe von Komik und Humor voneinander zu differenzieren (Kapitel 2.1). Anschließend sollen die wichtigsten Strömungen der Komik-Theorie kurz genannt und die für die Analyse entscheidenden Arten und Kategorien von Komik erläutert werden (Kapitel 2.2). Die Analyse des Theaterstücks steht im Zentrum der Arbeit und gliedert sich in zwei Schwerpunkte: Kapitel 3.1 befasst sich zunächst mit der komischen Inszenierung von Bodo Wartke durch Sprach-, Figuren- und Handlungskomik. Kapitel 3.2 versucht anschließend, die Wirkung dieser komischen Mittel auf das Publikum gemäßder ausgewählten Begrifflichkeiten der Komik-Theorie zu kategorisieren. Für die Untersuchungen der Kapitel 3.1 und 3.2 werden allgemeine Hilfsmittel und Verhaltensweisen von Bodo Wartke genannt und beispielhaft erläutert, die sichüber die gesamte Inszenierung erstrecken. Für die Kategorisierung wird zudem eine ausgewählte Szene mit festgelegtem Zeitrahmen umfangreicher analysiert. Dabei handelt es sich um den ersten Teil der Szene, die in der DVD-Hülle von König Ö dipus (2010) als ‚Teiresias‘9 bezeichnet wird. Im letzten Schritt (Kapitel 4) erfolgt eine knappe Zusammenfassung der wichtigsten Analyseergebnisse mit Blick auf die Leitfragen dieser Arbeit.

2. EINFÜHRUNG

2.1 KOMIK UND HUMOR

Nach dem Metzler Lexikon Literatur ist der sogenannte ‚Humor‘ zunächst „eine psychologische Disposition, nämlich die Fähigkeit, im Angesicht menschlicher Beschränkung zu lachen“.10 Und die „Darstellung dieser Fähigkeit kann dann zumästhetischen Prinzip literarischer Werke werden“. 11 Die Fähigkeit,über komische Momente zu lachen, macht also unseren Humor aus, während humorvolle Werke dadurch entstehen, unseren Humor darstellen zu können. In diesem ersten Versuch einer Einzeldefinition zeigt sich bereits, dass Humor nicht vollständig ohne Bezugnahme auf Komik erklärt werden, aber diesem zweiten Begriff auch nicht gleichgesetzt werden kann.

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Humor beginnt mit der antiken Humorpathologie, in der Beschäftigung mit „Körpersäften wie Blut, Schleim und Galle“.12 Über die Jahrhunderte hat der Begriff dann einige semantische Veränderungen durchgemacht, von der ‚philosophischen Temperamenten-Lehre‘ des Mittelalters und dem Gebrauch im angelsächsischen Raum im 16. Jahrhundert für eine ‚spezifische Gemütsfassung‘,13 zum „bürgerlichen Gegenbegriff gegen die als höfisch-aristokratisch diskreditierten Formen des zynischen, aggressiven, geistreichen oder frivolen Witzes“ im 18. Jahrhundert.14 Im 19. Jahrhundert, der „Hauptepoche humoristischer Literatur“ vollzieht sich eine Wendung von derästhetischen zur psychologischen Lesart von Humor als „Bezeichnung für unernste Spaßkultur“.15 In der neuzeitlichen Literaturtheorie wird Humor schließlich als eine „historisch variable Schreibweise“ betrachtet, die sich „verschiedenartiger Techniken des Komischen bedient mit dem Ziel, die Diskrepanz zwischen Eigentlichem und Uneigentlichem auszugleichen“.16

‚Komik‘ bezeichnet Christoph Deupmann im selben Band als eine „Lachen erregende Eigenschaft eines Gegenstands oder Person“17 und ‚das Komische‘ als das „entsprechende künstlerische oder lebensweltliche Phänomen“.18 Die Etymologie des Wortes besagt, dass sich ‚Komik‘ bis Mitte des 18. Jahrhunderts nur auf die Komödie bezog und dann „von dort aus zur Bezeichnung der Eigenart außerkünstlerischer Phänomene“übergegangen ist.19 Es wird weiter die Unterscheidung getroffen zwischen Komik auf formaler Ebene und auf wirkungsbezogener Ebene: „Formal lässt sich zwischen Sprach-, Verwandlungs-, Situations- und Charakterkomik, wirkungsbezogen zwischen heiterer und drastischer Komik (Groteske) unterscheiden“.20 Das Lachen ist dabei der Ausdruck der Wahrnehmung von Komik. Dieses ‚heitere Lachen‘ wird in der Forschung wiederum abgegrenzt vom ‚aggressiven Verlachen‘. Ersteres vermittelt „das komisch Abweichende tendenziell versöhnlich und humorvoll“, letzteres beschreibt „das Vergnügen an komischen Fehlern“21 und wird oft als unmoralisch angesehen. Nur das Lachen wird als Ausdruck von Komik angesehen, während das Verlachen „seit dem 18. Jahrhundert unter dem Namen des ‚Lächerlichen‘ Gegenstand der Satire“ ist.22 Im Lexikon wird Humor also als ‚psychologische Fähigkeit‘ eines Menschen beschrieben und Komik als eine ‚Eigenart‘ und ‚Eigenschaft‘ eines Gegenstandes oder Person. Beide Begriffe werden dabei in separaten Beiträgen von unterschiedlichen Verfassern definiert, aber auch miteinander in Verbindung gebracht. Dies geschieht einmal in Bezug auf die schottische Moralphilosophie, in der Humor „im Gegensatz zur objektiven Kategorie der Komik - als eine subjektive Kategorie definiert und als ‚bleibende Lebenshaltung‘ von der nur temporären ‚Laune‘ (temper) unterschieden“ wird.23 Weiter sagt Urs Meyer aber auch, Humor bilde das ‚seriös Komische‘ ab, im Gegensatz zum ‚niedrig Lächerlichen‘.24 Bei diesen niedrigeren Freuden handelt es sich um ‚Spaß‘, ‘populären Witz‘, ‚albernen Scherz‘, ‚Amüsement‘ und ‚Schadenfreude‘.25

Tom Kindt nennt in seiner Begriffserklärung zum Humor die „Aufgeschlossenheit gegenüber dem Komischen“ als wichtige Voraussetzung für diesen, sowie „eine gelassene Haltung gegenüber den Unzugänglichkeiten des Lebens [...] und eine wohlwollende Spielart der Komik, die als Ausdruck dieser Gelassenheit verstanden wird“.26 Dies verdeutlicht einerseits, dass die Einstellung einer Person hinsichtlich der Komik erheblichen Einfluss auf deren Humor hat. Andererseits wird aber mit der Formulierung der ‚wohlwollenden Spielart‘ noch einmal betont, dass sich die Aussagen auf das heitere Lachen beziehen, aber nicht auf verlachende Themenfelder des Komischen wie Ironie, Schadenfreude und Satire. In seinen Studienüber das Wesen von Komik, Tragik und Humor (1968) nähert sich Franz Forster den Begriffen aufähnliche Weise wie das Lexikon: Er betrachtet die drei Eckpfeiler seiner Untersuchung zunächst als Einzelphänomene und setzt sie dann ins Verhältnis zueinander. Unter der Voraussetzung, dass der Mensch den ‚Weltstoff‘ erst durch sein Erfassen und Beurteilen komisch macht und diese Beurteilung nicht für jeden Menschen gleich ausfällt, nennt er Komik eine ‚fallweise Erscheinung‘.27 Umgangssprachlich wird zudem davon gesprochen, etwas als komisch zu empfinden. Das Phänomen der Komik ist also „ein ‚etwas‘, das man nicht in sich hat, sondern dem man gleichsam gegenübersteht“.28 Über Humor sagt man dagegen im Alltag: „Jemand ‚hat‘ Humor, jemand zeigt Humor, jemand erträgt etwas mit Humor, jemand beurteilt etwas humorvoll“.29 Humor ist dementsprechend eine innere, menschliche Haltung.30 Im Gegensatz zur Komik kann Humor auch Ausdruck einer ‚Welt- und Lebensanschauung‘ sein. Wo Formen der Komik von ‚punktueller Natur‘ sind, ist Humor zeitlich andauernder.31 Vor allem setzt Forster die Begriffe aber in ein Verhältnis von ‚Zweck‘ und ‚Mittel‘: „Komik und Humor können im Verhältnis von Zweck und Mittel stehen; sie müssen unseres Erachtens aber nicht in diesem Verhältnis stehen; [...] Auf keinen Fall aber sind die Rollen vertauschbar, so daßKomik der Zweck und Humor das Mittel wäre“.32

3.2 KOMIK-THEORIE

Die Auseinandersetzung mit Komik-Theorie beginnt in der Antike und ist noch heute „Gegenstand literaturwissenschaftlicher,ästhetischer, anthropologischer, ethnologischer und psychologischer Forschung“.33 Schon Platon stellte in seinem Philebos (ca. 360 v.Chr.)

Überlegungen zum Wesen des Lächerlichen an.34 Aristoteles definiert Komik als einen „mit Hässlichkeit verbundenen Fehler [...], welcher keinen Schmerz und kein Verderben verursacht“.35 Jean Paul setzt sich in seinem Text Vorschule der Ästhetik (1804) kritisch mit den Positionen von Immanuel Kant, Schiller und Aristoteles auseinander und ernennt das Lächerliche zum ‚Erbfeind des Erhabenen‘,36 denn „dem unendlich Großen, das die Bewunderung erweckt, mußein ebenso Kleines entgegenstehen, das die entgegengesetzte Empfindung erregt“.37 In der psychologischen Betrachtung von Sigmund Freudüberwindet der Witz ein „gesellschaftliches oder kulturelles Hindernis (Tabu, Konvention) oder eine innere Hemmung (einen Widerstand, der durch Bildung oder Sozialisation hervorgerufen wird) und erlaubt es, sich momentan vom Verdrängungsdruck zu befreien“.38 Die psychische Energie, die normalerweise aufgebracht wird, um unsere Hemmschwellen aufrecht zu erhalten, wird dabei eingespart und mündet ins Lachen.39 Als Hauptvertreter der Lebensphilosophie versteht Henri Bergson die Komik in Das Lachen (1914) als eine ‚Mechanisierung des Lebendigen‘.40 Wenn dieses Lebendige „in seinem Gegensatz, nämlich als etwas Starres und Mechanisches erscheint“,41 beispielsweise durch Wiederholungen oder monotone Sprache, handelt es sich dabei um wesentliche Kennzeichen von lebensphilosophischer Komik. Wolfgang Iser ist Begründer des sogenannten ‚Kipp- Phänomen‘, welches davon ausgeht, dass „die im Komischen zusammengeschlossenen Positionen sich gegenseitig negieren“ und „dieses Verhältnis ein wechselseitiges Zusammenbrechen dieser Positionen“ bewirkt.42 Er betont mit dem Bildnis zudem, dass komische Verhältnisse generell instabil sind, da das Kippen der einen Position niemals die andere automatisch triumphieren lässt.43 Ausgangspunkt für komparatistische Auseinandersetzungen mit Komik der Neuzeit ist die bereits im späten 18. Jahrhundert aufgekommene Einsicht, dass „Komik keine manifeste Eigenschaft von Gegenständen ist, sondern eine Zuschreibung, die von verschiedenen kontextuellen Bedingungen abhängen kann“.44

Die Inkongruenztheorie, die Überlegenheitstheorie und die Entlastungstheorie sind „drei Grundtypen von Verständnissen des Komischen“,45 die laut Tom Kindt dazu verwendet werden, einen „groben Überblicküber die fast 2500-jährigen Anstrengungen“46 der Reflexion zum Komischen zu erhalten. Das Modell der Inkongruenztheorie setzte sich in der Aufklärung durch und wurde vor allem durch Francis Hutcheson und James Beattie angeregt.47 Beattie stellte 1778 eine Formel auf, die „das Komische ausdrücklich auf das Inkongruente zurückführt“,48 also auf Kontraste und Widersprüche. Er sagt: „Laughter arises from the view of two or more inconsistent, unsuitable, or incongruous parts or circumstances, considered as united in one complex object or assemblage”.49 Vertreter dieser bestimmenden Komiktheorie gehen davon aus, dass „sich Komik nur unter Einbeziehung der Wahrnehmung eines Missverständnisses verstehen lässt“,50 oder in der Verknüpfung von zwei oder mehr gegensätzlichen Elementen. Es „widerstreiten das Erhabene und das Banale, die hehre Idee und der schnöde Alltag, Hohes und Niederes, Begriff und Erscheinung, spirituelles Ideal und materielle Wirklichkeit - und tendenziell siegt das Einfache, Unverstiegene, Körpernahe“.51 Ein Beispiel wäre die ‚verquere Logik‘ der Frage: „Wenn sich das Universum unaufhörlich ausdehnt, warum finde ich dann keinen Parkplatz?“ als Verbindung von anspruchsvoller Kosmologie und trivialen Alltagsproblemen.52 Bei Witzen findet sich die Inkongruenz ausdrückende Diskrepanz häufig in derüberraschenden Pointe.

Thomas Hobbes bestimmt Komik „psychologisch aus dem plötzlich empfundenen Überlegenheitsgefühl gegenüber einem anderen“.53 Die Überlegenheitstheorie sieht eine Verbindung zwischen dem ‚Fehlerhaften‘ und dem ‚Lachen Erregenden‘.54 Ansätze dieser Überzeugung sind bereits von Platon und Aristoteles, sowie Cicero und Quintilianüberliefert. In neuzeitlichen Debatten wird der Ansatz jedoch nicht mehr als umfassende Theorie behandelt, nachdem Autoren wie Hutcheson und Lessing im 18. Jahrhundert dargelegt haben, dass „Überlegenheit für Komik weder notwendig noch hinreichend“ sei.55 Fürsprecher des Modells gehen davon aus, dass „das Lächerliche mit einer Wahrnehmung von Unzulänglichkeiten im Zusammenhang steht, die im Wahrnehmenden ein Gefühl der Größe oder zumindest der Erleichterung darüber hervorruft, selbst nicht betroffen zu sein“.56 Die Entlastungstheorie ist das jüngste der drei Modelle. Sie gewann im 19. Jahrhundert vor allem durch die Untersuchungen von Herbert Spencer und Sigmund Freud an Einfluss auf die literarische Forschung.57 Das Komische geht laut ihrem Ansatz „mit der als lustvoll erfahrenen Befreiung von moralischen und rationalen Kontrollanstrengungen einher, die Personen in sozialen Zusammenhängen gemeinhin zu erbringen haben“.58 Während davon ausgegangen werden kann, dass Inkongruenz und Überlegenheit reaktiv komische Konstruktionen beantworten, besagt die Entlastungstheorie, dass das Lachen umgekehrt aber auch eine Vorbedingung für die humoristische Interaktion sein kann.59 Solche ‚komische Spannungslösung‘ tritt in alltäglichen Situationen beispielsweise auf, wenn „Reizpotential zwischen den Personen einer Gruppe (Büro, Familie, Schulklasse) durch ein schlagfertiges Witzwort explosionsartig verpufft“.60 Entscheidend für das Entlasten eines Augenblickes durch Komik ist dabei der Überraschungseffekt.61

Handlung, Figur und Sprache sind grundlegende Bauelemente der Tragödie, sowie der Komödie.62 So gehören dementsprechend Sprach-, Handlungs- und Figurenkomik zu allgemeingültigen Mitteln bei der Konstruktion von Komik auf formaler Ebene. Sprachkomik tritt vor allem in Form von „Wortspielen, Wortverdrehungen und Kalauern, sei’s als schlagfertiger Gag, sei’s versehentlich als Fehlleistung“ auf.63 Auf Ebene des Erzählers wird die Sprachkomik bei komischen Texten „meist durch ironische und selbstreflexive Bemerkungen, Kommentare und die parodistische Aufnahme von Intertexten“ charakterisiert.64

[...]


1 Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 4. Verbesserte und erweiterte Auflage. Stuttgart: Kröner 1964, S. 339.

2 Deupmann: Komik. In: Dieter Burdorf/Christoph Fasbender/Burkhard Moenninghoff (Hg.): Metzler Literatur Lexikon. Begriffe und Definitionen. 3. neu bearb. Aufl. Stuttgart/Weimar: Metzler 2007, S. 389-390, hier S. 389.

3 Der Film wird hier und nachfolgend nach der Ausgabe Bodo Wartke/Sven Schütze (Produzenten): König Ödipus. Solo-Theater von und mit Bodo Wartke. 2. Ausgabe. Hamburg: Reimkultur GmbH & Co. KG 2010. Fassung: DVD. mit dem Kürzel ‚B‘ versehen. Er wird zitiert nach dem Muster B: Zeit. Die Zitate aus der Haupt-Aufführung beziehen sich auf Disc 1 des DVD-Set. Bei den direkten Zitaten handelt es sich um meine Transkription.

4 B: DVD-Hülle.

5 Vgl. B: DVD-Hülle.

6 Vgl. Sven Schütze: Interessantes & Skurriles. Einführung des Regisseurs zur DVD. Disc 1. In: Bodo Wartke/Sven Schütze (Produzenten): König Ödipus. Solo-Theater von und mit Bodo Wartke. 2. Ausgabe. Hamburg: Reimkultur GmbH & Co. KG 2010. Fassung: DVD.

7 Ebd., 2:20-2:23.

8 Vgl. Ebd., 3:12-3:20.

9 B: 50:35-1:01:00. Die Analyse beschränkt sich auf die Zeitspanne 50:35 bis 55:40 des Kapitels.

10 Urs Meyer: Humor. In: Dieter Burdorf/Christoph Fasbender/Burkhard Moenninghoff (Hg.): Metzler Literatur Lexikon. Begriffe und Definitionen. 3. neu bearb. Aufl. Stuttgart/Weimar: Metzler. 2007, S. 332-333, hier S. 332.

11 Ebd.

12 Ebd.

13 Vgl. Ebd.

14 Ebd.

15 Ebd.

16 Meyer: Humor, S. 332.

17 Deupmann: Komik, S. 389.

18 Ebd.

19 Ebd.

20 Ebd.

21 Ebd.

22 Vgl. Ebd.

23 Meyer: Humor, S. 332.

24 Vgl. Ebd.

25 Vgl. Ebd.

26 Tom Kindt: Humor. In: Uwe Wirth (Hg.): Komik. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart: Springer-Verlag 2017, S. 7-10, hier S. 7.

27 Vgl. Franz Forster: Studien zum Wesen von Komik, Tragik und Humor. Das Humorspiel als Dramenart. Wien: Notring 1968, S. 3.

28 Ebd.

29 Ebd., S. 19.

30 Vgl. Ebd.

31 Vgl. Ebd., S. 51.

32 Ebd.

33 Deupmann: Komik, S. 390.

34 Vgl. Tom Kindt: Komik. In: Uwe Wirth (Hg.): Komik. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart: Springer- Verlag 2017, S. 1-6, hier S. 2.

35 Deupmann: Komik, S. 389.

36 Vgl. Jean Paul: Vorschule der Ästhetik. In: Helmut Bachmaier (Hg.): Texte zur Theorie der Komik. Stuttgart: Reclam 2005, S. 29-33, hier S. 29.

37 Ebd., S. 30.

38 Sigmund Freud: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. In: Helmut Bachmaier (Hg.): Texte zur Theorie der Komik. Stuttgart: Reclam 2005, S. 94-100, hier S. 94.

39 Vgl. Ebd.

40 Vgl. Henri Bergson: Das Lachen. In: Helmut Bachmaier (Hg.): Texte zur Theorie der Komik. Stuttgart: Reclam 2005, S. 78-88.

41 Helmut Bachmaier: Nachwort. In: Ders. (Hg.): Texte zur Theorie der Komik. Stuttgart: Reclam 2005, S. 121- 134, hier S. 129.

42 Wolfgang Iser: Das Komische. Ein Kipp-Phänomen. In: Helmut Bachmaier (Hg.): Texte zur Theorie der Komik. Stuttgart: Reclam 2005, S. 117-120, hier S. 117.

43 Eine Übersichtüber die bedeutendsten Untersuchungen der Komik-Theorie findet sich etwa in Helmut Bachmaier (Hg.): Texte zur Theorie der Komik. Stuttgart: Reclam 2005.

44 Tom Kindt: Komik. S. 4.

45 Ebd., S. 2.

46 Ebd.

47 Vgl. Ebd., S. 3.

48 Ebd.

49 James Beattie: An Essay on Laughter and Ludicrous Composition. In: Ders.: Essays on Poetry and Music. London/Edinburgh: Printed for E. and C. Dilly and W. Creech 1778, S. 319-486, hier S. 347.

50 Tom Kindt: Komik. S. 3.

51 Horst Breuer: Närrische Verstörung, skeptische Aussöhnung. Komik und Lachen am Beispiel von Shakespeares Was ihr wollt. In: Wolfram Mauser/Joachim Pfeiffer (Hg.): Lachen. Freiburger literaturpsychologische Gespräche. Band 25. Würzburg: Königshausen & Neumann GmbH 2006, S. 101-118, hier S. 104.

52 Vgl. Ebd.

53 Deupmann: Komik, S. 389.

54 Tom Kindt: Komik. S. 3.

55 Tom Kindt: Komik. S. 3.

56 Ebd.

57 Vgl. Ebd.

58 Ebd.

59 Vgl. Breuer: Närrische Verstörung, skeptische Aussöhnung, S. 102.

60 Ebd., S. 102-103.

61 Ebd., S. 103.

62 Bernhard Greiner: Komödie/Tragikomödie. In: Uwe Wirth (Hg.): Komik. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart: Springer-Verlag 2017, S. 30-34, hier S. 33.

63 Breuer: Närrische Verstörung, skeptische Aussöhnung, S. 105.

64 Hans Rudolf Velten: Mittelalter, Frühe Neuzeit, Barock. In: Uwe Wirth (Hg): Komik. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart: Springer-Verlag 2017, S. 255-263, hier S. 261.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Bodo Wartkes "König Ödipus" unter Betrachtung der Komik-Theorie
Hochschule
Universität des Saarlandes  (Germanistik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
27
Katalognummer
V429759
ISBN (eBook)
9783668731646
ISBN (Buch)
9783668731653
Dateigröße
709 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
komik, tragödie, komödie, tragik, bodo wartke, könig ödipus, komik-theorie
Arbeit zitieren
BA Jenny Spanier (Autor:in), 2017, Bodo Wartkes "König Ödipus" unter Betrachtung der Komik-Theorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429759

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