Moderne, kritische Editionen der "Divina Commedia" von Dante Alighieri


Hausarbeit, 2014
19 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. La Commedia

3. Italienische Editionen: "edizione critica" und "edizione nazionale"
3.1 Die kritische Edition
3.2 Die nationale Edition

4. Die Prinzipien Lachmanns

5. Moderne kritische Editionen
5.1 Die Edition von Giorgio Petrocchi
5.2 Die Edition von Antonio Lanza
5.3 Die Edition von Federico Sanguineti
5.4 Vergleich der Methodik
5.5 Der textkritische Apparat

6. Schluss

Literatur

Anhang

Anhang A - Stemma Petrocchis

Anhang В - Stenmia Sanguinetis

1 Einleitung

"La Commedia", Dante Alighieris Hauptwerk, stellt eines der bedeutendsten italienischen, wenn nicht europäischen literarischen Werke dar. Es verwundert also wenig, dass dieses Werk immer wieder im Zentrum editorischer und philologischer Arbeit stand und immer wieder bedeutende Veränderungen in der Rezeption erfahren hat. Dabei wurden seit Entstehen des Werkes immer wieder unterschiedliche Methoden und Herangehensweisen diskutiert und umgesetzt. Diese können durch viele Faktoren beeinflusst werden, etwa die gegebenen technischen Möglichkeiten oder eine Entwicklung der Methodik in der Editionswissenschaft selbst.

Ziel dieser Arbeit ist eine Erläuterung der editorisch-kritischen Auseinandersetzung mit Dantes Commedia insbesondere in den letzten 100 Jahren, eine kurze Darstellung der Voraussetzungen, bedingt durch die, wie sich zeigen wird, schwierige Überlieferung des Werkes sowie eine Darstellung jüngerer kritischer Editionen, die in Italien erschienen sind sowie deren grundsätzliche Methodik. Dazu wird zunächst die Methode Lachmanns erläutert, um seine prinzipielle Vorgehensweise bei der Erstehung historisch-kritischer Editionen nachvollziehen zu können. Außerdem werden die Begriffe der kritischen Edition sowie der nationalen Edition, wie sie in Italien bei der Bezeichnung kritischer Ausgaben Verwendung finden, erläutert, um einen ersten Eindruck der Methodik auch in Bezug auf Lachmann zu bekommen.

Zudem soll der textkritische Apparat der drei Editionen kurz verglichen werden.

Abschließend sollen die wichtigsten Ergebnisse der Untersuchung knapp zusammengefasst und bewertet werden.

2 La Commedia

Dante Alighieris Werk "La Commedia" ist ein mittelalterliches Versepos. Es entstand zwischen 1307-1320, als Dante im Exil lebte. Es setzt sich aus drei Teilen (Inferno, Purgatorio, Paradiso) mit insgesamt 14.233 Versen in 100 Gesängen zusammen. Es hegen keinerlei autografische Zeugnisse mehr vor.

Sowohl Entstehung als auch Veröffentlichung der göttlichen Komödie sind sehr unklar.[1] Es ist jedoch bekannt, dass das Werk Dantes einen sehr großen Anklang fand und rasch verbreitet und vervielfältigt wurde.[2] Erste organische Zeugen finden sich dennoch erst ab dem Jahr 1430.[3]

Daraus ergibt sich sowohl eine außerordentlich große Zahl von Textzeugen - insgesamt sind über 600 Handschriften erhalten[4] - als auch eine gewaltige Problematik bei der Klassifizierung derselben. Die Texte sind durch eine Vielzahl unterschiedlichster Kontaminationen geprägt, es scheint nahezu aussichtslos die Abhängigkeit der Handschriften untereinander hinreichend sicherzustellen. So hat etwa Vandelli (1865-1935) bei seiner ausführlichen kritischen Arbeit an der Commedia festgestellt, dass "eine Klassifikation der Handschriften unmöglich sei."[5]

"Die handschriftliche Überlieferung der Komödie ist einem Fluß mit unbekanntem Quellgebiet vergleichbar, dessen Wasser durch ebenso unbekannte Zuflüsse getrübt in Wirbeln und Schnellen dahinströmt. Es ist eine stetig sich erneuernde Überlieferung, die je nach Angebot und Nachfrage ihr Gesicht verändert. "[6]

Der Editor steht damit vor scheinbar unlösbaren Problemen.

Angesichts der hier behandelten kritischen Editionen werden an dieser Stelle einige der relevantesten Handschriften noch einmal kurz mit ihrer traditionellen Abkürzung vorgestellt.

Der erste wichtige Textzeuge ist eine von Luca Martini kollationierte Handschrift (= Mart). Sie ist auf das Jahr 1330 datiert und stammt aus Florenz. Es ist davon auszugehen, dass einer der kollationierten Texte außergewöhnlich alt ist, heute jedoch als verloren gilt.[7] [8] Eine der Lesart von Mart ähnliche Handschrift ist die Trivulziana von Francesco di Ser Nardo da Barberino (= Triv)*' Sie stanmit ebenfalls aus Florenz und ist auf das Jahr 1337 datiert.

Die sogenannte Landiano (= La) aus dem Jahr 1336 gilt als älteste im Original erhaltene, datierte Handschrift. Sie wird oft Mart und Triv gegenübergestellt, die eine andere gemeinsame Tradition zu vertreten scheinen.[9]

Der Zeitraum von 1340-1360 stellt eine Blütezeit Florenz' dar, in dem sich eine "normalisierende und nivellierende"[10] Tradition der Comedia - oft als Vulgata bezeichnet - durchgesetzt hat. Zu ihr gehört die "Gruppe der Hundert", die größtenteils mit Ser Nardo in

Verbindung gebracht wird[11] sowie die "Vatikangruppe", welche auf Texte des Kopisten und Herausgeber Boccaccio zurückgeht.[12] Ein im Rahmen dieser Arbeit wichtiger Textzeuge der vatikanischen Gruppe stellt der sog. "Urb. Lat. 366" dar (= Urb). Er ist auf 1352 datiert.

3 Italienische Editionen: "edizione critica" und "edizione nazionale"

Im Folgenden werden die Begriffe der "kritischen Edition" (edizione critica) und der "nationalen Edition" (edizione nazionale) erläutert. Sie stellen zentrale Begriffe der italienischen Editionwissenschaft dar und sollen in ihrer Bedeutung in Bezug auf die neueren Dante-Editionen dargelegt werden.

3.1 Die kritische Edition

Bei der kritischen Edition versucht der Editor das Original so gut wie möglich zu rekonstruieren indem er die vorliegenden handschriftlichen oder gedruckten Varianten des Textes studiert. Diese ״Treue“ zum Original unterliegt allerdings einigen Einschränkungen, da es nicht immer möglich oder zweckmäßig ist die ursprüngliche Schreibeweise wiederherzustellen. So wird etwa die Interpunktion oft den modernen Vorgaben angepasst und stellt somit schon eine Veränderung des Textes durch den Editor dar.[13] Die kritische Arbeit beginnt mit der Kollation. Hier wird ein Text als ״Basis“ gewählt und alternative Textvarianten mit dieser verglichen, um Abweichungen festzustellen und aufzuzeigen.

Dabei wird die Beziehung der Textvarianten untereinander (etwa durch den Vergleich von gemeinsamen Fehlem) festgestellt, da diese auf eine gemeinsame Abstammung von einem älterem Exemplar hinweisen. Dieses Exemplar kann auch nur hypothetisch angenommen werden und muss nicht tatsächlich bekannt sein.[14]

Die Darstellung dieser Beziehung der Textvarianten erfolgt gewöhnlich durch ein Stemma. In diesem können Gruppierungen von ähnlichen Texten (etwa Texte mit gleichem Ursprung) als 'Familie' innerhalb eines Stammbaums dargestellt werden.

Der nächste Schritt, die Recensio, zielt darauf ab eine Lesart festzulegen. Hierfür wurde die Unterscheidung zwischen offener und geschlossener Recensio vorgeschlagen.[15] Die geschlossene Recensio liegt vor, wenn die Beziehung zwischen den Varianten bekannt ist und sich aus dem Stenmia ergeben, sodass die maßgebliche Variante gewählt werden kann. Bei der offenen Recensio ist diese Beziehung nicht sicher bekannt, sodass nach anderen Kriterien entschieden werden muss. Beispielhafte Kriterien dafür wären ״lectio facilio“ und ״USUS seri bendi“.[16]

Ergibt die Recensio keine genaue Lesart und muss diese erst durch Emendation, d.h. durch Eingriffe des Editors in den Text hergestellt werden, so ist die dadurch entstandene Variante als Hypothese anzusehen.[17] Grundvoraussetzung dieses Verfahrens ist dennoch die Annahme eines einzigen Originals. Für die kritische Edition ist es daher von großer Bedeutung die unterschiedlichen Traditionen des Textes nachvollziehen zu können.

Begleitet wird die kritische Edition von einer Einführung sowie einem kritischen Apparat, in dem unter anderem die Varianten des Textes aus der überlieferungs- bzw. Entstehungsgeschichte verzeichnet sind. Dabei kann im Apparat ein Schwerpunkt auf besonders maßgebliche Varianten gelegt werden (beispielsweise wenn diese sicher vom Autor stammen).[18]

Die kritische Edition wird ״editio maior “ genannt und richtet sich hauptsächlich an ein Fachpublikum. Die ״editio minor“ dagegen enthällt keine kritischen Anmerkungen.[19] 3.2 Die nationale Edition

Der Begriff "nationale Edition" bezeichnet in Italien Ausgaben der Gesamtwerke eines Autors. Diese werden dabei vom Staat subventioniert und die Arbeit einer Person oder Gesellschaft übertragen. Dante Alighieri ist einer dieser Autoren.

Die Idee einer Gesamtausgabe der Werke Dantes entspringt bereits dem 19. Jahrhundert.[20] Ausgeführt wurde diese Idee letztendlich von der italienischen Dante-Gesellschaft, der "Società Dantesca Italiana", welche - 1888 gegründet - bereits 1889 mit kritischen Ausgaben kleinerer Werke Dantes begann. Hierbei spielten nicht nur national-idealistische Gründe eine

Rolle; auch befanden sich die meisten Handschriften und Drucke der Werke Dantes in italienischen Bibliotheken, etwa in Florenz - Heimatstadt Dantes und Sitz der Dante- Gesellschaft.[21]

Die Arbeit an der kritischen Ausgabe begann also sehr früh, war jedoch von vielen Schwierigkeiten geprägt, die sich aus dem bereits dargelegten Problemen der Überlieferung und dem gewaltigen Umfang der Unternehmung insgesamt ergaben. Auch fehlten zu dieser Zeit noch die modemen Hilfsmittel, die heute bereits Standard in der Editionswissenschaft sind.[22]

1896 erschien eine erste kritische Ausgabe mit dem Titel "De vulgari Eloquentia", ediert von Pio Rajna. Dabei wurde erstmals eine strenge Anwendung der Methode Fachmanns in der italienischen Philologie und auf ein Werk Dantes durchgeführt. Dieses Werk war jedoch einfacher zu edieren, da es einer vergleichsweise einfachen Tradition folgt. Im Jahr 1907 folgte jedoch bereits die "meisterhafte" kritische Ausgabe der "Vita Nuova", ediert von Michele Barbi (1867-1941).[23]

Schwieriger gestaltete sich die kritische Arbeit an der "Rime" und der "göttlichen Komödie", da diese in einer sehr viel komplexeren Tradition standen.[24] Die Arbeit an diesen Werken wurde Barbi und Vandelli übertragen, wobei letzterer die Arbeit an der Commedia übernahm. Seine Arbeit wurde 1921 veröffentlicht.

Eine Neuauflage der nationalen Edition erfolgte 1965. Diesmal hatte Petrocchi die Arbeit an der kritischen Edition übernommen.

Die nationale Edition ist eine kritische Ausgabe aller Werke eines Autors. Dabei wird sich deutlich auf die Methode Lachmanns bezogen. Wie sich jedoch zeigen wird, folgen nicht alle modemen kritischen Ausgaben den strengen Vorgaben Lachmanns. Diese Vorgaben sollen jedoch nun zunächst erläutert werden.

4 Die Prinzipien Fachmanns

Karl Lachmann (1793-1851) prägte die moderne Textkritik nachhaltig. Seine Methode der historisch-kritischen Edition soll hier kurz dargestellt und im weiteren Verlauf mit den Methoden moderner Dante-Editionen verglichen werden.

Lachmanns Methode zielt darauf ab bei mittelalterlichen (oder antiken) Texten einen nicht vorhandenen "Originaltext" des Autors zu rekonstruieren, indem vorhandene, jedoch - wie bereits angemerkt - oft fehlerhafte Abschriften nach textkritischen Gesichtspunkten untersucht werden. Diese bereits vorher vorhandene Idee präzisierte Lachmann und sah sie als "universell anwendbar"[25] an.

Die genaue Vorgehensweise besteht dabei aus:

1. recens io
2. emendatio
3. stemma

Bei der recensio werden die Textzeugen einer strengen Musterung unterzogen, um sie anschließen in der emendatio von Fehlem und Fremdeingriffen zu befreien und schließlich die überlieferten Handschriften hierarchisch nach dem Grade ihrer Autorisation, d.h. ihrer (vemiuteten) Nähe zum ursprünglichen Text des Autors - dem Original - bzw. nach der dem Willen des Autors am nahestehendsten Version zu sortieren.[26]

Im Mittelpunkt seiner Methodik steht somit die "Restaurierung" des Originaltextes und viel weniger das Verzeichnen und Darstellen verschiedener Textvarianten oder der Textgenese.

Die Abhängigkeit der Textzeugen untereinander wird dabei in einem Stammbaum - dem Stemma - verzeichnet.

Lachmanns Methode wurde vielfach angewandt. Dennoch ist sie inzwischen oft Kritik ausgesetzt, da sie einen Text hervorbringt, der in dieser Forni nie exisitert hat und nur scheinbar den Autorwillen repräsentiert.[27] Zudem eignet sich die Methode gerade für jüngere Texte nicht, da diese eine "kategorial andere Überlieferung"[28] erfahren.

[...]


[1] Vgl. Langosch 1964: s. 452.

[2] Vgl. Ebd.:s.453f.

[3] Vgl. Ebd: s. 454.

[4] Vgl. Ebd.: s. 458.

[5] Ebd.: s. 482.

[6] Ebd.: s. 458.

[7] Vgl Ebd.: s. 460f.

[8] Vgl. Ebd.: s. 461.

[9] Vgl. Ebd.: s. 464.

[10] Vgl. Ebd.: s. 466.

[11] Vgl. Ebd: s. 467.

[12] Vgl. Ebd.: s. 468f.

[13] Vgl. Lessico universale italiano. 6. Dah- Eie. Ist. della Enciclopedia italiana. Roma 1970: s. 679.

[14] Vgl. Ebd.

[15] Vgl. Ebd.

[16] Vgl. Ebd.

[17] Vgl. Ebd.

[18] Vgl. Ebd.

[19] Vgl. Ebd.

[20] Vgl. Enciclopedia Dantesca. 2. Cim - Fo. 2. riv. Auflage. Ist. della Enciclopedia italiana. Roma 1984: s. 630.

[21] Vgl. Ebd.

[22] Vgl. Ebd.

[23] Vgl. Ebd.

[24] Vgl. Ebd. s. 630f.

[25] Plachta 1997: s. 29.

[26] Vgl. Ebd : s. 29.

[27] Vgl. Ebd.: s. 91.

[28] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Moderne, kritische Editionen der "Divina Commedia" von Dante Alighieri
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Editionen und Edieren im abendländischen Vergleich - auch eine Philosophie der Wissenschaft
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
19
Katalognummer
V433473
ISBN (eBook)
9783668752986
ISBN (Buch)
9783668752993
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dante, La Commedia, Divina Commedia, Göttliche Komödie, Edieren, Edition, Editionswissenschaft
Arbeit zitieren
Jascha Daniló Jung (Autor), 2014, Moderne, kritische Editionen der "Divina Commedia" von Dante Alighieri, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/433473

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