Entwicklung von Vermögenspreisen und deren Rolle in der Geldpolitik


Bachelorarbeit, 2016

45 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

I Inhaltsverzeichnis

II Abkürzungsverzeichnis

III Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Rolle von Vermögenspreisen
2.1 Auswirkungen von Vermögenspreisänderungen
2.2 Beispiele zur Entwicklung von Vermögenspreisen

3 Einfluss der Geldpolitik auf die Vermögenspreise

4 Berücksichtigung von Vermögenspreisen in der Geldpolitik
4.1 Zielformulierung der Zentralbank
4.2 Finanzmarktstabilität und makroprudentielle Politik
4.3 Reaktionsfunktion der Zentralbank
4.4 Einschränkungen und Probleme

5 Blasenbildung im Raum Deutschland
5.1 Entstehung von Blasen
5.1.1 Blasen am Aktienmarkt
5.1.2 Blasen am Immobilienmarkt
5.2 Entstehung einer Immobilienblase in Deutschland

6 Sollte die Geldpolitik auf Veränderungen von Vermögenspreisen reagieren?

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis

II Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser leseprobe nicht enthalten

III Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Indikatorensystem Deutsche Bank

Abbildung 2: Häuserpreisindex Deutschland - Europa - EU

Abbildung 3: Euroraum EU

Abbildung 4: Bulwiengesa-Immobilienindex 1990 bis 2015

Abbildung 5: Bulwiengesa-Erschwinglichkeitsindex

Abbildung 6: Empirica-Blasenindex Gesamt- und Einzelindices

Abbildung 7: Empirica-Blasenindex Gesamtindex - Regionstypen

Abbildung 8: Veränderung Wohnungsbaukredite

1 Einleitung

Die 2007 eingetretene Finanzkrise und die Folgen für die Gesamtwirtschaft haben zu einem Umdenken in der Geldpolitik geführt. Die Analyse und Prognose der Preisentwicklung stehen vor besonderen Herausforderungen. Die Finanzkrise warf die Frage auf, ob Vermögenspreise, im Speziellen Immobilienpreise, nicht doch eine Berücksichtigung in der Geldpolitik erfahren sollten. Die generell erwünschte Inflationsrate befindet sich auf einem niedrigen, stabilen Niveau. Mitunter gibt es Beweggründe eine vollständige Preisstabilität anzustreben.1

Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf den Aktien- und Immobilienmärkten, da das Vermögen und der Einfluss auf die Realwirtschaft immer mehr in diesen Märkten bestimmt wird. In Kapitel 2 werden die Auswirkungen von Vermögenspreisänderungen dargestellt und anhand von Beispielen verdeutlicht. Im folgenden Kapitel wird der Einfluss der geldpolitischen Entscheidungen auf die Vermögenspreise dargestellt.

Kapitel 4 beschäftigt sich mit Vermögenspreisen in der Geldpolitik. Dabei geht es im Speziellen um die Europäische Zentralbank (EZB) und eine Implementierung in verschiedene Bereiche. Das Kapitel wird mit den Einschränkungen und Problemen dieser Implementierung beendet.

Im nächsten Kapitel (5) wird untersucht, inwiefern sich aktuell eine Immobilienblase im deutschen Raum entwickelt. Dazu wird der Begriff Blase in Bezug auf Aktien- und Immobilienmärkte definiert. Anschließend werden unterschiedliche aussagekräftige Kennzahlen dargestellt und am Fallbeispiel Deutschland miteinander verglichen.

In Kapitel 6 wird diskutiert ob Zentralbanken auf die Veränderung von Vermögenspreisen reagieren sollten. Hierzu werden die Ansichten „Lean-against-the-wind“ und „Clean-after-the-bust“ miteinander verglichen. Zum Abschluss werden die Ergebnisse in einem Fazit zusammengefasst.

2 Die Rolle von Vermögenspreisen

Im Folgenden soll die Wirkung der Vermögenspreise auf die Gesamtwirtschaft geklärt werden. Dabei wird der Begriff Vermögen als Aktien- und Immobilieneigentum zugrunde gelegt.

2.1 Auswirkungen von Vermögenspreisänderungen

Entwicklungen von Vermögenspreisen haben in vielen Bereichen Auswirkungen. Sie können Einfluss auf den Konsum der privaten Haushalte haben. Ein Anstieg der Vermögenspreise führt für die privaten Haushalte zu einem zusätzlichen Einkommen aus Vermögen und stimuliert dadurch den Konsum. Dies wirkt sich positiv auf die Gesamtwirtschaft aus. Dieser Effekt wird als Vermögenseffekt bezeichnet. Er tritt sowohl bei Aktien- als auch Immobilienvermögen auf. Aktienpreise nehmen über Erwartungs- und Vertrauenseffekte Einfluss auf den Konsum der privaten Haushalte sowie die Investitionen von Unternehmen.2 Die Entwicklung von Aktienpreisen hat allerdings auf den privaten Konsum privater Haushalte einen eher geringen Vermögenseffekt, da der direkte Aktienbesitz relativ gering ist. In Deutschland beispielsweise besitzen nur 14% der Gesamtbevölkerung eine Aktie. Die Zahl der Aktieninvestoren stieg in Deutschland 2015 erstmals wieder nach einem andauernden negativen Trend, was auf die momentan niedrigen Zinsniveaus und der dadurch verbundenen Suche nach renditestärkeren Anlageformen zurückzuführen ist.3

Vergleichbar mit dem Vermögenseffekt ist der Bilanzeffekt. Unternehmen und private Haushalte hinterlegen Sicherheiten für die Kredite, die sie von den Banken gewährt bekommen. Steigt der Wert der Sicherheiten, z.B. durch steigende Aktien- oder Immobilienpreise, sind Banken bereit, weitere Kredite zu vergeben.4 Da das Investitionsvolumen der Unternehmen von der Höhe der vergebenen Kredite abhängt, erhöht sich durch steigende Sicherheiten folglich auch die Verschuldungsmöglichkeit bei der Bank und damit die Höhe der Neuinvestitionen.5

Ein weiterer Effekt wird als Tobin-q bezeichnet. Das q bezeichnet das Verhältnis von Marktwert eines Unternehmens zu dessen Wiederbeschaffungskosten. Befinden sich die Vermögensmärkte im Gleichgewicht, hat das q den Wert eins.6 Ein hohes q, also hohe Aktienkurse im Vergleich zu den Kosten neuen Sachkapitals, haben zur Folge, dass ein Unternehmen über Aktienemissionen relativ günstig an Liquidität steigern kann. Ein niedriges q hat zur Folge, dass Unternehmen keine Neuinvestitionen unternehmen, da der Erwerb von vorhandenem Sachkapital relativ günstig ist. Steigende Vermögenspreise haben eine Erhöhung auf der Aktivseite eines Unternehmens zur Folge, also eine Erhöhung des Marktwertes. Dadurch wird das Investitionsvolumen erhöht, da weitere Investitionen lohnend sind.7

Die Entwicklung von Vermögenspreisen hat überdies einen Einfluss auf die Stabilität des Finanzsystems. Einem Boom der Vermögenspreise, der zu Preisblasen führt, folgt häufig ein starker Abschwung der weitreichende ökonomische Effekte auf die Gesamtwirtschaft haben kann.8 Die Wirkung von Vermögenspreisentwicklungen besteht auch bei fallenden Vermögenspreisen. Sinkende Vermögenspreise führen zu sinkenden Sicherheiten, die Unternehmen und Haushalte bei den Banken besitzen. Dies führt zu einem erhöhten Anteil von „faulen“ Krediten in den Portfolios der Banken und verringert die Kreditvergabe. Im Extremfall kann es zu einer Kreditklemme (Credit Clunch) kommen, die sowohl Konsum als auch Investitionen negativ beeinflusst. Dadurch kann es letztendlich zur Destabilisierung des Banken- und Finanzsystems kommen, da der Interbankenmarkt nicht mehr richtig funktioniert und sich die Geschäftsbanken untereinander keine Kredite einräumen.9 Empirisch gibt es keine Schwierigkeiten, große Veränderungen in Vermögenspreisen und darauf folgende Destabilisierung des Finanzsystems in Beziehung zu setzen.10

2.2 Beispiele zur Entwicklung von Vermögenspreisen

Nach Kindleberger (1978) folgt auf das Platzen einer Blase ein starker Rückgang der ökonomischen Aktivität. Im Folgenden sollen einige vergangene Blasenentwicklungen betrachtet werden, um einen besseren Eindruck über die Entstehung und die Folgen eines Platzens zu bekommen. Betrachtet werden die Japan-Krise 1990 und die Finanzkrise 2007.

Im Jahr 1990 kam es zu einer Krise in Japan. Binnen einer Jahresfrist verlor der Nikkei über 40%. In den Jahren vor dem Crash war Japan zu einer der führenden Wirtschaftsmächte aufgestiegen. Der Nikkei stieg von 1985 bis 1989 von 15.000 Punkten auf knapp 40.000 Punkte. Als Auslöser für den Crash benennen Whittaker/Kurosawa (1998) die Zinspolitik der Bank of Japan. Sie hatte den Leitzins in den Jahren 1982 bis 1987 von 5,5% auf 2,5% gesenkt. Auf diesem Niveau blieb der Leitzins dann bis 1989. Durch diese Senkung kam es zu niedrigen Zinsen am Finanzmarkt und einem allgemeinen Aufschwung der Wirtschaft des Landes. Gleichzeitig führte die expansiven geldpolitischen Maßnahmen zu Preisanstiegen am Aktien- und Immobilienmarkt. In Erwartung weiterer Spekulationsgewinne wurden Immobilien beliehen und das Kapital in Aktien investiert.11 Als die Blase dann platzte und die Immobilienpreise um drei Viertel sanken, besaßen die Banken viele Kredite, deren Höhe den Wert der Grundstücke und Gebäude überstieg. Dadurch waren die Banken von Insolvenz bedroht.12 Der Nikkei fiel nach dem Crash von 40.000 Punkte auf 10.000 Punkte zurück. Die Konjunkturprogramme trieben danach die Staatsverschuldung in die Höhe. Sie sollten den Konsum wieder ankurbeln, jedoch haben diese Maßnahmen ihre erste Wirkung bereits wieder verloren. Das Geschäftsklima sank 1990 so stark wie seit 1973 nicht mehr.13 Bis heute sind die Auswirkungen der Krise für die japanische Wirtschaft spürbar, da ausländische Investoren abgeschreckt wurden.14 So liegt die momentane Staatsverschuldung Japans weltweit mit 247% des BIP im Jahr 2016 am höchsten und die Prognosen für die kommenden Jahre erwarten eine weitere Steigerung des Verhältnisses Staatsverschuldung zu BIP.15

Die Finanzkrise 2007 hat ihren Ursprung in einer US-Immobilienkrise. Nach Rajan (2010) versuchte die US-Regierung in den 1990er Jahren die Einkommensverteilung gleichmäßiger zu gestalten, in dem sie den ärmeren Familien einen Häuserkauf zu geringeren Kapitalvoraussetzungen ermöglichten. Laut dem S&P/Case-Shiller U.S. National Home Price Index ist in von Januar 1999 und Juli 2006 eine Verdopplung der Häuserpreise in den USA zu sehen, von 92,75 auf 184,62 Indexpunkte.16 Die Blase wurde außerdem dadurch aufgebläht, dass die Federal Reserve (FED) nach dem Platzen der Technologie-Boom Blase 2001 eine expansive Geldpolitik betrieb, um die Wirtschaft zu schützen.

Nach Bernanke (2010), Bean et al. (2010), Turner (2010) und Posen (2009) hat die Immobilienblase in den USA einen anderen Ursprung als die Niedrigzinspolitik der FED. Das Fokussieren auf das vorrangige Ziel unter verminderter Betrachtung der Finanzmarktstabilität ist der Ursprung der Blase. Taylor (2008) resümiert, dass die Niedrigzinspolitik der FED der Ursprung ist. Unterstützt wurde der Preisanstieg durch weltweit hohe Ersparnisse und der Suche nach Renditen auf den Finanzmärkten.17

In Europa kam es zu einer ähnlichen Blasenbildung in dieser Periode, vor allem in Spanien und Irland. Durch deren Beitritt zur EU und die damit verbundene Risikominderung kam es zu einem massiven Kapitalfluss aus den Kernländern der EU.18 Die Blasen wurden durch lokale Grundlagen aufgebläht. In Irland kam es zur Blasenbildung durch die Entwicklung des High-Tech Exportsektors und im Fall Spanien durch hohes Wachstum, da Spanien nun als hochentwickelter Staat angesehen wurde.19 Die einheitliche Politik (one size fits all) der EZB förderte diesen Boom. Die EZB hat außerordentliche Maßnahmen beschlossen, um die Ansteckung einzelner Finanzmarktsegmente zu verhindern.20 Die wichtigsten Maßnahmen waren die Bereitstellung unbegrenzter Liquidität zu festen Zinsen und längeren Laufzeiten für die Banken im Euroraum.21 Außerdem wurde die Anforderung an das Rating von Wertpapieren, die als Sicherheiten zugelassen werden, herabgesetzt.22 Der Euro-Raum hat weiterhin makroökonomische Probleme. Eine gemeinsame Geldpolitik, die die Bedürfnisse aller Mitgliedsstaaten befriedigt ist aufgrund der fehlenden gemeinschaftlichen Haftung schwierig. Jeder Mitgliedsstaat verfolgt seine eigenen Interessen, da die Eurozone kein Staat ist.23 Dies kann als maßgebliche Ursache für die aktuelle Flaute in der Weltwirtschaft gesehen werden.24 Der Globalisierung und Expansion hat sich im Zuge der Finanzkrise verlangsamt aufgrund der langfristigen Beziehung zwischen Welthandel und Wirtschaftsleistung.25

3 Einfluss der Geldpolitik auf die Vermögenspreise

Die Entscheidungen von Zentralbanken haben eine große Wirkung auf realwirtschaftliche Größen und Preise. Die Auswirkungen der geldpolitischen Maßnahmen werden Transmissionsmechanismen genannt. Nachfolgend sollen die Transmissionsmechanismen auf die Vermögenspreise betrachtet werden.

Die gezielte Bekämpfung von Inflation durch die Zentralbanken erhöht die Stabilität des Finanzsystems und führt dadurch zu steigenden Vermögenspreisen. Ein geldpolitischer Schock führt zu einer Umschichtung in den Portfolios der Anleger. Ein solcher Schock kann durch eine Geldmengen- oder Zinsänderung seitens der Zentralbank hervorgerufen werden.26 Im folgenden Anpassungsprozess ist mit einer höheren Nachfrage nach Vermögenspreisen zu rechnen.27 Dies führt zu steigenden Vermögenspreisen.28 Das prozyklische Verschuldungsverhalten von Banken verstärkt diese Effekte noch weiter. Banken werden das Verhältnis von Fremd- zu Eigenkapital in Boomphasen ausdehnen und in Zeiten sinkender Preise abbauen. Eine Ausweitung des Geldangebots durch die Zentralbank führt zu sinkenden Realzinsen und kann zu höheren Renditen an den Aktienmärkten führen.29 Eine erhöhte Liquidität führt außerdem zu steigenden Inflationsraten, falls die Vermögenspreise ebenfalls steigen, da sie, wie in Kapitel 2 beschrieben, den Konsum antreiben. Mit steigendem Konsum kommt es zu höheren Güterpreisen und somit zu steigender Inflation. Dies ist weniger schädlich, falls die Vermögenspreise moderat steigen.30 Nach Greiber/Setzer (2007) ist auch die umgekehrte Wirkungsweise möglich. Durch einen Anstieg der Vermögenspreise kommt es zu einer erhöhten Nachfrage an Liquidität. Steigende Aktienkurse erhöhen das Vermögen von privaten Haushalten und führen so zu höherem Konsum und einer größeren nachgefragten Menge an Liquidität.

Nach Cecchetti et al. (2000) und Goodhart/Hofmann (2000) ist die Verknüpfung zwischen Immobilienpreisen und Konsumentenpreisindex sowie Produktionsinflation wesentlich stärker als zwischen Aktienpreisen und Inflation sowie Produktion. Diese Aussage unterstützt die empirische Untersuchung von Dreger/Wolters (2009), die zu dem Ergebnis kommt, dass Geldpolitik von Zentralbanken keinen Einfluss auf die Entwicklung an den Aktienmärkten hat, jedoch ist ein signifikanter Effekt für die Immobilienmärkte nachweisbar.31 Der Grad der Auswirkung der politischen Aktionen auf die Häuserpreise hängt dabei von dem Level der Entwicklung und der Regulation des Finanzsystems ab.32 Häuserpreise hängen von den Zinsen im langfristigen Gleichgewicht ab. Niedrigere Gleichgewichtszinsen führen zu höheren Immobilienpreisen, aber noch nicht zu einer Immobilienblase.33 Im Fall einer expansiven Geldpolitik verringern sich die Baukosten für neue Immobilien, was zu einer Erhöhung der Investitionstätigkeit im Neubausektor führt.34 Mit steigenden Immobilienpreisen erhöhen sich gleichzeitig die Bankaktiva. Dadurch werden die Banken ermutigt weitere Kredite zu vergeben, um den eigenen Marktanteil gegenüber anderen Banken zu steigern.35

In Zeiten der Nullzinspolitik kann die Zentralbank die Wirtschaft durch Beeinflussung der Erwartungen von Marktteilnehmern oder durch den Kauf von Sicherheiten und daraus folgender Risikominderung stimulieren.36 So kauft die EZB seit 2009 im Rahmen mehrerer Programme gedeckte Schuldverschreibungen von Banken an.37 Seit 2010 durch den Beschluss des „Securities Markets Programme“ kauft die EZB Staatsanleihen an, um Störungen an den Wertpapiermärkten zu beheben.38 Als sich die Staatsschuldenkrise 2012 verschärfte, kündigte Mario Draghi als EZB-Präsident an, die EZB werde jede Maßnahme ergreifen, die nötig ist um den Euro zu schützen.39 Daraus folgte das Programm „Outright Monetary Transactions“, welches den geldpolitischen Transmissionsprozess steuern soll.40

4 Berücksichtigung von Vermögenspreisen in der Geldpolitik

Vermögenspreise haben einen mittelbaren Einfluss auf die Preisstabilität indem sie den Konsum beeinflussen. Im Folgenden Kapitel soll untersucht werden, welche Möglichkeiten die Zentralbanken haben, um Vermögenspreise in ihrer Geldpolitik zu berücksichtigen. Der Fokus liegt hier auf der Geldpolitik der EZB.

4.1 Zielformulierung der Zentralbank

Zentralbanken können unterschiedliche Ziele mit ihrer Geldpolitik verfolgen. Beispielsweise verfolgt die FED die Ziele hoher Beschäftigungsgrad, moderate langfristige Zinsen und Preisniveaustabilität.41 Im Folgenden soll die Zielformulierung der EZB betrachtet werden und die Möglichkeit einer Berücksichtigung von Vermögenspreisen in ihrer Zielformulierung.

Das vorrangige Ziel der EZB ist in ihrem Vertrag als Preisniveaustabilität festgelegt. Das Preisniveau wird als durchschnittliche Preisentwicklung eines festgelegten Warenkorbs gemessen. Inflation bezeichnet die sinkende Kaufkraft durch steigende Preise, eine Situation mit sinkenden Preisen wird als Deflation bezeichnet. Nach Leijonhufvud (1981) ist jede vollständig antizipierte Inflation durch eine geeignete Währungsreform in eine Null-Inflation transformierbar. Dies bedeutet, dass jede nicht Null-Inflation zumindest teilweise unerwartet ist und somit zu Verlusten und Gewinnen aus Verträgen mit falschen Erwartungen führt. Je höher der Unterschied zwischen erwarteter und eingetretener Inflation ist, umso höher sind die Verluste und Gewinne. Mit der Annahme von Risikoaversion führt diese Unsicherheit zu vermindertem Nutzen. Die Zielinflation wurde vom EZB-Rat als jährlicher Anstieg des harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) für das Euro-Währungsgebiet von knapp unter 2% definiert.42 Damit ist die Stabilität des Güterpreisniveaus gemeint.43 Preisstabilität trägt durch einen effizienten und produktiven Einsatz von Ressourcen dazu bei, ein anhaltendes höheres Niveau des Konjunkturniveaus und der Beschäftigung zu erreichen.

Artikel 127 AEUV besagt, dass die EZB neben dem als „vorrangig“ bezeichneten Ziel auch „die allgemeine Wirtschaftspolitik in der Gemeinschaft“ unterstützt werden soll. Mit dieser ungenauen Formulierung bleibt es dem EZB-Rat überlassen, welche weiteren Ziele er auswählen möchte und mit welcher Gewichtung er diese verfolgt. Somit könnte die EZB auch das Ziel der Finanzmarktstabilität verfolgen, solange „dies ohne Beeinträchtigung des Ziels der Preisstabilität möglich“ ist.44 Das Ziel der Finanzmarktstabilität würde das in Artikel 2 des EU-Vertrages aufgeführte Ziel einer gemeinsamen sozialen wettbewerbsfähigen Marktwirtschaft unterstützen.45 Bislang sind Vermögenspreise keine Zielgröße für die EZB. Im Hinblick auf die Gewährleistung längerfristiger stabiler Verbraucherpreise muss sie die Vermögenspreisbewegungen jedoch sehr genau beobachten.46

Eine Berücksichtigung von Vermögenspreisen in der Zielformulierung der Zentralbank hätte zur Folge, dass anstelle des HVPI ein anderer, weiter gefasster Preisindex zur Inflationsmessung genutzt werden würde. Dieser Index müsste neben den Konsumentenpreisen auch Vermögenspreise beinhalten.

4.2 Finanzmarktstabilität und makroprudentielle Politik

Nach dem Zusammenbruch der Investment-Bank Lehman Brothers und der darauffolgenden Finanzkrise 2007 wurden stärkere Regulatorien für die Finanzmärkte aufgestellt. Der Bankensektor lag hierbei im Fokus. 2009 trafen sich die größten 20 Industriestaaten (G-20) um eine Reform der Bankenregulierung zu diskutieren. Ziel war es das Finanzsystem zu reparieren und zu stärken, damit das Vertrauen wieder zurückgewonnen werden kann.47 Anschließend erarbeitete der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht im Jahr 2010 neue Richtlinien, die unter dem Namen „Basel III“ bekannt wurden.48 Die erarbeiteten Standards sind darauf ausgerichtet, die Widerstandsfähigkeit des Finanzsystems gegenüber Schocks zu stärken. Es werden höhere Eigenkapital- und Liquiditätspuffer verlangt sowie die Eigenkapitalqualität der Banken verbessert, indem sich auf das Kernkapital fokussiert wird. Außerdem wird die Verwendung sogenannter „bail-in debt“ durch Banken gesteigert. Das bedeutet eine stärkere Verwendung von Schuldtiteln, die sich in Eigenkapital umwandeln lassen, soweit die Solvenz unter ein festgelegtes Niveau fällt. Für Banken bedeutet die stärkere Regulierung steigende Kosten. So gehen Härle et al. (2010) davon aus, dass sich die Kosten der Kreditvergabe je nach Bank um durchschnittlich 30 bis 70 Basispunkte erhöhen könnten. Eine genaue Abschätzung der exakten Zinsaufschläge, die durch die neuen Regularien auf die Banken zukommen könnten, ist jedoch nur schwer zu treffen.49

Makroprudentielle Politik betrachtet die Stabilität des gesamten Finanzsystems. Sie versucht systematische Risiken zu erkennen. Solche Risiken liegen vor, falls ein Scheitern eines einzigen Marktteilnehmers das gesamte System gefährdet (too big to fail) oder falls viele Marktteilnehmer ähnlichen Risiken ausgesetzt sind (too many to fail). Makroprudentielle Instrumente sollen diese Risiken beschränken. Neben verschiedenen Varianten zur Erhöhung der Kapitalunterlegung ist auch ein Eingriff durch Veränderung der Kreditvergabestandards möglich, wie beispielsweise ein Absenken der Beleihungsgrenze.50

4.3 Reaktionsfunktion der Zentralbank

Die Frage nach der Implementierung von Variablen in einen Index ist gleichbedeutend mit der Frage nach der Intention hinter der Aussage. Die Zentralbankpolitik soll die Inflation kontrollieren und beherrschen. Dafür benötigt die Zentralbank ein geeignetes Messinstrument zur Inflationsmessung. Der Konsumentenpreisindex misst die Kosten des aktuellen Konsums. Dies ist aber eher nicht geeignet, falls nach einer generellen Inflation gefragt ist.51 Das tatsächliche Verhalten der Zentralbanken wird durch die Taylor-Regel repliziert, welche zumindest die ersten beiden Ziele, Preisstabilität und Outputstabilität, widerspiegelt.52 Die folgende Gleichung zeigt die Taylor-Regel in ihrer allgemeinen Form:53

[...]


1 Vgl. Goodfriend/King (2001), S. 37.

2 Vgl. Nastansky (2011), S. 645.

3 Vgl. Deutsches Aktieninstitut (2015), S. 2.

4 Vgl. Bernanke/Gertler (1999), S. 19.

5 Vgl. EZB (2002), S. 53.

6 Vgl. Tobin (1969), S. 23.

7 Vgl. Alexandre/Bação (2002), S. 7.

8 Vgl. Bordo/Landon-Lane (2014), S. 3.

9 Vgl. Brunnermeier (2009), S. 95.

10 Vgl. Borio/Lowe (2002), S. 8ff.

11 Vgl. Whittaker/Kurosawa (1998), S. 763.

12 Vgl. Okina/Shiratsuka (2002), S. 57.

13 Vgl. Bank of Japan (2010), S. 2.

14 Vgl. Karolyi (2002), S. 423.

15 Vgl. Internationaler Währungsfond (2016), o.S.

16 Vgl. Federal Reserve Bank of St. Louis (2016), o.S.

17 Vgl. Council of Economic Advisers (2010), S. 115.

18 Vgl. Bordo/Landon-Lane (2014), S. 18.

19 Vgl. Bordo/Landon-Lane (2014), S. 19.

20 Vgl. Sauer/Sell/Werner (2014), S. 357f.

21 Vgl. Giannone et al. (2012), S. 471.

22 Vgl. Giannone et al. (2012), S. 471.

23 Vgl. Winkler (2012), S. 453.

24 Vgl. Deutsche Bundesbank (2012b), S.12.

25 Vgl. Constantinescu/Mattoo/Ruta (2015), S. 7f.

26 Vgl. Congdon (2005), S. 27.

27 Vgl. Friedmann (1988), S. 239.

28 Vgl. Meltzer (1995), S. 51f.

29 Vgl. Baks/Kramer (1999), S. 5.

30 Vgl. Borio/Lowe (2002), S. 13.

31 Vgl. Dreger/Wolters (2009), S. 64.

32 Vgl. Joebges/Dullien/Márquez-Velázquez (2015), S. 27.

33 Vgl. Holt (2009), S. 121.

34 Vgl. Mishkin (2007), S. 367.

35 Vgl. Rombach (2011) S. 112.

36 Vgl. Mishkin (2011a), S. 60.

37 Vgl. EZB (2009), S. 113.

38 Vgl. EZB (2010a), S. 8f.

39 Vgl. Draghi (2012), o.S.

40 Vgl. Hodson (2012), S. 183.

41 Vgl. Federal Reserve (2013), o.S.

42 Vgl. EZB (2002), S. 55.

43 Vgl. Fischer, G. (1975), S. 110.

44 Vgl. AEU-Vertrag Art. 127 Absatz 1.

45 Vgl. EU-Vertrag Art. 3 Absatz 3 + Art. 4 Absatz 3.

46 Vgl. EZB (2005), S. 69.

47 Vgl. G-20 (2009), S. 3.

48 Vgl. Bank for International Settlements (2014), S. 1.

49 Vgl. Institut der deutschen Wirtschaft (2015), S. 15.

50 Vgl. Deutsche Bundesbank (2012a), S. 64.

51 Vgl. Goodhart (2001), S. 336.

52 Vgl. Taylor (1993), S. 200.

53 Vgl. Schäfer (2006), S. 4.

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Entwicklung von Vermögenspreisen und deren Rolle in der Geldpolitik
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Geld und internationale Finanzmärkte)
Note
1,3
Jahr
2016
Seiten
45
Katalognummer
V434734
ISBN (eBook)
9783668767508
ISBN (Buch)
9783668767515
Dateigröße
855 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geldpolitik Immobilienpreise Vermögenspreise Aktienpreise Entwicklung Rolle, Asset price, development, house prices
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Entwicklung von Vermögenspreisen und deren Rolle in der Geldpolitik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/434734

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