Das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Vergleich der Augenzeugenberichte von Germaine Tillion und Zofia Pocilowska


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018

34 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Einleitung

1. Das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück
1.1 Allgemeines zu Ravensbrück
1.2 Häftlinge von Ravensbrück
1.3 Arbeit in Ravensbrück
1.4 Gaskammer und Versuche in Ravensbrück

2. Die Augenzeugenberichte zusammengefasst
2.1 Germaine Tillion: „Frauenkonzentrationslager Ravensbrück"
2.2 Zofia Pocilowska: „Illegaler Brief aus Ravensbrück“

3. Vergleich der Berichte
3.1 Haft- und Wohnbedingungen in Ravensbrück
3.2 Arbeit und Überwachung in Ravensbrück
3.3 Wissen über Hinrichtungen und schwarze Transporte
3.4 Chirurgische Versuche
3.5 Schicksal der Polinnen
3.6 Dokumentation von Ereignissen und Lageralltag

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Internetverzeichnis

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Lagerplan des FKL Ravensbrück 8

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Häftlingskategorien nach Farben 7

Einleitung

Auch 85 Jahre nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 fra- gen sich Wissenschaftler, Politiker und Gesellschaft noch immer, wie so etwas Grausames und Unmenschliches wie der Holocaust passieren konnte. Viele Fragen über den Ablauf der Massenvernichtungen, das zeitgenössische Wissen darüber sowie Schuldfragen sind bis heute ungeklärt. Wissenschaftler verschiedener Diszi- plinen sehen sich stets mit den Problemstellungen konfrontiert, wie man das Geschehene nach wissenschaftlichen Kriterien aufarbeiten kann, ob sich ein his- torisch fast einzigartiger Genozid wie die Schoa überhaupt aufarbeiten lässt und wer objektiv berichten kann. Besonders in der Soziologie herrschen bis heute unter- schiedliche Auffassungen darüber, wie mit dem Holocaust umgegangen werden sollte. Wie Frauen während des Holocausts in separaten Frauenkonzentra- tionslagern (FKL) behandelt wurden und welches Wissen nach außen gelangt ist, ist Interessensgegenstand dieser Arbeit.

Methodisch wird ein systematischer Vergleich vorgenommen zwischen den Augen- zeugenberichten von Zofia Pocilowska, die illegal einen Brief aus dem Frauen- konzentrationslager Ravensbrück verschicken konnte, und Germaine Tillions Werk „Frauenkonzentrationslager Ravensbrück“ von 1998, in dem sie ihre Erlebnisse als Häftling nach wissenschaftlichen Kriterien autoethnographisch versucht aufzuarbeit- en. Pocilowskas illegale Korrespondenz ist Teil des „Neubrandenburger Doku- mentenfunds“ von 1975, der mit 14 Briefen und 37 Gedichten einen tiefen Einblick in den Lageralltag, die Haftbedingungen, das Leid und die Psyche der Häftlinge gibt. Kapitel eins beschreibt das FKL Ravensbrück, um Aufbau, Funktion, Häftlinge und Vernichtungsaktionen darzulegen. Dies bildet das Fundament zum Verständnis der Augenzeugenberichte. Kapitel zwei fasst die Berichte von Zofia Pocilowska und Germaine Tillion zusammen. In Kapitel drei wird Tillions Werk auf den Brief von Pocilowska angewendet und beide Texte werden deskriptiv miteinander verglichen. Diese Vorgehensweise wurde gewählt, um aus dem kurzen, aber vom Informations- gehalt komplexen Brief herauszustellen, welche Informationen aus dem FKL nach außen gelangen konnten und welche Rückschlüsse sich auf die Haftbedingungen ziehen lassen konnten. Zum Schluss fasst Kapitel vier die gewonnenen Erkennt- nisse zusammen und beendet die Arbeit mit einem persönlichen Fazit.

1. Das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück

Sozialdarwinistisches, antisemitisches und rassistisches Gedankengut war wesent- licher Teil der nationalsozialistischen Ideologie. Vernichtungslager wie Auschwitz- Birkenau, Sobibor oder Treblinka spiegeln die minutiös geplanten Vernichtungaktio- nen der Schutzstaffel (SS) wider und erzeugen ein Bild, das menschenverachtender kaum sein kann. Teil dieses dunkeln Zeitalters deutscher Geschichte ist das FKL Ravensbrück, das sich als „Hölle der Frauen“ einen Namen machte (Herzog/ Strebel, 1998, S.13).

1.1 Allgemeines zu Ravensbrück

Das FKL Ravensbrück entstand aus zwei Vorläufern, den Konzentrationslagern (KZ) Moringen und Lichtenburg. Nördlich von Göttingen, im niedersächsischen Moringen, wurde 1933 das gleichnamige KZ als „[…] Frauenschutzhaftlager […]“ (vgl. ebd. S. 13) errichtet. Zuvor waren dort für wenige Monate Männer inhaftiert, bis ab Juni 1933 ausschließlich Frauen, „[…] die auf Grund ihrer Parteizugehörigkeit oder Aktiv- itäten in der KPD bzw. einer ihrer Organisation verhaftet worden waren“ (vgl. ebd. S. 13) und ab 1935 wegen ihrer Zugehörigkeit zu anderen verfolgten Gruppen dort eingeliefert wurden.

In der sachsen-anhaltischen Stadt Prettin, nordöstlich von Leipzig gelegen, wurde 1937 das alte Schloss Lichtenburg als KZ für weibliche Häftlinge genutzt. Zuvor waren dort Männer inhaftiert (vgl. ebd. S14). Nach Auswertung erhaltener Doku- mente des KZ Lichtenburg lässt sich aufgrund seiner strukturellen Organisation, zahlenmäßigen Belegung durch Häftlinge, hinsichtlich der Aufseher und des Wach- personals das erste Frauenkonzentrationslager der Nationalsozialisten ausmachen (vgl. ebd. S.14). Bereits 1934 wurden Vorbereitungen zur Errichtung einer flächen- mäßig größeren Häftlingsanstalt von der NSDAP, Waffen-SS und Mittelsmännern des Deutschen Reiches getroffen, die unter anderem den Grundstückserwerb in der Gemeinde Ravensbrück nördlich von Fürstenberg beinhalteten (vgl. ebd. S.14). „Auf diesem Grund und Boden entstand 1938/39 das größte Frauen-KZ im national- sozialistischen Deutschland" (vgl. ebd. S.14). Bis 1944 erfolgten weitere Lander- weiterungen und Ausbauten.

1.2 Häftlinge von Ravensbrück

Während der gesamten Nutzung des Lagers als Inhaftierungs- und Massenvernich- tungsanstalt waren zwischen der Inbetriebnahme 1938/39 und der Auflösung durch die Rote Armee im April 1945 ca. 132.000 Frauen und Kinder, 1.000 vornehmlich weibliche Jugendliche und zeitweise ungefähr 20.000 Männer (im naheliegenden Arbeitslager Uckermark) arretiert (Schäfer, 2002, S.25-26). Die größte Häftlings- gruppe waren die Polinnen. „Mit 36 000 bis 40 000 Häftlingen bildeten sie nicht nur die größte Gruppe im Lager, sie waren auch in besonderer Weise medizinischen Experimenten und Exekutionen ausgesetzt“ (Genest, 2015a, S.9). Weitere Herkunftsländer der Häftlinge waren Italien, Sowjetunion und Österreich (Es- chebach, 2014, S.7-112) sowie ethnisch verfolgte Häftlinge wie vorwiegend Jüdin- nen und „Zigeunerinnen“ (vgl. ebd. S.94-112).

Verfolgungs- und Inhaftierungsgründe für Häftlinge in Ravensbrück lassen sich in drei Kategorien einteilen. Erstens gab es die durch anthropologischen Rassismus motivierten Internierungen sogenannter „fremdvölkischer Frauen“, worunter in der NS-Ideologie alle nicht zum Deutschen Volk gehörende Frauen gezählt wurden, wie beispielsweise Jüdinnen oder Roma und Sinti (Schäfer, 2002, S. 26). Um auch arische Frauen in Haft nehmen zu können, die zwar dem Rassengedanken der NS- Ideologie entsprachen, aber nicht der NS-Weltanschauung, ermöglichte die Kate- gorie „politisch-widerständig“ es, diese festzunehmen und zu deportieren (vgl. ebd.). Hierunter fielen vor allem Widerstandskämpferinnen, Bibelforscherinnen bzw. Zeu- gen Jehovas und Remigranten. „Soziale und sexuelle Abweichung“ umfasst die dritte Kategorie und hierunter fielen die „[…] unerwünschten "arischen" Frauen wie Prostituierte, "Asoziale", "kriminelle" Frauen und „Rassenschänderinnen“ […]“ (vgl. ebd. S.27, Hervorheb. im Orig.).

Wie die zahlenmäßige Verteilung der Häftlinge schätzungsweise aussah, lässt sich an der Häftlingshierarchie ablesen, denn innerhalb des Lagers existierte dieses sys- tematisch konzipierte Herrschaftsinstrument zur Kontrolle, Bewertung und Struk- turierung der Inhaftierten. Bei der Ankunft im Lager erfolgten unmittelbar zwei Kate- gorisierungen, die bereits früh die Überlebenschancen festlegten. Zunächst erhiel- ten Häftlinge nach ihrer Einweisung in das FKL Ravensbrück eine Häftlingsnummer, welche die erste soziale Degradierung darstellte und für die neuinhaftierten Frauen den Verlust ihres Namens und somit ihrer Identität und Menschenrechte bedeutete (Strebel, 1994, S.79). Im zweiten Schritt wurde die Kleider durch farblich unter- schiedliche Häftlingswinkel markiert, wodurch mittels verschiedener Farben die jew- eilige Häftlingskategorie ablesbar war. Fünf Kategorien wurden dabei vergeben:

Tabelle 1: Häftlingskategorien nach Farben

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eigene Darstellung auf Grundlage von Strebel, 1994, S.79-80.

Jüdinnen mussten zusätzlich zur Häftlingskategorie einen gelben Häftlingswinkel tragen, der mit der ersten Kennung so auf der Kleidung vernäht wurde, dass beide zusammen die Form eines Davidsterns ergaben (vgl. ebd. S.79). Ravensbrück war somit ein Lager, in dem primär Frauen aus politischen Gründen interniert waren, beispielsweise Widerstandskämpferinnen, Anhängerinnen kommunistischer Parteien oder religiöser Überzeugungen und jene, die nicht dem arischideologischen Bild der Nationalsozialisten entsprachen.

1.3 Arbeit in Ravensbrück

Ravensbrück verfügte bei der Eröffnung des Lagers über keine Gaskammer zur Massenvernichtung, sondern zielte in seinem Grundkonstrukt darauf ab, Häftlinge durch überharte Arbeit psychisch zu zermürben, ihnen ihre Identität zu nehmen und sie mittels Schikane, drakonischen Strafen sowie gnadenlosen militärischen Diszi- plinarmaßnahmen körperlich zugrunde zu richten. Hierzu richteten die Funktionäre verschiedene Arbeitsgruppen und -kommandos ein. Sogenannte „Kommandos" waren Häftlingsgruppen, die Arbeiten innerhalb und teils außerhalb des Lager ver- richten mussten. Außenkommandos wurden morgens gesammelt zu Arbeitsorten außerhalb des Lagers gebracht und kehrten abends wieder zurück, Innenkommandos verrichteten Arbeiten innerhalb des Lagers (Brandes/ Füllberg-Stolberg/ Kempe, Sylvia, 1994, S.55). Innerhalb des Lagers verrichteten die Innenkommandos Tätigkeiten zur Beibehaltung des Lagerbetriebs und der Lagerordnung, wie beispielsweise Verwaltung, Küche, Kleiderkammer, Hofarbeiten, Instandhaltungsarbeiten und viele mehr. Eine anschauliche Liste findet sich in Brandes, Füllberg-Stolbergs und Kempes Beitrag von 1994 (vgl. ebd. S.58). Einen Überblick über den Aufbau des Lagers liefert die folgende Abbildung.

Abbildung 1: Lagerplan des FKL Ravensbrück

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Herzog/ Strebel, 1998, S.16

Im FKL Ravensbrück wurden viele Häftlinge für Arbeiten in SS-Betrieben oder Rüs- tungsbetrieben eingeteilt. Im Lager selbst existierte im Industriehof die von der SS betriebene „Gesellschaft für Textil- und Lederverwertung mbH", wo im Dezember 1941 ca. 4.740 Häftlinge bis zu zwölf Stunden täglich in Webereien, Stickereien,

Kürschnereien und Flechtereien diverse Textil-, Web- und Lederprodukte herstellen mussten (vgl. ebd. S.60). Außerhalb des Lagers setzte die SS Ravensbrücker Häftlinge für die „Deutsche Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung GmbH“ (DVA) ein, bei der Häftlinge Heilkräuter wie auch landwirtschaftliche Erzeugnisse anbauen und dokumentierten mussten, welche Produkte stark nachgefragt wurden (vgl. ebd. S.61). 1942 errichtete Siemens eine Fabrik in unmittelbarer Nähe des FKL. Diese wuchs bis 1944 auf 20 Werkshallen mit einer Größe von je 675 m2 an und wurde für die Herstellung von Rüstungsgütern wie Relais für Fernsprechapparate, Kehlkopfmikro- fone, Überlandtelefone, Schalter, Spulen sowie Stanz- und Teilarbeiten und sogar Zuarbeiten für V2-Raketen genutzt (vgl. ebd. S.64). Die zwölfstündigen Arbeitstage begannen je nach Schicht frühmorgens oder in der Dämmerung mit einem dreistündigen Appell im Freien, anschließendem Fußmarsch zur Produktionsstätte, Arbeit, gegen Mittag ein Fußmarsch zurück ins Lager zur Essensausgabe, Rückweg ins Lager, Arbeit und nach Arbeitsende ein Rückmarsch ins Lager (vgl. ebd. S.64). alles unter ständiger und strenger Aufsicht der SS-Leute und Lageraufseherinnen. Viele Häftlinge starben aufgrund der harten Arbeit an Überanstrengung, körperlicher Verwahrlosung, Krankheiten und psychischem Druck.

1.4 Gaskammer und Versuche in Ravensbrück

Zur Eröffnung des Lagers am 18. Mai 1939 gab es keine Gaskammer für Massen- vernichtungsaktionen. Erst als der „Totale Krieg“ der Nationalsozialisten in vollem Gange war, erfolgte die sukzessive Umwandlung in ein KZ für „Selektionen“. Zuvor kamen Häftlinge bei medizinische Versuchen, Schwarzen Transporten, Erschießun- gen und durch Erschöpfung ums Leben. Wie auf dem Lagerplan zu erkennen ist, gab es ein Krankenrevier. Dort wurden einerseits kranke Häftlinge behandelt, an- dererseits wurden hier ab dem 20. Juli 1942 unter der Verantwortung von Prof. Dr. med. Karl Franz Gebhardt, einem der führenden Ärzte innerhalb der Waffen-SS und Leibarzt Heinrich Himmlers, medizinische Versuche an Häftlingen durchgeführt (Tillion, 1998, S.180). Zu solchen Versuchen zählten unter anderem experimentelle Tests, die die Wirkung von kriegswichtigen Medikamenten unter simulierten Frontbedingungen zeigen sollten. Im Rahmen dieser Versuche wurden zwischen dem 1. August 1942 und dem 16. August 1943 an 74 Polinnen Operationen durchgeführt, die Gasbrand hervorrufen sollten, um an den infizierten Häftlingen Sulfonamide als Behandlungsstoffe zu erforschen (Herzog/ Strebel, 1998, S.15). Häftlinge wurden körperlich verstümmelt und entstellt, oftmals starben sie wenig später aufgrund von Nebenwirkungen, Infektionen oder Behandlungsfehlern. Die Häftlingskategorie entschied zum Teil mit über das Schicksal der Häftlinge, zum anderen determinierte der Verfügbarkeitsstatus das Überleben oder den Gang in den Tod. Wer nicht mehr arbeitsfähig und somit nicht den Status „verfügbar“ besaß, dem drohte Bunkerhaft, der Strafblock oder im schlimmsten Fall einer der soge- nannten „Schwarzen Transporte“ nach Auschwitz, Lublin oder andere Vernich- tungslager (Tillion, 1998, S.178). Ab 1942 fanden regelmäßig Deportationen statt. Zwischen dem 3. Februar und Ende März 1942 gingen zehn kleinere Schwarze Transporte nach Buchenwald Bernburg. Diejenigen, die nach Bernburg deportiert wurden, sollten durch Gas getötet werden und die in Buchenwald durch elektrischen Strom (vgl. ebd. S.397). Mehrere solcher Transporte wurden in Lagergeschichte durchgeführt.

1943 errichteten Häftlinge des Jugend- und Männerlagers Uckermark ein Kremato- rium, 1944 wurde in unmittelbarer Nähe des Krematoriums die erste Gaskammer gebaut (Herzog/ Strebel, 1998, S.21). Dies stellte eine drastische Veränderung der Lager- und Häftlingsstruktur dar, denn ab sofort fanden regelmäßig Selektionen und Vergasungen statt. Täglich erfassten SS-Leute, Aufseherinnen oder die sogenannte Blockälteste eines Strafblocks detailliert, welche Häftlinge krank, arbeitsunfähig, ar- beitsfähig waren oder in irgendeiner Weise eingeschränkt bei Innen- oder Außenkommandos eingesetzt werden konnten. So berichtet Germaine Tillion am ersten und zweiten April 1945, es habe mindestens zwei Vernichtungsaktionen pro Tag gegeben, und beruft sich auf eigene Notizen, nach denen etwa 500 Frauen er- mordet wurden (Tillion, 1998, S.403). In den Monaten Februar und März 1945 wurde eine zweite, technisch effizientere Gaskammer abseits der Lagermauer hinter der Krankenstation gebaut, die jedoch nicht mehr in Betrieb genommen wurde. Am 30. April 1945 marschierte die Rote Armee in Ravensbrück ein und befreite das Lager (ebd. S.403).

2. Die Augenzeugenberichte zusammengefasst

2.1 Germaine Tillion: „Frauenkonzentrationslager Ravensbrück"

Germaine Tillion wurde am 30. Mai 1907 in der französischen Gemeinde Allègre ge- boren. Die Ethnologin war 1940 Mitglied des französischen Widerstandes „Résis- tance“ (Siegner, 1994, S.272), weswegen sie im Oktober 1943 verhaftet (SZ, 2015) und nach Ravensbrück deportiert wurde und den Häftlingsstatus „verfügbar“ erhielt. Solche Häftlinge waren für keine spezielle Arbeit vorgesehen, jedoch auch nicht für Quarantänehaft oder das sogenannte Revier (Siegner, 1994, S.269). Tillions Mutter Lucien Tillion, die kurz nach Germaine ebenfalls nach Ravensbrück gebracht wurde, wurde am 2. März 1945 wegen ihres zu hohen Alters von 69 Jahren ermordet (Tillion, 1998, S.5). Tillion starb im April 2008 kurz vor ihrem 101. Geburtstag (SZ, 2015).

Insgesamt verfasste Tillion drei Bücher zu Ravensbrück. In ihrem ersten Werk von 1946 verarbeitete sie zumeist Fakten, Erlebnisse und Ereignisse, die Häftlinge des FKL selbst erlebt oder beobachtet hatten (Tillion, 1998 S.14). Ein zweites Ravens- brück, das zwischen 1972 und 1973 veröffentlicht wurde, konfrontiert die im ersten Ravensbrück skizzierten Berichte mit schriftlichen Aussagen der SS-Angehörigen und Geständnissen (vgl. ebd. S.14). Hintergrund waren bis dato angefertigte Arbei- ten und Berichte, die die Existenz der Massenvernichtungsaktionen in Auschwitz, Sobibor, Ravensbrück und weiteren Lagern dementierten, als frei erfunden darstell- ten und sämtlichen Ex-Häftlingen, die Gegenteiliges berichteten, eine psychologi- sche Erkrankung attestierten (vgl. ebd. S.22). Das dritte Ravensbrück veröffentlichte Tillion 1998, nachdem die Archive des zweiten Weltkriegs geordnet und zugänglich waren. Diese dritte Version enthält europaweit zusammengetragene Informationen zur Geschichte des Lagers, zur antisemitischen Politik Himmlers sowie präzise Ausarbeitungen zu den zwei Ravensbrücker Gaskammern (vgl. ebd. S.23-ff.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Vergleich der Augenzeugenberichte von Germaine Tillion und Zofia Pocilowska
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Fakultät für Sozialwissenschaft)
Veranstaltung
S Zur Soziologie der nationalsozialistischen Konzentrationslager
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
34
Katalognummer
V435180
ISBN (eBook)
9783668768277
ISBN (Buch)
9783668768284
Dateigröße
1650 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
KZ, Konzentrationslager, Historie, NS, NSDAP, Ravensbrück, Germaine Tillion, Zofia Pocilowska, Bericht, Augenzeugenbericht, Geschichte, Gaskammer, Mittwerda, SS, Lager, Soziologie, Gender, Gender Studies, Massenvernichtung, Lagersoziologie, Soziales Miteinander, Oral History, Arbeitslager, Nationalsozialismus, Nazi, Haft
Arbeit zitieren
Matthias Rutkowski (Autor), 2018, Das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Vergleich der Augenzeugenberichte von Germaine Tillion und Zofia Pocilowska, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/435180

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